Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Noch ‘ne Schlammschlacht (5) Montag, 31. Dezember 2007

Filed under: Allgemein — peet @ 12:49 Uhr
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In der FR führt uns Volker Schmidt in die Posse ein, an der sich drei Akteure beteiligen – die baden-württembergische SPD , die neorechte “Junge Freiheit” und das “Fakten-Fakten-Fakten-Blatt” “Focus” (Link). Die Hauptrolle spielt dabei der “Focus”-Chef vom Dienst Michael Klonovsky. Einerseits lesenswert, denn die JF entdeckt für sich schmutzige Mechanismen der schönen neuen Welt schneller als die erstarrte Linke. Andererseits traurig, weil die angebliche Mitte nur zuschaut, anstatt sich zu besinnen.

 

Der goldene Kompass im Vergleich Sonntag, 30. Dezember 2007

Filed under: Film,Literatur — peet @ 12:25 Uhr
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Gestern war ich im Kino: “Der goldene Kompass”. Und neulich schaute ich im Fernsehen einen der Harry-Potter-Filme und einen der Herr-der-Ringe-Filme an, was ich früher stets verweigert hatte. Der Vergleich ist wohl nicht komplett, da ich den Narnia-Film nicht gesehen habe, und doch will ich thesenmäßig festhalten:

1. Lyra wirkt agiler, mutiger und selbständiger als Harry Potter und die Hauptfiguren aus dem “Herr der Ringe”-Film. Diese sind elende Versager, die sich nur durch Magie und meist ungeahnt retten können. Dazu kommt noch der meilenweite Unterschied in der schauspielerischen Qualität. Das Mädchen erscheint lebendig und sympathisch, sie kann als Projektion für die Selbstidentifizierung gelten.

2. Lyra kämpft zusammen mit ihrer Truppe gegen das Böse, und zu ihr gehören sowohl Kinder als auch Erwachsene, Tiere, Magier etc. In den zwei anderen Filmen sind es Kinder, die gegen die Erwachsenen auftreten: Eine ganz andere Dimension, die auch viel mehr die Subkultur von Jugendlichen propagiert und vermarktet.

3. Lyra ist ein weibliches Kind und schließt eine Marktlücke, denn alle anderen Hauptfiguren der Fantasy-Welten sind Jungen.

4. Der Film ist nicht ganz frei von Gewaltszenen, insgesamt aber auch für Kinder zumutbar, auch wenn die herzzerreißende Szene in der Trennungsmaschine an die Grenze des zu Ertragenden geht. Die zwei anderen Filme sind zu gewalt- und horrororientiert und vermitteln den Eindruck, als ob deren Autoren im Auftrag der Industrie Kinder zum Konsumieren von Horrorstreifen verleiten wollen.

Ich erspare meinen Lesern diesmal die Auswertung der Kritiken: Ich habe diese vier Thesen in keiner der von mir gelesenen Rezensionen vorgefunden.

Dann muss ich jetzt wohl das gepriesene Buch von Pullman lesen.

 

Broder über Neudeck über Oestreicher Samstag, 29. Dezember 2007

Filed under: Allgemein — peet @ 12:51 Uhr
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Ein witziger, bisweilen angenehm bissiger Text – Broder in Höchstform. Lesenswert. Außerdem schön, wie hier Rupert Neudeck vorgeführt wird.

P.S. Wie will man das Lesenswerte von dem Müll unterscheiden und hervorheben? Tja. Immer wieder diese Frage…

 

Götz Aly sieht die 68-er anders

Filed under: Allgemein — peet @ 12:06 Uhr
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In der TAZ von heute erlaubt Katharina Rutschky, sich von Götz Aly vorführen zu lassen. Vor diesem Hintergrund erscheinen seine Argumente und nachdenkliche Weise, sich selbst zu hinterfragen, besonders ehrlich und überzeugend. Eine sehr empfehlenswerte Lektüre, insbesondere angesichts eines Schwalls der sinnlosen Plaudereien zum Thema in der Presse.

