Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Elfriede Jelinek verteidigt Peter Handke Mittwoch, 31. Mai 2006

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Die Debatte über die Verleihung oder doch Nicht-Verleihung des Heinrich-Heine-Preises an Peter Handke ist zu einer bemerkenswerten Posse geworden. Nun ist die nobelgepriesene Granddame der destruktiven Literatur auf die Barrikade gegangen. Der Text ist typisch Jelinek. Einmal möchte ich mich an ihren Text doch heranwagen. Der Anlass ist viel zu gut dafür, der Text steht online.

Aus gegebenem Anlaß, aber ich habe ihn nicht gegeben, ich habe ja nichts zu geben, und ich habe nichts zuzugeben

Der Titel ist sehr schön, lässt sich fein aussprechen und, wie immer will die Autorin ihre Distanz zum Thema betonen: Der Anlaß ist da, und sie sagt dazu alles, was sie meint, gibt aber vor, es nicht zu tun.

(Handke/Heine)

Der Untertitel weist darauf hin, was das eigentliche Thema ist. Das wollen wir noch prüfen.

Was soll man sagen? Ich überlege, was ich zu Handke sagen könnte, während das Geheul und Gebell rundherum anschwillt. Ich bin versucht damit anzufangen, daß ich politisch in Bezug auf Serbien nicht seiner Meinung bin, daß ich das Eingreifen fremder Mächte bei drohendem Völkermord, den ich damals am Balkan gesehen hatte, auch völkerrechtlich gedeckt fand und immer noch finde, aber schon das ist eine Falle, in die ich nicht laufen müßte, nicht einmal dürfte. Ich muß meine politische Position nicht darlegen, um meine Besorgnis über die wachsende hysterische Hetze gegen einen Dichter artikulieren zu dürfen. Auch sollte ich nicht eigens drauf hinweisen müssen, daß ich nicht seiner Meinung bin, aber, nein, sterben würde ich für seine Meinung nicht, das muß nicht sein, es sterben schon viel zuviele, aber daß ich jedenfalls alles täte, damit er diese Meinung äußern darf.

Zuerst bezieht Jelinek ihre politische Position. Sie sei mit Handke nicht einverstanden, mit seiner politischen Meinung, der politischen Position eines Dichters. Sie sieht sich dabei in der Rolle eines Voltaires, Handke dürfe seine Meinung äußern, als würde ihm einer das verbieten wollen.

Ich muß auch nicht darauf hinweisen, wie oft Heine seine politische Meinung veröffentlicht – und wieder geändert – hat, mit großer Leidenschaft, und darauf kommt es an.

Heines politische Meinung war ein der Hauptstränge seiner Dichtung, und nicht – wie bei Handke – ein expansiver Zusatz, kurz vor dem Ausbruch der Gedanken über die Rente. Der zweite große Unterschied – Heine bekam keine Preise, und schon gar keine offizielle Würdigung für seine politische Position. Seine Texte wurden zensiert, verboten und sogar verbrannt, es fanden sich deutschsprachige Kritiker, die seine Sprache für eine Schande hielten usw.

Er hat den Kommunismus begrüßt, im Wissen, daß Leute wie er (und ihre Werke) die Ersten wären, die ihm zum Opfer fallen würden. Also da gibt es im Schreiben immer das Trotzdem. Und das Dazwischen.

Ist es eine Parallele zwischen Heine und Handke? Hat Heine den Kommunismus im Wissen der künftigen blutigen Katastrophen begrüßt? Wo nimmt Jelinek ihr Wissen über dieses Wissen her? Und andererseits – wo findet sie das Trotzdem und Dazwischen bei Handke, konkret in seinen “politischen” Texten? Gibt es überhaupt so etwas Subtiles bei ihm? Ist seine Dichtung der von Heine darin vergleichbar?

Und dort hinein haben wir uns zu begeben, auch wenn es dort eng wird. Indem wir erkennen, was für jeden einzelnen von uns notwendig ist zu sagen. Aber soll nicht mehr drin sein als das zu bejahen, was allgemein Konsens ist, das, was doch nicht zu ändern ist („glücklich ist, wer vergißt!“) einfach zu übernehmen?

Und seit wann haben wir uns dorthin zu begeben, wo Jelinek selbst zu eng wird? Warum überhaupt nimmt jemand auf sich etwas zu sagen, was für jeden einzelnen von uns notwendig zu sagen ist? Ist die Abweichung von einem allgemeinen Konsens, sollte es einen geben, gleich seine vollständige Umkehr? Und sollen wir jetzt alle Wiener werden, indem wir uns zurück ins Neunzehnte Jahrhundert versetzen lassen, im Walzer, um jegliche Revolution zu vermeiden? Ist dann eine Änderung gleich einer blutigen Revolution, ist denn jeglicher Konsens, zum Beispiel auch über eine politische Position eines Dichters, in Frage zu stellen, nur weil ein einzelner Dichter für seine unakzeptable politische Position einen ganz speziellen Preis bekommen möchte, zu allen anderen, die er schon hat, angewidert von der ganzen Maschinerie der Preisverleihungen?

Was wäre das für ein Denken, ich meine ein Fortdenken im Hinblick auf das Hinschreiben, das nur im Hinblick auf ein feststehendes Ergebnis denkt und schreibt und nicht dagegen? Dagegen auch, wenn es weiß, daß es vielleicht falsch ist? Das, was von der Allgemeinheit gesagt wird und also gesagt werden muß (der berühmte Konsens über etwas), läßt dem Dichter keine Möglichkeit mehr übrig, etwas zu sagen, da alles schon ausgerechnet, zusammenaddiert und saldiert ist. Das, was allgemein und der Allgemeinheit (und die Gemeinheit bereits enthält) gesagt werden muß, entscheidet nicht darüber, ob einem Dichter etwas zu sagen nötig scheint, und wäre es das absolut Unnötige, Überflüssige, Sinnlose. Der Dichter hat, was er zu sagen hat, zu sagen, weil es ihm notwendig ist, es zu sagen, aber er hat nicht das Notwendige zu sagen, sonst hätte er gar nichts mehr zu sagen. Sonst hätte er nur noch zu erledigen, was erledigt werden muß. Das ist zuwenig.

Dasselbe noch einmal in Grün, Jelinek schreibt immer gerne in Umschreibungen des Geschriebenen. Klar, de Sade und Genet dürfen vom Konsens der Gemeinheit abweichen. Die Liste der Beispiele könnte man fortsetzen. Wurden sie dafür gepriesen, speziell für ihre politische Position?
Und klar auch, die Literatur soll nicht nur nützlich sein, dienen, erledigen. War denn darüber die Rede?

So, und jetzt darf ich mich endlich Handke und seiner Stellungnahme anschließen, die Lügen und Halbwahrheiten von der Rechnung abziehen (die rote Rose auf Milosevics Sarg – also wirklich! Vielleicht macht man aus ihm noch einen Sargspringer wie in der großartigen US-Familienserie „six feet under“!), die längst getätigten Klarstellungen noch einmal vom tiefen ins seichte Wasser ziehen, damit man sie genauer sieht (Handke hat das alles selber längst richtiggestellt, vor allem den entsetzlichen Vergleich des Schicksals der Serben mit der Vernichtung der Juden), das hätte man alles längst nachlesen können.

Hier bezieht sich die Schriftstellerin offensichtlich auf den Text von Handke in der FAZ vom 29.5.2006. Jelinek schreibt unter dem Eindruck davon, am nächsten Tag, zutiefst betroffen. Sie glaubt ihm so sehr, dass all seine anderen, von dem Selbstverteidiger Handke darin nicht erwähnten Faupas ausgeblendet werden, sie werden somit auch von der Rechnung abgezogen.

Was an dem, was er geschrieben hat, richtigzustellen ist, ist nichts, denn er darf alles schreiben. Was an dem, was er gesagt hat, richtigzustellen war, hat er getan, und das Vor-Sich- Hin-Denken, in dessen Verlauf das Niederschreiben (nicht das Nieder-Schreiben) von Gedanken entsteht, das schreibende Denken über etwas, das Denken im Zeitablauf, muß immer ein Anfang sein, es muß bei Null anfangen, nicht bei der veröffentlichten Meinung, es hat sich nicht an irgendwelche Lehren zu halten, es muß immer wieder neu anfangen, als wäre davor nie etwas gedacht worden. Mich hat immer gewundert und auch geärgert, daß Handkes Schlüsselstück über das ehemalige Jugoslawien, „die Fahrt im Einbaum“, in der Debatte kaum je erwähnt worden ist. Ich habe das Stück gelesen und die Aufführung in Wien (in der Regie Claus Peymanns) gesehen: In diesem Stück ist doch alles drin. Es ist doch alles gesagt. Da steht es ja. Es ist mehr (und gleichzeitig weniger) als alles gesagt.

