Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Christian Hacke ist beunruhigt Mittwoch, 31. Oktober 2007

Da ist ein Professor für amerikanische Politik, der längst schon festgestellt hat:

Amerika ist zum Problem geworden

Im selben ZDF-Interview sagte Christian Hacke auch klar, warum es dem so ist (Link):

Doch solange vor allem Israel nicht endlich einen Palästinenserstaat zulässt, der diesen Namen verdient, und solange die Regierung Bush nicht entscheidend mehr hierfür tut und Israel auf diesen Kurs drängt, bleibt die Weltlage gefährdeter denn je.

Neulich hat eben dieser Prof noch mehr Klartext gesprochen, nach der Lektüre eines neuen antisemitischen Buches. Es handelt sich um einen Wälzer aus der Feder unermüdlicher Kämpfer gegen die jüdische Weltverschwörung, jener inzwischen tatsächlich weltweit bekannt gewordenen amerikanischen Professoren Mearsheimer und Walt. Von allen bis dato mir zugänglichen Rezensenten hat Hacke das Buch am positivsten bewertet, und das u.a. auch in der “Zeit”. Sein Text war offensichtlich für die Zeitschrift “Internationale Politik” geschrieben, wie auch Ausschweifungen von dem ebenso unermüdlichen Alfred Grosser. Mit einer berauschenden Geschwindigkeit wurde Hackes Lob verlinkt, auf der Seite des Campus-Verlags, der auf seine editorische Tätigkeit endlich stolz sein kann, auf den zahlreichen rechtsradikalen, islamistischen und einfach antisemitischen Seiten. Ich hoffe, sie alle freuen sich aufeinander.

Die weiteren Rezensionen müsste man auch mal unter die Lupe nehmen…

Und nun einige Beispiele der hohen Kunst eines Bonner Profs:

Ist dies Ausdruck von Antisemitismus oder notwendiger Tabubruch?

Sehr geschickt, finde ich. Besser als Möllemann auf jeden Fall. Dieses entweder-oder, dieses “notwendig” – prächtig!

Beide Autoren stellen weder die Legitimität der israelischen Lobby noch Israels Existenzrecht, wohl aber das gängige Klischee von Israel als einem wertvollen und verlässlichen strategischen Partner infrage.

Auch hier – “das gängige Klischee”, die Verneinung der Prädikate “wertvoll” und “verlässlich” – mutig, nicht wahr?

Hacke ist mit Mearsheimer und Walt einverstanden, wenn diese schreiben:

»Die USA haben ein Terrorismusproblem, weil sie eng mit Israel verbündet sind, und nicht umgekehrt.«

Er legt sogar nach:

Und auch das Bild von Israel als einem schutzlosen David ist für Mearsheimer und Walt eine Chimäre, in Wirklichkeit sei Israel als einzige Nuklearmacht der militärische Goliath im Nahen Osten.

Der Liebling der deutschen Zeitungen Tony Judt darf hier nicht fehlen, aber da Hacke auf diesen offensichtlich neidisch ist, spricht er von ihm als “zum Beispiel vom bekannten liberal-kosmopolitischen Historiker Tony Judt”. “Kosmopolitisch” – das ist ja spitzenmäßig!

Schon im nächsten Satz verplappert sich Hacke noch deutlicher:

die jüdische Lobby kann nicht für alle negativen Entwicklungen verantwortlich gemacht werden.

Da hat der Prof die Juden endlich erwischt! Dazu noch bei “einem innen- und außenpolitischen Phänomen, das beunruhigen muss”. Schwache Leistung bei Juden, großer Erfolg bei Hacke und der “Zeit”!

Man darf nicht unerwähnt lassen, dass Josef Joffe in dieser Zeitung das Buch verrissen hat (Link). Schön und gut. Daraufhin sollen auch Antisemiten ihre Freude haben, so in etwa?

 

Frank Schirrmacher betätigt sich kulturell Dienstag, 30. Oktober 2007

Es ist schon merkwürdig, aber keine Quelle gibt seine Dankrede komplett wieder. Aus drei zur Verfügung stehenden Links können wir etwas zusammenbasteln, ohne auf die bald bevorstehende Gesamtausgabe zu warten, wie es die Netzeitung empfiehlt (Link). Einige wenige Beispiele reichen aus, um die epochale, weltbewegende Bedeutung der Rede zu erkennen (Die “Fokus-Fassung – Link; die FAZ-Fassung - Link):

Die modernen Techniken und Technologien haben Städte, Länder und Kontinente verändert, Entfernungen minimiert, jahrtausendealte Berufe eliminiert, vom kompletten Umbau der Anschauungen und Lebenswahrheiten ganzer Generationen zu schweigen – und nun wendet sich diese Energie wie der Blick Saurons aus dem „Herrn der Ringe“ auf Schreibende, Lesende, auf jenen blinkenden Cursor, den Pulsschlag des Textes.

Diese wundervolle, unvergleichliche, einmalige, an Stefan George und Thomas Mann erinnernde Poesie eines Sprachkünstlers wird leider auch nur vom “Fokus” zitiert.

Mag sein, dass die Warnung vor jugendgefährdenden Schriften und Filmen in der Vergangenheit oft prüde und unrealistisch war. Doch was Kinder und Jugendliche heute unkontrolliert sehen können, ist pornografischer und gewalttätiger Extremismus, wie ihm niemals zuvor eine Generation ausgesetzt war und gegen den man sich, zumindest als Jugendlicher, nicht immunisieren kann.

Adorno würde weinen - ich meine, vor Neid. Schirrmacher bezieht sich anscheinend auf das Internet, und vergisst leider viel zu leicht, dass der andere sein Feind, das Fernsehen, das längst vorgemacht hat. Es gibt, schrecklich zu sagen, sogar Printmedien, die diese Sünde begangen haben oder täglich begehen. Schirrmacher besinnt sich erst später:

Wir riskieren die wenigen Kinder, die unsere Gesellschaft in Zeiten des demografischen Wandels hat, auf Dauer mit seelischem Extremismus zu programmieren, wenn wir nicht bald eine Debatte über pornografische und kriminelle Inhalte im Internet beginnen. Und wenn Sie die Infektionsausbreitung verfolgen wollen, zählen Sie, wie viele Tote neuerdings auch in Nachrichtensendungen oder Illustrierten gezeigt werden.

Diese zwei Sätze muss man etwas aufmerksamer lesen. Unsere Gesellschaft erlebt also die Zeiten des demographischen Wandels. Ich glaube, fast dasselbe neulich von einem anderen großen Geist unserer Tage, Eva Herman, vernommen zu haben: “Wir sterben aus” (Link). Meint denn Schirrmacher etwas anderes? Nicht weniger interessant ist es, dass Nachrichtensendungen und Illustrierte dazu gezählt werden, nur die FAZ nicht. Die FAZ lebt in einer anderen Welt und programmiert ihre Leser mit seelischem Qualitätsjournalismus. Trotz der Bedrohung seitens der Realität schafft sie “die Bindungskräfte einer medial disparaten Gesellschaft”.

Nebenbei würde ich gerne mal erfahren, warum der grimmige Preisträger den “gewalttätigen” mit dem “kriminellen” Extremismus gleichsetzt. Sprachkünstler sind hier besonders gefordert. Unter dem Niveau eines Arno Schmidt bitte nicht melden.

Im nächsten Abschnitt nutzt der große Ethiker die Gelegenheit, um gegen einen unliebsamen Gegner, den perlentaucher.de zu stechen. Das beweist seine Milde und verleiht ihm eine moralische Überlegenheit:

Eine Option ist die Tageszeitung selbst, die von manchen allzu voreilig totgesagt wird – und zwar gerade von jenen mit Vorliebe, die von der Ausbeutung fremder redaktioneller Inhalte leben. Die Umlaufgeschwindigkeit von echten und halbseidenen Nachrichten im Internet ist enorm, und auf den ersten Blick kann man sie nicht voneinander unterscheiden. Sie tauchen ebenso schnell auf, wie sie verschwinden.

Dieser unwürdige Kampf geht schon länger und wird vom Perlentaucher beschrieben (zuletzt Link). Unfassbar!

Der folgende Gedanke wird das Ewige segnen, oder umgekehrt:

Die Zeitung liefert eine Haltbarkeit von mindestens 24 Stunden, und in ihren Kommentaren, Rezensionen und Kritiken will sie sogar vor der Nachwelt bestehen. Im Vergleich zum Internet ist sie ein retardierendes, also verzögerndes Moment in der gesellschaftlichen Kommunikation, und gerade deshalb wird sie immer unverzichtbar sein.

