Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Kasparov in Gefahr Dienstag, 27. November 2007

Filed under: Allgemein — peet @ 22:04 Uhr
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Seit zwei Tagen sitzt Garri Kasparow im Gefängnis. Weder seine Anwälte noch seine Verwandten noch sein ehemaliger Rivale Anatoly Karpov durften ihn sehen. Sein Aufenthaltsort ist unbekannt. Die erste Meldung darüber ist um 13:32 Moskauer Zeit erschienen. Weder in Englisch noch in Deutsch wird darüber berichtet.

Update: Nach fünf Tagen in Haft ist Kasparov frei. Einzelheiten sind noch nicht bekannt.

 

Putin im Klartext Sonntag, 25. November 2007

Filed under: Medien,Politik,Russland — peet @ 15:42 Uhr
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Noch deutlicher als vorhin sprach Putin seine Sicht der Dinge aus, und zwar am Mittwoch, dem 21.11.2007 in Moskau. Den Text und schlüssigen Kommentar dazu sucht man vergeblich bei den Zeitungen und Fernsehredaktionen. Bis jetzt habe ich eine deutsche Übersetzung (offensichtlich von der russischen staatlichen Presseagentur) nur in einem TAZ-Blog gefunden. Nun Fragmente daraus (Link):

Wir haben die Souveränität Russlands gefestigt und seine Integrität wiederhergestellt. Die Macht des Gesetzes und die Oberhoheit der Verfassung wiederhergestellt. Trotz der schweren Verluste und Opfer wurde dank dem Mut und der Einheit von Russlands Volk die Aggression des internationalen Terrorismus gegen unsere Heimat abgewehrt. [...]

Wenn der heutige Entwicklungskurs des Landes fortgesetzt und das wirtschaftliche Wachstumstempo beibehalten werden, ist Russland fähig, binnen der nächsten zehn Jahre eine der fünf führenden Wirtschaften der Welt zu werden. [...]

Der (nach Abzug der Inflation) ausgezahlte Reallohn ist auf das Dreifache gestiegen. Dank der aktiven Sozialpolitik sinkt die Sterblichkeit. Erstmalig in den letzten Jahren nehmen die Geburtenzahlen zu. [...]

So sieht der von uns erarbeitete Plan aus. [...]

Jene, die uns gegenüberstehen, wollen die Realisierung unseres Planes nicht. Denn sie haben ganz andere Aufgaben und etwas ganz anderes mit Russland vor. Sie brauchen einen schwachen, kranken Staat. Sie brauchen eine desorganisierte und desorientierte, eine zerteilte Gesellschaft, um hinter ihrem Rücken ihre Geschäfte zu deichseln, um den Kuchen auf unsere Kosten zu vernaschen. Und leider finden sich innerhalb des Landes noch Leute, die sich gleich Schakalen um ausländische Botschaften und ausländische diplomatische Vertretungen herumtreiben und mit der Unterstützung von ausländischen Stiftungen und Regierungen rechnen – nicht mit der Unterstützung des eigenen Volkes. [...]

Die Macht begeht tatsächlich Fehler bei ihrer Arbeit und kann und muss deshalb kritisiert werden. Übrigens sehen auch wir selbst die Probleme, wir arbeiten an ihrer Lösung.

Dabei aber rufen die politischen Spekulationen um diese Schwierigkeiten zumindest Befremden hervor. Und das seitens welcher Kräfte? Seitens der Menschen, die jahrzehntelang Russland lenkten und Ende der 80er Jahre die Menschen ohne die elementarsten Dienstleistungen und Waren ließen: ohne Zucker, ohne Fleisch, ohne Salz, ohne Streichhölzer. Der Menschen, die durch ihre Politik zweifellos den Zerfall der Sowjetunion vorbereitet hatten.

Oder Spekulationen von Leuten, die erst etwa vor zehn Jahren sowohl im Föderationsrat als auch in der Regierung die Schlüsselpositionen kontrollierten. Das sind die Leute, die in den 90er Jahren auf ihren hohen Posten zum Schaden der Gesellschaft und des Staates handelten, weil sie die Interessen der oligarchischen Strukturen bedienten und nationales Vermögen verschleuderten. Aber heute belehren sie uns, wie wir zu leben haben, dabei machten unter anderem sie die Korruption zum Hauptinstrument der politischen und ökonomischen Konkurrenz. Das sind die Leute, die von Jahr zu Jahr nicht ausbilanzierte, absolut verantwortungslose Haushalte annahmen, die letzten Endes in Finanzkrise, Verfall sowie eine vielfache Senkung des Lebensniveaus der Bürger unseres Landes gipfelten.

Waren es denn nicht diese unsere Opponenten, die die einheimische Landwirtschaft verächtlich ein “schwarzes Loch” nannten und die Notwendigkeit einer staatlichen Stützung des Dorfes verneinten?

Und gerade sie brachten seinerzeit die Finanzierung der Wissenschaft und der Verteidigungsindustrie auf Null und bestanden auf einer absolut unbegründeten, radikalen Reduzierung unserer Streitkräfte.

Das sind jene Leute, die jahrelang die Kindergelder, Renten und Löhne nicht auszahlten. Jene, die in der schwersten Periode der terroristischen Intervention gegen Russland verräterisch zu Verhandlungen, im Grunde aber zu einer Abmachung mit den Terroristen aufriefen, mit Leuten, die unsere Kinder und Frauen ermordeten. Jene Leute, die hierbei auf das Gewissenloseste und Zynischste mit den Opfern spekulierten.

Kurzum, das sind all die Leute, die Ende des vorigen Jahrhunderts Russland zur massierten Armut und allgemeinen Bestechlichkeit führten: zu all dem, wogegen wir bisher kämpfen.

Nur keine Illusionen, sehr geehrte Freunde! All diese Leute sind nicht von der politischen Bühne abgetreten. Ihre Namen finden Sie unter den Kandidaten und Sponsoren einiger Parteien. Sie wollen Revanche nehmen, wieder über die Macht und die Einflusssphären verfügen. Und allmählich das auf Korruption und Lüge aufgebaute oligarchische Regime restaurieren. Sie lügen auch heute. Nichts werden sie vollbringen, keinem etwas Gutes tun. Auch nicht den Rentnern, die von ihnen in den vergangenen Jahren vielfach ausgeraubt wurden. Jetzt haben sie noch vor, auf die Straße zu gehen. Sie haben etwas von den westlichen Fachleuten gelernt, in den Nachbarrepubliken geübt, jetzt werden sie hier Provokationen verüben.

