Archiv für Mai 2007

Wahl in Bremen und interaktive Demokratie

Freitag, 11. Mai 2007

Politik als Ware - das ist auch ein Produkt, nun wochenlang vermarktet von und durch die Plattform politik.de. Die SPD-Spitze in Bremen hat gerade noch rechtzeitig entdeckt, dass die kandidatenwatch.de-Seite mit allen Begleiterscheinungen viel zu tolerant auf dem rechten Auge ist. Der amtierende Bürgermeister distanzierte sich von der Idee der Plattformbetreiber, alle Parteien gleich zu behandeln. Die TAZ war damit nicht einverstanden (Link).

Inzwischen sind noch zwei Tage vor der Wahl geblieben. Zu der Susanne-Albrecht-Affäre, die eigentlich eine Bild-Zeitung-plus-CDU-Affäre ist, wurde in der Presse schon genug gesagt - bei der Gelegenheit kämpfte die TAZ schon wieder gegen die SPD (Link). Christian Hochhuth von dem Politgeschäft arbeitet an seiner Sache unermüdlich weiter. In mehreren Interneträumen, inclusive “Second Life”, wird mit der Politik hantiert als wäre es eine Boulevard-Veranstaltung, so wie eine Suchaktion nach einem nächsten “Superstar” für das Geschäft Dieter Bohlens (Link). Die selbstentlarvende Krönung des Unternehmens steht im Netz. Das ist das Chatprotokoll einer Onlinesitzung vom 9.5. (Link). Christoph Dowe [korrigiert! s. Kommentar] schimpft gegen die SPD als “Online-Verweigerer” und Christian Hochhuth lässt die Teilnehmer plaudern. Am Ende kommt nichts heraus - viel bla-bla. Das wäre schon alles, wenn nicht die Werbung für das hauseigene Produkt, die immer wieder dezent gestreut wäre. Gemeint ist politikforum.de. Dieses Forum arbeitet seit Jahren und ist zu einem Sammelbecken der Rechtsradikalen geworden, die es erfolgreich unterwandert und für sich gewonnen haben. Es ist das sozusagen beste negative Beispiel für die Tätigkeit Hochhuths und C°.

Weder Politiker, die am Chat teilgenommen haben, noch die Presse haben daran etwas ausgesetzt. Klar, weil sie keine Ahnung davon haben.

Ich bringe nur ein Beispiel. Im politikforum.de wird immer wieder gerne abgestimmt, wobei Forumsmitglieder, darunter viele Reps, Radikale verschiedener Sorte, Rassisten und Antisemiten, für ihre Sache kämpfen und auftreten. Auf dem Diagramm kann man sehen, wer da die Mehrheit hat und wie weit die Stimmverteilung von der Realität entfernt ist:

Für die “Welt” ist das “harmlos” (Link). Kritischer sehen die Arbeit von politik.de nur die SPD-Leute (Link) und eine Politikwissenschaftsstudentin Julia Spreen (Link):

Internetportale sind für mich aktuell noch keine zufrieden stellende Lösung zur Verbesserung der Kommunikation zwischen Parteien und Wählern. Wissenschaftler und Praktiker fordern immer wieder mit Nachdruck, dass die Politik die durch das Internet zur Verfügung stehende Interaktivität viel stärker nutzen muss . Wie jedoch eine konkrete Ausgestaltung aussehen soll, das bleibt meist offen. Kandidatenwatch.de ist für mich im jetzigen Format jedenfalls keine Antwort auf diese Frage. 

Einverstanden.

Schlammschlacht 3

Donnerstag, 10. Mai 2007

Alan Posener sagte in einem Weblog der “Welt” ein paar treffende Kritikworte über die “Bild”-Zeitung und ihren aktuellen Chefredakteur Kai Diekmann. Kurz darauf wurde das komplette Posting enfernt, nicht von Posener wohlgemerkt, sondern von der Spitze des Springer-Verlags. Weblogs werden bei der “Welt” moderiert, nicht von den Autoren selbst, sondern irgendwie intern, so dass die Autoren nicht so ganz genau wissen, wie das läuft. Es ist also einerseits Poseners Blog, andererseits auch nicht seins, sondern der Firma.

Die demonstrierte Meinungsfreiheit fühlt sich gut an. Die Wellen schlagen mit jeder Stunde höher. Posener schweigt zum Thema. Zeitungen legen über die Sitten der Konkurenz los, Blogger teilen sich in welche, die Posener bedauern, und welche, die über seine Lage ironisieren. Als ich vor einigen Tagen den Trend zu den Blogs bei den Redaktionen als die nächste Stolperfalle angesprochen habe (Link), konnte ich nicht ahnen, dass meine böse Prophezeiung so schnell in die Erfüllung geht. Da habe ich auch was gelernt!