Falk Lüke schreibt absolut korrekt dazu: “dass dies leider stets die vergangenen 24 Stunden vor Drucklegung waren, das sagt Schirrmacher nicht.” (Link) Ich würde noch einmal den Ausdruck “Retardtablette” aus dem Gedächtnis abrufen, um die Sprachkunst des Redners zu bewundern. Dazu kommt noch die messerscharfe Logik: Was die Kommunikation verzögert, ist immer unverzichtbar. Die Lehre Schirrmachers ist allmächtig, weil sie wahr ist, wenn ihr meint, was ich verstehe.

Moment, wir sind noch nicht fertig:

Es gibt nur eine logische Konsequenz: Zeitung und Internet sind konstitutiv für den, der ein aufgeklärtes Leben führen will.

Auch dies können nur die Leser des “Fokus” geniessen. Ich nehme alles zurück und behaupte das Gegenteil: All die oben produzierten Extreme sind konstitutiv und eine Aufklärung an und für sich. Adorno weint an dieser Stelle wie ein Kind ohne Internet.

Im weiteren solidarisiert sich Schirrmacher mit dem anderen großen Qualitätsjournalisten der Merkel-Ära (vgl. Link):

In Deutschland nennen wir das, was wir tun, „Qualitätsjournalismus“, und gemeint ist ein Journalismus der großen Zeitungen, der nicht nur auf Verlässlichkeit setzt, sondern auch einer redaktionellen Ausstattung bedarf, die diese Verlässlichkeit sichert.

Wann sind Journalisten verschwunden, die selbst, ohne die Einmischung des Chefs, schrieben und dafür gerade standen? Ich meine, nicht vor dem Chef, sondern vor dem Leser. Schirrmacher ist anderer Meinung, klar:

Eine Zeitung, die einmal aus dem Taktschlag gerät, deren Temperament gebremst und deren geistige Risikobereitschaft entmutigt wird, eine Qualitätszeitung, deren Besitzer einmal die Drehschrauben ansetzen, um zu sehen, wie weit man drehen kann – diese Zeitung verliert auf Dauer ihre Seele. Und es ist, wie man in England, Schweden, Finnland, Amerika, leider auch in Frankreich beobachten kann, praktisch unmöglich, ihr diese Seele jemals wiederzugeben.

Nur in der FAZ kann die Seele blühen. Der Rest der Welt wird untergehen oder ist schon begraben. Wie schade, dass dies die Leser der FAZ selbst nicht lesen dürfen, offensichtlich aus einer Bescheidenheit.

Bei der nächsten Prophezeiung würde ich gerne wetten, dass dem nicht so sein wird:

Jeder, der Augen hat zu sehen, wird erkennen, dass das nächste Jahrzehnt das Jahrzehnt des Qualitätsjournalismus sein wird [...]

Ich stimme dem nicht zu, leider. Diese Rede beweist eben das Gegenteil. Aber auch hier weiß Schirrmacher seine Zauberlogik anzuwenden:

Je stärker der öffentlich-rechtliche Rundfunk ins Internet ausgreift, desto bedrohter werden die Zeitungen.

Die öffentlich-rechtlichen Systeme haben begonnen, im Internet zu veröffentlichen; und das mit einem Etat im Rücken, der dem Staatshaushalt eines baltischen Landes entspricht. Sie verfassen Rezensionen im Internet, Kommentare und Tagebücher. Noch ist es nicht soweit. Doch wenn diese gebührenfinanzierten Angebote weiter ausgebaut werden, sind die Zeitungen, die sich durch den Markt finanzieren, wirklich bedroht.

Kassandra sagt hier endlich, was sie denkt. Der Feind wird beim Namen genannt, allerdings nur bei der Süddeutschen, die anderen Quellen sind hier geradezu plötzlich schweigsam:

Je stärker der öffentlich-rechtliche Rundfunk, also ARD und ZDF, ins Internet ausgreift, desto bedrohter werden die Zeitungen.

Die öffentlich-rechtlichen Systeme haben begonnen, im Internet zu veröffentlichen; und das mit einem Etat im Rücken, der dem Staatshaushalt eines baltischen Landes entspricht. Sie verfassen neuerdings Rezensionen im Internet, Kommentare und Tagebücher.

Noch ist es nicht soweit. Doch wenn diese gebührenfinanzierten Angebote weiter ausgebaut werden, sind die Zeitungen wirklich bedroht. Wir sind Freunde eines Qualitätsjournalismus im Fernsehen, aber Gegner quasi staatlich finanzierter Aufschreibesysteme. Gegen deren “Texte” hätten die unabhängigen Zeitungen auf Dauer keine Chance. [Link]

Ich betone noch einmal: ARD und ZDF sind böser als das Internet und sind zu alldem noch fähig, “Texte” zu produzieren, gegen die Schirrmacher auf Dauer keine Chance hat. Hört auf, Schirrmacher als einen großen Internetgegner zu titulieren. Da gibt es mehr zu holen. :-) Wie kann es überhaupt gehen, dass alle Qualitätsjournalisten ihre eigene Sendungen im Fernsehen haben, nur Frank Schirrmacher nicht?

Nebenbei gemerkt, diese Praxis, nach Belieben zu zitieren, ohne Auslassungen zu kennzeichnen, war seit je ein Bestandteil des Qualitätsjournalismus. Das versteht sich von selbst, nicht wahr? Bin ich etwa neidisch? *g*

 

In Putins Russland kriselt es Sonntag, 28. Oktober 2007

Einsortiert unter: Politik,Russland — peet @ 22:20 Uhr
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In den letzten Tagen passieren seltsame Dinge in Russland. Noch seltsamer ist es aber, dass wir nur zum Teil informiert werden.

Vor einigen Wochen wurde von oben eine Preiskontrolle angeordnet, deutlich als Wahlkampagnie angedacht. Man kann mit großer Wahrscheinlickeit eine wirtschaftliche Krise erwarten, um so mehr als die Hauptrichtung die Landwirtschaft ist, die immer noch am Boden liegt und auf diese Weise möglicherweise wieder ruiniert werden soll, sozusagen als ein Nebenprodukt des Putin-”Plans”.

Der Kampf zwischen den obersten Korruptionären ist in die offene Phase eingetreten – Generäle des ehemaligen KGB verhaften einander, weil sie die eine oder andere Nische des lukrativen Marktes nicht mehr friedlich untereinander teilen können.

Michail Chodorkowski befindet sich immer noch im Lager - entgegen einem Gerichtsurteil, vielmehr deshalb, weil sich die Generalstaatsanwaltschaft der Aufhebung der Strafe durch das Gericht nicht beugen will. Das heißt, Chodorkowski sitzt nun seit dem 16. April 2007 ausschließlich als politisch Verfolgter.

Vor einigen Tagen haben vier renommierte Künstler, darunter Kinoregisseur Nikita Michalkow, der Bildhauer Surab Zereteli, der Maler Tair Salachow, einen offenen Brief an Putin in der Zeitung “Rossijskaja Gazeta” publiziert, in dem sie ihn buchstäblich auf Knien anflehen, er möge bitte-bitte weiterhin Präsident bleiben. Ein Skandal, welcher in Russland eine ziemlich merkliche Welle hervorgerufen hat. Eine Gruppe der Intelligenzia hat öffentlich dagegen protestiert und eine Gegenmeinung publik gemacht. Russische Blogger sind noch einmal deutlicher geworden, es sind Parodien, Aufrufe, Unterschriftensammlungen virtuell unterwegs.

Wann kommt das alles in der deutschen Presse an?

 

Huber spricht

Einsortiert unter: Allgemein — peet @ 19:02 Uhr
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In der heutigen Sendung “Tacheles” bei “Phönix” hat Bischof Huber gesagt:

Die Grundrechte sind Gott sei Dank sekular.

Eine scheußliche Sendung, in der jegliche Kirchenkritik heruntergespielt wurde, wurde auf diese Weise schon wieder irgendwie lustig. Sie heißt übrigens “Talkshow der evangelischen Kirche”. Brrr.

 

Daniel Barenboim über die deutsche Kultur Mittwoch, 17. Oktober 2007

Einsortiert unter: Deutschland — peet @ 7:38 Uhr
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Im Interview an die dpa sagte Daniel Barenboim gestern (Link):

die ganze Debatte über die Rolle von Kulturinstitutionen in Deutschland finde ich leider sehr primitiv und – ehrlich gesagt- völlig unverständlich. Letzten Endes ist der größte Beitrag, den Deutschland für die Welt leistet, die Unterstützung von Bildung und Kultur.

Ich würde zwei Kleinigkeiten korrigieren:

Der zweite Satz stimmt seit vielen Jahrzehnten nicht mehr und kann auch nicht wieder so sein. So würde ich umschreiben:

die ganze Debatte über die Rolle von Kulturinstitutionen in Deutschland finde ich leider sehr primitiv und – ehrlich gesagt- völlig verständlich. Letzten Endes war der größte Beitrag, den Deutschland für die Welt leistete, die Unterstützung von Bildung und Kultur.

