Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Ein Videogedicht? Montag, 16. August 2010

Einsortiert unter: Blogging,Film,Kunst,USA,YouTube — peet @ 13:51 Uhr
Tags: , , , , ,

Seit einigen Tagen wird ein Videoclip verlinkt, mit Begeisterung weiter empfohlen. Die eine Version ist bei Vimeo zu sehen, die andere, etwas reifere bei Youtube:


Autoren sind Daniel Mercadante und Will Hoffman. Bei den Bewertungen und Beschreibungen wird diese Produktion als Videogedicht (“modernes Gedicht“) gelobt, als “eine Art assoziativer Montage” “im Sinne von Eisenstein” klassifiziert. Oder als “a visual interpretation of stream-of-consciousness“. Noch konkreter wird es im Kommentar von der Hoepp (bei iGNANT):

Wie der Titel schon sagt, geht es um Worte und unterschiedliche Bedeutungen. Es fängt mit “Play” an, geht über “Blow”, “Break”, “Split”, “run”, “fly”, “fall”, “light” zu “space”. Ich finds wunderbar, besonders Fly und Fall.

Die Notwendigkeit, die englische Sprache zum Verständnis des Clips mitzubringen, betont auch Cinematze.
Dazu:
1. Die Poesie lebt nicht nur von Reimen. Diese Art, die Haiku- oder Hokku-Technik in die Videomontage zu verwandeln, erinnert mich viel mehr an die übliche Krankheit der Prosachreibenden – Alliteration. Ich mag das auch, all Wortspiele, Klangspiele, Wortdrehungen, Buchstabenumstellungen usw. In der wahren Poesie sind sie ein Sprachmittel von vielen. In der Prosa werden sie normalerweise vom erfahrenen Lektor wegredigiert. Die Entscheidung darüber, ob ein Text poetisch ist, auch wenn es ohne Reime auskommt, ist manchmal schwer, für sich aber kein Problem. Es kommt auf die Intention des Autors an.
In der Videokunst ist dieser “Words”-Clip ein Ereignis, da Bilder assoziiert werden, die eine optische Ähnlichkeit haben. Faszinierend allemal.

2. Eine Montage in der Art von Eisenstein ist das aber nicht, da gerade die dynamische und parallele Montage fehlt. Eher eine Skizze. Es gibt kaum eine Idee, die mehr als nur eine witzige Assoziation wäre. Die Erhebung zum Höheren am Ende des Clips ist toll, keine Frage. Ein Haiku neben einem Poem wie ein Clip im Vergleich zu einem Film wie Beshinwiese (“Beschin lug”)?
3. Als ich den Titel “Words” gesehen habe, dachte ich zuerst irrtümlicherweise an den berühmten Song von F.R.David. Überhaupt die Notwendigkeit, Worte zwischen den Bildern und deren Verknüpfung einzubringen, dazwischen zu schalten, scheint mir ein Problem zu sein. Ich bin der Meinung, optische Reize sollten für sich sprechen. So zum Beispiel, wie es von einem Youtube-Meister mit einfachen Mitteln gepflegt wird, den man unter dem Nicknamen eggman913 kennt (eigentlich Philip Scott Johnson):

Andere Beispiele dieser Art habe ich schon erwähnt. Trotzdem die Vorstellung, bei der Geburt einer neuen Gattung – Videogedicht – dabei zu sein, ist großartig.

 

Horst Schlämmer als Spiegel der deutschen Politik Samstag, 22. August 2009

Der Film von Hape Kerkeling über seine langjährige Kunstfigur Horst Schlämmer ist ein Ereignis. Künstlerich amateurhaft konzipiert und geschnitten, mit meist schwachen (oder gar keinen) Schauspielern besetzt, reißt er kaum Masken von den großen politischen Tieren nieder. Es sind sehr wenige gelungene Verballhornungen, die im Gedächtnis bleiben wie beispielhaft blöde Manifeste von gewissen realen Parteivertretern (“bedingungsloses Grundeinkommen”), die unendliche sinnlose Begeisterungsfähigkeit von Bushido, die Pofalla-Parodie, die Merkel-Parodie, die Ulla-Schmidt-Parodie. Ansonsten ist es sehr schade, dass die effektvolle Pressekonferenz Horst Schlämmers nicht einmontiert wurde (obwohl das doch deren Sinn war!). Auch klar ist es, dass die lebendigen Improvisationen Kerkelings immer kunstreicher und wirkungsvoller als der gestellte Film sind, und Horst Schlämmers Fernsehauftritte der letzten Jahre im Film nicht übertroffen werden. Kerkeling erreicht die Höhe des großen Provokateurs Sasha Baron nicht, so schafft er nicht, Rüttgers vorzuführen. Bei Özdemir gibt es nichts vorzuführen, der macht einfach mit, weil er doch so nett ist.

Was der Film klar macht, das ist die allgemeine politische Misere Deutschlands. Schlämmer entspricht der Trostlosigkeit des realen politischen Lebens, er spiegelt sie. Damit ist schon alles gesagt. Am Rande will ich eins noch nicht vergessen: Dass die festangestellten Moderatoren der Fernsehnachrichten im Film mitmachen, ist aus meiner Sicht die Verletzung der ethischen Vorschriften, was aber auch nur auf dasselbe hinaus läuft. Bettina Schausten vergisst das, wenn sie den anderen Spiegel vorhält.
Ich verlinke hier noch lesenswerte Kritiken von Rüdiger Suchsland, Peter Zander, Oliver Jungen:

Horst Schlämmer heißt nicht nur fast genauso wie der jetzige Kölner Oberbürgermeister, Fritz Schramma, er sieht auch fast genauso aus und redet fast genauso. Aber blitzgescheit ist er, so gescheit wie sein Hochleistungsdarsteller Hape Kerkeling eben. Und nach dieser Intelligenz, mag sie hier auch weggegrunzt werden, dürstet es das ausgetrocknete Land. Denn es ist nicht der Egoismus der Politik und nicht der Zynismus des Showgeschäfts, der in Kerkelings grundsolidarischem Humor seinen Ausdruck findet, sondern das zutiefst Menschliche, das man ansonsten zu verstecken gelernt hat in der Schamgesellschaft. Denn was macht Horst Schlämmer, dieses schnaufende Lamm Gottes? Er sieht Marotten und nimmt sie an, damit man mit Schlämmer über Schlämmer lacht, nie über die anderen. Horst Schlämmer, zur Schande für alle anderen Mitglieder der Kaste sei es gesagt, wäre der Politiker, dem man sich anvertraut. Denn Horst Schlämmer, das sind wir.

Einen direkten Vergleich zwischen der Kunstfigur Schlämmer und den realen Politikern zieht der Politikberater Michael Spreng durch. Es gibt auch Zeitungen, die bei der Berichterstattung zu dem Thema Fehler machen. Zum Beispiel Jörg Schindler im Kölner Stadt-Anzeiger und genauso in der Frankfurter Rundschau, der Ursula Kwasny zur “immerhin CDU-Bürgermeisterin von Grevenbroich” leichter Hand kürt. In derselben Zeitung kann Ute Diefenbach den Regisseur des Films Angelo Colagrossi bei der Pressekonferenz nicht identifizieren (“ein Italiener, den niemand verstehen kann”).

Extra sei hier noch erwähnt, dass sich offensichtlich auch solche Leute finden, die mit der Spiegel-Bedeutung der Kunstfiguren Kerkelings nicht viel anfangen können. Es gibt darunter hochgebildete Snobs, die auch “Hurz” für gute Musik halten und sich wundern, dass diese von Kerkeling selbst runtergemacht wird (Link). Es gibt auch Politiker (Ramsauer), die schon im “Zirkus” das eigentliche Problem der Politik entdecken. Ich glaube, davon wird im Laufe der Tage noch mehr kommen. Das ist einerseits amüsant, andererseits bestätigt noch einmal mehr die triste Atmosphäre im Lande, in dem eine satirische Darstellung der Misstände für schlimmer gehalten wird als diese Misstände selbst. Exemplarisch dafür ist insbesondere der neidische Hajo Schumacher, der sich im Offenen Brief direkt an Horst Schlämmer wendet:

Sie sind nicht relevant. Sie saugen sich einfach nur fest an diesem Land, Sie sind eine Zecke am Allerwertesten der Demokratie. Sie nutzen deren Freiheiten, um sie lächerlich zu machen. Das ist nicht komisch, sondern schwach.

Auf eine verrückte Weise bestätigen solche Invektiven nur, dass der Schlag ins Gesicht die Richtigen trifft. Wie das auch immer mit der Satire ist. Die Folgen werden von Stefan Niggemeier (hier und hier, das Meiste wird wie oft bei ihm in den Kommentaren ausformuliert) besprochen, wobei Hajo Schumacher da erstaunlicherweise mitmacht und sich vorführen lässt. Kerkeling (als Schlämmer) erscheint da auch und macht den Klamauk komplett:

also liebe freunde
isch existieren wirklich – da muss ich dem hajo recht geben!
achim steht auch voll auf hasenpauer als dauerläufer, weiste.
und immer schön wähln gehn oder laufn …
euer horst

und bitte: Streit euch nich meinetwegen, weiste.
Lohnt doch nich, Schätzeleyen

Zum Schluss verlinke ich noch YouTube-Clips, die zu diesem Posting passen. Zuerst die Pressekonferenz zum Film:

Und weil die schönsten Auftritte Schlämmers dazu auch gehören, noch drei davon. Das sind die Preisverleihung 2006 (mit Anke Engelke als Ricky):

Die Begegnung mit Claudia Schiffer und Thomas Gottschalk:

und zuletzt den Klamauk mit Damen Herman und Tietjen:

 

Wer will schon ein Kaninchen sein? Sonntag, 14. September 2008

Einsortiert unter: Deutschland,Film,Geschichte — peet @ 22:16 Uhr
Tags: ,

Nachdem der Film “Das Kaninchen bin ich” (1965) von Kurt Maetzig im Fernsehen gezeigt wurde, bin ich schwer beeindruckt. Der Streifen wollte das System gar nicht angreifen, sondern nur tauwettermäßig kritisieren, und doch sagt er heute die Wahrheit über damals: Menschen lebten trotz der unmenschlichen Regimepolitik. Es ist sehr bedrückend in dem Realismus der Darstellung, stark auch im Vergleich zur Gestaltung der weiblichen Hauptrollen bei Antonioni und Godard.

Wie voreingenommen und zweidimensional wirkt dagegen “Das Leben der anderen”!

 

Der goldene Kompass im Vergleich Sonntag, 30. Dezember 2007

Einsortiert unter: Film,Literatur — peet @ 12:25 Uhr
Tags:

Gestern war ich im Kino: “Der goldene Kompass”. Und neulich schaute ich im Fernsehen einen der Harry-Potter-Filme und einen der Herr-der-Ringe-Filme an, was ich früher stets verweigert hatte. Der Vergleich ist wohl nicht komplett, da ich den Narnia-Film nicht gesehen habe, und doch will ich thesenmäßig festhalten:

1. Lyra wirkt agiler, mutiger und selbständiger als Harry Potter und die Hauptfiguren aus dem “Herr der Ringe”-Film. Diese sind elende Versager, die sich nur durch Magie und meist ungeahnt retten können. Dazu kommt noch der meilenweite Unterschied in der schauspielerischen Qualität. Das Mädchen erscheint lebendig und sympathisch, sie kann als Projektion für die Selbstidentifizierung gelten.

2. Lyra kämpft zusammen mit ihrer Truppe gegen das Böse, und zu ihr gehören sowohl Kinder als auch Erwachsene, Tiere, Magier etc. In den zwei anderen Filmen sind es Kinder, die gegen die Erwachsenen auftreten: Eine ganz andere Dimension, die auch viel mehr die Subkultur von Jugendlichen propagiert und vermarktet.

3. Lyra ist ein weibliches Kind und schließt eine Marktlücke, denn alle anderen Hauptfiguren der Fantasy-Welten sind Jungen.

4. Der Film ist nicht ganz frei von Gewaltszenen, insgesamt aber auch für Kinder zumutbar, auch wenn die herzzerreißende Szene in der Trennungsmaschine an die Grenze des zu Ertragenden geht. Die zwei anderen Filme sind zu gewalt- und horrororientiert und vermitteln den Eindruck, als ob deren Autoren im Auftrag der Industrie Kinder zum Konsumieren von Horrorstreifen verleiten wollen.

Ich erspare meinen Lesern diesmal die Auswertung der Kritiken: Ich habe diese vier Thesen in keiner der von mir gelesenen Rezensionen vorgefunden.

Dann muss ich jetzt wohl das gepriesene Buch von Pullman lesen.

 

Bourne III und die Presse Samstag, 8. September 2007

Einsortiert unter: Film,Medien — peet @ 14:08 Uhr
Tags: ,

In der Beurteilung des neuen Films über Jason Bourne (“Bourne Ultimatum“) liegen die Verhältnisse überraschend anders als sonst: Die meisten Rezensionen sind voller Begeisterung und Lob – nur wenige, wirklich ganz wenige Autoren erlauben sich Kritik.

