Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Drei Bücher über die männliche Sexualität Sonntag, 23. September 2007

Einsortiert unter: Allgemein — peet @ 14:37 Uhr
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Offensichtlich eine besondere Lektüre, nicht nur – zum Teil – von Frauen geschrieben, nicht nur für Männer lesenswert. So liest sich die Buchvorstellung, die drei Bücher ausführlich beschreibt und auf die Defizite der Gender Studies hinweist (Link):

Gender studies, for all its trafficking with porn and pop, too often paints a bleak, condescending picture of ordinary human life. Alternate views (even from among dissident feminists) are not considered or evidently even imagined. When any field becomes a closed circle, the result is groupthink and cant. The stultifying clichés of gender studies must end. But in the meantime, all faculty members should vow, through their own scholarly idealism rather than by external coercion, not to impose their political or sexual ideology on impressionable students, who deserve better.

Zu meiner Schande habe ich erst durch die Lektüre des Artikels über eine kleine Zeichnung Leonardos erfahren, die unter dem Namen “Angel in the Flesh” bekannt ist (Link).

 

Das Unglaublichste Samstag, 22. September 2007

Einsortiert unter: Allgemein — peet @ 20:25 Uhr
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So heißt ein Märchen (1870) von Hans Christian Andersen. Im Original auf Dänisch – “Det Utroligste”, in englischer Übersetzung – “The Most Incredible Thing”.

In einem politisierenden Artikel erzählt Norman Berdichevsky zwei überraschende Sachen (Link). Erstens stehen Andersens Märchen auf dem zweiten Platz nach der Bibel – was die Zahl der Übersetzungen angeht. Zweitens – die Ausgabe des Märchens im Jahre 1942 hatte Widerstandszüge:

In the 1942 Danish publication of “The Most Incredible Thing”, the final picture portrays the watchman who strikes down the lout as a Jewish rabbi with hat and beard standing above the fallen semi-naked Aryan-looking “muscle man” who is pinned to the floor by the twin tables of the Ten Commandments inscribed with Hebrew letters and surrounded by a crowd of ordinary Danes in 1940s dress.

Am Ende des Artikels erklärt Berdichevsky das Märchen zur Kampfansage gegen Islamisten. Etwas schulmäßig direkt und etwas naiv, würde ich sagen. Das Märchen ist aber wirklich hervorragend. Man kann es online in der deutschen Übersetzung lesen (Link). Mir persönlich gefällt besonders der Schluss:

Alle freuten sich, alle segneten ihn. Nicht ein Neider war da – ja, das war das Unglaublichste!

 

Bourne III und die Presse Samstag, 8. September 2007

Einsortiert unter: Film,Medien — peet @ 14:08 Uhr
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In der Beurteilung des neuen Films über Jason Bourne (“Bourne Ultimatum“) liegen die Verhältnisse überraschend anders als sonst: Die meisten Rezensionen sind voller Begeisterung und Lob – nur wenige, wirklich ganz wenige Autoren erlauben sich Kritik.

Meiner Meinung nach ist dieser Film misslungen. Die Montage ersetzt hier die Filmkunst, dabei auf eine zersetzende Art mit dem Plan, rhythmisch zu wirken. Man kommt fast ohne Personengestaltung aus, fast ohne Sinngebung, ohne mimisches Spiel, ohne Übergänge bei der Story. Was übrigbleibt, ist Aktion, aber auch sie zerfällt durch ein viel zu schnelles Tempo. Die einzige der großangelegten Szenen, welche ich bereit bin zu akzeptieren, ist diejenige in London, die darauffolgenden – in Tanger und New York – sind offensichtlich erst auf dem Bildschirm des Editors entstanden. Ich würde das Resultat als eine Monotonie des Schnittes bezeichnen. Spannung und Brutalität werden hier nicht mit einer Prise von Menschlichkeit ausgeglichen, wie in den ersten zwei Teilen.

