Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Hannes Stein über Europas Zukunft Montag, 14. Juni 2010

Einsortiert unter: Deutschland,Geschichte,Islam — peet @ 7:25 Uhr
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Meine Schlussfolgerung: Wandert aus. Es lohnt den Streit nicht. Europa hat 1914 Harakiri begangen und sich 1933, damit der Selbstmord nur ja klappt, auch noch die Kugel gegeben, es hat alles in sich abgetötet, was gut, schön, zart oder einfach nur sonderbar war—dieser Kontinent ist nicht mehr zu retten. Nicht vor sich selbst. Wenn ihn die Muslime übernähmen (bitte, hier, ein Video, das Martin Riexinger mir geschickt hat), wäre das vielleicht noch das Beste, was ihm passieren könnte. [Link]

Eine neue Qualität. Wenn aber die Entwicklung das bestätigt, was dann? Ist das nur eine Meinung von dem, der selbst ausgewandert ist, oder eine treffende Analyse der Zustände?

 

Lesenswerter Erlebnisbericht Samstag, 20. März 2010

Einsortiert unter: Antisemitismus,Deutschland,Geschichte — peet @ 17:30 Uhr
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…von einer Studienfahrt nach Auschwitz (Link).

 

Verlegers Irrweg Mittwoch, 23. September 2009

Am 11.9.2009 durfte Rolf Verleger in der Zeitung “Neues Deutschland” einen weiteren Katechismus der guten Juden präsentieren (Link). Warum auch immer, fand der Artikel keine Aufmerksamkeit. Dem Unglück wollen wir helfen.

Das Schönste verbirgt sich am Ende des Textes. Zuerst wird die Gegenüberstellung zwischen den guten und bösen Juden mühsam aufgebaut. Verleger findet dafür seine Metapher, er spricht von der Position der Stärke und der der Verantwortung. Die Starken sind der Zionismus, die Regierung Israels, die Mehrheit seiner Bürger. Die Verantwortlichen sind Verleger selbst und seine Gesinnungsgenossen, die in Israel eine 4-5% Minderheit bilden und in Deutschland sehr laut bzw. schrill sind und von den deutschen Medien mit der besonderen Behutsamkeit liebevoll vor sich her getragen werden.
Und dann kommts:

Ist dieser Aufsatz antisemitisch?

Aus Sicht der Position der Stärke: Ja. Aus Sicht der Verantwortung: Nein. Er ist vielmehr Ausdruck einer universellen Achtung der Menschenrechte und der traditionellen Ethik des Judentums. Das Judentum war etwas und soll etwas sein, worauf wir stolz sein können. Daher muss der jüdische Staat nach Gerechtigkeit streben. Er muss Leben, Besitz, Kultur und Würde all seiner Bewohner und Nachbarn achten. Dahin müssen wir ihn bewegen.

Verleger gibt unumwunden zu: Seine Position ist aus der Sicht der überwiegenden Mehrheit der Israelis und Juden weltweit antisemitisch. Er weiß aber vom Judentum alles besser und nimmt vollmundig auf sich, alle anderen zu belehren. Der Artikel strotzt nur so von Fehlern, sowohl in der Wiedergabe der ethischen Prinzipien der jüdischen Tradition als auch in der Schilderung der historischen Abläufe. Ganz kurz nur die wichtigsten Irrungen des nicht mehr so jungen Verlegers:

Vertreibung: 700 000 Palästinenser wurden 1948 mit Gewalt und Drohungen aus Israel vertrieben

Viele von ihnen gingen von sich aus, weil ihnen der Krieg gegen und Sieg über die Juden angekündigt wurde. Alle wurden all diese Jahrzehnte hindurch in Flüchtlingslagern gewaltsam von arabischen Regierungen zusammengehalten und für die weiteren Kriege gegen Israel heiß gemacht, anstatt integriert zu werden. Die Hamas hält sie, also ihr eigenes Volk, genauso weiterhin in Flüchtlingslagern.

Enteignung: Grundbesitz und beweglicher Besitz dieser Vertriebenen wurde vom israelischen Staat beschlagnahmt.

Wer bereit war, sofort zurückzukommen, bekam Entschädigung und Wiedergutmachung. Nicht anders als enteigneten Palästinensern ist es den jüdischen Flüchtlingen aus den arabischen Staaten gegangen.

Verdrängung: Seit der Besetzung 1967 baut Israel im Westjordanland Straßen und Städte (»Siedlungen«) für nun ca. 400 000 Israelis – für Palästinenser gesperrt.