Meiner Meinung nach ist dieser Film misslungen. Die Montage ersetzt hier die Filmkunst, dabei auf eine zersetzende Art mit dem Plan, rhythmisch zu wirken. Man kommt fast ohne Personengestaltung aus, fast ohne Sinngebung, ohne mimisches Spiel, ohne Übergänge bei der Story. Was übrigbleibt, ist Aktion, aber auch sie zerfällt durch ein viel zu schnelles Tempo. Die einzige der großangelegten Szenen, welche ich bereit bin zu akzeptieren, ist diejenige in London, die darauffolgenden – in Tanger und New York – sind offensichtlich erst auf dem Bildschirm des Editors entstanden. Ich würde das Resultat als eine Monotonie des Schnittes bezeichnen. Spannung und Brutalität werden hier nicht mit einer Prise von Menschlichkeit ausgeglichen, wie in den ersten zwei Teilen.

Die Presse jubelt allerdings so überschwenglich, dass sich mir der Verdacht aufdrängt, dass die Autoren weniger vom Kino verstehen als von der Vermarktung. Schade.

In der amerikanischen Presse habe ich nur einen einzigen Verriss gefunden, der mir zusagt, nämlich in der Zeitung “Seattle Post-Intelligencer” (Link). William Arnold schreibt:

With virtually every sequence shot like a battlefield documentary — from a jerky hand-held camera framed extremely closely — and edited like an MTV music video, the movie is so surreal it’s just not very involving. As an action extravaganza, it’s busy but dull. [...] Greengrass’ effort to make his film the last word in tightly framed, nervous-camera action scenes is fairly disastrous. Most of the sequences are such a mess that we simply can’t tell what’s happening in them. The cumulative effect is boredom.

This semidocumentary style — which tries to put the viewer right in the action, instead of viewing it from outside — is a recent trend that has been increasingly creeping into Hollywood filmmaking since “Batman Begins” in 2005.

And, used more sparingly, it worked for Greengrass in his earlier films “Bloody Sunday” and especially “United 93,” in which the claustrophobic confusion of the visuals eerily re-created the feel of what it must have been like on that ill-fated flight.

But it’s not at all suited to an epic action blockbuster. The $100 million spent on “Bourne 3″ seems a waste because most of the movie is just a blur on the screen. It cries out for a few long shots to orient us as to what the heck is going on.

In der deutschen Presse ist nur Jürgen Kiontke in der Zeitung “Jungle World” kritisch (Link):

Bloßes Tempo herzustellen, scheint die letzte Zuflucht des Mainstream­kinos zu sein. Überhaupt ist die Geschwindigkeit das derzeitig Entscheidende des Kinofilms, wie sonst nur, extrem langsam, im Doom Metal: Während die Arthouse-Regisseure ihr Heil ein ums andere Mal im demonstrativen Abfilmen von Stillstand suchen, soll es im Haupt­haus so rasant zugehen, dass der Verstand den Bildern nicht mehr hinterherkommt. [...] Es geht um pure Geschwindigkeit, sie hat kein Sujet, und sie erzählt auch nicht von viel mehr als von Mord. [...]

Ein weiteres Element der Hochgeschwindigkeit: Einsatz, Optik und Wahrnehmung von Schusswaffen. Früher feuerte der Held oder Bösewicht, und es gab einen großen Knall. Heute scheint die Kamera sich auf die Perspektive des Einschlags zu konzentrieren. Wir stehen zwischen den Getroffenen und neben ihnen, wenn die Kugeln in ihre Körper einschlagen. Es handelt sich um bloße, unvermittelte und rasende Wirkung. Die Kriegs- und Schusswechsel­szenen wirken um ein Vielfaches brutaler und unkon­trollierbarer.

Man erlebt den Tod mit den Getroffenen schneller, als man einen Schützen jemals lokalisieren kann. Entwickelt wurde diese Einschlagsoptik wohl von Steven Spielberg in der Anfangssequenz von »Saving Private James Ryan«, kurioserweise sollten hier die Fotografien des D-Day, der Landung der Alliierten in Frankreich, ihre Entsprechung im Kino erhalten. [...]

Etwas neutraler, aber immer noch aburteilend äußert sich Ekkehard Knörer beim Perlentaucher (Link):

Greengrass gönnt dem Betrachter kaum einen Moment der Ruhe und Orientierung, aber gerade diese künstlich hochgepeitschte Dauererregung führt schnell zur Ermüdung. Zwar schreit beinahe jedes Bild dieses Films “Action”; jeder Zusammenhang von Bewegung und Raum zerfasert aber bis hin zur Unlesbarkeit des Geschehens: etwas bewegt sich, Jason Bourne rennt, Jason Bourne springt über Gassen von Fenster zu Fenster, hier ein Verfolger, da ein Verfolger, Jason Bourne kämpft auf Leben und Tod.

Man wird von den Bildern abgewatscht wie ein heillos überforderter Boxer, Schlag folgt auf Schlag. Je länger dies Bilder-Stakkato auf einen niedergeht, desto klarer wird aber eine fatale Inkongruenz. Es ist ein Mangel an innovativen oder originellen Ideen, der hier verdeckt wird von der Mimikry ans Dokumentarische. Hinter der aufgewühlten Bildproduktion liegen die üblichen Versatzstücke von Liebe und Verrat, Abziehbilder böser Geheimdienstaktionen und noch an der Amnesie des Helden ist nichts, das aus unzähligen anderen Geschichten nicht längst vertraut wäre. So tut dieser Film auf höchst künstliche Weise einfach und haspelt sich orientierungslos durch Raum und Aktion. Die hinter der Action gähnende Leere frisst sich aber, je länger das dauert, hinein in die Bilder, in die Figuren und zuletzt auch ins Hirn des Betrachters.

Die anderen zahlreichen Texte zitiere ich nicht, sie sind fast ausnahmslos unkritisch. Zu den Besten von ihnen würde ich Texte von Franz Everschor (Link) und Daniel Bickermann (Link) zählen. Ein Beispiel der plumpen Politisierung liefert Fritz Göttler bei der “Süddeutschen Zeitung” (Link):

Jason Bourne ist der Mann der George-W.-Bush-Ära. [...] Ein Subversiver, ein Anarchist – das gilt auch für Greengrass, der ein Linker geblieben ist, auch wenn er sich nun seinen Traum verwirklichen kann, großes Kino in Amerika zu machen. Bourne ist gewissermaßen Politik von unten, von ganz unten. “Die Leute reden von Bush und Blair”, sagt Greengrass, “als würden sich zwei Herrscher auf einem Feld treffen und einfach mal so beschließen, in den Irak einzumarschieren … Ich finde, das ist keine hilfreiche Art, die Welt zu verstehen.”

Nur noch ein Zitat vielleicht doch, denn eine antisemitische Filmbesprechung habe ich noch nie gelesen, jetzt aber (Link):

Vosen ist ein Überzeugungstäter und beileibe nicht das, was man einen unmoralischen, schlechten oder bösartigen Menschen nennen würde. Eher jemand, der aus beruflichen Gründen seine Skrupel beim Concierge in der Empfangshalle des Bürokomplexes abgibt. Hierarchisch vor Vosen und an der Spitze des Systems steht Ezra Kramer, eine weitere Figur mit jüdischem Klang also.

Zu dieser Glanzleistung gratuliere ich Sascha Keilholz und die Internetseite critic.de.

 

“Transformers” in der Presse Dienstag, 14. August 2007

Einsortiert unter: Film,Medien — peet @ 8:03 Uhr
Tags: ,

Ich bin in diesem Fall eine Geisel meines früheren Textes. Wenn ich schon einmal die Pressekritiken über den Film “Die Insel” analysiert habe (Link), dann muss ich wohl wenigstens etwas zum nächsten Film von Michael Bay kritzeln.

Transformers” ist ein schlechter Film, es lohnt sich nicht, ihn sich anzusehen, wenn man im Besitz eines guten Geschmacks ist. Mein Fehler war es, aus den Ankündigungen zu schließen, Effekte seien toll. Tja, genau das stimmt in erster Linie nicht. Die filmtechnische Umsetzung der Bilder, die digital entstanden sind, geht über die Auffassungsgabe eines Cineasten hinaus. Die Verwandlungen der Roboter und deren Kämpfe miteinander - der eigentliche Sinn des Films – verlaufen viel zu schnell, so dass Bilder auf der Wand so schwammig ineinander fließen, dass man davon kaum was hat. Ich betrachte dies als einen gravierenden und entscheidenden Fehler.

Es gibt darüberhinaus nichts zu berichten.

Jetzt die Presse. Es gibt richtige, zerreißende Kritiken. Ich habe die in diesem Sinne besten erfreulicherweise überall gefunden, in der amerikanischen und deutschen Presse. Einige Fragmente und Links:

…a movie of epically assaultive noise and nonsense. Originating with the shape-shifting toys — created in Japan, rebranded in America — that transform from robots into stuff like cars and planes, then back again, the movie has been designed as the ultimate in shock-and-awe entertainment. The result is part car commercial, part military recruitment ad, a bumper-to-bumper pileup of big cars, big guns and, as befits its recently weaned target demographic, big breasts. [...] The movie waves the flag equally for Detroit and the military, if to no coherent end. Last year the director of General Motors brand-marketing and advertising clarified how the company’s cars were integral to the movie: “It’s a story of good versus evil. Our cars are the good guys.” [Manohla Dargis in "New York Times" (Link)]

Transformers is mercilessly inhuman and completely hysterical from frame one. [...] Transformers is a showcase for next-level special effects, but its transformations deliver the idea of astonishing virtual engineering without exactly representing it. Each transformation sets off the super- complex shift/flip/pivot of a thousand hydraulics, hatches, gears, and gun barrels in an impressive, but largely unintelligible, blur. The press kit marvels at the construction of Optimus Prime, head of the Autobots, an 18-wheeler tractor-trailer comprising 10,108 moving parts—of which perhaps 500 register to the human eye. I can image warehouses full of animators and designers fastidiously constructing these frame-by-frame mutations, ensuring the proper fit and shine of every steel plate, oblivious to the dissolution of their craftsmanship when accelerated into the larger action. “More than meets the eye” has been delivered far too literally.

When Bay decelerates for the obligatory post-Matrix slo-mo showstoppers, the result is, well, show-stopping: corkscrewing fighter jets flower into automatons—leaf on leaf of deadly hardware snapping into place as they unload missiles or a hailstorm of bullets, then compact back to flight, zipping through the street upending a spectacular path of flaming vehicles in their wake. When graspable, the shit is off the hook, and there’s enough to latch onto in the outrageously sustained finale to send you staggering out of the dark stammering, “Whoa. . . . “

But by and large—and we’re talking really friggin’ humongous here—Bay is ignorant of what Steven Spielberg, serving as a producer, has always understood about action: Any yahoo can yield a couple hundred million dollars and max out the CGI, but it takes old-school filmmaking chops to connect synthetic mayhem to the gut. [Nathan Lee in "Village Voice" (Link)]

Thus far, the summer of 2007 has been full of very loud, very unsatisfying action movies. Transformers tops them all – it’s louder, flashier, and more hollow than anything else out there. At 135 minutes, it drags – sometimes painfully so. The movie is top-heavy with exposition, and the only decent action scenes occur in the final 25 minutes. Despite an epileptic camera, those sequences are impressive from a special effects point-of-view, but they aren’t exciting. That’s because the characters are so poorly developed and the Transformers so singularly uninteresting that the question of who wins or loses doesn’t matter. All the effort behind Transformers went into making the robots look cool; nothing went into developing a compelling storyline. [...] Transformers isn’t clean, big-budget fun; it’s clean, big-budget tedium. For Transformers fans, I suppose this is a dream motion picture. For everyone else, it’s a nightmare. [James Berardinelli (Link)]

George Lucas war der erste Filmemacher, der sich die Einnahmen an den Nebenprodukten seiner „Star Wars“-Filme auszahlen ließ. Heute sind Arrangements zwischen Filmstudios und Spielzeugherstellern oft Voraussetzung dafür, dass Filme überhaupt entstehen. Im Falle der Transformers aber verlief die Verwertungskette in umgekehrte Richtung: das Spielzeug ging den Serien, Comics und Filmen voraus. 1984 hatte die Reagan-Regierung das Kinderfernsehen „dereguliert“, Werbebeschränkungen wurden aufgehoben. Eine ganze Reihe von Werbesendungen in Gestalt halbstündiger Trickserien fand daraufhin den Weg ins Fernsehen. Das gute Geschäft findet im Kino seine Fortsetzung. Drei Millionen Transformer-Figuren konnte Hasbro, der zweitgrößte Spielwarenhersteller der Welt, verkaufen – seit Juni dieses Jahres.

