Archiv für August 2006

André Glucksmann empört sich

Sonntag, 20. August 2006

Der “Tagesspiegel” hat den rhetorisch glänzenden Text des französischen Philosophen André Glucksmann nachgedruckt. Das Original erschien am 8.8.2006 (Link), der “Perlentaucher” übersetzte es am 9.8. (Link) und die Zeitung folgte am 18.8. (Link). Ein treffender Kommentar ist bei Jeff Weintraub nachzulesen (Link).

Ein Quiz nicht nur für Blogger

Freitag, 18. August 2006

Die mediale Manipulation geht weiter, auch nach der heißen Phase des Krieges im Nahen Osten. Ist man vor Lügen gewappnet? Die hier verlinkte Umfrage hilft sich zu testen.

Habt ihr alle Fragen richtig beantwortet?

Zeitungen grassieren

Freitag, 18. August 2006

Von inzwischen unzähligen Bekenntnissen zum Thema Grass-Bekenntnis möchte ich auf eine Folge hinweisen. In der “Frankfurter Rundschau” äußerte sich Hans Mommsen sehr ausführlich über die Verlogenheit der Kritik. Zum Schluß musste er noch mehr sagen (Link):

Das sich anbahnende Spießrutenlaufen verkennt nicht nur, dass dem Siebzehnjährigen die formelle Zugehörigkeit zur Waffen-SS schwerlich zum Vorwurf zu machen ist, sondern auch das Recht des einzelnen auf eine private Bewältigung des umfassenden Wertezerfalls, der mit dem Zusammenbruch des NS-Regimes eintrat und bei denen, die sich seiner bewusst werden, Sprachlosigkeit, ja Verdrängung auslöst. Dass sich Grass jetzt im Zuge seiner autobiografischen Darstellung entschließt, die Erinnerung an diese kritische Wende seiner Jugend vorbehaltlos aufzudecken, sollte von allen kritischen Denkenden begrüßt werden, wird aber von einer sensationslüsternen Öffentlichkeit zum Anlass genommen, um Günter Grass als unglaubwürdig hinzustellen, während die politischen Kontrahenten bereit stehen, sein politisches Vermächtnis in Stücke zu schlagen. Paradoxe Schulterschlüsse entstehen, die den Zentralrat der deutschen Juden, wie zu sehen war, nicht ausnehmen.

Zwei Kleinigkeiten sind hier auffällig. Mommsen stellt fest, dass der “umfassende Wertezerfall” mit dem Zusammenbruch des NS-Regimes eintrat. Das bedeutet in der Folge, dass davor alles im Butter war. Die Werte waren einfach wunderbar. Ich würde vorschlagen, den Historiker zu dieser Merkwürdigkeit einmal zu befragen.

Zweitens findet Mommsen ganz wichtig, bei allen Kritikern speziell den “Zentralrat der deutschen Juden” anzuprangern. Dabei verwendet der Historiker die Formel aus der NS-Zeit, denn den aktuelle Zentralrat heißt anders, nämlich der Zentralrat der Juden in Deutschland. Klar, dass der Zentralrat auch für Mommsen die Moralinstanz ist, gegen welche er antreten muss.

Am nächsten Tage meldet sich die FAZ und belehrt den Historiker. Einige Leser mit schwachen Nerven würden erwarten, dass die FAZ die soeben zitierte Stelle auseinandernimmt. Patrick Bahners weiß aber auch über Hitler alles besser als Mommsen. Um das zu beweisen, wird Bahners persönlich und erinnert Mommsen an dessen Familienmitglieder. Seine pauschalisierende Schlussfolgerung (Link):

So führt Wilhelm Mommsens Sohn die nationalliberale Lehre von der Nation als moralischer Person ad absurdum.

Bahners als Moralist und die FAZ als Stimme der Nation, fein-fein. Bahners verteidigt die Nation vor Mommsen, wie mutig. Das funktioniert folgendermaßen:

War die Umkehr der Unschuldsvermutung, der Wahnwitz, sozusagen von den Kindersoldaten von Bitburg den Beweis zu verlangen, daß ihre Gräber den Friedhof nicht kontaminierten, keine Folge des Wertezerfalls von 1945?

Kindersoldaten von Bitburg?.. Mich beeindruckt aber noch vielmehr, dass Bahners den “Wertezerfall von 1945″ dankend übernimmt. Geht es noch scheinheiliger?