Alles in allem denke ich, dass niemand mehr Zweifel hat: Diese Herrschaften können nur eins, wenn sie wieder an die Macht kommen: erneut Millionen Menschen bestehlen, sich die Taschen vollstopfen, aber das mit dem ihnen gewöhnlich eigenen Glanz und Zynismus tun. Daran zweifelt niemand.

Heute sehen alle, dass Russland gewaltige Reserven akkumuliert hat. Einige Leute möchten am liebsten wieder alles wegnehmen, aufteilen und dann alles bis auf den Grund zerstören, wie sie das schon mehr als einmal taten; und andere möchten erneut alles stehlen und in die Klauen bekommen. [...]

Man lese und staune. Soviel zum Thema Demokratie, Kunst der Propaganda, Geschichte Russlands und heute. Garry Kasparow, einer der größten Schachspieler der Weltgeschichte, sitzt jetzt fünf Tage für den Gang mit der Protestpetition gegen alles, was diese Rede verkörpert, ab. Die Welt schweigt.

 

Kampf mit der Korruption in Gaza

Filed under: Allgemein — peet @ 12:56 Uhr
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Laut Aaron Klein von WND, wurden Jugendliche in Gaza angeschossen, weil sie nicht auf die Verwendung von Haargel verzichten wollten. Dies wurde als Verwestlichung und Korruption angeprangert (Link):

Gaza-based militants have attacked secular Palestinian youth for wearing hair gel in the Hamas-controlled territory [...].

According to security officials affiliated with Palestinian Authority President Mahmoud Abbas’ Fatah party, gunmen associated with several Gaza-based Islamist organizations, including Hamas, have formed patrol units to enforce hard-line Islamic law in Gaza. The units are responsible for a slew of recent closures of pool halls, water pipe smoking clubs and stores that sell movies and music, the officials said.

The security officials said they are aware of seven cases in recent weeks of Palestinian male youth being targeted by Islamist gunmen for wearing hair gel. In one case, a Palestinian teenager who protested to the gunmen that he would defy the hair-gel ban was seriously injured by the militants, the officials said.

“Militants told the youths that hair gel is imitating the West and is the beginning of corruption. It doesn’t go with Islamic education, it goes against Islamic tradition and behavior,” said a Palestinian security official.

Die Meldung kam am 8.11.2007. Ich habe darüber in keiner deutschen Zeitung etwas gelesen. Sie etwa?

 

Antizionismus bei Tony Judt Samstag, 24. November 2007

Filed under: Antisemitismus,Israel,Tony Judt — peet @ 22:56 Uhr
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Mitchel Cohen über Tony Judt, nach der Auflistung bekannter Formeln des “liberal-kosmopolitischen” (nach den Worten von Christian Hacke) Historikers (Link):

Does all this make Judt an anti-Semite? The answer is simple: no. It does make his grasp of the history of anti-Semitism tendentious. And tendentious history can be put to all sorts of pernicious use.

Cohen schreibt weiter allgemein zum Thema Antizionismus:

motifs of anti-Zionism that are popular these days in parts of the left and parts of the Muslim and Arab worlds:

1) Insinuations: The Zionists are alien implants in the Mideast. They can never fit there. Western imperialism created the Zionist state.

2) Complaints: A Jewish state can never be democratic. Zionism is exclusivist. The very idea of a Jewish state is an anachronism.

3) Remonstrations: The Zionists carp that they are victims but in reality they have enormous power, especially financial. Their power is everywhere, but they make sure not to let it be too visible. They exercise it manipulatively, behind people’s backs, behind the scenes – why, just look at Zionist influence in Washington. Or rather, dominance of Washington. (And look, there are even a few Jews, guilty-hearted perhaps, who admit it).

4) Recriminations: Zionists are responsible for astonishing, endless dastardly deeds. And they cover them up with deceptions. These range from the imperialist aggression of 1967 to Ehud Barak’s claim that he offered a compromise to Palestinians back in 2000 to the Jenin “massacre” during the second Intifidah.

No, anti-Zionism is not in principle anti-Semitism but it is time for thoughtful minds—especially on the left—to be disturbed by how much anti-Semitism and anti-Zionism share, how much the dominant species of anti-Zionism encourages anti-Semitism.

And so:
If you judge a Jewish state by standards that you apply to no one else; if your neck veins bulge when you denounce Zionists but you’ve done no more than cluck “well, yes, very bad about Darfur”;

if there is nothing Hamas can do that you won’t blame ‘in the final analysis’ on Israelis;

if your sneer at the Zionists doesn’t sound a whole lot different from American neoconservative sneers at leftists;

then you should not be surprised if you are criticized, fiercely so, by people who are serious about a just peace between Israelis and Palestinians and who won’t let you get away with a self-exonerating formula—“I am anti-Zionist but not anti-Semitic”—to prevent scrutiny. If you are anti-Zionist and not anti-Semitic, then don’t use the categories, allusions, and smug hiss that are all too familiar to any student of prejudice.

 

Nahostplan der Vernunft

Filed under: Allgemein — peet @ 14:21 Uhr
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Im “Economist” lese ich den besten Friedensplan für die Krise im Nahen Osten, die sich nicht lösen will (Link):

Three years ago Mr Bush said in a public letter to Ariel Sharon that it would be unrealistic to expect Israel to evacuate all the dense settlement blocks it has planted in the West Bank. Fine. But since most settlers live close to the old border, he can now tell Israel that it cannot keep more than a few percentage points—say 5% or so—of the West Bank, and that it must offer the Palestinians land from its own side in compensation. On refugees, Mr Bush should say, as Bill Clinton did, that their right to “return” should be exercised in the new Palestine and not in pre-1967 Israel: that is a bitter pill but it is the logic of a peace based on partition. And Israel too must accept a bitter potion: Jerusalem, the beating heart of both peoples, will have to be the capital of both.

Seit je das Beste zum Thema, und das in einem Editorial.

 

Gabriele Krone-Schmalz hat “ferngesteuerte Querulanten” entdeckt

Filed under: Medien,n-tv,Politik,Russland — peet @ 13:50 Uhr
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Im Lichte der Russland-Beiträge in diesem Blog scheint mir ein Interview mit Gabriele Krone-Schmalz bei n-tv brisant – eine richtige Selbstenthüllung (Link). Mit einer naiven Ironie sagt der Sender eigentlich die Wahrheit, ohne es zu wissen:

Gabriele Krone-Schmalz blickt anders auf Russland als viele Journalisten sonst.

