Archiv für die Kategorie ‘Gesellschaft’

Russland-Experte Kaminer

Samstag, 1. März 2008

In der heutigen “Frankfurter Rundschau” kann man Wladimir Kaminer bewundern, wie er sich in die Reihe der Russland-Versteher stellt (Link):

Sicher, es steht wenig zur Wahl. Das heißt aber nicht, dass es keine Demokratie ist. Es ist eine andere Form davon. [...] Ich habe in Moskau sehr viel kritisches Material gelesen, in verschiedenen Zeitungen. Das ist nicht zu vergleichen mit der Atmosphäre in der Sowjetunion. Damals hat das Dissidententum tatsächlich für große Aufregung gesorgt. Es gehörte sehr viel Haltung und eine gewisse Heldenhaftigkeit dazu, sich gegen das Regime zu stellen. Heute werden die Oppositionellen vom Volk oft verspottet. [...] Die Medien waren nie besser gestellt als heute. [...] Der tragische Mord an der Journalistin Anna Politkowskaja hat dem Ansehen Russlands viel mehr geschadet, als ihre Arbeit es je konnte. [...] Ich bin gar kein Fan von Putin. Er war halt die einzige Alternative zu dem, was vorher war.

Eine seltene Mischung aus Unwissenheit, unverdauten Resten offizieller Putin-Propaganda und direkten Lügen. Kaminer kann bekanntlich nicht zwischen Kafka und Konsalik unterscheiden. Zwischen Wahrheit und Lüge noch weniger.

Götz Aly rechnet weiter mit den 68er ab

Montag, 28. Januar 2008

Auch wenn es eine gut angelegte Werbung für das neue Buch von Götz Aly ist, das zuerst gelesen werden soll, um sich zu entscheiden, ob man diese Kampagne mitmacht, ist das schon der zweite Artikel vom ihm zum Thema ‘68er und heute’ (der erste war ein Interview). Diesmal - in der Berliner Zeitung und dem Inhalt nach - eine Sammelrezension. Unter anderem eine vernichtende Kritik des Buchs von Jutta Dithfurth über Ulrike Meinhof, viele Pointen und insgesamt lesenswert (Link). Am Ende:

Es hatte 30 Jahre gedauert, bis im Deutschen Bundestag das zentrale Problem der 15- bis 25-Jährigen von 1968 ausgesprochen werden konnte. Sie waren der Konfrontation um die NS-Verbrechen ihrer Eltern ausgewichen, suchten stattdessen die Völkermörder in Washington und skandierten in völliger Besinnungslosigkeit “USA-SA-SS”. Statt die familiäre Auseinandersetzung zu führen, stellten sie lieber das “System” in Frage. Statt sich mit dem allgegenwärtigen familiären Spuren des Nationalsozialismus zu beschäftigen, erklärten sie die liberal-demokratische Bundesrepublik für “faschistisch”. Das aber wird in den Büchern zu 1968 allenfalls zufällig gestreift. Stattdessen dominiert das analytisch schwache, blumige und gelegentlich sündenstolze Erzählen über eine wilde Jugend.

Von Götz Aly erscheint im März: “Unser Kampf. 1968 - ein irritierter Blick zurück”

UPDATE: In der “Frankfurter Rundschau” erschien noch ein großer Artikel von Götz Aly zum selben Thema (Link). Die “Bewegung” von 68er wird ausführlich mit der von 33 verglichen, zum Teil brisant. Am Ende wird das letzte Wort Kiesinger überlassen:

Bundeskanzler Kiesinger durchschaute das Spiel sofort. Ohne Abitur, als kleiner Leute Kind hatte er es dank der Begabtenförderung der Weimarer Republik zum Volljuristen gebracht und war 1933 der NSDAP beigetreten, weil er, wie er sagte, “national und nationalistisch nicht genügend klar unterschieden” hatte. Ihm erschien die moralisch verbrämte Überheblichkeit verdächtig, mit der sich die 68er-Studenten hauptsächlich für Konflikte engagierten, “die ihre Wurzel im Ausland haben”, gerade so als gäbe es in Deutschland nicht genug zu besprechen. Seiner Ansicht nach folgten sie der “merkwürdigen Illusion”, sie könnten so “aus der deutschen Geschichte fliehen”.

Dann konfrontierte er seine Berater mit der Frage: “Schwingt da nicht - gewissermaßen als Kehrseite - die Einstellung mit, ‚Am deutschen Wesen muss die Welt genesen’?” Da es still in der Runde blieb, antwortete er selbst: “Ich sehe darin eine schulmeisterliche, missionarische Umkehrung unseres früheren extremen Nationalismus.” Die Kraft, so auch öffentlich zu reden, fand Kurt Georg Kiesinger nie.

Abrechnung mit Böll

Sonntag, 23. Dezember 2007

Zum 90. Geburtstag des großen Schriftstellers Heinrich Böll sind einige Publikationen erschienen, unter anderem mehrere Zeitungsartikel. In der “Welt” mehr als anderswo. Darunter auch einige, milde gesagt kritische. Der Ton und der Unterton lassen mich vermuten, es geht hier um denselben ideologischen Kampf, den der Springerverlag zu Lebzeiten des Literaten mit ihm geführt hat.

Besonders unangenehm ist der Text von Tilman Krause (Link). Künstlerisch wie politisch wird hier mit Böll abgerechnet:

Er wird kaum mehr gelesen, und es gehören keine prophetischen Gaben dazu, um zu sagen: Das bleibt auch so. [...] Vor allem das nunmehr groß Gewollte, das man bei Böll mit dem “Billard um halb zehn” von 1959 beginnen lassen kann, es hält ästhetisch einfach nicht stand. Die plumpe Symbolik vom Sakrament des Lammes (Christentum) und des Büffels (Geist der Gewalt) ist es gar nicht mal so sehr. Vor allem ist es das Unverhältnis zur Form, ist es die vollständige Abwesenheit von Humor, Ironie, Charme, sprachlichem Reiz, was die Lektüre böllscher Werke heute so unbefriedigend macht. Sicher, sie waren wichtig in ihrer Zeit als Gebrauchsliteratur für das schlechte Gewissen. Dazu hatten die Deutschen nach 1945 ja wahrlich allen Anlass. Aber sie gehen auf im Horizont der Fünfziger-, Sechzigerjahre, weisen in nichts darüber hinaus. Was danach kam, war der hanebüchene Unsinn der “Katharina Blum” mit seiner einfältigen Schwarz-Weiß-Malerei, ein trauriges Dokument der Wahrnehmungsschwäche, die Böll ja auch das kriminelle Potential der RAF-Terroristen nicht erkennen ließ. [...] Denn Böll steht für die alte Bundesrepublik. Und nichts ist aus dem öffentlichen Bewusstsein so sehr verschwunden wie die vier Jahrzehnte Bonner Provisorium. Es beschäftigt die Fantasie einfach nicht mehr. Nichts geht von ihm aus, kein Zauber, kein Glanz, keine irgendwie geartete Verheißung.

Tanja Dückers meint es besser mit Böll, vergisst allerdings auch nicht zu sagen (Link):

Auch die Verfolgung einer jungen Frau durch die Medien, deren ubiquitäre Präsenz die Protagonistin schließlich zu einer Verzweiflungstat schreiten lässt (”Die verlorene Ehre der Katharina Blum”), wirkt nicht gestrig. Oft müsste man nur Namen und Jahreszahlen austauschen. “Die ZEITUNG”, wie Böll sein fiktives, wenngleich an BILD erinnerndes Boulevardblatt nannte, wäre heute wohl ein digitales Medium.

Es ist rührend, wie die “Bild” von heute aus der Schusslinie getragen wird. Weiter vergleicht die Autorin Äpfel mit Birnen:

Der einzige substanzielle Vorwurf stammt von Hans Erich Nossack. Der um einiges ältere Schriftsteller (1901-1977) befand, dass Bölls Werk zu sehr auf Versöhnung und Harmonie ziele. Den Roman “Ansichten eines Clowns” (1963) hielt er für misslungen, weil “ungefährlich”. Das “metaphysische Phänomen” des Clowns habe Böll “stümperhaft verhunzt”, befand Nossack (zitiert nach Heinrich Vormweg). Hier, ahnt man, scheint ein existenzialistischer Anspruch auf, dem Böll nicht genügen konnte.

Es ist dasselbe, wie Tolstoj und Dostojewski einander gegenüberzustellen, um den einen gegen den anderen auszuspielen.

Alles in allem sind das Versuche, die Literatur weiterhin zu politisieren, anstatt sie vor der Politisierung zu retten.

Für mich persönlich bleibt “Billard um halbzehn” in einer Reihe mit dem “Glasperlenspiel” und dem “Doktor Faustus” stehen - eine notwendige Lektüre für heranwachsende Jugendliche.

Und außerdem steckt für mich hinter dieser Abrechnung die schleichende Patriotismuswelle - es wird nahegelegt, Deutschland hätte die böse Vergangenheit längst verarbeitet und Böll gehört dazu. Genau umgekehrt würde ich dies sehen - die böse Vergangenheit ist noch lange nicht verarbeitet und Böll gehört dazu. Also mit positivem Zeichen: Solange die Kritik meint, sich an Böll vergehen zu müssen, ist die Vergangenheit noch nicht Geschichte!

Umberto Eco über das Böse

Sonntag, 18. November 2007

In der Zeitung “Le Figaro” vom 5.11.2007 lässt sich ein inhaltsreiches Interview mit Umberto Eco geniessen (Link). Der große Essayist hat nach der “Geschichte der Schönheit” jetzt eine “Geschichte der Hässlichkeit” geschrieben. Das Buch wird im Gespräch mit Jean-Marc Parisis über die Politik, Geschmäcker etc. vorgestellt. Es geht dabei u.a. um die Zeitwahrnehmung von heute:

Notre époque, avec ses grandes migrations, rappelle peut-être davantage la chute de l’Empire romain, vers l’an 500. L’effondrement des grands empires se poursuit, après la chute de l’empire soviétique, l’empire américain commence à décliner. On pourrait aussi faire un parallèle avec les temps barbares de saint Augustin, comparer l’incendie de Rome aux Twins Towers en feu.