Die Süddeutsche wiegt aus

Donnerstag, 17. August 2006

Nach Monaten “israelkritischer” Berieselung durch Avenarius & Co. wirkt ein normaler Text wie ein Wunder. Das soll bestimmt genügen, ab morgen wird die Zeitung wieder für  Ausgewogenheit sorgen, wie sie sie versteht. Heute aber genießen wir die Zeilen, die gut tun (Link):

Günter Grass war als Junge in der Waffen-SS und hat dort drei Monate lang keinen Schuss abgegeben. Die ganze Republik steht Kopf, und doch, und ach - warum lässt es uns so kalt? Joachim Fest, Ralph Giordano, Rolf Hochhuth, Martin Walser, Walter Jens, Erich Loest, Dieter Wellershoff, Walter Kempowski geben ihr Verständnis, ihre Bestürzung, ihre Enttäuschung, selbst ihren Ekel zu Protokoll - keiner ist unter 75. Ein Klassentreffen der alten deutschen Intellektuellen, die über immer dasselbe Thema Auskunft geben wollen oder sollen: Hitler und ich.

Bitte keine Geständnisse mehr! Gibt es keine anderen Themen? Wo sind die Stimmen zu den aktuellen Fragen von Politik und Moral? Es wird Zeit, dass dieses Land sich endlich aus den Selbstbespiegelungen seines zwiebelhautengen NS-Diskurses befreit, dass man den Blick von der eigenen Nabelregion ab- und der Welt zuwendet. Es wird Zeit, dass die hundertmal gepredigten Lehren der Vergangenheit endlich auf die Politik des 21. Jahrhunderts angewendet werden, bevor sie, ein Blick zurück zu Walser, nur mehr blinde Aggressionen erzeugen. Es ist beschämend, dass die Affäre Grass innerhalb von drei Tagen mehr Wortmeldungen und moralisch gefestigte Standpunkte von deutschen Dichtern und Denkern produziert als der Krieg in Nordisrael und Südlibanon in den 33 Tagen davor.

Dabei war die Nahost-Debatte, weit gehend ohne große Namen, die ganze Zeit unüberhörbar vom Basston der deutschen Vergangenheit begleitet. Aber wie eine kaputte Schallplatte hängt sie bei der Beschwörung ,,Nie wieder Auschwitz‘‘ fest - bekanntermaßen eine Leerformel, die mit wirklich allem gefüllt werden kann. Linke deutsche Friedensbewegte, die ihr ganzes Leben als Antithese zu ihren Nazi-Vätern oder -Großvätern entworfen haben, demonstrieren - wie im Juli in Berlin - Seit’ an Seit’ mit Arabern, die ,,Tod den Juden‘‘ rufen. Das aber ist niemandem einen Skandal wert. Man gefällt sich in Betroffenheitspazifismus, der im deutschen Wohnzimmer gewiss bequem, aber leider keine politische Haltung ist. Eine politische Haltung wäre, darüber nachzudenken, unter welchen Umständen sich Kriege nicht vermeiden lassen. Was hat Grass dazu zu sagen? Und was all die anderen? Auch der gut eingeübten Täter-Opfer-Umkehr wäre entgegenzutreten gewesen. Die Fernsehbilder, die Schlagzeilen, der überwiegende Teil der veröffentlichten Meinung wollten uns doch weismachen: Israel ist so stark, so aggressiv, es gibt dort auch immer viel weniger Tote, also muss es ja irgendwie schuld sein. Aus Gründen der Vergangenheit sind wir Deutschen jetzt immer auf der Seite der Schwachen. Also bei der libanesischen Zivilbevölkerung. Die israelische Zivilbevölkerung ist ja in ihren Bunkern gut geschützt.

Wo aber waren die deutschen Intellektuellen, die gesagt hätten: Wir brauchen kein Auschwitz, um uns hier zu äußern? Wir sind auf Israels Seite, nicht, weil Nazideutschland sechs Millionen Juden ermordet hat, sondern weil Israel ein demokratischer Staat ist, mit Feinden, die nicht nur ihn, sondern alle demokratisch verfassten, westlich orientierten Gesellschaften vernichten wollen? Hier geht es nicht um Juden oder Araber, sondern um Demokratie versus mörderischen Fanatismus, um Aufklärung versus Mittelalter, um Menschen- und Völkerrechte versus Märtyrer und Selbstmordattentäter. Reden wir über die vereitelten Attentate von London, reden wir über unser Verhältnis zum Islam, reden wir über die Grenzen der Liberalität. Es geht um uns und unsere Zukunft.