Er darf in der Tat alles schreiben, das tut er übrigens auch. Und er darf genauso gerne sein Schlüsselstück weiter auf die Bühne bringen, falls die Regie alle Hintergründe aufzudecken vermag. War das das Thema?

Der Dichter sagt alles, indem er nicht alles sagt, und gerade darin ist alles gesagt.

Das würde sogar ich unterschreiben. Im Bezug auf Handke ganz insbesondere. Hätte er weniger gesagt, sich weniger deutlich als Dichter politisch auf die Seite des Milosevic gestellt, hätte man das vielleicht weniger in Frage gestellt. Dann wäre es Dichtung und nicht die blamable Politik.

So kann ich mit Handke nur das Mindeste erwarten, was zu erwarten ist, nämlich möglichst alles zu lesen, was er in den letzten Jahren zum Balkankonflikt und seinen blutigen Kriegen, Nachbar gegen Nachbarn, geschrieben hat. Lesen und dann reden, aber nicht hetzen. Sonst wagt man sich zu weit vor, und dann haben sogar die Hunde, die treuen, einen verlassen (ihr klagendes Gebell hört man allerdings noch lang), und die guten Geister verlassen einen auch irgendwann, und dann wird es nur noch geistlos.

Das einzige Problem hier bleibt, dass es ein anderes Thema ist: Handke wird nicht gejagt und nicht verjagt, nur die Verknüpfung Handke-Heinepreis will nicht akzeptiert werden. Heine hat nie einen Diktator verteidigt oder gelobt. Heine schaffte es immer, seine Ironie für alle zugänglich zu gestalten, begreiflich, pointiert, unmißverständlich. Ich möchte mit seiner politischen Position im Konsens sein und nicht mit der von Handke, umsomehr dass ich – genauso wie Jelinek – sie, die politische Position von Handke, nicht teile. Und noch was: Ich habe diese Aussage bis zum Ende des geschriebenen Schreibens nicht vergessen.

 

Feine Unterschiede in der Darstellung

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Ein und dieselbe Nachricht zweimal:

Die israelische Botschaft informiert (Link):

Bei der ersten Operation mit Bodentruppen der israelischen Armee seit der Abkoppelung im vergangenen Sommer haben israelische Spezialeinheiten am Dienstag im Gazastreifen vier bewaffnete Mitglieder des „Islamischen Jihad“ getötet. Acht weitere wurden verletzt. Die Männer waren auf dem Weg, Qassam-Raketen von Beit Lahiya im nördlichen Gazastreifen auf Israel abzuschießen. Unterschützt von Kampfhubschraubern eröffneten die Soldaten am Boden das Feuer.

Die Truppen rückten etwa 3 km in den Gazastreifen vor. Abgesehen von vereinzelten Aktionen zur Minensuche entlang des Sicherheitszauns hatte die Armee bis jetzt palästinensische Raketen-Angriffe lediglich aus der Luft und mit Artillerie von israelischem Staatsgebiet abgewehrt.

Die “Süddeutsche” schreibt:

Israelische Truppen sind erstmals seit ihrem Abzug vor acht Monaten wieder in den Gazastreifen eingedrungen und haben dort vier Palästinenser getötet. [...] Israelische Soldaten überschritten die Grenze zu Gaza am Dienstag vor Morgengrauen und setzten sich in der Nähe der früheren jüdischen Siedlung Dugit fest. Dort eröffneten sie das Feuer auf Kämpfer der Organisation Islamischer Dschihad. In dem Gefecht kamen drei Mitglieder des Islamischen Dschihads ums Leben. Bei dem vierten getöteten Palästinenser handelt es sich um einen Polizisten der Truppe 17, die für den Schutz des palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas zuständig ist. Die israelischen Truppen, Boden wurden aus der Luft von Kampfhubschraubern unterstützt. Die Truppen verließen den Gazastreifen nach etwa fünfstündigen Kämpfen.
Die Militäraktion stellt eine Änderung der bisherigen Strategie Israels im Kampf gegen Raketenangriffe dar. In den vergangenen Monaten gingen die Streitkräfte mit gezielten Luftangriffen gegen Extremisten vor, konnten die Angriffe auf israelisches Territorium aber nicht stoppen. [...]

Die Zeitung beruft sich auf Meldungen der Agenturen AP und dpa. Bei AP steht allerdings (Link):

An Israeli helicopter fired a missile in northern Gaza early Tuesday, killing three militants and wounding four, Palestinian security and hospital officials said.

The officials said the incident began with a gun battle across the border, and then the helicopter fired the missile.

The Israeli military had no immediate comment.

The area where the clash took place is a frequent flashpoint. Palestinian militants fire rockets and Israel from there, and there are frequent infiltration attempts by unarmed Palestinians seeking work in Israel and armed militants trying to carry out attacks.

Und die dpa-Meldungen bei anderen Zeitungen sehen so aus (Link):

Bei dem ersten tieferen Vorstoß Israels in den nördlichen Gaza-Streifen seit dem Abzug im vergangenen Sommer sind vier Palästinenser getötet worden.

Eine Armee-Einheit drang bis in den Bereich Beit Lahia im nördlichen Gaza-Streifen vor. Ein Sprecher des Islamischen Dschihad sagte, Mitglieder seiner Gruppierung hätten dort einen Raketenangriff auf israelische Grenzorte vorbereitet.

Die israelische Einheit lieferte sich ein heftiges Gefecht mit den Kämpfern. Dabei setzte die Armee den Angaben zufolge auch einen Hubschrauber ein, der Raketen auf die militanten Palästinenser feuerte. Mindestens 13 weitere Palästinenser wurden verletzt.

Man hätte wählen können:

1. Nennt man die Getöteten “bewaffnete Mitglieder einer terroristischen Organisation, die einen Raketenangriff vorbereiteten”, oder einfach nur “Palästinenser”. Die Zeitung entschied sich für die überbetonte Gegenüberstellung: Hier – friedliche Widerstandskämpfer, dort – eine Armeeinvasion.
2. Erwähnt man die Vorbereitung des Raketenangriffs überhaupt oder nicht. Die Zeitung erwähnte die Raketenangriffe erst am Rande des Berichts ohne den Zusammenhang herzustellen. Der Eindruck des Lesers – Israelis hätten ohne jeglichen Grund angegriffen.
3. Geht man den Berichten vor Ort über den Vorfall nach oder nicht. Die Zeitung hat den poetischen Ton gewählt (“Morgengrauen”), Fakten nicht recherchiert und zum Teil verschwiegen.

Zur Verfügung stehen zum Beispiel

“Jerusalem Post” (Link):

Operating on precise intelligence, the troops laid an ambush in the northern Gaza village of Beit Lahiya. Backed up by IAF helicopter fire, they opened fire at a terror cell they spotted on its way to launch Kassam rockets. Four Palestinians were killed and eight were wounded during the clash, which lasted close to five hours and ended just before dawn.[...]

Oder “Haaretz” (Link):

[...] an Israeli special forces unit killed four Palestinian members of a Qassam-launching cell in northern Gaza as they were preparing to fire a rocket at Ashkelon.

The IDF said that small special forces teams have been operating in northern Gaza for about two months, but it finally decided to publicize it Tuesday, because the results of Tuesday’s operation were impossible to hide. The senior officers explained that such operations generally have a cumulative effect, by undermining the Qassam-launching cells’ sense of security and restricting their freedom of action.

“The IDF’s large-scale activity against Qassam rocket launches in the Strip will continue by air, sea and land, in order to stop the firing,” Defense Minister Amir Peretz pledged at the cabinet meeting Tuesday.

The IDF believes that infiltrating Gaza does not place the soldiers at unreasonable risk, since they are skilled, experienced teams and operate with a broad backup network. The senior officers also noted that this practice enables Israel to hit terrorists with precision, reducing the risk of civilian casualties, which sometimes occur during aerial strikes or artillery bombardments. No civilians were killed in Tuesday’s operation.

Es gibt eigentlich noch eine ganze Reihe weiterer feine Unterschiede (eine Rakete wurde abgefeuert, landete auf dem Gazagebiet; der angebliche Polizist eilte den Jihad-Leuten zur Hilfe anstatt seinen Aufgaben nachzugehen, unter den Verletzten befanden sich zwei palästinensische Reporter etc.), aber die wichtigsten habe ich schon aufgelistet.

 

Pallywood 1

Einsortiert unter: Falschmeldungen,Lesefutter — peet @ 7:05 Uhr
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Eine bebilderte Sammlung der präparierten und umbeschrifteten Fotos, kommentiert von Lee Kaplan (Link). Darunter auch der Link zum berühmten Film über die inszenierte Tötung des Mohammed al Durra (andere Schreibweise Al-Dura), ein Kommentar ist bei Gudrun Eussner zu lesen..

