Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Alan Dershowitz versus Norman Finkelstein Sonntag, 24. Juni 2007

Filed under: Allgemein — peet @ 19:51 Uhr
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Der wortgewaltige Kampf Dershowitz’ gegen Finkelstein ist nach der neuesten Niederlage des letzteren (Link) zu einem lesenswerten Internetauftritt des ersten geführt. Der englische “Guardian” ließ Dershowitz in dem für seine Begriffe kurzen Text seine pointierte vernichtende Kritik noch einmal ausformulieren (Link) samt berühmter Zitate, die die antisemitische Einstellung Finkelsteins belegen.

Sehr beeindruckend ist die daraufhin entstandene Diskussion zwischen den Lesern, die von der Redaktion schon am zweiten Tag beendet wurde, trotz der Regel, verbale Ausschweifungen drei Tage zuzulassen, – weil so viele antisemitische Wortmeldungen erschienen waren oder weil sie sehr schnell als solche entlarvt worden sind? Viele Teilnehmer beziehen sich auf eine berühmte Diskussion aus dem Jahr 2003 zwischen den beiden Helden (Transkription: Link, Video: Link, Link, Vorsicht: unverhohlen antisemitische Kommentare) und versuchen sie unterschiedlich zu interpretieren, die meisten leider falsch. Zum Beispiel: Finkelstein findet heraus, dass Dershowitz eine Zahl falsch zitiert hat – 2000 bis 3000 Palästinenser seien 1948/49 auf der Flucht gewesen. Dershowitz ist irritiert und stellt fest, das sei ein Druckfehler, der nur noch einmal seine Position untermauere, gemeint sind 200 000 bis 300 000 Flüchtlinge. Finkelstein und seine Fans sind unerbittlich und wollen es nicht einmal verstehen, dass sie sich damit erst einen Bärendienst erweisen, wenn sie Dershowitz auf diese plumpe Weise angreifen und nichts inhaltlich anbieten können. Kein einziger Leser merkt dabei, dass sich Finkelstein dabei als Prof ausgibt. :-)

Für die ungeduldigen Lesern meines Blogs verlinke ich hier die aus meiner Sicht besonders gelungenen inhaltsbezogenen Beiträge dieser Diskussion:

(Link, Link) von Torontoguy

(Link, Link) von GrandOldMan

 

Ist die Christianisierung Europas noch nicht zu Ende? Samstag, 23. Juni 2007

Filed under: Allgemein — peet @ 7:45 Uhr
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Philip Jenkins meint, die Angst vor Islamisierung ist eine Einbildung. Sein Artikel wurde von der Zeitschrift “Foreign Policy” online gestellt (Link). Seine Argumente sind eher statistischer Art:

On a typical Sunday, half of all churchgoers in London are African or Afro-Caribbean. Of Britain’s 10 largest megachurches, four are pastored by Africans. Paris has 250 ethnic Protestant churches, most of them black African. Similar trends are found in Germany. Booming Christian churches in Africa and Asia now focus much of their evangelical attention on Europe. Nigerian and Congolese ministers have been especially successful, but none more so than the Ukraine-based ministry of Nigerian evangelist Sunday Adelaja. He has opened more than 300 churches in 30 countries in the last 12 years and now claims 30,000 (mainly white) followers.

Ironically, after centuries of rebelling against religious authority, the coming of Islam is also reviving political issues most thought extinct in Europe, including debates about the limits of freedom of speech, freedom of religion, and the right to proselytize. And in all these areas, controversies that originate in a Muslim context inexorably expand or limit the rights of Christians, too. If Muslim preachers who denounce gays must be silenced, then so must charismatic Christians. At the same time, any laws that limit blasphemous assaults on the image of Mohammed must take account of the sensibilities of those who venerate Jesus.