Doch dafür haben unsere alten Herren keinen Sinn und keinen Mut. Sie bleiben bei ihren Lebensthemen. Es gab keine Prominentenliste für Israel, es gibt jetzt eine Prominentenliste gegen die Breker-Ausstellung (die Grass wiederum befürwortet). Angesichts der immergleichen Reflexe, der immergleichen Debatten und Protagonisten bleibt für die Jüngeren in diesem Land kein Platz. Die Alten, die die Nazizeit noch erlebt haben, verstellen ihnen mit ihrem nicht endenwollenden Moralgeflatter die Sicht. Das ist das wahre Methusalem-Komplott.

Die Autoren sind Schriftsteller und leben in Berlin. Von Eva Menasse, 1970 geboren, erschien zuletzt ,,Vienna‘‘, von Michael Kumpfmüller, 1961 geboren, ,,Durst‘‘, beide bei Kiepenheuer und Witsch.

In der gedruckten Zeitung wird dieser Artikel, von der Gattung her ein Leserbrief, so benannt:

Wider die intellektuelle Gerontokratie

Ein Plädoyer für weniger Grass und mehr Nahost in der Debatte

Online sieht das ein wenig anders aus:

Die Waffen-SS-Debatte um Grass
Intellektuelles Moralgeflatter

Der Text selbst ist - ohne die Betitelung - sehr gut. Es wäre schön zu wissen, wie seine Autoren den Text betitelten… Hier wie da sorgt der namenlose witzige Redakteur für Ausgewogenheit, wie sie sich die Redaktion wünscht. Mehr Nahost in der Süddeutschen, ohoho! Wie wäre es zum Beispiel damit, den offenen Brief von 85 Filmkünstlern Hollywoods von heute nachzudrucken, anstatt über Mel Gibson und Jostein Gaarder tagelang zu plaudern?

Die BBC will auch dabei sein

Donnerstag, 17. August 2006

Wie im Blog “Drinking from home” in mehreren Postings gezeigt wurde, liefert eine BBC-Korrespondentin Orla Guerin antiisraelische Reportagen, völlig im Geiste der Hisbollah. Besonders deutlich sieht man deren Fokussierung auf die zerstörten Gebäude und die naive Ausblendung der intakten Häuser, wenn man den Verglech zu den Berichten der anderen Korrespondenten aus demselben Gebiet zieht, was der Blogger auch vorführt (Link). Ich betone das Wort naiv, weil während Guerlin über die komplette Zerstörung schwafelt, zeigt die Kamera mehrere Flüchtlinge, die zurück kommen und ihre Häuser unversehrt vorfinden. In ihrer Reportage wohlgemerkt! (Link zur YouTube-Aufzeichnung)

Wissen alle, dass der Libanon noch nie Israel anerkannt hat?

Mittwoch, 16. August 2006

Als ich die Nachricht entdeckt habe, dass ein libanesischer General soeben verhaftet wurde, weil er Tee mit israelischen Soldaten getrunken hat, dachte ich, das sei ein Witz. Nein, das ist kein Witz, sondern die Realität und die Erklärung für Manches (Link):

A Lebanese general was ordered arrested Wednesday for appearing in a videotape drinking tea with IDF soldiers who had occupied his south Lebanon barracks during their incursion of the country. [...]

Lebanon considers itself in a state of war with Israel although it signed an armistice in 1949. To this day, Lebanon does not recognize the State of Israel.

Lebanese law forbids any dealings with Israel. A Lebanese citizen faces arrest and prosecution. In 2000, after Israel withdrew its army from southern Lebanon, those who worked for the Israelis were arrested tried and given jail terms ranging from a few months to several years. Those civilians who fled to Israel and later returned were also arrested and given prison terms.

To this day, Lebanon refuses entry to any foreigner who has an Israeli entry or exit stamp on his passport.

