Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Wozu sind die Aggregatoren gut? Montag, 6. August 2012

Über die Einführung eines neuen Onlinedienstes bei der Süddeutschen Zeitung erzählte heute dessen Chefredakteur Stefan Plöchinger im Interview beim onlinejournalismus.de. Es ging über Aggregatoren und das Ding heißt:

Facebook-Twitter-Presseschau. Leser empfehlen auf…

Aus meiner Sicht werden hier Begriffe ausgetauscht. Einerseits spricht Plöchinger über

besonders oft exklusive oder publizistisch herausragende Geschichten

andererseits werden durch die Klickzahlen bzw. Twitter oder/und Facebook-Verlinkungen weniger Qualitätszeichen verliehen, sondern viel mehr die Aufmerksamkeit gespiegelt, die entsprechende Beiträge, Fotos, Videos erreichen. Meist sind es die anderen Eigenschaften, die dazu führen.

Möchte ich sehen, was die anderen lesen, anklicken, weiterempfehlen? Oder suche ich nach relevanten Nachrichten und ideenreichen Aussagen? Ist das bei der Süddeutschen dasselbe? Wenn Plöchinger das Resultat

unsere Presseschau

nennt, dann ist das für meinen Geschmack noch einmal mehr irreführend. Eine Presseschau finde ich eher beim Perlentaucher. Aggregatoren als einen Dienst betrachtet Plöchinger eher negativ:

Vielleicht baut ihn niemand, weil ihn zu wenige wirklich brauchen?

Er kennt sie offensichtlich auch nicht alle:

Reine Aggregatoren sind eher Nische, abgesehen mal von Google News.

Google News sind wirklich nicht schlecht, auch wenn der Dienst ziemlich umständlich zu bedienen ist. Ich kann gerne ergänzen. Aktuell das Beste findet sich bei Popurls, auch wenn das gewöhnungsbedürftig ist. Newsmap ist unterhaltsam und gut konfigurierbar, nutzbar ist auch DailySource. Weniger ausgegoren sind Buzzrank (zu wenig Relevanz bei 700 Nachrichtengeber), Virato (technische Ungereitheimheiten und nur 5000 Quellen), msnNOW (eher in die Richtung wie die Süddeutsche die Sache versteht, nämlich wer was angeklickt hat). Noch zu wenig habe ich Congoo und News Republic ausprobiert. Aber mit Rivva kann man gut leben, auch wenn der Dienst die Kurzlebigkeit und die Enge der deutschen Blogosphäre spiegelt. Das ist ja nur ein Spiegel, wozu meckern… Viele Dienste sind entstanden und wieder verschwunden. Eigene Nachrichtenansammlungen muss man sich selbst immer noch suchen, eher bei Feeds zusammenbasteln, wie auch in diesem Blog. Das Angebot der SZ ist ein erzwungener Schritt in dem Konkurrenzkampf, aber noch zu wenig hilfreich. Die Bedienung ist nicht bequem, die Übersichtlichkeit nicht von vornerein gegeben, im Vergleich zu Rivva zu anonym. Also noch einmal, was suchen wir, die Klickzahlen oder die Relevanz?

UPDATE: Die weitere Kritik ist noch beim Deutschlandradio zu lesen.

 

Welcher online-Übersetzer ist besser? Sonntag, 29. Juli 2012

Filed under: Blogging,Umfragen — peet @ 23:12 Uhr
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Es sind schon mehr als 500 Postings und mehr als 140.000 Lesungen aufgezählt. Aus diesem Anlass und nicht nur zur allerseitigen Unterhaltung folgt hier eine Umfrage.

Das Thema ist durchaus aktuell und wird uns alle noch sehr lange beschäftigen. Mit welchem translator online werden wir besser bedient?

Google     PROMT     Bing     Babylon     WorldLingo

Mehr habe ich nicht gefunden. Und nicht vergessen, Babel Fish wurde 2012 eingestellt.

 

Die Beschneidungsdebatte stört den gesellschaftlichen Frieden Mittwoch, 25. Juli 2012

Holm Putzke darf für sich die zweifelhafte Ehre in Anspruch nehmen, die Debatte über die Beschneidung maßgeblich zu befeuern. Mit dem Auftritt bei “Anne Will” und jetzt wieder mit dem Interview für den “Tagesspiegel” stellt er dies erfolgreich unter Beweis:

Hier definieren die Religionsgemeinschaften, was identitätsstiftend ist. Das allein kann nicht der Maßstab sein. Religionsgemeinschaften stehen ja nicht über dem Recht.