Was war da in Jordanien und Syrien, vor 1967 und nach 1967 auch? Was hat zur Besetzung 1967 geführt? Weiß das Verleger noch?

Missachtung: Die israelische Seite boykottiert seit Jahrzehnten die Vertretung der Palästinenser, aktuell die aus freien, allgemeinen und geheimen Wahlen von der Hamas gebildete Autonomiebehörde.

Die Hamas ist eine terroristische Vereinigung, deren Ziel die Vernichtung Israels ist.

Einkesselung: Israel verhindert gewaltsam freien Personen- und Güterverkehr aus und in den Gazastreifen; der Verkehr im Westjordanland, ein Gebiet drei Mal kleiner als Thüringen, quält sich durch über 600 Straßensperren.

Israel öffnet Straßen und Sperren, Übergänge, fördert die wirtschaftliche Entwicklung im Westjordanland, gerade jetzt, gerade unter Netanjahu, seit Monaten.

Verstoß gegen Recht und Gesetz: Israel ignoriert ein Gutachten des internationalen Gerichtshofs und ein Urteil des israelischen obersten Gerichts über die Sperrmauer, die die Bewohner des Dorfes Bil’in von ihren Feldern trennt; friedliche Gegendemonstrationen werden gewaltsam unterdrückt.

Die Mauer, die größtenteils ein Sicherheitszaun ist, verhindert Terrorangriffe, was durch die allgemein zugängliche Statistik jedem bekannt ist. Einzelne Windungen und tatsächliche Fehler werden heute noch im Obersten Gericht verhandelt, weswegen die Mauer immer noch nicht zu Ende gebaut worden ist.

Gefangennahme: Tausende Palästinenser sind ohne rechtliche Anhörung in israelischen Gefängnissen interniert.

Die meisten von den gemeinten Palästinensern sitzen ihre Strafe für Verbrechen nach der Verurteilung ab. Viele von ihnen werden zu Hunderten vorzeitig freigelassen. Sie bekommen Besuch von Verwandten, können studieren, telefonieren, nehmen Teil an dem politischen Leben. Wie war das mit Korporal Gilad Schalit?

Tötung: Im letzten Feldzug gegen Gaza wurden 1400 Menschen umgebracht.

Das war ein Krieg, den die Hamas gegen Israel begonnen und zu verantworten hat. Opfer sind zu bedauern, auch wenn die meisten davon Kriegsteilnehmer waren.
Fazit: Einseitig, voll auf der Seite der palästinensischen Propaganda. Über die übrigen kruden Behauptungen Verlegers vielleicht beim nächsten Mal mehr. Ganz sicher wird er noch oft genug von den friedensbewegten Medienfreunden dazu befragt werden. Ein Fall für die Neuropsychologie, würde ich sagen. Schlimmstenfalls für einen sich nächstbietenden deutschen Preis, mit einem gut ausgesuchten Laudator, wenn ihr versteht, wen ich meine.

 

Robert J. Aumann: Spieltheorie des Friedens Sonntag, 23. August 2009

Zu der Debatte über den “Friedensprozess” im Nahen Osten passt sehr gut, was Robert J. Aumann in einem Interview sagt. Für seine Arbeit auf dem Gebiet der Spieltheorie hat er seinen Nobelpreis 2005 bekommen. Ursprünglich in einer israelischen Wochenzeitung am 23.6.2009 veröffentlicht, dann ins Englische übersetzt und im “American Spectator” am 2.7.2009 publiziert (Link):

Throughout history, peace was never achieved — neither from a scientific-theoretical perspective, nor from a common sense perspective — through concessions and demonstrations of flexibility — never. In conflict situations, it has first of all been necessary to demonstrate resolve, and only afterwards to sit down at the negotiating table — but not in the wake of concessions. [...] If you’re succeeding in whatever business you undertake, it’s obvious that you’ll step up your efforts. If you’re succeeding by blowing yourself up, you’ll continue to blow yourself up. That is to say: the young people who up themselves and us aren’t crazy; they’re idealists. They’re people who are prepared to sacrifice their lives for something they believe in. I don’t share their beliefs, but they do believe, and there’s a certain insight from game theory here, that in order to play a game effectively you need to understand what the other side is doing. If you’re playing chess, and the other side makes a move that you don’t understand, if you say: “I don’t get it, it’s all nonsense, I’m going to continue my attack” — you’ll lose. First of all, you need to ask yourself why he made his move and after you’ve understood, you need to adjust your behavior accordingly.
And it’s not just in chess, it’s in everything. If you think that the other side is irrational, blowing themselves up for no good reason, so let’s ignore their behavior and keep making concessions for the sake of peace — you won’t achieve your goal. Because all those tales about 70 virgins and such-like — they’re nonsense. The young people who are prepared to lay down their lives to advance what they regard as an exalted goal are idealists — let’s understand that.[...]
We’re threatening ourselves, and that’s the greatest threat; we, and our insane race after peace, that’s what brings war. When Chamberlain returned to Great Britain from Munich in 1938, he said, “I have brought peace in our time.” Back then, too, everyone was racing madly after peace, and Chamberlain brought war. [...] What will bring peace is our readiness for war. The Romans already knew this: If you want peace, prepare for war, not just materially, but also psychologically. You should be psychologically prepared for war, and not go around all the time yelling, “When will peace finally come?” The other side wants war? Fine, bring it on! Only then will peace come, only when the other side is convinced that we mean it. We’re not doing anything to convince them. On the contrary, we’re doing precisely the opposite, which is why we are the greatest threat to ourselves.