Die Presse jubelt allerdings so überschwenglich, dass sich mir der Verdacht aufdrängt, dass die Autoren weniger vom Kino verstehen als von der Vermarktung. Schade.

In der amerikanischen Presse habe ich nur einen einzigen Verriss gefunden, der mir zusagt, nämlich in der Zeitung “Seattle Post-Intelligencer” (Link). William Arnold schreibt:

With virtually every sequence shot like a battlefield documentary — from a jerky hand-held camera framed extremely closely — and edited like an MTV music video, the movie is so surreal it’s just not very involving. As an action extravaganza, it’s busy but dull. [...] Greengrass’ effort to make his film the last word in tightly framed, nervous-camera action scenes is fairly disastrous. Most of the sequences are such a mess that we simply can’t tell what’s happening in them. The cumulative effect is boredom.

This semidocumentary style — which tries to put the viewer right in the action, instead of viewing it from outside — is a recent trend that has been increasingly creeping into Hollywood filmmaking since “Batman Begins” in 2005.

And, used more sparingly, it worked for Greengrass in his earlier films “Bloody Sunday” and especially “United 93,” in which the claustrophobic confusion of the visuals eerily re-created the feel of what it must have been like on that ill-fated flight.

But it’s not at all suited to an epic action blockbuster. The $100 million spent on “Bourne 3″ seems a waste because most of the movie is just a blur on the screen. It cries out for a few long shots to orient us as to what the heck is going on.

In der deutschen Presse ist nur Jürgen Kiontke in der Zeitung “Jungle World” kritisch (Link):

Bloßes Tempo herzustellen, scheint die letzte Zuflucht des Mainstream­kinos zu sein. Überhaupt ist die Geschwindigkeit das derzeitig Entscheidende des Kinofilms, wie sonst nur, extrem langsam, im Doom Metal: Während die Arthouse-Regisseure ihr Heil ein ums andere Mal im demonstrativen Abfilmen von Stillstand suchen, soll es im Haupt­haus so rasant zugehen, dass der Verstand den Bildern nicht mehr hinterherkommt. [...] Es geht um pure Geschwindigkeit, sie hat kein Sujet, und sie erzählt auch nicht von viel mehr als von Mord. [...]

Ein weiteres Element der Hochgeschwindigkeit: Einsatz, Optik und Wahrnehmung von Schusswaffen. Früher feuerte der Held oder Bösewicht, und es gab einen großen Knall. Heute scheint die Kamera sich auf die Perspektive des Einschlags zu konzentrieren. Wir stehen zwischen den Getroffenen und neben ihnen, wenn die Kugeln in ihre Körper einschlagen. Es handelt sich um bloße, unvermittelte und rasende Wirkung. Die Kriegs- und Schusswechsel­szenen wirken um ein Vielfaches brutaler und unkon­trollierbarer.

Man erlebt den Tod mit den Getroffenen schneller, als man einen Schützen jemals lokalisieren kann. Entwickelt wurde diese Einschlagsoptik wohl von Steven Spielberg in der Anfangssequenz von »Saving Private James Ryan«, kurioserweise sollten hier die Fotografien des D-Day, der Landung der Alliierten in Frankreich, ihre Entsprechung im Kino erhalten. [...]

Etwas neutraler, aber immer noch aburteilend äußert sich Ekkehard Knörer beim Perlentaucher (Link):

Greengrass gönnt dem Betrachter kaum einen Moment der Ruhe und Orientierung, aber gerade diese künstlich hochgepeitschte Dauererregung führt schnell zur Ermüdung. Zwar schreit beinahe jedes Bild dieses Films “Action”; jeder Zusammenhang von Bewegung und Raum zerfasert aber bis hin zur Unlesbarkeit des Geschehens: etwas bewegt sich, Jason Bourne rennt, Jason Bourne springt über Gassen von Fenster zu Fenster, hier ein Verfolger, da ein Verfolger, Jason Bourne kämpft auf Leben und Tod.

