Archiv für die Kategorie ‘Antisemitismus’

Gunther Nickel verteidigt Walser, Grass und Handke

Freitag, 5. Oktober 2007

Der verantwortungsbewusste Vertreter einer ehrwürdigen Institution - Deutscher Literaturfonds, unterstützt von der Kulturstiftung des Bundes, - trat bei der Tagung “MedienGrass” in Bremen auf. Jetzt kann man seinen Vortrag im Internet bewundern (Link).

Kritiker und die FAZ sind an allem schuld, meint er. Eigentlich wenn die FAZ dem Boden gleichgemacht wird, sollte man sich freuen. Bei der Poesie eines Gunther Nickels geht das leider nicht. Alle Welt weiß inzwischen, dass Martin Walser mit antisemitischen Motiven seit je meisterhaft arbeitet, die FAZ weiß es auch. Gunther Nickel weiß das nicht und ist seines Unwissens sicher - so als gäbe es für ihn kein Buch von Matthias N.Lorenz und keine Diskussion dazu, die einem jeden Walser-Dilletanten bekannt hätte sein müssen. Aber ein Professor für die neuere deutsche Literaturgeschichte, selbst Autor der FAZ, weiß alles besser, wie immer.

Beim Thema Grass und seine Vergangenheit geht es ihm nur um die Frage, ob es schlimm gewesen war, zur Waffen-SS zu gehören, oder doch nicht. Dabei erhebt sich die Stimme des Redners, als er auf ”den sogenannten Holocaust” zu sprechen kommt. Wozu ein “Geständnis”,

wenn die Waffen-SS doch in der Zeit, in der Grass ihr angehörte, gar keine Elitekampftruppe mehr war und er sich keiner Verbrechen schuldig gemacht hat?

Zum Schluss des Abschnitts stellt sich Gunther Nickel einer Gretchenfrage und weiß nicht weiter:

Warum Grass freilich selbst aus seiner Waffen-SS-Mitgliedschaft ein schwer auf ihm lastendendes Geheimnis seines Lebens gemacht hat, das nun endlich „raus müsse“, ist das eigentliche Rätsel dieses Skandals.

Diese Frage wird sofort vergessen, denn wo es keine Antwort gibt, sind alle leicht vergesslich. Gleich springt der Autor zu Handke, der ja schon gesagt hat, dass er unschuldig sei. Und keine Meinung zu Milosevic habe. Er sage und tue doch gar nichts. Was will man mehr?

Fazit: Alle drei sind “Opfer von Kampagnen”. Es gibt nur eine Beruhigung:

Eine Feuilletonrundschau wie sie perlentaucher.de im Internet täglich kostenlos anbietet, leistet zum Glück kompensatorisch, was eine Zeitung wie die FAZ in ihren Kampagnen verweigert.

So kann man dem Perlentaucher und noch mehr dem Titel-Magazin zur erfolgreichen Popularisierung eines nächsten Sturms im Grass Walser gratulieren.

UPDATE: Wie ich gerade feststelle, hat die FAZ schon am 2.10.2008 den armen Kämpfer in ihrer üblichen Manier von oben herab geputzt (Link).

Alan Dershowitz versus Norman Finkelstein

Sonntag, 24. Juni 2007

Der wortgewaltige Kampf Dershowitz’ gegen Finkelstein ist nach der neuesten Niederlage des letzteren (Link) zu einem lesenswerten Internetauftritt des ersten geführt. Der englische “Guardian” ließ Dershowitz in dem für seine Begriffe kurzen Text seine pointierte vernichtende Kritik noch einmal ausformulieren (Link) samt berühmter Zitate, die die antisemitische Einstellung Finkelsteins belegen.

Sehr beeindruckend ist die daraufhin entstandene Diskussion zwischen den Lesern, die von der Redaktion schon am zweiten Tag beendet wurde, trotz der Regel, verbale Ausschweifungen drei Tage zuzulassen, - weil so viele antisemitische Wortmeldungen erschienen waren oder weil sie sehr schnell als solche entlarvt worden sind? Viele Teilnehmer beziehen sich auf eine berühmte Diskussion aus dem Jahr 2003 zwischen den beiden Helden (Transkription: Link, Video: Link, Link, Vorsicht: unverhohlen antisemitische Kommentare) und versuchen sie unterschiedlich zu interpretieren, die meisten leider falsch. Zum Beispiel: Finkelstein findet heraus, dass Dershowitz eine Zahl falsch zitiert hat - 2000 bis 3000 Palästinenser seien 1948/49 auf der Flucht gewesen. Dershowitz ist irritiert und stellt fest, das sei ein Druckfehler, der nur noch einmal seine Position untermauere, gemeint sind 200 000 bis 300 000 Flüchtlinge. Finkelstein und seine Fans sind unerbittlich und wollen es nicht einmal verstehen, dass sie sich damit erst einen Bärendienst erweisen, wenn sie Dershowitz auf diese plumpe Weise angreifen und nichts inhaltlich anbieten können. Kein einziger Leser merkt dabei, dass sich Finkelstein dabei als Prof ausgibt. :-)