 

Walter Laquer zur Lage im Nahen Osten Sonntag, 15. März 2009

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Von Walter Laquer ist ein sehr guter Artikel erschienen (Link), die Übersetzung und Lektorat sind etwas holprig, aber der Text ist trotzdem sehr gut. Darunter auch über Benny Morris’ neues Buch…

 

Noch weniger monolitisch Donnerstag, 1. Januar 2009

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Unter den zahlreichen Reaktionen auf den Artikel von David Grossman (Link) fand ich einen lesenswerten Text von einem amerikanischen Blogger mit dem irreführenden Nicknamen Akmat Nzamad (Link). Darin wird eine Parallele zwischen Grossmans tränenfeuchten Phantasien und dem neuesten Film “Waltz with Bashir” von Ari Folman gezogen, gedankenreich und erfrischend selbständig, fern des Mainstreams rechter oder linker Art. Noch eine Meinung, noch pluralistischer. Wo sind die unterschiedlichen Stimmen aus Gaza?

 

Joachim Kaiser als Schoßkind Freitag, 12. Dezember 2008

In der “Süddeutschen Zeitung” wird Joachim Kaiser sehr gut behandelt, nicht nur zum Jübiläum. So darf er auch interviewt werden, und dabei über alles mögliche plaudern. Einiges wirkt auf mich persönlich etwas unangenehm. Daraus zwei Stellen, die besonders unangenehm sind (Link):

Wir jungen deutschen Nachkriegs-Intellektuellen kannten wegen der Nazizeit die Bedeutung der jüdischen Intellektualität kaum. Wir hatten die Zwanzigerjahre nicht erlebt und jüdische Intellektuelle nie kennengelernt. Es wirkte dann ungeheuerlich, bei Adorno oder eben Aichinger diese jüdische Geistigkeit zu erleben.

Es war klar, dass es sich um jüdische Geistigkeit handelte. Die man sehr bewunderte.

Die identifizierbar war? Wissen Sie, meine Mutter hieß Abramowski. Der Name klingt nicht gerade germanisch. Ich bin sogar von sehr vielen Leuten für jüdisch gehalten worden, was ich übrigens immer gern als Kompliment genommen habe. Ich hoffe, dass ich ein bisschen was von einem jüdischen Intellektuellen habe. Ich rede auch mit den Händen. Und ich war ein ausgesprochenes Schoßkind von denen. Die haben ja intelligente junge Leute gern.  <…>

1945 sind keine Ideale mehr zusammengebrochen. Es kann keinen halbwegs intelligenten Menschen gegeben haben, der so ahnungslos war, dass er nicht spätestens nach Stalingrad 1943 anfing, ans Ende zu denken. Das ist auch der Zwist, den ich mit meinem Freund Günter Grass habe, der äußerte, er habe erst 1945 bei den Nürnberger Prozessen erkannt, dass Hitler kein feiner Mann war und die Nazis doch irgendwie Dreck am Stecken hatten. Stalingrad ist der eigentliche Einschnitt gewesen. Da wurde mir klar, dass der Krieg verloren ist. Die Existenz danach war wie ein dunkler Tunnel und die einzige Frage: Wie kommst du hier jemals raus?

Fein formuliert, aber unterm Strich ekelhaft.

 

Hitler- und Judengeschäft bei “Freitag” Sonntag, 30. November 2008

Beide Themen verkaufen sich immer gut, das weiß auch die “Freitag”-Redaktion. Und beides unter einem Hut noch besser. So hat die Wochenzeitung jetzt, also am 28.11.2008 einen Artikel aus der “Guardian” vom 6.8.2008 übersetzt. Warum so spät? Tja, warum überhaupt, das wäre die richtige Frage.