En quoi alors notre époque ne ressemble-t-elle à aucune autre ?

La première réponse qui me vient, c’est la vitesse. Dans une heure, je peux être à Milan. Mais il y a une autre forme d’accélération. La crinoline a duré un siècle, la mode de la minijupe, dix ans. La plume d’oie a servi pendant des siècles, la machine à écrire pendant cent cinquante ans, et moi, je dois changer d’ordinateur très souvent à cause des nouveaux programmes… L’autre caractéristique, conflictuelle avec la première, c’est l’allongement de la durée de la vie. Sous Napoléon, un type qui mourait à 40 ans n’avait connu qu’un changement historique, la Révolution française. Aujourd’hui, on peut avoir assisté à la Seconde Guerre mondiale, à la chute de l’Union soviétique et à l’effondrement des Twins Towers. Nous vivons une vie plus longue, mais plus affolée, qui doit faire face à une succession presque insupportable de changements. Nous y résistons assez bien, mais cela demande une tenue nerveuse incroyable.

Mosebach gegen Büchner und Folgen

Sonntag, 4. November 2007

Noch eine berüchtigte Rede eines Literaten, diesmal so verquast, dass es kaum die Öffentlichkeit erreicht. Umsomehr dass Martin Mosebach, von dem die Rede stammt, zu den weniger anerkannten Größen gehört und bei aller Glätte des Stils eher langweilt als begeistert.

Den Kern der Story sehe ich darin, dass hier ein Schriftsteller - wie gesagt, einer der vielen, mittlere Größe, eher unauffällig - einen Preis mit Büchners Namen bekommt. Er hasst Büchner, er ist trotzdem ohne Skrupel sofort bereit, den Preis anzunehmen. Er nutzt sogar die Gelegenheit, um seinen Hass auf alles, was Büchner in der Geschichte der deutschen Literatur verkörpert, loszuwerden. Das nenne ich schon mal eine geistige Größe, ironisch bemerkt.

Bei dieser Gelegenheit schafft Mosebach es auch nebenbei, sozusagen die gesamte Moderne anzugreifen, und stellt sich als erzkonservativer Denker vor, grundsätzlich antimodernistisch. Dabei erregt er die Gemüter durch den geschmacklosen Vergleich zwischen dem literarischen Text Büchners und einer realen Rede Himmlers, bekommt seinen Preis, den Applaus und eine zweifelhafte Bekanntheit in den Medien.

Hier beginnt das Spektakel der besonderen Art. Blogger ignorieren das Thema - zu intellektuell vielleicht? Die Zeitungen versuchen sich herauszureden:

Mosebach selbst schreckt aber vor Schroffheiten auch nicht zurück. Von der Rechtfertigung des Mords im Namen einer großen Idee, die Büchner dem Revolutionär Saint-Just in den Mund legt, schlägt er kühn den Bogen zu dem Heinrich Himmler, der bei seiner Rede im damals tiefdeutschen Posen erklärte, dass es zum bleibenden Verdienst der SS gehöre, beim Judenmord anständig geblieben zu sein. Die FAZ machte gestern daraus die visionäre Überschrift: “Saint-Just. Büchner. Himmler.”

Wir wollen uns hier jeder Beurteilung dieser Gedanken, sofern es sich dabei wirklich um Gedanken handelt, enthalten. Wir wollen nur daran erinnern, dass Mosebachs Identifikation mit manchem Deutschen Bischof nun über die gemeinsame Passion für die Tridentinische Messe und das Lateinische hinausgeht.

Bei den Bischöfen wird zur Zeit der Nazivergleich Mode. Der Kölner Kardinal Meisner gefällt sich darin, wegen eines bunten Fensters von “entarteter Kunst” zu sprechen. Das Forum deutscher Katholiken lädt Eva Herman ein, damit sie ihren missglückten Nazivergleiche zur deutschen Frau wiederholen kann. Und aus Mixas Augsburg ruft man, dass die Grüne Roth “faschistoid” sei (die ihrerseits Mixa vorher einen “durchgeknallten Oberfundi” genannt hatte).

Auch hierüber wollen wir uns kein inhaltliches Urteil erlauben, sondern nur feststellen, dass man in konservativen Kirchenkreisen offenbar eine neue Strategie zur Erregung öffentlicher Aufmerksamkeit gefunden hat. Der Naziververgleich ist eben immer passend und immer krass. Das haben Mosebach und die FAZ fein beobachtet und angewandt.

Das hat Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau geschrieben (Link), im Grunde bissig und klar genug. Er greift drei Parteien an - Mosebach, Meisner-Mixa und die FAZ. Die FAZ ignoriert das und nimmt sich den “leichteren” Gegner vor - die TAZ. Der uns inzwischen gut bekannte Emblematiker Lorenz Jäger wird persönlich und denunziert den Autor des TAZ-Artikels. Christian Semler fragt darin (Link):

Der Vergleich Saint-Justs, des Rousseau-Bewunderers, mit Himmler, dem Exekutor des Rassenmassenmordes, ebnet alle wesentlichen Unterschiede ein. Wie kann man den revolutionären Terror angesichts des Bürgerkrieges, der konterrevolutionären Interventionen und des Drucks verelendeter Massen mit der Nazi-Mordmaschine gleichsetzen? Wie kann man die “Diktatur im Namen der Freiheit”, die 1793 die erste europäische demokratische Verfassung hervorgebracht hat, mit der nazistischen Vernichtungspolitik in einem Namen nennen? Wie kann man dem Königtum, dem Ancien Régime, ein solches Loblied singen, wie der Büchnerpreisträger Mosebach es tut? Man kann, wenn man genügend Rückenwind verspürt.

Und Lorenz Jäger gibt Rückenwind wie gerufen (Link):

Semler nämlich hat sein Leben der Bekämpfung des Revisionismus gewidmet [...] Wer des “Revisionismus” im heutigen Sinn geziehen wird, des “Geschichtsrevisionismus” gar, der soll einfach nur ausgeschaltet werden.

In diesem Stil geht es nur weiter und weiter, bis zum Höhepunkt am Ende:

Der Mann sollte einmal im Kader-Brockhaus das Wort “Vendée” nachschlagen: Bevölkerungsverluste bis zu fünfunddreißig Prozent in einer Provinz, die sich gegen das Pariser Revolutionsregiment erhob und in Strafaktionen von den “höllischen Kolonnen” verheert wurde - nach allen heutigen Kriterien ein Genozid. Aber wahrscheinlich hatten die guten Leute “Es lebe der König!” gerufen.

Die TAZ ist somit erledigt, nicht wahr? Dann hat aber noch einer gewagt, Mosebach zu kritisieren, nämlich der prominente Historiker Heinrich August Winkler (Link):

Ich denke, dass bei dem nationalsozialistischen Judenmord der Kampf gegen die Aufklärung eine entscheidende Rolle spielt. Die biologische Vernichtung von Menschen um der bloßen Tatsache willen, dass sie einer anderen Rasse angehören, das ist etwas anderes als wechselseitige Grausamkeiten in einem Bürgerkrieg. Und die Französische Revolution war nicht der erste Bürgerkrieg der Geschichte. Also hier werden Dinge miteinander verglichen, die man eigentlich nur vergleichen kann, um dann die Unterschiede deutlich herauszuarbeiten und nicht nur die Gemeinsamkeiten. [...]
Für ihn ist das Entscheidende, glaube ich, das Zitat “Es lebe der König” von Lucile Desmoulins, damals ausgesprochen als ein Ausdruck des äußersten Protestes. Und ich glaube, dahinter verbirgt sich die eigentliche Botschaft der Rede, die Aufklärung und die Französische Revolution markieren einen Irrweg. Die Zeit davor war die gute Zeit. Und dieser Standpunkt ist schlichtweg reaktionär. Ich würde von Geschichtsklitterung, denn das Ancien Régime, gegen das sich die Französische Revolution auflehnte, hat die Menschenrechte mit Füßen getreten. Und deswegen denke ich, ist dieses Geschichtsbild, wenn es denn der Rede zugrunde liegen sollte, etwas, mit dem man sich sehr kritisch auseinandersetzen muss.

Jäger kennt sich in der Geschichtsforschung wie bekannt besser aus als jeglicher Wissenschaftler, insbesondere wenn dieser ihm widerspricht. So bekommt Winkler dies zu spüren (Link):

Winkler, bekannt geworden durch sein Buch „Der lange Weg nach Westen“, hatte in seiner Abschiedsrede von der Universität beklagt, die Französische Revolution habe „ein antirevolutionäres Ressentiment in großen Teilen Europas“ hinterlassen. Die Wortwahl legt die Vermutung nahe, dass Winkler die Vernunftgründe einer antirevolutionären Haltung, für die Mosebach heute wie kein anderer steht, als gering veranschlagt. [...]
Wer die Jakobiner und Himmler vergleiche, müsse [nach Winkler] vor allem „die Unterschiede deutlich herausarbeiten und nicht nur die Gemeinsamkeiten“. Aber sind diese Unterschiede nicht erst dann feststellbar, wenn vorher überhaupt verglichen wurde? Die Fürsprecher des Vergleichsverbots haben dieses logische Problem bis heute nicht überzeugend zu lösen vermocht.

Jetzt ist Winkler aber auch erledigt, nicht wahr? Die gesamte perverse Rhetorik der Neuen Rechten wird hier exemplarisch angewendet. Das nennen wir den Qualitätsjournalismus! In Kürze: Zuerst denunziert er Winkler als altes Eisen, dann wird aus ihm eine Rote Socke gemacht. Gleichzeitig wird Mosebach zum geistigen Führer der “antirevolutionären Haltung” erkoren. Am Ende ist Winkler ein Fürsprecher des “Verbots”, unfähig logisch zu denken. Argumente Winklers werden dabei verschwiegen und ignoriert. So einfach geht das!
Mosebach wolle doch nur vergleichen, oder, wenn gerade keiner zuhört, wolle die Grundlagen der Welt gegen die Commis retten, also je nach dem, was gerade besser passt, mal feige zwischen den Zeilen, mal geradeaus formuliert. Der geneigte Leser wird es schon richtig deuten. Klar! Leserkommentare bei beiden Glossen Jägers kommen wie gerufen, aus der “richtigen” Ecke. Keiner widerspricht.