Darunter:

1967 siezten sich die deutschen Studenten ja noch. Da war man Fräulein Schmidt und Herr Aly. Man trug Faltenrock oder Krawatte und Jackett und kriegte einen Nervenzusammenbruch, wenn man zum Professor in die Sprechstunde musste. Aber all die Befreiungsschriften von damals sind Müll, unerträglich. Nicht nur die Theorie, auch die Schriften zu den Kinderläden. Es steht kein vernünftiger Satz drin, nichts, was man heute noch mit Gewinn lesen könnte. [...]

In Berlin war das das SDS-Trio Rudi Dutschke, Bernd Rabehl und Christian Semler. Natürlich haben wir damals “Die Rebellion der Studenten” gelesen. Aber da stehen Dinge drin, da zieht es Ihnen die Schuhe aus. Da sagt Dutschke sinngemäß: Wenn wir nach dem Tod von Benno Ohnesorg den Widerstand nicht fortsetzen, machen wir uns zum Juden. Stellen Sie sich vor, ein brandenburgischer Bürgermeister würde heute sagen: Wenn wir den Widerstand gegen eine Müllverbrennungsanlage oder ein Ausländerheim nicht fortsetzen, machen wir uns zum Juden. Der Kerl würde morgen im politischen Orkus verschwinden. Aber damals war Dutschke ein Vorbild. Das Radikale war schön. Man konnte die Welt erklären und hatte immer Recht. Das war wunderbar. Wenn man sich heute anschaut, womit wir diesen eigenen kulturellen Raum füllten, erfasst einen das Grauen. [...]

Die Mehrheit der Studenten an der Freien Universität waren Krawallschwaben. Sie kamen aus dem süddeutschen Raum, aus relativ autoritären Elternhäusern. Es waren regelrechte Repressionsflüchtlinge. Und diese süddeutschen Staaten, die reformunfähig waren, Bayern, Baden-Württemberg, auch Nordrhein-Westfalen, haben ihr Rebellionspotenzial in dieses relativ freie, reformerisch-sozialdemokratisch regierte Westberlin abgeschoben. Sie haben das Problem ausgelagert. [...]

Die Frage ist doch, warum junge Deutsche auf Agnolis Parlamentarismuskritik, die inhaltlich und lebensgeschichtlich beim Faschismus anschloss, so abgefahren sind. Und warum wir Mahnungen von Löwenthal, Dahrendorf und anderen überhört haben. Und warum heute niemand weiß, dass 1968 das Jahr mit den meisten NS-Prozessen in der Geschichte der Bundesrepublik und den meisten lebenslänglichen Verurteilungen war. 1968 enden 30 riesige Prozesse, 23 mit lebenslanger Haftstrafe. 1968 sind an die 3.000 neue Ermittlungsverfahren neu eröffnet worden. Doch für die Studentenbewegung war das kein Thema. Es gab kein Teach-in dazu, Sie finden in keiner linksradikalen Zeitung dazu Artikel. [...]

1967/68 war Ausdruck einer Gesellschaftskrise der Republik, die Studenten zeigten die deutlichsten Symptome dieser Krise. Die Gesellschaft hat sich in dieser Krise erneuert – im Erziehungssystem, im Schulwesen, in dem, was man unter Pressefreiheit versteht, in der Offenheit der eigenen Geschichte gegenüber. [...]

Die Revolte war nur das Symptom. Die Achtundsechziger haben daran keine besonderen Verdienste.

 

Tagesschau in der Kritik Freitag, 28. Dezember 2007

Filed under: Blogging,Deutschland,Medien,Tagesschau,TV — peet @ 13:08 Uhr
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Eine Nachrichtensendung ist auch eine Institution. Die Redaktion bekommt irgendwann das Gefühl der eigenen Wichtigkeit und verteidigt sich gegen Kritik, indem sie auf Argumente verzichtet. Das geschieht jetzt mit dem Buch von Walter van Rossum. Wie die FR meldet, kommt die bissige Kritik beim Sender nicht gut an (Link). Es wird im internen Blog zurückgeschossen, der von den meisten Teilnehmern wie ein Fanclub verstanden wird. Ein Beispiel der korporativen Identitätsbildung vom feinsten.

Van Rossum:

Wenn man sich das ganz akribisch anschaut, muss man einfach feststellen, dass da wahnsinnig viel Unsinn versendet wird.

