Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Strenger General und netter Schriftsteller Dienstag, 29. Mai 2007

Filed under: Allgemein — peet @ 23:23 Uhr
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Am selben Tag, am 24.5.2007 sind zwei Texte über die Lage im Nahen Osten erschienen, einmal von Giora Eiland, einmal von Amos Oz.

Giora Eiland ist ein ehemaliger Sicherheitsberater der israelischen Regierung, er schlägt zwei Lösungen vor (Link):

Option A: Capturing areas in the Gaza Strip, particularly the Philadelphi Route – while not sufficing with capturing the Route, which is too narrow to protect, and widening it. [...]

Option B: Israel announces that as far as it is concerned Gaza is a political entity (separate from the West Bank,) which is ruled pragmatically and formally by Hamas. As this entity is in a state of war with Israel, Israel would have to take three measures:

  • Immediately close off border crossings between Israel and Gaza (as Gaza is open to Egypt, supplies to and from Gaza could be transferred through there.)
  • Announce that in several months Israel would cease to supply water, electricity and fuel.
  • Since Gaza is an enemy state in a state of war with Israel, every governing institution in Gaza and the infrastructure serving the belligerent effort against us, including roads and bridges, should be targeted.

Amos Oz ist ein bekannter Schritsteller, im Interview mit der italienischen Zeitung “Corriere della sera” schlägt er vor, die gesamte Befriedung der Lage im Gazagebiet der ägyptischen Armee zu überlassen (Link):

Gaza, sfortunatamente, è in mano a bande armate di gangster. L’Autorità Palestinese non ha più il controllo del territorio. E non ce l’hanno nemmeno Fatah, Hamas e Jihad. A questo punto, mi pare necessario un intervento dell’esercito regolare egiziano. [...] Per neutralizzare le milizie armate le forze di sicurezza palestinesi non bastano. Ci vuole un esercito regolare. Secondo me c’è una sola via d’uscita: un accordo trilaterale tra governo palestinese, Israele ed Egitto per l’invio di soldati egiziani a Gaza e la loro permanenza per uno o due anni. [...] Se Hamas prende di mira i civili israeliani, a Sderot e altrove in Israele, penso sia normale che l’esercito israeliano prenda di mira i capi di Hamas.

Amos Oz hat offensichtlich mitgekriegt, was der ägyptische Präsident Mubarak neulich gesagt hat (Link):

He said that the Egyptian government is at a loss regarding the future of the Gaza Strip. However, he also proclaimed that Egypt is making great efforts to end the Hamas government and support Palestinian Authority Chairman Mahmoud Abbas.

“With Hamas no way,” he reportedly said.

Mubarak painted a dark picture of the situation with Hamas and said there was no chance for peace with the organization. “Hamas will never sign a peace agreement with Israel if it stays in power,” the Egyptian president said.

Der eine ist sehr hart, wie es einem General auch zusteht, der andere – sehr nett, wie wir es von einem friedlichen Literaten auch erwarten. Ist eine Annäherung in Sicht?

 

Animierte Architektur Montag, 28. Mai 2007

Filed under: Kunst,YouTube — peet @ 14:56 Uhr
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Die Konkurenz zwischen den Kulturen produziert Weltwunder. Die heutige Generation kennt das meist erst aus dem Spiel “Civilisation”. Nun kann man am Beispiel Dubai-Stadt sehen, wie ein neues Weltwunder entsteht.

Hier eine schnelle Einführung:

Hier mehr über den rotierenden Wolkenkratzer:

Besonders beindruckend finde ich den Tanz in letzen Sekunden der Animation. Einzelheiten, Fotos und weitere Links sind hier gesammelt. Der Architekt von dem Twirling Tower heißt David Fisher. Aus seiner Homepage kann man Details der “dynamischen Architektur” besser verstehen (Link).

Noch ein ambitioniertes Projekt wird in Dubai gebaut -The Pad (Link). Im iPad Tower sind Innenräume dynamisch, im Unterschied zum Twirling Tower. So nennt der Architekt James Law seinen Stil “Cybertecture” (Link):

Wir können dankbar sein, dass wir wenigstens ein Phaeno von Zaha Hadid in Wolfsburg haben:

Ich bewundere diese Mischung aus Arche Noah und Enterprise. :-)

 

Das ewig Weibliche in der Animation Sonntag, 27. Mai 2007

Filed under: Kunst,YouTube — peet @ 11:34 Uhr
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Ein neuer Künstler bei YouTube mit einem bescheidenen Nicknamen eggman913 arbeitet mit dem Programm Abrosoft FantaMorph 3. Seine zwei Animationen sind bewundernswert, denn sie bewundern das ewig Weibliche gebührend:


Mit der ähnlichen Methode schafft er eine Hommage an Picasso:

Aus seinem anderen Video über eine Reise durch die exotischen Gebiete der USA kann man eine natürliche Gabe sehen, die von der Montage im Geiste Eisensteins zeugt:

Zum Vergleich würde ich ein vergleichbares kunstvolles Projekt eines jungen Mannes ziehen, der sich jeden Tag sechs Jahre lang fotographierte und daraus eine Animation bastelte:

Ein anderer – sogar 8 Jahre lang:

Das sind zwei Methoden mit der Zeit umzugehen. Bei eggman913 geht es um die Ewigkeit, bei Noah und Jonathan – um die Vergänglichkeit.

 

Darfur und Israel als Stichworte Samstag, 26. Mai 2007

Filed under: Allgemein — peet @ 16:29 Uhr
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Von Idan Gazit (Link).

UPDATE: Eine Reihe von Interpretationen bietet David Bogner an, in seinem Blog “Treppenwitz” (Link).

 

Noch einmal zu Giordanos Burken Freitag, 25. Mai 2007

Filed under: Deutschland,Medien — peet @ 15:03 Uhr
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Die FAZ von heute setzt die Debatte um die Äußerungen Ralph Giordanos fort (Link) – aus einer ganz anderen Perspektive heraus (Link). Christian Geyer ist im Namen der Zeitung darauf neidisch, dass Giordano deren moschee- und islamkritische Position besetzt, und will ihn zurückdrängen. Nicht besonders humorvoll und stellenweise sogar einer nicht besonders feinen Unterstellung verdächtig, dafür aber mit einer interessanten Leserdiskussion im Anschluss.