Noch geschickter ging die NZZ mit der Rede Mosebachs um. Joachim Güntner verschwieg den Himmler-Passus und lobte und lobte (Link):

Aber kommen wir zur Mosebach-Büchner-Kontroverse, der Dankesrede des Preisträgers. Sie war intellektuell fordernd, brillant, gerade weil sie dem gewöhnlichen Büchner-Enthusiasten schwer zu schlucken gab. [...] Mosebach entdeckte durchaus humane Züge am «Früh-Kommunisten» Büchner. Aber eben nur dort, wo dessen Werk nach Mosebachs Lesart zu der Einsicht drängt, dass der König das individuelle Subjekt garantiert, indem er es verkörpert – während doch die Revolution, diese Blutsäuferin, die Individuen vernichtet. Eine fulminante gedankliche Volte, für Republikaner freilich nur mit Bauchgrimmen geniessbar.

Vollständigkeitshalber erwähne ich noch die plauderige Glosse im “Freitag” (Link). Mario Scalla beginnt mit der Geschichte des Preises und endet mit Madonna und Tom Cruise. Zur Sache kommt er nur kurz:

Mosebach schreibt einen gepflegten bürgerlichen Realismus; wenn er öffentlich für Kuba eintreten würde, hätte ein Georg Lukacs eine helle Freude an ihm. Aber er ist nicht nur nicht für Kuba, sondern ein Gegner der Französischen Revolution - er ist sozusagen das Gegenteil von Büchner und hat doch den nach ihm benannten Preis bekommen. Mit gleichem Recht könnte man einen Ernst-Jünger Preis stiften und ihn Hermann Kant zueignen.

Martin Mosebach ist ein konservativer Anti-Modernist. [...] Die revisionistischen Neigungen der einheimischen Konservativen nehmen hysterische Züge an, Mitleid wird jetzt erste Bürgerpflicht.

Hinter der Ablehnung alles Revolutionären versteckt sich aber auch die Aversion gegen alles, was sich unter dem Begriff Moderne fassen lässt. Gegen die Moderne aber lässt sich nicht einfach mehr sein. Befinden wir uns noch in der Post- oder bereits in der Post-Postmoderne? Wie auch immer, eine Wiederkehr moderner Themen oder Techniken ist etwas Postmodernes, genauso die Ablehnung von Moderne und bürgerlicher Revolution. Ein postmoderner Anti-Modernismus ist durchaus zeittypisch. Madonna bekennt sich zur Esoterik der Kabbala, die Neigungen von Tom Cruise sind bekannt, Mosebach denkt über das Königtum nach und verbreitet Wirrnis. Eigentlich müssten sich die drei prächtig verstehen.

Also gar nicht so schlimm. Die Linke steht darüber und lächelt. Der eine nur kann sich nicht beruhigen und motzt in seinem Blog, das ist Alan Posener, der feststellt (Link):

dass die Kritik an den 68ern von einigen Konservativen benutzt wird, um die Moderne selbst anzugreifen. Endlich findet ein tapferer Konservativer den Mut, das auch zuzugeben.
In der “Welt” schreibt der erzkluge und immer erfrischend böse Tilman Krause - nicht wie üblich in seiner zeitgeistkritischen und zugleich zeitgeistanzeigenden “Klartext”-Kolumne, sondern, was einen bei einer liberalen Zeitung schon verwundern könnte, im Leitartikel, also quasi ex cathedra: “Die ‘Modernen’ gehen uns auf die Nerven”. [...] Man fragt sich, was Mosebach geritten hat, nun auch die Nazi-Erregungsmachine zu bedienen. Vielleicht war er neidisch auf Eva Herman. Oder auf Martin Walser. Man fragt sich, ob es ein deutscher Schriftsteller einmal schaffen kann, in der Paulskirche den Mund aufzumachen, ohne von Hitler zu faseln. Das einmal nicht zu tun, wäre eine wahrhaft konservative und zugleich revolutionäre Tat. Wie dem auch sei: die Auschwitzkeule in die Hand zu nehmen, um damit auf die Französische Revolution einzudreschen, scheint mir doch ein wenig billig. Die Revolution war auch so fürchterlich genug. Und fast alle Zeitgenossen haben sie so empfunden, Büchner eingeschlossen. Seitdem scheiden sich die Geister an der Frage, ob die Dialektik der Aufklärung automatisch in den Terror mündet, wie Konservative behaupten, oder ob es möglich sei, an den Idealen der Aufklärung und der Demokratie festzuhalten, ohne dem Fanatismus zu verfallen, wie Liberale und Linke meinen. Himmler führt bei der Beantwortung dieser Frage nicht weiter. [...] Es sei denn, jemand will - ganz unkonservativ - bloß einen kleinen deutschen Stunk machen.

Und ich frage mich, ob die Art dieses Textes nicht die Folge des Posener-Falls ist. Einerseits empört sich der Autor, und zu Recht, und benennt die Sachen beim Namen. Andererseits vermeidet er etwas kräftigere Ausdrücke und rudert am Ende sogar zurück. Ist der innere Zensor hier bei der Arbeit zu beobachten? Kritisieren, aber fein? Nicht dass der Chef sich einmischen soll?

Ich bin mit der Debatte unzufrieden und vermisse einen Ignatz Bubis. Gerade das wäre aber die einzige passende Gelegenheit dieses Jahres, etwas deutlicher zu werden, anstatt Pfitzner oder ein paar Bischöfe anzugreifen, liebe Vertreter des personifizierten deutschen Gewissens.

Am dritten Tage nach dem Eva-Herman-Fall

Sonntag, 14. Oktober 2007

Inzwischen sind es mehr als 770 Blogeintragungen, die sich alle um den medialen Skandal “Eva Herman” drehen und stark divergierend voneinander im heftigen Streit miteinander liegen. Es ist schier unmöglich, sie alle zu lesen. Keine Suchmaschine hilft, sie zu filtern, denn es geht nicht mehr um Stichworte, sondern um die Qualität der Texte, Originalität des Blicks, die Schärfe der Argumente, die Beachtung dessen, was von anderen geschrieben wurde.

Ich nehme experimentellerweise die je ersten 20 Treffer bei den wichtigsten Suchmaschinen (spezialisiert auf dem Gebiet deutschsprachiger Blogs) und betrachte sie etwas aufmerksamer, ohne alle gleichberechtigt zu behandeln. Das kann etwas länger werden, bitte um Geduld. Ein paar Kekse vielleicht? :-)

I. Clusty:

Die absolute Mehrheit der bloggenden Bürger dieses unseres Landes verteidigt das zu unrecht leidende Opfer der Politik, der Medien etc. Töne und Färbung unterscheiden sich nur minimal. Besonders krass sind folgende Beiträge - auf der evangelischen Seite idea.de (Link):

Kerner behandelte Herman wie bei der Inquisition. [...] Doch Herman blieb standhaft. [...] Ein Geschichtsprofessor hatte sich nicht entblödet, Herman mit Belehrungen über das Dritte Reich zu konfrontieren, die jeder Sechstklässler kennt, und bekanntzugeben, dass er die Frage „Hat Eva Herman recht?“ an seiner Universität als Prüfungsfrage eingeführt habe. [...] Broder nannte die Sendung „die längste Antifa-Sitzung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen“. [...] Politisch korrekte Meinungsführer in Medien und Politik schließen auf beängstigende Weise die Reihen. Deutschland rückt ein Stück näher an das heran, was Martin Walser die „gestoppte Demokratie“ nannte.

Eine Reaktion darauf kommt noch später - bei der Technorati-Linksauswertung.
Eine empörte “Flashlink30″ verkündet in ihrem Blog (Link):

Wir lassen uns nicht verarschen. [...] Mich erfreut es aber tierisch, wenn ich landauf, landab in jedem Forum und in hunderten von Kommentaren die Volksmeinung lese. Es herrscht Einhelligkeit in der Verurteilung der beschämenden Hexenjagd. [...] eins steht fest: Dieses Blog unterstützt Eva Herman. Jetzt erst recht.

Um Ausgeglichenheit bemüht sich Sebastian in dem Blog “Aufschrei” (Link). Er liefert die beste Analyse des Spruchs über die Autobahn und kommt zum Schluss:

Es ist erschreckend, wie groß die Distanz zwischen diesen beiden Sphären geworden ist. Sie zeigt sich, wenn Journalisten die Show nun als eine »Sternstunde des Fernsehens« bezeichnen und triumphieren, Herman habe eine Niederlage eingesteckt und sich unmöglich gemacht. Weit gefehlt. Da, wo Antifaschismus nicht gegenstandslos wäre, sondern dringend nötig, ist sie beliebter und stärker denn je. Und selbst wenn sie bald von der Bildfläche verschwinden sollte, was ich für unwahrscheinlich halte – der Nerv, den sie getroffen hat, wird nicht so schnell wieder verstummen. Und dem ist es auch relativ egal, was sie nun eigentlich gemeint hat.

Im “Bildblog” wird mit großem Staunen festgestellt, dass die große MeinungsBILDnerin baff ist und auf der Spur der Schadensbegrenzung wandert. Dabei wird ein sprachlich lehrreiches Fragment aus dem Interview mit dem inzwischen berühmtesten Geschichtsprofessor Deutschlands zitiert (Link).

Ich wundere mich meinerseits über diesen Proporz - die zwei zuletzt verlinkten Beiträge sind eine (rühmliche) Ausnahme. Und doch ist dieses Verhältnis glaubwürdig.