[...] Ich wünsche mir, dass wir differenziert diskutieren und nicht unter der Drohung, dass jüdisches Leben hier nicht mehr stattfinden kann.

[...] An den Genitalien von kleinen Kindern hat niemand etwas verloren.

Der antisemitische Duktus seiner rhetorischen Übungen ist sogar Patrick Bahners aufgefallen. Das soll etwas heißen! Zum Glück gibt es auch andere Meinungen. Schon Ende Juni positionierte sich Hans Michael Heinig (Link):

Liest man die Entscheidung des Landgerichts Köln, verwundert vor dem Hintergrund dieser komplexen Gemengelage die Unbekümmertheit, mit der das Gericht zu Werke geht. Die hier vorgeführte Konzentration auf die rechtstechnischen Fragen ist sicherlich vornehmster Ausdruck eines funktional ausdifferenzierten Rechtssystems; eine gewisse historische und kulturelle Sensibilität, ein Sinn für das, was man mit einem Urteil anrichtet, wünscht man sich aber doch von der Justiz.

[...] Welches Signal geht weltweit davon aus,  dass ausgerechnet in Deutschland nun ein strafrechtliches Beschneidungsverbot bestehen soll? Dass Juden für die Beschneidung Deutschland verlassen müssen, um ihre Religion entsprechend den eigenen Lehren leben zu können? Was sagt die Entscheidung den Muslimen, die in hohem Maße integrationswillig sind, aber bestimmte religiöse Traditionen doch pflegen wollen?

Jetzt gab Hans-Jürgen Papier, ehemaliger Präsident des Bundesverfassungsgerichts, zu (Link):

Meiner Ansicht nach ist das Urteil vom Landgericht Köln im Ergebnis verfehlt. Es berücksichtigt nicht hinreichend die Religionsfreiheit, die ein sehr zentrales Grundrecht ist, das grundsätzlich vorbehaltlos und ohne weitere Einschränkung gewährleistet wird. Darüber hinaus tangiert es auch das allgemeine Grundrecht der Eltern auf elterliche Fürsorge. Dieses umfasst auch das Recht der religiösen Kindererziehung. Diese beiden Grundrechte muss man gegen das Grundrecht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit abwägen.

Das Landgericht hat sehr verkürzt argumentiert. Es hätte berücksichtigen müssen, dass es Juden und Muslimen bei der Beschneidung aus religiösen Gründen nicht nur um eine Frage der Tradition und des Brauchtums, sondern um essentielle Glaubensinhalte geht. Demgegenüber ist die Einwirkung in die körperliche Unversehrtheit geringfügig, wenn die Beschneidung nach den Regeln der ärztlichen Kunst erfolgt. Deswegen sind im Ergebnis die Grundrechte auf Religionsfreiheit und elterliche Fürsorge eindeutig gewichtiger zu werten. Diese Grundrechte hat das Gericht zwar nicht ignoriert aber in einer verkürzten Abwägung zu Unrecht hintangestellt.

Der Tatbestand der Körperverletzung ist aus rechtlicher Sicht gegeben und wird auch immer gegeben sein. Es ist vielen Laien schwer begreiflich, dass etwa auch jede Impfung eine Körperverletzung darstellt. Sie ist aber nicht rechtswidrig und damit nicht strafbar, wenn eine Einwilligung vorliegt. Sie erfolgt regelmäßig durch den Patienten selbst, bei minderjährigen Kindern durch die Eltern. Wenn der Gesetzgeber ausdrücklich regelt, dass die Eltern wirksam in eine Beschneidung einwilligen können, ist sie keine rechtswidrige Körperverletzung mehr. Damit wäre eine Beschneidung dann weder für das Strafrecht relevant, noch verstößt ein Arzt gegen seine Berufspflichten. Es geht also über die Frage der Strafbarkeit hinaus darum, ob Beschneidungen rechtmäßig oder rechtswidrig sind.