„Transformers“ zeigt aber auch Spielzeug für Erwachsene. Seit „Top Gun“ hat es im Kino keine derart verherrlichende Feier des US-Militärs mehr gegeben. Michael Bays Beziehungen sind gut: das Militär kann sicher sein, dass es in seinen Filmen glanzvolle Auftritte bekommt. Das Verteidigungsministerium bedankt sich auf seiner Website für die gute Zusammenarbeit: „Die Kooperation mit der Unterhaltungsindustrie gibt dem Militär eine menschliche Seite“, lässt sich Air Force Chief Master Sgt. Mike Gasparetto, zuständig für Anwerbung, zitieren. „Es ist ein großartiges Mittel zur Markenbildung.“ So gelingt „Transformers“ eine unheimliche Kreuzung: es ist Verkaufsmaschine für Kinderspielzeug und Rekrutierungsclip fürs Militär zugleich. [...] Es ist ein unförmiger und entsetzlich dummer Film. In den Vereinigten Staaten war er dennoch ein großer Erfolg: 273 Millionen Dollar hat „Transformers“ in nur vier Wochen eingespielt. Michael Bay versteht das Kino fast ausschließlich als Raum zur Entladung von Bild- und Tonsensationen. Konflikte, Expositionen und Entwicklung gibt es kaum. Dem organisch zusammengesetzten Dreiakter, in Hollywood mehr denn je das Maß der Dinge, setzt Michael Bay ein Kino hektischer Überhitzung entgegen. Fortwährend befindet sich seine Kamera in Bewegung, doch die Bilder fließen nicht, sie schlagen ein, oft mehrmals in der Sekunde. Selbst einfache Dialogszenen sind zusammengesetzt aus vielen kurzen Einstellungen, die nur in ungefährer Zeitfolge aneinander anschließen.

Das Resultat ist Michael Bay in Reinform, vor allem im Finale: eine halbstündige Zerstörungsorgie in den Häuserschluchten von Los Angeles, wie gewohnt im warmen Gegenlicht der untergehenden Sonne. Man kann zwar erkennen, wann es beginnt und wann es endet; was hier aber geschieht und warum genau, wer sich wo befindet und in welche Richtung bewegt, das ist nur näherungsweise in eine Ordnung zu bringen. Mit einer Kamera, die meist ganz nah dran ist, einer Tonspur, deren Dauerhagel gewaltig in den Magen fährt – gäbe es nicht hier und da noch Dialog- und Handlungsreste, man könnte fast von einem expressionistischen Film sprechen.

Erst das menschliche Hirn setzt Einzeleindrücke sinnverbindend zusammen. Deshalb halten wir eine Projektion von 24 Bildern in der Sekunde für ein einziges Bewegtbild; deshalb nehmen wir zusammengefügte Sequenzen als einheitliche Szene wahr, selbst wenn sie aus unterschiedlichen Perspektiven aufgenommen wurden. Michael Bays Stakkato verlässt sich auf dieses Talent – wendet sich allerdings an Hirne, deren Auffassungsgabe an Musikclips und Bildschirmspielen geschult ist.

Das berührt die Regeln der Montage fiktionaler Filme grundsätzlich: Statt aus einer logischen Abfolge von Handlungspunkten setzt sich Bays Trümmer-Kino eher aus atmosphärischen Bild- und Tonräumen zusammen, innerhalb derer – ähnlich wie in fünfminütigen Musikclips – die Reihenfolge der Einzelbilder kaum mehr von Belang ist. [Sebastian Handke im "Tagesspiegel" (Link)]

Der Regisseur Michael Bay (Bad Boys 1 + 2, Armageddon, Pearl Harbor) hat den Roboterkampf mit etwa drei Dutzend bekannten Blockbuster-Motiven zu einer sagenhaft kruden Handlung zwischen patriotischem Kriegsfilm, Action-Spektakel und Highschool-Lovestory verrührt. Er bedient sich bei E. T., Robocop und Stirb langsam, klaut die esoterisch wabernde Mächte-Philosophie von Star Wars, die harten Jungs bei der amerikanischen Armee, die seinen Film bereitwillig unterstützte, und die hormongetränkten Highschool-Witze bei American Pie. Neutral gesagt, ist Transformers ein einziger lang gezogener Transformationsprozess und damit ein Kino, das sich selbst zur Metapher wird. [Katja Nicodemus in der "Zeit" (Link)]

Wer mag, kann die allem Diskursiven von Herzen abgeneigte abgrundtiefe Arglosigkeit dieser “Transformers” schätzen, die für alle Zehnjährigen ein Heidenspaß sein müssen.

Andererseits ist es für denkende Menschen auch wieder nicht so einfach, über das infantile Menscheln hinwegzusehen, das den Film und auch die Roboter immer dann überkommt, wenn gerade keine Verwandlungs- und Zerlegungsvorgänge anstehen. (Es wird einem dann auch klar, warum Steven Spielberg hier als führender Produzent tätig war.) Es bleibt von den “Transformers” zuletzt summa summarum nicht mehr als mitunter ohrenbetäubender Lärm um nichts. Man sieht jeden Dollar, der in dem Film steckt, aber man sieht auch, wie er sich Szene für Szene in totale Substanzlosigkeit zersetzt. Das ist schon ein Schauspiel, auf seine Art. Aber eher nicht für erwachsene Menschen. [Ekkehard Knörer beim "Perlentaucher" (Link)]

Hier erlaube ich mir doch noch einen Kommentar: Warum um Gottes Willen soll dieser Film an die Kinder herangelassen werden? Warum soll er einer falsch verstandenen Jugendsubkultur entsprechen oder sie fördern? Was soll das? Genauso nebenbei werden Kinder in einer ansonsten sehr gut geschriebenen Kritik von Martin Thomson (Link) behandelt:

Indes sollte sich der Besucher dieses filmischen Kinderkarussels zwei Fragen stellen, von deren Beantwortung er den Erwerb einer Kinokarte abhängig macht: erst einmal, wie sehr er sich in der Lage sieht, sein geistiges Alter herunterzuschrauben um dem Film mit der notwendigen Faszination entgegentreten zu können und zweitens, für wie beschützenswert er seine Nostalgie im Angesicht eines ausgewachsenen Kindes erachtet, das den Spielplatz gegen den Regiestuhl getauscht hat, um freundliche Plastikfiguren aus der Kinderschublade für aufwendige Computeranimationen eines viel zu teuren Films zu mißbrauchen.

In vielen Leserkommentaren und Blogeintragungen zeigen sich Bewunderer des Films als aggressive Analphabeten und ewig pubertierende Popcornkonsumenten. Mir scheint das keine Frage des Alters zu sein. Bezeichnend sind in diesem Sinne Zuschriften beim “Stern” (Link) oder bei der “Welt” (Link). Dieses gerne zahlende Publikum wird auch von vielen Textern werbemäßig bedient – zum Beispiel von Jürgen Armbruster (Link):

Natürlich ist „Transformers“ kein Shakespeare. Das möchte der Film aber auch gar nicht sein. Es gibt das teure 5-Gänge-Menü im Sterne-Restaurant und es gibt Eiscreme. „Transformers“ ist schmackhafte, dickmachende Eiscreme, die insbesondere im Sommer einfach immer hin und wieder sein muss. Was Michael Bay hier abliefert, ist relativ nah dran am perfekten Sommerblockbuster und ein echter Männerfilm bzw. ein Film für das Kind im Manne. Popcornkino in Reinkultur. Vorwerfen kann man dem Film unter dem Strich eigentlich nicht viel. Wahrscheinlich wurde „Transformers“ mit minimalen Abzügen sogar der beste Film, der sich aus diesem Stoff hätte machen lassen. Produzent Tom DeSanto bringt die Sache auf den Punkt: „I think it’s going to be something the audience has never seen before. In all the years of movie-making, I don’t think the image of a truck transforming into a 20-foot tall robot has ever been captured on screen.“ Wie recht er da hat. Die ersten Einspielergebnisse lassen auf einen Monsterhit schließen, so dass es nur wenig verwundert, dass bereits jetzt die Vorbereitungen für einen zweiten Teil laufen. Und warum eigentlich nicht? So lange das sicherlich kommende Sequel ein ähnlich knallendes Abenteuer wie diese „Transformers“ werden, sind wir gerne dabei…

Genauso oder gar schlimmer schreibt Michael Kohler in der “Frankfurter Rundschau” (Link):

Michael Bays’ spektakuläre Endzeitvision ist ein erstaunlich vielfältiges Erlebnis, das sich nach dem Vorbild seiner Heldenfiguren beständig transformiert: Es schickt markige Grüße aus der Kindheit, macht ewigjunge Männerfantasien wahr, mildert sein Kriegsgeschrei mit ironischen Ausflügen in die Teenagerkomödie und wird zwischenzeitlich sogar richtig philosophisch.

Noch schlimmer, ungezügelter wirbt Thorsten Hanisch (Link):

Denn sobald die ersten Roboter auftauchen, werden die Knie weich. Und wenn die Action beginnt, sollten nicht nur Fans der Serie anfangen zu weinen vor Freude.
Bay und Produzent Spielberg haben Wort gehalten: Die zahlreichen Internet-Clips vermitteln nur eine leise Ahnung, von dem, was da auf der Leinwand abgefackelt wird. Für Filme wie TRANSFORMERS werden Kinos gebaut, solch eine wuchtige Materialschlacht gab’s seit STARSHIP TROOPERS nicht mehr zu sehen, die Qualität der Effekte dürfte den Maßstab so hoch wie anno dunnemals der selige TERMINATOR 2 – TAG DER ABRECHNUNG legen, hier sieht sieht man die Dollars endlich mal wieder auf der Leinwand und nicht nur auf den Papier, wie es zuletzt so oft PIRATES OF THE CARIBBEAN – AM ENDE DER WELT, SPIDER-MAN 3, GHOST RIDER, fast alles aus dem Hause Lee Tamahori…) der Fall war. Das Tolle ist auch: Michael Bay, quasi Erfinder der trendigen Wackel-Kamera hält sich hier vergleichsweise zurück, man kann die fantastische Arbeit der Effektleute würdigen, nur gelegentlich wird’s wieder recht zackig.
TRANSFORMERS ist ein audiovisuell überwältigendes Erlebnis mit Herz, Eventkino wie es sein sollte, für das man gerne den Obolus an der Kinokasse entrichtet und das nicht am Tag drauf wieder vergessen sein wird.

Ähnlich auch Zoran Gojic im “Merkur-Online” (Link). Etwas ausgeglichener, aber trotzdem Werbung:

Man merkt schnell, dass außer den Metamorphosen der Maschinenwesen nichts originell an dem Film ist. Es ist geradezu so, dass sich „Transformers“ alle Augenblicke selbst zu einem anderen Film auseinanderfaltet, mal zu „Godzilla“ oder „King Kong“, mal zu „Terminator“ oder „RoboCop“, mal zu „Christine“ oder „Herbie“. Und dann faltet er sich wieder zusammen und ist ein ganz normaler doofer Michael-Bay-Film, in dem jeder ein Held sei und das Mädchen kriegen kann, wenn er nur bereit ist, Opfer fürs Vaterland zu bringen. Der Unterschied ist nur, dass diesmal nicht Jerry Bruckheimer, sondern Steven Spielberg ihn produziert hat und er deshalb ans Gute im Spielzeug glaubt. [ Michael Althen in der FAZ (Link)]

Genauso scheinheilig sieht es aus bei der Besprechung auf der “Molodezhnaja.ch”-Seite (Link). Einen einzigen bescheidenen Versuch, sich gegen Lobhudeleien in der Presse zu wehren, fand ich nur bei Michael Meier in den “Nürnberger Nachrichten” (Link):

Die Unfähigkeit Bays, sein technisches Wunderwerk wenigstens notdürftig dramaturgisch zu unterfüttern, steht für das Totalversagen der Regie. Fällt den sichtlich faszinierten Kids im Publikum eigentlich nicht auf, dass Sam (Shia LaBeouf), der jugendliche Held, immer wieder für längere Zeit völlig aus der Handlung verschwunden ist?

Erstaunlicherweise findet diese in den USA top-platzierte Monstrosität zuweilen auch bei der Kritik Anklang. Von der «zerstörerischen Kraft medialer Vernetzung» und dem «Charme der Gigantomie» ist die Rede sowie von soziographischen Analysen der Herren Bay und Spielberg (Produktion). Anstatt zu konstatieren, was zu hören und zu sehen ist: Grottenschlechte Dialoge, ein grafisch überzüchtetetes Fast-Nichts an Story und Nullkommanix an Spannung.

Das oben von mir angesprochene optisch-technische Problem des Films sieht auch der ansonsten nicht gerade subtil ideologiesierende Kritiker der Zeitung “Junge Welt” Peer Schmitt (Link):

Was nützen die aufwendigsten Effekte digitaler Animation, wenn die Transformationen der Gestalten aus unzähligen Bauteilen so schnell geschnitten werden, daß man gar keine Zeit hat, die Details überhaupt wahrzunehmen? Der Anblick wirrer Haufen von Bauteilen allein überwältigt nicht, wenn technische Überwältigung das Ziel war. Eine Einstellung dauert in diesem Film nicht länger als ein Augenblinzeln. Um alles mitzukriegen, bräuchte man Flugfähigkeit und Facettenaugen. »Transformers« hat also nicht nur Nichtmenschen als Helden, der Film ist eher für Insekten gedacht. Daher auch die geordnete Arbeitsteilung in der »Transformers«-Welt: Krieger, Arbeiter und Pin-up-Poster (der Ort für die Frau).