II. Icerocket

Hier sieht es alles noch schlimmer aus. G. Arentzen postuliert (Link):

Wie steht es nun mit den Aussagen von Eva Herman, man könne nicht über den Verlauf unserer Geschichte sprechen, ohne in Gefahr zu geraten?
Nun, das ist natürlich falsch. Man kann sehr wohl über das Dritte Reich sprechen. Man kann sagen, dass das alles Scheiße war, Hitler ein Arschloch, die Nazis verrückt - nichts passiert. Man kann sagen, dass er die Autobahnen nur für den Krieg bauen ließ, all die Nachteile aufzählen, die Judenvernichtung und den Krieg - nichts passiert.
Problematisch wird es erst, wenn man über diese Zeit spricht, ohne deutliche Abscheu zu zeigen oder wenn man Begrifflichkeiten benutzt, die auch von den Nazis benutzt wurden. Dann haftet einem schnell der Geruch des Braunen an. Man hat schließlich alles zu verdammen, denn alles kann irgendwie negativ behaftet sein. [...] Es gibt keine sachliche Debatte über diese Zeit, keine emotionslose Bestandsaufnahme, kein “vielleicht gab es durchaus gute Ansätze, die dann ins Schreckliche abwichen”. [...] Geht jemand hin und sagt, dass etwas gut war in dieser Zeit, ist er ohnehin ein Nazi und somit der öffentlichen Verdammnis anheim gefallen. Würde Dante seine Göttliche Komödie heute schreiben, der erste Ring der Hölle wären die Medien, der zweite der Boulevardjournalismus. [...] Ob Eva Herman nun nationalsozialistisch denkt oder nicht, maße ich mir nicht an zu entscheiden. In gewisser Weise kann man aber sicher von einer “gleichgeschalteten Presse” sprechen.

Als Beispiel einer neutral angelegten Beschreibung verlinke ich hier den Text aus dem Blog “Moglispears” (Link). Nur eine nichtige Posse sieht ein “Antón” in der Sendung (Link). Am Ende eines langweiligen Textes erkennt “woonde” plötzlich (Link):

Allerdings ist natürlich eine pseudowisschenschaftliche Auseinandersetzung mit diesen höchst wissenschaftlichen Theman provokant und gewagt - von mir und von Frau Herman.

“Dennis” weiß alles bestens und spricht sich wortgewaltig aus (Link):

Frau Hermann ist kein Nazi und sie hat auch nicht die Absicht einer zu werden. Eine Formulierungsschwäche zu haben und ein Buch zu veröffentlichen mag zu kritisieren sein. Eine Fernsehkollegin einzuladen und sie aus meiner Sicht öffentlich zu fünft gewaltsam zu diskreditieren, ist für mich zu verachten. Kerner hat so im deutschen Fernsehen für mich nichts mehr zu suchen. Und die anderen Quotenhuren kann er gleich mitnehmen.

“SyranodeBonn” formuliert noch böser und ist (Link)

geneigt, von einer gewissen Gleichschaltung der Presse zu sprechen. Bis auf einen hervorragenden Artikel in der „Süddeutschen“ über Johannes B. Kerners Volksgerichtshof, später umgeändert in Laiengericht, wird die übliche Routine abgespult, wenn man jemanden in die rechte Ecke stellen will.

Noch einen Schritt weiter. Da sind wir schon bei den ganz schlimmen Beispielen. Normalerweise ignoriere ich diese “konservative” Ecke. Bei dem Thema sind sie aber so stark im augenblicklichen Aufwind, dass es unvermeidlich ist, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Der im vorigen Posting von mir schon erwähnte André F. Lichtschlag schwingt mit seiner Tastatur und - o-ho-ho - dabei kommt viel Euphorie raus (Link):

Warum sind sich alle einig darin, dass man öffentlich mit niemanden auch nur diskutieren darf, der etwa sagt: „Aber der Bau der Autobahnen damals war gut.“ Oder: „Die Olympischen Spiele von 1936 waren ein Erfolg.“ Das größte Tabu ist der Satz, dem insgeheim 95 Prozent der Menschen zustimmen, den aber nun wirklich keiner offen sagen darf: „Das meiste war schlimm, aber es war nicht alles schlecht!“

Natürlich war nicht alles schlecht. [...] Deutschland schreitet mit großen und schnellen Schritten voran auf dem Weg in einen totalitären Staat, der ideologisch mit Ökowahn, Radikalfeminismus und „Antifaschismus“ luftdicht abgesichert wird. Früher nannte man das Nationalismus und Sozialismus.

Die rechtsradikale Zentrale “Störtebecker.net” jubelt (Link):

Man darf in Deutschland keinen individuellen Standpunkt zu gewissen prägenden historischen Geschehnissen vertreten - nicht einmal zu kleinen Details jener Epoche, ohne sofort an den Pranger gestellt zu werden. Das bleibt haften, und zwar in einer Art und Weise, wie es hunderte von Demonstrationen des Nationalen Widerstands bislang nicht zu vermitteln vermochten.

Die NPD, DVU und die Nachfolge der Schillpartei sind offensichtlich brennend interessiert. Im letzten Fall ausdrücklich:

Aus der Hamburger Zentrumspartei, der bislang keinerlei Bedeutung beigemessen wird, könnte in diesem Fall ganz schell die „Herman-Partei“ werden. Denn neben Nockemann gibt es mal abgesehen vom christlichen Hardliner Udo Ulfkotte, ansonsten lediglich namenlose Windgestalten. Kein Wunder, dass man so erpicht darauf ist, Eva Herman für sich zu gewinnen.

Am Ende fällt ein noch besseres Wort:

Wenn es hier keine Absprachen gegeben hat, dann war nicht Herman naiv, sondern Kerner, der aus politisch-korrekten Gründen die Dissidentin wieder zu neuem Ruhm verholfen hat.

Ziemlich einsam steht dazwischen mein eigener Überblick der ersten Blogreaktionen da(Link). Andere “normale” Texte sind unter den ersten 20 nicht zu sehen.

III. google

Google zählt schon ca. 1140 Beiträge zum Thema auf. Überschneidungen zu clusty und icerocket sind zahlreich: mindestens vier Beiträge sind dieselben. Von zwanzig - ist es gut oder mangelhaft?

Hartmut Hannaske sieht in den Medien den wahren Übeltäter, so wie sie mit “Frau Herman” umgehen (Link), die

als einzige in ruhiger und sachlicher Art ihre Intelligenz unter Beweis stellend den Nachweis erbracht hat.

Seine Folgerung ist noch globaler:

Das Medien bei Wahlen und politischen Entscheidungen ein entscheidendes Wort mitreden ist eine Binsenweisheit. Problematisch wird es nur dann, wenn alle “Experten” in den großen Medien einer Mainstreammeinung hinterherlaufen und überall der Mut oder der Verstand fehlt, sich dieser entgegenzustellen und den Mainstream zu verändern. Das ist auch der wahre Grund für das peinliche Ausmaß von Antiisraelismus und Antiamerikanismus in Deutschland.

Ein “Vergißmeinnicht” (”Frau im Zielgruppen-Alter von Eva Hermans Büchern”) ist eher neutral in ihrer Bewertung, fragt dann aber - in der schönen Vogel-Strauss-Art - nach dem Sinn der Sendung (Link):

musste das ZDF die Sendung dann wirklich ausstrahlen? Haben sie nicht diesen Eklat zu eigenem Nutzen verwendet? Hätten sie nicht einfach auf diese Sendung verzichten können? Dann könnte sich Deutschland jetzt wichtigen Themen widmen und rechts gerichtete Vereinigungen hätten kein neues Futter mit dem sie demonstrieren können. Damit hätte man der Sache und dem Fernsehzuschauer wirklich einen Gefallen getan.

Im (nach der begeisterten Meinung “Muslimmarktes” “äußerst Israelkritischen und insbesondere NeoCons-kritischen”) ”Politblog” wird von “pony_huetchen” über “Schauprozess”, “Rufmord” gesprochen und irgendwann die letzte Wahrheit präsentiert:

Die Ursachen, und da sitzt die unerwünschte Sprengkraft des Herman’schen Ansatzes, liegt in der Arbeitswelt der neoliberalen Wirtschaft. Was, wenn die Menschen feststellen, dass in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein Handwerker - zwar bescheiden, aber dennoch ausreichend - eine Familie ernähren konnte. [...] Sie verharrt mit ihrer Kritik bei dem Phänomen, erkennt nicht die wahren gesellschaftspolitischen Implikationen. Dann hätte sie eine glasklare Erklärung - und darin liegt die Brisanz! Ein Schritt - und Herman erkennt die wahren Zusammenhänge der von ihr sehr genau analysierten gesellschaftlichen Probleme.

In den zahlreichen Kommentaren wird diese Sicht mehrheitlich unterstützt. Eine einzige Iris Bleyer stellt sich dagegen:

Entschuldigt mal, aber die Art und Weise, wie das wirre Gequatsche, das E.H. von sich gab jetzt durch diesen Artikel von links vereinnahmt wird, kotzt mich echt an. Das finde ich fast noch widerlicher, als die Umarmung der blonden Mutterkreuzritterin aus den katholisch-konservativen und rechtsextremen Lagern.

Unter den unzähligen Verschwörungsspezialisten und antiisraelischen Kapitalismuskritikern glänzt einsam ein Kommentarbeitrag von Jens Berger:

Ich halte sie (wie mehrfach geschrieben) nicht für eine Vertreterin von Rechtsaußén-Positionen, dass sich ihr Familienbild mit dem der Rechtsaußen überschneidet, dafür kann sie erst einmal nichts. Man erinnere sich an die Debatte über gemeinsame Schnittpunkte in den Positionen Lafontaines mit der NPD. Was bei Frau Herman offen zu Tage tritt, ist ihr grundnaiver Umgang mit der deutschen Vergangenheit. Sie sagt es selbst, wenn sie ihren “historischen Ansatz” formuliert - „Ich habe mit meiner Großmutter, die sehr alt geworden ist, vor kurzer Zeit darüber diskutiert, und ich habe gesagt: Wie konnte das passieren, warum habt ihr nicht unternommen?“

Genau dies sind die Fragen, die die 68er ihren Eltern und Großeltern gestellt haben - aber zwischen der “Vergangenheitsbewältigung” der meisten Menschen, die sich ernsthaft mit dem Thema beschäftigen und Frau Herman liegen nicht nur 30 Jahre, sondern auch wissenschaftliche Welten. Wenn sie in dem umstrittenen Zitat beiläufig “den einen bösen Mann” erwähnt, so ist dies genau die Ausrede, die die 68er von ihren Eltern zu hören bekamen. “Ein paar böse Männer” und 80 Mio. Mitläufer. Zwischen den Zeilen verbirgt sich mehr, als man oberflächlich denken mag. Ihre dämliche Anspielung auf die “Autobahnen” ist genau in diesem Kontext zu sehen - dummnaives Geplapper, das im besten Sinne aus mangelnder Bildung, im schlimmeren Sinne als Krawall-PR für ihr Buch und im schlimmsten Sinne als Überzeugung zu verstehen ist. Letzteres schliesse ich aus. [...]