The result has been a rediscovery of the continent’s Christian roots, even among those who have long disregarded it, and a renewed sense of European cultural Christianity. Jürgen Habermas, a veteran leftist German philosopher stunned his admirers not long ago by proclaiming, “Christianity, and nothing else, is the ultimate foundation of liberty, conscience, human rights, and democracy, the benchmarks of Western civilization. To this day, we have no other options [than Christianity]. We continue to nourish ourselves from this source. Everything else is postmodern chatter.” Europe may be confronting the dilemmas of a truly multifaith society, but with Christianity poised for a comeback, it is hardly on the verge of becoming an Islamic colony.

Kann Ralph Giordano diese Argumentation widerlegen? :-)

 

911-Anrufe Donnerstag, 21. Juni 2007

Filed under: Allgemein — peet @ 23:18 Uhr
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Eine sehr glaubwürdige und lustige Sammlung (Link). Ich erlaube mir, einige davon zu kopieren, die sind wirklich sehr gut:

Dispatcher: 9-1-1 What is the nature of your emergency?
Caller: I’m trying to reach
nine eleven, but my phone doesn’t have an eleven on it.
Dispatcher:
This is nine eleven.
Caller: I thought, you just said, it was nine-one-one
Dispatcher:
Yes, ma’am, nine-one-one and nine-eleven are the same thing.
Caller: Honey, I may be old, but I’m not stupid.

 

Und noch eins:

Dispatcher: 9-1-1 What’s the nature of your emergency?
Caller:
My wife is pregnant and her contract ions are only two minutes apart.
Dispatcher:
Is this her first child?
Caller:
No, you idiot! This is her husband!

Wo gibt es noch solche oder ähnliche?

 

Finkelstein wurde DePault Sonntag, 17. Juni 2007

Die Geschichte um die professoralen Träume Norman Finkelsteins, Liebling heutiger Antisemiten weltweit, ist zu einem vorläufig guten Ende gekommen: Er ist raus aus dem Spiel, das heißt die DePaul-Universität in Chicago ist an ihm nicht weiter interessiert. Der Anfang dieser Bataille wurde in diesem Blog vorgestellt (Link).

Wie immer, soll hier kurz auch die Reaktion der deutschen Medien begutachtet werden. In der einzigen Zeitung fand die Misere ein Nachspiel - Christoph von Marschall hat für den “Tagesspiegel” die Story in eine seltsame Verpackung gebracht (Link). Das Wort “israelkritisch” ist bei ihm deutlich ein Euphemismus für “antisemitisch”. Finkelstein scheint ein unschuldiges Lamm zu sein, die jüdische Weltverschwörung droht aus allen Ecken zu strömen. Ansonsten seien das alles nur Reibereien unter “jüdischen Intellektuellen”, nicht weiter schlimm. Beim Thema Tony Judt war ein Beitrag von demselben Journalisten ausgewogener (Link). Warum jetzt voll aus den Rudern?

Die positive Darstellung entdecken wir bei heplev (Link), der auch bei PI (Link) darüber mit Zitaten gut informiert. Da bei dem PI keine Zensur der Kommentare stattfindet, können sich auch Antisemiten da günstig austoben, was bei einem solchen Anlass kein Wunder ist. Insbesondere Nr.8 ist für eine Sammlung antisemitischer Sprüche druckreif:

Wie Ihr seht, ich kritisiere in der Sache, von Anti- oder Philo-Semitismus keine Spur. (Ob das von Euch akzeptiert wird?).

Ach ja, die Einordnung des Holocaust: Als eines der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte, das ein gutes Beispiel von mehreren als Mahnung für alle Menschen ist, wohin es kommen kann, wenn man sich ideologisch vergaloppiert.

Noch weiter geht politblog.net selbstverständlich (Link). Diesen letzten verlinke ich in diesem Fall ausnahmsweise, empfehle allerdings, nach der Lektüre die Hände zu waschen.