Geyer:

Wenn er das Recht, die Burka zu tragen oder eine Moschee zu bauen, vom Mehrheitswillen der deutschen Bevölkerung abhängig machen will (“Politiker, die für den Bau einer Moschee sind, missachten Volkes Stimme“), dann wird sich der Schrifsteller bald umschauen, welche Themen sonst noch auf der Mehrheitsagenda landen, mit dem Ziel, verbriefte Grundrechte per Plebiszit ausser Kraft zu setzen. 

Ein Leser:

Wer ein Problem mit der Burka hat, der hat ein Problem mit sich selbst!

Ein anderer Leser: 

Im Koran steht eindeutig, dass die Frau sich zu verschleiern hat, und zwar um sich von den Ungläubigen abzugrenzen.

Eine dritte:

Nirgendwo im Koran befindet sich eine Passage die die Ganzkörperverhüllung für Frauen vorschreibt. 

Eine vierte:

Die Burqa oder einen Schleier jeglicher Art mit Argumenten von Menschenrechten zu verbannen ist unlogisch, immerhin wuerden Rechte der Frauen verletzt werden die das Burqa aus freien Stuecken tragen.

Ein fünfter:

Kampf gegen Burka = Kampf gg. Zwangsverheiratung = Kampf gg. Zwangsprostitution

Ein sechster:

Warum ist es (fast) unmöglich, in Ländern, in denen der Islam Staatsreligion ist, Kirchen zu bauen?

Leser sind weiter als die Zeitung, ist das nicht schön?

 

Nebenbei antisemitisch Donnerstag, 24. Mai 2007

Filed under: Allgemein — peet @ 18:49 Uhr
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Zwei kleine Beispiele, an sich alltägliche Lektüre. Nur passen sie irgendwie gut zusammen.

In der heutigen “Süddeutschen” belehrt Sonja Zekri einen alten Mann (Link). Sie hat Ralph Giordano bei der übertrieben harten negativen Einstellung hinsichtlich der geplanten Moschee in Köln erwischt, jawohl. Nur ist das zu wenig für die Zeitung, da muss man doch auch Juden ins Spiel bringen, sonst ist das tägliche Pensum nicht erfüllt. Das geht so:

Der deutsche Antisemitismus steht singulär in der Tradition eines biologistischen Judenhasses, der im Mord an sechs Millionen Juden kulminierte.

Der muslimische Judenhass ist dagegen ohne die Krisen im Nahen Osten undenkbar. 

Dieser Plural und die Gegenwartsform des Satzes sind eine hohe Kunst. Das muss man können!

Viel plumper ist das Beispiel aus dem “Titel-magazin”, erschaffen von Christoph Pollmann (Link). Eine große antisemitische Welle begleitet den Rücktritt des Weltbankschefs Paul Wolfowitz. Da kann ein Literat nicht schweigen:

Dieses Gesicht und dieser Name – als hätte sich das ein angetrunkener Komödienschreiber ausgedacht! Und dazu diese schmierige BRISK-Haartolle [...] Gekrönt wird das Ganze von einer Nase, die glatt die hirnweiche NPD-Politelite auf die Idee bringen könnte, Rassenkunde wieder als Pflichtfach an Hauptschulen einzuführen.

Das ist einerseits viel zu offensichtlich braun, andererseits meckert doch so gut wie keiner (nur David Harnasch). Na, Christoph, hast du schon probiert, “schmierige” Nasen und “Annäherungsversuche” für die SZ zu belächeln?

 

Yegor Gaidar erklärt den Untergang der UdSSR Montag, 21. Mai 2007

Filed under: Geschichte,Politik,Russland — peet @ 22:38 Uhr
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In einem Vortrag hat Yegor (Jegor) Gaidar, der ehemalige Premierminister Russlands unter Jelzin 1991-1994, wirtschaftliche Hintergründe erklärt, wie das Sowjetreich zugrunde gegangen ist (Link). Der Vortrag wurde am 13.11.2006 gehalten, in English, aber erst am 19.5.2007 online gestellt. Sehr empfehlenswert!

 

Sderot

Filed under: Allgemein — peet @ 13:50 Uhr
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Endlich ein Artikel, der das unvorstellbare Leben in der Stadt Sderot thematisiert, – in der Zeitschrift “Spiegel” (Link). Pierre Heumann hat die Aufgabe vorbildlich gelöst.

Zusätzlich verlinke ich die israelische Seite, die das Thema mit authentischen Videos etc. hautnah macht (Link).

 

Anna Magnani singt Donnerstag, 17. Mai 2007

Filed under: Blogging,Film,Musik — peet @ 21:26 Uhr
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Das ist eine berühmte Aufnahme, die jedoch kaum zu finden ist. Seit einigen Tagen ist sie im italienischen Mediablog von diciche zu genießen (Link). Anna Magnani tröstet verwundete und sterbende Soldaten des Ersten Weltkrieges mit dem neapolitanischen Lied “O surdato innamorato” (1915). Meine Empfehlung – mit der älteren Aufnahme von Beniamino Gigli zu vergleichen. Wer den Film “La Sciantosa” (1970) nicht kennt, findet zwei Worte über ihn bei imdb (Link). Der Text des Liedes ist auch zu verstehen (Link).

Im verlinkten Blog sind übrigens viele schöne Fotos und allerlei Kunst zu bewundern.

 

Keine Schlammschlacht (4) mehr Mittwoch, 16. Mai 2007

Filed under: Blogging,Medien,Stefan Niggemeier — peet @ 7:49 Uhr
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Mit dem fulminanten Auftritt von Christoph Keese und seinen Thesen über die Zensur und die Meinungsfreiheit ist die Posener-Debatte endlich zum großen Medienskandal geworden. Cristopher Keil hat dem Chefredakteur der “Welt am Sonntag” Offenbarungen entlockt, die nicht mehr gelöscht werden können (Link):

[...] professioneller Journalismus besteht aus der Kombination von Schreiben und Redigieren. Im Journalismus gibt es keinen Einhandbetrieb, sondern Autoren, die Texte schreiben, und Redakteure, die Texte bearbeiten, oft in einem vielstufigen Verfahren. Erst dadurch entsteht professioneller Journalismus.