Wenn Sie hysterisch faucht “WIR sterben aus” und bei Kerners Kontra “Naja – dann gibt es ein paar mehr Chinesen” angewidert mit den blauen Äuglein rollt, so ist dies für mich verabscheuenswert. Sorry, für die harten Worte. [...]

Wer beim “Forum Deutscher Katholiken” - einer erz(!)konservativen Einrichtung für “seine Sache” Brandreden hält, hat (wenn er nicht mit diesen Kreisen sympathisiert) seinen persönlichen faustischen Pakt geschlossen. Und das es nach hinten losgeht, wenn man (für welche Sache auch immer) mit dem Teufel ins Bettchen steigt, lehrt uns die Geschichte in unzähligen Fällen.

Im Ulis’s Blog (Link) werden die vorhandenen Meinungen etwas anders sortiert als in diesem Blog (hier), berücksichtigt werden dabei nur Alphablogger - vielleicht fühlt sich da der eine oder der andere Leser besser aufgehoben. :-)

IV. Technorati

Hier werden ca. 750 Posts aufgezählt. Man kann bei Technorati nicht mehr nach Rankings sortieren, so dass man dem Verlauf nur chronologisch folgen kann. Auch bei diesem unvermeidlich simplen Vorgang entdecke ich hier einige höchst interessante Beiträge. So stellt sich Haso gegen die Position der idea.de-Seite (siehe oben) mit deutlichen Worten (Link):

Wir dürfen nicht vergessen, dass konservative Christen zu denen gehörten, die im Dritten Reich verführbar waren. Die Nazis verstanden es, Begriffe in den Raum zu werfen, die auch zum christlichen Vokabular gehörten, und sie verbanden diese Begriffe mit einer Intonation, die ähnliche emotionale Sentimente ansprach wie eine pathetische Predigt. Viele schauten nicht mehr näher hin, ob sich hinter Sprache und Tonfall nicht ganz andere Motive verbargen, die eine Allianz unmöglich gemacht hätten.

Und so spüre ich die Möglichkeit, dass konservative Christen auch heute verführbar sein können, wenn nur passende Partner sich anbieten, die mit den richtigen Schlagworten aufwarten und die richtigen Saiten erklingen lassen. Aufgrund solcher Zusammenhänge ist es nötig, “jeden Vergleich mit dem Dritten Reich” zwar nicht “unter Strafe zu stellen”, aber zu meiden wie der Teufel das Weihwasser. Es geht nicht an, aufgrund der Besorgnis um “unsere”, “christliche” oder “biblische” Werte auch nur in die geringste Nähe zu Leuten zu kommen, die auf der Klaviatur solcher Werte eine ganz andere Sonate spielen.

Ein Teil des Problems liegt übrigens darin, dass viele Christen mit Rückzugsgefechten auf gesellschaftliche Entwicklungen reagiert haben, bis sie mit dem Rücken an der Wand standen, anstatt die Chancen und Möglichkeiten gesellschaftlicher Entwicklungen zu entdecken und aufzugreifen. Wer mit dem Rücken an der Wand steht, hat sich immer selbst dorthin gestellt.

Diese Position kann man gewiß kritisieren, es ist aber noch eine Stimme in diesem Chor, die ich so bis jetzt nicht wahrgenommen habe.

Ganz anders geht es auch: Im Blog “Gedankendeponie” (Link) wird eine Diskussion über die Familie geführt, streng im Rahmen der Vorgaben, die Eva Herman predigt. Der Autor und seine Kommentatoren distanzieren sich munter und bisweilen in großer Sorge von Phantomen und Popanzen und erzählen dabei viel aus dem Familienalltag.

Der Rest entspricht dem, was wir bei clusti und Icerocket vorgefunden haben.

V. Rivva

Hier sind nur und ausschließlich Alphablogger im Angebot. All diese Artikel wurden von mir schon im vorigen Posting berücksichtigt.

Fazit: Clusti sortiert am besten. Google bringt die meisten Quellen. Icerocket zeigt mehr Details. Technorati ist zuverlässiger im Ranking-Hinweis. Wenn wir mit dem Blick auf eine Uhr feststellen, dass die Auswertung der Texte Stunden dauert und dass die Suchmaschinen nur bedingt helfen, bleibt die Frage im Raum stehen:

Wie kann ein unvoreingenommener Leser a) das gesamte Spektrum der Meinungen abtasten? b) seine eigene Meinung vorfinden, von einem anderen vorformuliert, besser als er selbst es kann? c) eine Diskussionsplattform finden, wo seinesgleichen im regen Austausch tummeln?

Die deutsche Blogszene erweitert sich schneller als die traditionellen Medien, Leserbriefredaktionen und auch Alphablogger es sich vorstellen. Was für ein Chaos! :-)

Ich postuliere:
1. Keine einzige Suchmaschine bietet zur Zeit den ausreichenden Überblick im Meinungsfeld der Blogoszene.
2. Der individuelle Prinzip herrscht - jeder vertritt sich selbst, seine Meinung, sorgt sich um sein Ranking etc.
3. Die meisten Autoren lesen nur Kommentare im eigenen Blog und weiterführende Links darin.
4. Die meisten Leser folgen den Rankingtabellen ihrer Blogplattform.
5. Die meisten Vereinigungen bzw. Blognetzwerke halten nicht das, was sie versprechen, und unterliegen dem menschlichen Bedürfnis, mehr Lesungen (Aufmerksamkeit etc.) zu erreichen.

Gerade bekomme ich eine wenig erbetene wöchentliche Portion der stressfreien und spirituellen Selbstfindung und Jobzufriedenheit (brrr :-). Darunter eine Perle (im Enkelmann-Original selbstverständlich ernst gemeint *g*):

Alles wird gut. Alles wird immer besser und besser.

Oder mit anderen Worten (Dominik Hennig hat absolut Recht):

In diesem Lande sind einmal wieder sämtliche Schränke tassenfrei.

Eva Herman bei Kerner als Thema der Blogoszene

Freitag, 12. Oktober 2007

Mehr als 670 Texte sind dem Thema gewidmet, in nur zwei Tagen, nur von deutschen Bloggern. Technorati und Google versagen - man kann kaum den Überblick behalten. Hier kommt Web 2.0 an seine Grenzen. Wie kann man sinnvolle Beiträge noch herausfiltern? Das Meistgelesene und Meistkommentierte ist aus meiner Sicht weniger relevant als die Texte, die ich im weiteren zitieren werde, obwohl sie von wenigen beachtet wurden. Wir müllen uns selbst zu, eine bittere Perspektive. Wenn man bedenkt, dass vor einigen Tagen blogscout.de geschlossen wurde, und wenn man sich den Überblick zu dem Thema dieses Postings bei rivva.de verschafft hat (am Ende komme ich dazu noch einmal), dann zeigt dieser Einzelfall noch mehr, wie schwer oder fast unmöglich es wird, sich die gesuchte Information direkt zu holen.

Zurück zur vox populi im Bezug auf Eva Hermans Auf- und Austritt bei der Kerner-Show. Die ersten Reaktionen habe ich für mich folgendermaßen sortiert:

I. Pro Herman

1. Die Unterstützung aus ideologischen Gründen, überwiegend von neuen Rechten und erzkonservativen Autoren und Lesern, die immer aktiver werden und nicht nur in Foren, sondern sich zunehmend mehr in eigenen und fremden Blogs verbreiten. Besonders ausgewachsene Beispiele verlinke ich, hoffentlich als Abschreckung und nicht als Werbung.

André F. Lichtschlag stellt Eva Herman bei ef-online (Link) auf das Opferpodest zusammen mit Hohmann in der Sprache der “Jungen Freiheit”:

Eva Herman wurde wie zuvor Martin Hohmann federführend von Springers „Bild“-Imperium in die braune Ecke geschrieben.

Weitere Loblieder mit den unzähligen Umschreibungen der “herrschenden” “Gesinnungsdiktatur” sind zum Beispiel bei Daniel P. Schuster (Link) zu lesen:

Und warum Sie sich nicht entschuldigt? Mensch! Spricht ja wieder für die Nazis - Die haben sich auch nie entschuldigt! Vielleicht hat Sie aber auch das Medientheater einfach nur satt. Es wäre verständlich. 

Insbesondere sind sie aber [update] in den darauf folgenden ausführlichen Kommentaren 21 und 22 von einem condorare zu bedauern oder bei abstrusen Ausschweifungen in Kommentaren wie:

der Bürgerkrieg in diesem Lande geht in die heiße Phase über. (Link)

In dem zuletzt zitierten Organ der Neuen Rechten werden Armin Mohler und Broder in einem Atemzug positiv erwähnt. Dazu komme ich später noch zweimal.

2. Noch viel mehr Beispiele fand ich für eine diffuse Unterstützung, weniger aus ideologischen Gründen, mehr aus Mitleid oder Mitgefühl. In der Art, wie man eine sympathische Person in einem Reality-Show unterstützt. So im Blog matziberlin (Link), wo unter anderem auch Fanpostings für Eva Hermans Position und auch nur Haltung wiedergegeben werden. Medienblogger fragt sich (Link),

warum es Kerner nicht gelingt, sie vor sich selbst zu schützen [...]

