Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

André Glucksmann empört sich Sonntag, 20. August 2006

Filed under: Allgemein — peet @ 13:05 Uhr
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Der “Tagesspiegel” hat den rhetorisch glänzenden Text des französischen Philosophen André Glucksmann nachgedruckt. Das Original erschien am 8.8.2006 (Link), der “Perlentaucher” übersetzte es am 9.8. (Link) und die Zeitung folgte am 18.8. (Link). Ein treffender Kommentar ist bei Jeff Weintraub nachzulesen (Link).

 

Ein Quiz nicht nur für Blogger Freitag, 18. August 2006

Filed under: Allgemein — peet @ 21:51 Uhr
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Die mediale Manipulation geht weiter, auch nach der heißen Phase des Krieges im Nahen Osten. Ist man vor Lügen gewappnet? Die hier verlinkte Umfrage hilft sich zu testen.

Habt ihr alle Fragen richtig beantwortet?

 

Zeitungen grassieren

Filed under: Allgemein — peet @ 21:46 Uhr
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Von inzwischen unzähligen Bekenntnissen zum Thema Grass-Bekenntnis möchte ich auf eine Folge hinweisen. In der “Frankfurter Rundschau” äußerte sich Hans Mommsen sehr ausführlich über die Verlogenheit der Kritik. Zum Schluß musste er noch mehr sagen (Link):

Das sich anbahnende Spießrutenlaufen verkennt nicht nur, dass dem Siebzehnjährigen die formelle Zugehörigkeit zur Waffen-SS schwerlich zum Vorwurf zu machen ist, sondern auch das Recht des einzelnen auf eine private Bewältigung des umfassenden Wertezerfalls, der mit dem Zusammenbruch des NS-Regimes eintrat und bei denen, die sich seiner bewusst werden, Sprachlosigkeit, ja Verdrängung auslöst. Dass sich Grass jetzt im Zuge seiner autobiografischen Darstellung entschließt, die Erinnerung an diese kritische Wende seiner Jugend vorbehaltlos aufzudecken, sollte von allen kritischen Denkenden begrüßt werden, wird aber von einer sensationslüsternen Öffentlichkeit zum Anlass genommen, um Günter Grass als unglaubwürdig hinzustellen, während die politischen Kontrahenten bereit stehen, sein politisches Vermächtnis in Stücke zu schlagen. Paradoxe Schulterschlüsse entstehen, die den Zentralrat der deutschen Juden, wie zu sehen war, nicht ausnehmen.

Zwei Kleinigkeiten sind hier auffällig. Mommsen stellt fest, dass der “umfassende Wertezerfall” mit dem Zusammenbruch des NS-Regimes eintrat. Das bedeutet in der Folge, dass davor alles im Butter war. Die Werte waren einfach wunderbar. Ich würde vorschlagen, den Historiker zu dieser Merkwürdigkeit einmal zu befragen.

Zweitens findet Mommsen ganz wichtig, bei allen Kritikern speziell den “Zentralrat der deutschen Juden” anzuprangern. Dabei verwendet der Historiker die Formel aus der NS-Zeit, denn den aktuelle Zentralrat heißt anders, nämlich der Zentralrat der Juden in Deutschland. Klar, dass der Zentralrat auch für Mommsen die Moralinstanz ist, gegen welche er antreten muss.

Am nächsten Tage meldet sich die FAZ und belehrt den Historiker. Einige Leser mit schwachen Nerven würden erwarten, dass die FAZ die soeben zitierte Stelle auseinandernimmt. Patrick Bahners weiß aber auch über Hitler alles besser als Mommsen. Um das zu beweisen, wird Bahners persönlich und erinnert Mommsen an dessen Familienmitglieder. Seine pauschalisierende Schlussfolgerung (Link):

So führt Wilhelm Mommsens Sohn die nationalliberale Lehre von der Nation als moralischer Person ad absurdum.