Gute Redaktionen lesen Texte in drei, vier oder fünf unterschiedlichen Stufen gegen, bevor diese veröffentlicht werden. Was am Ende in der Zeitung oder online erscheint, ist Teamarbeit. Genau das erwarten Leser von uns: ein sorgsam begründetes Urteil aufgrund sachlich korrekter Informationen.  

[...] Pressefreiheit ist die Freiheit einer Redaktion gegenüber einem staatlichen Zensor und gegenüber Drittinteressen. Eine binnenredaktionelle Pressefreiheit gegenüber dem Chefredakteur kann es nicht geben – das wäre ein absurder Gedanke. Redaktionen haben eine hierarchische Struktur, weil Jahrhunderte Erfahrung gezeigt haben, dass so die höchste Qualität entsteht. In den Gesetzen der Bundesländer ist geregelt, wer die presserechtliche Verantwortung trägt.

Dieser Verantwortliche muss das Recht haben, Maßstäbe zu setzen und deren Einhaltung zu kontrollieren. Das ist keine Zensur, sondern normaler Journalismus. Eine gute Redaktion wie wir pflegt intern eine lebhafte Debatte. Aber absolute Freiheit eines Redakteurs gegen den Rest und die Spitze der Redaktion kann es nicht geben. Wenn ein Redakteur absolute Pressefreiheit gegenüber seinem Chefredakteur in Anspruch nähme, wäre das ein Widerspruch in sich.

[...] In der Diskussion taucht immer wieder der Begriff des Zensors auf. Doch wer sich als professioneller Autor redigieren lässt, unterwirft sich keiner Zensur, sondern der Bearbeitung durch einen Kollegen. Dies ist etwas ganz und gar anderes. 

Ich muss Keese enttäuschen. Was er hier behauptet, stimmt nicht. Was er unter Pressefreiheit versteht, ist Zensur. Sein Verlag und die gesamte Branche haben ein Problem, denn auf diese Weise wurde das Geheimnis ausgesprochen: Es gibt unter Keese keine Pressefreiheit. Autoren dürfen ihre Texte nicht eins-zu-eins in der “Welt” publizieren, diese werden von mehreren Redakteuren verändert. Die Geschichte der Presse wird dabei leichter Hand umgeschrieben bis zur Unkenntlichkeit.

Die Reaktionen sind bis jetzt unausgeglichen – stumm in der Presse, laut heftig in der Blogosphäre. Die – aus meiner Sicht – wichtigsten bis dato wären:

Von Matthias Dell in der Netzzeitung (Link):

Hat die Pressefreiheit in diesem Land noch eine Chance? 

Von Thomas Knüwer, der sich in seinem Handelsblatt-Blog (Link) gerade in diesem Punkt bereit zeigt, mit den Verhältnissen zu arrangieren und einem Alan Posener seine private Meinung nicht als solche abkauft:

Es kann in der Tat nicht sein, dass interne Zwistigkeiten so in die Öffentlichkeit getragen werden. Ich rätsele, ob Posener wirklich glaubte, damit durchzukommen. [...] Das darf eine Chefetage nicht zulassen (deshalb auch gilt bei mir die Regeln, dass ich nichts Negatives über meinen Arbeitgeber schreibe – aber auch keine unnötigen Jubelarien).

Ein Journalist denkt hier wie ein Blogger:

Blogs sind nicht “private Tagebücher”, sie können private Tagebücher sein. Genauso wie Zeitungen billiger Sensationsjournalismus und hoch qualitative Information sein können. Blogs sind ebenso ernst zu nehmende Informationsplattformen, die von Keese anscheinend nicht gelesen werden. Warum aber bezeichnet Welt Online seine Blogs als Blogs, wenn Blogs “private Tagebücher” sind? Und wenn Blogs private Tagebücher sind, warum darf Alan Posener nicht seine private Meinung reinschreiben?

Rhetorische Fragen. In der Hoffnung, dass Keeses Leitartikel besser argumentiert sind, als seine Interviewantworten. Alan Posner macht sich über diesen Unsinn heute schon lustig. Er nutzt sein Blog als privates Tagebuch – und feiert seine Tochter.

Mit dem Gegenlesen von Blog-Einträgen diskreditiert der Chef seinen gesamten Debattenbereich.

Auf die Empörung einiger seiner Leser antwortet Thomas Knüwer nicht weniger deutlich:

Redaktionen sind nicht so unabhängig, wie sie gerne wären. Natürlich unterliegen sie als Teil eines Medienkonzerns gewissen Zwängen. Das ist nicht schön. Doch die Alternative wäre oft der Tod der Blätter. Ist das besser?

So arrangiert man sich also. Ein Leser “Ceteris Paribus”  schliesst ab:

Keeses Einlassungen schaden der Welt mehr, als alle Beiträge vorher, denn sie offenbaren genau die unerträgliche Vorgestrigkeit, die viele Redaktionsräume durchweht.

Sebastian Bickerich im “Tagesspiegel” traut sich nur das Wort “die Zensur” auszusprechen, mehr nicht (Link). Er liest ja das böse Wort bei Bloggern. Genauso vorsichtig ist der Blogger Tom Bonnemann, der bei der Welt-Debatte schreibt, aber ja von nichts wissen will (Link).

Eine Sammlung von mehreren starken Kommentaren ist im Blog von Stephan Niggemeier zu bewundern (Link). Unter anderem meldet sich ein Mitarbeiter der Süddeutschen Zeitung, Stephan Handel, der keinen Unterschied zwischen einer Zeitung und einem Firmenbetrieb sieht:

Ich finde Posener unprofessionell. Wenn sich der Marketing-Chef von BMW hinstellt und öffentlich verkündet, eigentlich finde er, Mercedes baue die viel besseren Autos, und der neue 3er sei ja wohl eine Fehlentwicklung, dann wird er auch ein Problem bekommen.

