Im Spiegel online kann man die Antwort Schirrmachers bestaunen: Er wundert sich, dass er von vielen Lesern im Internet missverstanden wurde. Er sei nicht gegen das Internet (Link):
Die Bedrohung unseres Journalismus - und dazu zählen auch jene Qualitätsseiten im Internet, die sich nicht massiv boulevardisieren müssen - liegt bekanntlich nicht im Journalismus selbst, sondern in den Veränderungen von Anzeigenmärkten. Sehr präzise nenne ich deshalb als Bedrohung ausschließlich den öffentlichen rechtlichen Rundfunk, der, da gebührenfinanziert, die Marktverhältnisse verschiebt [...]
Was also wurde in der Rede kritisiert? Die pornografischen und kriminellen Bild- und Filminhalte, die Nachrichtenenten, die Boulevardisierung der “News” und deren prägende Wirkung auf Kinder und Jugendliche. Außerdem: der Aufkauf von Zeitungen nach den Maßgaben der Rendite. Starke Qualitätszeitungen sind ein Gegenmittel gegen die absolute Welt des Internet. [...]
Interessant ist aber, dass dieser Internetjournalismus, der seine Angebote kostenlos liefert, offenbar nicht einmal mehr fähig ist, die Koexistenz mit den kostenpflichtigen Printmedien auch nur zu denken. Er hat sein eigenes Plebiszit der Verbraucher. Er ist jedenfalls nicht bereit, die Koexistenz zu akzeptieren. Das autoritäre Potential, mit dem er den Gedanken daran abfertigt, ist beträchtlich. Es herrscht nicht Reflexion, es herrscht der Reflex. Wer so denkt, liest Zeitungen als Sondersphären des Geistes, die sich in der Vorzeit abkapseln.
Nachdenklichkeit, wie sich auch an diesem Fall zeigt, braucht Zeit. Es gibt großartige Beispiele für die Wirkung von Blogs, Nachrichtenseiten, Internet-Erzählungen und Filmen, von großem revolutionären Elan in einer geistig fruchtbaren Welt. Die heiseren Stimmen aber, die sich hier melden, klingen eher nach journalistischer Sahelzone.
Das passiert, wenn ein Qualitätsjournalist einen Text selbständig schreibt und viel zu schnell für seine üblichen Verhältnisse in die Welt schickt, ohne dass der Text durch eine Armee von Mitarbeitern und Chefs durchredigiert wurde. Diese Pauschalisierung, dieses Beharren auf der eigenen Unfehlbarkeit und der sicheren Qualität sind erstaunlich. Kein Wort von den Zuständen in den Zeitungen, Redaktionen, von gekauften Inhalten, parteiischen Kampagnen - der Qualitätsjournalismus kennt sowas nicht, klar.
Dazu kommt wie immer der eine oder andere Popanz - in dem Fall die Erfindung, das Internet sei gegen die Printmedien. Insofern hat ein Kommentator in diesem Blog Recht, wenn er (Stefan Strauß) schreibt, diese epochale Rede sei eine unverdaute Folge der zu schnell gelesenen Gedanken von Habermas über die Lage der Zeitungen (Link). Können wir bitte etwas mehr “Habermas” und etwas weniger “Schirrmacher” bekommen? Nur proportional, versteht sich. Dann wäre es etwas näher zum Qualitätsjournalismus.
Freitag, 2. November 2007 um 10:38 119399989110Fri, 02 Nov 2007 10:38:11 +0000
[...] Reactions on Schirrmacher : Wissenswerkstatt | Text und Blog | Sendungsbewusstsein | medienlese | onlinejournalismus.de [...]
Donnerstag, 22. November 2007 um 17:34 119575285005Thu, 22 Nov 2007 17:34:10 +0000
[...] Kritische Auseinandersetzung mit den Medien « Schirrmacher verteidigt sich Mosebach gegen Büchner und Folgen [...]