Alles in allem hat die Presse ihre Aufgabe in diesem Fall bewältigt, wer will, kann sich informieren. Man muss nur wissen, wo. :-)

 

Anna Magnani singt Donnerstag, 17. Mai 2007

Einsortiert unter: Blogging,Film,Musik — peet @ 21:26 Uhr
Tags: , ,

Das ist eine berühmte Aufnahme, die jedoch kaum zu finden ist. Seit einigen Tagen ist sie im italienischen Mediablog von diciche zu genießen (Link). Anna Magnani tröstet verwundete und sterbende Soldaten des Ersten Weltkrieges mit dem neapolitanischen Lied “O surdato innamorato” (1915). Meine Empfehlung – mit der älteren Aufnahme von Beniamino Gigli zu vergleichen. Wer den Film “La Sciantosa” (1970) nicht kennt, findet zwei Worte über ihn bei imdb (Link). Der Text des Liedes ist auch zu verstehen (Link).

Im verlinkten Blog sind übrigens viele schöne Fotos und allerlei Kunst zu bewundern.

 

Nicht nur Filmkritik Freitag, 27. April 2007

Einsortiert unter: Film,Medien — peet @ 9:40 Uhr
Tags: ,

In der Zeitung “The Christian Science Monitor” von heute lese ich gerade einen netten Artikel “In defence of film critics” von Peter Rainer (Link). Fragmente daraus:

Why do we need film critics? It’s a question that movie executives, publicists, and even readers often ask around this time of year, as we edge into summer, and the studios haul out their extravaganzas – the types of films often panned by reviewers. [...]

My larger point here is that movie criticism, as a profession, cannot be looked at apart from the megabillion dollar industry to which it is tethered. [...]

Part of the reason for the increasing vehemence toward movie critics is the rise of the Internet. Blogginess has overtaken critical discourse on the Web. But this opinion-making – I’m being polite in calling it that – is not the same thing as real criticism. Because movies are such an accessible and relatively cheap form of entertainment, as opposed to, say, the opera or ballet, everybody can feel like a movie critic.

I’m not saying that film critics should only come in one size – that only through years of cogitating on the classics can one be properly certified. Sometimes the most interesting pieces on a movie are written by the nonprofessionals: by sociologists and political writers or critics from the other arts. Or by just plain folks. The problem with much so-called serious movie criticism today is that it is too self-referential and insular. Too much of it reads like it was written by people who only know movies and haven’t lived a life.

The same is true, of course, of the moviemakers themselves. One reason, for example, why I am repelled by some of the violence I see in movies is that it looks to have been perpetrated by directors who haven’t lived much of a life, either. They know how to film violence but not its consequences.

My approach to criticism – and I’ve been at it since the 1970s – is simple. I write to please myself and hope that it will please you too, too. And I don’t mean by this that you must always, or even often, agree with me. Movies, even trashy ones, often affect us deeply, which is why disagreements over their quality can become highly charged and personal.

This is as it should be. I can only practice my profession honestly if I am true to my own feelings. I want to convey why a movie matters to me, or why it disgusts me, or leaves me cold. And everybody’s experience is unique. That’s why there is no such thing as “objective” criticism. Criticism is an art, not a science.

And if I happen to love a movie that’s a box-office hit, so much the better. From “The Godfather” movies to “Jaws” to “Dumb and Dumber” to “The Lord of the Rings,” I’ve often been on the right side of the cash register. But this is tangential to what I do. If it wasn’t, I’d be in the advertising business instead of the movie critic business. I’d like to think there is still a difference between the two.

Gut gesagt, finde ich. Und das passt nicht nur zur Filmkritik.

 

Brumlik zum Film von Levy Mittwoch, 17. Januar 2007

Einsortiert unter: Deutschland,Film,Israel,Medien — peet @ 11:47 Uhr
Tags: ,

In der weiter laufenden Debatte um den Film von Dani Levy “Mein Hitler” hat sich Micha Brumlik geäußert. Sein Artikel wurde von der “Frankfurter Rundschau” gedruckt (Link). Eine Passage daraus zitiere ich, denn sie ist treffend:

Wenn diesem Film überhaupt ein grundsätzlicher Vorwurf zu machen ist, dann, dass er als Katalysator einer kollektiven Regression dient. Der Rückfall eines großen Teils des Publikums und der Kritik – gleichgültig ob nun der Großkritiker Kaiser anlässlich des Films über “typisch Jüdisches” und ganz ethnopluralistisch über “Respekt zwischen den Völkern” faselt oder Vertreter des Zentralrats der Juden das Filmchen für “untragbar” erklären – besteht darin, dass nun doch wieder Adolf Hitler für den industriell-handwerklichen Massenmord an sechs Millionen europäischer Juden persönlich verantwortlich gemacht wird. Staunen muss man immerhin darüber, dass Oliver Hirschbiegels Untergang, der einen mörderischen SS-Arzt sowie den technokratischen Verbrecher Albert Speer zu verantwortungsethisch geläuterten Nationalisten umgelogen hat, verglichen mit Daniel Levys Film glimpflich davon gekommen ist. Entsprechende Demarchen gegen den Untergang wurden jedenfalls nicht bekannt.

 

Dani Levy hat einen Fehler begangen Mittwoch, 10. Januar 2007

Einsortiert unter: Deutschland,Film,Medien — peet @ 8:09 Uhr
Tags: ,

Der Streit über den neuen Hitler-Film ist sinnlos, aber viel mehr interessant als der Film selbst. Der Regisseur änderte den Film komplett nach der ersten Vorführung und meint jetzt, den neu montierten wollte er von Anfang an so haben. Ha-ha. Helge Schneider distanziert sich usw.

In der Zeitung “Wiesbadener Tagblatt” von heute fand ich die bis dato klarste Hinrichtung des Films, die Peter Müller durchexerziert hat:

“Mein Führer” ist eine halbherzige Farce geworden: ein bisschen Tabori, ein bisschen Chaplin, ein bisschen Benigni – ein großes unharmonisches Bisschen, bei dem der Moralist Levy sich irgendwie selbst im Weg steht und es nie schafft, den Gestus des angestrengten Autorenkinos abzulegen. Slapstick und Nonsens – ja, aber die versuchte Gleichzeitigkeit von Verballhornung des Nazi-Absurdistans und (ernst gemeinter) Psychologisierung will einfach nicht gelingen. (…)

So bleibt ein seltsam unentschiedener Filmstudentenstreich, der – für eine Komödie zu tragisch, für ein Drama zu absurd – als Mixtur letztlich nicht funktioniert.

 

Mein “Munich” Sonntag, 19. März 2006

Die breite, sehr widersprüchliche Palette der Meinungen und Wertungen zu dem Film “München” (2005, im Original Munich) von Stephen Spielberg bietet die Aufgabe an, diese bunte Mischung zu ordnen.

Was fällt auf? Sehr wenige Zuschauer und Kritiker sind mit dem Film zufrieden. Sowohl künstlerische Bewertung als auch die Lesart der politischen Botschaft tendiert eher zu negativen Zahlen, wäre eine Benotung möglich. Spielberg wird beschuldigt, jeweils dem anderen zuzuspielen, dem Gegner der vermeintlichen Partei des Schreibenden. Liegt es an der Materie oder an dem Film selbst?

Ich begrenze mich auf die folgenden Themen: Realitätsnähe, der Umgang mit dem Bösen, Auffassung der Motive der handelnden Personen, Gewichtung der dargestellten Protagonisten.

Realitätsnähe

Das Original beginnt mit der Zeile „Inspired by Real Events”, die deutsche Version sagt zu uns “Nach wahren Begebenheiten”. Den Satz kann man nur doppeldeutig verstehen – einerseits-andererseits. Begebenheiten seien als Inspirationsquelle verarbeitet worden, könnte man zusammenfassen. Das würde bedeuten – Ereignisse seien historisch wahrhaft dargestellt, die Interpretation der menschlichen Gefühle mag wohl vom Autor stammen. Dem ist leider nicht so. Die gezeigte Story ist unterm Strich nicht wahr.
Nicht einmal die Darstellung des Attentats ist wahrhaftig. Sie ist nicht komplett, sondern tendenziös und deswegen verzerrt. Der Vergleich mit zwei Büchern zeigt deutlich, es gibt keine Zweifel. Bei dem Spielberg-Buch von George Jonas geht es um die zum Teil unbestätigte, auf den Gerüchten basierende Zusammenfassung in dem Stil einer Boulevardjournalistik. Beim Buch von Aaron J.Klein dagegen geht es um eine fundierte Recherche. Der prinzipielle Unterschied zwischen dem Film und den genannten Büchern ist allerdings nicht vorlagebedingt, sondern liegt in der Vorauswahl des Materials begründet. Was wird gezeigt und was nicht – das ist entscheidend, beeinflusst die Zuschauer am stärksten. Ich würde nicht so sehr darauf eingehen, dass die Drehorte meist nicht den Originalschauplätzen entsprechen:

Das meiste haben wir auf Malta gedreht, ein wenig auch in New York und Paris.

Der erste Film nach dem Jonas-Buch „Sword of Gideon“ (1986, Regisseur Michael Anderson) wurde nicht in Ungarn gedreht, sondern an den jeweiligen Orten der Geschehnisse, ist aber viel glaubwürdiger nicht deswegen, sondern weil die Intention der Vorlage eins zu eins übernommen wurde. Georg Jonas nahm nicht zu viel auf sich und verzichtete in seinem Buch auf Deutungen der Hintergrundmotive.

Ich würde zum Beispiel heute darauf bestehen, dass der damalige Dialog zwischen den Regierungen Israels und der BRD dargestellt werden sollte – nämlich um zu zeigen, wie es dazu gekommen ist, dass die Deutschen den Vorschlag der Israelis abgelehnt hatten, ein Antiterrorkommando hinzuschicken? Oder warum die Olympische Spiele kaum unterbrochen wurden (sehr klar im Dokumentarfilm “Ein Tag im September”, 1999, Regisseur Kevin Macdonald, gezeigt)? Oder wie es möglich war, drei gefasste Terroristen freipressen zu lassen? Ohne diese Punkte kann man die damalige Reaktion der israelischen Regierung kaum nachvollziehen. Die Darstellung der ersten Angelegenheit Genschers in seinen Erinnerungen

Wir taten keinen Schritt, ohne ihn [den israelischen Botschafter] zu informieren und seinen Rat einzuholen, zumal Israel mit Situationen wie diesen entschieden mehr Erfahrung hatte [...]
Um die Mittagszeit kündigte der Botschafter an, ein israelischer Spezialist für Sicherheitsfragen werde nach München kommen. Es handele sich um einen hohen Sicherheitsexperten mit Begleiter. Etwa um 19 Uhr trafen beide in München ein. Mit ihm sprach ich wiederholt; meine Frage, ob Israel eigene Kräfte zur Befreiung einsetzen wolle, verneinte er [...] (Hans-Dietrich Genscher: Erinnerungen, Siedler Verlag, Berlin 1995, Seite 151)

wurde durch das Buch von Aaron J. Klein widerlegt:

Brandt und Genscher lehnten höflich das Angebot der Premierministerin [Golda Meir] ab, eine Kommandoeinheit nach München zu schicken. (Aaron J. Klein, Die Rächer, München 2005, S.68 – Das Original heißt “Striking Back”.)

Wo sind Journalisten, die Genscher dazu eine Frage stellen würden? Genauso vermisse ich im Film andererseits die Darstellung einer Verwechslung, infolge derer ein unschuldiger Kellner in Dänemark getötet wurde. Ohne diesen Punkt kann man die (sowieso unrealistischen!) Selbstzweifel der israelischen Agenten gar nicht für bare Münze nehmen. Dazu die NZZ:

Wenn Israels Agenten Gewissensbisse zeigen dürften, kommentierte der ehemalige Mossad-Chef Efraim Halevy Spielbergs Film, dann spräche das nur für sie. “Ich wäre glücklich, wenn die Gegenseite auch nur ansatzweise dieselben Zweifel entwickeln würde.”

Im Film wird Einiges angedeutet, was nicht stimmt:

In the press notes, the filmmakers claim that though neither the Israeli government, nor the Mossad, had ever acknowledged the existence of such hit squads, several books and documentaries, utilizing inside sources, have since provided details of how the team carried out its goals. They cite two Israeli generals, who have publicly confirmed that the target assassination squads did exist: General Aharon Yariv in a 1993 documentary, and General Zvi Zamir in a 2001 interview for 60 Minutes.

Wie inzwischen schon viele Kritiker betont haben, werden israelische Agenten bei Spielberg als Amateure dargestellt, die weder mit Bomben umgehen noch für die eigene Sicherheit sorgen können:

Spielberg has created the five most inept assassin/spies in the history of movies. You don’t need espionage experience to know that after you shoot the guy next to the elevator of his apartment building, you don’t run away, you walk. They misjudge the strength of the explosives and nearly kill each other and many bystanders. They run back and forth between phone booths and bulky getaway cars.

Der Einsatzleiter wird von seinen eigenen Chefs im Film fast ausschliesslich nur unfair behandelt und ist beinahe neidisch auf die „nette“ Familie des französischen Paten. Der weitere Vergleich mit dem „Sword of Gideon“ würde zeigen: Spielberg hat sich auch hier weitgehend von seiner Vorlage entfernt. Bei Jonas und im “Sword of Gideon” wird die Konfrontation zwischen Avner und “Samuels” erst später eskalieren, der “Papa” ist Avner gegenüber viel freundlicher. Hiermit sind wir schon beim nächsten Kapitel.