Für den UN-Sonderberichterstatter über Religionsfreiheit, Heiner Bielefeldt, ist “der ätzende, verächtliche Grundton” der Debatte (Link) ein “Ausdruck von Respektlosigkeit”:

Wir erleben gerade eine neue Bruchlinie in der deutschen Gesellschaft. Das macht mir Sorgen. [...] Im herrischen Ton mit dem Strafrecht zu drohen, ist kein geeignetes Mittel, um interne Debatten voranzubringen.

Diese Tage habe ich überwiegend überregionale Zeitungen berücksichtigt. Heute habe ich mir drei Boulevard-Zeitungen angelesen (die alle sich sicher sind , ganz ernsthaft zu sein). Bei dem “Freitag” kann ich eine merkwürdige Diskrepanz feststellen – zwischen den kleingeistigen redaktionellen Beiträgen (zum Beispiel von Andrea Roedig) und kritischen und gar voluminösen Statements aktiver Blogger (ich meine den unermüdlichen “Ed2Murrow” mit mindestens vier Texten zum Thema, der nach wie vor mit der vererbten Klientel vom “Politikforum” Grabenkämpfe führt. Als Beispiele verlinke ich zwei davon).

Beim “Cicero” wird der Wunsch von Volker Zastrow erfüllt, Irmingard Schewe-Gerigk, die als “deutsche Politikerin bei Bündnis 90/Die Grünen und Vorstandsvorsitzende des Vereins Terre des Femmes” eingeführt wird, darf im Interview die feministische Position improvisieren, wobei Fragen von Karoline Kuhla besser sind als Antworten. Schewe-Gerigk ist bereit, mit den Juden “über rituelle Ersatzhandlungen” zu “sprechen”. Großzügig! Davor erhebt sich ihre Stimme viel höher:

Wie wollen Politiker in so einem Schnellschuss etwas regeln, was mit Besonnenheit bedacht werden muss? Über den Ausgleich der unterschiedlichen Rechtsgüter muss man reden und den Menschen sagen: Wir wollen keine Beschneidung.

[...] Alle Experten warnen davor: der Verband deutscher Kinderärzte, Juristen und Juristinnen, Menschen- und Kinderrechtsorganisationen – doch der Bundestag tut so, als würde diese Debatte an ihnen vorbeigehen.

Sie sieht sich für die Debatte gut vorbereitet:

Ich war viele Jahre lang Mitglied der deutsch-israelischer Parlamentariergruppe und sehe, dass diese Eltern Probleme haben. Aber der Eingriff in die körperliche Unversehrtheit kann nicht der Entscheidung von Religionsgemeinschaften oder Eltern überlassen werden.

Der Text ist frisch und bekam bis jetzt nur 2 Kommentare. Wie kann das sein? Das “Cicero” will doch auch etwas vom Sommerloch haben. Da ist “The European” viel weiter. Mehrere Publikationen mit vielen Diskussionen dazu. Mich hat der Ton überrascht, eins zu eins wie beim “Freitag”, die Krankheit breitet sich wohl aus. Heute sagt der Herausgeber und Chefredakteur, Alexander Görlach, eine gut paulinisch fundierte Meinung dazu, was bei einem promovierten christlichen Theologen nicht wundern soll. Er erinnert sich unterwegs an alles mögliche und folgt im Grundtenor und im Stil (paternalistisches “wir” mit pluralis majestatis) Putzke, das ist bestimmt europäisch von heute (Link):

Bei dem Streit um die Beschneidung stehen sich fundamentale Rechte gegenüber: das Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit und das Menschenrecht auf Religionsfreiheit. Von meinem Empfinden her bin ich auf der Seite der Jungen. Ich schenke den Gutachten und Aussagen der Ärzte und Psychologen, die ich im Verlauf der vergangenen Wochen gelesen oder gehört habe, Glauben.

Auf unerfindlichen Wegen weiß Görlach sogar viel mehr:

Die Kontroverse hat in den Gemeinden an Fahrt aufgenommen. Wenn am Ende des Diskurses eine verbindliche Äußerung der religiösen Autoritäten steht, wenn es eine Wahlfreiheit gäbe, die nicht sanktioniert wird, dann ließen sich die Ansprüche des Kindes auf Unversehrtheit mit denen der Religionsfreiheit der Glaubensgemeinschaften miteinander versöhnen.

Der Artikel ist mit der Beschneidung des kleinen Jesus bebildert, wie niedlich!

