Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Schwierigkeiten mit der Philosophie des Internets Samstag, 28. Juni 2008

Filed under: Allgemein — peet @ 21:11 Uhr
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Immer noch freut sich ein Blogger wie ein Kind, wenn er von Printmedien oder von einer prominenten Figur erwähnt oder gar zitiert wird. Das bildet eine Ausnahme, daher eine besondere Freude. Wenn in diesem Zuge auch noch der Kleine dem Großen mit Rechthaberei und Häme ans Bein pinkeln kann, wird diese umso größer.

Jürgen Habermas hat 2006 in einem Vortrag über das Neue an der Kommunikation im Internet laut gedacht – jetzt ist sein Aufsatz in einer bearbeiteten Form erschienen. Der Philosoph beschreibt darin reale Widersprüche, in gewohnt dialektischer Sezierung des Gegenstandes. Kritiker hacken darauf mit einer solchen Verbissenheit herum, dass ich zuerst die Luft anhalten musste. Es galt zu prüfen, ob die Kritiker vielleicht im Rechte sind und Habermas zu viel auf sich genommen hat. Doch nein, allem Anschein nach kritisiert der Philosoph die Realität, und dafür wird er als Überbringer der Nachricht beinahe an die Wand gestellt. Na, dann also nichts Neues? Doch! Einige Beispiele:

Tatsächlich hat ja das Internet nicht nur neugierige Surfer hervorgebracht, sondern auch die historisch versunkene Gestalt eines egalitären Publikums von schreibenden und lesenden Konversationsteilnehmern und Briefpartnern wiederbelebt. Andererseits kann die computergestützte Kommunikation unzweideutige demokratische Verdienste nur für einen speziellen Kontext beanspruchen: Sie unterminiert die Zensur autoritärer Regime, die versuchen, spontane öffentliche Meinungen zu kontrollieren und zu unterdrücken. Im Kontext liberaler Regime überwiegt jedoch eine andere Tendenz. Hier fördert die Entstehung von Millionen von weltweit zerstreuten chat rooms und weltweit vernetzten issue publics eher die Fragmentierung jenes grossen, in politischen Öffentlichkeiten jedoch gleichzeitig auf gleiche Fragestellungen zentrierten Massenpublikums. Dieses Publikum zerfällt im virtuellen Raum in eine riesige Anzahl von zersplitterten, durch Spezialinteressen zusammengehaltenen Zufallsgruppen. Auf diese Weise scheinen die bestehenden nationalen Öffentlichkeiten eher unterminiert zu werden. [zit. bei Peter Haber]

Mit anderen Worten, verschiedene Öffentlichkeiten gehen mit dem Medium anders um. Schwierigkeiten entstehen aus der Demokratie selbst – für “die Zensur autoritärer Regime”, aber auch für die “bestehenden nationalen Öffentlichkeiten”. Das ist die Realität, dagegen kann man sich aufbäumen oder was auch immer, man kann sie nicht negieren, indem man der Beschreibung die Wertung zuschreibt.

Bei Peter Haber wird auch ein anderer wichtiger Satz zitiert:

Das Web liefert die Hardware für die Enträumlichung einer verdichteten und beschleunigten Kommunikation, aber von sich aus kann es der zentrifugalen Tendenz nichts entgegensetzen. Vorerst fehlen im virtuellen Raum die funktionalen Äquivalente für die Öffentlichkeitsstrukturen, die die dezentralisierten Botschaften wieder auffangen, selegieren und in redigierter Form synthetisieren.

Ob sie für immer fehlen, ob sie fehlen müssen, sagt Habermas nicht. Jedenfalls entspricht diese Beobachtung auch der Realität. Wir sind eben mit der zentrifugalen Tendenz konfrontiert und haben keine Alternativen dafür, die Segmentierung der virtuellen Räume geht vorerst weiter, unaufhörlich, im schnellen Tempo.

An einer anderen Stelle sagt Habermas dazu:

Aber die horizontale und entformalisierte Vernetzung der Kommunikationen schwächt zugleich die Errungenschaften traditioneller Öffentlichkeiten. Diese bündeln nämlich innerhalb politischer Gemeinschaften die Aufmerksamkeit eines anonymen und zerstreuten Publikums für ausgewählte Mitteilungen, sodass sich die Bürger zur gleichen Zeit mit denselben kritisch gefilterten Themen und Beiträgen befassen können. Der begrüßenswerte Zuwachs an Egalitarismus, den uns das Internet beschert, wird mit der Dezentrierung der Zugänge zu unredigierten Beiträgen bezahlt. In diesem Medium verlieren die Beiträge von Intellektuellen die Kraft, einen Fokus zu bilden. (zit. bei Daniel Lüdecke)

Unter Intellektuellen versteht Habermas offensichtlich sich selbst, die Elite der Gesellschaft. Aber (und hier kann man ihn gerne kritisieren!) auch diese Elite zerfällt, verliert an Bedeutung, in den Augen der breitesten Öffentlichkeit, was unter anderem auch die Polemik gegen Habermas deutlich bestätigt.