Die Frage wäre in der Tat: Wessen Sprache bedient sie sich? Zum Beispiel, über Jelzin:

Jelzin hat sicherlich auch seine Verdienste, das will ich nicht bestreiten, aber es war allerhöchste Zeit, ihn abzulösen.

Er wurde nicht abgelöst, das hätten einige Institutionen gerne gehabt, genau die, die jetzt an der Macht sind. Genauso in vielen weiteren suggestiven Aussagen, die mit keinen Fakten belegt werden können:

Putin war nach Jelzin sicher das Beste, was Russland passieren konnte. Er hat den Menschen Zuversicht und Selbstvertrauen gegeben.

Welchen Menschen? Ich glaube, einer ganz bestimmten Gruppe von Menschen, die sich gerne als vox populi ausgibt. Mit den Befragungsresultaten würde ich vorsichtig umgehen.

Meines Erachtens ist die wichtigste Perspektive für Russland das Installieren rechtsstaatlicher Strukturen. Denn zuerst braucht man die politischen Instrumente, dann kann man auf ihnen spielen. [...] Es reicht, wenn verlässliche, rechtstaatliche Regeln und Menschenrechte verankert sind.

Mit dem Spielen auf einer Flöte kannten sich schon einige falsche Freunde eines Prinzens aus. Genauso hier – nichts als mit der Rechtsstaatlichkeit spielen wollen die Machthaber Russlands. Weder Verlässlichkeit noch Menschenrechte sind in Sicht. Sind wir hier im russischen Staatsfernsehen?

Allerdings findet man in den Zeitungen die gesamte Bandbreite von Meinungen, inklusive scharfer Kritik an der Regierungspolitik. Und ausgerechnet der kritischste Radiosender “Echo Moskwy” gehört Gasprom, dem entscheidenden Machtfaktor in Russland.

Ach, wie schön. Wie groß ist die Auflage dieser Ausgaben? Wieviele von ihnen wurden schikaniert und geschlossen? In wievielen Städten Russlands kann man den genannten Sender empfangen?

So geht es weiter und weiter. Das Interview gipfelt in der Offenbarung der Journalistin über “ferngesteuerte Querulanten” in der politischen Opposition. Noch genauer kann man den Standpunkt des Machtapparates gegenüber Kritikern nicht wiedergeben. Glückwunsch! Es gibt allerdings noch einen weiteren Knüller:

Wie groß ist der Einfluss der Oligarchen auf seine [Putins] Politik?
 
Nach meinem Geschmack immer noch zu groß.

Wie schade, dass Krone-Schmalz hier keinen einzigen Namen nennt. Kann sie das? Ich glaube, das kann sie nicht. Es gibt nämlich keinen Einfluss der Oligarchen mehr, sie sind entmachtet und eingeschüchtert. An ihrer Stelle stehen andere Freunde  des Staates, die den Text bei n-tv bestimmt gut finden. Somit kann man nicht nur die brave Journalistin beglückwünschen, sondern auch den Sender. Darf man fragen, wie es zu dem Interview kam? :-)

 

Im Geiste Kalaschnikows

Filed under: Kunst,Russland — peet @ 10:58 Uhr
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Besser kann man den heutigen Geist Russlands nicht verewigen: In Ischewsk (Izhevsk) wird ein Kongress-Zentrum gebaut, welches drei in den Himmel ausgerichtete AK-47 Kalaschnikows (Kalashnikov)darstellt.

Aus der Perspektive von oben:

Einerseits streng postmodern, andererseits die Besinnung auf das Wichtigste: die Macht der Waffen, die Glorifizierung der Vergangenheit und des todbringenden Exportartikels, zusammen mit dem Stern der Roten Armee. Den Namen des Architektes konnte ich leider nicht herausbekommen.
Wie auch immer, nomen est omen, oder in diesem Fall eher andersherum – omen est nomen.

 

Was Broder darf, was Friedman nicht kann Montag, 19. November 2007

Seit Michel Friedman mit Horst Mahler auf den Seiten der Zeitschrift “Vanity Fair” gesprochen hat und insbesondere seit der bissigen Verurteilung dieses Textes von Henryk Broder bei Spiegel online (Link), hört eine Menge von Lesern nicht auf, auf ein sich zunehmend zu einem Popanz auswachsendes Interview Broders aus dem Jahre 1992 anzuspielen. Ich habe etwas länger gewartet, dass einer dieser moralischen Apostel den Text einmal einbringen und analysieren würde. Nein, es wird nur drum-herum nebulös gemeckert. Da wurde ich doch neugierig und habe heute den Text vom 19.5.1992 aus der TAZ gelesen.

Broder spricht darin mit Franz Schönhuber, lässt ihn über die feinen Unterschiede zwischen Faschisten und Nationalsozialisten schwafeln, sich von den ungebildeten und nicht feinen Parteimitgliedern oder Jörg Haider distanzieren. Und doch gibt es da Momente, wo Broder sich durchsetzt und Schönhuber dorthin bringt, wo er ihn haben will. Ich zitiere:

Wie halten Sie es mit Edmund Stoiber, der vor einiger Zeit von der “durchraßten Gesellschaft” gesprochen hat?

Wenn ich so etwas gesagt hätte, wäre ich wahrscheinlich eingesperrt worden. Es ist unglaublich, die Heuchelei der etablierten Parteien. Jeder Satz, den ich in der Frage des Asyls vor fünf Jahren gesagt habe, wurde als chauvinistisch, rassistisch, faschistisch verschrien. Heute findet kein Mensch etwas dabei, wenn Herr Gauweiler sagt, das Boot ist nicht nur voll, das Boot droht zu kentern. Oder wenn Herr Farthmann von der SPD meint, man sollte die Asylanten beim Kopf und am Hintern packen und rausschmeißen. Das geht weit über das hinaus, was ich jemals gedacht und gefordert habe. Ich habe nie von der “durchraßten Gesellschaft” gesprochen, dieser Satz ist per se falsch und auch inhuman. Ich bin auch bei meinen Parteifreunden öfter angeeckt, wenn ich auf die Frage “Wer soll ein Deutscher sein?” gesagt habe: “Wer einen deutschen Paß hat, unabhängig von der Hautfarbe”, das heißt, es kann ein Schwarzer genau so Deutscher sein wie ein Gelber oder was auch immer.

Sie haben einmal gesagt: “Eigentlich regieren wir ,Republikaner’ schon ein wenig mit.”