Im tagesschau-blog.de wird mehr von Kommentatoren als von Autoren dazu geschrieben (Link). Die einen bestätigen die Treffsicherheit van Rossums, so z.B. ein “Textkoch” im Kommentar 36:

Im Politik-Studium haben wir uns schon vor über zehn Jahren der Tagesschau-Analyse gewidmet, mit nahezu den gleichen Ergebnissen: (zu) häufig (zu) wenig Hintergrund bei den einzelnen Themen (auch für eine Nachrichtensendung), die Zerstückelung von Zusammenhängen in Einzel-Meldungen, (zu) viel Raum für offizielle Parteivertreter und immer wieder die Projektion und letzlich Reduktion von Themen auf einen Parteienstreit und – das fehlte in diesem Feature – hohe Anteile an Unterhaltung: Zweiminütige Beiträge über Messeeröffnungen mit bunten Bildern, die Bundesliga oder Badebilder über den kurzen Sommer 20007 wie neulich in den Tagesthemen haben eher unterhaltenden als informativen Charakter und sie stehlen die Zeit, die Hintergundinfos brauchen.

Auch nicht im Mittelpunkt dieses Features: Wie häufig eigentlich die Bild- und Textinformation auseinanderklaffen oder besser: Die Information steckt im Text, nicht im Bild, letzteres hinterlässt aber den nachhalterigen Eindruck beim Zuschauer. Zugegeben ein Grundproblem des Fernsehens: Bebildere mal die Gesundheitsreform.

So ist ein Teil der Kritik auch nicht Tagesschau-spezifisch, sondern weist auf ein weiteres grundsätzlichen Problem von Journalismus hin: Der insgesamt enge Blick auf die ruckartigen Veränderungen der Welt. Nur ein Beispiel: Tankerkatastrophe, 100.000 Tonnen Öl fließen ins Meer. Das ist fraglos ein relevantes Thema, das aber jährlich sowieso mehrere 100.000 Tonnen Öl in unzählichen Kleinstmengen abgelassen werden, ist hingegen keine Meldung, für die Meeresverschmutzung indes problematischer.

Journalisten und insbesondere Fernsehjournalisten interessiert vor allem die plötzliche und – wegen der Bilder – möglichst sichtbare (Ölpest !) Veränderung, weniger die stetige oder schleichende, was insofern ein Zerrbild der Wirklichkeit ergibt, als das die langsame Veränderung der Normalfall ist, ob nun in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft oder Natur. Die plötzlich Veränderung markiert die Ausnahme, definiert so gesehen auch Nachricht. Aber das ist eben genau kein Abbild der Welt oder des Tages. Ein stetiges (sic) Bemühen immer wieder auch langsame Veränderungen zu thematisieren, wäre daher bereits ein großer Fortschritt.

Die anderen denunzieren ihn mit biographischen Hinweisen (so “Goldstein” mit einem Link zum Artikel von Wolfgang Eßbach aus dem Jahr 1993).

Die dritten sind vollkommen damit zufrieden, dass der DF-Radiobeitrag van Rossums durch sie, Kommentatoren, besprochen wird. Und die vierten fragen munter weiter nach, wann kommt denn eine inhaltliche Antwort auf die Kritik? Das war der Stand Juli 2007.

Das Buch wird von der Redaktionsgarde weiter ignoriert.

 

Qualitätsjournalismus bei der Süddeutschen Montag, 24. Dezember 2007

Filed under: Allgemein — peet @ 13:03 Uhr
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Wer noch nicht gelesen hat, soll es nachholen – die ruhig entlarvende Analyse eines Interviews von Bernd Graff, dem inzwischen berühmt gewordenen stellvertretenden Chefredakteur der süddeutsche.de, von Thomas Knüver meisterhaft durchgeführt (Link).

 

Abrechnung mit Böll Sonntag, 23. Dezember 2007

Filed under: Deutschland,Geschichte,Literatur,Medien — peet @ 13:45 Uhr
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Zum 90. Geburtstag des großen Schriftstellers Heinrich Böll sind einige Publikationen erschienen, unter anderem mehrere Zeitungsartikel. In der “Welt” mehr als anderswo. Darunter auch einige, milde gesagt kritische. Der Ton und der Unterton lassen mich vermuten, es geht hier um denselben ideologischen Kampf, den der Springerverlag zu Lebzeiten des Literaten mit ihm geführt hat.