Bahners als Moralist und die FAZ als Stimme der Nation, fein-fein. Bahners verteidigt die Nation vor Mommsen, wie mutig. Das funktioniert folgendermaßen:

War die Umkehr der Unschuldsvermutung, der Wahnwitz, sozusagen von den Kindersoldaten von Bitburg den Beweis zu verlangen, daß ihre Gräber den Friedhof nicht kontaminierten, keine Folge des Wertezerfalls von 1945?

Kindersoldaten von Bitburg?.. Mich beeindruckt aber noch vielmehr, dass Bahners den “Wertezerfall von 1945″ dankend übernimmt. Geht es noch scheinheiliger?

 

Die Süddeutsche wiegt aus Donnerstag, 17. August 2006

Nach Monaten “israelkritischer” Berieselung durch Avenarius & Co. wirkt ein normaler Text wie ein Wunder. Das soll bestimmt genügen, ab morgen wird die Zeitung wieder für  Ausgewogenheit sorgen, wie sie sie versteht. Heute aber genießen wir die Zeilen, die gut tun (Link):

Günter Grass war als Junge in der Waffen-SS und hat dort drei Monate lang keinen Schuss abgegeben. Die ganze Republik steht Kopf, und doch, und ach – warum lässt es uns so kalt? Joachim Fest, Ralph Giordano, Rolf Hochhuth, Martin Walser, Walter Jens, Erich Loest, Dieter Wellershoff, Walter Kempowski geben ihr Verständnis, ihre Bestürzung, ihre Enttäuschung, selbst ihren Ekel zu Protokoll – keiner ist unter 75. Ein Klassentreffen der alten deutschen Intellektuellen, die über immer dasselbe Thema Auskunft geben wollen oder sollen: Hitler und ich.

Bitte keine Geständnisse mehr! Gibt es keine anderen Themen? Wo sind die Stimmen zu den aktuellen Fragen von Politik und Moral? Es wird Zeit, dass dieses Land sich endlich aus den Selbstbespiegelungen seines zwiebelhautengen NS-Diskurses befreit, dass man den Blick von der eigenen Nabelregion ab- und der Welt zuwendet. Es wird Zeit, dass die hundertmal gepredigten Lehren der Vergangenheit endlich auf die Politik des 21. Jahrhunderts angewendet werden, bevor sie, ein Blick zurück zu Walser, nur mehr blinde Aggressionen erzeugen. Es ist beschämend, dass die Affäre Grass innerhalb von drei Tagen mehr Wortmeldungen und moralisch gefestigte Standpunkte von deutschen Dichtern und Denkern produziert als der Krieg in Nordisrael und Südlibanon in den 33 Tagen davor.

Dabei war die Nahost-Debatte, weit gehend ohne große Namen, die ganze Zeit unüberhörbar vom Basston der deutschen Vergangenheit begleitet. Aber wie eine kaputte Schallplatte hängt sie bei der Beschwörung ,,Nie wieder Auschwitz‘‘ fest – bekanntermaßen eine Leerformel, die mit wirklich allem gefüllt werden kann. Linke deutsche Friedensbewegte, die ihr ganzes Leben als Antithese zu ihren Nazi-Vätern oder -Großvätern entworfen haben, demonstrieren – wie im Juli in Berlin – Seit’ an Seit’ mit Arabern, die ,,Tod den Juden‘‘ rufen. Das aber ist niemandem einen Skandal wert. Man gefällt sich in Betroffenheitspazifismus, der im deutschen Wohnzimmer gewiss bequem, aber leider keine politische Haltung ist. Eine politische Haltung wäre, darüber nachzudenken, unter welchen Umständen sich Kriege nicht vermeiden lassen. Was hat Grass dazu zu sagen? Und was all die anderen? Auch der gut eingeübten Täter-Opfer-Umkehr wäre entgegenzutreten gewesen. Die Fernsehbilder, die Schlagzeilen, der überwiegende Teil der veröffentlichten Meinung wollten uns doch weismachen: Israel ist so stark, so aggressiv, es gibt dort auch immer viel weniger Tote, also muss es ja irgendwie schuld sein. Aus Gründen der Vergangenheit sind wir Deutschen jetzt immer auf der Seite der Schwachen. Also bei der libanesischen Zivilbevölkerung. Die israelische Zivilbevölkerung ist ja in ihren Bunkern gut geschützt.