Ja, nach den letzten Wahlerfolgen sind wir praktisch mit auf der Regierungsbank. Ich sitze dort wie eine Schattenfigur, ohne dort zu sein. Was die Parteien heute in der Frage der Verbrechensbekämpfung, über die Änderung des Asylrechts sagen, sagen sie nicht aus eigenem Antrieb, sondern weil es mich gibt und weil die “Republikaner” erfolgreich sind.

Diese Direktheit der Parallelen vermisse ich beim Friedman-Mahler-Gespräch. Mahler kann bei Friedman alles tun, was er will, es wird nur und ausschließlich widerliches Zeug ausgesprochen. Broder dagegen spielt ziemlich geschickt mit der Eitelkeit Schönhubers. Er hält die Fäden des Gesprächs in der Hand. Er lässt Schönhuber das aussagen, was auch in den Geschichtsbüchern steht, nur in diesem Fall als Zeuge von innen:

ich bin ein Handwerkersohn. Mein Vater war Nationalsozialist aus einem ganz einfachen Grunde: Er war ein Anhänger von Strasser, weil er damals auf die soziale Komponente der NSDAP setzte…

… auf den sogenannten linken Flügel.

Er setzte auf diesen Flügel. Strasser sprach von der antikapitalistischen Sehnsucht des deutschen Volkes. Das hat meinem Vater imponiert. Ich bin kein Volksführer der oberen Zehntausend, ich vertrete das Volk.

Oder:

Ich kam vom Krieg wieder, kann mich noch erinnern, wie ich die ersten Nächte in München im Englischen Garten schlief und von Polizisten verjagt wurde. Ich wollte studieren, konnte aber nicht. Ich wollte eigentlich ganz was anderes werden: Ich wäre so gerne Historiker geworden, nun werde ich vielleicht, wenn’s hochkommt, eine Fußnote der Geschichte. Gut, ist auch was. Ich lernte damals Leute aus dem SPD-Lager kennen, aus dem Kreis um Schumacher. Ich kann mich noch genau an den berühmten Auftritt von Schumacher erinnern, als er den Satz sagte, “Herr Adenauer, Sie sind der Kanzler der Alliierten!” Es hat mir gefallen, daß Schumacher patriotisch dachte. Und so stand ich damals als Journalist auf der linken Seite, was mir heute immer wieder vorgehalten wird.

Das sind auch heute noch Themen von Broder, nicht von Reps wohlgemerkt.

Nicht alle Provokationen gelingen Broder dabei:

Ich sehe mich nicht als klassischen Politiker, ich sehe mich als einen Visionär. [...]

Marx war ein Visionär, Hitler ebenso. Visionär heißt, daß einer weit nach vorne blickt, mehr nicht.

Ich meine noch etwas anderes. Ich habe in den Auseinandersetzungen innerhalb der Partei wirklich an mich geglaubt. Die Leute fragten, wie schafft er das, von den Medien angegriffen, in der Partei gejagt?

Hier konnte Schönhuber sich herausreden, Broder dagegen sieht platt aus. Hier auch:

Stimmt es, daß viele ehemalige SED-Leute sich nun bei den “Republikanern” anmelden?

Das müßte ich noch verifizieren. Ich hielte es aber für verhängnisvoll, wenn wir eine Art “zweite Entnazifizierung” machen würden, wenn wir also die Mitglieder der Blockparteien akzeptieren würden, aber nicht die Leute, die in der SED waren. Ich halte die Blockflöten für genauso schlimm. Ich bin nicht bereit, Tausende von Menschen auszugrenzen, allerdings verlange ich von jedem eine schriftliche Erklärung, daß er nicht bei der Stasi war.

Ein bißchen seltsam ist es schon, wenn ehemalige Staatskommunisten ihre politische Heimat jetzt bei den “Republikanern” entdecken.

Ein überzeugter Kommunist ist mir lieber als ein Blockflötist. Und wenn ich mir die so anschaue da drüben, die Herren von den Blockparteien, das ist wirklich die letzte Garnitur, moralisch und charakterlich. Mit denen nicht.

Unterm Strich durfte der erfahrene Politkämpfer Schönhuber in diesem Gespräch viel weniger offen reden als der notorisch krankhafte Neonazi Mahler bei Friedman. Die Frage ist, was vom Gesichtspunkt der öffentlichen Wirkung “besser” ist? Sollte sich Broder heute für dieses Interview schämen, wie ihm von den meisten Nicht-Lesern unterstellt wird?

Beide erreichen hier nicht das Niveau einer Oriana Fallaci (darauf sollte ich vielleicht noch einmal zurückkommen!). Der Unterschied zwischen dem Profi Broder und dem Laien Friedman ist trotzdem eindeutig. Broder nutzt Schönhuber für seine Zwecke aus. Dagegen spielt Mahler Friedman aus.

Noch ein Thema wäre hier auch der Rahmen, in welchem ein Text steht. In der damals schon pseudolinken TAZ waren die Angriffe Broders auf Marx, die SPD, die gezogenen Parallelen im politischen Establishment zwischen Stoiber und Schönhuber nicht nur Reizworte, sondern auch eine individuelle Farbe, eine Position, zu der er auch heute noch steht. In der “Vanity Fair” sehen das Grußwort Mahlers und all der darauf folgende Mist nur als Marketinggag, als ein Quotentreiber aus, egal was die Redaktion dazu sagt oder tut.

Das Einzige, was man Broder in diesem Zusammenhang vorwerfen kann, ist sein Schweigen in Bezug auf die Anspielungen seiner Leserschaft. Er hätte den Text mit ein paar Kommentaren auf eine seiner Seiten stellen können.

 

Willemsen und Hildebrandt kennen sich im Talmud aus Sonntag, 18. November 2007

Aus dem November-Heft der Zeitschrift “Konkret” habe ich erfahren, dass Roger Willemsen und Dieter Hildebrandt – zwei Autoren des Bestsellers “Die Weltgeschichte der Lüge” – unter anderem auch eine alte antisemitische Lüge verbreiten. Florian Sendtner hat es recherchiert und eindeutig festgestellt: Die beiden netten Herren geben eine der zahlreichen Talmud-Fälschungen unter dem Beifall der Zuhörer in ihren erfolgreichen Programmen als Wahrheit aus.

Ich ergänze: Auch über die armen leidenden Palästinenser wissen beide Fernseh-Philosophen die Welt zu belehren (Link). Unter den 19 besonders wichtigen Lügen der Weltgeschichte, wo die DDR-Lügen noch vor Hitlers Kriegserklärung stehen, wird als Numero 12 auch die folgende rührende Geschichte erzählt:

Die 9/11-Lüge:

Nach dem Terroranschlag gingen Bilder von jubelnden Palästinensern um die Welt. Die Szene war gekauft. TV-Journalisten hatten ihnen dafür Kuchen versprochen.