 

Schwarzenegger zeigt ein gutes Beispiel Dienstag, 16. Oktober 2007

Einsortiert unter: Allgemein — peet @ 22:03 Uhr
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Der kalifornische Gouverneur Arnold Schwarzenegger hat ein Gesetz unterzeichnet (Link),

das staatliche Investitionen in Unternehmen stoppt, die in strategischen Bereichen Geschäfte mit dem Iran betreiben. Die vor kurzem vom kalifornischen Kongress gebilligte Vorlage sieht vor, den beiden größten staatlichen Pensionsfonds der USA zu untersagen, in Firmen zu investieren, die mit dem Iran im Bereich der Verteidigungs- und Nukleartechnologie sowie auf dem Öl- und Gassektor zusammenarbeiten.

Wann folgen deutsche Politiker diesem Beispiel? Warum gibt es dazu kaum Meldungen in der deutschen Presse?

 

Ein neuer Artikel von Emanuele Ottolenghi Montag, 15. Oktober 2007

Einsortiert unter: Antisemitismus,Israel,Lesefutter — peet @ 18:29 Uhr
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Schon vor mehreren Monaten habe ich Emanuele Ottolenghi meinen Lesern empfohlen (Link), jetzt hat er das selbe Thema (“die guten Juden”) aktualisiert (Link). Ist mit einer Übersetzung zu rechnen?

Alfred Grosser, Rolf Verleger et C° – das ist Gute-Nacht-Lektüre für euch.

 

Am dritten Tage nach dem Eva-Herman-Fall Sonntag, 14. Oktober 2007

Einsortiert unter: Blogging,Eva Herman — peet @ 20:36 Uhr
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Inzwischen sind es mehr als 770 Blogeintragungen, die sich alle um den medialen Skandal “Eva Herman” drehen und stark divergierend voneinander im heftigen Streit miteinander liegen. Es ist schier unmöglich, sie alle zu lesen. Keine Suchmaschine hilft, sie zu filtern, denn es geht nicht mehr um Stichworte, sondern um die Qualität der Texte, Originalität des Blicks, die Schärfe der Argumente, die Beachtung dessen, was von anderen geschrieben wurde.

Ich nehme experimentellerweise die je ersten 20 Treffer bei den wichtigsten Suchmaschinen (spezialisiert auf dem Gebiet deutschsprachiger Blogs) und betrachte sie etwas aufmerksamer, ohne alle gleichberechtigt zu behandeln. Das kann etwas länger werden, bitte um Geduld. Ein paar Kekse vielleicht? :-)

I. Clusty:

Die absolute Mehrheit der bloggenden Bürger dieses unseres Landes verteidigt das zu unrecht leidende Opfer der Politik, der Medien etc. Töne und Färbung unterscheiden sich nur minimal. Besonders krass sind folgende Beiträge – auf der evangelischen Seite idea.de (Link):

Kerner behandelte Herman wie bei der Inquisition. [...] Doch Herman blieb standhaft. [...] Ein Geschichtsprofessor hatte sich nicht entblödet, Herman mit Belehrungen über das Dritte Reich zu konfrontieren, die jeder Sechstklässler kennt, und bekanntzugeben, dass er die Frage „Hat Eva Herman recht?“ an seiner Universität als Prüfungsfrage eingeführt habe. [...] Broder nannte die Sendung „die längste Antifa-Sitzung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen“. [...] Politisch korrekte Meinungsführer in Medien und Politik schließen auf beängstigende Weise die Reihen. Deutschland rückt ein Stück näher an das heran, was Martin Walser die „gestoppte Demokratie“ nannte.

Eine Reaktion darauf kommt noch später – bei der Technorati-Linksauswertung.
Eine empörte “Flashlink30″ verkündet in ihrem Blog (Link):

Wir lassen uns nicht verarschen. [...] Mich erfreut es aber tierisch, wenn ich landauf, landab in jedem Forum und in hunderten von Kommentaren die Volksmeinung lese. Es herrscht Einhelligkeit in der Verurteilung der beschämenden Hexenjagd. [...] eins steht fest: Dieses Blog unterstützt Eva Herman. Jetzt erst recht.

Um Ausgeglichenheit bemüht sich Sebastian in dem Blog “Aufschrei” (Link). Er liefert die beste Analyse des Spruchs über die Autobahn und kommt zum Schluss:

Es ist erschreckend, wie groß die Distanz zwischen diesen beiden Sphären geworden ist. Sie zeigt sich, wenn Journalisten die Show nun als eine »Sternstunde des Fernsehens« bezeichnen und triumphieren, Herman habe eine Niederlage eingesteckt und sich unmöglich gemacht. Weit gefehlt. Da, wo Antifaschismus nicht gegenstandslos wäre, sondern dringend nötig, ist sie beliebter und stärker denn je. Und selbst wenn sie bald von der Bildfläche verschwinden sollte, was ich für unwahrscheinlich halte – der Nerv, den sie getroffen hat, wird nicht so schnell wieder verstummen. Und dem ist es auch relativ egal, was sie nun eigentlich gemeint hat.

Im “Bildblog” wird mit großem Staunen festgestellt, dass die große MeinungsBILDnerin baff ist und auf der Spur der Schadensbegrenzung wandert. Dabei wird ein sprachlich lehrreiches Fragment aus dem Interview mit dem inzwischen berühmtesten Geschichtsprofessor Deutschlands zitiert (Link).

Ich wundere mich meinerseits über diesen Proporz – die zwei zuletzt verlinkten Beiträge sind eine (rühmliche) Ausnahme. Und doch ist dieses Verhältnis glaubwürdig.

II. Icerocket

Hier sieht es alles noch schlimmer aus. G. Arentzen postuliert (Link):

Wie steht es nun mit den Aussagen von Eva Herman, man könne nicht über den Verlauf unserer Geschichte sprechen, ohne in Gefahr zu geraten?
Nun, das ist natürlich falsch. Man kann sehr wohl über das Dritte Reich sprechen. Man kann sagen, dass das alles Scheiße war, Hitler ein Arschloch, die Nazis verrückt – nichts passiert. Man kann sagen, dass er die Autobahnen nur für den Krieg bauen ließ, all die Nachteile aufzählen, die Judenvernichtung und den Krieg – nichts passiert.
Problematisch wird es erst, wenn man über diese Zeit spricht, ohne deutliche Abscheu zu zeigen oder wenn man Begrifflichkeiten benutzt, die auch von den Nazis benutzt wurden. Dann haftet einem schnell der Geruch des Braunen an. Man hat schließlich alles zu verdammen, denn alles kann irgendwie negativ behaftet sein. [...] Es gibt keine sachliche Debatte über diese Zeit, keine emotionslose Bestandsaufnahme, kein “vielleicht gab es durchaus gute Ansätze, die dann ins Schreckliche abwichen”. [...] Geht jemand hin und sagt, dass etwas gut war in dieser Zeit, ist er ohnehin ein Nazi und somit der öffentlichen Verdammnis anheim gefallen. Würde Dante seine Göttliche Komödie heute schreiben, der erste Ring der Hölle wären die Medien, der zweite der Boulevardjournalismus. [...] Ob Eva Herman nun nationalsozialistisch denkt oder nicht, maße ich mir nicht an zu entscheiden. In gewisser Weise kann man aber sicher von einer “gleichgeschalteten Presse” sprechen.

Als Beispiel einer neutral angelegten Beschreibung verlinke ich hier den Text aus dem Blog “Moglispears” (Link). Nur eine nichtige Posse sieht ein “Antón” in der Sendung (Link). Am Ende eines langweiligen Textes erkennt “woonde” plötzlich (Link):

Allerdings ist natürlich eine pseudowisschenschaftliche Auseinandersetzung mit diesen höchst wissenschaftlichen Theman provokant und gewagt – von mir und von Frau Herman.

“Dennis” weiß alles bestens und spricht sich wortgewaltig aus (Link):

Frau Hermann ist kein Nazi und sie hat auch nicht die Absicht einer zu werden. Eine Formulierungsschwäche zu haben und ein Buch zu veröffentlichen mag zu kritisieren sein. Eine Fernsehkollegin einzuladen und sie aus meiner Sicht öffentlich zu fünft gewaltsam zu diskreditieren, ist für mich zu verachten. Kerner hat so im deutschen Fernsehen für mich nichts mehr zu suchen. Und die anderen Quotenhuren kann er gleich mitnehmen.

“SyranodeBonn” formuliert noch böser und ist (Link)

geneigt, von einer gewissen Gleichschaltung der Presse zu sprechen. Bis auf einen hervorragenden Artikel in der „Süddeutschen“ über Johannes B. Kerners Volksgerichtshof, später umgeändert in Laiengericht, wird die übliche Routine abgespult, wenn man jemanden in die rechte Ecke stellen will.