Stephan Handel offenbart weiter:

Bei der Zeitung schreibt der Autor seinen Text. Der wird dann in der Produktion von Produktionsredakteuren redigiert. Zumindest die wichtigeren, größeren, brisanteren Texte liest auch noch der Ressortleiter. Danach die Schlußredaktion. Und schließlich liest auch der Nachtdienst noch mal alles. Gelegentlich kommt´s noch zu Zufallsfunden, manchmal entdeckt dann sogar der Layouter noch Fehler. Rechtschreibprogramm sollte eigentlich auf allen Stufen durchlaufen.

So werden Texte verhunzt, verschlimmbessert. Stefan Niggemeier kommentiert das zurecht:

Im übrigen glaube ich, gibt es keine Zeitung in Deutschland, bei der Texte von so vielen verschiedenen Leuten „gegengelesen” und bearbeitet werden, wie die „Bild”-Zeitung. Jede Hierarchie-Ebene rückt den Originaltext ein bisschen weiter von der Wahrheit weg.

In dieser Hinsicht ist noch ein Beitrag zum Auslöser des Skandals interessant, nämlich von Christian Jakubetz in seinem Jakblog (Link), der etwas neidisch auf das Märtyrertum Poseners zu sein scheint:

Ich habe nur Bauchweh mit dem Märtyrer-Mythos Posener.

und von Ronnie Grob einige gute Fragen bekommt:

Warum hat nicht Diekmann einen Kommentar gemacht im betreffenden Weblogeintrag? So hätte man Meinungspluralität gelebt. Stattdessen hat man ungewollt zugegeben, dass man eigentlich gar keine Debatte wünscht. Warum man dann aber ein Debattenportal aufsetzt, bleibt unerklärlich.

Wie auch immer diese Fragen beanwortet werden, schon jetzt ist klar: Die Blogosphäre ist schneller und offener dabei, sich damit zu beschäftigen. Und die Presse? Ob es sich ändert?

 

Hans Werner Kilz belehrt Horst Köhler Samstag, 12. Mai 2007

Die Süddeutsche Zeitung will alles besser wissen. Neulich hat Hans Leyendecker über die Posener-Affäre doziert (Link):

Poseners Polemik ist aus vielerlei Gründen interessant: Wenn es das Internet nicht gäbe, wäre ein solcher Beitrag vermutlich nie erschienen. Auf dem Weg in die Setzerei hätte sich früher irgendjemand dazwischengeworfen.

Zum anderen ist der in London geborene Posener ein wegen seiner auf vielen Gebieten bestehenden mangelnden Kompromissbereitschaft interessanter Zeitgenosse. Der frühere Studienrat ist ein wortradikaler Liberaler, kein Karrierist. 
 

Sehr kollegial, wie wir sehen. Noch deutlicher? Bitte schön:

Die Wut, die mancher bei Springer auf die Achtundsechziger hat und die früher zur Karriere-Ausrüstung gehörte, teilt der Querkopf so nicht. Posener gehörte einst dem Kader einer Mao-Gruppe an und wundert sich manchmal, dass er damals kein Berufsverbot erhielt. Diese Gefahr bestand bei dem Burschenschaftler Diekmann nie. 
 

Will jemand noch einen ehemaligen Maoisten, den Querkopf und einen früheren Studienrat und ansonsten “interessanten Zeitgenossen” verteidigen?

Heute hat der Chefredakteur sich den “Volkspräsidenten” vorgenommen (Link). Der Artikel ist offensichtlich als zukünftig preisverdächtig intendiert. Ein hoher moralischer Zeigefinger.

Einige Fragmente daraus:

Hätte er wirklich etwas verändern wollen, hätte er handeln müssen – also begnadigen.

Soll das einer verstehen? Meint Hans Werner Kilz, Köhler hätte begnadigen müssen? Wer sollte dabei befriedet werden?

Was ist los in dieser Republik, wenn die Begnadigung eines Terroristen das Volk mehr in Wallung versetzt als die Entsendung deutscher Soldaten in Kriegsgebiete, die gescheiterte EU-Verfassung oder die rechtlich dubiose Neuwahl-Entscheidung des Präsidenten 2005 – Köhlers erster Verzicht, sich gegen den Trend zu stemmen?

Welches Volk meint Kilz? Gibt es Umfragen dazu? Oder nimmt er auf sich das Recht als moralische Instanz für alle zu sprechen? 

Der Volkszorn wurde von intellektueller Seite geschürt, nicht aus echter Empörung, mehr aus eitlen, auch merkantilen Gründen. Boulevardblätter müssen dem Volk verkauft, Magazine, Bücher, Filme crossmedial vermarktet werden.

Also doch nicht: Es waren Boulevardblätter, die den Volkszorn geschürt haben. Moment, oder waren es doch die Intellektuellen? Oder gar die Süddeutsche selbst? Am 20.1.2007 wurde die Debatte ausgelöst – mit dem Artikel von Antje Vollmer, den man bei der Zeitung selbst mit keiner Suchmaschine findet. Nur bei Vollmer selbst (Link). Mit dem berühmt gewordenen Vergleich:

Mit 24 Jahren bzw. 22 Jahren haben Christian Klar, Brigitte Mohnhaupt, Eva Haule, länger im Gefängnis gesessen als jeder NS-Täter. (Albrecht Speer z.B. saß 20 Jahre in Spandau und danach standen ihm sogar die Türen zur Berliner Gesellschaft offen.)

Im selben Artikel schrieb Vollmer:

Es ist an der Zeit ein Kapitel zu beenden. Es ist an der Zeit, daß sich die deutsche Öffentlichkeit und die deutsche Politik dazu gratuliert, dieses Thema Terrorismus mit Klugheit, Maß, Umsicht und demokratischem Mut richtig beendet zu haben. Der Bundespräsident sollte und kann die Begnadigungen bald aussprechen – und zwar für alle verbliebenen Inhaftierten zusammen – wenn sie es denn wollen. Die deutsche Öffentlichkeit ist nicht rachsüchtig – wenn sie nicht medial aufgeputscht wird. Es braucht nicht mehr so viel Mut und nicht mehr so viel Energie, die für ein gutes Ende aufzuwenden ist. Problematisch ist immer nur die Gleichgültigkeit und das Desinteresse einer Öffentlichkeit, die leicht vergißt, daß hier im Sinne eines humanen Friedens noch etwas abzuschließen ist – aus einer längst vergangenen Epoche, die aber heute im globalisierten Rahmen wieder hoch aktuell ist.