Das stimmt nicht. Weder im Plural noch in der Intention. Es wurde massenweise gejubelt, nur für die Kameras wurde es einmal extra wiederholt, damit die Kameraleute es besser aufnehmen können. Einzelheiten siehe z.B in der pdf-Datei von Heiko Lietz (Link) auf der Seite 46:

Die tatsächliche Sachlage, dass es „ohne Ende Jubel“ gegeben habe, sei bei der Diskussion glatt untergegangen. Steinhoff, der im Dezember in der West-Bank mit dortigen Kamerateams gesprochen hatte, konnte ganz vereinzelte Medienberichte bestätigen, dass Arafat alle Kassetten habe einsammeln lassen.

So kennen wir Willemsen inzwischen – auf der “richtigen” Seite, propagandistisch manipulierend auf dem Weg zum ersten Platz auf der Bestsellerliste (Link). Von Knochen zu Kuchen – eine Steigerung. Glückwunsch!

 

Umberto Eco über das Böse

Filed under: Allgemein — peet @ 11:45 Uhr
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In der Zeitung “Le Figaro” vom 5.11.2007 lässt sich ein inhaltsreiches Interview mit Umberto Eco geniessen (Link). Der große Essayist hat nach der “Geschichte der Schönheit” jetzt eine “Geschichte der Hässlichkeit” geschrieben. Das Buch wird im Gespräch mit Jean-Marc Parisis über die Politik, Geschmäcker etc. vorgestellt. Es geht dabei u.a. um die Zeitwahrnehmung von heute:

Notre époque, avec ses grandes migrations, rappelle peut-être davantage la chute de l’Empire romain, vers l’an 500. L’effondrement des grands empires se poursuit, après la chute de l’empire soviétique, l’empire américain commence à décliner. On pourrait aussi faire un parallèle avec les temps barbares de saint Augustin, comparer l’incendie de Rome aux Twins Towers en feu.

En quoi alors notre époque ne ressemble-t-elle à aucune autre ?

La première réponse qui me vient, c’est la vitesse. Dans une heure, je peux être à Milan. Mais il y a une autre forme d’accélération. La crinoline a duré un siècle, la mode de la minijupe, dix ans. La plume d’oie a servi pendant des siècles, la machine à écrire pendant cent cinquante ans, et moi, je dois changer d’ordinateur très souvent à cause des nouveaux programmes… L’autre caractéristique, conflictuelle avec la première, c’est l’allongement de la durée de la vie. Sous Napoléon, un type qui mourait à 40 ans n’avait connu qu’un changement historique, la Révolution française. Aujourd’hui, on peut avoir assisté à la Seconde Guerre mondiale, à la chute de l’Union soviétique et à l’effondrement des Twins Towers. Nous vivons une vie plus longue, mais plus affolée, qui doit faire face à une succession presque insupportable de changements. Nous y résistons assez bien, mais cela demande une tenue nerveuse incroyable.

 

Schon wieder Schäuble Samstag, 10. November 2007

Filed under: Allgemein — peet @ 22:04 Uhr
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Mit einem wunderbaren Bonmot hat sich Wolfgang Schäuble wieder verewigt. Laut der TAZ sagte er in Bezug auf das nicht weniger wunderbare neue demokratische Gesetz zur Sicherung der Demokratie durch die Einschränkung der Demokratie (Link):

Wir hatten den größten Feldherrn aller Zeiten, den GröFaZ, und jetzt kommt die größte Verfassungsbeschwerde aller Zeiten.

Das ist erstens sehr witzig, der Innenminister nimmt Harald Schmidt die Arbeit ab. Die Politik macht Witze mit Gesetzen und ist selbstkritisch genug, um darüber milde zu lächeln, weil sie das Publikum in dem Theater nicht ernst nimmt. Auf diese Weise wird die Haltung “Immer nur lächeln” vorgelebt und aufgeboten. Herrenmenschen bestimmen, wer was und wie sagt: Hier gilt es, Ruhe zu bewahren und dankbar zu sein.

Zweitens zeigt Schäuble eine absolute Überzeugung des Souveräns in dem eigenen Recht, nach dem Motto: Wir machen schon alles richtig, und hier und da gibt es kleine Geister, die etwas dagegen meckern, die wir selbstverständlich nicht einmal zur Kenntnis nehmen, um sie nicht aufzuwerten.

Drittens platziert er sich genau dazwischen – zwischen Hitler und dem Verfassungsgericht. Der erste würde zu Unrecht groß tituliert, genauso lächerlich wird auch die Beschwerde über die Politik Schäubles sein: Also hört auf, mich bei meiner großartigen Arbeit zu stören.

Zum Vergleich die Meinung von Thomas Knüwer (Link):

Sollte dieses Zitat stimmen, hätte Schäuble durchblicken lassen, was er von demokratischen Institutionen wie dem Bundesverfassungsgericht hält: nichts.

Ich bestätige, was Kommentatoren auf seiner Blogseite feststellen: Es gibt kaum Reaktionen, weder in Zeitungen noch in Blogs (vgl. in diesem Blog mal früher).

 

Russische Dissidenten und die Presse: Bukowski und Jusik Montag, 5. November 2007

Filed under: Blogging,Medien,Politik,Russland — peet @ 15:14 Uhr
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Ein bemerkenswerter Skandal in der russischen Blogszene. Der Fall beginnt damit, dass Wladimir Bukowski, der große Veteran der Dissidenten, der Autor des großartigen Buchs “Moskauer Prozess”, nach Moskau kam, um sich an dem politischen Kampf 2007 zu beteiligen. Die überwiegend Pro-Putin-gestimmte Presse machte sich über ihn lustig, unter anderem die “Komsomolskaja Prawda”, die infolge der Glasnost-Politik zu einer Boulevardzeitung der schlimmsten Sorte wurde. Unter dem billigen verlogenen Text steht die Unterschrift einer vergleichsweise jungen Journalistin Julia Jusik, die inzwischen in Deutschland durch zwei Bücher zu tschetschenischen Themen bekannt ist.