Für die ungeduldigen Lesern meines Blogs verlinke ich hier die aus meiner Sicht besonders gelungenen inhaltsbezogenen Beiträge dieser Diskussion:

(Link, Link) von Torontoguy

(Link, Link) von GrandOldMan

Finkelstein wurde DePault

Sonntag, 17. Juni 2007

Die Geschichte um die professoralen Träume Norman Finkelsteins, Liebling heutiger Antisemiten weltweit, ist zu einem vorläufig guten Ende gekommen: Er ist raus aus dem Spiel, das heißt die DePaul-Universität in Chicago ist an ihm nicht weiter interessiert. Der Anfang dieser Bataille wurde in diesem Blog vorgestellt (Link).

Wie immer, soll hier kurz auch die Reaktion der deutschen Medien begutachtet werden. In der einzigen Zeitung fand die Misere ein Nachspiel - Christoph von Marschall hat für den “Tagesspiegel” die Story in eine seltsame Verpackung gebracht (Link). Das Wort “israelkritisch” ist bei ihm deutlich ein Euphemismus für “antisemitisch”. Finkelstein scheint ein unschuldiges Lamm zu sein, die jüdische Weltverschwörung droht aus allen Ecken zu strömen. Ansonsten seien das alles nur Reibereien unter “jüdischen Intellektuellen”, nicht weiter schlimm. Beim Thema Tony Judt war ein Beitrag von demselben Journalisten ausgewogener (Link). Warum jetzt voll aus den Rudern?

Die positive Darstellung entdecken wir bei heplev (Link), der auch bei PI (Link) darüber mit Zitaten gut informiert. Da bei dem PI keine Zensur der Kommentare stattfindet, können sich auch Antisemiten da günstig austoben, was bei einem solchen Anlass kein Wunder ist. Insbesondere Nr.8 ist für eine Sammlung antisemitischer Sprüche druckreif:

Wie Ihr seht, ich kritisiere in der Sache, von Anti- oder Philo-Semitismus keine Spur. (Ob das von Euch akzeptiert wird?).

Ach ja, die Einordnung des Holocaust: Als eines der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte, das ein gutes Beispiel von mehreren als Mahnung für alle Menschen ist, wohin es kommen kann, wenn man sich ideologisch vergaloppiert.

Noch weiter geht politblog.net selbstverständlich (Link). Diesen letzten verlinke ich in diesem Fall ausnahmsweise, empfehle allerdings, nach der Lektüre die Hände zu waschen.

Ich erwarte weitere Beschimpfungen seitens LanceThruster & Co im Namen des “international bekannten Politologen” (Marschall). :-)

Wer ist am Bruderkrieg schuldig?

Donnerstag, 14. Juni 2007

Was das, was sich zwischen der Fatah und der Hamas abspielt, auch immer ist, ein Bürgerkrieg ist es nicht, ein Bruderkrieg noch weniger. Das stört deutsche Medien nicht. Langsam kommen die ersten makabren Sprüche in Gang. Denn auf keinen Fall will man zulassen, dass die Palästinenser eine Verantwortung für die eigene Geschichte übernehmen.

Die ersten zwei Beispiele finden sich bei Claudio Casula (Link) und Ingo Way (Link). Hier kommen noch zwei. Einmal der plauderige Tony Judt (im Interview an “Die Presse”):

Ist es Israels Schuld, dass Fatah und Hamas in Gaza jetzt aufeinander schießen?

Judt: Auch jetzt verhalten sich die Palästinenser als Opfer. Weil sie gegen das starke Israel keine Chance haben, bekämpfen Sie einander.

Judts ”Logik” wird eher in die Geschichte eingehen als seine Folianten. Ich darf in diesem Zusammenhang auf zahlreiche Judt-Einträge von mir hinweisen (Link).