Hier wird die eigene Meinung schon wieder als Urteil der Geschichte ausgegeben, der Präsident und die Öffentlichkeit werden beschworen bzw. manipuliert, obwohl die anderen, die Gegner, es nicht tun dürfen usw. Doch zurück zu Kilz:

Warum hat der Bundespräsident wohl das Gnadenrecht? Damit das Volk ihm zujubelt, wenn er einen Terroristen oder Mörder begnadigt? Das Volk jubelt lieber Hinrichtungen zu, die Bilder werden aus aller Welt täglich in die Zeitungsredaktionen geliefert. Das Gnadenrecht gibt es, um zu befrieden. Es unterscheidet sich gerade dadurch vom Strafrecht, dass es ohne Vorbedingungen gewährt wird. Gnadengesuche sind Unterwerfungen.

Wen wollen Kilz und Vollmer befrieden? Kann mir einer diese Frage beantworten? 

 “Vox populi, vox Rindvieh” hat Stoibers Vorgänger Franz Josef Strauß einst gesagt. Er war ja auch ein Demokrat, ein grober vielleicht, aber ein intelligenter. Er wusste jedenfalls, wovon er sprach, auch wenn es dem Wahlbürger nicht besonders schmeichelte. [...] Köhler hat im Fall Klar eine plebiszitäre Entscheidung getroffen. Der Bundespräsident übt ein Amt aus, das ihm wenig politischen Einfluss zugesteht. Aber es ist kein unpolitisches Amt. Köhler hat wieder einmal gezeigt, dass er kein politischer, sondern ein für Populismus empfänglicher Präsident ist.

Wird hier schwarz auf weiß Strauß als intelligenter Demokrat bejubelt? Dazu noch mit dem Zitat? Im Ernst? Wird seine arrogante Ignoranz der Demokratie deswegen als vorbildlich geschildert, weil er nie einen Klar begnadigt hätte? Wo hat hier eine Logik ihre Spur hinterlassen?

Wie hätte Köhler unversöhnliche Parteien befrieden können, wenn sie nicht einmal einander verstehen? Die einen sehen nur Mörder, die anderen – nur Begnadigungen. Sie reden aneinander vorbei. Zum Vergleich noch vier Verweise:

In der FAZ vom 8.5 rüstet Stephan Löwenstein gegen die Grünen auf, denunziert sie der Verbindungen zu RAF und weil doch nichts dabei herauskommt, seufzt er am Ende (Link):

Tatsächlich haben sich nur wenige, etwa wieder Frau Vollmer oder der Fraktionsgeschäftsführer Volker Beck, ausdrücklich für eine Begnadigung Klars ausgesprochen. So konzentrieren sich auch die Grünen beim Thema RAF inzwischen hauptsächlich auf die Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner.

Andersherum die “Junge Welt”, bei welcher sich die Gegenseite in einem exemplarischen Leserbrief empören darf (Link):

Die Entscheidung des Bundespräsidenten Köhler, das Gnadengesuch von Christian Klar abzulehnen, erfolgte am Vortag des 8.Mai. Dies mag Zufall sein, entbehrt aber nicht einer grundsätzlichen Symbolik. Kein einziger der Nazi-Blutrichter wurde je im NS-Nachfolgestaat BRD für seine Untaten verurteilt. Kein NS-Massenmörder hat – wie Klar – 24 Jahre, darunter viele in Einzelhaft (»weiße Folter«) für seine Taten büßen müssen.

Der Thälmann-Mörder Wolfgang Otto wurde ebensowenig wie seine Mittäter im KZ Buchenwald für seine Bluttat verurteilt, sondern lebte unbehelligt, zunächst als Lehrer im Staatsdienst und später als Rentner, bis zu seinem natürlichen Tod in den 90er Jahren im niederrheinischen Geldern. Dieser Henker wurde am 29. August 1988 im Saal 117 des Düsseldorfer Landgerichts vom Vorsitzenden Richter Enno Legde sogar freigesprochen, was von Kommentatoren damals als »Schandurteil« und »Justizskandal ohne Beispiel in der Nachkriegsgeschichte« gewertet wurde. (…)

Köhlers jetzige Entscheidung, die nun von der »politischen Klasse« und den Bourgeois-Medien unisono beklatscht wird, ist ganz im Sinne der Tradition dieses Staates, dessen Repräsentanten bis heute die Herausforderung der 70er Jahre, die sich explizit gegen eben jene Traditionslinie wandte, nicht verwunden haben. Die von Christian Klar in seinem Grußwort an die Rosa-Luxemburg-Konferenz skizzierte Notwendigkeit des antikapitalistisch (und antifaschistischen!) Kampfes bleibt auf der Tagesordnung, und zwar drängender denn je. Heinz W. Hammer, Essen  

Irgendwo dazwischen sitzt die TAZ und versucht sich herauszureden (Link):

Horst Köhler hat nicht erklärt, seit wann ihm das Gnadengesuch Birgit Hogefelds vorliegt, das der Öffentlichkeit bislang unbekannt war. Er hat auch nicht erläutert, warum er sich “nicht in der Lage” sieht, “derzeit” über ihr Gnadengesuch zu entscheiden. All dieses Schweigen ist gut und richtig, so unverständlich es auf den ersten Blick auch sein mag. Die grundsätzliche Befugnis des Bundespräsidenten, im Falle von Terroristen und Spionen “Gnade vor Recht” zu gewähren, festgehalten im Artikel 60 des Grundgesetzes, liegt nun einmal im freien und nicht überprüfbaren Ermessen des Staatsoberhauptes. Dieses Recht, soll es wirksam sein, muss sich der aufgeregten politischen Debatte geradezu entziehen. [...]