Das ist nichts Neues, würde der erfahrene Leser sagen. Ja, aber jetzt wird’s spannend. Frau Jusik vermerkt in ihrem Blog am selben Abend, als der Artikel erschienen ist, dass ihre Skrupel ihr keine Ruhe lassen, und offenbart dabei, dass der Text in der Redaktion bis zur Unkenntlichkeit umgeschrieben wurde. Am nächsten Tag wird sie, bis dato eine freie Mitarbeiterin der Redaktion, vom Chef höchstpersönlich aus der Zeitung wegkomplementiert. Dann erzählt sie das in ihrem Blog und… wird auf einmal berühmt. Blogger kommentieren ihre Eintragungen zu Hunderten, zwingen die geplagte junge Dame einige der Texte vom Netz zu nehmen, kopieren die verschwundenden Bekenntnisse und streiten sich unermüdlich weiter.

Ist es schon alles? Nein. Der Artikel wird inhaltlich auf Lügen analysiert, ihre Bücher der engen Verbindung zum KGB bezichtigt, sowohl in den Inhalten als auch in der Botschaft, ihre Moral nach dem Motto “Ich war junge Mutter und brauchte das Geld” in den “gelöschten” Blogpostings auseinandergenommen. Eine kostbare Geschichte, würde ich meinen. Wenn noch dazu die eigentümlich  schmutzige Tagebuchsprache der versierten Autorin in Betracht gezogen werden könnte, wäre das Bild noch kompletter.

Wie auch immer, was ich sagen wollte, ist ganz einfach: Das wichtigste Buch von Bukowski, grundlegend für die Geschichte der Sowjetunion, ist noch nicht ins Deutsche übersetzt worden, von Jusik gibt es zwei. Warum nur? Nebenbei gemerkt, auch das epochale Buch von Juri Schtschekotschichin “Die Sklaven der Staatssicherheit”, für das er vergiftet wurde, ist auch nicht erhältlich, zwei Bücher einer Julia Jusik schon.

Für russisch versierte Leser gibt es mehr Links:

Der Artikel selbst, vom 17. Oktober (Link) – der gebliebene Beitrag Jusiks in ihrem Blog am 20. Oktober(Link) – noch ein Kommentar von ihr in ihrem Blog vom 18. Oktober (Link) – ihre von ihr gelöschte Selbstbezichtigung in einem anderen Blog (Link) – Sprachanalyse des Artikels (Link) – Aage Borchgrevink über Jusik (“Mit lügenden Grüßen aus Russland”, ein norwegischer Link, russische Übersetzung – Link)

UPDATE: Ein Buch von Bukowski in Deutsch ist zum Thema doch erschienen und heißt Abrechnung mit Moskau (2000). Siehe einen Beitrag bei “Gegenstimme” (Link). Ob es rezipiert wird?

 

Das Ende eines Journalisten, der nie einer war

Filed under: Allgemein — peet @ 14:17 Uhr
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War Michel Friedman ein Journalist? Seien wir ehrlich, er war ein Talkshow-Moderator, angenehm bissig, wenn der Gast dumm war. Mit klugen Gegnern war er nie erfolgreich.

Diesmal hat er einen Obernazi interviewt, für eine Boulevardzeitschrift, nichts gewonnen, alles verloren, eine Schande. Es gibt hier eigentlich nichts mehr zu sagen. Umsomehr dass Broder alle Nägel mit allen Köpfen getroffen hat (Link).

 

Mosebach gegen Büchner und Folgen Sonntag, 4. November 2007

Filed under: Allgemein — peet @ 21:39 Uhr
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Noch eine berüchtigte Rede eines Literaten, diesmal so verquast, dass es kaum die Öffentlichkeit erreicht. Umsomehr dass Martin Mosebach, von dem die Rede stammt, zu den weniger anerkannten Größen gehört und bei aller Glätte des Stils eher langweilt als begeistert.

Den Kern der Story sehe ich darin, dass hier ein Schriftsteller – wie gesagt, einer der vielen, mittlere Größe, eher unauffällig – einen Preis mit Büchners Namen bekommt. Er hasst Büchner, er ist trotzdem ohne Skrupel sofort bereit, den Preis anzunehmen. Er nutzt sogar die Gelegenheit, um seinen Hass auf alles, was Büchner in der Geschichte der deutschen Literatur verkörpert, loszuwerden. Das nenne ich schon mal eine geistige Größe, ironisch bemerkt.

Bei dieser Gelegenheit schafft Mosebach es auch nebenbei, sozusagen die gesamte Moderne anzugreifen, und stellt sich als erzkonservativer Denker vor, grundsätzlich antimodernistisch. Dabei erregt er die Gemüter durch den geschmacklosen Vergleich zwischen dem literarischen Text Büchners und einer realen Rede Himmlers, bekommt seinen Preis, den Applaus und eine zweifelhafte Bekanntheit in den Medien.

Hier beginnt das Spektakel der besonderen Art. Blogger ignorieren das Thema – zu intellektuell vielleicht? Die Zeitungen versuchen sich herauszureden:

Mosebach selbst schreckt aber vor Schroffheiten auch nicht zurück. Von der Rechtfertigung des Mords im Namen einer großen Idee, die Büchner dem Revolutionär Saint-Just in den Mund legt, schlägt er kühn den Bogen zu dem Heinrich Himmler, der bei seiner Rede im damals tiefdeutschen Posen erklärte, dass es zum bleibenden Verdienst der SS gehöre, beim Judenmord anständig geblieben zu sein. Die FAZ machte gestern daraus die visionäre Überschrift: “Saint-Just. Büchner. Himmler.”

Wir wollen uns hier jeder Beurteilung dieser Gedanken, sofern es sich dabei wirklich um Gedanken handelt, enthalten. Wir wollen nur daran erinnern, dass Mosebachs Identifikation mit manchem Deutschen Bischof nun über die gemeinsame Passion für die Tridentinische Messe und das Lateinische hinausgeht.

Bei den Bischöfen wird zur Zeit der Nazivergleich Mode. Der Kölner Kardinal Meisner gefällt sich darin, wegen eines bunten Fensters von “entarteter Kunst” zu sprechen. Das Forum deutscher Katholiken lädt Eva Herman ein, damit sie ihren missglückten Nazivergleiche zur deutschen Frau wiederholen kann. Und aus Mixas Augsburg ruft man, dass die Grüne Roth “faschistoid” sei (die ihrerseits Mixa vorher einen “durchgeknallten Oberfundi” genannt hatte).

Auch hierüber wollen wir uns kein inhaltliches Urteil erlauben, sondern nur feststellen, dass man in konservativen Kirchenkreisen offenbar eine neue Strategie zur Erregung öffentlicher Aufmerksamkeit gefunden hat. Der Naziververgleich ist eben immer passend und immer krass. Das haben Mosebach und die FAZ fein beobachtet und angewandt.

