Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Ali Salem: Reise nach Israel Montag, 28. September 2009

Filed under: Deutschland,Israel,Literatur — peet @ 13:30 Uhr
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In einem inhaltsreichen Commentary-Artikel hat Michael J. Totten einen sympatischen egyptischen Schriftsteller Ali Salem erwähnt. Die Erwähnung führt zu einem Interview mit Ali Salem, die ursprünglich im April 2009 in Kuweit erschienen ist und jetzt vom MEMRI ins Englische übersetzt wurde (Link). Lesenswert!
Nach der Lektüre wollte ich Salems Buch von 1994 lesen, das offensichtlich in die Geschichte eingegangen ist. Ich musste soeben feststellen, es gibt keine deutsche Übersetzung des Buchs, nur eine englische liegt vor (“A Drive to Israel”).

Wie kann es sein, dass jeder Dreck sofort übersetzt und herausgegeben und ein wichtiges friedenförderndes Buch vollkommen ignoriert wird? Unfassbar!

 

Perspektiven der Literatur Samstag, 26. September 2009

Filed under: Blogging,Literatur,NZZ — peet @ 17:29 Uhr
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…zeichnet Dubravka Ugrešić im interessanten Interview bei der NZZ (Link). Sie wird als eine kroatische Schriftstellerin vorgestellt und ansonsten zeigt sie sich ziemlich allwissend und von sich überzeugt. Drei Themen behandelt sie aber ganz nach meinem Geschmack, treffsicher und gut formuliert, insofern kann es nur richtig sein. :-)
Essaystik – Erzählstil – Schnelligkeit:

Die Schwierigkeit der essayistischen Form besteht darin, dass viele Essay-Schreiber unbewusst in die Rolle des allwissenden Autors schlüpfen. Ich aber mag diese autoritäre Stimme nicht. Um sie zu vermeiden, gebe ich meinen Büchern oft einen unzuverlässigen oder einen ironischen Erzähler oder, wie in «Lesen verboten», einen «Brummler», der sich über alles beklagt und sich selbst bemitleidet. Es ist mir bewusst, dass eine solche Art des Erzählens naive Leser verwirrt. Besonders jene, die sich wünschen, dass der Autor die Wahrheit und nichts als die Wahrheit schreibt. Aber ich sehe lieber etwas konfuse Leser als solche, die mir zu Füssen liegen. Die Postmoderne endete mit der Massennutzung der Computertechnologie, insbesondere des Internets, aber niemand nahm Notiz von ihrem Sterben. Niemand bemerkte dieses Detail, denn unser Leben ist heute von Schnelligkeit geprägt, und diese ist viel ausgeprägter als unsere Fähigkeit zu verstehen. Unser Zeitgefühl ist durch die immense Geschwindigkeit des heutigen Alltags betäubt. Wir haben die Verbindung zu unserer Vergangenheit verloren, leben nur noch in der Gegenwart, fasziniert und hypnotisiert von den Spielzeugen, die uns die neuen Technologien schufen.

Die Prognose:

Im Zeitalter des Computers verschwindet die Gutenberg-Galaxie nach und nach, denn wir bewegen uns in Richtung einer digitalen Galaxie. Dennoch glaube ich nicht, dass Bücher als solche dem Untergang geweiht sind – Lesen ist für mich etwas Persönliches. Ich bin daher kein Fan der «Festivalisierung» der Literatur. Doch ist es schon so: Literaturtheorie wird zusehends von Literaturmarketing abgelöst, kompetente Buchkritiken werden durch Literaturtipps ersetzt. Die seriöse Buchauswahl ist am Verschwinden, stattdessen ist heute alles eine Geschmacksfrage. Der Markt beeinflusst unsere Wahl, bestimmt unsere Vorlieben und etabliert Werte.
[...] Das Internet hat unsere Art des Denkens und auch unsere Sprache verändert. Es ist das demokratischste Feld der Selbstdarstellung, auch was die Literatur angeht. Die Blogger haben heute wahrscheinlich grösseren Einfluss auf den Buchmarkt als Starkritiker. Wikipedia hat auch in Sachen Literatur demokratische Definitionsmacht erlangt. Die Literatur, wie wir sie kennen, wird nach und nach verschwinden. Auch die Bezeichnung «Autor» wird mit der Zeit aussterben. Die Literatur der Zukunft wird wilden, unstrukturierten und dynamischen Stimmen gehören.