Und noch “besser” geht es bei der Süddeutschen Zeitung, die heute auf ihrem Israel-Pferdchen gar achtmal reitet! Am deutlichsten zeigt sich die Redaktion bei dem Titel eines Artikels von Thorsten Schmitz (Link):

Der aufgezwungene Bruderkampf 

Der Text des Artikels gibt keine Veranlassung zu diesem hervorragenden Titel. Im Netz steht der Anfang allerdings nicht:

Der Kampf zwischen den palästinensischen Gruppen Hamas und Fatah wird zunehmend brutaler. Die Autonomiebehörde ist praktisch nicht mehr existent. Die Israelis verschärfen die Lage dadurch, dass sie Grenzübergänge geschlossen haben. Die Versorgung der Bevölkerung ist deshalb kaum noch möglich. Eine Hungersnot steht bevor.

Noch gedankenreicher schreibt Rudolph Chimelli:

Die Amerikaner [...] haben einen wesentlichen Anteil am Entstehen des Konflikts.

Usw. Die Propagandamaschine arbeitet.

Charim und Judt

Sonntag, 10. Juni 2007

Isolde Charim und Tony Judt trafen sich auf den Seiten der Wiener Zeitung “Standard” (Link). Das ist eine Augenweide für viele Leser, die fieberhaft nach Treffern googeln: Verrückterweise sind die beiden Namen in den letzten Wochen ein Renner.

Wie auch immer, wird Judt von Charim interviewt. Das geschieht so verständnisvoll, dass es fast nach einem Opernduett aussieht. Die schönsten Stellen:

Charim: Sie werden in den nächsten Tagen in Wien einen Vortrag halten. Fürchten Sie nicht, dieser könnte „delikat“ verhindert werden, wie in New York, als ihr mittlerweile legendäres Israel-Referat in letzter Minute abgesagt wurde?

Tony Judt: Nein, denn dies hatte spezifisch amerikanische Gründe. In den USA ist – nicht zuletzt durch die Israel-Lobby – alles, was Israel anlangt, so sensibel und kompliziert, dass es nahezu unmöglich ist, dieses Thema in die öffentliche Arena zu bringen, ohne einen hohen Grad an Unbehagen zu erzeugen.

Die Frage geht von einer unwahren Prämisse aus, die Antwort bedient sich dankbar der Vorlage. Die Wahrheit wurde aber oft genug erzählt (Link).

Charim: Muss sich die Diaspora durch das Verhältnis zu einem Territorium, in dem Fall Israel, definieren?

Judt: Ja, das ist ein interessantes Paradoxon. Amerikanische Juden sprechen nicht Jiddisch, sie sprechen nicht Hebräisch, sie gehen nicht in die Synagoge, sie sind völlig amerikanisch. Ihr Judentum bestimmt sich durch zwei Momente: Durch eine Identität im Raum, das ist die Identifizierung mit Israel, selbst für jene, die niemals dort waren. Und durch eine Identität in der Zeit, eine Identifizierung mit Auschwitz. Jude sein in Amerika bedeutet, Auschwitz erinnern und Israel unterstützen, weil Israel der beste Schutz vor einem neuen Holocaust ist.  

Territorium - was für ein schönes Wort, sehr gute Arbeit. Amerikanische Juden hat Judt auch nicht schlecht beschrieben, mit einer sehr großen Liebe zur Wahrheit, zum Raum und zur Zeit. Zwei Philosophen unter sich. Leere Synagogen in Amerika, LOL. Ein Lied, zum Vergleich (Link).

Judt: [...] wir können nicht so weitermachen, dass Juden, auch wenn sie österreichische, französische, schwedische oder australische Staatsbürger sind, sich in besonderer Weise mit Israel identifizieren. Denn das bedeutet, dass sie auch mit Israel identifiziert werden, wenn Israel Dinge tut, die antiisraelische, antijüdische Gefühle hervorrufen. Auf gewisse Weise produziert die Diaspora den Antisemitismus – durch ihre Weigerung, eine Differenz zwischen sich und den unabhängigen Staat Israel zu machen. Wir müssen eine Wahl gegen solch eine negative Diaspora treffen. Das bedeutet, dass Juden in Amerika, in England oder in Österreich einen Weg finden müssen, Jude zu sein und Österreicher. Die liberale Geschichte der Diaspora muss eine der Integration sein. Da gibt es keinen dritten Weg. 