Das hat Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau geschrieben (Link), im Grunde bissig und klar genug. Er greift drei Parteien an – Mosebach, Meisner-Mixa und die FAZ. Die FAZ ignoriert das und nimmt sich den “leichteren” Gegner vor – die TAZ. Der uns inzwischen gut bekannte Emblematiker Lorenz Jäger wird persönlich und denunziert den Autor des TAZ-Artikels. Christian Semler fragt darin (Link):

Der Vergleich Saint-Justs, des Rousseau-Bewunderers, mit Himmler, dem Exekutor des Rassenmassenmordes, ebnet alle wesentlichen Unterschiede ein. Wie kann man den revolutionären Terror angesichts des Bürgerkrieges, der konterrevolutionären Interventionen und des Drucks verelendeter Massen mit der Nazi-Mordmaschine gleichsetzen? Wie kann man die “Diktatur im Namen der Freiheit”, die 1793 die erste europäische demokratische Verfassung hervorgebracht hat, mit der nazistischen Vernichtungspolitik in einem Namen nennen? Wie kann man dem Königtum, dem Ancien Régime, ein solches Loblied singen, wie der Büchnerpreisträger Mosebach es tut? Man kann, wenn man genügend Rückenwind verspürt.

Und Lorenz Jäger gibt Rückenwind wie gerufen (Link):

Semler nämlich hat sein Leben der Bekämpfung des Revisionismus gewidmet [...] Wer des “Revisionismus” im heutigen Sinn geziehen wird, des “Geschichtsrevisionismus” gar, der soll einfach nur ausgeschaltet werden.

In diesem Stil geht es nur weiter und weiter, bis zum Höhepunkt am Ende:

Der Mann sollte einmal im Kader-Brockhaus das Wort “Vendée” nachschlagen: Bevölkerungsverluste bis zu fünfunddreißig Prozent in einer Provinz, die sich gegen das Pariser Revolutionsregiment erhob und in Strafaktionen von den “höllischen Kolonnen” verheert wurde – nach allen heutigen Kriterien ein Genozid. Aber wahrscheinlich hatten die guten Leute “Es lebe der König!” gerufen.

Die TAZ ist somit erledigt, nicht wahr? Dann hat aber noch einer gewagt, Mosebach zu kritisieren, nämlich der prominente Historiker Heinrich August Winkler (Link):

Ich denke, dass bei dem nationalsozialistischen Judenmord der Kampf gegen die Aufklärung eine entscheidende Rolle spielt. Die biologische Vernichtung von Menschen um der bloßen Tatsache willen, dass sie einer anderen Rasse angehören, das ist etwas anderes als wechselseitige Grausamkeiten in einem Bürgerkrieg. Und die Französische Revolution war nicht der erste Bürgerkrieg der Geschichte. Also hier werden Dinge miteinander verglichen, die man eigentlich nur vergleichen kann, um dann die Unterschiede deutlich herauszuarbeiten und nicht nur die Gemeinsamkeiten. [...]
Für ihn ist das Entscheidende, glaube ich, das Zitat “Es lebe der König” von Lucile Desmoulins, damals ausgesprochen als ein Ausdruck des äußersten Protestes. Und ich glaube, dahinter verbirgt sich die eigentliche Botschaft der Rede, die Aufklärung und die Französische Revolution markieren einen Irrweg. Die Zeit davor war die gute Zeit. Und dieser Standpunkt ist schlichtweg reaktionär. Ich würde von Geschichtsklitterung, denn das Ancien Régime, gegen das sich die Französische Revolution auflehnte, hat die Menschenrechte mit Füßen getreten. Und deswegen denke ich, ist dieses Geschichtsbild, wenn es denn der Rede zugrunde liegen sollte, etwas, mit dem man sich sehr kritisch auseinandersetzen muss.

Jäger kennt sich in der Geschichtsforschung wie bekannt besser aus als jeglicher Wissenschaftler, insbesondere wenn dieser ihm widerspricht. So bekommt Winkler dies zu spüren (Link):

Winkler, bekannt geworden durch sein Buch „Der lange Weg nach Westen“, hatte in seiner Abschiedsrede von der Universität beklagt, die Französische Revolution habe „ein antirevolutionäres Ressentiment in großen Teilen Europas“ hinterlassen. Die Wortwahl legt die Vermutung nahe, dass Winkler die Vernunftgründe einer antirevolutionären Haltung, für die Mosebach heute wie kein anderer steht, als gering veranschlagt. [...]
Wer die Jakobiner und Himmler vergleiche, müsse [nach Winkler] vor allem „die Unterschiede deutlich herausarbeiten und nicht nur die Gemeinsamkeiten“. Aber sind diese Unterschiede nicht erst dann feststellbar, wenn vorher überhaupt verglichen wurde? Die Fürsprecher des Vergleichsverbots haben dieses logische Problem bis heute nicht überzeugend zu lösen vermocht.

Jetzt ist Winkler aber auch erledigt, nicht wahr? Die gesamte perverse Rhetorik der Neuen Rechten wird hier exemplarisch angewendet. Das nennen wir den Qualitätsjournalismus! In Kürze: Zuerst denunziert er Winkler als altes Eisen, dann wird aus ihm eine Rote Socke gemacht. Gleichzeitig wird Mosebach zum geistigen Führer der “antirevolutionären Haltung” erkoren. Am Ende ist Winkler ein Fürsprecher des “Verbots”, unfähig logisch zu denken. Argumente Winklers werden dabei verschwiegen und ignoriert. So einfach geht das!
Mosebach wolle doch nur vergleichen, oder, wenn gerade keiner zuhört, wolle die Grundlagen der Welt gegen die Commis retten, also je nach dem, was gerade besser passt, mal feige zwischen den Zeilen, mal geradeaus formuliert. Der geneigte Leser wird es schon richtig deuten. Klar! Leserkommentare bei beiden Glossen Jägers kommen wie gerufen, aus der “richtigen” Ecke. Keiner widerspricht.