Robin Meyer-Lucht beim Perlentaucher sieht in Habermas den Vertreter “einer massenmedialen Öffentlichkeit” (Link):

Deutschland tut sich nach wie vor schwer damit, die Ressentiments gegenüber dem Internet als scheinbar chaotisches, zersplittertes und desorientierendes Medium aufzugeben. […] Habermas kapituliert hier vor der Aufgabe, seine deliberativen Öffentlichkeitsmodelle an das Internetzeitalter anzupassen. […] Die Verwobenheit und Redundanz der Diskurse und Filtermechanismen sorgen dafür, dass mediale Öffentlichkeit spezifischer und facettenreicher abgebildet werden und überhaupt erst entstehen kann. Die ganz große Bühne der Massenmedien ist für diese Prozesse extrem fruchtbar, aber sie kann die wünschenswerte Komplexität der Diskurse schon lange nicht mehr verwalten. Die Informationsökonomie des Internets schafft dabei zugleich mit ihrer niedrigen Kostenstruktur auch die Grundlage für ein stärkeres Gewicht von nichtökonomisch motivierten Akteuren. Ein Aspekt den Habermas stets gefordert hat.

Für mich sieht das eher nach einem Verlust der Logik aus: Habermas beschreibt den zersplitterten Zustand der Kommunikation, Meyer-Lucht bestätigt das und wirft dasselbe Habermas trotzdem vor. Habermas beschreibt den status quo, Meyer-Lucht erhofft sich eine neue Synthese, die nicht da ist. Wer ist hier ein Wunschdenker und wer ein Beobachter?

Klaus Jarchow beim Blog “Medienlese” ist Habermas gegenüber noch strenger (Link):

Ein massiver Erlösungsglaube an die Kommunikation spukt also im Hintergrund des Habermas’schen Hirnkastens ständig herum, sein rationaler Diskurs ist an die Stelle von Hegels Weltgeist getreten und wird letztlich wie der schon alles richten. […]

Noch einmal: Was an den hohen philosophischen Materien stört, ist hier offensichtlich der elitäre Ton, der nicht Eingeweihte auszuschließen droht. Es gibt aber auch eine egalitäre Tendenz: Immer mehr Menschen bekommen den Zugang zu immer mehr Information. Sie verarbeiten diese Information aber nicht komplex, sondern spezialisert, je nach dem eigenen Horizont. Das muss man so hinnehmen, auch wenn’s nicht gefällt – mir gefällt das auch nicht! – Vgl. meine Bemerkungen zur Unübersichtlichkeit des Meinungsspektrums bei der Bewertung einer typischen Diskussion im Internet (Link).

Jarchow schreibt Habermas “eine schmeichelhafte Aufwertung der massenmedialen Rolle der Journalisten” und “die harmonisierende Weltsicht einer Mäh-Mäh-Welt aus meinungshütenden guten Hirten und gehorsamen Schafen” zu. Man staune: Der alte Hegel stört also immer noch. Lassen sich Texte der Philosophie im Internet anders lesen als in einem Buch? Stören sie sozusagen auf dem Bildschirm mehr?
In diesem Sinne hübsch ist die Logik des pointierten Satzes bei Jarchow:

Der Unterschied zwischen einem Don Alphonso und einem Ulli Jörges ist viel kleiner, als es der Stern-Mann wohl glauben möchte.

Ich würde hier gerne ergänzen: Und viel größer, als es einem Alpha-Blogger im Traum erscheint.
Wenn der gesamte Angriff auf Habermas auf die Weise zu seinem Ziel kommt, dann kann man Autoren nur mehr Gelassenheit wünschen – ach, dass sie doch weniger “Stern” und mehr Originaltexte der Philosophen lesen mögen. :-)

 