Ich erwarte weitere Beschimpfungen seitens LanceThruster & Co im Namen des “international bekannten Politologen” (Marschall). :-)

 

Soft cushions and comfy chair und andere Grausamkeiten

Filed under: Allgemein — peet @ 7:25 Uhr
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In dem “Weser Kurier” von gestern lese ich einen durchaus klugen und klaren Beitrag von Charles A. Landsmann über den Putsch der Hamas. Bei allem Respekt kann ich aber eine Stelle nicht einfach so überspringen (es geht um die Ähnlichkeiten zwischen der Hamas und der Fatah, konkret am Beispiel einer Person – Mohammed Dahlan wird ausführlich beschrieben):

Dahlan, der die entsprechenden Befehle Arafats kompromiss- und rücksichtslos durchführte, wurde damals der grausamen Behandlung der Häftlinge beschuldigt. Er soll persönlich angeordnet haben, den Islamisten ihre Bärte abzurasieren.

Monty Python und the Spanish Inquisition lassen grüßen (“Poke her with the soft cushions!.. Put her in the Comfy Chair!..”).

 

Vom Bruderkrieg zum Putsch

Filed under: Allgemein — peet @ 7:03 Uhr
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Im Laufe von nur einigen Tagen sind Journalisten aufgeklärter geworden. Zuerst war die Rede von einem Bruderkrieg, dann kam ein Bürgerkrieg. Seit gestern leuchtet es schon einigen ein: Das war ein Putsch. Gaza wurde von der Hamas übernommen, die auf diese Weise endgültig ihre pseudodemokratische Legitimität verloren hat. Das wird sie nicht stören, keine Frage. Es geht hier aber um die Darstellung in den Medien und Blogs.

Jetzt habe ich noch einmal nachgezählt: Deutschsprachige Blogs reden 290 mal über einen Bürgerkrieg, 44 mal über einen Bruderkrieg und nur 32 mal über einen Putsch. In den deutschsprachigen News ist das Verhältnis noch krasser: Bürgerkrieg 879 mal, Bruderkrieg 244 mal, Putsch 177 mal. Alle Angaben nach Google.

 

Rechtskultur? Freitag, 15. Juni 2007

Filed under: Allgemein — peet @ 6:48 Uhr
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Michael Plöse bringt Aussagen der Rechtsanwälte zusammen, die versucht haben, Massenproteste im gesamten Bereich um Heiligendamm bei der G8-Gipfel zu begleiten (Link). Erschütternd, faktenreich, überzeugend. Unter anderem geht es auch um die Polizei, Politik, Medien.

 

Wer ist am Bruderkrieg schuldig? Donnerstag, 14. Juni 2007

Was das, was sich zwischen der Fatah und der Hamas abspielt, auch immer ist, ein Bürgerkrieg ist es nicht, ein Bruderkrieg noch weniger. Das stört deutsche Medien nicht. Langsam kommen die ersten makabren Sprüche in Gang. Denn auf keinen Fall will man zulassen, dass die Palästinenser eine Verantwortung für die eigene Geschichte übernehmen.

Die ersten zwei Beispiele finden sich bei Claudio Casula (Link) und Ingo Way (Link). Hier kommen noch zwei. Einmal der plauderige Tony Judt (im Interview an “Die Presse”):

Ist es Israels Schuld, dass Fatah und Hamas in Gaza jetzt aufeinander schießen?

Judt: Auch jetzt verhalten sich die Palästinenser als Opfer. Weil sie gegen das starke Israel keine Chance haben, bekämpfen Sie einander.

Judts “Logik” wird eher in die Geschichte eingehen als seine Folianten. Ich darf in diesem Zusammenhang auf zahlreiche Judt-Einträge von mir hinweisen (Link).