 

Robert James Woolsey über die Situation in Palästina Montag, 29. Mai 2006

Einsortiert unter: Allgemein — peet @ 17:43 Uhr
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Einige Publikationen werden sofort von allen aufgegriffen, zitiert, diskutiert. Die anderen werden ignoriert oder verschwiegen. Warum nur? Kann man das voraussagen? Die Situation im Krisengebiet “Israel-palästinensische Autonomie” lädt zur Diskussion ein. Neulich ging es darum, den eventuellen Einfluss der Israel-Lobby zu ergründen, die Politik der israelischen Regierung zu kritisieren. Jeder der zum Thema erschienenen Aufsätze wurde genau verfolgt.

Zu den realen Verhandlungen des israelischen Ministerpräsidenten Olmert mit dem Präsidenten der USA Busch erschien ein Artikel, der mit der seltenen Emphase die Beschleunigung des Verhandlungsprozesses um die Bildung des palästinensischen Staates in Frage gestellt hat. Dieser Artikel wurde von dem ehemaligen CIA-Direktor Woolsey in “The Wall Street Jornal” am 23.5 geschrieben. Keine Diskussion, keine Besprechung, sogar unter den Bloggern – nur zwei-drei Meldungen. Kann mir das einer erklären?

Der Mann gehört dank seiner Tätigkeit zu den informiertesten Politikern. Wenn er etwas sagt, und das tut er nicht so oft, dann soll es einen Sinn haben. Ist es schon wieder die Israel-Lobby? Ist es ein Falke, der da spricht? Oder ist es eine ernstzunehmende Warnung? Ich zitiere einige Fragmente:

Israel’s Prime Minister Ehud Olmert is in Washington, where he will be asking for advice and assistance in financing the withdrawal of 50,000 to 100,000 Israeli settlers from 90% to 95% of the West Bank and major portions of Jerusalem, and for the Israeli Defense Forces (IDF) to be repositioned largely near the security barrier Israel is constructing. Most Americans are inclined to believe that such disengagement may be a reasonable step toward a two-state solution, even if some territorial disputes remain to be negotiated. It is also widely assumed that Palestinian hostility to Israel is fueled by despair that can only be reduced by Israeli concessions. Both assumptions, however, may be fundamentally flawed.

The approach Israel is preparing to take in the West Bank was tried in Gaza and has failed utterly. The Israeli withdrawal of last year has produced the worst set of results imaginable: a heavy presence by al Qaeda, Hezbollah and even some Iranian Revolutionary Guard units; street-fighting between Hamas and Fatah and now Hamas assassination attempts against Fatah’s intelligence chief and Jordan’s ambassador; rocket and mortar attacks against nearby towns inside Israel; and a perceived vindication for Hamas, which took credit for the withdrawal. This latter almost certainly contributed substantially to Hamas’s victory in the Palestinian elections.

The world now needs to figure out how to keep Palestinians from starving without giving funds to a Hamas government in Gaza resolutely focused on destroying Israel. Before his massive stroke last year Ariel Sharon repeatedly said he would not replay the Gaza retreat in the West Bank. With good reason: Creating a West Bank that looks like today’s Gaza would be many times the nightmare. How would one deal with continuing launches of rockets and mortars from the West Bank into virtually all of Israel? (Israel’s Arrow missile defense will probably work against Iranian Medium Range Ballistic Missiles but not against the much shorter-range Katyushas.) A security barrier does no good against such bombardment. The experience in Gaza, further, has shown the difficulty of defending against such attacks after the IDF boots on the ground have departed. Effective, prompt retaliation from the air is hard to imagine if the mortar rounds and Katyushas are being launched, as they will be, from schools, hospitals and mosques. [...]

Three major Israeli efforts at accommodation in the last 13 years have not worked. Oslo and the 1993 handshake in the Rose Garden between Yitzhak Rabin and Yassir Arafat produced only Arafat’s rejection in 2000 of Ehud Barak’s extremely generous settlement offer and the beginning of the Second Intifada. The Israeli withdrawal from Southern Lebanon in 2000 has enhanced Hezbollah’s prestige and control there; and the withdrawal from Gaza has unleashed madness. These three accommodations have been based on the premise that only Israeli concessions can displace Palestinian despair. But it seems increasingly clear that the Palestinian cause is fueled by hatred and contempt.

Israeli concessions indeed enhance Palestinian hope, but not of a reasonable two-state solution — rather a hope that they will actually be able to destroy Israel. The Iranian-Syrian-Hezbollah-Hamas axis is quite explicit about a genocidal objective. When they speak of “ending Israeli occupation” they mean of Tel Aviv. Under these circumstances it is time to recognize that, sadly, the Israeli-Palestinian issue will likely not be the first matter settled in the decades-long war that radical Islam has declared on the U.S., Israel, the West and moderate Muslims — it will more likely be one of the last.

Someday a two-state solution may become possible, but it is naive in the extreme to believe that this can occur while the centerpiece of the radical Islamic and Palestinian agendas is maximizing Jewish deaths. [...]

Today we cannot envision the 250,000 Jewish settlers who live outside Israel’s pre-1967 borders being permitted to live at all, much less live free and unmolested, in a West-Bank-Gaza Palestinian state. But some 1.2 million Arabs, almost all Muslim, today live in Israel in peace among some 5 million Jews — about double the percentage of Jews now in the West Bank as a share of the Muslim population there. Israel’s Arab citizens worship freely — one hears muezzins calling the faithful to prayer as one walks around Tel Aviv. They vote in free elections for their own representatives in a real legislature, the Knesset. They give every evidence that they prefer being Arab Israelis to living in the chaos and uncertainty of a West Bank after Israeli withdrawal.

A two-state solution can become a reality when the Palestinians are held to the same standards as Israelis — to the requirement that Jewish settlers in a West Bank-Gaza Palestinian state would be treated with the same decency that Israel treats its Arab citizens. Until then, three failures in 13 years should permit us to evaluate the wisdom of further concessions.

 

Peter Schäfer “informiert” Sonntag, 28. Mai 2006

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Im neuesten Beitrag zur Situation in den palästinensischen Autonomiegebieten stellt sich Peter Schäfer wieder viel zu deutlich auf die propalästinensische Seite. Auch wenn das nicht mehr neu ist, bleibt es trotzdem kritikwürdig. Er schreibt:

Zum gleichen Zeitpunkt befand sich Ramallah in Trauer. Läden, Restaurants und Cafés waren geschlossen, weil die israelische Armee am Mittwoch um die Mittagszeit ins Stadtzentrum [extern] einrückte, vier Menschen erschoss und über 60 verletzte. Ein Angriff von vielen. So zeigt Israel bisher kein Interesse am Friedensvorschlag der palästinensischen Gefangenen.

In Wahrheit (unzählige Quellen weltweit sind sich darin einig) kam eine israelische Einheit nach Ramallah, um einen Führer des Islamischen Jihad zu verhaften (diese terroristische Organisation führt ununterbrochen Anschläge gegen Israel aus). Während Soldaten das Haus von Schobaki (Schubaki, nach anderen Quellen) umzingelten, wurden sie angegriffen, mit Steinen beworfen und beschossen. Verstärkung musste eingefordert werden. Nach einer Stunde ergab sich Schubaki und die Armee zog sich zurück. Dabei ergab sich ein skurilles Beispiel für die Zusammenarbeit der Feinde: Al-Jazeera war begeistert über die Möglichkeit, die Straßenkämpfe live zu übertragen. Israelis konnten dank dieser Übertragung die Position der Angreifer orten und sie blockieren.
Also eine Verhaftung, kein Angriff!

Außerdem: Zu dem Friedensvorschlag haben Israelis auch beigetragen, indem sie die Vorschläge der Terroristen, die in lebenslanger Haft nach der gerichtlichen Verurteilung sitzen, an Abbas weitergeleitet haben. Laut Schäfer sagte Abbas über sie Folgendes:

Die Gefangenen sind sauber und nur Gott weiß, wann sie freikommen.

Sauber! Die Gefangenen! Schreibt Peter Schäfer nicht zu propagandistisch? Den Gipfel seiner Nachforschungen bildet sein Interview mit einer besonderen Autorität:

“Die Fatah hat Israel damals anerkannt, und es hat uns überhaupt nichts eingebracht”, so ein Hamas-Mitglied gegenüber Telepolis.

Soll man jede Desinformation publik machen?

 

Michael J. Totten über Ramallah Samstag, 27. Mai 2006

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Vor einigen Wochen habe ich mit Interesse Reisenotizen einer deutschen Journalistin bei Perlentaucher gelesen, und daraus sogar zitiert. Ute Ruge beschreibt darin viel, lässt die Straßen und Menschen mit ihren Augen sehen. Am Ende bleibt leider nicht viel übrig – zu wenig Substanz.

