Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

WAMS gegen FAZ: Gelungene Inszenierung Samstag, 18. Februar 2006

Einsortiert unter: Deutschland,Die Welt,FAZ,Medien,Theater — peet @ 19:09 Uhr
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Im “radikal subjektiven politischen Feuilleton” der WAMS nutzt Alan Posener die Gelegenheit, um der FAZ eins auszuwischen. Also im Gegenteil zu dem, was ich hier heute geschrieben habe. Am Ende stellt er fest:

Darum wird sich, wetten, kein Journalist finden, der die gelungene Inszenierung, den endlich geglückten großen Tabubruch, den Ausbruch des Theaters aus dem selbstreferenziellen Kreislauf staatlich subventionierter Provokation der Steuerzahler loben wird.

Und weiter:

Immerhin weiß ich, was ich das nächste Mal tun werde, wenn ich im Zirkus aufgefordert werde, dem Zauberer bei seinen Tricks zu helfen.

So versteht ein politischer Journalist die Kunst des Theaters und den Sinn eines Feuilletons. Ich bin beileibe kein Freund der FAZ, aber von solchem “Radikalismus” halte ich nicht viel. Sorry!

 

Realityshow in einem Frankfurter Theater

Einsortiert unter: Deutschland,FAZ,Theater — peet @ 13:34 Uhr
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Diese merkwürdige Story wird in die Theatergeschichte eingehen: Während laufender Premiere einer offensichtlich empörend schlechten Inszenierung nach einem Stück von Eugen Ionesco (“Das große Massakerspiel. Oder Triumph des Todes”) hat ein Schauspieler (Thomas Lawinky) einen Zuschauer persönlich angegriffen und machte ihn zur Zielscheibe abfälliger Bemerkungen.

Zufälligerweise erwies sich der Zuschauer als ständiger Kritiker der FAZ und als Gerhard Stadelmaier schrieb er darüber in seiner Zeitung. Da diese Zeitung einigermaßen bekannt ist, hat die Oberbürgermeisterin der Stadt die Intendantin des Theaters um die Entlassung des Schaupielers freundlicherweise gebeten. Die Intendantin machte es sofort. Der Regisseur der Inszenierung Sebastian Hartmann hat den Kritiker dafür schuldig gemacht:

Stadelmaier habe in einer Form gestikuliert, die schon zu Beginn der Aufführung deutlich gemacht habe, was er von dem Stück hält – nämlich nichts. Hartmann räumte aber ein, dass die Reaktion des Schauspielers unangemessen gewesen sei: “Das ist nicht tolerierbar.”

Noch schöner klingt die Reaktion des Regisseurs auf die Entlassung des Schauspielers:

Für Regisseur Hartmann ist der Rausschmiss des Schauspielers eine “emotional höchst schwierige Angelegenheit”. Lawinky habe sich schon während des Stückes entschuldigt. Ohne den Schauspieler, so Hartmann, “ist die Inszenierung kaum fortzusetzen”.

Damit ist der Kreis der Themen vollendet. Der Regisseur bildet sich ein, über das Recht zu verfügen, mit seiner “Kunst” das Publikum anzugreifen, Menschen zu mißbrauchen, die sich für einige Stunden vertrauensvoll in seine Gewalt begeben.

Schauspieler erbrechen minutenlang Mineralwasser, einer Schwangeren wird das Fruchtwasser abgezapft und dieses dann geschlürft, wobei eine andere Frau zwei Männer, die „Ein Bier!” verlangt hatten, ausgiebig masturbiert und das Publikum gebeten wird, doch mit den Schauspielern mal rumzuwandern und hinter Wände zu horchen.

Eine peinliche Szene öffentlicher Demütigung wird inszeniert, toleriert, gar gewollt. Wenn dies ausufert, wird der “Täter” geopfert – der “Befehlsinhaber” bedauert nur.

Soweit zur Moral. Für die Theatergeschichte wäre dies allerdings das erste Mal, dass eine Inszenierung zur Realityshow wurde – allerdings ohne das Einverständnis der Beteiligten.

Und zu guter Letzt: Ich frage mich, was wäre, wenn der Kritiker nicht zur FAZ, sondern zu irgendeinem Bezirksblatt gehörte?

 

Herausstehende Knochen Samstag, 11. Februar 2006

Zwei große Journalisten treffen sich. Franziska Augstein und Roger Willemsen. Beide empört. Angela Merkel hat doch gesagt, das Gefängnis in Guantanamo soll weg. Das Gefängnis steht immer noch. Wir können uns jetzt in Ruhe empören. Und das geht beispielsweise so (Die Süddeutsche vom 11.2.2006):

Der Mann war angeschossen worden, und noch viele Wochen später standen die Knochen aus seinen Wunden heraus.