Herrlich. Die Juden “produzieren” den Antisemitismus. Die sind “negativ”, o weh. Judt weiß aber die Lösung, die einzig wahre, wie immer.

Charim: In Ihrem Buch „Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart”, für das sie den Kreisky-Preis erhalten, schreiben sie, dass die Erinnerung an die Shoah die Humanität des heutigen Europas garantiert. An Israel kritisieren Sie aber genau dieses Erinnern.

Judt: Sie haben völlig Recht. Willkommen in der Komplexität des Lebens. In Frankreich, Österreich oder Polen ist das Erinnern an die Ereignisse des 2. Weltkriegs absolut zentral für die Identität Europas. Und wenn es nicht mehr erinnert werden kann, muss es gelehrt werden. Es ist das Kernstück unserer kollektiven Identität. Aber in Israel ist dieses Erinnern pervertiert. In Israel ist es das wesentliche pädagogische Werkzeug, das Israelis lehrt, sie seien immer Opfer, das Loyalität mit Israel erzeugt – kurz, es ist das, was Israel daran hindert, ein normaler Staat zu werden.

Mit anderen Worten: Sie denken unlogisch, Sie sind doppelzüngig. - Nein, das ist nur komplex. - Aaah, das stimmt.

Und am Ende, wieder “kein normaler Staat” usw.

Zu alledem gibt es noch eine spannende Diskussion zwischen den Lesern unter demselben Link: Sehr viele durchschauen Judt und seine Gastgeberin im Nu und sind ziemlich zielsicher in ihren Kommentaren.

Nebenbei antisemitisch

Donnerstag, 24. Mai 2007

Zwei kleine Beispiele, an sich alltägliche Lektüre. Nur passen sie irgendwie gut zusammen.

In der heutigen “Süddeutschen” belehrt Sonja Zekri einen alten Mann (Link). Sie hat Ralph Giordano bei der übertrieben harten negativen Einstellung hinsichtlich der geplanten Moschee in Köln erwischt, jawohl. Nur ist das zu wenig für die Zeitung, da muss man doch auch Juden ins Spiel bringen, sonst ist das tägliche Pensum nicht erfüllt. Das geht so:

Der deutsche Antisemitismus steht singulär in der Tradition eines biologistischen Judenhasses, der im Mord an sechs Millionen Juden kulminierte.

Der muslimische Judenhass ist dagegen ohne die Krisen im Nahen Osten undenkbar. 

Dieser Plural und die Gegenwartsform des Satzes sind eine hohe Kunst. Das muss man können!

Viel plumper ist das Beispiel aus dem “Titel-magazin”, erschaffen von Christoph Pollmann (Link). Eine große antisemitische Welle begleitet den Rücktritt des Weltbankschefs Paul Wolfowitz. Da kann ein Literat nicht schweigen:

Dieses Gesicht und dieser Name – als hätte sich das ein angetrunkener Komödienschreiber ausgedacht! Und dazu diese schmierige BRISK-Haartolle [...] Gekrönt wird das Ganze von einer Nase, die glatt die hirnweiche NPD-Politelite auf die Idee bringen könnte, Rassenkunde wieder als Pflichtfach an Hauptschulen einzuführen.

Das ist einerseits viel zu offensichtlich braun, andererseits meckert doch so gut wie keiner (nur David Harnasch). Na, Christoph, hast du schon probiert, “schmierige” Nasen und “Annäherungsversuche” für die SZ zu belächeln?

Norman Finkelstein will Prof werden

Sonntag, 15. April 2007

Der Lieblingsgast von Sabine Christiansen ist nämlich noch kein Professor - ach, was für ein Problem. Wie auch immer, baut sich eine große Protestwelle dagegen auf, die von Alan Dershowitz angeleitet wird (Link). Einen ausführlichen Bericht über den aktuellen Stand der Dinge hat Jennifer Howard geschrieben (von einigen Bloggern zitiert, wie z.B. hier).

Jetzt werden Unterschriften online gesammelt, als ob es von Bedeutung wäre. Pro Finkelstein sind zur Stunde schon 3930 Unterschriften, contra Finkelstein - 2504. Die Sinnlosigkeit des Unternehmens (darf ich auf Links zu beiden verzichten?) kann mit einem Beispiel gut belegt werden. Zwischen den Unterschriften gegen die Berufung Finkelsteins findet sich unter der Nummer 2494 ein seit Jahren im amerikanischen Internet wütender Antisemit. Dieser LanceThruster stellt seine Unterschrift also gegen Finkelstein und schreibt dazu:

Viva Dr. Finkelstein! He is certainly one of the great truth-tellers of our time. 