Umgang mit dem Bösen

Die genuine Widersprüchlichkeit des Films entspricht der Ästhetik oder besser gesagt der Weltanschauung Spielbergs. Man könnte darauf antworten, jeder sei widersprüchlich. Ja, das Problem liegt aber darin, dass Spielberg sich dazu nicht bekennt. „Munich“ wird von verschiedenen Seiten als 1) die Darstellung des nichtvorhandenen Bösen kritisiert oder 2) die Darstellung des allgegenwärtigen Bösen oder 3) die Darstellung der Israelis als des Bösen oder 4) die Darstellung der Palästinenser als des Bösen. Beispiele:

1) David Brooks schreibt in den “New York Times” am 11.12.2005:

There is, above all, no evil. And that is the core of Spielberg’s fable. In his depiction of reality there are no people so committed to a murderous ideology that they are impervious to the sort of compromise and dialogue Spielberg puts such great faith in.

Because he will not admit the existence of evil, as it really exists, Spielberg gets reality wrong. Understandably, he doesn’t want to portray Palestinian terrorists as cartoon bad guys, but he simply doesn’t portray them. There’s one speech in which a Palestinian terrorist sounds like Mahmoud Abbas, but beyond that, the terrorists are marginal and opaque.

And because there is no evil, Spielberg gets the Israeli fighters wrong. Avner is an American image of what an Israeli hero should be. The real Israeli fighters tend to be harder and less sympathetic, and they are made that way by an awareness of the evil implacability of those who want to exterminate them.

Mark Steyn äußert sich im “National Review” am 31.12.2005:

Spielberg’s movie says in this line of work there’s no good and evil, and terrorism and counter-terrorism are merely opposing balls in an endless Newton’s cradle of moral equivalence.
In the Spielberg-Kushner version, it’s an opportunity for a terrorist bonding moment, as Avner and an equally fetching young Palestinian lad enjoy their variation on the old ‘Silent-Night’-on-the-Western-Front routine. Inside, the two groups are squabbling and retuning the radio back and forth from Arabic to, ah, less Arabic music until they find common ground and bridge the sectarian divide by settling on ‘Let’s Stay Together’ by Al Green.

‘Humanising’ the Arabs is fine, but the film works hard at dehumanising the Jews, not just because of the thin characterisations but also through the demands of the narrative arc: the Israelis are cold loners living in the shadows coolly observing Arabs taking their little girls to music lessons in Paris or chatting affably to the local storekeeper in Rome; then the Jews move in and clinically blow them to pieces. The Arabs have fully formed lives, the Israelis don’t.
Indeed, that’s what prevents this film being as anti-Jew as its detractors say it is. For all the tedious clichés about the cycle of violence, in the end Spielberg’s Jews are better than Spielberg’s Arabs – because the former feel bad about what they’re doing, and feeling bad – especially about your country – is the noblest of Hollywood virtues. And so crack Israeli agents gradually morph into the apotheosis of effete Western narcissistic moral passivity. Fine for movies, but you wouldn’t want to send them on a real job.

2) In seinem Weblog beobachtet ein Magdi am 22.1.2006:

The evil in Munch is pervasive. It exists in all of the principal characters. The film does not even attempt to make an assertion about the existence of evil, rather, it raises a debate about the point at which evil begins. As the nature of the assassins’ violence escalates, many questions are raised. Does one engage in evil the moment one begins to operate under the notion that punishment is necessary? Or that punishment is only satisfactory if it is in some way equivalent to the original crime (an eye for an eye)? Or does evil begin when a bystander is killed? Is a man evil when he kills the wife of a murderer in order to kill the murderer, or is he immune to wickedness until he kills the murderer’s child as well? Does a man become evil when he not only kills a woman but leaves her naked body uncovered? Or is it when he kills an adolescent? Munich asks these questions. The fact that it gives us no easy answers is testament to the filmmakers’ understanding of their material. Justice in itself is difficult to define. The exact moment at which justice becomes wickedness is imperceptible.
I believe, as Spielberg seems to, that both the Israelis and the Palestinians have a right to their home. There can be no easy resolution to this conflict, and the film offers none. However, the fact that many neo-conservatives have got their panties in a bundle over Munich means that, for me, the film is successful. Rather than preach, it debates. The fact that people like Krauthammer and Brooks are calling it a “travesty,” and accusing it of “taking sides” makes it quite clear that for these men, intelligent, empathetic debate is identical to moral equivalency. This makes Munich and its many questions absolutely necessary. Empathy does not necessarily arise from parallels (or moral equivalency); it arises from intelligent discourse, and is currently in very short supply.

3) Charles Krauthammer glänzt in der “Washington Post” am 12/13.1.2006 (ich zitiere die deutsche Übersetzung aus der “Welt” vom 26.1.2006):

In “München” sind die israelischen Athleten nicht nur theatralische, sondern auch historische Dreingaben, Strichmännchen. Pflichtgemäß führt Spielberg ihre Namen an – Spielbergs Liste -, und das war’s: keine Geschichte, kein Kontext, keine menschlichen Beziehungen, gar nichts. Diese Israelis sind nur da, um getötet zu werden.
Die Palästinenser, die das Massaker planen und von Israel zur Strecke gebracht werden, erhalten – durch die Hingabe des begnadeten Filmhandwerkers – Struktur, Menschlichkeit, Tiefe und Geschichte. Der erste Palästinenser, den wir in dem Film kennenlernen, ist der hochgebildete Dichter, der eine öffentliche Lesung abhält, sich dann gegenüber einem italienischen Ladenbesitzer als großzügig erweist, ehe er von dem Juden ebenso kaltblütig wie brutal erschossen wird.
Dann ist da der ältere PLO-Mann, der von seiner sieben Jahre alten Tochter schwärmt, bevor er in die Luft gejagt wird. Keiner dieser Verschwörer wird dabei gezeigt, wie er den Anschlag von München oder irgendeine andere Greueltat plant. Sie werden in voller Blüte ihrer Menschlichkeit geschildert, und wie sie von den Juden rigoros ausgelöscht werden.
Doch die schockierendste israelische Brutalität ist die Szene mit der holländischen Prostituierten – unpolitisch, schön und Mitgefühl erheischend – die, natürlich nackt, von den längst halb wahnsinnigen Israelis erschossen wird, die noch eine private Rechnung zu begleichen haben. So macht man das in Israel nun mal, nehme ich an.
Noch ungeheuerlicher als die Manipulation durch die Charaktere ist die Propaganda der Dialoge. Das palästinensische Programm wird geradeheraus formuliert: Die Juden haben uns unser Land weggenommen, und wir werden jeden Israeli umbringen, den wir erwischen, damit wir es zurückbekommen. Diejenigen, die die israelische Sache repräsentieren, sagen das gleiche. So erklärt die Mutter des Helden, des erbarmungslosen, eingefleischten Zionisten: Wir brauchten eine Zuflucht. Wir nahmen sie uns. Was auch immer es kostet. Dann leiert sie die Namen von Familienmitgliedern herunter, die den Holocaust nicht überlebten.
Spielberg macht den Holocaust zum Motor des Zionismus und zu seiner Rechtfertigung. Das deckt sich natürlich genau mit der Sichtweise der Palästinenser. In der Tat entspricht dies genau der klassischen Lesart für Antizionisten
Die These des Films lautet, dass die ganze israelische Sache – also nicht nur der Rachefeldzug gegen die Hintermänner der Anschläge von 1972, sondern das gesamte Unterfangen Israel selbst – einem moralischen Bankrott gleichkommt. Diese Behauptung wird derart nachdrücklich vertreten, dass “München” damit endet, wie der Chefauftragskiller des Mossad, innerlich zerrüttet durch seine Erfahrungen, Israel für immer verläßt. Und wo siedelt sich unser Held an? An dem einzigen Ort, an dem echte Juden mit Anstand und Feingefühl eine Heimat finden: im New Yorker Stadtteil Brooklyn.

Ich darf in dem Zusammenhang daran erinnern, dass im Nachspann zum „Sword of Gideon“ erzählt wird, Avner sei 1973 nach Israel zurückgekehrt, um im Krieg seinem Land wieder zu dienen.

Noch eine Pointe: Viele Medien weisen darauf hin, dass Spielberg keine Beteiligten an beiden Seiten konsultiert hat. Es stimmt nicht so ganz. Jonas erwähnt in seinen Notizen, dass sein „Avner“ von Spielbergs Team zur Beratung hinzugezogen wurde. Allerdings meint ein Kritiker wohl zu Recht:

[Der Planer des München-Attentats] Daoud need not fear that no one consulted him: Spielberg and Kushner are on it.

Oder wie ein anderer Kritiker sagt:

Whatever good intentions Spielberg may have had, his “docu-drama” serves only the dangerous Islamist propaganda machine and may even inflame Jew-hatred.

4) In einem ausführlichen Artikel zeigt Elisabeth Lindner-Riegler sich kämpferisch am 28.2.2006 bei dem „Campo antiimperialista“:

Der Anschlag in München hat also keine Geschichte. Es kommt kein palästinensisches Volk vor, das 1948 und 1967 zu Hunderttausenden von seinem Land vertrieben wurde, das seit 1967 – also damals seit fünf Jahren – unter israelischer Besatzung lebte. Kein Wort davon, dass tausende Palästinenser in israelischen Gefängnissen gefoltert wurden, dass zur Bekämpfung des Widerstands – eines legitimen Widerstands gegen Besatzung – Zivilisten als „Kollateralschäden“ ermordet wurden oder Flüchtlingslager bombardiert wurden. Die brutalen ersten Jahre der Besatzung waren der direkte Hintergrund von München 1972. Aber diese Geschichte darf nicht erzählt werden, damit der zweistündige Rachefeldzug der Israelis menschlich verstanden und nachvollzogen werden kann.
München hat keine Vorgeschichte, die Palästinenser sind Terroristen. Zu sagen haben sie im Film wenig. In der englischen Fassung in den amerikanischen Kinos wird das Wenige, was auf Arabisch gesagt wird, nicht einmal untertitelt.
Breiten Raum hingegen bekommt das fünfköpfige israelische Killerteam, um zu vermitteln, dass sie Menschen sind und keine Killer. Sie haben für Israel ein ungeheuerliches Verbrechen zu sühnen – deshalb können sie weder Terroristen noch Killer sein. Ausgehend von dieser Prämisse sehen wir sie essen, lachen, scherzen oder auch später von gewissen Zweifeln geplagt. Wir haben es mit Menschen zu tun, mit denen man sich identifizieren kann. Avner ist zudem Vater eines kleinen Babys, nach dem er sich sehnt, das er nur übers Telefon hören kann. Wir werden Zeugen, wie er darüber in Tränen ausbricht. Alle Register werden gezogen um Avner, den Killer, nicht als Killer darzustellen.
Dieser Schluss ändert nichts an der Grundaussage des Films, nämlich dass Israel im Kampf gegen die „terroristischen Palästinenser“ jedes Recht hat, Rache zu nehmen. Im Gegenteil – die unmenschliche Politik bekommt noch menschlichere Züge. Die Schlussszene mit Avner und seinem Baby auf dem Arm macht die Identifikationsmöglichkeit vollkommen.
Spielberg hat dem rassistischen zionistischen Israel einen hervorragenden Dienst erwiesen, darüber hinaus auch noch George Bush in seinem „Kampf gegen den Terror“.
Wenn man den Film gesehen hat, wird man erkennen, dass es gerade um die absolute moralische Ungleichheit geht und dass Stimmen wie die Leiblers offensichtlich jeden noch so zarten Hauch an Kritik als Angriff auf ein moralisch absolut über jeden Zweifel erhabenes Israel sehen. Dennis Ross, ehemaliger Nahost-Gesandter der USA unter Bill Clinton, der für den Film in der jüdischen Gemeinde in Manhattan warb, sieht die Sache anders. “Munich” sei sehr wohl „ein guter Film für die Juden und für Israel.“ Was Israel betrifft, hat er leider Recht.

Nicht anders denkt ein Emanuel Goldman:

The essence of the film is that the Israelis are the good guys, the heroes. The story is told from their point of view, and we identify with them. Whatever else one may criticize about the politics, there is no escaping that. This is an enormous advantage for the Israelis, and vitiates the argument that the film suggests moral equivalence. If anything, it makes the Israelis even more sympathetic because it shows them caring about human life, in stark contrast to the way the terrorists are depicted. The actions of the Israelis are in response to horrific acts. The filmmakers chose to omit a reported real-life mistaken identity killing of a waiter in Norway; had the filmmakers wished to demonize the Israelis, including the killing of an innocent person would have certainly tarnished them. By contrast, the Israelis are depicted as taking pains to avoid killing innocent people. the Israelis are the heroes, the good guys, and the terrorists are monsters.