Und noch “besser” geht es bei der Süddeutschen Zeitung, die heute auf ihrem Israel-Pferdchen gar achtmal reitet! Am deutlichsten zeigt sich die Redaktion bei dem Titel eines Artikels von Thorsten Schmitz (Link):

Der aufgezwungene Bruderkampf 

Der Text des Artikels gibt keine Veranlassung zu diesem hervorragenden Titel. Im Netz steht der Anfang allerdings nicht:

Der Kampf zwischen den palästinensischen Gruppen Hamas und Fatah wird zunehmend brutaler. Die Autonomiebehörde ist praktisch nicht mehr existent. Die Israelis verschärfen die Lage dadurch, dass sie Grenzübergänge geschlossen haben. Die Versorgung der Bevölkerung ist deshalb kaum noch möglich. Eine Hungersnot steht bevor.

Noch gedankenreicher schreibt Rudolph Chimelli:

Die Amerikaner [...] haben einen wesentlichen Anteil am Entstehen des Konflikts.

Usw. Die Propagandamaschine arbeitet.

 

Charim und Judt Sonntag, 10. Juni 2007

Filed under: Antisemitismus,Medien,TAZ,Tony Judt — peet @ 21:24 Uhr
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Isolde Charim und Tony Judt trafen sich auf den Seiten der Wiener Zeitung “Standard” (Link). Das ist eine Augenweide für viele Leser, die fieberhaft nach Treffern googeln: Verrückterweise sind die beiden Namen in den letzten Wochen ein Renner.

Wie auch immer, wird Judt von Charim interviewt. Das geschieht so verständnisvoll, dass es fast nach einem Opernduett aussieht. Die schönsten Stellen:

Charim: Sie werden in den nächsten Tagen in Wien einen Vortrag halten. Fürchten Sie nicht, dieser könnte „delikat“ verhindert werden, wie in New York, als ihr mittlerweile legendäres Israel-Referat in letzter Minute abgesagt wurde?

Tony Judt: Nein, denn dies hatte spezifisch amerikanische Gründe. In den USA ist – nicht zuletzt durch die Israel-Lobby – alles, was Israel anlangt, so sensibel und kompliziert, dass es nahezu unmöglich ist, dieses Thema in die öffentliche Arena zu bringen, ohne einen hohen Grad an Unbehagen zu erzeugen.

Die Frage geht von einer unwahren Prämisse aus, die Antwort bedient sich dankbar der Vorlage. Die Wahrheit wurde aber oft genug erzählt (Link).

Charim: Muss sich die Diaspora durch das Verhältnis zu einem Territorium, in dem Fall Israel, definieren?

Judt: Ja, das ist ein interessantes Paradoxon. Amerikanische Juden sprechen nicht Jiddisch, sie sprechen nicht Hebräisch, sie gehen nicht in die Synagoge, sie sind völlig amerikanisch. Ihr Judentum bestimmt sich durch zwei Momente: Durch eine Identität im Raum, das ist die Identifizierung mit Israel, selbst für jene, die niemals dort waren. Und durch eine Identität in der Zeit, eine Identifizierung mit Auschwitz. Jude sein in Amerika bedeutet, Auschwitz erinnern und Israel unterstützen, weil Israel der beste Schutz vor einem neuen Holocaust ist.  

Territorium – was für ein schönes Wort, sehr gute Arbeit. Amerikanische Juden hat Judt auch nicht schlecht beschrieben, mit einer sehr großen Liebe zur Wahrheit, zum Raum und zur Zeit. Zwei Philosophen unter sich. Leere Synagogen in Amerika, LOL. Ein Lied, zum Vergleich (Link).

Judt: [...] wir können nicht so weitermachen, dass Juden, auch wenn sie österreichische, französische, schwedische oder australische Staatsbürger sind, sich in besonderer Weise mit Israel identifizieren. Denn das bedeutet, dass sie auch mit Israel identifiziert werden, wenn Israel Dinge tut, die antiisraelische, antijüdische Gefühle hervorrufen. Auf gewisse Weise produziert die Diaspora den Antisemitismus – durch ihre Weigerung, eine Differenz zwischen sich und den unabhängigen Staat Israel zu machen. Wir müssen eine Wahl gegen solch eine negative Diaspora treffen. Das bedeutet, dass Juden in Amerika, in England oder in Österreich einen Weg finden müssen, Jude zu sein und Österreicher. Die liberale Geschichte der Diaspora muss eine der Integration sein. Da gibt es keinen dritten Weg. 