Im No-Angel-Inside’s-Weblog heilt der Autor seine Schlaflosigkeit durch die ausführliche Beschreibung des Showablaufs und empört sich (Link):

Sagst Du was gegen Ausländer, bist Du ein Rechter! Kommt Kritik gegen Israel oder die Juden im Allgemeinen, bist Du ein Rechter! DAS kann so nicht sein und auch hier sehe ich ein übles Defizit, was die Diskussionskultur in Deutschland angeht. So würgt man Diskussionen ab, schränkt bewusst die Meinungsfreiheit ein und schadet damit einem konstruktiven Dialog auf vielen Feldern der Gesellschaft. Kurz zur Erinnerung und dazu gibt es einige Beispiele in der Vergangenheit: Wenn dann mal wieder der Druck des Zentralrates der Juden in Deutschland zu groß wird, müssen Politiker zurück treten oder andere Menschen verlieren ihren Job!

So nähern wir uns der berüchtigten vox populi schon wieder - Broder lässt grüßen, auch wenn er in diesem Fall nicht erwähnt wurde.

Noch eindeutiger für Herman, aus Empörung über die Medien und die Politik, tritt ein Manfred Bartl auf, der selbst gerne Politiker werden will. Er zitiert dabei die katholische “Tagespost” (Link):

Ob Joachim Kardinal Meisner oder Eva Herman – gnadenlos dreschen die Medien auf jene ein, die es wagen, ihre Popularität auch dazu zu nutzen, vermeintlich Unpopuläres zur Sprache zu bringen.

Eine Mitarbeiterin des Außenministerium, die sich von allem distanziert, was ihr Schwierigkeiten im Job bringen kann, steigert sich noch mehr hinein (Link):

Eine Frau so im Fernsehen vorzuführen ist pervers und nicht angebracht. [...] So vorgeführt wurden nicht einmal NS-Kriegsverbrecher in Nürnberg.

3. Die nächste Steigerung führt zur Verurteilung Kerners. Weiter als alle anderen geht Florian K. bei Kreuz.net (Link), der diesen ”Hinrichtungsjournalist” nennt:

Ein ZDF-Talkshowmaster hat gestern Eva Herman in eine Falle gelockt, um sie anschließend mit einem in Deutschland schon länger nicht mehr öffentlich zelebrierten Sadismus zu Hackfleisch zu verarbeiten. [...] Das von Kerner unter dem Schein einer Talk-Show veranstaltete Tribunal gegen Frau Herman vollzog sich im aufgeheizten Klima eines Schauprozesses. Frau Herman wurde zum Beispiel auf den Begriff „gleichgeschaltete Presse“ angesprochen, den sie früher einmal erwähnt hatte. Kerner wußte, daß dieser Ausdruck ein „Begriff des Nationalsozialismus“ sei.

Ob es an diesem Punkt überhaupt noch angebracht war, in der Sprache Adolf Hitlers († 1945) weiterzureden? [...] Moderator Kerner heuchelte nach der Aufzeichnung, er hätte die Hoffnung gehegt, daß Frau Herman „ihre problematischen Äußerungen im Gespräch relativieren würde“.

„Als klar war, daß wir dabei nicht weiterkommen“, habe ich das Gespräch mit ihr beendet und mit meinen anderen Gästen fortgesetzt, erklärte er. In der Sendung hatte er ein Zitat aus dem Herman-Buch „Das Eva-Prinzip“ wirkungsvoll mit einem Zitat des NS-Chefideologen Alfred Rosenberg († 1946) verglichen.

Diese Todesdaten wie auch die verdammende Sprache sind selbstredend.

II. Eher gegen Herman, aber eigentlich allgemein gemeint, dazu noch im Plauderton schreiben Autoren, die am meisten gelesen und verlinkt werden. Deren Texte werden offensichtlich von allen Seiten als eine Projektion der eigenen Gedanken aufgenommen und kontrovers diskutiert im schieren Glauben, der Autor sei deren Meinung, auch wenn das gar nicht stimmt. Vorbildlich populistisch hier ist wie immer “Politically Incorrect” mit 561 Kommentaren in einem Fall (Link), ohne dass der Ausgangstext eine Position benennt, und mit 208 Kommentaren im anderen Fall (Link), mit einer deutlichen Positionierung für Herman und einer Anstiftung zur Hetze gegen ihre Gegner.

1. An der Spitze steht hier der Text im Basic Thinking Blog (Link):

Spannend zu sehen, wie Medien arbeiten, Lapalien aufbauschen und der Öffentlichkeit präsentieren. [...] JBK hat mit Eva eben gespielt und die Situation nicht deeskaliert, als es soweit war. Dass dann ein sich in die Ecke gedrängter Mensch im Adrenalinoverflow Dummheiten sagt, kann man oW entschuldigen. Man sollte bei der ganzen Story eben das Menschsein nicht vergessen. Ganz schön linke Titte dieser JBK. Und Eva hat sich wie ein kleiner Doofie verhalten, der noch nie im Fernsehen war. Einige Kommentatoren meinen, dass JBKs Verhalten quotenangepasst sei, es sei also kein Zufall, was da passiert sei.

Es menschelt halt, unter der Rubrik “Kurioses”, eben Lappalien. Stellvertretend für Dutzende anderer Postings und Kommentare.

2. Eher gegen die Institution Fernsehen und Medien allgemein wendet sich der Artikel bei telepolis, der auch sehr populär geworden ist (Link). Schon im Titel werden die Weichen gestellt (”Die neue Antifa”). Mit großer Wucht werden hier die “Scheindiskussion”, der “Entrüstungszirkus” etc. angeprangert. In der Tat ist der Artikel aber die Folge des wichtigsten Wortbeitrages über den ganzen Skandal, nämlich von Henryk M. Broder. Eigentlich hat er zwei Artikel geschrieben, einmal im Spiegel (Link), einmal im Tagesspiegel (Link). Die meisten Leser sind vom ersten begeistert, egal ob links oder rechts. Das mag verwundern:

Als Eva Herman nach genau 55 Minuten von Kerner aus dem Studio komplimentiert wurde (”Ich entscheide mich für die anderen drei Gäste und verabschiede mich von Eva Herman”), hatten sich alle Selbstgerechten nicht nur am falschen Objekt abgearbeitet, es endete auch eine der längsten Antifa-Sitzungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Es ist ein Antifaschismus, der sich von seinem eigentlichen Gegenstand längst verabschiedet hat und dort am besten gedeiht, wo es keinen Faschismus gibt: in einem virtuellen Raum des wohlfeilen Widerstands.

Johannes Gross hat es so formuliert: “Je länger das Dritte Reich zurückliegt, umso mehr nimmt der Widerstand gegen Hitler und die Seinen zu.”

Die konservativen nehmen daraus die Beschimpfung der oberflächlichen Antifa-Bewegung und ignorieren den Rahmen bzw. lassen ihn aus. Die geißelnde Kritik nehmen sie für sich.

In jedem Fall ist der Eva-Herman-Fall hier nur eine Vorlage, um über die (unvollkommen oder ganz schief laufende) Verarbeitung der deutschen Geschichte in der Gesellschaft zu schwadronieren. Auch sie, samt dröhnenden Tönen, wird einverleibt, durchgekaut und - mehr oder weniger verdaut - weitergegeben. Für meine Begriffe sind beide Texte Broders etwas zu schnell geschrieben, ohne die aktuelle Rezeption zu berücksichtigen.

III. Gegen Herman

1. Reißerische Töne schmücken meist die journalistischen Beiträge. Der meist zitierte Text von dieser Sorte stammt von Carin Pawlak (”Fokus“) und wurde von den Neuen Rechten mit Jubel aufgenommen (Link):

Ihre [Eva Hermans] Thesen sind so dumm, dass man an Ihre Bücher sofort mit dem Feuerzeug dran möchte. So ein bisschen anbrennen will.

2. Etwas ruhiger kommen bloggernde Journalisten, die an der Spitze der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen. Unterhaltsam, deutlich und in einer gewissen Konkurenz zueinander klären sie das lesende Publikum auf und stellen sich bereit zum Dialog mit Lesern - egal, ob klug oder dumm. Hier nenne ich vier Beiträge. Beim “Spreeblick” (Link) wird nicht nur die Story nacherzählt, sondern auch die Meinung sehr deulich ausgesprochen, begleitet von 109 Kommentaren:

Das, was Eva Herman gesagt hat, gibt die Lebenslüge der deutschen Konservativen wieder. Ein böser, böser Mann hat das grundgute deutsche Volk ins Verderben geführt. [...] Verharmlosen Konservative den Nationalsozialismus? Nein. Sie wehren sich dagegen, Lehren aus dieser Zeit zu ziehen. [...]

Im Versuch, Eva Herman von der rechten Ecke, in der sie mit Überzeugung steht, in die rechtsextreme Ecke zu drücken, zeigt sich die Feigheit vor der Debatte ebenso wie die Sensationslüsternheit der Mainstream-Medien, die wissen, dass Nazis sich gut verkaufen, die alten Verführer. Dieser Versuch ist durchsichtig, wird durch penetrante Wiederholung nicht besser und nutzt niemandem.

Beim “Coffee and TV” entwickelt sich eine Folge aus drei Beiträgen, die nur von wenigen Kommentaren begleitet werden, - zuerst ziemlich plauderig (Link), dann folgt eine etwas ernstere Medienbeobachtung (Link) und anschliessend eine ausgezeichnete Sprachanalyse (Link), die er absolut genau beendet:

Eva Hermans Weltsicht ist eine [...] verquastete Melange aus Kapitalismuskritik, Schöpfungslehre und Fortschrittsfeindlichkeit.

Stark ausholt auch “Der Spiegelfechter” (Link). Wie beim “Telepolis”, wird hier auch der “Medienzirkus” angeprangert, das “Volksgericht” etc. Alle kriegen ihr Fett ab:

Frau Herman ist von Medien in die Gesellschaftspolitik gewechselt und sie beherrscht die Klaviatur des „Skandals“ sehr gut. Die üblichen Verdächtigen standen schon Gewehr bei Fuß. BILD hat seine Schlagzeilen und die Zielgruppe ein neues Idol - in einer Online-Umfrage auf BILD.de fraternisieren 60% der Leser mit dem Blondchen. Auch der Zentralrat der Juden ist sich nicht zu schade, auf diese Gossen-Kampagne aufzuspringen. Herman lässt sich derweil - kalkuliert provozierend - von erzkonservativen Papisten feiern.