Noch deutlicher wird ein arabischer Politologe Joseph Massad:

Munich is not about these Palestinians; it is emphatically about Israeli Jews and Israeli terrorism. Munich poses moral questions about terrorist methods and whether the end justifies the means as it chronicles the pangs of conscience troubling Israeli terrorists while they murder Palestinian poets, writers, and politicians across Europe and in Lebanon. Spielberg, who is at any rate an active participant in such media depictions, humanizes Israeli terrorists in Munich but expectedly not the Palestinian terrorists who are portrayed as having no conscience.

Genauso:

So now the real challenge for Spielberg. A Muslim friend once wrote to me to recommend Schindler’s List, but asked if the director would continue the story with an epic about the Palestinian dispossession which followed the arrival of Schindler’s refugees in Palestine. Instead of that, Spielberg has jumped 14 years to Munich, saying in an interview that the real enemy in the Middle East is “intransigence.” It’s not. The real enemy is taking other people’s land away from them.

UPDATE: Ähnlich sieht den Film auch “as’ad”, der mehrere Vergeltungsaktionen der israelischen Armee benennt (Link).

Abschließend können wir sagen, die Botschaft des Films ist so undeutlich, dass jede Partei in ihm etwas Anderes, eben jeweils Anderes sieht. Ist es ästhetisch vertretbar? Das Böse spielt bei Spielberg von Anfang an eine besondere Rolle. In seinem ersten Film (“Duell”) war der riesengroße Lastwagen das Böse, sein menschlicher Fahrer wurde nie gezeigt. In „Schindlers Liste“ wurden Täter und Opfer unterschiedlich gezeigt – die Opfer nur leidend, weil das Böse übermächtig ist. Die Bösen haben nur negative Züge. Genauso im „Soldat James Ryan“. In diesen beiden Filmen wird die Hauptperson als in sich zweifelnde zerspaltene Persönlichkeit gezeigt. Die moralische Botschaft sowie der beträchtliche Schuss vom amerikanischen Patriotismus wird über den eigentlichen Inhalt der Story drauf gesetzt – als eine besondere Intention des Autors.

Auch im „Munich“ zwingt der Regisseur uns, mit seinem Blick Ereignisse zu sehen. Szenen in Israel haben eine andere, traumatisch bedeckte Sepiafarbe, sie kommen aus einer anderen, surrealen Welt. Szenen am Tisch werden metaphorisch groß ausgespielt – der Vergleich zwischen dem Essen beim französichen Paten und dem der israelischen Agenten untereinander führt zur selben Folgerung wie die parallele Montage der Attentatsschnitte mit den Bildern des inneren Lebens des Avner bis zur Liebesszene fast am Ende des Films. Nämlich, das Gute ist hin, es ist nicht mehr da. Diese Folgerung ist pessimistisch, das Böse ist überwältigend, dringt durch. Die Spirale der Gewalt sei nicht zu stoppen, Twin Towers am Ende des Films sind deren prophetisches Zeichen.

Motive der handelnden Personen

So gut wie jeder Bericht über den Film geht davon aus, dass die israelische Tötungsaktion ein Akt der Rache sei. So wird die Position der Golda Meir im Film interpretiert, in vollem Einklang mit dem üblichen antisemitischen Ressentiment, es sei jüdisch, „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ zu fordern. Ein Beispiel von sehr-sehr vielen:

Es ist der von Golda Meir so bezeichnend als der “Zorn Gottes” über die angeblichen Feinde Israels heraufbeschworene Rachefeldzug. Es ist eine Geschichte von Blut und Gewalt.
Es ist das alttestamentliche Prinzip Aug um Aug, Zahn um Zahn. Es ist die Geschichte von Rache und Vergeltung, die ihre Täter und Tatestäter mit sich zieht und letztlich in einem Zustand psychischer Gestörheit zementieren wird. Es ist die Sünde des Hochmuts, alles zu dürfen, die alles verspricht, wenig gibt, aber alles nimmt. Diese verhängnisvoll wirkenden Mechanismen aufzuzeigen, darum geht es Spielberg, nicht um Authentizität.

Der missionarisch denkende Franziskus von Ritter-Groenesteyn spricht in dem zitierten Beitrag weiter über „die Sinnlosigkeit und Heuchelei des israelischen Rachefeldzugs“. Es sei „ein Film, der auf drastische Weise aufzeigt, wohin es führt, wenn man nicht die Goldene Regel befolgt, die uns im Neuen Testament als Wegweiser für ein besseres Zusammenleben hinterlassen ist: “Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen!” Mt 7,12.“ Oder: „Ihr Tun“ lasse „aber ein kleines nunmehr vaterloses Mädchen einsam und allein in einer zerstörten Wohnung“ zurück.

Noch ein Beispiel. In seiner Homepage philosophiert Ulrich Behrens:

Die Bilder zeigen den Anti-Terror-Terror des israelischen Teams um Avner, sie zeigen das Auge-um-Auge-Prinzip ihres Handelns, das wiederum nur Ausfluss einer geradezu vollständigen Internalisierung der Legitimitätsideologie ist. Und das allerdings ähnelt nicht nur minimal an die rechtstheoretische, aber eben auch zutiefst politische Legitimitätstheorie Carl Schmitts: Die politischen Willensäußerungen eines Volkes, die gesetzlichen Regelungen, die dessen Regierung trifft, sind nicht einfach beliebig; sie sind Ausdruck der Existenz eines „gleichartigen Volkes” bzw. seiner werthaften Institutionen, Die Legalität (politischen) Handelns gründet nach dieser Theorie nicht mehr in demokratischen Verfahren, sondern in der Nation, der Rasse, der Ethnie, deren Existenz(recht) und Existenzsicherung, eben jenen undefinierbaren theoretischen Konstrukten, die einzig Legitimität begründen sollen und denen das Legalitätsprinzip untergeordnet werden soll. Golda Meir formuliert anfangs des Films genau dies.

Und weiter:

Spielberg rollt diese Verzahnung realer Ängste und grausamer Vergangenheitserfahrungen mit einer Legitimitätsideologie am Beispiel Avners auf. Avners Gruppe zerfällt, aber vor allem zerfällt Avner innerlich. Wenn er sich am Schluss entscheidet, mit seiner Frau und seiner Tochter in New York zu bleiben, statt nach Israel zurückzukehren – voller Angst um das Leben seiner Familie –, dann hat er sozusagen „zur Hälfte” die Spirale von Terror und Anti-Terror in sich bereits überwunden. Es ist diese seelische Verworfenheit, die eine zutiefst humane Gewissensentscheidung auslöst. Ephraim reagiert entsprechend: Ohne es zu sagen, kann man an seinen Augen ablesen, dass er meint, Avner habe den Kontext der Legitimitätsideologie verlassen. Er katapultiert Avner quasi mit einem Blick und einem „Nein” aus der israelischen Identität.

Es ließen sich – allerdings nicht auf Basis dieses Films – bei den Palästinensern ähnliche Strukturen aufzeigen. Darüber hinaus setzt Spielberg mit „München” seine Kritik an solchen Legitimitätsideologien insofern fort, als er bereits in „Minority Report”, in dem es um die Aburteilung von Menschen ging, die keines Verbrechens schuldig waren, sondern verurteilt wurden, weil sie den Willen zum Verbrechen hatten, deutliche Aussagen traft. Auch in „Minority Report” ging es um die staatlich legitimierte Ausübung von Gewalt ohne Legalitätsbasis vor dem Hintergrund einer Legitimitätsideologie, die den Staat als Wächter eines „homogenen Volkes” verkaufte.

Ein Blick in die Judaistik macht klar:

Eines der hartnäckigsten antijüdischen Vorurteile drückt sich in den Worten “Auge um Auge” aus. Mit dieser angeblich aus der Thora stammenden Formel wird Juden bis heute vorgeworfen, Rache sei das Prinzip ihres Verständnisses von Gerechtigkeit, ihr Gott sei – im Unterschied zum “christlichen” Gott – ein grausamer und rachsüchtiger Gott und Frieden mit dem Volk und Staat Israel deshalb niemals möglich.
Die Übersetzung “ajin tachat ajin” (21:24) als “Auge um Auge” ist vollkommen falsch. Sie widerspricht dem jüdischen Verständnis der Thora und ist meistens Ausdruck einer antisemitischen Grundeinstellung. Sie widerspiegelt häufig das Rechtsverständnis und die Rachsüchtigkeit der Person, welche die Thora falsch versteht und verurteilt.

Ist es möglich, den Film anders als nur problematisch zu verstehen?

Außerdem weisen (leider viel zu wenige) Kritiker darauf hin, dass Golda Meir nie Worte sagte, die im Film als authentisch präsentiert werden:

In a scene that never actually happened, Golda Meir justifies the mission of the agents she sends to carry out justice with the words, “Every civilization finds it necessary to negotiate compromises with its own values.” Golda never said it because she understood that holding mass murderers responsible is not a compromise with civilized values, but the only way to insure that civilization survives.

Auch:

Entgegen dem gängigen Erklärungsmuster meint Zamir, die Tötung palästinensischer Terroristen nach den Olympischen Spielen von 1972 sei kein israelischer Racheakt gewesen. Der Geheimdienst habe nicht primär nach Verantwortlichen für das Massaker gesucht, sondern sich bemüht, die Infrastruktur der terroristischen Organisationen in Europa zu zerschlagen. Es sei ihm um «die Verhinderung künftiger Gefahren» gegangen.

Spielberg meint in einem Interview bezüglich der Finalszene:

There is no connection between the Israeli-Palestinian conflict and al-Qaeda. What I meant to say in the last frame is that now, unfortunately, it is time for America to face the hard choices Israel has been dealing with for years.

Dazu spottet britische Journalistin Melanie Phillips am 10.2.2006:

When Israelis kill their killers, their cause cannot be just because what they are wiping out is their own moral heritage. Resisting terror is therefore even worse than terror. What is the value of a Jewish life compared with clean Jewish hands? Jews don’t do killing. What Jews are supposed to do is die.
It is therefore not surprising that Spielberg, the committed American Jew, should occupy himself with recording the testimonies of Holocaust survivors, or making Shindler’s List. And these are indeed good works. But to claim piety by wrapping oneself in the shroud of the dead while denying the living the right to prevent themselves from being similarly exterminated is not good. It is disgusting.
With such a powerful and committed Jewish friend making the spiritual case for Israel’s annihilation, who needs enemies?

Sind christliche Motive gewolltes Mittel als eine moralische Botschaft im angeblich proisraelischen Film? Ich denke, Spielberg hat es eher unbewußt getan. Spielberg ist kein jüdischer Regisseur. Das muss allerdings bewußt gesagt werden.

Gewichtung der dargestellten Protagonisten

Die Gegenüberstellung verschiedener zum Teil sehr parteiischer Meinungen zeigt, wie wichtig die Darstellung der Figuren im Film ist. Sind israelische Athleten sympathisch, sind sie mehrdimensional gezeichnete Menschen oder nur Opfer (vgl. Schindlers Liste)? Sind palästinensische Terroristen nur böse Mörder ohne Hintergründe? Sind sympathische Opfer des israelischen Kommandos als Terrorplaner denkbar? Woran entstehen die Zweifel Avners – an der Angst, von der Gegenseite erwischt zu werden, von dem Anblick der sterbenden Auftragskillerin? Im „Sword of Gideon“ wird dieser Gewissensstrang ganz anders vorgestellt – durch zwei entscheidende Szenen. In der ersten sieht Avner das Leiden auf dem Gesicht des kleinen Mädchens, dessen Vater seine Gruppe gerade getötet hat. In der zweiten wird einer seiner Leute zum Helden und fällt einem Bombenanschlag zu Opfer, um die anderen zu schützen. Nichts dergleichen bei Spielberg.
Sein Avner wird paranoid, ohne dass wir etwas von seinen moralischen Skrupeln direkt erfahren. Er versagt in seinem eigenen Sinne.

Georg Jonas vermerkt dazu:

Spielberg’s “Munich” follows the letter of my book closely enough. The spirit is almost the opposite. Vengeance holds there is a difference between terrorism and counterterrorism; “Munich” suggests there isn’t. The book has no trouble telling an act of war from a war crime; the film finds it difficult. Spielberg’s movie worries about the moral trap of resisting terror; my book worries about the moral trap of not resisting it. Not demonizing human beings is dandy, but in their effort not to demonize humans, Spielberg and Kushner end up humanizing demons. The result isn’t so much a celluloid fable of moral equivalence, as a triumphant — indeed, orgasmic — battle hymn of the dove. Its climax has “Avner” fornicating in a grotesque montage, intercut with violent visions of the Olympic hostage drama. The inspiration for it probably comes from the Syrian poet Nizar Qabbani, whom I quote in Vengeance, celebrating his new-found potency after Israel’s initial setbacks in the 1973 Yom Kippur War. Qabbani is sexually aroused by Arab warriors crossing the Suez Canal. Spielberg and Kushner see “Avner” sexually aroused by the massacre at Munich. There’s no accounting for tastes.

Abschließen möchte ich mit einem bösen Witz:

Hannah Brown findet in der “Jerusalem Post” vom 19.1.2006:

Although Spielberg criticizes the Israeli response to the Munich massacre (as well as the American response to 9/11?), the only other response he seems to be suggesting is to congratulate the PLO on its publicity coup.
you would think Spielberg had sold his soul to the devil to make his earlier films and that, with Munich, the devil has come to collect.