Realistischer geht es nicht, glaube ich. Ob der Mann noch lebte, während er von Roger Willemsen interviewt wurde?

Oder die Antwort auf die Frage, wozu Guantanamo da sei:

Bush weiß längst, dass dies ein kathartischer Ort, also einer, an den Menschen gebracht werden, damit man sagen kann: Dort sitzen sie.

Ein Verb fehlt, viel mehr aber fehlt die Übersetzung des Wortes “kathartisch”. Wird in Guantanamo eine Tragödie angeboten? Wird die amerikanische Seele bereinigt, indem die Gefangenen dort misshandelt werden? Ist das die Erklärung für Guantanamo? Oder klingt das Wort einfach nur zu gut, um darauf nicht verzichten zu können?

Sehr beeindruckend ist die suggestive Frage:

Kann es sein, dass die deutschen Medien sich für Guantanamo nicht näher interessiert haben, weil die Leser und Zuschauer an den Berichten über Abu Ghraib genug hatten?

Hunderte Artikel gegen die ungesetzliche Haltung von Menschen sind also nichts – verglichen mit dem Buch von Roger Willemsen. Ach so, soll das nur eine Werbemaßnahme sein, damit das Buch direkt in die Bestsellerliste kommt?

Sehr schön ist auch die unfreiwillige Widersprüchlichkeit im Interviewtext. Zuerst steht es da:

Es gibt den Fall einer Gruppe von Helfern aus Kuwait, die von der Nordallianz für dreitausend Dollar pro Person an die Amerikaner verkauft worden sind.

Einige Zeilen später sieht es schon anders aus:

Da haben die Afghanen gesagt: Das können wir nicht. Der Wert der Gastfreundschaft ist ehern. Ein muslimisches Land kann unmöglich einen Gast in seinen sicheren Tod ausliefern.

Angesichts des künftigen Erfolges, welches dem Buch sicher ist, kann man dem Autor gratulieren, der über sich sehr bescheiden sagt (noch mehr im Interview 2002 für die Islamische Zeitung):

Ich finde es bizarr, dass ich derjenige bin, der auf eigene Initiative um die Welt reist, um Stimmen zu sammeln, die eigentlich die nachrichtliche Presse versammeln müsste.

Ich frage mich allerdings: Was machen solche Kollegen von Willemsen wie zum Beispiel Sonja Mikich hierzulande, wenn sie über den Fall von Josef Hoss im “Monitor” berichtet? Aus meiner Sicht ist ihr Bericht nicht weniger mutig – sie schreibt über Missstände im eigenen Land und sie wartet nicht, bis die Regierung ihr zuvorkommt. Soll jetzt ein jeder Journalist extra gelobt werden, wenn er/sie die eigene Arbeit tut? Und soll er/sie dabei extra betonen, nur und ausschliesslich er/sie tue das Richtige?

 

Echter Leserbrief Sonntag, 5. Februar 2006

Einsortiert unter: Bremen — peet @ 10:22 Uhr
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Anton Tschechow und Kurt Tucholsky wären darauf neidisch. Der Text ist aber echt. Ein Leser schreibt dem “Weser Kurier” zum Thema “Baumfällaktion im Bürgerpark”:

Diese Aktion spricht einmal mehr für die funktionierende Verwaltung des Bürgerparks: Sie ist besorgt um die Sicherheit der Parkbesucher. In einem Punkt allerdings versagt die Parkverwaltung; wildgewordene Radfahrer machen auf den kleinsten Wegen Jagd auf Fußgänger, obgleich diese Wege wie die meisten anderen für die Pedalritter gesperrt sind. Der Spaziergänger als Freiwild. Dabei hat der Parkdirektor unlängst noch Hundertschaften der Polizei aufgeboten, um alle Hunde zum Schutz des Wildes an die Leine zu bringen. Man vermisst die gleiche Aktivität bei den frei fahrenden Radfahrern, die sich um keine Regeln kümmern und den Bürgerpark als Rennstrecke benutzen. Ein Werteverfall und eine Verluderung der Sitten, wenn nichts mehr gegen diese Regel- Verstöße unternommen wird, die die Sicherheit der Bürgerpark-Besucher gefährden.

GERHARD SANDER, BREMEN

Entzückend! Wie war es bei Monty Python? Wildgewordene Linksabbiegerschilder?

 

Europarat hat etwas gegen die soziale Gerechtigkeit – oder doch nicht? Samstag, 4. Februar 2006

Einsortiert unter: Europa,Medien,Politik — peet @ 15:41 Uhr
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Bei der Tagung des Europarats am 25.Januar 2006 wurde ein Entwurf als Entwurf verabschiedet. Oder doch nicht. Verbrechen der kommunistischen Regimes des 20. Jahrhunderts wurden verdammt und auf eine Stufe mit den Verbrechen des NS gesetzt. Oder auch nicht. Ein paar Nazis haben sich darüber gefreut, zwei linke Zeitungen haben sich darüber empört. Mal nachprüfen?

