Die Zeitschrift “Cicero”, angeblich für die politische Kultur verantwortlich, will mit der “Bild” konkurrieren und greift zu unkorrekten Methoden, um die Leserschaft zu gewinnen. Die Bilanz: Boulevard der politischen Unkultur.
Ein Journalist namens Jürgen Busche saugt sich eine Denunzierung aus den Fingern und aus den Erinnerungen eines anderen Journalisten namens Joachim Fest - gegen Jürgen Habermas gerichtet. Auf dem Cover sieht man groß “Vergesst Habermas!”, der Artikel heißt “Hat Habermas die Wahrheit verschluckt?”, Busche fragt sich: “Gerücht oder Ungeheuerlichkeit?” Das wäre alles eher etwas für die “Titanic” - leider meint die “Cicero” das wohl im Ernst.
Der Text von Busche ist eine Schande für die Zeitschrift. Wer will, kann ihn lesen (Link). Mich hat die folgende Passage besonders beeindruckt:
Es war kein anderer als der junge Jürgen Habermas, der Anfang der fünfziger Jahre als einer der Ersten und mit Durchschlagskraft in der FAZ auf die Nähe von Heideggers Denken zu den Grundlagen der NS-Ideologie hinwies, nicht ganz zu Recht, aber mit Folgen, die heute noch spürbar sind.
“Nicht ganz zu Recht”! Ein Journalist, der einmal ein Buch über Helmut Kohl publizieren durfte, weiß über Heidegger besser Bescheid als Habermas. Ha-ha!
Der Brief von Habermas an die Redaktion ist dagegen sehr wohl zu empfehlen (Link). Ironisch, klar, würdevoll, schön bissig. Ich zitiere daraus den Anfang und den Abschluss:
Jürgen Busche betätigt sich als Denunziant, indem er auf der Grundlage von längst widerlegten Gerüchten Unwahrheiten insinuiert. Wenn man sich den Kreis derer vergegenwärtigt, von denen man weiß, dass sie das Gerücht kolportiert haben – Fest, Lübbe, Koselleck, und (nun erst?) Busche – erkennt man die erneute Denunziation als das, was sie ist: als Fortsetzung einer politischen Hetze, der ich vonseiten der FAZ insbesondere in den 70er und 80er Jahren ausgesetzt war. Fest hat mir offenbar die Kritik an jenen Vordenkern des NS-Regimes übelgenommen, die er in seinem Blatt rehabilitieren ließ. (…)
Wenn der Umstand, dass ich von Herrn Fest posthum – und von dessen ehemaligem Angestellten Busche genötigt werde, mich über diese Lappalien zu äußern, eines lehrt, dann etwas von der Ranküne, die das Klima der Bundesrepublik Jahrzehnte lang vergiftet hat.
Die “Cicero” dreht das um, legt nach und setzt die Verleumdung fort:

Habermas beschuldigt nicht Fest, sondern Busche. Eigentlich beschuldigt Habermas nicht, sondern verteidigt sich gegen die Verleumdung. Das “Politmagazin” geht dem nicht nach, sondern gibt einem jeden seine Meinung oder findet einen, der mutig genug ist, um die Verleumdung auszusprechen. Oder wie war es mit den Bild-Parolen? Machen das nächste Heft von “Cicero” Gäste von der “Bild”? Ist es schon soweit?
UPDATE: Wie ich gerade entdeckt habe, hat Markus Schwering schon am 24.10 im “Kölner Stadt-Anzeiger” die Story zu Ende recherchiert (Link). Joachim Fest sieht anschliessend nicht gut aus. Die “Süddeutsche”will dieselbe Recherche erst heute gemacht haben, ohne sich auf Schwering zu beziehen (Link). Lehrreich!