Angesichts dieses ungeheuren politischen Drucks – noch am Wochenende hatte die CSU offen damit gedroht, eine Wiederwahl Köhlers im Frühjahr 2009 zu blockieren, sollte er Klar begnadigen – zieht sich der Bundespräsident achtbar aus der Affäre. Er hat, offenbar nach gründlicher, schwieriger Abwägung, eine souveräne Entscheidung getroffen. Er hatte sich zuvor durch Tausende von Akten gefressen. Er hatte, so wurde es vorige Woche im Stern kolportiert, mit RAF-Experten wie Kay Nehm, Klaus Kinkel, Antje Vollmer und Stefan Aust ebenso getroffen wie mit Angehörigen der RAF-Opfer, unter ihnen Hergard Rohwedder und Michael Buback. Und schließlich hatte sich der Bundespräsident bei einem Gespräch mit Klar am vorigen Freitag irgendwo in Süddeutschland ein persönliches Bild von dem Mann gemacht, der seit über 24 Jahren hinter Gittern sitzt.

Köhler soll dabei, so schilderten es mehrere seiner Gesprächspartner, nicht die Frage der Symbolik oder der gesellschaftlichen Versöhnung interessiert haben, sondern die menschliche Dimension des “Falles” Christian Klar, die Frage seiner möglichen oder gar notwendigen Resozialisierung. Warum ihm der Bundespräsident die Gnade verweigert hat, wissen wir nicht. Die routinierten Reaktionen aus allen politischen Lagern (SPD: “souverän”; FDP: “klug und weise”; CSU: “in Einklang mit dem Gerechtigkeitsempfinden einer großen Mehrheit in Deutschland”) tragen zur Aufklärung diesbezüglich nichts bei.

Mit diesen Worten von Jens König könnte man abschliessen. Wenn fast alle unzufrieden bzw. unbefriedet sind, ist Köhler sowieso schuld. Etwas nüchterner sieht die Perspektive bei Gudula Geuther aus, die beim Deutschlandradio den gesamten Ablauf der Debatte treffend beschrieben hat (Link). Nicht spektakulär – dafür aber realistisch.

 

Die TAZ liest gerne

Filed under: Allgemein — peet @ 11:09 Uhr
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Die TAZ kündigt eine neue Artikelreihe an (Link):

Beginnend mit diesem Artikel, bitten wir in unregelmäßiger Reihe taz-Autoren, ein Buch, das sie einst beeindruckte, noch einmal zu lesen

taz-Autoren lesen von sich selbst aus nur einmal. Gut zu wissen. Kein Wunder, dass Detlef Kuhlbrodt im ersten Artikel aus den “Dämonen” Dostojewskis nur das eine herausliest:

Beim neuen Lesen dachte ich eher an den amoklaufenden Studenten als an die RAF.

Glückwunsch! 

 

Wahl in Bremen und interaktive Demokratie Freitag, 11. Mai 2007

Filed under: Bremen,Deutschland,Medien,Politik,TAZ — peet @ 13:27 Uhr
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Politik als Ware – das ist auch ein Produkt, nun wochenlang vermarktet von und durch die Plattform politik.de. Die SPD-Spitze in Bremen hat gerade noch rechtzeitig entdeckt, dass die kandidatenwatch.de-Seite mit allen Begleiterscheinungen viel zu tolerant auf dem rechten Auge ist. Der amtierende Bürgermeister distanzierte sich von der Idee der Plattformbetreiber, alle Parteien gleich zu behandeln. Die TAZ war damit nicht einverstanden (Link).

Inzwischen sind noch zwei Tage vor der Wahl geblieben. Zu der Susanne-Albrecht-Affäre, die eigentlich eine Bild-Zeitung-plus-CDU-Affäre ist, wurde in der Presse schon genug gesagt – bei der Gelegenheit kämpfte die TAZ schon wieder gegen die SPD (Link). Christian Hochhuth von dem Politgeschäft arbeitet an seiner Sache unermüdlich weiter. In mehreren Interneträumen, inclusive “Second Life”, wird mit der Politik hantiert als wäre es eine Boulevard-Veranstaltung, so wie eine Suchaktion nach einem nächsten “Superstar” für das Geschäft Dieter Bohlens (Link). Die selbstentlarvende Krönung des Unternehmens steht im Netz. Das ist das Chatprotokoll einer Onlinesitzung vom 9.5. (Link). Christoph Dowe [korrigiert! s. Kommentar] schimpft gegen die SPD als “Online-Verweigerer” und Christian Hochhuth lässt die Teilnehmer plaudern. Am Ende kommt nichts heraus – viel bla-bla. Das wäre schon alles, wenn nicht die Werbung für das hauseigene Produkt, die immer wieder dezent gestreut wäre. Gemeint ist politikforum.de. Dieses Forum arbeitet seit Jahren und ist zu einem Sammelbecken der Rechtsradikalen geworden, die es erfolgreich unterwandert und für sich gewonnen haben. Es ist das sozusagen beste negative Beispiel für die Tätigkeit Hochhuths und C°.

Weder Politiker, die am Chat teilgenommen haben, noch die Presse haben daran etwas ausgesetzt. Klar, weil sie keine Ahnung davon haben.

Ich bringe nur ein Beispiel. Im politikforum.de wird immer wieder gerne abgestimmt, wobei Forumsmitglieder, darunter viele Reps, Radikale verschiedener Sorte, Rassisten und Antisemiten, für ihre Sache kämpfen und auftreten. Auf dem Diagramm kann man sehen, wer da die Mehrheit hat und wie weit die Stimmverteilung von der Realität entfernt ist:

Für die “Welt” ist das “harmlos” (Link). Kritischer sehen die Arbeit von politik.de nur die SPD-Leute (Link) und eine Politikwissenschaftsstudentin Julia Spreen (Link):

Internetportale sind für mich aktuell noch keine zufrieden stellende Lösung zur Verbesserung der Kommunikation zwischen Parteien und Wählern. Wissenschaftler und Praktiker fordern immer wieder mit Nachdruck, dass die Politik die durch das Internet zur Verfügung stehende Interaktivität viel stärker nutzen muss . Wie jedoch eine konkrete Ausgestaltung aussehen soll, das bleibt meist offen. Kandidatenwatch.de ist für mich im jetzigen Format jedenfalls keine Antwort auf diese Frage. 