Jemand, der wie Herman, anlässlich des Geburtenrückgangs hysterisch eifert “Wir sterben aus“, der trägt mehr im Sinne als nur ein konservatives Familienbild, das gesellschaftlich durchaus diskutabel ist. Hier geht es um nationalistische Deutschtümelei, eingepackt in eine Familienbilddiskussion, die überfällig erscheint.

Leser bedanken sich für so viel Projektionsfläche mit 91 Kommentaren. Der Sieger dieses Wettbewerbs ist eindeutig Stefan Niggemeier, der mit vier Beiträgen zum Thema die meisten Leser um sich herum versammelt hat, insgesamt mehr als 550 Kommentare! Erfolgreich in der Werbung himself, zielt er auf das eine Thema:

Das eigentlich Erschreckende ist, wie dumm jemand sein kann, wie ahnungslos, wie dilettantisch und laienhaft in einer Medienwelt, in der sie sich seit vielen Jahren professionell bewegt.

Wäre sie kein Profi, es wäre fast mitleiderregend gewesen, mitanzusehen, wie sich Eva Herman immer weiter um Kopf und Kragen redete. (Link)

In den Kommentaren zeigt sich Stefan noch besser:

Ein Wort zum Thema „Gleichschaltung”: Da ist Frau Herman schon wieder selbst in die Opferrolle geschlüpft, und viele hier scheinen ihr die Behauptung abzunehmen, dass man nun nichtmal das Wort „Gleichschaltung” benutzen darf, ohne in die Nazi-Ecke gestellt zu werden. Das ist Unsinn. Der Punkt war, dass sie schon (ob zu Recht oder zu Unrecht) in der Nazi-Ecke stand. Und zur Verteidigung und zur Beteuerung, dass sie da zu Unrecht steht, benutzt sie ein Wort, das vor allem und ursprünglich von den Nationalsozialisten benutzt wurde?! Wie dumm kann man denn sein?

Natürlich „dürfen” andere Leute in anderen Zusammenhängen von „Gleichschaltung” reden. Was „erlaubt” ist und was sanktioniert wird, hängt nicht nur von einem Wort ab („Autobahnen!”) oder von einem Thema („Drittes Reich!”), wie uns Frau Herman glauben machen möchte und womöglich selbst glaubt, sondern vom Kontext, vom Sprecher, von der Klarheit der Intention. (Link)

3. Fast komplett vergisst Thomas Knüwer Eva Herman und beschäftigt sich mit Kerner (Link). Sein Thema:

Wenn ich an diesem Morgen einen Wunsch frei hätte, dann wäre es ein Frühstück allein mit Kerner. Denn zu gern würde ich von ihm hören, was ihm durch den Kopf ging. So ganz ehrlich, nur unter uns beiden. Ob sein Deo versagte, in dem Moment, als er versucht hatte, die unselige Diskussion zu beenden, seine Gäste minus Herman partout nicht zur Tagesordnung übergehen wollten? Ob er befürchtete, die Hinausgebetene würde austicken, eine große Show machen, herumschreien? Ob ihm bewusst war, wie unendlich surreal das sich anschließende Geplänkel über Handtaschenkauf und Reiseerlebnisse war?

Zum Glück findet sich ein Kommentator, der diese Vorlage ausnutzt:

Journalist Kerner wird bei Journalist Beckmann sitzen um über sein Interview mit der Journalistin Herman zu sprechen und die Journalisten des Landes, unter ihnen Niggemeier und Knüwer werden darüber schreiben: Journalisten-Parallelgesellschaft. [Jörg Friedrich]

4. Die Beiträge, die den Fall korrekt beschreiben und vernünftig kommentieren, sind eher in der Mitte der Gesellschaft zu finden. Ich habe die folgenden für mich gerne entdeckt.

Beim fixmbr (Link) hat Chris den Verlauf der Show gut beschrieben, bevor der komplette Text online gestellt wurde. Ein “Khaos-Jabber” hat ausführlich und korrekt die historischen Hintergründe erleuchtet (Link). Kurz und knackig sind Postings von Marcel (Link) und einem “Endlichraucher” (Link). Christian, ein Politologiestudent hat das Thema auch nicht verfehlt (Link), aber besonders schön im Kommentar ergänzt (Link):

Ein Politikstudent lernt im Grundstudium, daß eine der Voraussetzungen für das Funktionieren der Demokratie die allgemeine Bereitschaft zum Verzicht auf gewaltsame Konfliktlösung ist. Das schließt psychische Gewalt, also auch das verbale Fertigmachen auf persönlicher Ebene, mit ein. Wenn ein Moderator einen Gast vor laufender Kamera rausschmeißt, andere Gäste mehrfach Dinge kreischen wie “Ich halte es nicht aus, mit dieser Frau in einem Raum zu sitzen!” und das alles von einem johlenden, applaudierenden Publikum begleitet wird, dann hat das für mich nichts mehr mit einer sachlichen Auseinandersetzung zu tun. Die Dummheit der Eva Herman ist keine Rechtfertigung für so ein demütigendes, zutiefst ekelhaftes Spektakel.

Ich möchte an dieser Stelle noch einige Kommentare zitieren, die mir gefielen:

Man sieht am Beifall, den sie bekommt, von einem kleinen Teil sehr konservativer Katholiken, der NPD oder der „Jungen Freiheit”, dass da Menschen sind, die nur auf solche Äußerungen warten. Dann muss man aber die Argumentationen präzise widerlegen. Das ist im Fall Eva Herman nicht so schwer, aber es muss getan werden. Nicht, um die NPD-Anhänger zu überzeugen, sondern diejenigen, die ehrlich keine Ahnung haben. Herman hat eben den riesigen Vorteil, extrem bekannt zu sein und in den traditionellen Medien regelmäßig aufzutauchen. Das ist für die Zurück-zum-Herd-Fraktion viel mehr wert als tausend Unbekannte, die lautstark dasselbe fordern. [JochenK]

Ich kenne diverse rechtspopulistische Professoren und um das zu erkennen benötigst du die Kenntnis der Materie. Falls diese nicht verhanden ist läufts du diesen vielleicht sogar unwissend hinterher. Ein immenses Gefahrenpotential.

Ich lehne mich sogar soweit heraus, das ich die Lehre der Geschichtslehrer selbst in der Oberstufe als bestenfalls Halbwissen bezeichne.

Die liebe Eva bei dieser Hexenjagd ist ein eklatantes Beispiel für das mangelnde Geschichtsbewußtsein, welches bei gesamten Volk offenbar ist. Das Gros weiß wo es die Klappe zu halten hat, meist jedoch aber nicht warum. Wissen ist etwas völlig anderes … [Oliver]

Als Gegenbeispiel auch ein Kommentar, einfach köstlich:

Ich als Mutter denke auch oft über die Dummheit von Vorgesetzten und Chefs nach und über die Dummheit vieler Menschen die nicht sehen was Mütter alles können. [Link]

IV. Nachbesprechung

Seit der Text der Sendung schriftlich vorliegt (Link), wird daran neu gearbeitet, zum Teil mit einer beeindruckenden Akribie, auch wenn das nicht unbedingt hilft (Link):

Ich muss lernen: Man darf über den Verlauf der deutschen Geschichte nicht sprechen, um nicht in Gefahr zu kommen. Womit sie absolut recht hat, wie man sieht!

Tja, so geht das weiter. Ich möchte hier abbrechen und noch einmal die Anfangsfrage wieder aufrollen.

1. Die besten Texte kommen nicht von den Zeitungsprofis, sondern von bloggernden Journalisten.

2. Keine Suchmaschine hilft die Spreu vom Weizen zu trennen. Rivva erschwert die Suche, da der kumulative Effekt diejenigen Texte nach oben bringt, die von meistgelesenen oder meistverlinkten Autoren stammen, was nicht immer und nicht unbedingt eine gute Qualität bedeutet.

3. Eva-Herman-Fall ist der erste öffentliche Skandal, der mehr und genauer in der Blogoszene besprochen wurde als in den “alten” Medien.

4. Die meiste Zahl der Lesungen bekommen Beiträge mit einem marktschreierischen Titel, dann rollt die Lawine von alleine. Im Dashboard vom WordPress kann man das, glaube ich, sehr klar sehen.

Stimmt das alles oder habe ich Recht? :-)

Eva Herman bei Kerner-Show

Mittwoch, 10. Oktober 2007

Die Sendung gestern abend war sehr spannend, ich musste lange darüber nachdenken. Zwei besonders krasse Sätze von Eva Herman sind schon in der Presse (Link):

“Aber es sind damals auch Autobahnen gebaut worden. Und wir fahren heute darauf.” Sie müsse “einfach lernen, dass man über den Verlauf unserer Geschichte nicht reden kann, ohne in Gefahr zu geraten”. 

Die Sendung kann man auch noch einmal auf den Bildschirm holen (Link). Jeder kann sich also seine Meinung bilden. Und doch scheint mir hier nicht die Empörung allein wichtig, nicht der seltene Entschluss Kerners, Eva Herman aus der Runde zu verabschieden.

Der Umgang mit der Diskussion - das ist der Punkt. Da sagt die familienbewußte Frau zwei Sätze, die nach einer Widerrede schreien. Und Schreinemakers reagiert: “Ich distanziere mich davor, dass ich hier sitze”. Senta Berger ist geduldiger und versucht, einige Argumente zu bringen, dann ist sie auch am Ende und will aus dem Gespräch aussteigen. Der Komiker Barth benennt die Sprüche Hermans “Kacke”. Und Kerner selbst erlaubt sich in der Anwesenheit Hermans über sie in dritter Person zu reden, als wäre sie ein unmündiges Kind, welches zum sich-entschuldigen gebracht werden soll. Er scheitert dabei und agiert mit dem hinauskomplimentieren erst als die aufgebrachten Damen fast schon aufstehen. Das ist der sichtbare Ablauf, wenn man noch eine niedliche Szene mit einem Prof ausser acht lässt.

Schön und gut, nur die zwei Sätze sind im Raum stehen geblieben. Auch die Presse, die so gerne sie zitiert, bringt sie kommentarlos. Wissen denn alle, was daran falsch ist? Woher nehmen sich die Medienprofis diese Sicherheit?