Tanya Gold schreibt darin über ihre Begegnungen mit Konvertiten, mit deutschen Täter-Nachkommen, die nach Israel gingen und dort zum Judentum konvertierten. In der typischen für die “Guardian” leicht aufgeregten israelneugierigen Sprache, mit leichtem Anti-Ton, mit der Verwunderung, warum denn diese Menschen überhaupt bereit sind, interviewt zu werden, wo sie doch im Geiste leicht krank sind. Alles leicht und unverbindlich, nett plauderig.

In der deutschen Übersetzung sind zwei Unebenheiten schwerwiegend. Erstens bezieht sich Tanya Gold ständig auf die Telefonate mit Dan Bar-On, dem großen Mann der israelischen Psychologie, der mit seiner TRT-Methode eine Epoche geschrieben hat. Das kann sie nicht wissen, sie plappert nur nach. Nur ist er leider am 4.9.2008 gestorben. Das wird nicht einmal erwähnt, peinlich.

Zum zweiten, klingen alle Leichtigkeiten Golds in der deutschen Sprache und im Kontext der Zeitung anders, noch peinlicher eigentlich.

Es bleibt noch zu erwähnen, dass die englische Originalfassung von Yaacov Lozowick nüchtern und klug auseinandergenommen wurde (Link):

the idea that people want to belong to a victim group, because being a victim carries moral weight. I suppose if you believe that circumstances make of us what we are and human choice is at best of secondary importance, it’s better to be weak and incapable of bettering your condition, than strong and perhaps responsible for your deeds. After all, the end result is that people are flawed, and realilty is never perfect, so the less responsibility you have, the more you can shove onto some others who are stronger, the better.

Aber das ist für die “Freitag” zu kompliziert, sorry.

 

Wer will schon ein Kaninchen sein? Sonntag, 14. September 2008

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Nachdem der Film “Das Kaninchen bin ich” (1965) von Kurt Maetzig im Fernsehen gezeigt wurde, bin ich schwer beeindruckt. Der Streifen wollte das System gar nicht angreifen, sondern nur tauwettermäßig kritisieren, und doch sagt er heute die Wahrheit über damals: Menschen lebten trotz der unmenschlichen Regimepolitik. Es ist sehr bedrückend in dem Realismus der Darstellung, stark auch im Vergleich zur Gestaltung der weiblichen Hauptrollen bei Antonioni und Godard.

Wie voreingenommen und zweidimensional wirkt dagegen “Das Leben der anderen”!

 

Abrechnung mit Böll Sonntag, 23. Dezember 2007

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Zum 90. Geburtstag des großen Schriftstellers Heinrich Böll sind einige Publikationen erschienen, unter anderem mehrere Zeitungsartikel. In der “Welt” mehr als anderswo. Darunter auch einige, milde gesagt kritische. Der Ton und der Unterton lassen mich vermuten, es geht hier um denselben ideologischen Kampf, den der Springerverlag zu Lebzeiten des Literaten mit ihm geführt hat.

Besonders unangenehm ist der Text von Tilman Krause (Link). Künstlerisch wie politisch wird hier mit Böll abgerechnet:

Er wird kaum mehr gelesen, und es gehören keine prophetischen Gaben dazu, um zu sagen: Das bleibt auch so. [...] Vor allem das nunmehr groß Gewollte, das man bei Böll mit dem “Billard um halb zehn” von 1959 beginnen lassen kann, es hält ästhetisch einfach nicht stand. Die plumpe Symbolik vom Sakrament des Lammes (Christentum) und des Büffels (Geist der Gewalt) ist es gar nicht mal so sehr. Vor allem ist es das Unverhältnis zur Form, ist es die vollständige Abwesenheit von Humor, Ironie, Charme, sprachlichem Reiz, was die Lektüre böllscher Werke heute so unbefriedigend macht. Sicher, sie waren wichtig in ihrer Zeit als Gebrauchsliteratur für das schlechte Gewissen. Dazu hatten die Deutschen nach 1945 ja wahrlich allen Anlass. Aber sie gehen auf im Horizont der Fünfziger-, Sechzigerjahre, weisen in nichts darüber hinaus. Was danach kam, war der hanebüchene Unsinn der “Katharina Blum” mit seiner einfältigen Schwarz-Weiß-Malerei, ein trauriges Dokument der Wahrnehmungsschwäche, die Böll ja auch das kriminelle Potential der RAF-Terroristen nicht erkennen ließ. [...] Denn Böll steht für die alte Bundesrepublik. Und nichts ist aus dem öffentlichen Bewusstsein so sehr verschwunden wie die vier Jahrzehnte Bonner Provisorium. Es beschäftigt die Fantasie einfach nicht mehr. Nichts geht von ihm aus, kein Zauber, kein Glanz, keine irgendwie geartete Verheißung.