Ganz am Rande möchte ich noch einen Posting von “lalibertine” erwähnen, in dem sie sich über Männerpostings dieser Wochen lustig macht. Es wäre sicherlich ganz lustig, wenn es nicht so traurig wäre.

Seit Wochen wird in Deutschland und jetzt gar im gesamten deutschsprachigen Raum der gesellschaftliche Frieden gestört. Wann wird das alles sein Ende haben?

 

Beschneidung ohne Ende Montag, 23. Juli 2012

Die mediale Landschaft wie die Blogosphäre Deutschlands können sich nicht beruhigen. Gestern kam in der FAZ eine Offenbarung eines “jüdischen Arztes” zur Bewunderung freigegeben (die britische Telegraph druckte einen Zwillingsbruder dieses Textes, schon wieder mit einem guten Juden als Autor, der diesmal Jake Wallis Simons heißt und sich genauso nicht schämt wie Gil Yaron, dieser wie jener wissen einfach nicht, worüber sie schreiben). Heute beschäftigt sich die FAZ mit demselben Thema in noch zwei Texten. Stefan Schulz beweist seine Belesenheit folgendermaßen:

Nur gesunde Körper werden verletzt.

Patrick Bahners ist zu größeren geistigen Leistungen fähig. Er philosophiert ganz ordentlich, mit für ihn typischen Sprengfallen und Sprüngen:

Es geht um menschenrechtliche Normalität. Der Verweis auf das Verbot der Holocaustleugnung und die von der Bundeskanzlerin zum Element der Staatsräson erklärte Freundschaft mit Israel führt in die Irre. Die Gründe für das schnelle Handeln mit dem Ziel einer Klarstellung des Gesetzgebers fallen nicht zusammen mit den Gründen für das Gesetz.

Sollte die historisch gebotene Rücksichtnahme Deutschlands auf die Juden der Grund für die Verneinung der Strafbarkeit abgeben, wäre die Hinnahme der Beschneidung als Ausnahme charakterisiert. Und damit wäre den Antisemiten Recht gegeben, die die Parole verbreiten, vor dem aufgeklärten Bewusstsein seien die Riten der Juden nicht zu entschuldigen. Der Professor, der Putzke in dessen Assistententagen auf das Beschneidungsthema ansetzte, war durch die Lektüre Necla Keleks darauf gekommen. Wie in der Islamkritik bricht in der Beschneidungsdebatte ein rabiat religionsfeindlicher Zeitgeist durch, der im Internet zu sich gekommen ist. Durch die Meinungsforen wälzt sich eine Flutwelle der Zustimmung zum Urteil aus Köln. Ein bewundernswertes Gespür für die kommunikativen Anforderungen der heiklen Lage, in der sich die deutsche Politik deshalb befindet, spricht aus dem vor ein paar Tagen kolportierten Wort Angela Merkels, Deutschland dürfe nicht zur Komikernation werden: unschlagbar knapp und trocken, wie das „nicht hilfreich“ zur Entzauberung Sarrazins.

Der Sarkasmus der Kanzlerin ist eine Übung des Takts. Ihre drastische Warnung lenkt ab von der wahren Gefahr: Ein deutscher Sonderweg des Beschneidungsverbots müsste in der Welt als Ausdruck eines humanistisch legitimierten Antisemitismus aus schlechtem Gewissen verstanden werden, wie er in den Enthusiasmus für die Sache der Palästinenser eingeht. Wenn es so nicht gemeint gewesen sein soll, dann nimmt man den Mangel an Urteilskraft im Kölner Urteil lieber als grotesken Fauxpas, als Rechenfehler von astronomischem Ausmaß.

Er macht Putzke fertig (deswegen heißt der Artikel “Ein Rechenfehler”):

Im Kleingedruckten eines Artikels in der „Neuen Juristischen Wochenschrift“ ging Putzke nebenbei auf das Gesetz über die religiöse Kindererziehung aus dem Jahr 1921 ein. „Zur damaligen Zeit“, schrieb er, „setzte sich die Bevölkerung mehrheitlich aus Protestanten und Katholiken zusammen. Andere Bekenntnisse spielten in der Lebenswirklichkeit genau genommen keine Rolle.“ Genau genommen! Die ungeheuerliche Gedankenlosigkeit dieses Satzes ist charakteristisch für das unhistorische Denken hinter der Kampagne gegen die Knabenbeschneidung. Putzke projiziert das Ergebnis von Hitlers Vernichtungspolitik zurück auf die Weimarer Republik und bürgert die Juden aus dem nationalen Gedächtnis aus.