Im Vergleich dazu sind Eintragungen von Michael J.Totten eine enorm dichte, anregende, sehr informative Quelle. Konkret: Der neueste Text über seine Reise nach Ramallah ist einfach toll. Seine Gespräche, u.a. mit führenden Politikern darin sind viel sagend, sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. So lobe ich mir einen Journalisten!

Nur ein kleines Beispiel, das Gespräch mit einem Palästinenser:

“Did the intifada help or hurt the Palestinian cause?” I said.

“Both intifadas were created by the Israelis,” he said. “They fed it and benefited from it. It was very bad for us. Daily life changed. Roadblocks. Factories closed down. Officials lost their respect among us. They lie all the time and won’t help us.”

 

Günter Grass: schnörkellos oder nicht? Freitag, 26. Mai 2006

Einsortiert unter: Deutschland,Günther Grass,Literatur,Medien,Politik — peet @ 9:06 Uhr
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Nichts ist es mehr so, wie es mal war. Schriftsteller wollen Politiker sein, Pamphlete schreiben, große Reden halten, Moral predigen. Oder auch umgekehrt. Einmal alt geworden, merken sie plötzlich, dass sie nicht so politisch aktiv sind, wie Seneca, Dante oder Leo Tolstoj ihrerzeit. Schriftsteller sind auch Menschen, wie auch Blogger, sie müssen halt nur nicht so genau sein. Die neueste Rede, die Günter Grass gehalten hat, liefert ein schönes Beispiel dafür.

Ein deutscher Schriftsteller Grass sieht seine Aufgabe darin, die Politik der USA-Regierung zu kritisieren. Bei ihm zu Hause ist dagegen alles sauber. Ach nein, ein Kritiker hat sich doch erlaubt zu mucksen. Grass prangert an:

Im Dezember des letzten Jahres wurde in Stockholm die Nobelpreisrede Harold Pinters veröffentlicht. In seinem beispielhaft schnörkellosen Text sprach sich der Dramatiker zuerst als Schriftsteller, dann als englischer Staatsbürger aus. Als seine bittere, niemanden schonende, also unser aller Versagen und rücksichtsvolles Bemänteln offenlegende Rede vorlag, löste sie hierzulande bis ins Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung blindwütige Attacken aus. Ein Theaterkritiker namens Stadelmaier versuchte Pinter als Altlinken, dessen Bühnenstücke längst passé seien, lächerlich zu machen und abzutun. An der Offenlegung von Wahrheiten, die hinter Beschwichtigungen und einem Gespinst von Lügen versteckt waren, wurde Anstoß genommen.

Harold Pinter hat tatsächlich einen brisanten politischen Text geschrieben, der in seiner Abwesenheit vorgetragen wurde, nämlich am 7. Dezember 2005. Das stimmt. Ob dies zu der Zeremonie der Nobelpreisverleihung passt, ob es sozusagen nobel ist, sei dahingestellt. Ich würde sagen, das darf ein Literat tun. Pinter hat dabei keinen Kritiker für die Kriegsverbrechen verdammt. Und hat seine Rede nicht schlechter geschrieben, als ein Michael Moore das tun würde, eben schnörkellos.

Zurück zu Grass. Der Aufsatz von Gerhard Stadelmaier, in dem der Kritiker die Verleihung des Nobelpreises in Frage gestellt hat – aus Gründen der Qualität, – ist in der FAZ am 13. Oktober 2005 erschienen. Nicht nach der Rede, sondern fast zwei Monate früher! Darin ironisiert Stadelmaier:

Wenn die Schwedische Akademie Harold Pinter für dessen Dramen zu dessen längst vergangener, also im besten und obenzitierten Sinne unmoralischer Zeit mit dem Literaturnobelpreis geehrt haben will und wenn sie das merkwürdigerweise im Jahr 2005 tut, dann muß die Akademie, deren peinliche Zwischendurch-Fehlentscheidungen sich langsam zu einer komischen Liste addieren, vor dem Pinter, wie er heute und seit gut zwanzig Jahren leibt und schreibt, derart die Augen verschlossen haben, daß es fast schon an Blindheit grenzt – oder an Ratlosigkeit. Oder an eine Privatmarotte eines der Akademiemitglieder. Alles zusammen beschädigt langsam, aber sicher den Ruf der Akademie. Oder die allgemeine Hochschätzung des Literaturnobelpreises hätte ihr Äquivalent allein in der hohen Dotierung – nicht in hoher Qualität.

Denn wenn es inzwischen einen Autor gibt, der einem sein „Anliegen” aufzudrängen versucht, der keinen Zweifel an seinem menschlichen Wert, an seiner Nützlichkeit, seinem Altruismus, seiner politischen Güte und Korrektheit aufkommen läßt, der sein Herz auf dem rechten, das heißt hier natürlich linken Fleck zu haben behauptet, und das exakt dort pulsiert, wo man in seinen Arbeiten Charaktere sehen müßte, aber nur noch leere Definitionen und hohle Klischees sieht – dann ist dies Harold Pinter. Er hat unsagbare banale, aber halt auch unsäglich brave, aufrechte, wütende Gedichte gegen den Irak-Krieg geschrieben. Er hat Mr. Blairs „Arschlecken gegenüber dem Big Business” gegeißelt. Er hat die Vereinigten Staaten von Amerika für einen GULag (ein einziges Straflager) gehalten. Er hat Freiheit für den braven serbischen Freiheitskämpfer Milosevic gefordert, den andere für einen Diktator und Schlächter halten. [...]

Harold Pinter ist zu einem intellektuellen Stammtisch-Dramatiker geworden, der mit der Faust auf den Tisch haut und: „Das mußte einfach mal gesagt werden!” dröhnt. Daß die Papiere wackeln. Und die Moral überschwappt. Hier spreizt und produziert sich ein eingebildet Engagierter. [...]

Wahrscheinlich weiß die Schwedische Akademie selbst nicht so recht, was sie will. Sie greift weniger nach Literatur. Sie greift mehr nach irgend einem Namen. Und hält sich daran fest. Der Name Pinter ist ein Halm, der stark und streng nach trocken Stroh riecht.

Ähnlich kritisch, wenn auch milder in der Beurteilung der Stücke von Pinter ist Peter Münder, der sich am 11. November 2005, also vier Wochen vor der Rede, in einem Internetforum äußerte:

Wie erklärt sich nun Pinters radikales Umdenken, seine Flucht aus dem Elfenbeinturm hin zum dezidierten Polit-Engagement?

Sein entscheidendes politisches Erweckungserlebnis hatte Pinter 1985 während eines Besuchs in der Türkei, als er zusammen mit Arthur Miller im Auftrag von PEN-International die Lage verfolgter Autoren und die Situation der Kurden untersuchte und dabei mit brutalen Foltermethoden der damaligen Militärdiktatur konfrontiert wurde. In seinem einfühlsamen Nachruf auf den im Frühjahr verstorbenen Arthur Miller evozierte er noch einmal die deprimierenden Gespräche mit den verfolgten Autoren und erinnerte an ein Dinner beim amerikanischen Botschafter in Ankara, das mit dem Rauswurf der beiden prominenten kritischen Beobachter endete. Der Botschafter hatte die US-Unterstützung für das brutale türkische Regime mit den “besonderen Bedingungen vor Ort”, vor allem auch mit der Bedrohung durch die Sowjets begründet, während Pinter vehement gegen dieses merkwürdige Demokratieverständnis protestierte und den US-Diplomaten mit der Frage provozierte: “Wie würde es Ihnen denn gefallen, wenn Ihr Penis mit Stromschlägen traktiert würde?” Als Pinter sich dann mit der Bemerkung “Ich glaube, jetzt hat man mich rausgeworfen” an Arthur Miller wandte, reagierte der ebenso prompt wie entschieden und sagte nur “Dann gehe ich mit”. Pinter beendete den Nachruf mit dem Satz: “Mit Arthur Miller aus der amerikanischen Botschaft in Ankara rausgeworfen zu werden, das war einer der stolzesten Momente in meinem Leben”.

Zweifellos hat diese emotional aufwühlende Erfahrung, die Begegnung mit gefolterten türkischen und kurdischen Autoren wie auch die Konfrontation mit der Arroganz der Macht in Gestalt eines ignoranten amerikanischen Diplomaten, bei Pinter einen Prozess der politischen Neuorientierung ausgelöst und aus dem ehemaligen Laissez-Faire-Briten einen radikal denkenden Demokraten gemacht. In Stücken wie “One for the Road” (“Noch einen Letzten”) und “Mountain Language” (“Bergsprache”) hatte Pinter dann diese Eindrücke thematisiert, indem er das brutal-bedrohliche Verhalten von Folterknechten und die Diskriminierung eines Bergvolkes sowie den Verlust einer eigenen Sprache beschrieb.