Noch einen Schritt weiter. Da sind wir schon bei den ganz schlimmen Beispielen. Normalerweise ignoriere ich diese “konservative” Ecke. Bei dem Thema sind sie aber so stark im augenblicklichen Aufwind, dass es unvermeidlich ist, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Der im vorigen Posting von mir schon erwähnte André F. Lichtschlag schwingt mit seiner Tastatur und – o-ho-ho – dabei kommt viel Euphorie raus (Link):

Warum sind sich alle einig darin, dass man öffentlich mit niemanden auch nur diskutieren darf, der etwa sagt: „Aber der Bau der Autobahnen damals war gut.“ Oder: „Die Olympischen Spiele von 1936 waren ein Erfolg.“ Das größte Tabu ist der Satz, dem insgeheim 95 Prozent der Menschen zustimmen, den aber nun wirklich keiner offen sagen darf: „Das meiste war schlimm, aber es war nicht alles schlecht!“

Natürlich war nicht alles schlecht. [...] Deutschland schreitet mit großen und schnellen Schritten voran auf dem Weg in einen totalitären Staat, der ideologisch mit Ökowahn, Radikalfeminismus und „Antifaschismus“ luftdicht abgesichert wird. Früher nannte man das Nationalismus und Sozialismus.

Die rechtsradikale Zentrale “Störtebecker.net” jubelt (Link):

Man darf in Deutschland keinen individuellen Standpunkt zu gewissen prägenden historischen Geschehnissen vertreten – nicht einmal zu kleinen Details jener Epoche, ohne sofort an den Pranger gestellt zu werden. Das bleibt haften, und zwar in einer Art und Weise, wie es hunderte von Demonstrationen des Nationalen Widerstands bislang nicht zu vermitteln vermochten.

Die NPD, DVU und die Nachfolge der Schillpartei sind offensichtlich brennend interessiert. Im letzten Fall ausdrücklich:

Aus der Hamburger Zentrumspartei, der bislang keinerlei Bedeutung beigemessen wird, könnte in diesem Fall ganz schell die „Herman-Partei“ werden. Denn neben Nockemann gibt es mal abgesehen vom christlichen Hardliner Udo Ulfkotte, ansonsten lediglich namenlose Windgestalten. Kein Wunder, dass man so erpicht darauf ist, Eva Herman für sich zu gewinnen.

Am Ende fällt ein noch besseres Wort:

Wenn es hier keine Absprachen gegeben hat, dann war nicht Herman naiv, sondern Kerner, der aus politisch-korrekten Gründen die Dissidentin wieder zu neuem Ruhm verholfen hat.

Ziemlich einsam steht dazwischen mein eigener Überblick der ersten Blogreaktionen da(Link). Andere “normale” Texte sind unter den ersten 20 nicht zu sehen.

III. google

Google zählt schon ca. 1140 Beiträge zum Thema auf. Überschneidungen zu clusty und icerocket sind zahlreich: mindestens vier Beiträge sind dieselben. Von zwanzig – ist es gut oder mangelhaft?

Hartmut Hannaske sieht in den Medien den wahren Übeltäter, so wie sie mit “Frau Herman” umgehen (Link), die

als einzige in ruhiger und sachlicher Art ihre Intelligenz unter Beweis stellend den Nachweis erbracht hat.

Seine Folgerung ist noch globaler:

Das Medien bei Wahlen und politischen Entscheidungen ein entscheidendes Wort mitreden ist eine Binsenweisheit. Problematisch wird es nur dann, wenn alle “Experten” in den großen Medien einer Mainstreammeinung hinterherlaufen und überall der Mut oder der Verstand fehlt, sich dieser entgegenzustellen und den Mainstream zu verändern. Das ist auch der wahre Grund für das peinliche Ausmaß von Antiisraelismus und Antiamerikanismus in Deutschland.

Ein “Vergißmeinnicht” (“Frau im Zielgruppen-Alter von Eva Hermans Büchern”) ist eher neutral in ihrer Bewertung, fragt dann aber – in der schönen Vogel-Strauss-Art – nach dem Sinn der Sendung (Link):

musste das ZDF die Sendung dann wirklich ausstrahlen? Haben sie nicht diesen Eklat zu eigenem Nutzen verwendet? Hätten sie nicht einfach auf diese Sendung verzichten können? Dann könnte sich Deutschland jetzt wichtigen Themen widmen und rechts gerichtete Vereinigungen hätten kein neues Futter mit dem sie demonstrieren können. Damit hätte man der Sache und dem Fernsehzuschauer wirklich einen Gefallen getan.

Im (nach der begeisterten Meinung “Muslimmarktes” “äußerst Israelkritischen und insbesondere NeoCons-kritischen”) “Politblog” wird von “pony_huetchen” über “Schauprozess”, “Rufmord” gesprochen und irgendwann die letzte Wahrheit präsentiert:

Die Ursachen, und da sitzt die unerwünschte Sprengkraft des Herman’schen Ansatzes, liegt in der Arbeitswelt der neoliberalen Wirtschaft. Was, wenn die Menschen feststellen, dass in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein Handwerker – zwar bescheiden, aber dennoch ausreichend – eine Familie ernähren konnte. [...] Sie verharrt mit ihrer Kritik bei dem Phänomen, erkennt nicht die wahren gesellschaftspolitischen Implikationen. Dann hätte sie eine glasklare Erklärung – und darin liegt die Brisanz! Ein Schritt – und Herman erkennt die wahren Zusammenhänge der von ihr sehr genau analysierten gesellschaftlichen Probleme.

In den zahlreichen Kommentaren wird diese Sicht mehrheitlich unterstützt. Eine einzige Iris Bleyer stellt sich dagegen:

Entschuldigt mal, aber die Art und Weise, wie das wirre Gequatsche, das E.H. von sich gab jetzt durch diesen Artikel von links vereinnahmt wird, kotzt mich echt an. Das finde ich fast noch widerlicher, als die Umarmung der blonden Mutterkreuzritterin aus den katholisch-konservativen und rechtsextremen Lagern.

Unter den unzähligen Verschwörungsspezialisten und antiisraelischen Kapitalismuskritikern glänzt einsam ein Kommentarbeitrag von Jens Berger:

Ich halte sie (wie mehrfach geschrieben) nicht für eine Vertreterin von Rechtsaußén-Positionen, dass sich ihr Familienbild mit dem der Rechtsaußen überschneidet, dafür kann sie erst einmal nichts. Man erinnere sich an die Debatte über gemeinsame Schnittpunkte in den Positionen Lafontaines mit der NPD. Was bei Frau Herman offen zu Tage tritt, ist ihr grundnaiver Umgang mit der deutschen Vergangenheit. Sie sagt es selbst, wenn sie ihren “historischen Ansatz” formuliert – „Ich habe mit meiner Großmutter, die sehr alt geworden ist, vor kurzer Zeit darüber diskutiert, und ich habe gesagt: Wie konnte das passieren, warum habt ihr nicht unternommen?“

Genau dies sind die Fragen, die die 68er ihren Eltern und Großeltern gestellt haben – aber zwischen der “Vergangenheitsbewältigung” der meisten Menschen, die sich ernsthaft mit dem Thema beschäftigen und Frau Herman liegen nicht nur 30 Jahre, sondern auch wissenschaftliche Welten. Wenn sie in dem umstrittenen Zitat beiläufig “den einen bösen Mann” erwähnt, so ist dies genau die Ausrede, die die 68er von ihren Eltern zu hören bekamen. “Ein paar böse Männer” und 80 Mio. Mitläufer. Zwischen den Zeilen verbirgt sich mehr, als man oberflächlich denken mag. Ihre dämliche Anspielung auf die “Autobahnen” ist genau in diesem Kontext zu sehen – dummnaives Geplapper, das im besten Sinne aus mangelnder Bildung, im schlimmeren Sinne als Krawall-PR für ihr Buch und im schlimmsten Sinne als Überzeugung zu verstehen ist. Letzteres schliesse ich aus. [...]

Wenn Sie hysterisch faucht “WIR sterben aus” und bei Kerners Kontra “Naja – dann gibt es ein paar mehr Chinesen” angewidert mit den blauen Äuglein rollt, so ist dies für mich verabscheuenswert. Sorry, für die harten Worte. [...]

Wer beim “Forum Deutscher Katholiken” – einer erz(!)konservativen Einrichtung für “seine Sache” Brandreden hält, hat (wenn er nicht mit diesen Kreisen sympathisiert) seinen persönlichen faustischen Pakt geschlossen. Und das es nach hinten losgeht, wenn man (für welche Sache auch immer) mit dem Teufel ins Bettchen steigt, lehrt uns die Geschichte in unzähligen Fällen.