Und nun in gewohnter Weise einige Fragmente, die vielleicht selbstredend sind.

Alan Posener amüsiert sich am 3.5 (Link):

Zensur bei Apocalypso

Skandal! Apocalypso wird zensiert.  

Das ist ein Witz, alles lacht mit. Am 7.5 legt er nach (Link):

Zensur bei Apocalypso (II)

Angeblich wird Apocalypso immer noch zensiert. Dem ist aber nicht so.  

Posener merkt immer noch nicht, dass er tief in der Falle sitzt und argumentiert am 8.5 weiter (Link):

Manche Leute scheinen es darauf anlegen zu wollen, zensiert zu werden, damit sie sich nachher beschweren können über die undemokratischen Zustände bei Welt-Debatte. 

Am 9.5 wird der Zensurfall auf dem Blog “Apocalypso” durch lupo in dem Bildblog aufgedeckt (Link). Auf dem “Apocalypso” ist seitdem bis dato die Funkstille. Die Pressemeldung des Springer-Verlags ist nicht zu toppen und wird inzwischen von allen Medien zitiert:

Dies ist die Entgleisung eines einzelnen Mitarbeiters. Der Beitrag von Alan Posener über Kai Diekmann ist ohne Wissen der Chefredaktion in den Weblog von Alan Posener gestellt worden.

Der Beitrag ist eine höchst unkollegiale Geste und entspricht nicht den Werten unserer Unternehmenskultur.

Bei Axel Springer gilt Meinungspluralismus, aber nicht Selbstprofilierung durch die Verächtlichmachung von Kollegen.

Hier wird zugegeben, der Blog Poseners ist kein Blog Poseners. Unkollegial  ist was den “Werten” des Springer-Verlags nicht entspricht. Die Kritik ist “Verächtlichmachung” und “Selbstprofilierung”. Orwell lässt grüßen. Susanne Albrecht und weitere unzählige Opfer der Zeitung auch.

Am selben Tag gibt das “Handelsblatt” diese Nachricht weiter (Link). Darin schildert Hans-Peter Siebenhaar den Ablauf und stellt sich auf eine neutrale Position (”deftiger Angriff”, “offene Kritik”, “kernige Formulierungen”, “aggressiver Seitenhieb”). Der “Spiegel” bleibt nicht stumm und beschreibt die Geschichte in ähnlichen Tönen (Link):

“WamS”-Kommentarchef attackiert “Bild”-Chefredakteur

Man freut sich über den “Streit bei Axel Springer”, man nennt noch einige vergleichbaren Zwischenfälle und verweist auf den Bildblog. Alles neutral, klar. Vergleichbar hämisch schreibt die “Berliner Zeitung” (Link):

Dabei hätte es Springer wissen müssen: Autor Alan Posener ist in den 60ern groß geworden.

Genauso die TAZ (Link). Alle sind mit der Bild-Zeitung beschäftigt und vergessen Posener auf der Stelle. Höchstens bedauern sie ihn wie die Zeitschrift “Internet World Business” online (Link):

In Weblogs soll man ehrlich und authentisch sein, sagen Experten. Der Kommentarchef der “Welt am Sonntag” nahm dies wohl zu wörtlich.  

Die Blogger-Szene reagiert erstaunlich langsam. Die meisten verhalten sich wie Nachrichtensprecher, nennen Fakten, ohne Kommentar, als wäre die Story vollkommen klar. Von vielen Dutzenden von Beiträgen sind vielleicht 5 (fünf) lesenwert:

Peter Schink schreibt in seinem privaten Weblog “Blog Age” (Link):

Die Aufmerksamkeit wurde jedenfalls durch die Löschung so groß, dass einige Medien darüber berichten. Kommunikation im Web 2.0 ist ein komplexes Konstrukt. Und ein Vorgehen wie das gestrige wird schnell bestraft und dient nicht gerade dazu, “Online first” zu leben und den Verlag im Internet nach vorn zu bringen.

Ich wünschte mir sehr, solche Veränderungen in der Internet-Kommunikation würden gesehen - die Kompetenz gibt es ja im Haus.

Aus meiner Sicht, sehr vorsichtig formuliert, aber immerhin. Ich gehe davon aus, dass die meisten Mitarbeiter des Springer-Verlags über eine Überlebenskompetenz verfügen und keine Mahnung oder Belehrung benötigen.