Der Schriftsteller und sein Publikum:

Nach dem Hinschied Gottes, wie Nietzsche ihn verkündete, hat das religiöse Denken alle Sphären unseres Lebens und insbesondere die zeitgenössische Massenkultur durchdrungen. Berühmtheiten unserer Zeit wurden in den Himmel gehoben und leben mit Gott, ob er nun tot ist oder nicht. Heute sind Prominente unsere Heiligen. Konfessionelle Produkte, Memoiren oder Autobiografien sind nicht zufällig die derzeit beliebteste Art von Literatur. Will ein Autor erfolgreich sein, muss er Demütigung, Armut und Sünde erlebt haben. Er hat unter einer Krankheit gelitten, war drogen- oder alkoholsüchtig oder kann über ein Nahtod-Erlebnis Auskunft geben. Die Prüfung ist bestanden, und die Harmonie hält Einzug in sein Leben. Paulo Coelho wurde dank seiner religiös aufgeladenen «Tuttifrutti-Prosa» zu einem weltweiten Guru. Die Schuld-Sühne-Formel zieht immer, und manche Schriftsteller unterwerfen sich diesem Muster – bewusst oder unbewusst. Dies ist die alte religiöse Geschichte von Suche, Schmerz und Reinigung. Die Bewunderung der Öffentlichkeit ist der letzte Schritt in diesem Freispruch. Jeder Mensch lechzt nach der Wahrheit und möchte diese anderen erzählen. Unsere Kultur ist ein seltsamer Mix aus religiösen, narzisstischen und exhibitionistischen Elementen. Das führt dazu, dass wir in einer Umgebung leben, wo alle sprechen, aber niemand zuhört, wo alle schreiben, aber niemand liest. Jeder möchte gesehen werden, weswegen immer weniger da sind, die schauen.

 

Der Umgang mit dem Goldstone-Report Donnerstag, 24. September 2009

Die Auswirkung des Goldstone-Reports wird noch viele Wellen schlagen. Der Leiter und die Institution selbst besitzen eine Autorität, was sehr viele Leser geblendet hat. Verständlich. Umso wichtiger ist es, sich nicht nur mit der Wirkung der kurzen Medienberichte darüber zu beschäftigen, sondern auch die (noch wenigen) seriösen inhaltlichen Kritiken zu verlinken.
Mich haben besonders die folgenden Beiträge überzeugt:
von Jonathan Tobin
von Max Boot
von NGO-Monitor
von Richard Landes, der eine weitere Untersuchung angekündigt hat
von Jonathan Dahoah-Halevi

Das sind ernstzunehmende Beiträge. Für das Erste soll das auch ausreichen.

Nach deren Lektüre erscheinen gut gemeinte Aufrufe, sich mit dem Goldstone-Report sich doch bitte ausführlich auseinanderzusetzen, zumindest fraglich. Ich meine kochende Emotionen bei mondoprinte und erhobene moralische Zeigefinger bei Hartmut Finkeldey. Nach den inzwischen vielen, wahrlich unzähligen Versuchen, Israel zu verdammen, muss man sich nicht jeden Report antun. Das können wir getrost den Fachleuten überlassen. Links zu deren Beiträgen sind, siehe oben, schon da. Weitere sind willkommen.

 

Verlegers Irrweg Mittwoch, 23. September 2009

Am 11.9.2009 durfte Rolf Verleger in der Zeitung “Neues Deutschland” einen weiteren Katechismus der guten Juden präsentieren (Link). Warum auch immer, fand der Artikel keine Aufmerksamkeit. Dem Unglück wollen wir helfen.

Das Schönste verbirgt sich am Ende des Textes. Zuerst wird die Gegenüberstellung zwischen den guten und bösen Juden mühsam aufgebaut. Verleger findet dafür seine Metapher, er spricht von der Position der Stärke und der der Verantwortung. Die Starken sind der Zionismus, die Regierung Israels, die Mehrheit seiner Bürger. Die Verantwortlichen sind Verleger selbst und seine Gesinnungsgenossen, die in Israel eine 4-5% Minderheit bilden und in Deutschland sehr laut bzw. schrill sind und von den deutschen Medien mit der besonderen Behutsamkeit liebevoll vor sich her getragen werden.
Und dann kommts:

Ist dieser Aufsatz antisemitisch?