Tanja Dückers meint es besser mit Böll, vergisst allerdings auch nicht zu sagen (Link):

Auch die Verfolgung einer jungen Frau durch die Medien, deren ubiquitäre Präsenz die Protagonistin schließlich zu einer Verzweiflungstat schreiten lässt (“Die verlorene Ehre der Katharina Blum”), wirkt nicht gestrig. Oft müsste man nur Namen und Jahreszahlen austauschen. “Die ZEITUNG”, wie Böll sein fiktives, wenngleich an BILD erinnerndes Boulevardblatt nannte, wäre heute wohl ein digitales Medium.

Es ist rührend, wie die “Bild” von heute aus der Schusslinie getragen wird. Weiter vergleicht die Autorin Äpfel mit Birnen:

Der einzige substanzielle Vorwurf stammt von Hans Erich Nossack. Der um einiges ältere Schriftsteller (1901-1977) befand, dass Bölls Werk zu sehr auf Versöhnung und Harmonie ziele. Den Roman “Ansichten eines Clowns” (1963) hielt er für misslungen, weil “ungefährlich”. Das “metaphysische Phänomen” des Clowns habe Böll “stümperhaft verhunzt”, befand Nossack (zitiert nach Heinrich Vormweg). Hier, ahnt man, scheint ein existenzialistischer Anspruch auf, dem Böll nicht genügen konnte.

Es ist dasselbe, wie Tolstoj und Dostojewski einander gegenüberzustellen, um den einen gegen den anderen auszuspielen.

Alles in allem sind das Versuche, die Literatur weiterhin zu politisieren, anstatt sie vor der Politisierung zu retten.

Für mich persönlich bleibt “Billard um halbzehn” in einer Reihe mit dem “Glasperlenspiel” und dem “Doktor Faustus” stehen – eine notwendige Lektüre für heranwachsende Jugendliche.

Und außerdem steckt für mich hinter dieser Abrechnung die schleichende Patriotismuswelle – es wird nahegelegt, Deutschland hätte die böse Vergangenheit längst verarbeitet und Böll gehört dazu. Genau umgekehrt würde ich dies sehen – die böse Vergangenheit ist noch lange nicht verarbeitet und Böll gehört dazu. Also mit positivem Zeichen: Solange die Kritik meint, sich an Böll vergehen zu müssen, ist die Vergangenheit noch nicht Geschichte!

 

Gunther Nickel verteidigt Walser, Grass und Handke Freitag, 5. Oktober 2007

Der verantwortungsbewusste Vertreter einer ehrwürdigen Institution – Deutscher Literaturfonds, unterstützt von der Kulturstiftung des Bundes, – trat bei der Tagung “MedienGrass” in Bremen auf. Jetzt kann man seinen Vortrag im Internet bewundern (Link).

Kritiker und die FAZ sind an allem schuld, meint er. Eigentlich wenn die FAZ dem Boden gleichgemacht wird, sollte man sich freuen. Bei der Poesie eines Gunther Nickels geht das leider nicht. Alle Welt weiß inzwischen, dass Martin Walser mit antisemitischen Motiven seit je meisterhaft arbeitet, die FAZ weiß es auch. Gunther Nickel weiß das nicht und ist seines Unwissens sicher – so als gäbe es für ihn kein Buch von Matthias N. Lorenz und keine Diskussion dazu, die einem jeden Walser-Dilletanten bekannt hätte sein müssen. Aber ein Professor für die neuere deutsche Literaturgeschichte, selbst Autor der FAZ, weiß alles besser, wie immer.

Beim Thema Grass und seine Vergangenheit geht es ihm nur um die Frage, ob es schlimm gewesen war, zur Waffen-SS zu gehören, oder doch nicht. Dabei erhebt sich die Stimme des Redners, als er auf “den sogenannten Holocaust” zu sprechen kommt. Wozu ein “Geständnis”,

wenn die Waffen-SS doch in der Zeit, in der Grass ihr angehörte, gar keine Elitekampftruppe mehr war und er sich keiner Verbrechen schuldig gemacht hat?

Zum Schluss des Abschnitts stellt sich Gunther Nickel einer Gretchenfrage und weiß nicht weiter:

Warum Grass freilich selbst aus seiner Waffen-SS-Mitgliedschaft ein schwer auf ihm lastendendes Geheimnis seines Lebens gemacht hat, das nun endlich „raus müsse“, ist das eigentliche Rätsel dieses Skandals.