Wo aber waren die deutschen Intellektuellen, die gesagt hätten: Wir brauchen kein Auschwitz, um uns hier zu äußern? Wir sind auf Israels Seite, nicht, weil Nazideutschland sechs Millionen Juden ermordet hat, sondern weil Israel ein demokratischer Staat ist, mit Feinden, die nicht nur ihn, sondern alle demokratisch verfassten, westlich orientierten Gesellschaften vernichten wollen? Hier geht es nicht um Juden oder Araber, sondern um Demokratie versus mörderischen Fanatismus, um Aufklärung versus Mittelalter, um Menschen- und Völkerrechte versus Märtyrer und Selbstmordattentäter. Reden wir über die vereitelten Attentate von London, reden wir über unser Verhältnis zum Islam, reden wir über die Grenzen der Liberalität. Es geht um uns und unsere Zukunft.

Doch dafür haben unsere alten Herren keinen Sinn und keinen Mut. Sie bleiben bei ihren Lebensthemen. Es gab keine Prominentenliste für Israel, es gibt jetzt eine Prominentenliste gegen die Breker-Ausstellung (die Grass wiederum befürwortet). Angesichts der immergleichen Reflexe, der immergleichen Debatten und Protagonisten bleibt für die Jüngeren in diesem Land kein Platz. Die Alten, die die Nazizeit noch erlebt haben, verstellen ihnen mit ihrem nicht endenwollenden Moralgeflatter die Sicht. Das ist das wahre Methusalem-Komplott.

Die Autoren sind Schriftsteller und leben in Berlin. Von Eva Menasse, 1970 geboren, erschien zuletzt ,,Vienna‘‘, von Michael Kumpfmüller, 1961 geboren, ,,Durst‘‘, beide bei Kiepenheuer und Witsch.

In der gedruckten Zeitung wird dieser Artikel, von der Gattung her ein Leserbrief, so benannt:

Wider die intellektuelle Gerontokratie

Ein Plädoyer für weniger Grass und mehr Nahost in der Debatte

Online sieht das ein wenig anders aus:

Die Waffen-SS-Debatte um Grass
Intellektuelles Moralgeflatter

Der Text selbst ist – ohne die Betitelung – sehr gut. Es wäre schön zu wissen, wie seine Autoren den Text betitelten… Hier wie da sorgt der namenlose witzige Redakteur für Ausgewogenheit, wie sie sich die Redaktion wünscht. Mehr Nahost in der Süddeutschen, ohoho! Wie wäre es zum Beispiel damit, den offenen Brief von 85 Filmkünstlern Hollywoods von heute nachzudrucken, anstatt über Mel Gibson und Jostein Gaarder tagelang zu plaudern?

 

Die BBC will auch dabei sein

Filed under: Falschmeldungen,Israel,TV — peet @ 9:01 Uhr
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Wie im Blog “Drinking from home” in mehreren Postings gezeigt wurde, liefert eine BBC-Korrespondentin Orla Guerin antiisraelische Reportagen, völlig im Geiste der Hisbollah. Besonders deutlich sieht man deren Fokussierung auf die zerstörten Gebäude und die naive Ausblendung der intakten Häuser, wenn man den Verglech zu den Berichten der anderen Korrespondenten aus demselben Gebiet zieht, was der Blogger auch vorführt (Link). Ich betone das Wort naiv, weil während Guerlin über die komplette Zerstörung schwafelt, zeigt die Kamera mehrere Flüchtlinge, die zurück kommen und ihre Häuser unversehrt vorfinden. In ihrer Reportage wohlgemerkt! (Link zur YouTube-Aufzeichnung)

 

Wissen alle, dass der Libanon noch nie Israel anerkannt hat? Mittwoch, 16. August 2006

Filed under: Allgemein — peet @ 20:45 Uhr
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Als ich die Nachricht entdeckt habe, dass ein libanesischer General soeben verhaftet wurde, weil er Tee mit israelischen Soldaten getrunken hat, dachte ich, das sei ein Witz. Nein, das ist kein Witz, sondern die Realität und die Erklärung für Manches (Link):

A Lebanese general was ordered arrested Wednesday for appearing in a videotape drinking tea with IDF soldiers who had occupied his south Lebanon barracks during their incursion of the country. [...]