Besonders unangenehm ist der Text von Tilman Krause (Link). Künstlerisch wie politisch wird hier mit Böll abgerechnet:

Er wird kaum mehr gelesen, und es gehören keine prophetischen Gaben dazu, um zu sagen: Das bleibt auch so. [...] Vor allem das nunmehr groß Gewollte, das man bei Böll mit dem “Billard um halb zehn” von 1959 beginnen lassen kann, es hält ästhetisch einfach nicht stand. Die plumpe Symbolik vom Sakrament des Lammes (Christentum) und des Büffels (Geist der Gewalt) ist es gar nicht mal so sehr. Vor allem ist es das Unverhältnis zur Form, ist es die vollständige Abwesenheit von Humor, Ironie, Charme, sprachlichem Reiz, was die Lektüre böllscher Werke heute so unbefriedigend macht. Sicher, sie waren wichtig in ihrer Zeit als Gebrauchsliteratur für das schlechte Gewissen. Dazu hatten die Deutschen nach 1945 ja wahrlich allen Anlass. Aber sie gehen auf im Horizont der Fünfziger-, Sechzigerjahre, weisen in nichts darüber hinaus. Was danach kam, war der hanebüchene Unsinn der “Katharina Blum” mit seiner einfältigen Schwarz-Weiß-Malerei, ein trauriges Dokument der Wahrnehmungsschwäche, die Böll ja auch das kriminelle Potential der RAF-Terroristen nicht erkennen ließ. [...] Denn Böll steht für die alte Bundesrepublik. Und nichts ist aus dem öffentlichen Bewusstsein so sehr verschwunden wie die vier Jahrzehnte Bonner Provisorium. Es beschäftigt die Fantasie einfach nicht mehr. Nichts geht von ihm aus, kein Zauber, kein Glanz, keine irgendwie geartete Verheißung.

Tanja Dückers meint es besser mit Böll, vergisst allerdings auch nicht zu sagen (Link):

Auch die Verfolgung einer jungen Frau durch die Medien, deren ubiquitäre Präsenz die Protagonistin schließlich zu einer Verzweiflungstat schreiten lässt (“Die verlorene Ehre der Katharina Blum”), wirkt nicht gestrig. Oft müsste man nur Namen und Jahreszahlen austauschen. “Die ZEITUNG”, wie Böll sein fiktives, wenngleich an BILD erinnerndes Boulevardblatt nannte, wäre heute wohl ein digitales Medium.

Es ist rührend, wie die “Bild” von heute aus der Schusslinie getragen wird. Weiter vergleicht die Autorin Äpfel mit Birnen:

Der einzige substanzielle Vorwurf stammt von Hans Erich Nossack. Der um einiges ältere Schriftsteller (1901-1977) befand, dass Bölls Werk zu sehr auf Versöhnung und Harmonie ziele. Den Roman “Ansichten eines Clowns” (1963) hielt er für misslungen, weil “ungefährlich”. Das “metaphysische Phänomen” des Clowns habe Böll “stümperhaft verhunzt”, befand Nossack (zitiert nach Heinrich Vormweg). Hier, ahnt man, scheint ein existenzialistischer Anspruch auf, dem Böll nicht genügen konnte.

Es ist dasselbe, wie Tolstoj und Dostojewski einander gegenüberzustellen, um den einen gegen den anderen auszuspielen.

Alles in allem sind das Versuche, die Literatur weiterhin zu politisieren, anstatt sie vor der Politisierung zu retten.

Für mich persönlich bleibt “Billard um halbzehn” in einer Reihe mit dem “Glasperlenspiel” und dem “Doktor Faustus” stehen – eine notwendige Lektüre für heranwachsende Jugendliche.

Und außerdem steckt für mich hinter dieser Abrechnung die schleichende Patriotismuswelle – es wird nahegelegt, Deutschland hätte die böse Vergangenheit längst verarbeitet und Böll gehört dazu. Genau umgekehrt würde ich dies sehen – die böse Vergangenheit ist noch lange nicht verarbeitet und Böll gehört dazu. Also mit positivem Zeichen: Solange die Kritik meint, sich an Böll vergehen zu müssen, ist die Vergangenheit noch nicht Geschichte!

 

 
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