Sicher sind manche Attitüden und Proteste des Angry Old Man, der seinen Speiseröhrenkrebs nur knapp überlebte, überzogen. Man wird sich auch damit abfinden müssen, dass Harold Pinter seine Dankrede anlässlich der Preisverleihung in Stockholm als eher drastische Gardinenpredigt gestalten dürfte, in der Präsident Bush und Tony Blair als unerträgliche Bedrohung für den Weltfrieden angegriffen werden. Doch die Diskussionen über das politische Engagement dieses streitbaren Preisträgers haben die Auseinandersetzung mit dem literarischen Werk in den Hintergrund treten lassen – dabei sollte der Nobelpreis doch vor allem der Würdigung des Gesamtwerks gelten.

Sicher sind Pinters große Stücke – wie ja auch die faszinierenden Drehbücher der Filme “Accident”, “The Servant”, “The French Lieutenant’s Woman” – schon vor etlichen Jahrzehnten verfasst worden. Doch welcher zeitgenössische Autor hat sich schon so souverän und eindrucksvoll mit dem seit Eugene O’Neill (“Der Eismann kommt”) und Ibsen (“Die Wildente”) altvertrauten Motiv der Lebenslüge auseinandergesetzt wie Pinter im “Hausmeister”? Da suggeriert sich der obdachlose Hausmeister-Aspirant Davies, dem vom gutmütigen Aston ein Quartier angeboten wird, zwar selbst permanent, eines Tages werde er bestimmt seine Papiere aus Sidcup holen und sich dann einen herrlichen Schuppen bauen. Doch er verstrickt sich in bösartige Intrigen, spielt Aston gegen dessen geschäftstüchtigen Bruder Mick aus und hat am Ende alles verspielt – ohne Zukunftsperspektive und Quartier muss diese zum ewigen Vagabundieren verdammte tragische Figur wieder von vorn anfangen und sich neue Lebenslügen zurechtzimmern, um sein Scheitern zu rechtfertigen.

In diesem frühen Stück demonstriert Pinter schon seine große Kunst, hinter banalen Alltagsphrasen bedrohliche Dimensionen ungefilterter, bis ins Paranoide gesteigerter Ängste und Aggressionen aufflackern zu lassen. Seit Tschechow hat sicher kein Dramatiker so nuanciert und elektrisierend den Subtext unterhalb konkreter Inhaltsebenen mit dramatischen Spannungsmomenten aufgeladen und damit auf eine bedeutungsschwangere Beziehungsebene transponiert. Das ergibt dann wohl den immer wieder beschworenen “pinteresken” Aspekt der Stücke, der zwar mehr oder weniger diffus an Kafka erinnert, der aber immer noch ganz unvergleichlich ist.

Grass irrt sich also: Kritiker haben nicht die Rede Pinters lächerlich gemacht. Sie haben die Nobelpreisverleihung in Frage gestellt. Dafür sind sie da, die Kritiker. Wer hat sich nun lächerlich gemacht?

Sein Verteidigungsobjekt Pinter sagte in der Rede:

Moralpredigten gilt es unter allen Umständen zu vermeiden. Objektivität ist unabdingbar.

Oha, wen meinte Pinter denn?

 

Art Buchwald: Vertraue deinen Nieren nie! Donnerstag, 25. Mai 2006

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Einer der liebenswürdigsten amerikanischen Satiriker, Art Buchwald, dessen Kolumne ich seit Jahrzehnten gerne lese und den ich genauso gerne mit Mark Twain vergleiche, hat einen schönen Essay über seine Genesung geschrieben. Ich hätte den Text vielleicht übersetzen sollen, aber sein English ist so fein. Einige Fragmente:

Heaven Can Wait

Even though I’m in a hospice, I’m not going to Heaven immediately. [...]

For those who have been wondering what this is all about, it has to do with the fact that my kidneys weren’t working and I didn’t want to take dialysis, which is a machine you are attached to three times a week for five hours.

In February I was warned that if I didn’t take dialysis I wouldn’t survive more than two or three weeks.

Since I didn’t want dialysis, I decided to move into a hospice and go quietly into the night.

For reasons that even the doctors can’t explain, my kidneys kept working, and what started out as a three-week deathwatch has turned into nearly four months.

When word got out that I was in a hospice, I became a celebrity. I was on all the TV shows and the notice of my intentions was in all the papers, including The Washington Post and the New York Times, which made it valid.
[...]
Then the mail poured in. People were pleased that I had made my own choice. The letters and e-mails were in the thousands.

At the same time, friends came to the hospice to say goodbye. Everybody felt they should make the pilgrimage. They came with flowers, cheesecake and corned beef sandwiches.

I sat in the salon of the hospice and, pretty soon, when people came to see me, it was as if they were visiting Lourdes. They came to be blessed and cured.

Since I was expected to die soon, the French ambassador gave me the literary equivalent of the Legion of Honor. Because of the publicity I’ve gotten, the National Hospice Association made me man of the year.

I never realized dying was so much fun.

Then a few weeks ago, my doctor said I had to change course. [...]

Things I didn’t care about because I was going to die, I now had to care about. This included shaving in the morning, buying a new cellphone that works, rewriting my living will and scrapping all the plans for my funeral. I also had to start worrying about Bush again.

Alas, the people who come to visit me now look at me with great suspicion. They want to know if the whole thing was a scam. They can’t believe, after I said goodbye, I’m going to Martha’s Vineyard instead of Paradise.

I called up the TV stations and the newspapers and asked them if they would make a correction and retract the original story. They said they never correct stories about people who claimed they were dying and didn’t.

This is where I am now. I’m writing a book called, “Standby in Heaven: The Man Who Wouldn’t Die.”

I’m still seeing friends, but instead of saying farewell we discuss the Redskins.

So, dear reader, I hope you don’t feel you were duped. The moral of this column is: Never trust your kidneys.

Das erinnert mich ein wenig an den Roman “Die Glocken von Bicêtre” von Georges Simenon, mutatis mutandis. :-)

 

Ärzte wissen alles Samstag, 20. Mai 2006

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Die Meldung über die gezielte Tötung des Anführers der Islamischer Dschihad in Gaza wird bei der “Tagesschau” so eingeführt:

Der bei dem Luftangriff der israelischen Armee getötete Dschihad-Anhänger war nach Angaben von Ärzten Hintermann für zahlreiche Angriffe auf Israel in den vergangenen Jahren.

Anstatt des Anführers – ein Anhänger. Na ja, die Ärzte wissen es halt besser, geröntgt, einmal Blutgasanalyse und eine Biopsie – und die Diagnose fertig: Hintermann!

 

Rabbi Sussja noch einmal Dienstag, 16. Mai 2006

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Nach einer langen Suchaktion habe ich zwei Bücher gefunden, in denen über Rabbi Sussja in etwa dieselben Geschichten aufgeschrieben sind. Aus meiner Sicht zeigt sich in den kleinen und großen Abweichungen die mündliche Tradition der jüdischen Überlieferung. In beiden Büchern sind mehrere Aufzeichnungen auch über andere chassidische Rabbiner gesammelt. An einigen Beispielen will ich diese Nuancen aufzeigen, und zwar an den Geschichten, die ich noch nicht zitiert habe.

Über den Elimelech, den Bruder von Sussja, schreibt Chajim Bloch (Chassidische Geschichten, 1929, zitiert nach der Ausgabe Wiesbaden 1996):

Einst sagte er zu seinem Schüler [...]: “Wenn sie nur aufhören wollten, mich zu verfolgen und mich zwei Jahre in Ruhe ließen, brächte ich die Kraft auf, die Ankunft des Messias zu erzwingen und die vollkommene Erlösung herbeizuführen.” (S.121)

Dieselbe Geschichte bei Eli Wiesel (Chassidismus, 1972, zitiert nach der Ausgabe Freiburg 1988):

“Hätte man mich zwei Jahre lang in Ruhe gelassen, dann hätte ich erreicht, dass der Messias kommt.” (S.124)

Wiesel erzählt die Pointe prägnanter, traut seinem Leser mehr Hintergrundwissen zu.