 

Politische Korrektheit oder “Dresden” Montag, 6. März 2006

Einsortiert unter: Deutschland,Film,Medien,Politik — peet @ 17:14 Uhr
Tags: , ,

Noch eine Kriegsschnulze im Fernsehen. Sie heißt „Dresden“. Da sie offensichtlich künstlerisch schwach ist, wird sie politisiert. Von Autoren, um das Publikum zu magnetisieren. Von Kritikern, weil es eine nicht zu versäumende Gelegenheit darstellt, ein Trittbrett zu befahren.
Am deutlichsten schafft es Arnulf Baring in der Zeitung „Die Welt“:

Der Film will es allen recht machen. Er ist ein ängstlicher Kompromiß, der den heutigen Stand politischer Korrektheit nie aus den Augen verliert.

Der mutige alte Mann, der oft für einen Historikern gehalten wird ( weil er inzwischen in der Tat alt ist?), erinnert sich an Ereignisse. Er war damals zwölfjährig und meint, es sei anders gewesen. Dass der Film nicht seinen Erinnerungen entspricht, kritisiert er:

Ich kann mich an ein Lazarett erinnern, an dem ich im Morgengrauen des 14. Februar 1945 halb blind vorübertappte. Wir stiegen über Dutzende von Leichen. Und wie steht es zu dieser Zeit mit den Kindern in ihren Faschingskostümen, die am Vorabend in der Stadt unterwegs waren? Niemand wird es in diesem Film erfahren. Wo bleiben überhaupt die vielen, vielen Kinder, von denen Dresden damals voll war? Dresden war im Frühjahr 1945 eine Stadt der Frauen und Kinder. Weshalb vergißt die Generation der Filmemacher wohl heute die Kinder?

Es wird noch schlimmer. Im Film wird gezeigt, dass die Hauptfiguren…

Das Liebespaar überlebt. Auch meiner Tante Ursula gelang es, die Elbwiesen zu erreichen. Mit einer Nachbarin schleppte sie auf einem Sessel meinen Großvater, der bettlägerig war, und bettete ihn unter der Albertbrücke. Auch sie überlebten. Aber mein Großvater starb einige Tage später: Schock und Kummer hatten ihm das Herz gebrochen. Alles, woran er gehangen hatte, war in Flammen aufgegangen. Sogar das von ihm lebenslang mit Liebe betreute Familienarchiv, das er vorausschauend ins Ländliche ausgelagert hatte, war durch eine verirrte Bombe vernichtet worden – Lebenszeugnisse einer bürgerlichen Familie aus fünf Jahrhunderten. Ursula blieb lebenslang unverheiratet.

Unverheiratete Ursula – das Symbol der Kriegsverluste, gibt es etwas Schlimmeres? Bitte nicht weinen. Das ist noch nicht das Schlimmste. Jetzt kommt es:

Meine Schulfreunde und Klassenkameraden hat das große Feuer in alle Winde zerstreut. Wir haben uns nie mehr wiedergesehen. Von zweien aus meiner Klasse weiß ich, daß sie von einstürzenden Mauern erschlagen wurden.

Nachdem der Leser das Maß der Vergleiche (hier der Nazikrieg, da unschuldige Schulfreunde) erkannt hat, merkt man beim aufmerksamen Lesen überall verstreute wirksame Signalzeichen. Der Text ist voll davon:

Da wird im Januar 1945 ein englischer Pilot auf dem Heimflug von Magdeburg, das er gerade gemeinsam mit seinen Kameraden bombardiert hat, abgeschossen. Er, nicht Dresden, ist und bleibt die Hauptfigur des Films.

Auf der großbürgerlichen Verlobungsfeier erscheint unser Pilot (er hat sich inzwischen ein Lazarettbett ergattert, aber auch eine deutsche Uniform nebst Eisernem Kreuz) als strahlender Leutnant. Der Chefarzt bereitet währenddessen die Flucht seiner Familie in die Schweiz vor, wobei er sich der Hilfsdienste eines Mitarbeiters des Gauleiters Mutschmann bedient (dessen Unterschrift ich als Kind täuschend echt nachmachen konnte). Mutschmann ist an Morphium interessiert, das der Chefarzt skandalöserweise hortet, statt den Schwerverwundeten seines Lazaretts bei ihren Operationen Erleichterung zu verschaffen.
Was hätte das Thema dieses Films sein müssen? Der Untergang einer ganzen Welt. Millionenfach sind im Zweiten Weltkrieg in Deutschland bürgerliche Lebenswelten vernichtet worden: Möbel, Bücher und Bilder, Porzellane, Bestecke und alte Uhren, Familienphotos und Briefbündel – all das, was bürgerliche Interieurs ausmacht. Bibliotheken, Archive sind verbrannt, in denen sich städtische Geschichte verdichtete. Wenn uns Deutschland seit dem Kriege so erinnerungsarm und wurzellos erscheint, liegt das auch daran, daß durch die großen Feuer sehr viel ausgelöscht wurde, was uns in den Familien mit den Vorfahren verband.
Es war eine ganz absonderliche Idee, einen englischen Piloten, obendrein mit einer deutschen Mutter, zur zentralen Person dieses Films zu machen. Dabei hätte doch der Untergang Dresdens unbedingt am Beispiel, im Schicksal deutscher Bürger, Dresdner Bewohner verdeutlicht werden müssen. Wollte man hier etwa dem menschenfeindlichen, verbrecherischen Vernichtungswillen der Royal Air Force die Liebe eines Bomberpiloten zu einer jungen Deutschen entgegensetzen. Aber ist das nicht blasphemisch?
Da geht eine Welt, stellvertretend für das Bürgertum ganz Deutschlands, zugrunde, eine Kulturstadt des Barock, eben Elbflorenz, und das wird in Beziehung gesetzt zur Geburt eines deutsch-englischen Kindes! Das unklar Gefühlte, das Verhunzte solch schräger Erwägungen läßt den ganzen Film verrutschen. In einem anderen Film, zugegeben, hätte man auch aus der Geschichte des Piloten etwas Interessantes machen können, zumal jetzt im Sigmund Freud-Jahr: Da greift ein Engländer brutal das Land seiner Mutter an.
Es fällt überhaupt auf, daß die männlichen deutschen Hauptfiguren sämtlich mehr oder weniger problematisch sind. Kein einziger ist so schön und edel wie der Engländer. Glaubt man wirklich, es habe damals keine großartigen, selbstlosen, hilfsbereiten, vorbildlichen Männer unter den Deutschen gegeben? Haben hier deutsches Minderwertigkeitsgefühl, deutscher Selbsthaß, hat der Haß auf die Väter wieder einmal die Feder geführt? Es ist Unsinn, wenn der Produzent glaubt, die Moral in der Zeit des Nationalsozialismus habe gelautet: Jeder gegen jeden und jeder nur für sich selbst. Sind die Autoren vielleicht so kaltschnäuzig wie der Chefarzt, und ist er deshalb ihre Feindfigur?

Und zum Schluss:

Der Film versucht redlich, das Inferno spürbar zu machen. Wie sollte das ein Film, den man bequem im Sessel ansieht, vermitteln können? Man hat es immerhin versucht, und das rührt an. Aber dieser Film ist nicht Dresdens Requiem geworden. Schade.

Wenn man alle typische Merkmale der Geheimsprache der Neuen Rechten genug genossen hat, fragt man sich, was hat solch ein Text bei einer soliden Zeitung zu suchen? Wir erfahren im Text nicht, was Baring unter der „politischen Korrektheit“ versteht, genauso wenig von den Hintergründen des Krieges, der Bombardierung. Dafür dürfen wir uns an der erheiternden Erinnerung an den Gauleiter erfreuen, an den „eigentlichen“ Sinn des Krieges – „Der Untergang einer ganzen Welt“, der durch die Blümchen-Sprache (in dem Fall durch die angeblich Freudsche Sublimierung) so heißt: „Da greift ein Engländer brutal das Land seiner Mutter an“. Usw. usf. Eine unmissverständliche rhetorische Frage darf hier auch nicht fehlen: „Haben hier deutsches Minderwertigkeitsgefühl, deutscher Selbsthaß, hat der Haß auf die Väter wieder einmal die Feder geführt?“

Die Zeitung „Jungle World“ sieht den Film anders. Ivo Bozic prophezeit, dass solche Stimmen wie die des zitierten Baring kommen werden, und erkennt darin zurecht „die deutsche Opferstilisierung“:

Doch wenn das öffentlich-rechtliche ZDF eine Fernsehproduktion in Auftrag gibt, mit dem Anspruch, ein »historisches Ereignis fiktional zu rekonstruieren«, dann muss man mit dem Schlimmsten rechnen. Und das tritt dann drei Minuten vor Filmende ein: Plötzlich befinden wir uns im Jahr 2005, Horst Köhler erscheint im Bild und erklärt zur Einweihung der Frauenkirche (Gerhard Hauptmann zitierend): »Wer das Weinen verlernt hat, der lernt es wieder beim Untergang Dresdens.« Spätestens jedoch bei dieser Schlusseinstellung, in der sich ein Filmdrama so offen zur plumpen Propaganda bekennt. So nötig haben es die Deutschen offenbar.

Wir wollen nicht übertreiben. Noch hat der Film keine Preise ergattert, noch wurden Schüler nicht dazu verdonnert, ihn massenweise zu bewundern. Vielleicht bleibt es bei einem unzufriedenen Baring in der zufriedenen “Welt”?

 

Noch einmal “Der Untergang” Samstag, 4. Februar 2006

Christina Maria Berr erzählt in der “Süddeutschen” vom 1.2.2006 über eine Podiumsdiskussion, bei welcher sie Götz Aly und Romuald Karmakar zugelauscht hat:

So kritisierte Aly, der im vergangengen Jahr mit seinem Buch “Hitlers Volksstaat” für Debatten sorgte, das Dokudrama “Speer und Er” von Heinrich Breloer: “Der Film ist aus historischer Sicht Geschichtsklitterung.” Im Film “Der Untergang” von Bernd Eichinger und Oliver Hirschbiegel findet Aly nur die darin vorkommenden Geschichtslügen interessant. “Unter historiographischen Gesichtspunkten ist es vollkommener Blödsinn.” Ein positives Beispiel ist ihm stattdessen “Der Pianist” von Roman Polanski, die Geschichte um die Deportation eines Pianisten ins Warschauer Ghetto. “In diesem Film stimmt jedes Detail.”

 

Vom “Untergang” zum “gewöhnlichen Juden” Freitag, 20. Januar 2006

Einsortiert unter: Deutschland,Film,Medien — peet @ 13:39 Uhr
Tags: ,

Eine bissige Kritik hat etwas Positives, insbesondere wenn man deren Meinung teilt:

In seinem letzten Film, der geschichtsrevisionistischen Hitler-Trivialschmonzette »Der Untergang« (O-Ton Bruno »Hitler« Ganz: »Die Spackhetti warr’n kutt!«), hat uns Oliver Hirschbiegel, der Regisseur dieses quälenden, bleischweren Machwerks, das er nun gedreht hat, gezeigt, wie sehr die Nazis und ihr sich mit Sorgenfalten auf der Stirn mühsam einherschleppender, sterbenskranker Führer im Zweiten Weltkrieg gelitten haben und wie sehr sie unser Mitleid verdient haben. In seinem neuen Low-Budget-Film zeigt er uns an der exemplarischen Figur des ­Intellektuellen Emanuel Goldfarb, wie sehr die deutschen Juden leiden unter ihrer angeblichen fixen Idee, nämlich der beständigen zwanghaften Thematisierung des Holocaust, wie stark auch ihr Bedürfnis nach dem ist, was heute ­»unverkrampfter Umgang mit der Geschichte« genannt wird und früher »Geschichtsvergessenheit« hieß, wie sehr auch sie die Walsersche Sehnsucht nach »Normalisierung« teilen und wie fürchterlich sie im Deutschland der Gegenwart unter dem krankhaften Philosemitismus der nicht jüdischen Deutschen und ihrer »ekelhaften Einfühlsamkeit« zu leiden haben. Man mag sich gar nicht vorstellen, welche Geschmacklosigkeiten künftig noch auf uns zukommen werden.

So schreibt Thomas Blum in der Zeitung Jungle World vom 18.01.2006.

Vergessen wir dabei bitte nicht, wie “Der Untergang” gepriesen wurde, und wetten wir, dass “Ein ganz gewöhnlicher Jude” zu einem ebenso preisgekrönten “Erfolg” gekürt werden wird…

 

Frivole Gaskammer-Metaphern? Sonntag, 14. August 2005

Einsortiert unter: Film,Medien — peet @ 19:52 Uhr
Tags: ,

Seit dem 4.August läuft “Die Insel” (2005, “The Island”) in deutschen Kinos. Offensichtlich eine große Herausforderung für die Kritik. Meinungen des Publikums und der Journalisten ergänzen sich auf eine ganz eigenartige Art und Weise: Die meisten Kritiker – so Andreas Kilb (FAZ), Daniel Kothenschulte (Frankfurter Rundschau), David Kleingers (Spiegel), Philipp Bühler (TAZ), Ulrich Kriest (Stuttgarter Zeitung) u.a. – finden den Film schlecht, die meisten Zuschauer in Internetforen dagegen gut. Was nun?