Im Projekt , vom schwedischen Abgeordneten Göran Lindblad vorgetragen, steht u.a.

for the sake of general perception it should be clear that all crimes, including those committed in the name of ideology praising the most respectable ideals like equality and justice, are condemned, and there is no exception to this principle.

Klar, richtig.

Weiter steht aber:

different elements of communist ideology such as equality or social justice still seduce many politicians who fear that condemnation of communist crimes would be identified with the condemnation of communist ideology.

Ein interessanter Gedankensprung. Zunächst wurden Verbrechen angesprochen und verurteilt. Später die Ideologie selbst samt der Begriffe, die weit über die kommunistische Ideologie hinausgehen. Propaganda pur, und das soll ein Europarat sein?

In der endgültigen Fassung des Entwurfes steht kein Wort darüber. Warum? Nehmen wir das Protokoll der Diskussion unter die Lupe.

Die Diskussion über den Entwurf ist lesenswert. Abgeordnete, die für die Verabschiedung der Resolution sind, sehen in den kommunistischen Regimes einen von irgendwoher aufgetauchten Vergewaltiger, der kam und alles übernahm, oder ein Unheil, welches passierte. Warum, wieso, wer, das wird nicht einmal erwähnt. Die Darlegung folgt dem bekannten “Schwarzbuch des Kommunismus”, das als eine einzige Quelle (!) genannt wird. Nach konkreten Verbrechern wird nicht gesucht, der einzige Verantwortliche ist Stalin. Immer wird vom Regime gesprochen – eine abstrakte Popanz bei solchen Ausführungen. Nach mehreren Reden konnten Abgeordnete immer noch keine Verbindung zwischen der kommunistischen Ideologie und Verbrechen der kommunistischen Regimes klar stellen. Mangelndes historisches Wissen wurde dafür ausreichend gezeigt.
Nur der spanische Sozialist Lluís Maria de Puig hat den Vorwurf in dem hier angesprochenen Sinne im Namen der Sozialisten ruhig und deutlich abgelehnt.

Bezeichnend, dass während der Debatten über den Text selbst u.a. eine Ergänzung vorgeschlagen wurde:

The Assembly also acknowledges that the values of the social equality and social justice have become essential elements for both foundations for political pluralism and for just and democratic society, in shaping and advocating of which a contribution of non-totalitarian social ideas, movements, organisations and parties is undeniable.

Lindblad äußerte sich dazu folgendermaßen:

I could agree with every word in the amendment. However, it has no bearing on the report. I am therefore against it. I support its content but not its inclusion in the report.

Die Mehrheit der Abgeordneten folgte ihm, die Ergänzung wurde abgelehnt.

Nach der Endabstimmung wird berichtet:

The draft recommendation in Document 10765, as amended, is not adopted because the required two-thirds majority was not achieved.

Ist es schlimm oder gut? Wurde das in den Medien thematisiert? Ist es überhaupt klar, dass der Entwurf durchfiel?

Ergänzung vom 5.2.2006: Der Europarat “befasst sich vorrangig mit den Problemen Schutz der Menschenrechte und der Demokratie sowie Kultur und Gesellschaftsproblemen. Seine Beschlüsse sind im Unterschied zu Richtlinien und Verordnungen der EU keine unmittelbar bindenden Rechtsnormen, sondern bedürfen als Konventionen oder Teilabkommen der Ratifizierung durch die Mitgliedsstaaten.” So sieht das das Europarlament. Somit das Obige nicht ernst nehmen. Ok.

 

Noch einmal “Der Untergang”

Christina Maria Berr erzählt in der “Süddeutschen” vom 1.2.2006 über eine Podiumsdiskussion, bei welcher sie Götz Aly und Romuald Karmakar zugelauscht hat:

So kritisierte Aly, der im vergangengen Jahr mit seinem Buch “Hitlers Volksstaat” für Debatten sorgte, das Dokudrama “Speer und Er” von Heinrich Breloer: “Der Film ist aus historischer Sicht Geschichtsklitterung.” Im Film “Der Untergang” von Bernd Eichinger und Oliver Hirschbiegel findet Aly nur die darin vorkommenden Geschichtslügen interessant. “Unter historiographischen Gesichtspunkten ist es vollkommener Blödsinn.” Ein positives Beispiel ist ihm stattdessen “Der Pianist” von Roman Polanski, die Geschichte um die Deportation eines Pianisten ins Warschauer Ghetto. “In diesem Film stimmt jedes Detail.”

 

 
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