Florian Steglich im Blog “j20″ findet es entzückend (Link),

daß der Blogeintrag von Posener in ebenjenem Teil von Welt Online erschienen und aus ebenjenem wieder entfernt worden ist, der sich “Debatte” nennt und irgendwie auch was mit Streitkultur zu tun haben sollte.

Hans-Peter Heise kommentiert beim kress-redaktionsblog (Link):

Wenn sich aber ein Medienhaus dazu entschließt, seine Autoren aufzufordern, Blogs mit hoher Subjektivität zu bestücken, in denen das Gesicht des Bloggers offenbar wird und er sich nicht hinter der Marke verstecken kann, dann muss dieses Medienhaus auch akzeptieren, dass der Blogger aus seinem Herzen keine Mördergrube macht. Die PM, nach der skandalöserweise dieser Beitrag ohne Genehmigung der CR ins Blog kam, dokumentiert die Unkenntnis bei Springer im Hinblick auf neue Medienformen wie Weblogs. Man hat keine Ahnung von der Vernetzung und Unmittelbarkeit in der Blogosphäre und macht sich damit eher lächerlich. Der aktuelle Vorgang ist wieder ein Beleg, dass Springer noch immer ein monologisches Medienhaus ist, in dem zwar Meinungen erdacht und abgesondert, nicht aber ertragen werden.

Eine nette ironische (wenn auch etwas schwerfällige) Parodie auf die Stellungnahme des Springer-Verlags erlaubte sich Steffen im Blog Media-Ocean (Link). Die ausführlichste Erklärung der laufenden Dinge bietet Ronnie Grob im Blog “Medienlese”an (Link), darin auch witzig:

Was? Die Chefredaktion hat besseres zu tun, als ständig alle Weblogeinträge aller ihrer Mitarbeiter zu lesen? Skandal!

Im Keese-Blog geschieht seit Tagen nichts, oder? :-) Langsam wird aus der Schlammschlacht eine bühnenreife oder, besser gesagt, eine verfilmbare Story über die Meinungsfreiheit. Fein.

Statistischer Beweis für No-Go-Areas

Samstag, 5. Mai 2007

Gestern wurde der Bericht des Statistischen Bundesamtes (Link) über die Migranten 2005 veröffentlicht. Einige Medien geben den kurzen Überblick. Online wird aber auch das Original angeboten, eine 339-Seitenstarke  pdf-Datei (Artikelnummer: 2010220057004). Ich zitiere daraus:

2005 betrug die Zahl der Personen mit Migrationshintergrund in Deutschland 15,3 Mio., was 18,6% der Bevölkerung entspricht. Davon machen Ausländerinnen und Ausländer mit 7,3 Mio. oder 8,9% der Bevölkerung nur etwas weniger als die Hälfte aller Personen mit Migrationshintergrund aus, die Deutschen mit 8,0 Mio. oder 9,7% der Bevölkerung etwas mehr als die Hälfte. Mit 10,4 Mio. stellen die seit 1950 Zugewanderten – „die Bevölkerung mit eigener Migrationserfahrung“ – gut zwei Drittel aller Personen mit Migrationshintergrund; unter ihnen sind die Ausländerinnen und Ausländer mit 5,6 Mio. gegenüber den Deutschen mit 4,8 Mio. deutlich in der Mehrheit. Demgegenüber machen die in Deutschland geborenen Ausländerinnen und Ausländer mit 1,7 Mio. nur 2% der Bevölkerung aus, während die 2,6 Mio. in Deutschland geborenen Deutschen mit Migrationshintergrund 3,2% der Bevölkerung stellen. [...]
Personen mit Migrationshintergrund sind deutlich jünger als jene ohne Migrationshintergrund (34,2 gegenüber 46,5 Jahre), weitaus häufiger ledig (45,7% gegenüber 37,8%), und der Anteil der Männer unter ihnen ist höher (50,8% gegenüber 48,5%). Bei den unter 5jährigen stellen sie knapp ein Drittel der Bevölkerung insgesamt. [...]
Die Zahl der binationalen Ehen (ein Ehepartner deutsch, der andere ausländisch) liegt bei rund 1,3 Mio. (6,6% aller Ehen). Andererseits gibt es insgesamt 1,9 Mio. Ehen zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund (9,7% der Ehen); diesen stehen 2,9 Mio. bzw. 14,8 Mio. Ehen gegenüber, bei denen beide oder keiner einen Migrationshintergrund hat (14,8% bzw. 75,6% der Ehen). In einem Viertel aller Ehen hat so zumindest ein Ehepartner einen Migrationshintergrund. [...]
Mit 14,7 Mio. leben knapp 96% aller Personen mit Migrationshintergrund im früheren Bundesgebiet und in Berlin. Am höchsten ist ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung in Großstädten, vor allem in Stuttgart mit 40,1%, in Frankfurt am Main mit 39,5% und in Nürnberg mit 37,3%. Dabei ist in Stuttgart, Frankfurt am Main und München der Ausländeranteil besonders hoch, in Augsburg, Nürnberg und Wuppertal hingegen der Anteil der Deutschen mit Migrationshintergrund. Bei den unter 5jährigen liegt in 6 Städten der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund über 60%, in Nürnberg (67,0%), Frankfurt am Main (64,6%), Düsseldorf (63,9%), Stuttgart (63,6%), Wuppertal (62,0%) und Augsburg (60,2%). [...]
Erwerbstätige mit Migrationshintergrund sind doppelt so häufig als Arbeiterinnen und Arbeiter tätig wie Erwerbstätige ohne Migrationshintergrund (48,5% gegenüber 24,4%), Angestellte und Beamte sind unter ihnen entsprechend selten. Sie gehen ihrer Tätigkeit vor allem im produzierenden Gewerbe und im Handel und Gastgewerbe nach. Hier sind zusammen 63,7% aller Menschen mit, aber nur 50,4% der Menschen ohne Migrationshintergrund tätig. [...]