Lorenz Jäger denkt in Emblemen

Mittwoch, 16. August 2006

Ein Feuilleton-Redakteur der FAZ namens Lorenz Jäger versteht sehr viel von der Emblematik und lässt seine Leser am 12.8. wissen, was er von dem Foto der israelischen Mädchen hält, die Raketen mit der Inschrift “to nazrala with love from Israel” bemalt haben. Da er jahrelang Deutsche Literatur in Japan unterrichtete, dachte ich zuerst, er würde Schreibfehler korrigieren und bemängeln. Nein, der sympathische Autor einer enttäuschenden Adorno-Biographie (”Er formuliert schnoddrig, langatmig und ausladend. Von Adorno lernte er diesbezüglich nichts, denn der forderte Exaktheit.” - Link) ist so entzückt, dass er diese Fotos “zu einem der Embleme dieses Konfliktes” erheben will. Sein kulturgeschichtlich versierter Blick erkennt darin viel mehr als ein normaler Mensch sieht (der Artikel ist bei dem Autor des Blogs Politically Incorrect als pdf-Datei zu sehen - Link):

Dennoch erschrecken diese Fotos in ihrem schreienden Kontrast von blühender Armut und grausamem Kriegswerk mehr als jedes Bild der Zerstörung.

Sensibelchen! Diese Mädchen sind sogar noch schrecklicher. Im Laufe des triefenden Schreibens öffnen sich dem erfahrenen FAZ-Journalisten die Augen:

Als vor ein paar Jahren das Bild eines Berliner Muslims durch die Presse ging, der seine kleine Tochter als Selbstmordattentäterin mit Sprengstoffgürtel ausstaffiert hatte, war man entsetzt. Nun hat man ein Gegenstück.

Nicht zu schnell, bitte. Jäger vergleicht seine Lieblingsmädchen nicht mit wahren Selbstmordattentätern, sondern mit einem Bild von Performancekunst, ganz sicherlich. Die kleine Tochter eines Berliner Muslims hat doch nichts Böses getan. Außerdem liegt Berlin weit entfernt von Frankfurt. Und diese Mädchen haben selbst gemalt - so jung und schon so amoralisch, so hasserfüllt! Und dazu noch in Anwesenheit von ihren Eltern, Soldaten und Offizieren. Und sogar eines Fotografs! Jäger hätte es nie so gemacht. Darauf kann er schwören.

Er bezieht sich, sage ich nur noch zum Schluss, auf die Quellen, die er, offensichtlich bewusst, falsch zitiert. Es waren 12 Fotografen dabei. Es waren mehrere Erwachsene, die Raketen bemalt haben. Erst dann wurden die Mädchen dazu animiert mitzumachen. Nachdem sie Tage im Schutzkeller verbracht haben. Ihre Gesichter spiegelten keinen Hass - vielmehr wirkten die Kinder, als seien sie Teilnehmerinnen an einem Spiel (Die Analyse der Fotos mit mehreren Hinweisen siehe hier und hier.)

Sein Vergleich hinkt deswegen gewaltig - er ist aber auch viel mehr: Nämlich noch ein Emblem antisemitischer Propaganda in der deutschen Presse. Punkt.

Witzige Fotos

Dienstag, 15. August 2006

Nach der Entlassung des retuschierenden Photographen Adnan Hajj geht eine Welle der Fotomontagen durch das Internet. Einige sind recht gut gelungen. Besonders treffend sind die zwei folgenden, finde ich (Link):

Die Unterschrift lautet:

An Israeli tank fires on a clearly marked, helpless baby transport plane as it takes off from Beirut’s Hummus International Airport. (Adnan Hajj for Reuters)

Die Unterschrift:

Israeli helicopters converge on a group of happy children having a wonderful day and minding their business. (Adnan Hajj for Reuters)

Wie sich die ARD rehabilitiert

Montag, 14. August 2006

Die Unausgewogenheit der Nachrichtensendungen von ARD und ZDF ist ein Faktum. Deswegen antworten deren Chefredakteure auf die Kritik noch bevor die Kritik ankommt. Nachdem die Resultate der Untersuchung zugänglich wurden, hat man kurzer Hand das Angebot auf der Homepage der Tagesschau umsortiert, so dass die besonders schlimmen Beiträge nicht mehr angeboten werden. Sie sind noch da, man muss aber deren Links wissen, um an sie ranzukommen.