Diese Frage wird sofort vergessen, denn wo es keine Antwort gibt, sind alle leicht vergesslich. Gleich springt der Autor zu Handke, der ja schon gesagt hat, dass er unschuldig sei. Und keine Meinung zu Milosevic habe. Er sage und tue doch gar nichts. Was will man mehr?

Fazit: Alle drei sind “Opfer von Kampagnen”. Es gibt nur eine Beruhigung:

Eine Feuilletonrundschau wie sie perlentaucher.de im Internet täglich kostenlos anbietet, leistet zum Glück kompensatorisch, was eine Zeitung wie die FAZ in ihren Kampagnen verweigert.

So kann man dem Perlentaucher und noch mehr dem Titel-Magazin zur erfolgreichen Popularisierung eines nächsten Sturms im Grass Walser gratulieren.

UPDATE: Wie ich gerade feststelle, hat die FAZ schon am 2.10.2008 den armen Kämpfer in ihrer üblichen Manier von oben herab geputzt (Link).

 

Yegor Gaidar erklärt den Untergang der UdSSR Montag, 21. Mai 2007

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In einem Vortrag hat Yegor (Jegor) Gaidar, der ehemalige Premierminister Russlands unter Jelzin 1991-1994, wirtschaftliche Hintergründe erklärt, wie das Sowjetreich zugrunde gegangen ist (Link). Der Vortrag wurde am 13.11.2006 gehalten, in English, aber erst am 19.5.2007 online gestellt. Sehr empfehlenswert!

 

Ephraim Karsh über Ilan Pappe Sonntag, 11. März 2007

Die Werbung, die Heiko Flottau für das neue Buch von Ilan Pappe in der “Süddeutschen” geschrieben hat (Link), lässt mir noch keine Ruhe. Für die weitere inhaltliche Diskussion sind aus meiner Sicht folgende Beiträge wichtig:

- ein Artikel von Ephraim Karsh (“Were the Palestinians expelled?”, Link), in dem er die Umstände von 1948 in Palästina beschrieben hat;

- ein Interview mit Ephraim Karsh in der “Weltwoche” (Link), wo dieser sein neues Buch vorstellt;

- ein Streitgespräch zwischen Karsh und Pappe bei Sky News (Link). Lustig ist – nebenbei bemerkt – die Rezeption dieses Gesprächs durch Antizionisten (Link):

Karsh was arrogant and inarticulate, Pappe came out as a fine human being. 

Auf mich wirkt das absolut anders: Karsh argumentiert, genervt von der Arroganz und Überheblichkeit seines Gegners, Pappe geht auf die Argumente gar nicht ein und lächelt nur milde.

Das alles gibt es bei Flottau selbstverständlich nicht – die vernichtende Kritik von Ephraim Karsh (Link) und Benny Morris (Link) an dem vorletzten Buch Pappes auch nicht. Noch mehr Hinweise auf Karsh gibt es in diesem Blog hier und hier.

 

Historische Kleinigkeiten, wie Daniel Koerfer sie sieht Samstag, 21. Oktober 2006

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Noch ein Professor der Geschichte macht auf sich aufmerksam. In einer Buchbesprechung bei der TAZ zeigt sich Daniel Koerfer in einem merkwürdigen inneren Dialog mit sich selbst und in einem noch seltsameren versteckten Streitgespräch mit Daniel Goldhagen (Link).

Das Thema ist das vergleichsweise neue Buch von Peter Longerich mit dem Titel “»Davon haben wir nichts gewusst!«Die Deutschen und die Judenverfolgung 1933–1945″; Siedler Verlag, München 2006. Fast alle Zeitungen haben sich gemeldet. Der Dialog der Kritiken ist lesenswert, denn die einen loben das Buch, die anderen sind mit ihm unzufrieden. Nur positiv sieht “Die Zeit” (Link) das Buch, von Volker Ullrich geschrieben. Durchaus ausgewogen sieht Hans Mommsen das Resultat in der FR (Link). Etwas skeptischer ist Norbert Frei in der NZZ (Link). Äußerst negativ beurteilt Daniel Goldhagen das Buch in der “Welt” (Link).

Wenn jetzt noch ein Interview mit dem Autor in derselben TAZ berücksichtigt werden könnte (Link), wäre das Bild dann ziemlich rund. Denn am Ende des Interviews will die Zeitung endlich wissen:

Die Deutschen haben auf die Ermordung der Juden erst mit Missbilligung, dann mit Verdrängung reagiert. Die Missbilligung dementiert Daniel Goldhagens These, dass der Holocaust “ein nationales Projekt” der deutschen Gesellschaft war – oder?