Einverstanden.

 

Schlammschlacht 3 Donnerstag, 10. Mai 2007

Filed under: Blogging,Medien — peet @ 14:39 Uhr
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Alan Posener sagte in einem Weblog der “Welt” ein paar treffende Kritikworte über die “Bild”-Zeitung und ihren aktuellen Chefredakteur Kai Diekmann. Kurz darauf wurde das komplette Posting enfernt, nicht von Posener wohlgemerkt, sondern von der Spitze des Springer-Verlags. Weblogs werden bei der “Welt” moderiert, nicht von den Autoren selbst, sondern irgendwie intern, so dass die Autoren nicht so ganz genau wissen, wie das läuft. Es ist also einerseits Poseners Blog, andererseits auch nicht seins, sondern der Firma.

Die demonstrierte Meinungsfreiheit fühlt sich gut an. Die Wellen schlagen mit jeder Stunde höher. Posener schweigt zum Thema. Zeitungen legen über die Sitten der Konkurenz los, Blogger teilen sich in welche, die Posener bedauern, und welche, die über seine Lage ironisieren. Als ich vor einigen Tagen den Trend zu den Blogs bei den Redaktionen als die nächste Stolperfalle angesprochen habe (Link), konnte ich nicht ahnen, dass meine böse Prophezeiung so schnell in die Erfüllung geht. Da habe ich auch was gelernt!

Und nun in gewohnter Weise einige Fragmente, die vielleicht selbstredend sind.

Alan Posener amüsiert sich am 3.5 (Link):

Zensur bei Apocalypso

Skandal! Apocalypso wird zensiert.  

Das ist ein Witz, alles lacht mit. Am 7.5 legt er nach (Link):

Zensur bei Apocalypso (II)

Angeblich wird Apocalypso immer noch zensiert. Dem ist aber nicht so.  

Posener merkt immer noch nicht, dass er tief in der Falle sitzt und argumentiert am 8.5 weiter (Link):

Manche Leute scheinen es darauf anlegen zu wollen, zensiert zu werden, damit sie sich nachher beschweren können über die undemokratischen Zustände bei Welt-Debatte. 

Am 9.5 wird der Zensurfall auf dem Blog “Apocalypso” durch lupo in dem Bildblog aufgedeckt (Link). Auf dem “Apocalypso” ist seitdem bis dato die Funkstille. Die Pressemeldung des Springer-Verlags ist nicht zu toppen und wird inzwischen von allen Medien zitiert:

Dies ist die Entgleisung eines einzelnen Mitarbeiters. Der Beitrag von Alan Posener über Kai Diekmann ist ohne Wissen der Chefredaktion in den Weblog von Alan Posener gestellt worden.

Der Beitrag ist eine höchst unkollegiale Geste und entspricht nicht den Werten unserer Unternehmenskultur.

Bei Axel Springer gilt Meinungspluralismus, aber nicht Selbstprofilierung durch die Verächtlichmachung von Kollegen.

Hier wird zugegeben, der Blog Poseners ist kein Blog Poseners. Unkollegial  ist was den “Werten” des Springer-Verlags nicht entspricht. Die Kritik ist “Verächtlichmachung” und “Selbstprofilierung”. Orwell lässt grüßen. Susanne Albrecht und weitere unzählige Opfer der Zeitung auch.

Am selben Tag gibt das “Handelsblatt” diese Nachricht weiter (Link). Darin schildert Hans-Peter Siebenhaar den Ablauf und stellt sich auf eine neutrale Position (“deftiger Angriff”, “offene Kritik”, “kernige Formulierungen”, “aggressiver Seitenhieb”). Der “Spiegel” bleibt nicht stumm und beschreibt die Geschichte in ähnlichen Tönen (Link):

“WamS”-Kommentarchef attackiert “Bild”-Chefredakteur

Man freut sich über den “Streit bei Axel Springer”, man nennt noch einige vergleichbaren Zwischenfälle und verweist auf den Bildblog. Alles neutral, klar. Vergleichbar hämisch schreibt die “Berliner Zeitung” (Link):

Dabei hätte es Springer wissen müssen: Autor Alan Posener ist in den 60ern groß geworden.

Genauso die TAZ (Link). Alle sind mit der Bild-Zeitung beschäftigt und vergessen Posener auf der Stelle. Höchstens bedauern sie ihn wie die Zeitschrift “Internet World Business” online (Link):

In Weblogs soll man ehrlich und authentisch sein, sagen Experten. Der Kommentarchef der “Welt am Sonntag” nahm dies wohl zu wörtlich.  

Die Blogger-Szene reagiert erstaunlich langsam. Die meisten verhalten sich wie Nachrichtensprecher, nennen Fakten, ohne Kommentar, als wäre die Story vollkommen klar. Von vielen Dutzenden von Beiträgen sind vielleicht 5 (fünf) lesenwert:

Peter Schink schreibt in seinem privaten Weblog “Blog Age” (Link):

Die Aufmerksamkeit wurde jedenfalls durch die Löschung so groß, dass einige Medien darüber berichten. Kommunikation im Web 2.0 ist ein komplexes Konstrukt. Und ein Vorgehen wie das gestrige wird schnell bestraft und dient nicht gerade dazu, “Online first” zu leben und den Verlag im Internet nach vorn zu bringen.

Ich wünschte mir sehr, solche Veränderungen in der Internet-Kommunikation würden gesehen – die Kompetenz gibt es ja im Haus.

Aus meiner Sicht, sehr vorsichtig formuliert, aber immerhin. Ich gehe davon aus, dass die meisten Mitarbeiter des Springer-Verlags über eine Überlebenskompetenz verfügen und keine Mahnung oder Belehrung benötigen.

Florian Steglich im Blog “j20″ findet es entzückend (Link),

daß der Blogeintrag von Posener in ebenjenem Teil von Welt Online erschienen und aus ebenjenem wieder entfernt worden ist, der sich “Debatte” nennt und irgendwie auch was mit Streitkultur zu tun haben sollte.