Ähnlich sieht es mit der folgenden Geschichte aus. Bei Bloch:

Einst sprach Rabbi Elimelech: “Meine Seele entsinnt sich, wie sie am Berge Sinai gestanden hat und wer beim Empfang der Lehre in ihrer Nähe war.” (S.123)

Wiesel meistert die Darlegung viel klarer und bildhafter:

“Ich erinnere mich ausgezeichnet an die Offenbarung auf dem Berge Sinai. Ich sehe nicht nur mich selbst dort, sondern auch die Seelen zu meiner Rechten und zu meiner Linken.” (S. 126)

Zum Schluss noch eine Geschichte, in der Ausführung von Eli Wiesel:

Von allen Schülern des Maggid [...] war Rabbi Sussja der einzige, der nicht die Reden des Lehrers wiederholte. Hier der Grund dafür: Sobald der Maggid den Mund öffnete, verfiel Sussja bereits in einen Begeisterungstaumel und stieß solche Schreie aus, dass man ihn hinausschicken mußte. Und wie hätte er wiederholen sollen, was er nicht gehört hatte? (S.119)

 

Mearsheimer und Walt: Hintergründe Samstag, 13. Mai 2006

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Nachdem wir einigermaßen klar sehen, wie Tony Judt zu seinem antizionistischen Manifest kommt, zu welchem er immer wieder nachlegt (Israel sei ein “political anachronism”), ist ein Blick in die Richtung der beiden Autoren des ersten Protokolls, Mearsheimer und Walt, aufschlussreich. In einem Interview erzählt John Mearsheimer, wie er den Weg zu seinen Ideen gefunden hat.

Mearsheimer was hawkish about Israel until the 1990s, when he began to read Israel’s “New Historians,” a group of Israeli scholars and journalists (among them Benny Morris, Avi Shlaim and Tom Segev) who showed that Israel’s founders had been at times ruthless toward Palestinians. Mearsheimer’s former student Michael Desch, a professor at Texas A&M, recalls the epiphany: “For a lot of us, who didn’t know a lot about the Israel/Palestine conflict beyond the conventional wisdom and Leon Uris’s Exodus, we saw a cold war ally; and the moral issue and the common democracy reinforced a strong pro-Israel bent.” Then Desch rode to a conference with two left-wing Jewish academics familiar with the New Historians. “My initial reaction was the same as John’s: This is crazy. [They argued that] the Israelis weren’t the victims of the ’48 war to destroy the country. Ben-Gurion had real doubts about partition. Jordan and Israel talked about dividing up the West Bank together. All those things were heretical. They seemed to be coming from way, way out in left field. Then we started reading [them], and it completely changed the way we looked at these things.” Mearsheimer says he had been blinded by Uris’s novel. “The New Historians’ work was a great revelation to me. Not only do they provide an abundance of evidence to back up their stories about how Israel was really created, but their stories make perfect sense. There is no way that waves of European Jews moving into a land filled with Palestinians are going to create a Jewish state without breaking a lot of Palestinian heads…. It’s just not possible.”

Es ist inzwischen bekannt, dass Benny Morris (Link) und Tom Segev (Link) den Essay der beiden Profs sehr negativ bewertet haben. Ihre Arbeiten dürfen trotzdem dafür verantwortlich gemacht werden, dass dieser Essay entstanden ist. Bezeichnend, dass Professoren naiv zugeben: Ihre Kenntnisse auf dem Gebiet entstammen einem Film und einer selektiven Lektüre, ohne jegliche Überprüfung der vorhandenen Literatur, bzw. Kritik. Sie zitieren Morris und – wie auch Judt – ignorieren Karsh, obwohl Morris selbst längst zugegeben hat, dass seine eigenen Arbeiten im Lichte der Kritik von Karsh nicht der Wahrheit entsprechen (“My treatment of transfer thinking before 1948 was, indeed, superficial.” – Link)

So ist die neulich zusammengestellte Kette zu erweitern: Es waren zuerst doch die israelischen Revisionisten, deren Bücher immer noch den bestimmenden Einfluss, u.a. auch auf die unbelesenen Professoren so weit ausüben, dass daraus die unwürdige Polemik entsteht, die sogar die Revisionisten daraufhin als unwissenschaftlich und antisemitisch bezeichnen. Über den völlig unwissenschaftlichen Umgang mit den historischen Fakten in dem Essay schreibt z.B. Robert Fine sehr klar – Link:

All we might learn is how an excess of enthusiasm for the anti-Israeli cause can pave the road from radical criticism to dangerous conspiratorial nonsense.

So schliesst sich der Kreis. Ob Morris und Segev sich dessen bewußt sind?

 

Tony Judt zitiert. Noch einmal Dienstag, 9. Mai 2006

Einsortiert unter: Lesefutter,Medien,Politik,Tony Judt — peet @ 14:23 Uhr
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Durch die Klärung der Hintergründe für den Artikel über die Granddame der österreichischen Presse bin ich auf das nächste in Frage kommende Zitat bei Tony Judt gestoßen. Es ist kaum zu glauben – auch hier zitiert er selektiv, besser gesagt tendenziös.

Es geht um den israelischen Journalisten Tom Segev, der für die Zeitung “Haaretz” schreibt. Tony Judt zitiert ihn wie folgt:

Der israelische Journalist Tom Segev beschreibt den Essay als “arrogant”, räumt aber dennoch ein: “Sie (Mearsheimer und Walt) haben recht. Hätten die USA Israel vor den eigenen Dummheiten bewahrt, würde unser Leben hier heute besser aussehen. Die Israel-Lobby in den USA schadet Israels wahren Interessen”.

Wie wir uns erinnern, das ist die Schlüsselpassage des gesamten Aufsatzes, denn daraus hat die “Süddeutsche” den Titel “Doppelter Schaden” gemacht. Nehmen wir den Abschnitt genauer unter die Lupe und gehen wir deswegen zum Original. Tony Judt:

The Israeli journalist Tom Segev described the Mearsheimer-Walt essay as “arrogant” but also acknowledged ruefully: “They are right. Had the United States saved Israel from itself, life today would be better …the Israel Lobby in the United States harms Israel’s true interests.”

Jetzt vergleichen wir das Zitat mit dem, was Tom Segev geschrieben hat. Sein Artikel (vom 23.3.2006) heißt

The protocols of Harvard and Chicago

Auf diese Weise wird der berüchtigte Essay mit einem antisemitischen Klassiker verglichen und als vergleichbar bestempelt. Auch im Text wird der Essay äußert negativ bewertet:

[...]In fact, it can be claimed that U.S. support for Israel reflects the fact that neither country respects the values of democracy, but this claim would destroy the thesis of the two respected scholars. Similarly, they do not confront the fact that the Israeli lobby in the U.S. usually operates by the accepted rules of the game in America, and expresses the view of a majority of Americans.

The article is very arrogant: Most of it is written in the past tense, as though reflecting historical research. In fact, the authors’ academic degrees do not make their opinions any more worthy than those of readers of the newspapers that they often cite, including Haaretz, Maariv, Yedioth Ahronoth and the Jerusalem Post. The editor who allowed the two to touch on so many topics that are irrelevant to the issue did not do them a favor: Yitzhak Shamir did in fact operate as a terrorist, but the Britons whose rule he wanted to eliminate also defined the fathers of American independence as terrorists. And who even remembers Shamir today? Similarly, I wouldn’t have dragged the murder of Ilan Halimi in Paris into this debate: What for, dear professors? After all, not every anti-Semitic incident in the world is an Israeli invention, wouldn’t you agree?

What begins as an attack on Israel and its lobby, soon turns out to be part of a domestic debate: One gets the impression that Walt and Mearsheimer attack U.S. support for Israel because they don’t like President Bush. One can understand them. Apparently, they won’t be angry if the Israel lobby decides that Bush is bad for Israel, and works against him. Nor would they be opposed if someone were to convince the administration to force Israel to withdraw from the territories.

They are right: Had the United States saved Israel from itself, life today would be better. Therefore, the authors are also correct in the most important argument in their essay, which unfortunately is too incidental: The Israel lobby in the United States harms Israel’s true interests. It made the continuation of the occupation and the settlements possible. Its influence led, among other things, to missing out on a peace treaty with Syria and to a loss of the opportunities created in Oslo. The effort to suppress the Palestinian national movement did not enhance Israel’s security; on the contrary, it brought Hamas to power.

Now there is great excitement there in America on account of this essay, but maybe not really. Israel’s influence is based on an ancient anti-Semitic myth about the Jews who rule the world. This is a myth that is self-fulfilling as long as the world believes in it: If you shatter it, you have eliminated Israel’s influence. From that point of view, Walt and Mearsheimer are doing the Israel lobby a good service.

Nach Segev ist der Essay nicht “arrogant”, sondern “sehr arrogant”. Er beschränkt sich aber nicht auf die Feststellung, dass der Ton der Profs sehr arrogant ist, er erwähnt den polemischen und unwissenschaftlichen Charakter des Textes, betont seine antisemitische Intention und propagandistische Ausrichtung auf die innenpolitischen Probleme der USA. Segev filtert die einzige Invektive heraus, die ihm passt, und beschreibt sie mit eigenen Worten, eignet sie sich an und verwendet sie für seinen innerpolitischen Kampf – nämlich in Israel. Segev ist viel kritischer dem Essay gegenüber als das, was Judt davon wiedergibt.