Lebanon considers itself in a state of war with Israel although it signed an armistice in 1949. To this day, Lebanon does not recognize the State of Israel.

Lebanese law forbids any dealings with Israel. A Lebanese citizen faces arrest and prosecution. In 2000, after Israel withdrew its army from southern Lebanon, those who worked for the Israelis were arrested tried and given jail terms ranging from a few months to several years. Those civilians who fled to Israel and later returned were also arrested and given prison terms.

To this day, Lebanon refuses entry to any foreigner who has an Israeli entry or exit stamp on his passport.

 

Lorenz Jäger denkt in Emblemen

Filed under: Allgemein — peet @ 15:08 Uhr
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Ein Feuilleton-Redakteur der FAZ namens Lorenz Jäger versteht sehr viel von der Emblematik und lässt seine Leser am 12.8. wissen, was er von dem Foto der israelischen Mädchen hält, die Raketen mit der Inschrift “to nazrala with love from Israel” bemalt haben. Da er jahrelang Deutsche Literatur in Japan unterrichtete, dachte ich zuerst, er würde Schreibfehler korrigieren und bemängeln. Nein, der sympathische Autor einer enttäuschenden Adorno-Biographie (“Er formuliert schnoddrig, langatmig und ausladend. Von Adorno lernte er diesbezüglich nichts, denn der forderte Exaktheit.” – Link) ist so entzückt, dass er diese Fotos “zu einem der Embleme dieses Konfliktes” erheben will. Sein kulturgeschichtlich versierter Blick erkennt darin viel mehr als ein normaler Mensch sieht (der Artikel ist bei dem Autor des Blogs Politically Incorrect als pdf-Datei zu sehen – Link):

Dennoch erschrecken diese Fotos in ihrem schreienden Kontrast von blühender Armut und grausamem Kriegswerk mehr als jedes Bild der Zerstörung.

Sensibelchen! Diese Mädchen sind sogar noch schrecklicher. Im Laufe des triefenden Schreibens öffnen sich dem erfahrenen FAZ-Journalisten die Augen:

Als vor ein paar Jahren das Bild eines Berliner Muslims durch die Presse ging, der seine kleine Tochter als Selbstmordattentäterin mit Sprengstoffgürtel ausstaffiert hatte, war man entsetzt. Nun hat man ein Gegenstück.

Nicht zu schnell, bitte. Jäger vergleicht seine Lieblingsmädchen nicht mit wahren Selbstmordattentätern, sondern mit einem Bild von Performancekunst, ganz sicherlich. Die kleine Tochter eines Berliner Muslims hat doch nichts Böses getan. Außerdem liegt Berlin weit entfernt von Frankfurt. Und diese Mädchen haben selbst gemalt – so jung und schon so amoralisch, so hasserfüllt! Und dazu noch in Anwesenheit von ihren Eltern, Soldaten und Offizieren. Und sogar eines Fotografs! Jäger hätte es nie so gemacht. Darauf kann er schwören.

Er bezieht sich, sage ich nur noch zum Schluss, auf die Quellen, die er, offensichtlich bewusst, falsch zitiert. Es waren 12 Fotografen dabei. Es waren mehrere Erwachsene, die Raketen bemalt haben. Erst dann wurden die Mädchen dazu animiert mitzumachen. Nachdem sie Tage im Schutzkeller verbracht haben. Ihre Gesichter spiegelten keinen Hass – vielmehr wirkten die Kinder, als seien sie Teilnehmerinnen an einem Spiel (Die Analyse der Fotos mit mehreren Hinweisen siehe hier und hier.)

Sein Vergleich hinkt deswegen gewaltig – er ist aber auch viel mehr: Nämlich noch ein Emblem antisemitischer Propaganda in der deutschen Presse. Punkt.

 

 
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