Auf jeden Fall war das die erste kosmetische Operation. Als sich die zweite Welle der Kritik auftürmte - in Form eines Interviews mit Salomon Korn im “Spiegel”, hat man augenblicklich die Sendung ZAPP für sich umgedeutet. Das war ein guter Trick und hat offensichtlich gewirkt, denn bis jetzt ist nirgendwo eine Widerlegung zu lesen.

Und heute, sofort nach der dritten Welle mit dem Interview des israelischen Botschafters, hat die ARD ganz schön brav nachgelegt - im “Report” wurde eine der Lügen dementiert, die tagelang von mehreren Medien, aber nicht von der ARD, wiederholt wurden - nämlich über einen erfundenen Einsatz der Chemiewaffen. Reporter haben eine Recherche begleitet und schülerhaft darüber berichtet, schön und gut.

Im Endbericht - sowohl in der Sendung als auch im Manuskript (Link) - wird mehrere Male die provokative Frage gestellt, ob denn Israel so schlimm und so böse sei usw. Die Antwort wird ganz nüchtern zweimal ausgesprochen:

Gewebeproben von acht angeblichen Chemiewaffenopfern aus dem Südlibanon enthalten keine Rückstände von chemischen Kampfstoffen.

Das steht zu Beginn des Textes. Kein Wort darüber, dass der Chefarzt die Lüge verbreitet hat. Kein Versuch, diesen Arzt mit der Widerlegung seiner Lüge zu konfrontieren. Der Leser sei so klug, der Zuschauer noch klüger, die würden schon alles richtig verstehen.

Ich behaupte mal etwas anderes. Sie werden den Titel der Sendung für sich in Erinnerung behalten:

ARD geht Vorwürfen nach

Keine Beweise für Chemiewaffen im Südlibanon

Das steht bei der Tagesschau. Und das lässt sich zweideutig interpretieren. Ein Idiot wird daraus die nächste Verschwörungstheorie spinnen. In voller Ruhe.

Kriegsverbrechen im Libanon?
Die schwierige Suche nach der Wahrheit

 

Das steht beim SWR (Link). Genauso verschwörerisch und nebulös.

Feine Sache.

Zweimal Grass und mehr

Montag, 14. August 2006

Der stellvertretende Chefredakteur der “Süddeutschen” Kurt Kister hat einen moralisierenden und an sich gelungenen Text geschrieben. Nur ein Satz darin will nicht sitzen:

Die Tatsache, dass Grass in der SS gedient hat, ist genauso wenig verwerflich wie der SS-Dienst vieler sehr junger Deutscher gegen Kriegsende.

So eine Leichtigkeit beim Schreiben möchte ich nicht haben…

[UPDATE: Kister erfüllt die Prophezeiung Broders, am selben Tag ausgesprochen (Link):
Ärgerlich an der Affäre ist nur eines: Dass auf dem Umweg über Grass die Waffen-SS rehabilitiert wird. Wenn Grass dabei war und sich die Hände nicht schmutzig gemacht hat, können die Jungs so schlimm nicht gewesen sein, eine kämpfende Truppe eben, mit einem etwas abgehobenen Bewusstsein, der Rohstoff aus dem Romane geformt werden.]
Von vielen Kommentaren zum selben Thema, die heute erschienen sind und fast alle auf die bekannte Weise Grass spiegeln (ich meine heucheln, genauso wie Walser und Fest), hebt sich in einer erfrischenden Weise ein Artikel in der NZZ ab. Roman Bucheli sagt da unter anderem Folgendes (Link):

Die «FAZ» - die sich in dem Interview nicht durch hartnäckiges Nachfragen profiliert - spielt Grass gegen Ende des Gesprächs das Stichwort Celan zu. Grass lebte in den späten fünfziger Jahren vier Jahre in Paris und war damals mit Paul Celan befreundet. Über ihn lesen wir nun: «Meistens war er ganz in die eigene Arbeit vertieft und im Übrigen von seinen realen und auch übersteigerten Ängsten gefangen.»

Keinen Gedanken scheint Grass darauf verschwenden zu wollen, dass Celans «übersteigerte Ängste» gerade in solchen gespenstischen Leerstellen des Schweigens, wie sie nun Grass einräumt, ihren Grund gehabt haben könnten. Nicht auszudenken, wenn Celan erfahren hätte, dass sein Freund Mitglied der Waffen-SS gewesen war. Süffisant fügt Grass seinen Erinnerungen an Celan nun hinzu: «Wenn er seine Gedichte vortrug, hätte man Kerzen anzünden mögen.»