Im Ulis’s Blog (Link) werden die vorhandenen Meinungen etwas anders sortiert als in diesem Blog (hier), berücksichtigt werden dabei nur Alphablogger - vielleicht fühlt sich da der eine oder der andere Leser besser aufgehoben. :-)

IV. Technorati

Hier werden ca. 750 Posts aufgezählt. Man kann bei Technorati nicht mehr nach Rankings sortieren, so dass man dem Verlauf nur chronologisch folgen kann. Auch bei diesem unvermeidlich simplen Vorgang entdecke ich hier einige höchst interessante Beiträge. So stellt sich Haso gegen die Position der idea.de-Seite (siehe oben) mit deutlichen Worten (Link):

Wir dürfen nicht vergessen, dass konservative Christen zu denen gehörten, die im Dritten Reich verführbar waren. Die Nazis verstanden es, Begriffe in den Raum zu werfen, die auch zum christlichen Vokabular gehörten, und sie verbanden diese Begriffe mit einer Intonation, die ähnliche emotionale Sentimente ansprach wie eine pathetische Predigt. Viele schauten nicht mehr näher hin, ob sich hinter Sprache und Tonfall nicht ganz andere Motive verbargen, die eine Allianz unmöglich gemacht hätten.

Und so spüre ich die Möglichkeit, dass konservative Christen auch heute verführbar sein können, wenn nur passende Partner sich anbieten, die mit den richtigen Schlagworten aufwarten und die richtigen Saiten erklingen lassen. Aufgrund solcher Zusammenhänge ist es nötig, “jeden Vergleich mit dem Dritten Reich” zwar nicht “unter Strafe zu stellen”, aber zu meiden wie der Teufel das Weihwasser. Es geht nicht an, aufgrund der Besorgnis um “unsere”, “christliche” oder “biblische” Werte auch nur in die geringste Nähe zu Leuten zu kommen, die auf der Klaviatur solcher Werte eine ganz andere Sonate spielen.

Ein Teil des Problems liegt übrigens darin, dass viele Christen mit Rückzugsgefechten auf gesellschaftliche Entwicklungen reagiert haben, bis sie mit dem Rücken an der Wand standen, anstatt die Chancen und Möglichkeiten gesellschaftlicher Entwicklungen zu entdecken und aufzugreifen. Wer mit dem Rücken an der Wand steht, hat sich immer selbst dorthin gestellt.

Diese Position kann man gewiß kritisieren, es ist aber noch eine Stimme in diesem Chor, die ich so bis jetzt nicht wahrgenommen habe.

Ganz anders geht es auch: Im Blog “Gedankendeponie” (Link) wird eine Diskussion über die Familie geführt, streng im Rahmen der Vorgaben, die Eva Herman predigt. Der Autor und seine Kommentatoren distanzieren sich munter und bisweilen in großer Sorge von Phantomen und Popanzen und erzählen dabei viel aus dem Familienalltag.

Der Rest entspricht dem, was wir bei clusti und Icerocket vorgefunden haben.

V. Rivva

Hier sind nur und ausschließlich Alphablogger im Angebot. All diese Artikel wurden von mir schon im vorigen Posting berücksichtigt.

Fazit: Clusti sortiert am besten. Google bringt die meisten Quellen. Icerocket zeigt mehr Details. Technorati ist zuverlässiger im Ranking-Hinweis. Wenn wir mit dem Blick auf eine Uhr feststellen, dass die Auswertung der Texte Stunden dauert und dass die Suchmaschinen nur bedingt helfen, bleibt die Frage im Raum stehen:

Wie kann ein unvoreingenommener Leser a) das gesamte Spektrum der Meinungen abtasten? b) seine eigene Meinung vorfinden, von einem anderen vorformuliert, besser als er selbst es kann? c) eine Diskussionsplattform finden, wo seinesgleichen im regen Austausch tummeln?

Die deutsche Blogszene erweitert sich schneller als die traditionellen Medien, Leserbriefredaktionen und auch Alphablogger es sich vorstellen. Was für ein Chaos! :-)

Ich postuliere:
1. Keine einzige Suchmaschine bietet zur Zeit den ausreichenden Überblick im Meinungsfeld der Blogoszene.
2. Der individuelle Prinzip herrscht – jeder vertritt sich selbst, seine Meinung, sorgt sich um sein Ranking etc.
3. Die meisten Autoren lesen nur Kommentare im eigenen Blog und weiterführende Links darin.
4. Die meisten Leser folgen den Rankingtabellen ihrer Blogplattform.
5. Die meisten Vereinigungen bzw. Blognetzwerke halten nicht das, was sie versprechen, und unterliegen dem menschlichen Bedürfnis, mehr Lesungen (Aufmerksamkeit etc.) zu erreichen.

Gerade bekomme ich eine wenig erbetene wöchentliche Portion der stressfreien und spirituellen Selbstfindung und Jobzufriedenheit (brrr :-). Darunter eine Perle (im Enkelmann-Original selbstverständlich ernst gemeint *g*):

Alles wird gut. Alles wird immer besser und besser.

Oder mit anderen Worten (Dominik Hennig hat absolut Recht):

In diesem Lande sind einmal wieder sämtliche Schränke tassenfrei.

 

Eva Herman bei Kerner als Thema der Blogoszene Freitag, 12. Oktober 2007

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Mehr als 670 Texte sind dem Thema gewidmet, in nur zwei Tagen, nur von deutschen Bloggern. Technorati und Google versagen – man kann kaum den Überblick behalten. Hier kommt Web 2.0 an seine Grenzen. Wie kann man sinnvolle Beiträge noch herausfiltern? Das Meistgelesene und Meistkommentierte ist aus meiner Sicht weniger relevant als die Texte, die ich im weiteren zitieren werde, obwohl sie von wenigen beachtet wurden. Wir müllen uns selbst zu, eine bittere Perspektive. Wenn man bedenkt, dass vor einigen Tagen blogscout.de geschlossen wurde, und wenn man sich den Überblick zu dem Thema dieses Postings bei rivva.de verschafft hat (am Ende komme ich dazu noch einmal), dann zeigt dieser Einzelfall noch mehr, wie schwer oder fast unmöglich es wird, sich die gesuchte Information direkt zu holen.

Zurück zur vox populi im Bezug auf Eva Hermans Auf- und Austritt bei der Kerner-Show. Die ersten Reaktionen habe ich für mich folgendermaßen sortiert:

I. Pro Herman

1. Die Unterstützung aus ideologischen Gründen, überwiegend von neuen Rechten und erzkonservativen Autoren und Lesern, die immer aktiver werden und nicht nur in Foren, sondern sich zunehmend mehr in eigenen und fremden Blogs verbreiten. Besonders ausgewachsene Beispiele verlinke ich, hoffentlich als Abschreckung und nicht als Werbung.

André F. Lichtschlag stellt Eva Herman bei ef-online (Link) auf das Opferpodest zusammen mit Hohmann in der Sprache der “Jungen Freiheit”:

Eva Herman wurde wie zuvor Martin Hohmann federführend von Springers „Bild“-Imperium in die braune Ecke geschrieben.

Weitere Loblieder mit den unzähligen Umschreibungen der “herrschenden” “Gesinnungsdiktatur” sind zum Beispiel bei Daniel P. Schuster (Link) zu lesen:

Und warum Sie sich nicht entschuldigt? Mensch! Spricht ja wieder für die Nazis – Die haben sich auch nie entschuldigt! Vielleicht hat Sie aber auch das Medientheater einfach nur satt. Es wäre verständlich. 

Insbesondere sind sie aber [update] in den darauf folgenden ausführlichen Kommentaren 21 und 22 von einem condorare zu bedauern oder bei abstrusen Ausschweifungen in Kommentaren wie:

der Bürgerkrieg in diesem Lande geht in die heiße Phase über. (Link)

In dem zuletzt zitierten Organ der Neuen Rechten werden Armin Mohler und Broder in einem Atemzug positiv erwähnt. Dazu komme ich später noch zweimal.

2. Noch viel mehr Beispiele fand ich für eine diffuse Unterstützung, weniger aus ideologischen Gründen, mehr aus Mitleid oder Mitgefühl. In der Art, wie man eine sympathische Person in einem Reality-Show unterstützt. So im Blog matziberlin (Link), wo unter anderem auch Fanpostings für Eva Hermans Position und auch nur Haltung wiedergegeben werden. Medienblogger fragt sich (Link),

warum es Kerner nicht gelingt, sie vor sich selbst zu schützen [...]