Das will heißen, der Typ ist so blöd, dass er dagegen auftritt, obwohl er dafür meint. Sein “schönster” Auftritt (darunter auch die fulminante Entlarvung samt seinem realen Namen) ist in einem englischsprachigen Forum aus dem Jahr 2005 zu bewundern (Link). Wirklich exemplarisch! Sein anderer Spruch ist selbstredend (Link):

Hamas and Hezbollah are legitimate resistance movements as per international law. As an atheist, I sincerely wish them godspeed.

Das ist Finkelsteins Brut, wie er sie sich wünscht und verdient.

Drei alte Juden

Montag, 26. März 2007

Fast am selben Tag sind drei Interviews erschienen, in welchen ich den Bezug zu einem immer wiederkehrenden Thema erkenne, und alle drei betrachten die Lage anders. Wer von ihnen hat Recht? Alle drei?

Isaak Behar, dem die Polizeischule in Berlin für die Gespräche auf eine merkwürdige Weise dankte, sagte Folgendes (Link):

Wie schätzen Sie die Gefahr des Rechtsextremismus heute ein? Wird genug dagegen getan?


Nein, es ist eine Minute nach zwölf. Man hat es lange Zeit nicht ernst genommen, und es hat sich hochgeschaukelt, mit dem Ergebnis, daß die Rechtsextremen heute in der Mitte der Gesellschaft sind, in Parlamenten vertreten sind und an manchen Orten zehn Prozent der Wählerstimmen erhalten. Sie sind auch brutaler geworden; sie begnügen sich nicht mehr damit, Friedhöfe zu schänden und Hakenkreuze an Fassaden zu malen.

Wie geht man nach Ihren Erfahrungen am besten dagegen vor?

Wenn ich das wüßte. Ich kann Ihnen nur eins sagen: Den Antisemitismus und die Fremdenfeindlichkeit zu bekämpfen ist eine Kollektivaufgabe. Jeder einzelne Bürger ist aufgerufen zu erkennen, daß der Mensch, der neben ihm steht, ein Mensch ist – egal, welche Hautfarbe er hat, ob er rechts oder links wählt, ob er diese oder jene Religion für sich in Anspruch nimmt, welcher ethnischen Herkunft er ist. Der Mensch als solcher verdient Respekt –Existenzrespekt.
Interview: Sebastian Wessels 

Charlotte Knobloch, die neulich durch ihren Vergleich der aktuellen Situation mit der Zeit “vor 1933″ überraschte, musste sich wieder positionieren (Link):

Sie haben im Herbst letzten Jahres für Schlagzeilen gesorgt, als Sie äußerten, vieles was Juden jetzt erleben, erinnere Sie an die Zeit ab 1933. Für diesen Vergleich gab es nicht wenig Kritik, halten Sie ihn dennoch aufrecht?

Selbstverständlich, leider. Ich wäre gerne von etwas anderem überzeugt. Aber ich habe die Zeit damals miterlebt, ich kenne die Situation und weiß viel über Dinge, die Gemeindemitglieder heute erleben. Hoffen wir nicht, dass wir noch solche Erlebnisse besprechen müssen, die ich als Kind erlebt habe.

Das sind seismographisch wichtige Alarmmeldungen, die Sie geben. Haben Sie den Eindruck, die Gesellschaft nimmt das auch ernst genug - oder überhaupt wahr?

Ich bin sehr optimistisch, dass die Mehrheit in unserer Gesellschaft mit mir einverstanden ist.
[Von Holger Kulick] 

Yitzhak Ehrenberg, einer der angesehensten Rabbiner Deutschlands, wurde von Jens Anker zu seiner Meinung befragt (Link):

In den vergangenen Wochen gab es auch in Berlin neue antisemitische Anfeindungen und Übergriffe. Nimmt der Antisemitismus in Deutschland zu?

Das kann ich nicht sagen. Ich finde es jedenfalls schade. Das sind Menschen, die mit sich selbst unzufrieden sind. Wer mit sich selbst zufrieden ist, respektiert auch andere Menschen. Ich fühle mich in Deutschland aber sicher. Natürlich, der Antisemitismus ist da, und man muss ihn mit allen Mitteln bekämpfen.

Wie kann das geschehen?