Er vergisst aber, wie wir soeben sahen, auch sein Lieblingsthema – die Religionsfeindlichkeit – nicht und macht sich nebenbei lustig über die (nicht vorhandene) “menschenrechtliche Normalität” für die Juden und für Israel. Am Ende steht Gil Yaron ganz blaß im Schatten von Patrick Bahners, der auf die Gefahren “eines humanistisch legitimierten Antisemitismus aus schlechtem Gewissen” hinweist. Fronten bewegen sich, wie auch im Fall von Christian Bommarius, der auf einmal den Antisemitismus auch entdeckte.

Viel bescheidener aber sinnvoller geht das Thema Harald Martenstein an:

Nichts, kein Terroranschlag, kein Euro, kein Hunger und kein Krieg, erregt die Deutschen so sehr wie die Vorhaut. Das Volk sagt mehrheitlich: „Na, endlich! Schluss mit der Barbarei!“ Ich habe etwa 500 Volksmeinungen gelesen. Nicht die Mehrheit, aber ein beachtlicher Teil davon ist antisemitisch. Das macht mir mehr Angst als jedes Chirurgenmesser.

In den Kommentaren dazu meldet sich zu Wort ein sympatischer junger Mann, hier mit dem Nicknamen Sebush (eigentlich Sebastian Horndasch), der ehrlich und glaubwürdig seine Lebenserfahrungen mit der jüdischen Community im Blog “Neon” beschreibt, im guten Ton und mit Verständnis. Fast schon eine Ausnahme in diesen Tagen.

… die Beschneidung der männlichen Vorhaut ist – warum auch immer – ein extrem wichtiger Bestandteil dieser Identität. Der Gedanke, seinen Sohn nicht nach acht Tagen beschneiden lassen zu dürfen, ist eine tiefe seelische Verletzung für alle Juden. Wird der Junge nicht beschnitten, wird seine Identität und die seiner Familie beschnitten.

Klare Worte findet für die bescheuerte Debatte letzter Wochen auch Sina Hawk, eine schreibende Leipzigerin:

Ich bin vollkommen begeistert von dieser Debatte und finde, kommende Generationen sollten auf diesen Schwachsinn hinab sehen und ihn sich als Anekdote erzählen aus einer Zeit, in der jeder meinte, sich überall einmischen zu müssen.

Sehr empört ist zum Beispiel auch “Der Lindwurm” (Bernhard Torsch aus Kärnten):

Die Beschneidungsdebatte ist, so wie sie geführt wird, natürlich eine antisemitische und antimuslimische. Wenn ausgerechnet ein deutsches Gericht ein Urteil fällt, dass sich massiv negativ auf einen konstituierenden Teil jüdischer Religion, jüdischer Tradition und jüdischer Identität auswirkt, wenn die Nazis darüber jubeln und den Juden bereits eine “gute Heimreise” wünschen und die Hälfte der Deutschen laut Umfragen ganz ähnlich denkt, dann muss doch auch der Dümmste begreifen, dass es hier natürlich nicht um das Selbstbestimmungsrecht von Kindern geht, um Sinn oder Unsinn der Beschneidung, sondern allein darum, den Juden als Barbaren zu verleumden, der böswillig seine eigenen Söhne verstümmelt, während man sich selbst als ganz doll aufgeklärten Humanisten imaginiert, der mit dem Gestus des Kolonialherren angewidert die Bräuche der Primitiven anprangert.

Im Vergleich dazu wirkt auffallend, dass die jüngeren Jünger Broders vollkommen verwirrt sind. So “Aron Sperber“, so auch “Die Menschenrechtsfundamentalisten“. Sie sehen sich jetzt herausgefordert, sich zwischen den Positionen von Broder und Kelek zu entscheiden, und merken nicht, dass es hier keine Entweder-Oder-Frage ist.

 

Ein jüdischer Arzt und ein deutscher Aufklärer Sonntag, 22. Juli 2012

Gil Yaron hat kein Problem damit, sich als “jüdischer Arzt” zu titulieren. Wolfgang Michal hat Angst vor “dem religiös-reaktionären Rollback”. Die Medienlandschaft wird düsterer.