Hans-Peter Heise kommentiert beim kress-redaktionsblog (Link):

Wenn sich aber ein Medienhaus dazu entschließt, seine Autoren aufzufordern, Blogs mit hoher Subjektivität zu bestücken, in denen das Gesicht des Bloggers offenbar wird und er sich nicht hinter der Marke verstecken kann, dann muss dieses Medienhaus auch akzeptieren, dass der Blogger aus seinem Herzen keine Mördergrube macht. Die PM, nach der skandalöserweise dieser Beitrag ohne Genehmigung der CR ins Blog kam, dokumentiert die Unkenntnis bei Springer im Hinblick auf neue Medienformen wie Weblogs. Man hat keine Ahnung von der Vernetzung und Unmittelbarkeit in der Blogosphäre und macht sich damit eher lächerlich. Der aktuelle Vorgang ist wieder ein Beleg, dass Springer noch immer ein monologisches Medienhaus ist, in dem zwar Meinungen erdacht und abgesondert, nicht aber ertragen werden.

Eine nette ironische (wenn auch etwas schwerfällige) Parodie auf die Stellungnahme des Springer-Verlags erlaubte sich Steffen im Blog Media-Ocean (Link). Die ausführlichste Erklärung der laufenden Dinge bietet Ronnie Grob im Blog “Medienlese”an (Link), darin auch witzig:

Was? Die Chefredaktion hat besseres zu tun, als ständig alle Weblogeinträge aller ihrer Mitarbeiter zu lesen? Skandal!

Im Keese-Blog geschieht seit Tagen nichts, oder? :-) Langsam wird aus der Schlammschlacht eine bühnenreife oder, besser gesagt, eine verfilmbare Story über die Meinungsfreiheit. Fein.

 

Statistischer Beweis für No-Go-Areas Samstag, 5. Mai 2007

Filed under: Allgemein — peet @ 12:19 Uhr
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Gestern wurde der Bericht des Statistischen Bundesamtes (Link) über die Migranten 2005 veröffentlicht. Einige Medien geben den kurzen Überblick. Online wird aber auch das Original angeboten, eine 339-Seitenstarke  pdf-Datei (Artikelnummer: 2010220057004). Ich zitiere daraus:

2005 betrug die Zahl der Personen mit Migrationshintergrund in Deutschland 15,3 Mio., was 18,6% der Bevölkerung entspricht. Davon machen Ausländerinnen und Ausländer mit 7,3 Mio. oder 8,9% der Bevölkerung nur etwas weniger als die Hälfte aller Personen mit Migrationshintergrund aus, die Deutschen mit 8,0 Mio. oder 9,7% der Bevölkerung etwas mehr als die Hälfte. Mit 10,4 Mio. stellen die seit 1950 Zugewanderten – „die Bevölkerung mit eigener Migrationserfahrung“ – gut zwei Drittel aller Personen mit Migrationshintergrund; unter ihnen sind die Ausländerinnen und Ausländer mit 5,6 Mio. gegenüber den Deutschen mit 4,8 Mio. deutlich in der Mehrheit. Demgegenüber machen die in Deutschland geborenen Ausländerinnen und Ausländer mit 1,7 Mio. nur 2% der Bevölkerung aus, während die 2,6 Mio. in Deutschland geborenen Deutschen mit Migrationshintergrund 3,2% der Bevölkerung stellen. [...]
Personen mit Migrationshintergrund sind deutlich jünger als jene ohne Migrationshintergrund (34,2 gegenüber 46,5 Jahre), weitaus häufiger ledig (45,7% gegenüber 37,8%), und der Anteil der Männer unter ihnen ist höher (50,8% gegenüber 48,5%). Bei den unter 5jährigen stellen sie knapp ein Drittel der Bevölkerung insgesamt. [...]
Die Zahl der binationalen Ehen (ein Ehepartner deutsch, der andere ausländisch) liegt bei rund 1,3 Mio. (6,6% aller Ehen). Andererseits gibt es insgesamt 1,9 Mio. Ehen zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund (9,7% der Ehen); diesen stehen 2,9 Mio. bzw. 14,8 Mio. Ehen gegenüber, bei denen beide oder keiner einen Migrationshintergrund hat (14,8% bzw. 75,6% der Ehen). In einem Viertel aller Ehen hat so zumindest ein Ehepartner einen Migrationshintergrund. [...]
Mit 14,7 Mio. leben knapp 96% aller Personen mit Migrationshintergrund im früheren Bundesgebiet und in Berlin. Am höchsten ist ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung in Großstädten, vor allem in Stuttgart mit 40,1%, in Frankfurt am Main mit 39,5% und in Nürnberg mit 37,3%. Dabei ist in Stuttgart, Frankfurt am Main und München der Ausländeranteil besonders hoch, in Augsburg, Nürnberg und Wuppertal hingegen der Anteil der Deutschen mit Migrationshintergrund. Bei den unter 5jährigen liegt in 6 Städten der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund über 60%, in Nürnberg (67,0%), Frankfurt am Main (64,6%), Düsseldorf (63,9%), Stuttgart (63,6%), Wuppertal (62,0%) und Augsburg (60,2%). [...]
Erwerbstätige mit Migrationshintergrund sind doppelt so häufig als Arbeiterinnen und Arbeiter tätig wie Erwerbstätige ohne Migrationshintergrund (48,5% gegenüber 24,4%), Angestellte und Beamte sind unter ihnen entsprechend selten. Sie gehen ihrer Tätigkeit vor allem im produzierenden Gewerbe und im Handel und Gastgewerbe nach. Hier sind zusammen 63,7% aller Menschen mit, aber nur 50,4% der Menschen ohne Migrationshintergrund tätig. [...]

Noch einmal deutlich werden No-Go-Verhältnisse aus der Abbildung 3:

 

Am Ende der Broschure wird noch ein Versuch unternommen, zwischen den Generationen der Migranten zu unterscheiden. Verschiedene Modelle werden vorgestellt. Die Autoren favorisieren das dritte von drei Modellen und setzen es bei der Rechnung um:

Alles klar?

 

 
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