Das muss schon in der Kita und den Schulen anfangen, in denen mehr Wert auf Toleranz und Respekt gelegt werden muss. Neulich hatte ich ein ganz anderes Erlebnis. Ich bin mit der S-Bahn gefahren und neben mir saß ein junger Mann, der nervös wurde, als er mich sah. Nach einer Weile stand er auf, kam zu mir und sagte: Ich möchte mich im Namen des deutschen Volkes für die Taten bei Ihnen entschuldigen. Auch so etwas erlebt man.

vox populi II

Montag, 19. März 2007

Wie vorausgesagt, in den Zeitungen erscheinen weitere antisemitische Leserbriefe. Der Trigger - Publikationen über die Äusserungen der Bischöfe - arbeitet reibungslos. Gestern also zwei Stück (der zweite ist besonders hübsch) - im “Tagesspiegel” (Link):

Moralisch versagt

Berichterstattung über kritische Äußerungen deutscher Bischöfe in Israel

Ob man die Äußerungen der katholischen Bischöfe zu Israels Palästinapolitik unpassend, undiplomatisch oder als persönliche Meinung gerechtfertigt findet, mag jeder selbst entscheiden. Die Äußerung des Generalsekretärs vom Zentralrat der Juden ließ mich jedoch aufhorchen. Er sagt: „Die Nachfahren von Holocaust-Opfern zu Tätern zu machen, ist nicht akzeptabel.“ – Warum kann ein Opfer nicht zum Täter werden? Haben die Nachfahren von Holocaust-Opfern einen Freibrief für ihr gegenwärtiges Tun? Ein friedensbewegter Israeli sagte mir im Jahr 2000, er schäme sich für seine Landsleute, weil aus dem Volk der Opfer nun ein Volk der Täter geworden sei.– Es ist gut, dass es gelegentlich auch diese Sicht gibt!

Claudia Metzner, Berlin-Zehlendorf

Wann werden es die Israelis und Juden lernen, dass wir Deutschen ein Recht auf freie Meinungsäußerung haben, ohne dass immer und immer wieder ein Bezug auf die Vergangenheit genommen wird? Wann werden sie endlich registrieren, dass wir es satt haben, immer wieder an den Holocaust erinnert zu werden? Wann werden sie erkennen, dass die ständige Erinnerung an das Vergangene dazu führt, dass man es nicht mehr wahrhaben will? Die kritischen Äußerungen der deutschen Bischöfe bei ihrem Besuch im Heiligen Land sind doch nur die Reflektionen der unmittelbaren Erlebnisse von Menschen, denen man wohl eine objektive Betrachtungsweise zugestehen sollte. Wenn Schimon Stein diese nun ins Abseits stellt und ihnen unterstellt, sie hätten alles vergessen, nichts gelernt und moralisch versagt, so ist das mehr als ein Affront gegenüber den Bischöfen, es ist eine glatte Unverschämtheit. Wenn dann auch noch der Zentralrats-Vizepräsident Graumann von Antisemitismus spricht, ist das Maß voll. Ich frage mich, warum wir uns das immer wieder gefallen lassen müssen, ohne dass sich einmal Gegenstimmen erheben. Ist irgendwann einmal der Punkt erreicht, wo wir die Dinge ohne Berücksichtigung der besonderen Belange der Juden betrachten können? Die Zeit ist reif dafür, es gibt auf dieser Welt andere Probleme, Israel hat ein gerüttelt Maß an Anteil daran und sollte dafür sorgen, das in seinem Bereich diese Probleme gelöst werden, bevor es immer wieder andere anklagt oder beschuldigt.

Gerhard Roscher, Berlin-Lichterfelde 
 

dpa dir deine Meinung

Sonntag, 18. März 2007

Fast zeitgleich stellte die dpa zwei “Analysen” online zur Verfügung - beide bewerten die Lage nach der Vereidigung der “elften” palästinensischen Regierung. Zeitungsredaktionen dürfen sich die passende Analyse aussuchen. Unterschiede sind minimal, fast nur im unterschwelligen Ton. Bewundernswert, dass die Zeitungen sofort erkannt haben, welcher der Texte für sie besser passt. Sicherheitshalber kopiere ich beide Texte hier hinein. Der Leser darf raten, welcher der Texte also häufiger erscheint. :-)

Analyse: Ohne Kurswechsel der Hamas droht neue Nahost-Eiszeit - Tel Aviv (dpa)

Nach dem blutigen Machtkampf der rivalisierenden Parteien Hamas und Fatah knüpfen die Palästinenser jetzt große Hoffnungen an die neue Einheitsregierung. In Israel gilt die von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas vereinbarte Koalition mit der Hamas dagegen als Sieg von Islamisten.