Yaron beichtet seine Probleme mit der Beschneidung der FAZ und der deutschen Leserschaft. Ein guter Jude ist immer willkommen. Er denkt ja so logisch und baut so tolle Entweder-Oder-Schlussfolgerungen:

Für mich, der nach Israel auswanderte und dort unter Juden lebt, ist es leicht sicherzustellen, dass meine Kinder ihr Judentum auch für weitere Generationen bewahren werden. Andernorts ist dies eine gewaltige Herausforderung. Die Versuchungen sind vielfältig, der Assimilationsdruck ist groß. Was ist leichter und andauernder als durch den kleinen, wenig traumatischen Eingriff sicherzustellen, dass mein Sohn sich mehrmals täglich beim Pinkeln seine Wurzel und eine Erinnerung an seine Herkunft vor Augen und in Händen hält?

Doch dieses Argument degradiert Zugehörigkeit zu einem sofort löslichen Begriff, einem Instant-Kniff, der es uns ersparen soll, Liebe zur jüdischen Tradition durch geduldige Erziehung und das Vorangehen mit eigenem Beispiel zu wecken. Den meisten von uns ist es bequemer, beim Fest des Brith Shrimps zu servieren, als den Schabbat einzuhalten.

So einfach, eben entweder – oder. Da im Laufe des Artikels Yaron vom “jüdischen Arzt” und deutschen Journalisten zum Ratgeber mutiert, sieht er es als seine Aufgabe zu empfehlen:

 Juden sollten die kommenden 15 Jahre in Deutschland nutzen, um sich zu vergegenwärtigen, warum sie ihre Söhne beschneiden: ob sie das wirklich wollen oder nur aus Angst davor tun, anders zu sein.

Genau hier setzt sein Gegenpart bei den Intellektuellen der carta auch Akzente. Michal sagt das nur deutlicher:

So mag das unveränderliche Merkmal des Beschnittenseins die religiöse Identität eines tapferen Volkes gewahrt haben, doch dieses Ritual war auch immer eine zwanghafte xenophobe Abwehrmaßnahme gegen die „Vermischung“ mit allem Fremden.

Er weiß alles über jüdisches und muslimisches Leben in Deutschland und kann sowohl Volker Beck als auch Heribert Prantl belehren:

Beck begründet sein Eintreten für die Beschneidung – ebenso wie Prantl – damit, dass jüdisches und muslimisches Leben in Deutschland weiterhin möglich bleiben müsse. Beide tun gerade so, als sei jüdisches und muslimisches Leben in Deutschland ohne das Ritual der Kinder-Beschneidung unmöglich.

Warum nur muss ich an dieser Stelle Christian Bommarius zitieren:

Die erregte Debatte um das Recht oder Unrecht der Beschneidung hat Interessantes zutage gefördert: Rund die Hälfte der Deutschen ist davon überzeugt, dass Muslime und Juden ihre männliche Nachkommenschaft vorsätzlich genital verkrüppeln, im zarten (Muslime-) oder zartesten (Juden-) Alter in einem blutigen Akt der Barbarei die Körper der männlichen Jugend irreversibel verletzen und die sexuelle Identität beschädigen.

Das Entsetzen, das dieses archaische Gemetzel in den sanften Gemütern der aufgebrachten Deutschen hervorruft, ist derart gewaltig, Abscheu und Empörung über das im Namen einer Religion begangene Verbrechen sind derart überwältigend, dass die Selbstdisziplin nur zu bewundern ist, mit der die Hälfte der Deutschen jahrzehntelang Entsetzen, Abscheu und Empörung für sich behalten, still gelitten und duldsam geschwiegen hat, bis sie endlich in diesem Sommer ein Urteil der 1. Kleinen Strafkammer des Landgerichts Köln aus ihrer stummen Qual erlöste und – in diesem Falle sehr zu Recht – „im Namen des Volkes“ die Beschneidung als rechtswidrige Körperverletzung (vulgo: religiöse Barbarei) in den juristischen Orkus schickte. Seit Generationen hatten Millionen Deutschen offenbar aus ihren Herzen eine Mördergrube gemacht. Jetzt haben sie die Grube geöffnet. Was ein Urteil in Deutschland nicht alles vermag.