Aus Sicht der Position der Stärke: Ja. Aus Sicht der Verantwortung: Nein. Er ist vielmehr Ausdruck einer universellen Achtung der Menschenrechte und der traditionellen Ethik des Judentums. Das Judentum war etwas und soll etwas sein, worauf wir stolz sein können. Daher muss der jüdische Staat nach Gerechtigkeit streben. Er muss Leben, Besitz, Kultur und Würde all seiner Bewohner und Nachbarn achten. Dahin müssen wir ihn bewegen.

Verleger gibt unumwunden zu: Seine Position ist aus der Sicht der überwiegenden Mehrheit der Israelis und Juden weltweit antisemitisch. Er weiß aber vom Judentum alles besser und nimmt vollmundig auf sich, alle anderen zu belehren. Der Artikel strotzt nur so von Fehlern, sowohl in der Wiedergabe der ethischen Prinzipien der jüdischen Tradition als auch in der Schilderung der historischen Abläufe. Ganz kurz nur die wichtigsten Irrungen des nicht mehr so jungen Verlegers:

Vertreibung: 700 000 Palästinenser wurden 1948 mit Gewalt und Drohungen aus Israel vertrieben

Viele von ihnen gingen von sich aus, weil ihnen der Krieg gegen und Sieg über die Juden angekündigt wurde. Alle wurden all diese Jahrzehnte hindurch in Flüchtlingslagern gewaltsam von arabischen Regierungen zusammengehalten und für die weiteren Kriege gegen Israel heiß gemacht, anstatt integriert zu werden. Die Hamas hält sie, also ihr eigenes Volk, genauso weiterhin in Flüchtlingslagern.

Enteignung: Grundbesitz und beweglicher Besitz dieser Vertriebenen wurde vom israelischen Staat beschlagnahmt.

Wer bereit war, sofort zurückzukommen, bekam Entschädigung und Wiedergutmachung. Nicht anders als enteigneten Palästinensern ist es den jüdischen Flüchtlingen aus den arabischen Staaten gegangen.

Verdrängung: Seit der Besetzung 1967 baut Israel im Westjordanland Straßen und Städte (»Siedlungen«) für nun ca. 400 000 Israelis – für Palästinenser gesperrt.

Was war da in Jordanien und Syrien, vor 1967 und nach 1967 auch? Was hat zur Besetzung 1967 geführt? Weiß das Verleger noch?

Missachtung: Die israelische Seite boykottiert seit Jahrzehnten die Vertretung der Palästinenser, aktuell die aus freien, allgemeinen und geheimen Wahlen von der Hamas gebildete Autonomiebehörde.

Die Hamas ist eine terroristische Vereinigung, deren Ziel die Vernichtung Israels ist.

Einkesselung: Israel verhindert gewaltsam freien Personen- und Güterverkehr aus und in den Gazastreifen; der Verkehr im Westjordanland, ein Gebiet drei Mal kleiner als Thüringen, quält sich durch über 600 Straßensperren.

Israel öffnet Straßen und Sperren, Übergänge, fördert die wirtschaftliche Entwicklung im Westjordanland, gerade jetzt, gerade unter Netanjahu, seit Monaten.

Verstoß gegen Recht und Gesetz: Israel ignoriert ein Gutachten des internationalen Gerichtshofs und ein Urteil des israelischen obersten Gerichts über die Sperrmauer, die die Bewohner des Dorfes Bil’in von ihren Feldern trennt; friedliche Gegendemonstrationen werden gewaltsam unterdrückt.

Die Mauer, die größtenteils ein Sicherheitszaun ist, verhindert Terrorangriffe, was durch die allgemein zugängliche Statistik jedem bekannt ist. Einzelne Windungen und tatsächliche Fehler werden heute noch im Obersten Gericht verhandelt, weswegen die Mauer immer noch nicht zu Ende gebaut worden ist.

Gefangennahme: Tausende Palästinenser sind ohne rechtliche Anhörung in israelischen Gefängnissen interniert.

Die meisten von den gemeinten Palästinensern sitzen ihre Strafe für Verbrechen nach der Verurteilung ab. Viele von ihnen werden zu Hunderten vorzeitig freigelassen. Sie bekommen Besuch von Verwandten, können studieren, telefonieren, nehmen Teil an dem politischen Leben. Wie war das mit Korporal Gilad Schalit?

Tötung: Im letzten Feldzug gegen Gaza wurden 1400 Menschen umgebracht.