Dem Regisseur Michael Bay wird vorgeworfen, anspruchslos zu sein (“zum reinen Action-Thriller absinkt”). So gut wie alle Autoren beklagen “das übertriebene Product-Placement”. Viele vergleichen “Die Insel” mit dem Film “Flucht ins 23. Jahrhundert”, welcher “verkam ebenfalls zum bloßen Verfolgungsspektakel”, fast alle halten “Materialvernichtung” (“Materialschlachten”) für das eigentliche Thema des Films und des Regisseurs. Insgesamt “Kakophonie des Lärms” (Matthias Grimm, schnitt.de).

Das Schwäbische Tagblatt (Klaus-Peter Eichele) geht noch weiter und entdeckt in Michael Bay sogar die Zielscheibe für eine politische Kritik auf höchster Ebene: “Mit seiner Klon-Krittelei liegt er vielmehr wieder einmal ganz auf der Linie von George W. Bush.” Genauso die TAZ (Philipp Bühler): “Die tiefe Wahrheit und ganz banale Enttäuschung solcher Gigaproduktionen liegt in ihrem selbsterklärenden Moment. Sie liefern nicht mehr als Affirmationen der Zustände, die sie vorgeblich kritisieren. Mit manipulierten Materialwelten, in denen man den Figuren gerade so viel Charakter zugesteht, wie es die Konstruktion erlaubt – oder, wie vielleicht in diesem Fall, der gerade aktuelle Standpunkt des US-Präsidenten in der Stammzellendebatte. Schade ist es dabei um die, die man noch immer für die Guten halten will.”

Das klingt sehr klug, nur hat leider mit dem Film wenig zu tun. Dass der Umgang mit dem Klonen, mit der Einmischung in die Natur, mit dem Sterben, mit der Genetik, wenn sie als Eugenik verstanden wird, eine höchst aktuelle, moralisch und emotional keinesfalls eindimensionale Diskussion ist, dürften Kritiker wissen. Dass im Film nichts von der evangelikalen Haltung des aktuellen amerikanischen Präsidenten spürbar ist, brauche ich nicht länger anzusprechen. Es sieht somit ziemlich primitiv aus, was wir da lesen, – nach dem Motto, wenn der Film die Klon-Debatte nicht eindeutig anders als der Bush-Junior sieht, dann ist er auf seiner Linie, und ist zu verdammen. Tja…

Der “Tagesspiegel”-Kritiker Sebastian Handke findet wenigstens treffende Vorbilder und stellt auch kongruente Fragen: “Denn der zugrunde liegende futuristische Albtraum ist beklemmend erdacht und in Szene gesetzt – als hätte Michael Crichton an einem verregneten Spätnachmittag Paranoia-Klassiker wie „Coma“ und „Logan’s Run“ verquirlt und vom Clip-Regisseur Chris Cunningham aufbereiten lassen. Dessen einzigartige Fähigkeit, digital geschliffenen Bildern eine Art hygienischen Horror zu entlocken, wird von Bay, Produktionsdesigner Nigel Phelps („Troja“) und dem Effektmeister Eric Brevig („The Day After Tomorrow“) zwar nicht erreicht, aber gut kopiert. Auch die beiden Hauptdarsteller sind sehr gut besetzt. Sie bekommen nur leider keine Gelegenheit, das existenzielle Drama auch auszutragen.” Ob der Film eine Kopie ist, ob es sehr gute Schauspieler sind, darüber lässt sich streiten. Es ist aber die kritische Meinung, die dem Film gebührend, aus dem Film erkennbar ist.

In der Reihe der Antiutopien findet “Die Insel” ihren Platz, neben Orwells “1984″, Bradburys “Fahrenheit”, die in bekannten meisterhaften Verfilmungen zum seriösen Film gehören. Es gibt auch die Action-Variante, mit “Matrix” an der Spitze, wo Verfolgungsjagden und die Rettung der Helden sowie der Welt zum Spektakel aufgekurbelt werden und aus der Tradition der Abenteuerliteratur kommen. Logische Ungereimtheiten solcher Romane oder Filme stören Leser oder Zuschauer am geringsten, egal was die Kritik dazu meint. Warum also ein schlechter Problemfilm höher eingestuft werden sollte als ein guter Thriller, bleibt ein Rätsel, bei dem wir uns nicht länger aufhalten wollen.

Besonders tief wird der Regisseur von der Filmkritikerin Anke Westphal (“Berliner Zeitung“) durchschaut:

“Denn auch die – klar: gesellschaftskritisch gemeinte – Klon-Selbstfindungsgeschichte ist nicht wirklich wichtig. Da fragt man sich natürlich, ob überhaupt etwas wichtig ist in diesem Film? Nun, wir können diese Frage mit einem ehrlichen Ja beantworten: Wirklich wichtig sind hier natürlich das falsche humanitäre Pathos und die Verfolgungsjagden, denn “Die Insel” ist nicht nur grottenwiderlich in seinen frivolen Gaskammer-Metaphern – es ist ja auch ein Film von Michael Bay (u.a. “The Rock”, “Armageddon”, “Pearl Harbor”), und in den Filmen von Michael Bay wird grundsätzlich ganz doll schnell gefahren, zu tollkühn geflogen und in jedem Fall sehr, sehr viel kaputt gemacht.”

Nehmen wir zuerst die Gegenüberstellung von Klonen und Menschen in der Kritik. Schauspieler Ewan Mac-Gregor (im Interview mit Skip.at) und Scarlett Johannson (im Interview mit der Zeitung “Die Welt”: Die Frage – “Der Film handelt vom menschlichen Klonen. Haben Sie sich jemals gewünscht, einen Klon zu haben?”. Die Antwort – “Ich würde sie selbstsüchtig zu meiner eigenen Kontrolle nutzen.”) genauso wie Kritiker unterscheiden folgenschwer zwischen Klonen und Menschen.

Böse Menschen wollen Klone nur als Ersatzteile für Reiche zuerst erschaffen und dann ausschlachten. Gute Klone kämpfen um ihr Recht zu leben, bekommen von keinem Menschen eine Unterstützung. Der andere witzige Filmwissenschaftler Sascha Keilholz (Webseite critic.de) kommt zum Beispiel auf die sozialkritische Idee: “Wenn sich gegen Ende des Films die Frage Klon oder Mensch stellt, weiß der Zuschauer, auf wessen Seite er sich zu stellen hat. So entwickelt dieser, wie jedes Science-Fiction-Werk, im Grunde zutiefst technisch-skeptizistische Film letztlich die These, der Klon sei ein besserer Mensch.” Ulrich Kriest (Stuttgarter Zeitung): Klone “agieren längst wie (nette) Menschen.” Am Rande wird da und hier noch vielleicht die halbherzige Hilfe von einem Mitarbeiter der schrecklichen Fabrik (Steve Buscemi) erwähnt, und fast in keiner Kritik wird die Umorientierung von dem Chefkiller (Djimon Hounsou) bedacht, der am Ende des Films Klone rettet.

Im Gegensatz zu diesen Meinungen bestehe ich darauf, daß der Zuschauer Schritt für Schritt durch die Gedankenkette im Film geführt wird – bis zur Erkenntnis: Alle Wesen sind hier menschlich, ganz entgegen den Behauptungen des bösen Wissenschaftlers (Sean Bean). Kritiker merken das nicht und verlassen sich auf seine Erklärungen genau wie seine Kunden im Film, mit dem Resultat nämlich, daß hier Klone gegen Menschen ausgespielt werden. Der Film kämpft gegen die inhumane Art mit Menschen umzugehen, das wird ihm selbst nun unterstellt.

Nach meiner Meinung sind Klone im Film auch Menschen. Sobald sie um ihre Existenz kämpfen müssen, werden sie genauso brutal und verlogen wie böse Menschen in der Welt des Films. Sie müssen das erlernen. Die Unterstützung finden sie zuletzt bei dem schon erwähnten ehemaligen afrikanischen Rebellen, der es nicht ertragen kann, daß einem Menschen ein Tawro eingebrannt wird. Dass das alles für die Kritikerin “nicht wirklich wichtig” ist, macht den zitierten Artikel noch nicht besonders. Da ist die gesamte Gilde überfordert, die meist nur über die Einnahmen zu schreiben weiß.

Daß die Kritikerin diese durchaus problematisierende Perspektive der Story nicht einsieht (“das falsche humanitäre [!] Pathos”), wäre auch nicht so schlimm, wäre sie bei der Verurteilung von Verfolgungsjagden geblieben – das tun so gut wie alle hochsensibilisierte Autoren, die offensichtlich ein Problem mit Action-Filmen haben.

Schlimm wird es, wenn die Autorin von “frivolen Gaskammer-Metaphern” redet. Im Film wird gemordet und getötet, auf verschiedenste Weise. Das Töten sticht ins Auge, so daß es weh tut. Keine Kritik, keine einzige erwähnt dies! Es wird von den kaputtgemachten Fahrzeugen, von Materialverlusten schöngeredet, das sei ästethisch zu verpönen. Daß dabei sehr viele Menschen meist sadistisch umgebracht werden, wird nicht mal beim Namen genannt, nicht mal aufgelistet. Und das sind alles Autoren, die Michael Moores Pamphlete gerne gesehen haben, sich als sozialkritisch sehen und gegen das Amerika G.W.Bushs bezüglich dieses Films aufmucken – selbstverständlich wegen dem “falschen humanitären Pathos”, wie oben zitiert. Die ausgeblendete, eben keine, nicht mehr vorhandene Toleranzgrenze, die selbst erteilte Erlaubnis, die gewalttätigen Tötungen – ein ästethisch falsches – inhumanes! – Mittel – einzusetzen, mit ihnen eine humane Wirkung erzielen zu wollen – das ist hier ein Problem, ein Problem nicht von Michael Bay allein, sondern des amerikanischen Films, unter anderem von Michael Moore bekannterweise groß ausgesprochen. In diesem Sinne ist “Die Insel” beispielhaft in ihrer Widersprüchlichkeit! Der Film ist den 13-jährigen zugänglich und kein Horror für Freaks, das wollen wir dabei nicht vergessen.

Traurig, daß nur eine spezielle Tötungsmethode eine hilflose reflexartige Empörung der deutschsprachigen Kritik hervorruft, nicht der Angriff auf die gewohnte Bildästethik selbst im Umgang mit der Darstellung des Tötens.

Ich hätte es verstanden, wenn die Autorin die Gaskammerszene nur widerlich gefunden hätte, genauso widerlich wie jede andere betont brutale Darstellung der Tötung im Film. Warum aber frivol? Findet sie denn widerliche Sachen frivol?

Ähnlich geht Peter Zander in der Zeitung “Morgenpost” auf die Suche nach NS-Bildern. Er entdeckt im Film “immer wieder Parallelen zu einem Konzentrationslager, wenn beispielsweise den Klonen eine Nummer auf den Unterarm tätowiert wird. Und reizt fast bis zum Ende aus, was selbst Spielberg in “Schindlers Liste” nicht wagte: daß der Zuschauer mit den Opfern in eine Art Gaskammer eingesperrt wird. Die “Endlösung” für den guten Geschmack.” Die Zeitung “Der Standard” spricht genauso “von einer in ihrer narrativen Funktionalität fragwürdigen Bezugnahme auf den Nationalsozialismus” (Isabella Reicher). Auch “Die Presse” ist sich sicher: “Spätestens, als die Klon-Baureihe, der der Flüchtling angehört, als “infiziertes Produkt” “zurückgerufen” wird und Säcke voll halbgarem Slime vernichtet sowie die bereits ausgewachsenen Klone in eine Art Gaskammer geführt werden, wird einem klar, wie grenzenlos naiv Bay sein Thema verschenkt.”

Ähnlich wie im Zitat oben sehe ich hier die Verschiebung der Perspektive. “Die Insel” erzählt eine Antiutopie und ist keine Verarbeitung der NS-Zeit. Dem Regisseur ist es wichtig, zum Beispiel, zu zeigen, Schwarzafrika mit seiner Trommelmusik rettet die Welt, wenn ich dies auch für einen nicht besonders tiefsinnigen Witz halte. Die Tatowierung aber ist hier ein Tawro, nichts anderes. Die Gaskammer ist “nur” eine von vielen anderen Tötungsmethoden im Film, eine Steigerung in der unfassbaren Logik der Entmenschlichung. Die Tötung in der Gaskammer wird im Film ausserdem verhindert, der Alptraum geht hier zu Ende. Was ist daran naiv?!

Die Kritiker sehen nur das, was ihnen ihre Phantasie zuspielt, nicht die Sprache der Bilder. Ist denn “1984″ für sie auch ein Buch/ein Film über die NS-Zeit? Was soll an einem “humanitären Pathos” falsch sein?

Erstaunlicherweise kommen nur deutsche und österreichische Journalisten (wohlgemerkt nicht alle!) auf dieses Thema, als hätte Michael Bay den Film für deutsche und österreichische Gedächtnisspezialisten konzipiert. Warum nur?.. Hmm…

 

 
Follow

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 31 Followern an