Herrlich. Die Juden “produzieren” den Antisemitismus. Die sind “negativ”, o weh. Judt weiß aber die Lösung, die einzig wahre, wie immer.

Charim: In Ihrem Buch „Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart”, für das sie den Kreisky-Preis erhalten, schreiben sie, dass die Erinnerung an die Shoah die Humanität des heutigen Europas garantiert. An Israel kritisieren Sie aber genau dieses Erinnern.

Judt: Sie haben völlig Recht. Willkommen in der Komplexität des Lebens. In Frankreich, Österreich oder Polen ist das Erinnern an die Ereignisse des 2. Weltkriegs absolut zentral für die Identität Europas. Und wenn es nicht mehr erinnert werden kann, muss es gelehrt werden. Es ist das Kernstück unserer kollektiven Identität. Aber in Israel ist dieses Erinnern pervertiert. In Israel ist es das wesentliche pädagogische Werkzeug, das Israelis lehrt, sie seien immer Opfer, das Loyalität mit Israel erzeugt – kurz, es ist das, was Israel daran hindert, ein normaler Staat zu werden.

Mit anderen Worten: Sie denken unlogisch, Sie sind doppelzüngig. – Nein, das ist nur komplex. - Aaah, das stimmt.

Und am Ende, wieder “kein normaler Staat” usw.

Zu alledem gibt es noch eine spannende Diskussion zwischen den Lesern unter demselben Link: Sehr viele durchschauen Judt und seine Gastgeberin im Nu und sind ziemlich zielsicher in ihren Kommentaren.

 

Polizeiliche Arbeit nach Marcus Freitag, 8. Juni 2007

Filed under: Allgemein — peet @ 20:08 Uhr
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Aufmerksame Leser haben den Kommentar von Marcus, dem Polizisten, vor einigen Tagen bestimmt gewürdigt, ein Dokument seltener Offenheit (Link). Ich möchte Marcus hier antworten, das ist doch auch eine Würdigung.

Der Kernsatz ist für mich:

Vielleicht sollte sich einfach mal die Gesellschaft darüber Gedanken machen, ob es nicht sinnvoll wäre, sich von allen radikalen und gewaltbereiten Gruppierungen zu distanzieren und diese dann auch in der Menge bloßzustellen und der Polizei die Möglichkeit zu geben, gezielt gegen diese Personen vorzugehen.

Hier wird suggeriert, die Polizei stehe außerhalb der Gesellschaft, sei monolitisch und dazu berufen, schmutzige Arbeit für die Gesellschaft zu erledigen. Ich denke, die Polizei ist im Gegenteil ein Spiegel der Gesellschaft und nicht einheitlich in ihrer Einstellung. Sie ist dafür da, einzelne Menschen und die Gesellschaft als Ganzes zu schützen. Ich kenne Polizisten, die sich privat äußern und zum Schlauchboot-Zwischenfall konkret meinen, das sei die Überschreitung der Verhältnismäßigkeit. Welcher Meinung bist du, Marcus?

Die Gesellschaft kann sich nur per Gerichtsurteil von einer konkreten radikalen und gewaltbereiten Gruppierung distanzieren, sonst ist das Lynchjustiz. Und wenn es eine Lynchjustiz ist, soll die Polizei die Opfer einer solchen Justiz schützen. Nicht wahr, Marcus?