Man wird von den Bildern abgewatscht wie ein heillos überforderter Boxer, Schlag folgt auf Schlag. Je länger dies Bilder-Stakkato auf einen niedergeht, desto klarer wird aber eine fatale Inkongruenz. Es ist ein Mangel an innovativen oder originellen Ideen, der hier verdeckt wird von der Mimikry ans Dokumentarische. Hinter der aufgewühlten Bildproduktion liegen die üblichen Versatzstücke von Liebe und Verrat, Abziehbilder böser Geheimdienstaktionen und noch an der Amnesie des Helden ist nichts, das aus unzähligen anderen Geschichten nicht längst vertraut wäre. So tut dieser Film auf höchst künstliche Weise einfach und haspelt sich orientierungslos durch Raum und Aktion. Die hinter der Action gähnende Leere frisst sich aber, je länger das dauert, hinein in die Bilder, in die Figuren und zuletzt auch ins Hirn des Betrachters.

Die anderen zahlreichen Texte zitiere ich nicht, sie sind fast ausnahmslos unkritisch. Zu den Besten von ihnen würde ich Texte von Franz Everschor (Link) und Daniel Bickermann (Link) zählen. Ein Beispiel der plumpen Politisierung liefert Fritz Göttler bei der “Süddeutschen Zeitung” (Link):

Jason Bourne ist der Mann der George-W.-Bush-Ära. [...] Ein Subversiver, ein Anarchist – das gilt auch für Greengrass, der ein Linker geblieben ist, auch wenn er sich nun seinen Traum verwirklichen kann, großes Kino in Amerika zu machen. Bourne ist gewissermaßen Politik von unten, von ganz unten. “Die Leute reden von Bush und Blair”, sagt Greengrass, “als würden sich zwei Herrscher auf einem Feld treffen und einfach mal so beschließen, in den Irak einzumarschieren … Ich finde, das ist keine hilfreiche Art, die Welt zu verstehen.”

Nur noch ein Zitat vielleicht doch, denn eine antisemitische Filmbesprechung habe ich noch nie gelesen, jetzt aber (Link):

Vosen ist ein Überzeugungstäter und beileibe nicht das, was man einen unmoralischen, schlechten oder bösartigen Menschen nennen würde. Eher jemand, der aus beruflichen Gründen seine Skrupel beim Concierge in der Empfangshalle des Bürokomplexes abgibt. Hierarchisch vor Vosen und an der Spitze des Systems steht Ezra Kramer, eine weitere Figur mit jüdischem Klang also.

Zu dieser Glanzleistung gratuliere ich Sascha Keilholz und die Internetseite critic.de.

 

Handke und seine Interviewer Sonntag, 2. September 2007

Einsortiert unter: Allgemein — peet @ 21:49 Uhr
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Noch ein Interview mit Peter Handke, in der vergeblichen Hoffnung auf einen Skandal. Zuerst in der Weltwoche (Link), dann in der Frankfurter Rundschau (Link), ohne jegliche Hinweise auf die Quelle. Der Interviewer André Müller wird als eine Berühmtheit eingeführt, er versucht, er tut alles Mögliche, um Handke zu provozieren. Das Resultat ist entlarvend für die Beiden. Der eine macht lauwarmes Boulevard, der andere nennt den ersten den Deppen, macht trotzdem mit. Die eine Zeitung macht auf platt (“Ein Idiot im griechischen Sinne”), die andere – auf ernst (“Es muss weh tun”). Die einzige Reaktion kam von der FAZ, die allerdings genauso zahnlos ist (Link).

Im Sinne der Beiträge, die Handke in diesem Blog gewidmet wurden, lohnt es sich, nur einige Zitate zu unterstreichen:

[...] das serbische Volk hat doch selbst Milosevic ­abgesetzt und ihn freiwillig an das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag ausgeliefert.
Man hat ihn abgewählt. Dass man ihn ausgeliefert hat, bleibt eine ewige Schande für Serbien.