Die Akademie der Schlammschlachten (6) Sonntag, 15. Juni 2008

Filed under: Blogging,Broder,Jan-Eric Peters,Medien,Stefan Niggemeier — peet @ 12:01 Uhr
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Broder und Niggemeier – dieser Kampf erstreckt sich schon über mehrere Runden. Zuerst erschien das nur merkwürdig, dann ekelig. Ich benannte dieses mediale Kapitel  als “Schlammschlachten”, verfolgte in gewissen Abständen die Blogeinträge und Kommentare und habe doch eine weitere “Qualitätssteigerung” verpasst. Jan-Erik Peters, der die Axel-Springer-Akademie leitet, hat darin die ausgezeichnete Chance entdeckt, die beiden für die “Bild”-Sache zu verwerten. Er spielte die beiden gegeneinander aus, mit zugegeben großer Kunst und beträchtlichem Erfolg. Das Schema ist ganz einfach: Niggemeier arbeitet mit seinem Bildblog gegen die “Bild”, Niggemeier hat aber auch Broder zu einem massiven Gegenangriff provoziert, Broder hat gegen Niggemeiers Bildblog gebloggt. Das ist die Vorlage. Jetzt kommt der niedliche Vermittler und bittet Broder um den Abdruck bei der “Welt” – alles ganz solide und sogar distanziert kritisch. Am Tage der Publikation verbloggt der zufriedene Schlammschlächter das Resultat und sammelt Punkte – “Bild” gegen den Qualitätsjournalismus 2:0. Eine wahre Schule der “Bild”-Intrige. So spielt man seine Feinde aus und steht immer noch unschuldig da. Die beiden bewerfen einander unermüdlich weiter mit Dreck.

Links:

Broder über den Bildblog, mit zum Teil erstaunlich guten, Broder gegenüber zurecht kritischen Kommentaren

Peters’ Blogeintrag, mit überwiegend unsachlichen Kommentaren

Mein erster Kommentar zu der Schlammschlacht vor einem Jahr

 

Major a.D. Manfred Ott hat sich verewigt Samstag, 14. Juni 2008

Filed under: Allgemein — peet @ 16:22 Uhr
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Antisemiten schreiben zunehmend mehr Leserbriefe, und das nicht nur an Broder und den Zentralrat der Juden in Deutschland. Alan Posener hat eine Perle in der Leserpost bei der “Welt” entdeckt und in seinem Blog publiziert (Link). Ein selten ausgereiftes Exemplar! Nach der Lektüre nicht vergessen: Hände waschen!

 

Posener gegen Jäger: 1-0

Filed under: Allgemein — peet @ 16:10 Uhr
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In der Mai-Ausgabe der Zeitschrift “Internationale Politik” durfte Lorenz Jäger sich austoben und bekam eine gut verdiente verbale Schelte von Alan Posener (Link).

Darin übernahm Jäger ohne wenn und aber die antisemitische Position der amerikanischen Autoren Walt/Mearsheimer und ging auf die Suche nach den Israel-Lobbyisten in Deutschland. Dafür wählte er kurzer Hand drei Publizisten mit jüdischen Namen aus und erklärte sie zum “Militärisch-ideologischen Komplex” oder “Diskurs-Lobby”. Ohne zu merken, dass er dabei eine durch und durch antisemitische Argumentation offenbarte. Posener erwidert in allen Punkten und korrigiert, stellt richtig, benennt beim Namen.

Ob die Zeitschrift etwas gelernt hat? Grosser bekam keinen Gegenwind (Link). Mal schauen…

 

Rupert Neudeck übertrifft sich Mittwoch, 11. Juni 2008

Filed under: Allgemein — peet @ 8:38 Uhr
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Bei einer ehrwürdigen Veranstaltung zum Jubiläum der Nakba, hmm sorry, Israels hat der unvergleichliche Rupert Neudeck sich selbst übertroffen, indem er zu den Kassamraketen sagte (Link):

Israel kann ja alles mit seiner Elektronik. Natürlich könnte es mit seiner Elektronik diese Abschußstellen nicht nur finden, sondern auch unschädlich machen. Natürlich kanns das. Aber es ist ja viel zu gut, daß diese Raketen da sind. Es ist doch besser, sonst hat man ja nichts mehr für die Armee, was bleibt denn noch…

Danke an Vonhaeften für die Verewigung der brillanten Formel!

 

Die Linke macht schon alles richtig

Filed under: Allgemein — peet @ 8:30 Uhr
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Das kann man aus dem Artikel in der Zeitung “Neues Deutschland” eindeutig herauslesen (Link). Alles, was Paech und Konsorten zum Konflikt im Nahen Osten äußern, sei richtig, es gäbe keinen Anlass zur Selbstkritik, Blogger seien blöd und antideutsch usw. Genossen, weiter unbeirrt bleiben!

 

 
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