Goldhagens These vom Vernichtungsprojekt war als Provokation für die Forschung nützlich, aber viel zu pauschal. Wer sind denn die Deutschen? Die Gesellschaft war ja nicht homogen. Es gab schon in der Weimarer Republik ein völkisch-nationalistisches Milieu, das in der Tat eine Gesellschaft ohne Juden wollte. Diese extreme Gruppe ist im NS-Staat hegemonial, umfasst aber wohl etwa 15 bis 25 Prozent der Gesellschaft. Andererseits erfordert ein so gewaltiges Unternehmen wie der Judenmord eine gewisse Kommunikation. Die Führung muss der Basis ja vermitteln, dass das richtig ist, was sie tut. Und es muss auch zumindest der Anschein eines gesellschaftlichen Konsenses inszeniert werden.

Und das ist gelungen?

Ja, das ist der NS-Führung gelungen. Insofern haben die Deutschen so funktioniert, wie die NS-Führer es wollten.

Das ist viel zu einfach für Stefan Reinecke und Christian Sammler, die das Interview führten. Deswegen wird wahrscheinlich Daniel Koerfer geholt, der gleich aufklärt:

Da der Antisemitismus nicht tief verwurzelt war, wollte das NS-Regime die Deutschen zu Mitwissern des Völkermords machen.

Nicht tief genug? Das ist aber schade. Als einer von mehreren durch Koerfer aus dem Buch zitierten Beweisen soll hier ein Fragment genügen:

Im August 1942 gibt die SD-Außenstelle Leipzig etwa folgende Stimmen weiter: “Die Judenfrage konnte Hitler auch anders lösen. Menschlicher! Kein Mensch hat das Recht, ein Volk ausrotten zu wollen. Gewiss haben die Juden uns viel geschadet, aber die hat man von 1933 bis 1941 abreisen lassen.”

Das ist eben nicht tief genug. Der Höhepunkt des Artikels klingt so:

Sorgfältig beschreibt Longerich noch etwas anderes: das Bemühen des NS-Regimes, die zunehmend gleichgeschaltete Öffentlichkeit auch im Bereich der “Judenpolitik” auf Linie zu bringen, die Bevölkerung zu einem aggressiv ausgrenzenden Verhalten, zum “Hass auf Juden” anzustacheln. Und er beschreibt das Scheitern dieser massiven Indoktrinationsversuche. Es ist also kein Wunder, das Daniel Goldhagen für diese Studie nur Verachtung übrig hatte, denn von einem verbreiteten, in der deutschen Gesellschaft tief verwurzeltem “eliminatorischen Antisemitismus” findet sich nichts bei Longerich.

Goldhagen ist ein Profi und arbeitet mit Argumenten, er nennt Quellen, die Longerich ausblendet oder nicht kennt, und verweist auf methodische Versäumnisse Longerichs. Koerfer sucht keine Argumente, er polemisiert. Hitlers Versuch scheiterte – sowas aber. Der Artikel von Goldhagen ist trotzdem noch da. Das sieht für Koerfer nicht gut aus. Kein Zufall, dass Professor Koerfer seine Studenten mit Fest-Büchern versorgt.

In den anderen Zeitungsartikeln schreibt Koerfer viel über das Thema (ohne zum Beispiel Götz Aly auch nur einmal zu erwähnen, was für ein Zufall!). So bei der “Zeit” in einer Buchbesprechung (Link):

Selbst wenn man Browning gegenüber einwenden mag, dass in einem totalitären Regime – das Wort „Diktatur“ findet sich nur an einer Stelle im ganzen Buch – Widerstandshandlungen und Solidarität mit Verfolgten und Bedrohten ein besonderes Maß an Zivilcourage erfordern, es „die“ Deutschen als einheitliche Tätergruppe nicht gegeben hat, liest man diese beeindruckende Darstellung über ihre Verstrickung in den Massenmord mit Bedrückung.

Koerfer ist hier beeindruckt und bedrückt. Wusste er das als Professor auf dem Gebiet noch nicht?