Das war ein Krieg, den die Hamas gegen Israel begonnen und zu verantworten hat. Opfer sind zu bedauern, auch wenn die meisten davon Kriegsteilnehmer waren.
Fazit: Einseitig, voll auf der Seite der palästinensischen Propaganda. Über die übrigen kruden Behauptungen Verlegers vielleicht beim nächsten Mal mehr. Ganz sicher wird er noch oft genug von den friedensbewegten Medienfreunden dazu befragt werden. Ein Fall für die Neuropsychologie, würde ich sagen. Schlimmstenfalls für einen sich nächstbietenden deutschen Preis, mit einem gut ausgesuchten Laudator, wenn ihr versteht, wen ich meine.

 

Fefes JF Montag, 21. September 2009

Darauf habe ich gewartet: Dass sich einer findet, der ehrlich und nicht einmal gespielt naiv sagt, er finde das Interview mit dem Piraten-Popp in der “Jungen Freiheit” gut.
Gestern erschien genau diese Meinung im Fefes Blog:

ich fand das Interview gut und richtig, und ich fand die Antworten von Herrn Popp gut. Die Leute, die da jetzt groß heulen und zähneklappern, haben offensichtlich inhaltlich überhaupt nichts vorzubringen, die Kritik hängt einzig und alleine daran, dass das Interview der Jungen Freiheit gegeben wurde.

Sind wir jetzt soweit in diesem Lande, dass nicht mehr die Frage zählt, sondern wer sie stellt?

Auf der Gegenseite findet aber niemand etwas daran, wenn CDU-Politiker der Springer-Presse Interviews geben. Und die arbeiten mit mindestens so lenkenden Fragen und bringen am Ende nur die ihnen genehmen Auszüge.

Daher rufe ich den Heulern und Zähneknirschern mal folgendes zu: verlogenes Pack!

Da wird sich aber der Qualitätsjournalismus freuen. Warum auch nicht, denn ein Alpha-Blogger gibt hiermit zu, weder von den Neuen Rechten noch von deren Strategien je etwas gehört zu haben. Dutzende von Bücher sind über die Scharnierfunktion der JF geschrieben, alle Tricks der Redaktion wurden auseinander genommen. Die sogenannte bürgerliche Mitte schläft weiter und sieht sich vor braunen Gefahr geschützt und gewappnet.

Dann eben noch einmal kurz:
Antworten des jungen Piraten sind für sich genommen nicht schlecht, auch wenn er manch eine Provokation des erfahrenen Fragestellers eindeutiger zurückschlagen hätte können. Im Kontext der “Postille” bekommt seine Meinung eine andere Funktion, egal ob er das will oder nicht, ob er das merkt oder nicht. Es ist wie immer ein diffuses Protest gegen das System, gegen die Verfassungsdemokratie. Dafür ist die Neue Rechte da, dafür sind jahrzehntalte Methoden ausgearbeitet worden, um ohne Angst, straffrechtlich belangt zu werden, diese Inhalte weiter zu transportieren, Gift zu streuen und sich über die Sympathisanten in der bürgerlichen Mitte zu freuen.

 

Der linke Freitag Sonntag, 20. September 2009

Jakob Augstein sucht händeringend eine Nische, ein Profil für sein Ein-Mann-Projekt. Gemeint ist eine linke Boulevardzeitung, wie bekannt. Diesmal soll ein ganzes Land dem Projekt geopfert werden, und zwar Afghanistan. Die Redaktion hat einen pazifistischen Aufruf vorbereitet, der von so bedeutenden Schriftstellern wie Sarah Kuttner, Charlotte Roche, Martin Walser und gar einer Aktivistin mit dem vielversprechenden Namen Gretchen Dutschke unterzeichnet wurde. Die realpolitische Perspektive dieses Manifestes ist so dumm, dass sich einige weniger pazifistische Intellektuelle fanden, den Text zu kritisieren, insbesondere der Perlentaucher-Chef Thierry Chervel. Dieser hat zu Recht zwei Sachen kritisiert, nämlich die Verschmelzung der linken und rechten Ansichten sowie eine feige Naivität. Genauso wie in der Beurteilung der Gefahr, die von der Iran-Regierung ausgeht, wird suggeriert: Lasst uns nur still und ruhig sein, irgendwie wird es schon an uns vorbei gehen, schlimmstenfalls werden die anderen zuerst ausgerottet.

Weil dies zu wenig Zündstoff lieferte, musste Jakob Augstein sofort antworten und zwar im eigenen Medium. Daraus kann man gut sehen, dass es nicht um einen Dialog geht, sondern um – wie gesagt – die Profilierung der eigenen Plattform. Auch die Antwort ist uninteressant. Kein anderer Denker, nicht einmal der andere große Pazifist und Mitunterzeichner Roger Willemsen, hat sich zu Wort gemeldet. In Blogs kamen nur zwei Reaktionen, beide fielen vernichtend negativ aus (Blütenlese, Blogterium).

Peinlich. Diesem Unglück muss man unbedingt zu größerem Ruhm verhelfen – ich setze dieses Schreiben auch bei den FDOG – als eine gewisse Strafe :-)

 

Ferror: Deutungsschwierigkeiten Samstag, 19. September 2009

Filed under: Israel,Kunst — peet @ 11:58 Uhr
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Vor zwei Wochen kam die Nachricht durch: Zwei israelische Künstlerinnen wollten sieben palästinensische Selbstmordattentäterinnen als christliche Madonnen ausstellen (Link), was zur öffentlichen Empörung geführt habe und zur Zurücknahme dieser Bilder. Auf dem Internet-Plakat kann man einiges erahnen, auf den vorhandenen Fotos leider nur einzelne Beispiele sehen (für die größere Darstellung bitte Bilder anklicken).

Ich habe mir langsam diese Bilder angeschaut und die Empörungsreaktion in den Zeitungsartikeln und Blogs angelesen. Ich sehe in dem Fall vielmehr innerkulturelle Probleme der israelischen Gesellschaft und kann den Grund für die Empörung im deutschsprachigen Raum nicht nachvollziehen.

Galina Bleich und Liliah Check stammen aus Russland, wurden dort zu professionellen Künstlerinnen ausgebildet und Anfang der 90er nach Israel gegangen. Folgerichtig sehen sie die Tradition der Madonnendarstellung anders, sie kommen aus St.Petersburg (mit der berühmten Eremitage) und haben in ihrer klassischen Ausbildung ganz bestimmt die christliche Abendlandkunst in sich als Ausgangsposition aufgenommen. In Israel gut angekommen, sind sie nunmal unter anderem auch von den Ängsten vor Terror betroffen, eine von ihnen war auch direkte Zeugin des Sebstmordattentats. So verarbeiten sie die Terrordrohung. Sie stellen sich die (durchaus feministische oder zumindest Genderdebatte-geprägte) Frage, wie eine Frau (=eine Mutter) morden kann? Sie benennen das Problem “ferror”, “feminist terrorism”. Es ist eine befremdliche Frage und das künstlerische Mittel soll heißen “Verfremdung”. Die politische Kunst darf provozieren.

Galina Bleich, one of the artists, is unapologetic. “I don’t understand how this turned into an insult to bereaved families. We came actually to emphasize the exact opposite. The baby in Madonna’s hands is in danger. This really needs to disturb people. It isn’t just an Israeli problem, but a global one. Therefore, we chose Madonna, who is a symbol of Christianity.
“This issue came up for me after I personally experienced a trauma when I was next to a terror attack on French Hill in Jerusalem. Ever since, I couldn’t stop thinking about it. It isn’t at all a political issue, but a personal issue. We are trying to ask how a woman, who is meant to love and give birth, became a source of hatred and murder. (Link)

Die meisten Betrachter sind unfähig darin eine Kunst zu sehen und fühlen sich persönlich angegriffen. Bezeichnend, dass die meisten Reaktionen typisch männlich aussehen:
If Ms. Bleich and Ms. Check had created a picture of Mohamed Atta nailed to the cross, and put 9/11 statistics on the card showing it, would Americans have been offended? (Link)
Had those “artists” been asked to go the whole nine yards in showing what they’re up to, they would also have displayed their painting of Hitler nailed to a cross, wearing a crown of thorns and a halo around his head (Link)
Es sind also solche Bilder, die hier gemeint sind:

Keine traditionelle Kunst. Zur Debatte steht die postmoderne Mischung aus modernen (nachgemachten) Fotos und Renaissance-Madonnen, unter anderem von Raffael (übrigens aus der Eremitage-Sammlung ), Botticelli, Leonardo.

Nur zeigen Bleich und Check die Perversion der christlichen Friedensbotschaft aus der weiblichen Perspektive heraus. Im Prinzip ist hier eine zweifache Perversion gemeint: christliche Madonnen als Symbol des Friedens als islamische heilige Frauen (was es nicht gibt). Eine Provokation? Natürlich. Ist sie gelungen? Offensichtlich ja.

 

 
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