Im No-Angel-Inside’s-Weblog heilt der Autor seine Schlaflosigkeit durch die ausführliche Beschreibung des Showablaufs und empört sich (Link):

Sagst Du was gegen Ausländer, bist Du ein Rechter! Kommt Kritik gegen Israel oder die Juden im Allgemeinen, bist Du ein Rechter! DAS kann so nicht sein und auch hier sehe ich ein übles Defizit, was die Diskussionskultur in Deutschland angeht. So würgt man Diskussionen ab, schränkt bewusst die Meinungsfreiheit ein und schadet damit einem konstruktiven Dialog auf vielen Feldern der Gesellschaft. Kurz zur Erinnerung und dazu gibt es einige Beispiele in der Vergangenheit: Wenn dann mal wieder der Druck des Zentralrates der Juden in Deutschland zu groß wird, müssen Politiker zurück treten oder andere Menschen verlieren ihren Job!

So nähern wir uns der berüchtigten vox populi schon wieder – Broder lässt grüßen, auch wenn er in diesem Fall nicht erwähnt wurde.

Noch eindeutiger für Herman, aus Empörung über die Medien und die Politik, tritt ein Manfred Bartl auf, der selbst gerne Politiker werden will. Er zitiert dabei die katholische “Tagespost” (Link):

Ob Joachim Kardinal Meisner oder Eva Herman – gnadenlos dreschen die Medien auf jene ein, die es wagen, ihre Popularität auch dazu zu nutzen, vermeintlich Unpopuläres zur Sprache zu bringen.

Eine Mitarbeiterin des Außenministerium, die sich von allem distanziert, was ihr Schwierigkeiten im Job bringen kann, steigert sich noch mehr hinein (Link):

Eine Frau so im Fernsehen vorzuführen ist pervers und nicht angebracht. [...] So vorgeführt wurden nicht einmal NS-Kriegsverbrecher in Nürnberg.

3. Die nächste Steigerung führt zur Verurteilung Kerners. Weiter als alle anderen geht Florian K. bei Kreuz.net (Link), der diesen “Hinrichtungsjournalist” nennt:

Ein ZDF-Talkshowmaster hat gestern Eva Herman in eine Falle gelockt, um sie anschließend mit einem in Deutschland schon länger nicht mehr öffentlich zelebrierten Sadismus zu Hackfleisch zu verarbeiten. [...] Das von Kerner unter dem Schein einer Talk-Show veranstaltete Tribunal gegen Frau Herman vollzog sich im aufgeheizten Klima eines Schauprozesses. Frau Herman wurde zum Beispiel auf den Begriff „gleichgeschaltete Presse“ angesprochen, den sie früher einmal erwähnt hatte. Kerner wußte, daß dieser Ausdruck ein „Begriff des Nationalsozialismus“ sei.

Ob es an diesem Punkt überhaupt noch angebracht war, in der Sprache Adolf Hitlers († 1945) weiterzureden? [...] Moderator Kerner heuchelte nach der Aufzeichnung, er hätte die Hoffnung gehegt, daß Frau Herman „ihre problematischen Äußerungen im Gespräch relativieren würde“.

„Als klar war, daß wir dabei nicht weiterkommen“, habe ich das Gespräch mit ihr beendet und mit meinen anderen Gästen fortgesetzt, erklärte er. In der Sendung hatte er ein Zitat aus dem Herman-Buch „Das Eva-Prinzip“ wirkungsvoll mit einem Zitat des NS-Chefideologen Alfred Rosenberg († 1946) verglichen.

Diese Todesdaten wie auch die verdammende Sprache sind selbstredend.

II. Eher gegen Herman, aber eigentlich allgemein gemeint, dazu noch im Plauderton schreiben Autoren, die am meisten gelesen und verlinkt werden. Deren Texte werden offensichtlich von allen Seiten als eine Projektion der eigenen Gedanken aufgenommen und kontrovers diskutiert im schieren Glauben, der Autor sei deren Meinung, auch wenn das gar nicht stimmt. Vorbildlich populistisch hier ist wie immer “Politically Incorrect” mit 561 Kommentaren in einem Fall (Link), ohne dass der Ausgangstext eine Position benennt, und mit 208 Kommentaren im anderen Fall (Link), mit einer deutlichen Positionierung für Herman und einer Anstiftung zur Hetze gegen ihre Gegner.

1. An der Spitze steht hier der Text im Basic Thinking Blog (Link):

Spannend zu sehen, wie Medien arbeiten, Lapalien aufbauschen und der Öffentlichkeit präsentieren. [...] JBK hat mit Eva eben gespielt und die Situation nicht deeskaliert, als es soweit war. Dass dann ein sich in die Ecke gedrängter Mensch im Adrenalinoverflow Dummheiten sagt, kann man oW entschuldigen. Man sollte bei der ganzen Story eben das Menschsein nicht vergessen. Ganz schön linke Titte dieser JBK. Und Eva hat sich wie ein kleiner Doofie verhalten, der noch nie im Fernsehen war. Einige Kommentatoren meinen, dass JBKs Verhalten quotenangepasst sei, es sei also kein Zufall, was da passiert sei.

Es menschelt halt, unter der Rubrik “Kurioses”, eben Lappalien. Stellvertretend für Dutzende anderer Postings und Kommentare.

2. Eher gegen die Institution Fernsehen und Medien allgemein wendet sich der Artikel bei telepolis, der auch sehr populär geworden ist (Link). Schon im Titel werden die Weichen gestellt (“Die neue Antifa”). Mit großer Wucht werden hier die “Scheindiskussion”, der “Entrüstungszirkus” etc. angeprangert. In der Tat ist der Artikel aber die Folge des wichtigsten Wortbeitrages über den ganzen Skandal, nämlich von Henryk M. Broder. Eigentlich hat er zwei Artikel geschrieben, einmal im Spiegel (Link), einmal im Tagesspiegel (Link). Die meisten Leser sind vom ersten begeistert, egal ob links oder rechts. Das mag verwundern:

Als Eva Herman nach genau 55 Minuten von Kerner aus dem Studio komplimentiert wurde (“Ich entscheide mich für die anderen drei Gäste und verabschiede mich von Eva Herman”), hatten sich alle Selbstgerechten nicht nur am falschen Objekt abgearbeitet, es endete auch eine der längsten Antifa-Sitzungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Es ist ein Antifaschismus, der sich von seinem eigentlichen Gegenstand längst verabschiedet hat und dort am besten gedeiht, wo es keinen Faschismus gibt: in einem virtuellen Raum des wohlfeilen Widerstands.

Johannes Gross hat es so formuliert: “Je länger das Dritte Reich zurückliegt, umso mehr nimmt der Widerstand gegen Hitler und die Seinen zu.”

Die konservativen nehmen daraus die Beschimpfung der oberflächlichen Antifa-Bewegung und ignorieren den Rahmen bzw. lassen ihn aus. Die geißelnde Kritik nehmen sie für sich.

In jedem Fall ist der Eva-Herman-Fall hier nur eine Vorlage, um über die (unvollkommen oder ganz schief laufende) Verarbeitung der deutschen Geschichte in der Gesellschaft zu schwadronieren. Auch sie, samt dröhnenden Tönen, wird einverleibt, durchgekaut und – mehr oder weniger verdaut – weitergegeben. Für meine Begriffe sind beide Texte Broders etwas zu schnell geschrieben, ohne die aktuelle Rezeption zu berücksichtigen.

III. Gegen Herman

1. Reißerische Töne schmücken meist die journalistischen Beiträge. Der meist zitierte Text von dieser Sorte stammt von Carin Pawlak (“Fokus“) und wurde von den Neuen Rechten mit Jubel aufgenommen (Link):

Ihre [Eva Hermans] Thesen sind so dumm, dass man an Ihre Bücher sofort mit dem Feuerzeug dran möchte. So ein bisschen anbrennen will.

2. Etwas ruhiger kommen bloggernde Journalisten, die an der Spitze der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen. Unterhaltsam, deutlich und in einer gewissen Konkurenz zueinander klären sie das lesende Publikum auf und stellen sich bereit zum Dialog mit Lesern – egal, ob klug oder dumm. Hier nenne ich vier Beiträge. Beim “Spreeblick” (Link) wird nicht nur die Story nacherzählt, sondern auch die Meinung sehr deulich ausgesprochen, begleitet von 109 Kommentaren:

Das, was Eva Herman gesagt hat, gibt die Lebenslüge der deutschen Konservativen wieder. Ein böser, böser Mann hat das grundgute deutsche Volk ins Verderben geführt. [...] Verharmlosen Konservative den Nationalsozialismus? Nein. Sie wehren sich dagegen, Lehren aus dieser Zeit zu ziehen. [...]

Im Versuch, Eva Herman von der rechten Ecke, in der sie mit Überzeugung steht, in die rechtsextreme Ecke zu drücken, zeigt sich die Feigheit vor der Debatte ebenso wie die Sensationslüsternheit der Mainstream-Medien, die wissen, dass Nazis sich gut verkaufen, die alten Verführer. Dieser Versuch ist durchsichtig, wird durch penetrante Wiederholung nicht besser und nutzt niemandem.