Judt deutet den Text von Segev um und bringt ihn als eine Unterstützung für Walt/Meirshammer ein. Stellen wir uns vor, er würde den Titel von Segev wiedergeben und seine letzen Sätze komplett zitieren. Hätte die “Süddeutsche” dann seinen Artikel übernommen?

Um den Artikel, den Ton und die Hintergründe der Publizistik von Tom Segev zu verstehen, muß man sich die Rolle der “Haaretz” vorstellen. Shmuel Rosner, einer der anderen Kolumnisten dieser Zeitung, hat treffend gesagt:

Enter the Walt-Mearsheimer study, and some of my readers became confused. Firstly, the study contains many quotes from the newspaper I work for. These quotes are meant to help the authors prove the two claims they are making (I’m saying two because of Judt). But then they read what I have to say and start sending me emails along the lines of: “How can you say this study is flawed when it was built on anecdotes and remarks by Haaretz commentators?”

Some of the readers I answered personally, but I came back to the issue because of the Judt article, in which my newspaper is mentioned three times.

The first reference, in which he doesn’t mention the paper, but the name of one of its columnists: “The Israeli journalist Tom Segev described the Walt-Mearsheimer essay as ‘arrogant,’ but also acknowledged ruefully that, “They are right. Had the United States saved Israel from itself, life today would be better… the Israel Lobby in the United States harms Israel’s true interests’.”

The second: “It was an Israeli columnist in the liberal daily Haaretz who described the American foreign policy advisers Richard Perle and Douglas Feith as ‘walking a fine line between their loyalty to American governments… and Israeli interests’.” The columnist, by the way, is Akiva Eldar.

The third: “Daniel Levy (a former Israeli peace negotiator) wrote in Haaretz that the Walt-Mearsheimer essay should be a wake-up call, a reminder of the damage the Israel lobby is doing to both nations.”

Now, as proud as this might make me, there’s a problem here that’s self-evident to any Israeli reading the article (and it doesn’t matter to which political wing he belongs). The choices Judt made on whom he was going to quote are either uneducated or biased. You can’t take these three (excellent) commentators, and pretend that they represent – well, what exactly do you want them to represent?

The Segev quote aims to prove that the lobby work is “bad for Israel.” Is this true? Yes, if you believe in what Segev believes – and most Israelis and Americans don’t.

And what about the Eldar quote? This one was meant to prove that “the uncomfortable issues” were aired in Israel, so why not here in America? On this I will say two things: First, you can “air” them here as much as needed, but make sure you don’t do it in a manner that Eliot Cohen rightly exposes as anti-Semitic.

Second, don’t rely on the bragging Israelis as proof. Israelis are sometimes very narrowly focused on the “Israeli” aspect of every issue, and tend to exaggerate it. So they think Douglas Feith has nothing better to do than to think day and night about Israel? Many of them will say the same about President Bush, or, for that matter, President Clinton. It’s not because these people are so preoccupied with Israel as to distort everything else, but because Israelis are so preoccupied with Israel to the extent that they see everything through this narrow hole.

And, since I dealt both with Segev and Eldar, let me add a word about Levy. He was a guest writer for Haaretz. I thought his piece reflected a certain point of view. And, comfortably enough, there was no problem in finding an opposite opinion to use, had Judt wanted to. (Try “Embarrassing and dangerous” by Reuven Pedhatzur here). So why choose him?

As you might understand, this is a very delicate issue for me to write about. These are my colleagues, and this is the paper that pays my salary. However, the truth must be told, and in this case, the truth is that my paper is being used here in a manner that makes me uncomfortable (I’m sure that many Haaretz commentators will not feel the same – that’s one of the reasons for which you need more than one person writing for a newspaper, and more than one point of view).

Haaretz is a very good source of news. It is also a good source for commentary, but when it comes to views you have to bear two weaknesses in mind. One, you need to use it in an honest manner, otherwise there’s enough fringe material in it as to distort reality. Two, you have to realize that this fine paper does not – repeat, does not – represent the majority view in Israel.

That’s why it was so easy for Walt-Mearsheimer to use material from Haaretz in their study. That’s where the Judt piece is also somewhat flawed. The great thing about the paper though, is that it gives voice to more than one opinion. Hence, you shouldn’t have been surprised to read in my blog my reaction to the study and its aftermath.

Die wichtigsten Stellen noch einmal: Die “Haaretz” vertritt die Meinung einer Minderheit. Es ist bedauerlich, dass sowohl Mearshammer/Walt als auch Judt nur die Meinungen von drei besonders israelkritischen Autoren dieser Zeitung übernehmen und dazu noch für die Meinung ausgeben. Auf diese Weise bedingen und bedienen sie einander. Wir wir darüberhinaus gesehen haben, werden Zitate dazu noch selektiv übernommen und angepasst.

Die Kette sieht somit folgendermaßen aus: 1) Inneramerikanischer politischer Kampf, in dem zwei Autoren versuchen, mit antisemitischen Mitteln die Außenpolitik der eigenen Regierung zu beeinflussen. 2) Innerisraelischer Politkampf, in dem Revisionisten (die seit Jahren versuchen, die Geschichte des eigenen Landes mit falschzitierten Dokumenten umzuschreiben) diesen ersten Auftritt für sich nutzen, um mit antizionistischen Argumenten die Außenpolitik der eigenen Regierung zu beeinflussen. 3) “Israelkritische” Stimmen nutzen weltweit diese Gelegenheit aus, um gegen die Politik des Staates und den Staat Israel selbst aufzutreten. Dabei werden Meinungen und Argumente nur selektiv wiedergegeben. 4) Führende deutschsprachige Zeitungen nutzen die Gelegenheit, um die Debatte einseitig zu präsentieren. Warum nur? Möchte man so gerne “israelkritisch” aussehen, dass alle Methoden dafür gut zu sein scheinen?

 

Barbara Coudenhove-Kalergi will auch ein Tabu gebrochen haben Montag, 8. Mai 2006

Einsortiert unter: Medien,Politik,Süddeutsche Zeitung,Tony Judt — peet @ 17:49 Uhr
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Es ist immer hilfreich (wenn auch nicht unbedingt gesund), bei den Antisemiten vorbeizuschauen. Sie freuen sich riesig, wenn irgendwo ein antisemitischer Artikel erscheint und fühlen sich wie bei dem einen oder anderen Parteitag. Heute habe ich nur auf diese Weise den Text von der angeblichen Granddame der österreichischen Presse entdeckt. In der Zeitung “Standard” hat sie auch ein Tabu gebrochen, so viel Mut habe ich von ihr nicht erwartet. Einige Beispiele:

Zwei renommierte amerikanische Wissenschaftler haben ein Tabu gebrochen und damit eine gewaltige Aufregung im US-Blätterwald ausgelöst. Ihre These: Die mächtige “Israel-Lobby” habe seit Jahrzehnten die amerikanische Außenpolitik bestimmt und damit sowohl den Interessen der USA als letztlich auch denen Israels massiv geschadet.

Die beiden sind inzwischen nicht mehr renommiert, das Thema Israel-Lobby ist nie ein Tabu gewesen, die Aufregung in den USA ist ziemlich mäßig, die These selbst wird als unwissenschaftlich zurückgewiesen. Die Granddame hat das Thema aber erst jetzt für sich entdeckt. Ein Volltreffer also.

Ist das alles wirklich gut für Amerika? Und ist es, wie man früher sagte, “gut für die Juden”? Mearsheimer und Walt sagen: nein. Der Anti-Amerikanismus in der arabischen Welt und auch der Terrorismus werden durch das enge Bündnis USA-Israel angestachelt, umgekehrt wird Israel für die Exzesse der US-Besatzer im Irak mitverantwortlich gemacht. Das internationale Image beider Länder hat durch deren enge Verbindung nachweislich gelitten.

Tony Judt lässt grüßen. Ich habe das ungute Gefühl, die Granddame hat fast ein halbes Jahr geschlafen, bis sie den “Doppelten Schaden” mitgekriegt hat. Ist das alles wirklich gut? Gibt es keine Widerlegung von namhaften Fachleuten?