Auf dem Weg hin zu einer Friedenslösung wird das Bündnis als Rückschritt bezeichnet. So könnte dem Durchbruch bei den Palästinenser nun umgehend eine neue politische Eiszeit folgen.

Der israelische Regierungssprecher Mark Regev sagte, in den Leitlinien der

Ohne Kurswechsel der Hamas droht neue Nahost-Eiszeit
Fröhliche Schneeballschlacht zwischen palästinensischen Sicherheitsleuten: Im Konflikt zwischen Israel und Palästinensern droht aber möglicherweise eine neue politische Eiszeit.

palästinensischen Regierung werde «keine der internationalen Forderungen» erfüllt. Er kündigte an, es werde keine Zusammenarbeit mit der Einheitsregieung geben. Israel will verhindern, dass einige europäische Staaten den Boykott der Hamas auch ohne eine ausdrückliche Anerkennung des Existenzrechtes Israels aufheben könnten.

Denn eine direkte Anerkennung findet sich in dem Programm nicht. Die palästinensische Regierung kündigt in ihren Leitlinien aber an, internationale Resolutionen und die von der PLO unterzeichneten Friedensverträge respektieren und die Waffenruhe mit Israel ausbauen zu wollen. Zugleich beharrt die Einheitsregierung aber auf dem Widerstand gegen die israelische Besatzung.

«In Israel wird gefordert, dass (Regierungschef) Hanija öffentlich auf die Knie fällt und sagt, wir akzeptieren Israel. Das wird nie passieren. Aber Abu Masen (Präsident Abbas) ist es gelungen, die Hamas in eine politische Übereinkunft einzubinden, bei der sie frühere politische Abkommen mit Israel akzeptiert. Das ist eine schrittweise Anerkennung», sagt dazu ein palästinensischer politischer Beobachter in Gaza.

Mit Spannung wird erwartet, ob das Ausland die palästinensische Einheitsregierung akzeptiert. Aus Europa sind zunächst abwartende Stimmen zu hören. Frankreich hat eine Einheitsregierung früh als Schritt in die richtige Richtung bezeichnet. Unter den Vermittlerstaaten hat sich bisher nur Russland für ein Ende der Blockade-Politik gegen die Palästinenserregierung ausgesprochen.

«Die Führer der Fatah hatten nur die Wahl zwischen Kämpfen oder einem Kompromiss mit der Hamas. Fatah hat den Kompromiss gewählt», was Hamas-Sicht einen Sieg bedeute, sagte der palästinensische Politik-Professor Naschat Aktasch in Ramallah. Muhannad Abdel Hamid, ein im Westjordanland lebender politischer Experte, ist skeptisch. Die pragmatischen Töne der Hamas seien nur taktisch begründet. «Hamas steht da, wo die PLO 1974 war», sagt er. «Wir haben die Uhr 30 Jahre zurückgedreht, anstatt nach vorn zu gehen.» 

Analyse: Israel fürchtet Zusammenbruch des Hamas-Boykotts - Tel Aviv (dpa)

Nach dem Amtsantritt der Einheitsregierung von Hamas und Fatah fürchtet Israel nun den völligen Zusammenbruch des internationalen Boykotts gegen die Palästinenser.

«Die diplomatischen Bemühungen Israels sind gescheitert», urteilte die auflagenstärkste Zeitung «Jediot Achronot» am Sonntag bereits. «Der Boykott der Palästinenser ist zu Ende.»

Dabei hatte die deutsche EU-Ratspräsidentschaft die Vereidigung der neuen Regierung zwar begrüßt, jedoch betont, die EU-Hilfe für die Palästinenser werde auf direkte Zahlungen für soziale

Israel fürchtet Zusammenbruch des Hamas-Boykotts
Fürchtet den Zusammenbruch des internationalen Boykotts gegen die Palästinenserregierung: Israels Außenministerin Liwni.

Projekte beschränkt bleiben. Eine Zusammenarbeit sei erst möglich, wenn die neue Regierung ein Programm verabschiede, das die Grundsätze des so genannten Nahost-Quartetts - neben der EU die UN, Russland und die USA - widerspiegele.