Beim “Coffee and TV” entwickelt sich eine Folge aus drei Beiträgen, die nur von wenigen Kommentaren begleitet werden, - zuerst ziemlich plauderig (Link), dann folgt eine etwas ernstere Medienbeobachtung (Link) und anschliessend eine ausgezeichnete Sprachanalyse (Link), die er absolut genau beendet:

Eva Hermans Weltsicht ist eine [...] verquastete Melange aus Kapitalismuskritik, Schöpfungslehre und Fortschrittsfeindlichkeit.

Stark ausholt auch “Der Spiegelfechter” (Link). Wie beim “Telepolis”, wird hier auch der “Medienzirkus” angeprangert, das “Volksgericht” etc. Alle kriegen ihr Fett ab:

Frau Herman ist von Medien in die Gesellschaftspolitik gewechselt und sie beherrscht die Klaviatur des „Skandals“ sehr gut. Die üblichen Verdächtigen standen schon Gewehr bei Fuß. BILD hat seine Schlagzeilen und die Zielgruppe ein neues Idol – in einer Online-Umfrage auf BILD.de fraternisieren 60% der Leser mit dem Blondchen. Auch der Zentralrat der Juden ist sich nicht zu schade, auf diese Gossen-Kampagne aufzuspringen. Herman lässt sich derweil – kalkuliert provozierend – von erzkonservativen Papisten feiern.

Jemand, der wie Herman, anlässlich des Geburtenrückgangs hysterisch eifert “Wir sterben aus“, der trägt mehr im Sinne als nur ein konservatives Familienbild, das gesellschaftlich durchaus diskutabel ist. Hier geht es um nationalistische Deutschtümelei, eingepackt in eine Familienbilddiskussion, die überfällig erscheint.

Leser bedanken sich für so viel Projektionsfläche mit 91 Kommentaren. Der Sieger dieses Wettbewerbs ist eindeutig Stefan Niggemeier, der mit vier Beiträgen zum Thema die meisten Leser um sich herum versammelt hat, insgesamt mehr als 550 Kommentare! Erfolgreich in der Werbung himself, zielt er auf das eine Thema:

Das eigentlich Erschreckende ist, wie dumm jemand sein kann, wie ahnungslos, wie dilettantisch und laienhaft in einer Medienwelt, in der sie sich seit vielen Jahren professionell bewegt.

Wäre sie kein Profi, es wäre fast mitleiderregend gewesen, mitanzusehen, wie sich Eva Herman immer weiter um Kopf und Kragen redete. (Link)

In den Kommentaren zeigt sich Stefan noch besser:

Ein Wort zum Thema „Gleichschaltung”: Da ist Frau Herman schon wieder selbst in die Opferrolle geschlüpft, und viele hier scheinen ihr die Behauptung abzunehmen, dass man nun nichtmal das Wort „Gleichschaltung” benutzen darf, ohne in die Nazi-Ecke gestellt zu werden. Das ist Unsinn. Der Punkt war, dass sie schon (ob zu Recht oder zu Unrecht) in der Nazi-Ecke stand. Und zur Verteidigung und zur Beteuerung, dass sie da zu Unrecht steht, benutzt sie ein Wort, das vor allem und ursprünglich von den Nationalsozialisten benutzt wurde?! Wie dumm kann man denn sein?

Natürlich „dürfen” andere Leute in anderen Zusammenhängen von „Gleichschaltung” reden. Was „erlaubt” ist und was sanktioniert wird, hängt nicht nur von einem Wort ab („Autobahnen!”) oder von einem Thema („Drittes Reich!”), wie uns Frau Herman glauben machen möchte und womöglich selbst glaubt, sondern vom Kontext, vom Sprecher, von der Klarheit der Intention. (Link)

3. Fast komplett vergisst Thomas Knüwer Eva Herman und beschäftigt sich mit Kerner (Link). Sein Thema:

Wenn ich an diesem Morgen einen Wunsch frei hätte, dann wäre es ein Frühstück allein mit Kerner. Denn zu gern würde ich von ihm hören, was ihm durch den Kopf ging. So ganz ehrlich, nur unter uns beiden. Ob sein Deo versagte, in dem Moment, als er versucht hatte, die unselige Diskussion zu beenden, seine Gäste minus Herman partout nicht zur Tagesordnung übergehen wollten? Ob er befürchtete, die Hinausgebetene würde austicken, eine große Show machen, herumschreien? Ob ihm bewusst war, wie unendlich surreal das sich anschließende Geplänkel über Handtaschenkauf und Reiseerlebnisse war?

Zum Glück findet sich ein Kommentator, der diese Vorlage ausnutzt:

Journalist Kerner wird bei Journalist Beckmann sitzen um über sein Interview mit der Journalistin Herman zu sprechen und die Journalisten des Landes, unter ihnen Niggemeier und Knüwer werden darüber schreiben: Journalisten-Parallelgesellschaft. [Jörg Friedrich]

4. Die Beiträge, die den Fall korrekt beschreiben und vernünftig kommentieren, sind eher in der Mitte der Gesellschaft zu finden. Ich habe die folgenden für mich gerne entdeckt.

Beim fixmbr (Link) hat Chris den Verlauf der Show gut beschrieben, bevor der komplette Text online gestellt wurde. Ein “Khaos-Jabber” hat ausführlich und korrekt die historischen Hintergründe erleuchtet (Link). Kurz und knackig sind Postings von Marcel (Link) und einem “Endlichraucher” (Link). Christian, ein Politologiestudent hat das Thema auch nicht verfehlt (Link), aber besonders schön im Kommentar ergänzt (Link):

Ein Politikstudent lernt im Grundstudium, daß eine der Voraussetzungen für das Funktionieren der Demokratie die allgemeine Bereitschaft zum Verzicht auf gewaltsame Konfliktlösung ist. Das schließt psychische Gewalt, also auch das verbale Fertigmachen auf persönlicher Ebene, mit ein. Wenn ein Moderator einen Gast vor laufender Kamera rausschmeißt, andere Gäste mehrfach Dinge kreischen wie “Ich halte es nicht aus, mit dieser Frau in einem Raum zu sitzen!” und das alles von einem johlenden, applaudierenden Publikum begleitet wird, dann hat das für mich nichts mehr mit einer sachlichen Auseinandersetzung zu tun. Die Dummheit der Eva Herman ist keine Rechtfertigung für so ein demütigendes, zutiefst ekelhaftes Spektakel.

Ich möchte an dieser Stelle noch einige Kommentare zitieren, die mir gefielen:

Man sieht am Beifall, den sie bekommt, von einem kleinen Teil sehr konservativer Katholiken, der NPD oder der „Jungen Freiheit”, dass da Menschen sind, die nur auf solche Äußerungen warten. Dann muss man aber die Argumentationen präzise widerlegen. Das ist im Fall Eva Herman nicht so schwer, aber es muss getan werden. Nicht, um die NPD-Anhänger zu überzeugen, sondern diejenigen, die ehrlich keine Ahnung haben. Herman hat eben den riesigen Vorteil, extrem bekannt zu sein und in den traditionellen Medien regelmäßig aufzutauchen. Das ist für die Zurück-zum-Herd-Fraktion viel mehr wert als tausend Unbekannte, die lautstark dasselbe fordern. [JochenK]

Ich kenne diverse rechtspopulistische Professoren und um das zu erkennen benötigst du die Kenntnis der Materie. Falls diese nicht verhanden ist läufts du diesen vielleicht sogar unwissend hinterher. Ein immenses Gefahrenpotential.

Ich lehne mich sogar soweit heraus, das ich die Lehre der Geschichtslehrer selbst in der Oberstufe als bestenfalls Halbwissen bezeichne.

Die liebe Eva bei dieser Hexenjagd ist ein eklatantes Beispiel für das mangelnde Geschichtsbewußtsein, welches bei gesamten Volk offenbar ist. Das Gros weiß wo es die Klappe zu halten hat, meist jedoch aber nicht warum. Wissen ist etwas völlig anderes … [Oliver]

Als Gegenbeispiel auch ein Kommentar, einfach köstlich:

Ich als Mutter denke auch oft über die Dummheit von Vorgesetzten und Chefs nach und über die Dummheit vieler Menschen die nicht sehen was Mütter alles können. [Link]

IV. Nachbesprechung

Seit der Text der Sendung schriftlich vorliegt (Link), wird daran neu gearbeitet, zum Teil mit einer beeindruckenden Akribie, auch wenn das nicht unbedingt hilft (Link):

Ich muss lernen: Man darf über den Verlauf der deutschen Geschichte nicht sprechen, um nicht in Gefahr zu kommen. Womit sie absolut recht hat, wie man sieht!

Tja, so geht das weiter. Ich möchte hier abbrechen und noch einmal die Anfangsfrage wieder aufrollen.