Die serbische Schriftstellerin Biljana Srbljanovic sagt, Sie hätten keine Ahnung. Milosevic habe Oppositionelle auf offener Strasse ermorden lassen.
Das stimmt nicht. Es gab eine total freie Presse in Jugoslawien. Aber es gab das Wirtschaftsembargo des Westens, wodurch von selbst mafiose Strukturen entstanden. Diese kleinen Mafia-Gruppen haben sich gegenseitig bekriegt. Wie kann man das mit Milosevic in Verbindung bringen? [...] Milosevic war nicht der grosse Schurke, als den man ihn hinstellt. Schauen Sie sich doch einmal an, was der ehemalige Präsident von Bosnien-Herzegowina Izetbegovic in seinem Buch «Die islamische Deklaration» geschrieben hat! Da entwirft er einen islamischen Gottesstaat. Vom früheren kroatischen Präsidenten Tudjman, diesem Faschisten, gibt es noch Schlimmeres. Das sind die wahren Schur­ken. Aber die hat der Westen unterstützt.
[...] Man weiss doch heute oft gar nicht mehr, dass der jugoslawische Sozialismus ein ganz anderer als der sowjetische war. Es war ein utopischer Sozialismus. Obwohl unter Tito auch viel Unrecht begangen wurde, hätte daraus etwas werden können, hätte nicht immer die Wirtschaft das letzte Wort. Der Kapitalismus hat halt gesiegt. Man hat aus einer kulturellen Landschaft, die ich durchaus liebe, aus dem sogenannten Mitteleu­ropa, eine politische Idee gemacht. Das war der Fehler. Heute wollen ja sogar viele Serben, indem sie andauernd Walzer spielen, zu diesem Mitteleuropa gehören. Es ist entsetzlich. Entsetzlich!

Aber Sie sagen doch selbst: «Ich liebe die Wirtschaft.»
Das habe ich in der Neuen Zürcher Zeitung gesagt.

Sind Sie Kapitalist geworden?
Wenn Sie mögen. Aber es stimmt nicht. Alle Hauptwörter, die mit «Ist» enden, treffen nicht auf mich zu. Ich bin ein Freund der Zeitwörter. Sowie Sie auf mich ein Hauptwort anwenden, ist es schon falsch. Sogar das Wort «Autor» oder «Schriftsteller» können Sie streichen. Ich bin kein Schriftsteller, sondern ich schreibe, ich habe geschrieben, ich werde geschrieben haben. [...]

Schon 1979 sagten Sie in Ihrer Dankesrede zur Verleihung des Kafka-Preises: «Ich bin, mich bemühend um die Formen für meine Wahrheit, auf Schönheit aus, auf die erschütternde Schönheit, auf die Erschütterung durch Schönheit.»
Schaun Sie, ich habe manchmal in Reden programmatisch etwas von mir gegeben, was ich jetzt nicht mehr so sagen würde. Andere haben sich viel mehr widersprochen, Brecht zum Beispiel. Im Vergleich zu Brecht bin ich, wie man in Österreich sagt, ein «Waserl». [...]

Als der vorige Papst starb, der polnische, der ja ganz öffentlich gestorben ist, habe ich gedacht, der wird vielleicht baff sein. Also bei dem habe ich gespürt, dass nach dem Tod nichts kommt.

Und so weiter, es menschelt halt unaufhaltsam. Hat Handke diesen Interviewer verdient? Ich lasse hier aus, wie Müller mit dem Thema Reich-Ranicki umgeht. Wer Lust hat, kann die entsprechenden Stellen in seinem Interview mit diesem über seine Einstellung zu Handke vergleichen. Die hohe Kunst zu menscheln, sozusagen.

 

 
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