Interessant finde ich auch die Gegenüberstellung von rechten und linken Gewaltgruppierungen. Aus Sicht von Marcus reagiert die Gesellschaft unterschiedlich auf die Mittelungen über den polizeilichen Umgang mit linken und rechten Ultras, und zwar bei den Maßnahmen gegen die Rechten:

Da geht kein Aufschrei durch die Bevölkerung, wir wären ein Polizeistaat.

Damit meint Marcus, wenn die Polizei gegen linke Ultras vorgeht, wird das geschrien. Ich habe dagegen das Gefühl, die Wahrnehmung der Stimmen ist hier unterschiedlich. Ich glaube, beides wird in verschiedenen Schichten der Gesellschaft so und so eingestuft. Die Rechten schreien dagegen, wenn die Rechten misshandelt werden, und die Linken – wenn das der Linken zustößt. Oder muß die Polizei genau hinhören, wer da gerade lauter schreit, und sich danach richten? So Marcus?

Meine polizeilichen Quellen meinen, bei Einsätzen solcher Art, wie in Heiligendamm, leiden die meisten Kollegen an der Unwürdigkeit ihrer Aufgabe und nehmen es sich nicht so zu Herzen, um darin ihre Lebensaufgabe zu sehen. Allerdings, meinen die älteren und erfahrerenen von ihnen, kommt bei der Eskalation und beiderseitigem hormonbedingten Provozieren die Steigerung sehr schnell. Wenn man Polizisten lange genug ausharren und dann mit gewaltbereiten Autonomen zusammenstoßen lässt, kann auch viel passieren, was in keinem Buche stehe.

Ich bleibe bei meiner Meinung, es liege in der Verantwortung der Politik, daran zu denken. Im voraus, wohl gemerkt. Sonst ist die Polizei die letzte am Ende dieser Kette, und leiden tut der einzelne Mensch, in der Regel der unbetroffene, der unschuldige, sowie die gesamte Gesellschaft.

 

Drei Seiten einer Medaille

Filed under: Allgemein — peet @ 13:51 Uhr
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Die Diskussion über die Proteste um die G8, Heiligendamm, Rostock, Greenpeace und Schlauchboote, von der Polizei gerammt, dreht sich im Kreise. Die Politik wird von den meisten Medien fein rausgehalten, viele Blogger machen da mit und schieben die volle Verantwortung für alles, was bei den Protesten schief geht, den Protestierern in die Schuhe. Die anderen, die die Polizei bei jedem Missgriff kritisieren, sehen dann nur der Polizei Schuld.

Und schon kann Merkel majestätisch witzeln (Link):

“Greenpeace hat auch schon seriösere Unterfangen gemacht im Zusammenhang mit dem Klimaschutz”, sagte Merkel vor Journalisten am Rande des G-8-Gipfel am Donnerstag. “Ich hoffe, sie werden nicht allzu viel CO2 emittieren mit ihren Bootsfahrten dort auf der Ostsee”, fügte die Kanzlerin hinzu.

Die Unfähigkeit zu kommunizieren zeigt sich immer wieder. Watzlawick lässt grüßen. Ich darf Marie Antoinette zitieren (Link):

S’ils n’ont pas de pain, qu’ils mangent de la brioche

Es gibt wenige Blogger (bis jetzt keine Journalisten), die den Ablauf und sich selbst hinterfragen, anstatt der Politik und deren Medien kopflos zu folgen. Die Mehrheit will ich hier also nicht zitieren, denn sie ist überall. Von den wenigen anderen sind mir aufgefallen:

Ich finde es nicht mehr witzig, was sich in Heiligendamm abspielt. ERSTENS: Immer mehr Polizei wird die Atmosphäre immer weiter aufheizen. ZWEITENS: Ich halte es für legitim, durch gewaltfreie Aktionen in die Sperrzone einzudringen um so darauf aufmerksam zu machen, dass sie bei weitem übertrieben, kontraproduktiv und ein Ausdruck der Angst der Mächtigen vor dem demokratischen Protest ist (die Aktivitäten des schwarzen Blocks sind kein demokratischer, gewaltfreier Protest, sondern Straftaten). Bilder, dass ein Polizeiboot ein Greenpeace-Schlauchboot überfährt, obwohl dessen Insassen signalisiert haben, dass sie aufgeben, möchte ich nicht mehr sehen müssen. [Link]

warum bin ich nicht nach heiligendamm gefahren?