In einer anderen Buchbesprechung teilt Koerfer die Deutschen sogar in eine Mehrheit und eine Minderheit, und zwar anders als in der Longerich-Kritik (Link):

Manche wie die Retter der jungen Charlotte Knobloch im bayrisch-bäuerlichen Milieu werden sogar noch Jahrzehnte später wegen ihrer Handlungen diskriminiert, sodass sie die Gerettete im Jahr 2002 bitten, jeden Kontakt zu ihnen abzubrechen. Tatsächlich erwuchs vor allem den vielen, die nicht geholfen hatten, aus dem Wirken der Retter ein fundamentales Problem – hatte deren Engagement doch bewiesen, dass man etwas tun konnte gegen den NS-Terror und ihn nicht passiv hinzunehmen brauchte. Auch deshalb neigten die vielen nach 1945 dazu, das Wirken der wenigen gegen das Regime zu verdrängen.

Genau wie bei Joachim Fest – keine Täter, nur passive Zuschauer, die dann ihr Mitwissen noch verdrängen. Fein. Longerich hat offensichtlich weniger Probleme mit der Kritik seitens Goldhagen als die TAZ und ihre Historiker.

 

Alvin H. Rosenfeld über den Neoantisemitismus Dienstag, 18. April 2006

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Ein wissenschaftlicher Text, mit Zitaten und Widerlegungen, gut geschrieben, leicht leserlich. Und traurig…

Der Autor – Alvin H. Rosenfeld – ist eine anerkannte Größe auf dem Gebiet, eins von seinen Bücher ist übersetzt worden. Also lesen und nachdenken.

Ein paar Fragmente?

“German fascism came and went. Soviet Communism came and went. Antisemitism came and stayed.” [...]

Is there a new antisemitism today? There is, and while much of it resembles the antisemitisms of the past, certain features of present-day hostility to Jews and sometimes also to Judaism do seem new. One is that, like so much else today, Jew-hatred has been globalized and effortlessly leaps across borders. In the past, antagonism to Jews tended to take the form of localized activities, but thanks to the internet and other global media, antisemitism now belongs to the world at large.

Like all states, Israel at times makes costly mistakes. Its policy of large-scale settlement in Gaza and the West Bank has long been a flashpoint of dispute, and its sometimes harsh treatment of Palestinian Arabs living in those areas has also drawn a great deal of negative attention.
Criticizing such policies and actions is, in itself, not antisemitic. To call Israel a Nazi state, however, as is commonly done today, or to accuse it of fostering South African-style apartheid rule or engaging in ethnic cleansing or wholesale genocide is to go well beyond legitimate criticism. Apart from the United States, to which it is almost always linked by its enemies, no country on earth is as vilified as the Jewish state. Moreover, those who denounce it as an outlaw or pariah nation are found on both the left and the right, among the educated elites as well as the uneducated classes, and among Christians as well as Muslims. In some quarters, the challenge is not to Israel’s policies but to its legitimacy and right to an ongoing future. Thus, the argument leveled by Israel’s fiercest critics is no longer about 1967 and the country’s territorial expansion following its military victory during the Six Day War, but 1948 and the alleged “crime,” or “original sin,” of its very establishment. The debate, in other words, is less about the country’s borders and more about its origins and essence. One of the things that is new and deeply disturbing about the new antisemitism, therefore, is precisely this: the singling out of the Jewish state, and the Jewish state alone, as a political entity unworthy of a secure and sovereign existence. [...]

As if the foregoing were not bad enough, to point up how tainted Zionism is, Rose reaches for the ultimate weapon in the arsenal of the anti-Zionists–the alleged link between the Jewish national movement and Nazism–and offers this gratuitous and altogether baseless anecdote:
“It was the same Paris performance of Wagner,” she writes, “when– without knowledge or foreknowledge of each other–they were both present on the same evening, that inspired Herzl to write Der Judenstaat and Hitler Mein Kampf “ (pp.64-65). Inasmuch as Herzl died in 1904 and Hitler never set foot in Paris until his triumphal entry into the French capital in 1940, this story is entirely apocryphal. Even if there were some historical basis for placing Hitler in the Paris opera house at the time when Herzl attended–and there is not–Hitler would have been a mere child then and hardly likely to draw inspiration for the writing of Mein Kampf. Surely Rose would have known that. Why, then, did she make this glaringly mendacious linkage between the father of Zionism and the father of Nazism? [...]

in left-wing rhetoric, including that of many “progressive” Jews, “Zionism” has now become a term of abuse, meant to convey a dangerous and defiled ideology that has given rise to a corrupt and evil state. To bring this state to its knees by aligning it with the most atrocious behavior of the past century’s most notoriously criminal states is the aim of the anti-Zionists. [...]

The fact that anti-Zionism–the rejection of the long-established Jewish right to a secure national homeland in Israel–is essentially nothing more than a version of antisemitism either eludes or fails to trouble Jews who identify with these political tendencies.

UPDATE: Inzwischen ins Deutsche übersetzt (Link).

 

 
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