Noch geschickter ging die NZZ mit der Rede Mosebachs um. Joachim Güntner verschwieg den Himmler-Passus und lobte und lobte (Link):

Aber kommen wir zur Mosebach-Büchner-Kontroverse, der Dankesrede des Preisträgers. Sie war intellektuell fordernd, brillant, gerade weil sie dem gewöhnlichen Büchner-Enthusiasten schwer zu schlucken gab. [...] Mosebach entdeckte durchaus humane Züge am «Früh-Kommunisten» Büchner. Aber eben nur dort, wo dessen Werk nach Mosebachs Lesart zu der Einsicht drängt, dass der König das individuelle Subjekt garantiert, indem er es verkörpert – während doch die Revolution, diese Blutsäuferin, die Individuen vernichtet. Eine fulminante gedankliche Volte, für Republikaner freilich nur mit Bauchgrimmen geniessbar.

Vollständigkeitshalber erwähne ich noch die plauderige Glosse im “Freitag” (Link). Mario Scalla beginnt mit der Geschichte des Preises und endet mit Madonna und Tom Cruise. Zur Sache kommt er nur kurz:

Mosebach schreibt einen gepflegten bürgerlichen Realismus; wenn er öffentlich für Kuba eintreten würde, hätte ein Georg Lukacs eine helle Freude an ihm. Aber er ist nicht nur nicht für Kuba, sondern ein Gegner der Französischen Revolution – er ist sozusagen das Gegenteil von Büchner und hat doch den nach ihm benannten Preis bekommen. Mit gleichem Recht könnte man einen Ernst-Jünger Preis stiften und ihn Hermann Kant zueignen.

Martin Mosebach ist ein konservativer Anti-Modernist. [...] Die revisionistischen Neigungen der einheimischen Konservativen nehmen hysterische Züge an, Mitleid wird jetzt erste Bürgerpflicht.

Hinter der Ablehnung alles Revolutionären versteckt sich aber auch die Aversion gegen alles, was sich unter dem Begriff Moderne fassen lässt. Gegen die Moderne aber lässt sich nicht einfach mehr sein. Befinden wir uns noch in der Post- oder bereits in der Post-Postmoderne? Wie auch immer, eine Wiederkehr moderner Themen oder Techniken ist etwas Postmodernes, genauso die Ablehnung von Moderne und bürgerlicher Revolution. Ein postmoderner Anti-Modernismus ist durchaus zeittypisch. Madonna bekennt sich zur Esoterik der Kabbala, die Neigungen von Tom Cruise sind bekannt, Mosebach denkt über das Königtum nach und verbreitet Wirrnis. Eigentlich müssten sich die drei prächtig verstehen.

Also gar nicht so schlimm. Die Linke steht darüber und lächelt. Der eine nur kann sich nicht beruhigen und motzt in seinem Blog, das ist Alan Posener, der feststellt (Link):

dass die Kritik an den 68ern von einigen Konservativen benutzt wird, um die Moderne selbst anzugreifen. Endlich findet ein tapferer Konservativer den Mut, das auch zuzugeben.
In der “Welt” schreibt der erzkluge und immer erfrischend böse Tilman Krause – nicht wie üblich in seiner zeitgeistkritischen und zugleich zeitgeistanzeigenden “Klartext”-Kolumne, sondern, was einen bei einer liberalen Zeitung schon verwundern könnte, im Leitartikel, also quasi ex cathedra: “Die ‘Modernen’ gehen uns auf die Nerven”. [...] Man fragt sich, was Mosebach geritten hat, nun auch die Nazi-Erregungsmachine zu bedienen. Vielleicht war er neidisch auf Eva Herman. Oder auf Martin Walser. Man fragt sich, ob es ein deutscher Schriftsteller einmal schaffen kann, in der Paulskirche den Mund aufzumachen, ohne von Hitler zu faseln. Das einmal nicht zu tun, wäre eine wahrhaft konservative und zugleich revolutionäre Tat. Wie dem auch sei: die Auschwitzkeule in die Hand zu nehmen, um damit auf die Französische Revolution einzudreschen, scheint mir doch ein wenig billig. Die Revolution war auch so fürchterlich genug. Und fast alle Zeitgenossen haben sie so empfunden, Büchner eingeschlossen. Seitdem scheiden sich die Geister an der Frage, ob die Dialektik der Aufklärung automatisch in den Terror mündet, wie Konservative behaupten, oder ob es möglich sei, an den Idealen der Aufklärung und der Demokratie festzuhalten, ohne dem Fanatismus zu verfallen, wie Liberale und Linke meinen. Himmler führt bei der Beantwortung dieser Frage nicht weiter. [...] Es sei denn, jemand will – ganz unkonservativ – bloß einen kleinen deutschen Stunk machen.

Und ich frage mich, ob die Art dieses Textes nicht die Folge des Posener-Falls ist. Einerseits empört sich der Autor, und zu Recht, und benennt die Sachen beim Namen. Andererseits vermeidet er etwas kräftigere Ausdrücke und rudert am Ende sogar zurück. Ist der innere Zensor hier bei der Arbeit zu beobachten? Kritisieren, aber fein? Nicht dass der Chef sich einmischen soll?

Ich bin mit der Debatte unzufrieden und vermisse einen Ignatz Bubis. Gerade das wäre aber die einzige passende Gelegenheit dieses Jahres, etwas deutlicher zu werden, anstatt Pfitzner oder ein paar Bischöfe anzugreifen, liebe Vertreter des personifizierten deutschen Gewissens.

 

Schirrmacher-Debatte verblasst Freitag, 2. November 2007

Filed under: Allgemein — peet @ 14:15 Uhr
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Die brillant installierte Debatte – Schirrmachers Rede in drei online-Fassungen (Link), eine kritische Replik im Spiegel online und eine kritische Kritik des grimmigen Schirrmachers (Link) auch beim Spiegel online – läuft ins Leere. Weder konnte sich der FAZ-Mitherausgeber erklären, noch interessieren sich Blogger genug für seine Invektiven. Auch die großen Chefs beim Fernsehen und Verlagen sind nicht viel weiter gekommen. Ach, wie schade.

In der Zwischenzeit habe ich im Netz recherchiert und habe nur vier Beiträge gefunden, die ich meinen Lesern in diesem Zusammenhang empfehlen darf:

  • Eine geißelnde Kritik bei Spiegelfechter (Link), insbesondere im Kommentar 33.
  • Eine kurze vernichtende Bemerkung von Martin Welker (Link).
  • Eine witzige Beobachtung zum Thema “Aufschreibsysteme” bei onlinejournalismus.de (Link).
  • Es ist bemerkenswert, dass der von mir begrüßte Text von Falk Lüke umgezogen ist (Link). Sollen wir uns Gedanken machen?..

Ein großer Denker zu sein ist schwer, manchmal hört keiner zu.

 

 
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