warum demonstriere ich nicht?

wo ist meine stimme gegen die armut?

wie kann mein kopfschütteln alles sein, was gegen l ä c h e r l i c h e aussagen wie “wir ziehen ernsthaft in betracht blablabla” steht?

wie kann ich so ein wischiwaschi und nichtssagendes, aussagen für das jahr 2050 usw einfach so hinnehmen, während so viele andere vor ort sind und ihre meinung kund tun? [Link]

100 Millionen Euro. Illegaler Einsatz der Bundeswehr im Inneren. Gerichtlich bescheinigte Verfassungsverstöße beim Demonstrationsrecht. Serienweiser Mißbrauch von Platzverweisen. Mordversuch an Greenpeace-Schlauchbootfahrern.

Und Angela kommt mit Glasperlen zurück.

Nein, Mädel, das ist nicht die Wende in der Klimapoltik. Heiligendamm war die Wende in der Innenpolitik. [Link]

Die Spießer unter den Protestierern hat ein russischer Journalist Andrej Kolesnikov (“Kommersant”) mit der einmaligen Ironie beschrieben (Link):

Ein TV-Team drehte die Sendung über die in Schwarz gekleideten Motorradfahrern, die einen Kampf mit Polizisten suchten. Die haben es tatsächlich getan und bekamen Stöcke zu spüren. Dann wollte ein mutiger Kameramann von einem Mofatypen in die Richtung der nächsten Gruppe der Polizisten mitgenommen werden. [...] Die Jungs waren zuerst bereit ihn mitzunehmen, dann haben sie festgestellt, dieser habe keinen Helm bei sich, und empört abgesagt: “Das ist doch eine Straftat!”

Gehören die drei Seiten zueinander, unzertrennlich?

 

Greenpeace erreicht Merkel nicht Donnerstag, 7. Juni 2007

Filed under: Deutschland,Politik,TV — peet @ 23:26 Uhr
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Heute früh hat Greenpeace versucht, eine Petition an Merkel zu bringen. Ohne Erfolg. Sie traf sich lieber mit Bono. Die Polizei wurde von den Aktivisten in Kenntnis gesetzt und konnte sich gut vorbereiten. Die brutale Jagd wurde gefilmt und von den meisten Sendern als spektakulär bezeichnet und zur Belustigung der Schaulustigen gezeigt. Zwei Boote voller Menschen wurden regelrecht überfahren. Es ist nur dem Zufall zuzuschreiben, dass es zu keinen Opfern gekommen war. Und dies nur, weil die Politik – in diesem Fall speziell Merkel – unfähig ist, zu kommunizieren. Wäre es denn so schlimm, diese Petition in Empfang zu nehmen und meinetwegen wieder zu vergessen?

Hier der Bericht von Greenpeace zu dem Zwischenfall, hier das Video (bei youtube wird alles gelöscht). Und hier eins von vielen Beispielen, wie sich Journalisten über diese Aktion lustig machen, auf Kosten von mutigen Menschen. Eine friedliche Aktion einer weltweit anerkannten Organisation zu kriminalisieren – das soll lustig sein?