Doch Israel, das nur mit Abbas Kontakte aufrechterhalten will, sieht seine Felle davonschwimmen. Neben Frankreich und Russland will auch Norwegen wieder direkte Kontakte mit der neuen Palästinenserregierung aufnehmen. Nur die USA zeigten sich offen «enttäuscht» von der neuen Regierung und machten klar, sie würden keine Palästinenserregierung anerkennen, die nicht die Bedingungen des Nahost-Quartetts akzeptiere. Die israelische Außenministerin Zipi Liwni telefonierte nach Medienberichten am Wochenende mit EU-Außenministern, darunter Frank-Walter Steinmeier, um für die israelische Position zu werben.

Das Quartett verlangt von den Palästinensern eine Abkehr von der Gewalt sowie eine Anerkennung des Staates Israel und der unterzeichneten Verträge. Dies lehnt die neue Palästinenserregierung von Präsident Mahmud Abbas (Fatah) und Ministerpräsident Ismail Hanija (Hamas) jedoch weiter ab.

Der neue palästinensische Außenminister Siad Abu Amir warf Israel am Sonntag vor, es verbeiße sich in der Anerkennungsfrage in Semantik und verpasse möglicherweise eine Chance für einen Neubeginn in Nahost. Ebenfalls am Sonntag stimmte die Regierung in Jerusalem offiziell gegen eine Anerkennung des neuen Kabinetts von Hanija.

Eine Aufhebung des internationalen Boykotts wäre nach Ansicht des israelischen Strategieexperten Professor Uzi Arad «ein sehr bedeutsamer Erfolg» für Hamas. Seit dem Wahlsieg vor mehr als einem Jahr habe die radikale Organisation «immer mehr militärische Macht aufgebaut, ihre Kontrolle auf der Straße verstärkt». Nun ernte die Bewegung «politische und internationale Erfolge, ohne dass sie ihre politische Linie ändern müsste».

Ein Kommentator der israelischen Zeitung «Haaretz» sah die palästinensische Regierungsbildung als «Begräbniszeremonie» für die Fatah-Organisation. Indem sie das Bündnis mit der rivalisierenden Hamas eingegangen sei, habe Fatah alle Chancen verspielt, «eine angemessene politische und kulturelle Alternative zu Hamas darzustellen».

«Die Mauern der Isolation und der Blockade gegen uns beginnen zu bröckeln, und Israel muss ein unbequemes und unangenehmes Gefühl verspüren», triumphierte der palästinensische Außenminister Amir im Gespräch mit dem israelischen Online-Dienst «ynet». Israel beharre nur auf der Anerkennungsforderung, um eine Wiederaufnahme des Friedensprozesses zu verhindern, meinte er.

Die elfte Regierung

Sonntag, 18. März 2007

Das Programm der neuen palästinensischen Regierung ist in der englichen Übersetzung zu lesen (Link). Mit den Kommentaren von Ulrich W. Sahm (hier und hier) kann man diesen Text ganz gut verstehen.

Es ist eine klare Gewichtsverteilung: Die Wirtschaft steht auf dem Platz 6. “Märtyrer” sind wichtiger. Die EU - der beste Freund. Von den bekannten Forderungen des Nahostquartetts ist nur die eine formal erfüllt worden, mit der Formel “respect the international legitimacy resolutions and the agreements that were signed by the PLO”. Die Orwellsche Sprache ist in jedem Satz zu bewundern, in ihrer Widersprüchlichkeit, Unlogik und Selbstbeweihräucherung. Ach, wie schön.

Auch Ilan Pappe wird vorgestellt

Samstag, 17. März 2007

In derselben “Washington Post” beschreibt derselbe Scott Wilson auch den weniger interessanten und grob politisierenden Historiker Ilan Pappe (Link). Leider nicht so gut gelungen, zu wenig Aussagen über ihn, zu viel von ihm selbst, somit eher eindimensional. Seine Sebsteinschätzung ist manchmal niedlich:

“The debate [über sein Buch] that year prepared the way for the big battle — the second intifada,” Pappe says. “I looked around and I was alone.”

Seine Einseitigkeit spiegelt sich auch in den Kommentaren - diesmal ausschließlich antizionistisch.

Bezeichnend scheint mir der Unterschied zu Benny Morris (Link) in der Behandlung der Karriere:

He has accepted a post at the University of Exeter in England and will move there later this year.

Ich gehe davon aus, dass Pappe tatasächlich nach England geht. :-) 

Noch mehr Pappe gibt es in diesem Blog auch (Link).