Noch einmal deutlich werden No-Go-Verhältnisse aus der Abbildung 3:

 

Am Ende der Broschure wird noch ein Versuch unternommen, zwischen den Generationen der Migranten zu unterscheiden. Verschiedene Modelle werden vorgestellt. Die Autoren favorisieren das dritte von drei Modellen und setzen es bei der Rechnung um:

Alles klar?

Europäische Medien zwischen Royal und Sarcozy

Samstag, 5. Mai 2007

In einer gelungenen Presseschau schildert Denis Boyles die Parteinahme der meisten europäischen Medien bei der Besprechung der Fernsehdebatte zwischen Royal und Sarkozy (Link). Der Antiamerikanismus spielt dabei eine große Rolle. Wissen meine Leser im voraus, für wen Guardian, Times etc. sind? Schade nur, dass Boyles keine deutsche Zeitungen einbezieht.

Nebenbei gemerkt, keine Diskussionspur in denselben Medien über die Verwendung rassistischer Plakaten der Ultras im französischen Internet gegen Sarkozy (siehe z.B. hier).

Nancy Pelosi wird beobachtet

Freitag, 4. Mai 2007

Rob vom Weblog “Say anything” hat zwei Aussagen der USA-Politikerin Nancy Pelosi - vom Dezember 2006 und vom Mai 2007 - gegenübergestellt und dabei einen interessanten Widerspruch entdeckt (Link). Einmal ist sie für die Fortsetzung des Iraq-Kriegs, einmal dagegen. Wann kommt das in einer Zeitung? :-)

Martin van Creveld meint anders

Freitag, 4. Mai 2007

Eigentlich - wie oft - liegt Martin van Crevelds Einschätzung der Hintergründe des Lebanon-Krieges 2006 anders als bei mainstream. Auch wenn ich mit vielem, was der Militärhistoriker sagt und tut, nicht einverstanden bin, halte ich es für notwendig, mindestens zwei Meinungen zu jedem Fakt einzuholen. So empfehle ich seinen Artikel, der heute erschienen ist (Link). Einiges davon ist auch als Faktendarlegung interessant, zum Beispiel:

Since guerrillas seldom offer lucrative targets to airpower, the outcome was that an estimated 97% of bombs and missiles missed their mark. Meanwhile, even as the air force was wasting its precious ammunition on nothing at all, one of the navy’s officers switched off his ship’s electronic defenses without telling his superior. He thus enabled a Hezbollah missile to hit the ship, almost causing it to sink. After that experience, the navy, apart from blockading the Lebanese coast, took no further part in the war.

Seine Schlussfolgerung ist klar:

Ashkenazi has neither Halutz’s charisma nor his panache. He is an infantryman: unspectacular, serious-minded and methodical. Given how badly the Israeli military performed in Lebanon last year, he must be allowed to do what has to be done before the next round breaks out — or else Israel may yet snatch defeat from the jaws of victory.

Cartoons über die russische Politik

Dienstag, 1. Mai 2007

Der gute Ruf des Präsidenten Putin ist endgültig dahin. Die Jahre von Perestroika und Glasnost sind vorbei. Die Satiriker zeichnen ein ganz böses Bild, monatelang. Die amerikanische Internetzeitung “Slate” bringt politische Cartoons aus mehreren Quellen zusammen (Link). Eine Auswahl daraus (ohne die bösesten wohlgemerkt) vom Mai 2006 an bis heute: