Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Schrecklicher Verdacht: Juden beschneiden ihr Männliches! Dienstag, 17. Juli 2012

Es gehört doch zu der Mentalität der Deutschen, alles zu regeln, in Paragraphen und Vorschriften. Die Aufklärung hat das begünstigt, im Positiven wie im Negativen. Jetzt wollen furchtbare Juristen das Jüdische Leben bestimmen, diesmal mit einer menschenrechtlichen Argumentation, mit Urteilen und Gesetzen. Das wäre nicht weiter schlimm, wäre es ein Hirngespinst geblieben. Aber die öffentliche Debatte hat sofort aufgezeigt, was der Kern der Sache ist, nämlich eine uralte Judenfeindlichkeit. Juristen merken das nicht und sind weiterhin auf sich stolz.

Zwei Beispiele.

Im Blog des Beck-Verlags sind Experten vom Fach unterwegs. Henning Ernst Müller von der Uni Regensburg hat zwei Postings dazu gestellt, er freut sich (Link):

Die nächsten Wochen und Monate dürften immerhin spannend sein: Selten kann man gesetzliche Regeln im Entstehungsprozess so intensiv verfolgen, selten gibt es  ist eine so große gesellschaftliche Debatte.

Er listet mögliche Paragraphen auf, argumentiert mit der “(knappen) Merheit der Bevölkerung” und hat kein Problem mit antisemitischen Kommentaren zu seinen Beiträgen. Er denkt ja nur juristisch sauber, alles andere ist für ihn irrelevant.

Da darf auch Thomas Stadler, ein Anwalt für IT-Recht etc., nicht fehlen, mit einem ebenso sehr frequentierten Posting zum selben Thema und mit ähnlichen vernünftig-gesunden aufklärerischen Auslassungen über “Die Beschneidung des Rechtsstaats”. Was Juden dazu sagen, kann nur “unsachlich” sein (Link):

Bei näherer Betrachtung zeigt sich also, dass wir hier von einem rituellen, nicht ganz unerheblichen körperlichen Eingriff reden, für den es keinen sachlich-wissenschaftlichen Grund gibt.

Jetzt kann man ruhig wieder Adorno und Horckheimer lesen und über die Dialektik der Aufklärung nachdenken. Ob die Ironie der Bundeskanzlerin über die “Komiker-Nation” hilft? Putzke-Nation anstatt Piefke-Nation?

UPDATE: Noch ein Möchte-gern-Jurist, Andreas Moser, kann nicht schweigen, weil es ihn

als Juristen schmerzt, die unsachgemäße und unfundierte Diskussion über eine Gerichtsentscheidung mitverfolgen zu müssen.

Auch er will

 in die sachliche Diskussion einsteigen.

Das kling dann so: er will keinesfalls

das medizinisch nicht notwendige Abtrennen von Körperteilen für subsumtionsfähig

halten. Na so was!

Auch ein ganz großer Philosoph wie Julian Nida-Rümelin sieht die Sache vollkommen klar (Link):

… die jetzige Situation ist ungut, weil sie für die Mediziner ja ein juristisches Risiko beinhaltet.

Anders ausgedrückt:

Die Philosophie kann sehr deutlich machen, dass die These, dass, wenn es denn religiöse, magische Komplexe gibt, dass diese dann von jeder Kritik und juridischen, also rechtlichen Kontrolle freigestellt werden müssen, unverträglich ist mit den normativen Grundlagen, wie sie zum Beispiel im Grundgesetz stehen, der Demokratie.

Ein Bremer “Pirat”, Kreisvorsitzender Bremen-Hemelingen Robert Bauer, geht, wie es sich gehört, noch weiter (Link):

Ein brutales Ritual wird aber durch die Jahrhunderte nicht legitimer.

Der Staat setzt mit den Eltern Schutzbefohlene für das Kind ein. Diese agieren in aller Regel auch zum Wohle des Kindes. Natürlich meinen sie dies auch im Falle einer Beschneidung zu tun. Nur: Sie irren.

usw. Jeder Satz ist hier eine Perle. Großes Theater!

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7 Responses to “Schrecklicher Verdacht: Juden beschneiden ihr Männliches!”

  1. Wenn Du mich vollständig zitieren würdest (oder auch nur manch andere meiner Artikel lesen würdest), würdest Du erkennen müssen, daß ich nun wirklich keinen Hauch von “uralter Judenfeindlichkeit” in mir habe oder versprühe.
    Ich habe nur darauf hingewiesen, daß ich einen Großteil der Aufregung nicht verstehe, weil der die Beschneidung vorgenommen habende Arzt freigesprochen wurde und durch das Urteil des LG Köln keinesfalls religiös motivierte Beschneidungen verboten wurden.
    Desweiteren habe ich meine – unabhängig von einer bestimmten Religion getroffene – Meinung kundgetan, daß die Religionsfreiheit nur ein Abwehrrecht gegen staatliche Eingriffe ist, nicht aber zu irreversiblen Eingriffen gegenüber Dritten (und seien dies auch die eigenen Kinder) berechtigt.

  2. Wenn der Antisemitismus-Vorwurf nicht mich treffen soll, sondern auf den vermutlichen Hintergrund der Äußerungen vieler Diskutanten abstellt, dann stimme ich Dir zu. Der Antisemitismus ist anscheinend leider nicht totzukriegen, und mit der Beschneidungsdebatte bricht er sich genauso Bann wie bei jeder U-Boot-Lieferung oder jedem Garagenbau im Westjordanland.
    Aber ich hoffe, daß ich weiterhin versuchen kann, gegen Antisemitismus vorzugehen, ohne deshalb in allen juristischen Fragen des – unabhängig vonb der Religion oder Konfession geltenden – deutschen Verfassungsrechts einer Meinung mit “der” jüdischen Religionsausübung sein zu müssen.

  3. Die Begriffswahl “furchtbare Juristen” ist eine nette Anspielung für die historisch Gebildeten, gerät aber doch in die Gefahr, Unvergleichbares gleichzusetzen.

    Was ist eigentlich ein Möchte-gern-Jurist?

  4. peet Says:

    @ Andreas at 1.
    Danke für die Präzisierung. In der Sache mit den “irreversiblen Eingriffen” kommt es leider aber auf dasselbe hinaus. Man redet aneinander vorbei, man geht von verschiedenen systemischen Positionen aus. Und die eine Seite versteht das, und die andere eben nicht. Fast wäre es so lustig wie bei der Kommunikation zwischen meinetwegen den Klingonen und den Romulanern in einer SF-Serie, wenn es nicht so traurig wäre.

  5. peet Says:

    @ Andreas at 2.
    Du musst mit ‘”der” jüdischen Religionsausübung’ keinesfalls einer Meinung sein. Es würde genügen, wenn Du tolerant wärest.

  6. peet Says:

    @ Andreas at 3.
    Das ist mein mehr oder weniger gelungener Versuch, Dich zu provozieren. Bitte um Verzeihung, wenn es Dich getroffen hat.

  7. [...] werden, der dem Ganzen noch eine juristische Autentizität verleihen soll (in etwa so, wie schon hier gezeigt wurde). [...]


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