Der hervorragende britische Intellektuelle Tony Judt hält das für falsch. Im Gegenteil, sagt er (in einem unlängst in der Süddeutschen Zeitung veröffentlichten Kommentar), der Missbrauch des Begriffs Antisemitismus durch die “Israel-Lobby” könnte dazu führen, dass eines Tages auch echter Antisemitismus nicht mehr ernst genommen wird, wenn heute jede Israel-Kritik mit diesem Namen belegt wird. Und für die Israelis, meint er, ist der Rekurs auf den Holocaust als Rechtfertigung für eine verfehlte Politik in der Gegenwart erst recht von Übel, ebenso wie das blinde Sich-Verlassen auf den großen amerikanischen Verbündeten.

Das stimmt also doch: Die Granddame hat in der Tat den “Doppelten Schaden” und kennt den Judt-Text nur aus der “Süddeutschen”. Und hat der “hervorragende britische” Intellektuelle das echt so gesagt? Nein, zum Begriff Antisemitismus äußerte der “Hervorragende” sich z.B. anders:

Gewiß, Antisemitismus ist eine Realität (keiner weiß dies besser als ich, der in den fünfziger Jahren als Jude in England aufgewachsen ist). Doch gerade deshalb sollte niemand in die antisemitische Ecke gestellt werden, der Kritik an der Politik Israels oder seiner amerikanischen Unterstützer übt.

Dasselbe im Original bitte:

Anti-Semitism is real enough (I know something about it, growing up Jewish in 1950′s Britain), but for just that reason it should not be confused with political criticisms of Israel or its American supporters.

Wir sehen, die Granddame kann noch besser zitieren als der hervorragende Intellektuelle, noch weiter vom Original nämlich. Davon hatten wir hier gerade das erste Beispiel. Zwei weitere folgen:

Und der Holocaust? Es gibt immer weniger Überlebende, die sich aus eigener Erfahrung darab erinnern. Dass die Urgroßmutter eines israelischen Soldaten in Treblinka gestorben ist, entschuldigt in den Augen der Welt dessen eigenes Fehlverhalten nicht.

Ein Soldat bei Judt und die gesamte “verfehlte” Politik bei der Granddame. Aha.

Vom blinden Sich-Verlassen ist bei Judt überhaupt nirgendwo die Rede. Der einzige Satz, der in diese Richtung irgendwie weisen könnte, ist ein Zitat von Tom Segev, der bei Judt sagt:

Die Israel-Lobby in den USA schadet Israels wahren Interessen.

Auch hier eine andere Intention. Übel.

Am Ende des Artikels träumt die Granddame:

Was, wenn dieser einmal nicht mehr mitmacht? Davon ist allerdings vorderhand noch nicht die Rede.

Sie wünscht sich, dass die USA Israel nicht mehr unterstützen. Keiner soll Israel unterstützen, so? Ist Österreich dann zufrieden?

Das ist mindestens der dritte Auftritt von Barbara Coudenhove-Kalergi, der auf diese Weise protokolliert werden muss. Die zwei davon waren:

Anders als bei früheren Nahostkriegen sind antisemitische Töne in Österreich ausgeblieben, obwohl diesmal mehr als früher Grund zur Kritik am israelischen Vorgehen besteht.

Das hat Karl Pfeifer richtig auseinandergenommen.

Diese jüdischen Mitbürger sind nämlich nicht irgendwelche Gastarbeiter, denen wir freundlicherweise erlauben, bei uns Steuern zu zahlen. Sie sind unsere Leute, sie sind Fleisch von unserem Fleisch. Sie gehören zur Familie, als möglicherweise ungeliebte, aber untrennbar mit uns verbundene Verwandte. Wer sie beleidigt, beleidigt uns.

Dies hat Heinz P. Wassermann aufgeschrieben. Nichts Neues unter die Sonne. “Die Standard” kann zufrieden sein. “Trippelter Schaden” ist offensichtlich.

 

“Sie sind quasi mein zu beobachtender Blog”

Einsortiert unter: Allgemein — peet @ 6:51 Uhr
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Eine nette Studentin hat diese Nacht versucht, auf dem Wege eines Kommentars mich zu erreichen. Der Text lautet:

hallo- ich interessiere mich seit einiger zeit für ihren blog. durch ein seminar sind wir auf diese seite gestoßen- jeder sollte sich einen blog aussuchen und ihn beobachten. sie sind quasi mein zu beobachtender blog. da jeder teilnehmer einen artikel über seinen blog schreiben soll, brauche ich natürlich nähere infos. Vielleicht könnten Sie/ Du mir etwas aus der “about me” rubrik schreiben- das wäre toll- ich habe nämlich nichts dieser art gefunden.
danke, nähere infos zu dem seminar: http://web20-hro.de
liebe grüße

Tja, was macht man in einem solchen Fall?

Zuerst recherchieren. Die Homepage des Seminars begutachten. Sprachliche Kommunikation und Kommunikationsstörungen. Aha. Deutsche Gesellschaft für Online-Forschung. Hmm. So weit so gut.

Der Weblog der Studentin. Viele “nähere Infos”. :-)

Ok. Also:

Liebe firlefanz, wenn du mit deinem Artikel fertig bist, würde ich ihn gerne kommentieren (auf deinen Wunsch hin, gerne auch nur intern). Dein Seminar ist eine Beobachtung der Beobachtung und eine gute Schule der Kommunikation. Zu der Kommunikation im Internet gehört aus meiner Sicht die Beherrschung von verschiedenen Sprachen. Ich meine dabei viel mehr Sprachebenen, d.h. wie man miteinander redet. Die Interpunktion und die Satzkonstruktion bedeuten hier sehr viel, Emoticons und Smileys kommen noch dazu. Man möchte den Menschen hören, seinen Ton deuten. Ein Journalist, ein Lehrer müssen das mindestens wollen, noch besser – können.

Und noch – unbedingt eine Recherchekunst. Je mehr man über das Subjekt bzw. das Objekt der Kommunikation weiß, desto sicherer ist die Aussage. Andersrum: Wenn man zu wenig und/oder überwiegend falsche Infos hat, kommt es zu Kommunikationsstörungen. Eigentlich ganz einfach oder? :-)

Der Sinn der Kommunikation per Blog ist nicht anders als im realen Leben, nämlich der Dialog. Ist ein Text erst dann aussagekräftig, wenn dahinten ein “About me” steht? Worin besteht die Beobachtung – im Zuschauen oder im Mitmachen? Was wird hier beobachtet – ein Subjekt oder ein Medium? Ist es dasselbe? Themenbezogen, Ich-bezogen oder Du-bezogen? Wer bestimmt die Regeln der Kommunikation?

 

Noch einmal zum “Doppelten Schaden” von Judt Mittwoch, 3. Mai 2006

Einsortiert unter: Medien,Politik,Süddeutsche Zeitung,Tony Judt — peet @ 14:00 Uhr
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Der Titel des Aufsatzes von Tony Judt in der deutschen Übersetzung, wie die “Süddeutsche” ihn gemeistert hat, ließ mir keine Ruhe. Nach der Recherche kann ich mich entspannen. Und noch ein Beispiel der üblichen Tricks präsentieren. Das geht folgendermaßen:
Tony Judt hat geschrieben:

Daniel Levy (ehemals israleischer Verhandlungspartner bei Friedensgesprächen) schrieb in “Haaretz”, der Essay sollte als Weckruf verstanden werden, um uns den Schaden bewußt zu machen, den die Israel-Lobby für beide Nationen anrichtet.

Ich bringe denselben Text im Original, um es noch einmal deutlicher zu machen:

Daniel Levy (a former Israeli peace negotiator) wrote in Haaretz that the Mearsheimer-Walt essay should be a wake-up call, a reminder of the damage the Israel lobby is doing to both nations.

Jetzt vergleichen wir diese Stelle mit dem Text, den Daniel Levy am 23.3. tatsächlich geschrieben hat:

The new John Mearsheimer and Stephen Walt study of “The Israel Lobby and U.S. Foreign Policy” should serve as a wake-up call, on both sides of the ocean.

Ein Weckruf, ja. Für beide Nationen, na ja, eigentlich nicht. Levy unterstützt die Gedanken von Walt und Mearsheimer nämlich nicht. Er meint, die Debatte müsse man ganz anders führen. Von dem doppelten Schaden spricht er nämlich nicht. Judt hat den zweiten Teil des Satzes erfunden und Levy zugeschrieben. Levy hat das nicht gesagt. Levy betont, dass Interessen des Staates Israel und der Israel-Lobby in den USA nicht übereinstimmen. Nach seiner Einschätzung schadet diese Lobby den Interessen Israels, über die USA-Auswirkung sagt er nichts. Er meint Israel und Israel-Lobby, nicht – wie Judt und noch mehr die “Süddeutsche” – Israel und die USA. Am Ende seines Artikels spricht Levy deswegen über

the simplistic Harvard study authors

“Doppelter Schaden” liegt somit ganz bei der “Süddeutschen”, die dem falschen Zitat soviel Bedeutung zugeschrieben hat.

 

 
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