 

Erste Selbstkritik aus der Polizei oder auch nicht Sonntag, 3. Juni 2007

Filed under: Allgemein — peet @ 22:07 Uhr
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Die Selbstkritik will auch zitiert werden (Link):

Der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft GdP, Konrad Freiberg, übte gegenüber dem NDR Nordmagazin scharfe Kritik am Vorgehen der Polizeiführung Kavala in Rostock. “Dieser Einsatz ist schiefgegangen, das muss man ganz deutlich sagen”, erklärte er. Die Polizei habe mitangesehen, wie Täter ihre Rucksäcke mit Steinen gefüllt hätten, und habe sie dann nicht eng begleitet. Zudem seien die Demonstrationsrouten falsch ausgewählt worden. Die Kritik an der Einsatzführung seitens Kavala sei von vielen Kollegen geäußert worden, sagte Freiberg. Es habe auch Schwierigkeiten in der polizeiinternen Kommunikation gegeben.

Der “Spiegel” war da vorgestern viel zuversichtlicher (Link). Die ARD will von der zitierten Kritik gar nichts wissen (Link):

Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Konrad Freiberg, wies unterdessen jede Kritik am gestrigen Polizeieinsatz in Rostock zurück. 

Werden wir das verstehen?

 

Augenzeugenberichte aus Rostock

Filed under: Allgemein — peet @ 13:39 Uhr
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Die Eskalation ist schneller als die Vernunft. Berichte über die Demonstration gestern in Rostock lassen nichts Gutes für die nächsten Tagen ahnen. Hier bei Telepolis von Peter Bürger, ein Gespräch am Rande:

Bei meinem letzten Gespräch mit einem Polizeibeamten vor der Abfahrt des Düsseldorfer Busses wurde mir nun eine besondere Belehrung zuteil.

Der Polizist klärte mich darüber auf, dass wir ja “keine Verfassung” haben. Es gäbe in diesem Lande “nur ein Grundgesetz”, und das sei uns von Besatzungsmächten nach 1945 gleichsam aufgezwungen worden. 

Hier ein Bericht von Philipp Stern und die anschliessende Diskussion bei indymedia.de, wobei ein Leser bemerkt:

es wurde unwahrscheinlich viel Alkohol konsumiert

sowie

dass sich im Verlauf des “Katz und Maus” – Spiels am Rande der Innenstadt auch Nazis unter den Teilnehmern befanden.

Hier eine friedliche Schilderung der Ereignisse. Hier noch ein seltsam ruhiger Text. Dagegen nüchtern und sachlich beschreibt ein rebellischer Blogger den Ablauf (Link):

warum die polizei diese massive eskalation zu so frühem zeitpunkt gesucht hat und ausgerechnet die abschlusskundgebung angriff bleibt momentan unklar.

Nach dem Bericht auf der Polizei-Gewerkschafts-Homepage meldet sich ein Leser, offensichtlich ein Polizist (Link):

Ich gehöre zwar nicht zu den eingesetzten Kollegen, die gerade für das G8-Treffen ihren Kopf hinhalten, dennoch kommt in mir bei diesen Bildern und Berichten eine derartige Wut hoch, dass ….

Mir stellt sich immer öfter die Frage, warum machen wir/ich diesen Beruf überhaupt? Überall wo man hört verschlechtert sich das Betriebsklima, weniger Geld auf dem Konto, immer mehr Aufgaben, Kosten Leistungsrechnung, schlechter Zustand von Büros und Ausstattung, etc.

Leider kann ich jetzt nichts anderes mehr machen (nix gescheites gelernt und eine Familie zu ernähren)

PS: Hört sich schlimm an, ist auch schlimm, aber nicht so schlimm, dass man sich um mich ernste Sorgen machen müste!!!

Für weitere Links wäre ich meinen Lesern dankbar. Ich wundere mich, dass es so wenige Augenzeugenberichte im Netz gibt.

 

Charles Krauthammer über Israel Samstag, 2. Juni 2007

Filed under: Israel,Krauthammer — peet @ 19:06 Uhr
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Richard Baehr beschreibt einen Vortrag von Charles Krauthammer, den dieser in Chicago gehalten hat (Link). Wie fast immer, das, was er sagt, ist sehr lesenwert. Zumindest ein klarer Überblick der Lage.

 

 
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