1. Die besten Texte kommen nicht von den Zeitungsprofis, sondern von bloggernden Journalisten.

2. Keine Suchmaschine hilft die Spreu vom Weizen zu trennen. Rivva erschwert die Suche, da der kumulative Effekt diejenigen Texte nach oben bringt, die von meistgelesenen oder meistverlinkten Autoren stammen, was nicht immer und nicht unbedingt eine gute Qualität bedeutet.

3. Eva-Herman-Fall ist der erste öffentliche Skandal, der mehr und genauer in der Blogoszene besprochen wurde als in den “alten” Medien.

4. Die meiste Zahl der Lesungen bekommen Beiträge mit einem marktschreierischen Titel, dann rollt die Lawine von alleine. Im Dashboard vom WordPress kann man das, glaube ich, sehr klar sehen.

Stimmt das alles oder habe ich Recht? :-)

 

Eva Herman bei Kerner-Show Mittwoch, 10. Oktober 2007

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Die Sendung gestern abend war sehr spannend, ich musste lange darüber nachdenken. Zwei besonders krasse Sätze von Eva Herman sind schon in der Presse (Link):

“Aber es sind damals auch Autobahnen gebaut worden. Und wir fahren heute darauf.” Sie müsse “einfach lernen, dass man über den Verlauf unserer Geschichte nicht reden kann, ohne in Gefahr zu geraten”. 

Die Sendung kann man auch noch einmal auf den Bildschirm holen (Link). Jeder kann sich also seine Meinung bilden. Und doch scheint mir hier nicht die Empörung allein wichtig, nicht der seltene Entschluss Kerners, Eva Herman aus der Runde zu verabschieden.

Der Umgang mit der Diskussion – das ist der Punkt. Da sagt die familienbewußte Frau zwei Sätze, die nach einer Widerrede schreien. Und Schreinemakers reagiert: “Ich distanziere mich davor, dass ich hier sitze”. Senta Berger ist geduldiger und versucht, einige Argumente zu bringen, dann ist sie auch am Ende und will aus dem Gespräch aussteigen. Der Komiker Barth benennt die Sprüche Hermans “Kacke”. Und Kerner selbst erlaubt sich in der Anwesenheit Hermans über sie in dritter Person zu reden, als wäre sie ein unmündiges Kind, welches zum sich-entschuldigen gebracht werden soll. Er scheitert dabei und agiert mit dem hinauskomplimentieren erst als die aufgebrachten Damen fast schon aufstehen. Das ist der sichtbare Ablauf, wenn man noch eine niedliche Szene mit einem Prof ausser acht lässt.

Schön und gut, nur die zwei Sätze sind im Raum stehen geblieben. Auch die Presse, die so gerne sie zitiert, bringt sie kommentarlos. Wissen denn alle, was daran falsch ist? Woher nehmen sich die Medienprofis diese Sicherheit?

Eine neue Ikone der neurechten Szene wurde erschaffen. Tausende von ahnungslosen Unterstützern, die Herman mit ihren Briefen und mails zur Seite stehen, haben nichts verstanden und werden der neurechten Propaganda weiterhin ausgeliefert.

Da geht etwas schief. Noch einmal: Ein jeder darf sich empören, wenn eine “Kacke” gesagt wird. Ein Medienprofi soll darüberhinaus erklären, warum die Kacke Kacke ist. Sonst ist es kein Profi. Punkt.

In der Blogoszene sind inzwischen einige Kommentare zu lesen. Scharfzüngig bei Statler (Link), plauderig bei Gegenstimme – mit zum Teil vorbildlich dummen Kommentaren (Link), verständnisvoll bei Finger.zeig (Link). In dem zuletzt genannten Beitrag wird gar für die Ruhe gesorgt:

Was soll so schlimm daran sein, wenn Menschen heute die Meinung vertreten, dass die Familienpolitik der Nazis auch gute Seiten gehabt hätte oder wenn “festgestellt” wird, dass wir Hitler die Autobahn zu verdanken hätten (was ja im Übrigen gar nicht zutrifft). Ist es denn anzunehmen, dass aufgrund der Behauptung einiger Leute, die Haltung des deutschen Volkes womöglich umschlagen wird und es mehrheitlich zu einer Verklärung Hitlers oder gar des 3. Reiches kommen wird? Meiner Überzeugung nach bestimmt nicht!

So viel Pluralismus bei der Besprechung in den ersten Stunden.

Am Rande sei noch darauf hingewiesen, dass der Ausgangspunkt der gesamten Geschichte nicht sauber recherchiert wurde. Eva Herman hat ihren Originaltext inzwischen online gestellt (Link):

Wir müssen den Familien Entlastung und nicht Belastung zumuten und müssen auch ‘ne Gerechtigkeit schaffen zwischen kinderlosen und kinderreichen Familien. Und wir müssen vor allem das Bild der Mutter in Deutschland auch wieder wertschätzen lernen, das leider ja mit dem Nationalsozialismus und der darauf folgenden 68er Bewegung abgeschafft wurde. Mit den 68er wurde damals praktisch alles das alles, was wir an Werten hatten, es war ‘ne grausame Zeit, das war ein völlig durchgeknallter, hochgefährlicher Politiker, der das deutsche Volk ins Verderben geführt hat, das wissen wir alle, aber es ist damals eben auch das, was gut war, und das sind Werte, das sind Kinder, das sind Mütter, das sind Familien, das ist Zusammenhalt – das wurde abgeschafft. Es durfte nichts mehr stehen bleiben….

Höchst bemerkenswert, dass Herman bei ihrer für und an sich gerechten Selbstverteidigung nicht sieht, wie falsch ihr historisches Bild trotzdem ist. Noch aber stärker wirken in diesem Kontext dieselben zwei Sätze von gestern. Es ist eine traurige Entwicklung, die Mechanismen der neurechten Propaganda zeigt.

 

Gunther Nickel verteidigt Walser, Grass und Handke Freitag, 5. Oktober 2007

Der verantwortungsbewusste Vertreter einer ehrwürdigen Institution – Deutscher Literaturfonds, unterstützt von der Kulturstiftung des Bundes, – trat bei der Tagung “MedienGrass” in Bremen auf. Jetzt kann man seinen Vortrag im Internet bewundern (Link).

Kritiker und die FAZ sind an allem schuld, meint er. Eigentlich wenn die FAZ dem Boden gleichgemacht wird, sollte man sich freuen. Bei der Poesie eines Gunther Nickels geht das leider nicht. Alle Welt weiß inzwischen, dass Martin Walser mit antisemitischen Motiven seit je meisterhaft arbeitet, die FAZ weiß es auch. Gunther Nickel weiß das nicht und ist seines Unwissens sicher – so als gäbe es für ihn kein Buch von Matthias N. Lorenz und keine Diskussion dazu, die einem jeden Walser-Dilletanten bekannt hätte sein müssen. Aber ein Professor für die neuere deutsche Literaturgeschichte, selbst Autor der FAZ, weiß alles besser, wie immer.

Beim Thema Grass und seine Vergangenheit geht es ihm nur um die Frage, ob es schlimm gewesen war, zur Waffen-SS zu gehören, oder doch nicht. Dabei erhebt sich die Stimme des Redners, als er auf “den sogenannten Holocaust” zu sprechen kommt. Wozu ein “Geständnis”,

wenn die Waffen-SS doch in der Zeit, in der Grass ihr angehörte, gar keine Elitekampftruppe mehr war und er sich keiner Verbrechen schuldig gemacht hat?

Zum Schluss des Abschnitts stellt sich Gunther Nickel einer Gretchenfrage und weiß nicht weiter:

Warum Grass freilich selbst aus seiner Waffen-SS-Mitgliedschaft ein schwer auf ihm lastendendes Geheimnis seines Lebens gemacht hat, das nun endlich „raus müsse“, ist das eigentliche Rätsel dieses Skandals.

Diese Frage wird sofort vergessen, denn wo es keine Antwort gibt, sind alle leicht vergesslich. Gleich springt der Autor zu Handke, der ja schon gesagt hat, dass er unschuldig sei. Und keine Meinung zu Milosevic habe. Er sage und tue doch gar nichts. Was will man mehr?

Fazit: Alle drei sind “Opfer von Kampagnen”. Es gibt nur eine Beruhigung:

Eine Feuilletonrundschau wie sie perlentaucher.de im Internet täglich kostenlos anbietet, leistet zum Glück kompensatorisch, was eine Zeitung wie die FAZ in ihren Kampagnen verweigert.

So kann man dem Perlentaucher und noch mehr dem Titel-Magazin zur erfolgreichen Popularisierung eines nächsten Sturms im Grass Walser gratulieren.

UPDATE: Wie ich gerade feststelle, hat die FAZ schon am 2.10.2008 den armen Kämpfer in ihrer üblichen Manier von oben herab geputzt (Link).

 

 
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