Der Hamburger Germanist Klaus Briegleb sprach vor einiger Zeit von der «angemassten moralischen Unbescholtenheit», die zusammen mit einer «einzigartigen Praxis des Vergessens» im Kreis der Gruppe 47, deren prominentes Mitglied Grass war, am Gedeihen eines deutschen Antisemitismus nach der Shoah mitgewirkt habe. Günter Grass liefert - mit etwas Verspätung - den schlagenden Beleg für die These.

Ich hoffe, das erreicht den Nobelpreisträger Grass und sitzt.

Vier Heuchler in einem Text

Sonntag, 13. August 2006

In der “Zeit” online habe ich den folgenden Bericht gefunden (Link). Darin geht es um die Reaktion auf die Selbstenthüllung des Schriftstellers Günter Grass, er habe bei der Waffen-SS gedient, ohne dabei einen einzigen Schuss abgegeben zu haben:

Spätes Bekenntnis:

Walser stellt sich hinter Grass

Nach dem Geständnis von Günter Grass, in der Waffen-SS gewesen zu sein, ist das Echo geteilt. Während Martin Walser Grass in Schutz nimmt, erklärt der NS-Forscher Fest, er würde “von diesem Mann nicht mal mehr einen Gebrauchtwagen kaufen”.

Berlin - Nach dem Bekenntnis von Günter Grass zu seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS hat Günter Grass Unterstützung von seinem Schriftstellerkollegen Martin Walser erhalten. “Der Mündigste aller Zeitgenossen kann sechzig Jahre lang nicht mitteilen, dass er ohne eigenes Zutun in die Waffen-SS geraten ist”, sagte Walser der “Stuttgarter Zeitung”. “Das wirft ein vernichtendes Licht auf unser Bewältigungsklima mit seinem normierten Denk- und Sprachgebrauch”, fügte Walser hinzu. Grass habe “durch die souveräne Platzierung seiner Mitteilung diesem aufpasserischen Moral-Klima eine Lektion erteilt”.

Anders die Einschätzung des NS-Experten Joachim Fest: “Ich würde von diesem Mann nicht mal mehr einen Gebrauchtwagen kaufen”, sagte Fest der “Bild”-Zeitung über Grass. Er verstehe nicht, “wie sich jemand 60 Jahre lang ständig zum schlechten Gewissen der Nation erheben kann, gerade in Nazi-Fragen - und dann erst bekennt, dass er selbst tief verstrickt war.” Nach Ansicht Fests ist Grass als moralische Instanz durch sein jahrzehntelanges Schweigen “schwer beschädigt”. (tso/ddp)

Der - für mich - entscheidende Unterschied zu vielen anderen Zeitungen (die auch die Zusammenfassung der dpa weitergeben) ist, dass hier nur zwei Positionen ausgewählt wurden. Bis vier können meine Leser hoffentlich zählen. :-)

Ist das eine Niederlage?

Sonntag, 13. August 2006

In ersten Analysen des Kriegs, den Israel gegen die Hisbollah führen musste und der vorerst langsam zu Ende geht, zeichnen sich kritische Töne ab. Zusätzlich zu den Publikationen, die ich schon verlinkt habe (siehe Kategorie “Krieg gegen Israel”), verweise ich auf zwei, die allerdings noch weiter gehen.

Eine schonungslose Auseinandersetzung mit Fehlern der israelischen Regierung und der Armeeführung unternimmt Jonathan Ariel (Link). Der Text ist sehr konfrontativ und verspricht innenpolitische Ärger, möglicherweise gar den Rücktritt der Regierung. Der Artikel wurde am 9.8. online gestellt und bleibt bis heute das Beispiel der stärksten Kritik.

Ralph Peters formuliert seine Enttäuschung über das mangelhafte Resultat des Krieges vorsichtiger. Kein Wunder: Er schreibt für die “New York Post” von heute (Link). Er sagt trotzdem genug und Klartext.

Die Kämpfe gehen noch einige Tage weiter. Vielleicht wird sich die Lage noch teilweise ändern.

Falls diese Aufsätze später nicht erreichbar sein sollten, bitte Bescheid sagen. Kopien sind bei furl zurückgelegt worden.