Und Dirk Pilz auch:

Die Beschneidungsdebatte zeigt dies wieder einmal: Sie ist ein Kampf unter fundamentalistischen Ahnungslosen, weil es lediglich darum geht,  die verschiedenen, zu bloßen Götzen gewordenen Götter gegeneinander auszuspielen. Vernunft gegen Gott, Recht gegen Ritus.  Bedrohlich für eine demokratische Gesellschaft ist dieser Glaubenskampf, weil sich weder mit Ahnungslosen noch mit Fundamentalisten streiten lässt: Sie haben keine Argumente, sondern nur Meinungen.

Die Dämmerung der Aufklärung ist das, und keine Dialektik…

 

Kein Ende von social media

Martin Weigert sieht bei netzwertig das Ende von social media und stellt die Frage nach dem Web 3.0. Er argumentiert mit Ergebnissen von Google Trends, die er beim Vergleich von zwei Begriffen hinbekommt – Web 2.0. versus social media. Sein Fazit:

Es ist sinnlos, im Vorfeld zu darüber zu spekulieren, wie wir in ein bis zwei Jahren die vor uns stehende Phase des Webs bezeichnen werden. Fakt ist, dass dem Social-Media-Begriff in diesen Tagen die Puste ausgeht.

Was danach kommt, weiß auch Martin Weigert nicht. Er will nur, dass wir uns darüber Gedanken machen. Es kann aber durchaus sein, dass wir dabei nur über Begriffe reden, nicht über Inhalte und Tatsachen. Dieser Austausch kann täuschend wirken.

So sieht seine Gegenüberstellung aus:

Und was passiert, wenn wir jetzt andere Begriffe nehmen? Zum Beispiel, Facebook, YouTube, Twitter? Für die meisten Menschen sind sie ein Inbegriff für das Web 2.0 sowie für die social media:

Wenn wir noch dazu die Lage in den USA und in Deutschland vergleichen? Zum Beispiel, beim Bundesverband Mediale Wirtschaft. Deren 10 Thesen vom April 2012 sehen so aus, als ob die Leute das Thema erst entdecken. Da steht vollen Ernstes:

Die 10 Thesen der Fachgruppe Social Media im BVDW sind kostenlos auf der BVDW-Website als Download verfügbar.

Darunter solche Weisheiten wie:

3. Social Media findet langsam Einzug in die Produktentwicklung

oder

10. Social Media muss seine Effizienz noch stärker beweisen

Und das alles kostenlos! Wow! Ich glaube nicht, dass wir schon am Ende von social media sind.

 

Neues vom Pallywood Freitag, 20. Juli 2012

Ein neues Kunstwerk aus der Pallywood-Industrie wurde vor zwei Tagen online gestellt. Ein kleines Kind wird zu Soldaten geschickt, um diese zu beschimpfen, und dabei gefilmt, Bilder werden nachher mit Ton kombiniert. Inszeniert und gedreht wurde es am 22.6.2012 und seit dem 18.7.2012 ist es bei youtube zu bestaunen:

Zugrunde liegt offensichtlich eine Arbeit eines aktiven Propagandisten, der bei youtube mindestens 126 Videos aufgestellt hat. Fotos auf seiner Homepage (sie heißt Tamimipress) sind typisches Pallywood. Das Meiste widmet sich den israelischen Soldaten, der junge Kameramann, er heißt Mohammad Ataallah Tamimi, ist von ihnen wie besessen. Bei den anderen Reportagen sind auch israelhassende Kinder zu bewundern, aber unter anderem auch die Solistin des soeben vorgestellen Video:

Im Hintergrund kann man deutlich die üblichen Verdächtigen sehen, die eine Friedensbotschaft erwarten. Das Video liefert diese Botschaft wie gewünscht, youtube-Kommentare sind voll antiisraelischer Bemerkungen, eine erste amerikanische Verlinkung kommt am 19.7. und wirkt sehr zufrieden (“A voice of truth and love”), deutsche Blogverlinkungen sind es noch viel mehr (z.B. bei der “Geldseite“, die sofort nach der heutigen Publikation auf die erste Seite bei wordpress.de schaffte und Begeisterung über den antiisraelischen Inhalt bei Kommentatoren hervorbrachte).

Das Video wird mit großer Wahrscheinlichkeit Erfolg haben. Trotz des miserablen Niveaus.

 

 
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