Eine neue Ikone der neurechten Szene wurde erschaffen. Tausende von ahnungslosen Unterstützern, die Herman mit ihren Briefen und mails zur Seite stehen, haben nichts verstanden und werden der neurechten Propaganda weiterhin ausgeliefert.

Da geht etwas schief. Noch einmal: Ein jeder darf sich empören, wenn eine “Kacke” gesagt wird. Ein Medienprofi soll darüberhinaus erklären, warum die Kacke Kacke ist. Sonst ist es kein Profi. Punkt.

In der Blogoszene sind inzwischen einige Kommentare zu lesen. Scharfzüngig bei Statler (Link), plauderig bei Gegenstimme - mit zum Teil vorbildlich dummen Kommentaren (Link), verständnisvoll bei Finger.zeig (Link). In dem zuletzt genannten Beitrag wird gar für die Ruhe gesorgt:

Was soll so schlimm daran sein, wenn Menschen heute die Meinung vertreten, dass die Familienpolitik der Nazis auch gute Seiten gehabt hätte oder wenn “festgestellt” wird, dass wir Hitler die Autobahn zu verdanken hätten (was ja im Übrigen gar nicht zutrifft). Ist es denn anzunehmen, dass aufgrund der Behauptung einiger Leute, die Haltung des deutschen Volkes womöglich umschlagen wird und es mehrheitlich zu einer Verklärung Hitlers oder gar des 3. Reiches kommen wird? Meiner Überzeugung nach bestimmt nicht!

So viel Pluralismus bei der Besprechung in den ersten Stunden.

Am Rande sei noch darauf hingewiesen, dass der Ausgangspunkt der gesamten Geschichte nicht sauber recherchiert wurde. Eva Herman hat ihren Originaltext inzwischen online gestellt (Link):

Wir müssen den Familien Entlastung und nicht Belastung zumuten und müssen auch ‘ne Gerechtigkeit schaffen zwischen kinderlosen und kinderreichen Familien. Und wir müssen vor allem das Bild der Mutter in Deutschland auch wieder wertschätzen lernen, das leider ja mit dem Nationalsozialismus und der darauf folgenden 68er Bewegung abgeschafft wurde. Mit den 68er wurde damals praktisch alles das alles, was wir an Werten hatten, es war ‘ne grausame Zeit, das war ein völlig durchgeknallter, hochgefährlicher Politiker, der das deutsche Volk ins Verderben geführt hat, das wissen wir alle, aber es ist damals eben auch das, was gut war, und das sind Werte, das sind Kinder, das sind Mütter, das sind Familien, das ist Zusammenhalt – das wurde abgeschafft. Es durfte nichts mehr stehen bleiben….

Höchst bemerkenswert, dass Herman bei ihrer für und an sich gerechten Selbstverteidigung nicht sieht, wie falsch ihr historisches Bild trotzdem ist. Noch aber stärker wirken in diesem Kontext dieselben zwei Sätze von gestern. Es ist eine traurige Entwicklung, die Mechanismen der neurechten Propaganda zeigt.

Der Posener-Fall hat ein Nachspiel

Sonntag, 5. August 2007

Im Mai 2007 wurde ein Zensurfall bei der “Welt Debatte” aufgedeckt, in diesem Blog unter dem Titel “Schlammschlacht 3″ beschrieben (Link). Darin habe ich vermutet,

dass die meisten Mitarbeiter des Springer-Verlags über eine Überlebenskompetenz verfügen und keine Mahnung oder Belehrung benötigen.

Auch darin wurde ich jetzt eines Besseren belehrt. Einer der nebenberuflich beschäftigten Moderatoren wurde entlassen (Link), weil er eine interne Information zu diesem Zwischenfall, den eigentlichen Beweis der Zensur, veröffentlicht hat (Link). Philip Steffan, so heißt der mutige junge Mann, findet die Entlassung ganz in Ordnung und will nicht bemitleidet werden. Die Reaktion der Öffentlichkeit ist aber so gering, dass man sich fragt, ob wir mit einer Öffentlichkeit überhaupt noch rechnen dürfen.

Der Kreis zum Blogeintrag “Keine Schlammschlacht (4) mehr” schliesst sich (Link).

Deutscher Journalismus von aussen gesehen

Samstag, 4. August 2007

In der NZZ von gestern fand ich einen ausgezeichneten Artikel über die Zustände im deutschen Journalismus (Link). Kritisch und mit klaren Worten, wie z.B.:

In der Bundesrepublik verwechselte man seit den 1980er Jahren systematisch New Journalism mit Zeitgeistjournalismus, schrillen Geschichten aus der Ich-Perspektive oder flachen Society-Beschreibungen. [...]

Im Jahr 1900 hatte Maximilian Harden mit Karl Kraus korrespondiert, man müsse es dahin bringen, «dass der publicistische Arbeiter die Zeitungen, die er schreibt, auch wirklich leitet und nicht gezwungen ist, täglich zweimal in den höchsten Brusttönen zu verkünden, was er nicht glaubt». Darüber war ja noch zu diskutieren, aber Harden formulierte weiter: «Sonst kommen wir schnell zu amerikanischen Zuständen, und die Journalistik, der heute schon Depeschen und Reportagen wichtiger sind, als Stil, Können, Sachkenntnis und Überzeugung, hört völlig auf, ein Zweig der Literatur zu sein.»

In der Weimarer Republik setzte sich hier und da die Erkenntnis durch, dass vor allem Reportagen etwas mit Stil, Sachkenntnis und auch Überzeugung zu tun hatten. Doch 1933 planierten Goebbels und sein nationalsozialistischer Lenkungsapparat die publizistische Szenerie; die im Reich verbliebenen bürgerlichen Journalisten liessen sich weitgehend einbinden. Es ist einleuchtend, dass bei dieser Vorgeschichte die Identität des Journalismus in der Bundesrepublik fragil blieb. Vieles wurde jetzt angelernt, manches beschwiegen, aber niemand konnte bestreiten, dass sich in den 1960er Jahren, als Resultat der westalliierten Medienpolitik, eine auch im internationalen Vergleich vielfältige und konkurrenzfähige Medienstruktur entwickelte.

Hitler und seine Spiessgesellen waren trotz ständiger medialer Wiederauferstehung schon sehr im historischen Nebel verschwunden, als sich in der wieder vergrösserten Berliner Republik nach 1989 ein deutscher Neo-Journalismus herausbildete, der sich in nationalromantischen Reflexionen und retrofuturistischen Befürchtungen wieder mit dem Deutschsein an und für sich auseinandersetzte. Das Leit-Vokabular entsprechender Sachbücher, die neben vielen Artikeln von den wirkungsmächtigen Wortführern verfasst wurden, klang nach der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: «Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gemeinschaft» (Frank Schirrmacher, «FAZ»), «Wir Deutschen» (Matthias Matussek, «Spiegel»), «Die Berliner Republik als Vaterland» (Eckart Fuhr, «Die Welt»), «Weltkrieg um Wohlstand» (Gabor Steingart, «Spiegel»).

Das alles schwankt, mit unterschiedlicher Akzentuierung, zwischen Euphorie und Generalalarm – bald sterben die Deutschen aus, bald sind sie Weltmeister im gelassenen Patriotismus, so wie dem fernsehenden und zeitungslesenden Publikum schon ganz schwummrig werden konnte angesichts der Ausschläge in den publizistischen Nationalprognosen. Hatten in der Endphase der Kanzlerschaft Gerhard Schröders viele Kommentatoren Deutschland ökonomisch und vom Selbstwertgefühl her in der Rangliste der zivilisierten Völker ganz nach hinten durchgereicht, weiss das Land nur zwei Jahre später gar nicht mehr, wohin mit Reichtum, Erfindergeist und überbordender Auftragslage.

Der meinungsführende Journalismus, die Elite der Branche, hat sich jedenfalls in der Berliner Republik im Schwerpunkt in die rechte Mitte bewegt, in die Richtung eines neokonservativen Zentrismus – nicht unbedingt zu verwechseln mit herkömmlichen parteipolitischen Orientierungen an CDU/CSU oder FDP. Die wesentliche Formel dieses Neo-Journalismus ist jener Wahlspruch, den Marschall Pétain für das kollaborierende Frankreich der 1940er Jahre gefunden hatte: travail, famille, patrie – Arbeit, Familie, Vaterland, angereichert heute noch um Gottesfürchtigkeit und Papstbegeisterung. Diese Entwicklung hat mit dem Abgang einer ganzen Generation von prägenden Nachkriegspublizisten und Herausgebern zu tun, mit Posen der Abgrenzung jüngerer Wortführer von allem, was sich politisch und pädagogisch mit 1968 verbinden lässt, mit dem Gefühl von latent bedrohtem deutschem Wohlstand in der Globalisierung, vor allem mit einem politischen Vakuum – es fehlt ein modernes linksliberales Projekt in der handelnden Politik, das auch für den Journalismus sinnstiftend sein könnte.

Rudolf Augstein, Henri Nannen («Stern»), Gerd Bucerius und Marion Gräfin Dönhoff («Zeit»), keine dieser publizistischen Persönlichkeiten kam aus der politischen Linken. Aber das Hamburger Kartell focht, gemeinsam mit der «Süddeutschen Zeitung», der «Frankfurter Rundschau» und Teilen des öffentlichen Rundfunks, für die Anerkennung der Ostgrenzen, für gesellschaftliche Libertinage oder zumindest Toleranz, letztlich für eine sozialliberale Regierung. Zum einen war das linksliberale politisch-publizistische Projekt erfolgreich – die Gesellschaft wurde offener, ziviler, lebendiger; zum anderen wurden Bürokratie und Staatsgläubigkeit bedenklich gefördert. [...]

Der Verlust der ideologischen Pole und die mangelnden Bezugspunkte im klassisch-politischen Raum haben für jeden Journalismus, der sich als politisch versteht, zunächst Sinnverlust zur Folge, weil schwerer zu definieren ist, wofür und wogegen geschrieben oder gesendet werden soll. Es wird nach Ersatz gesucht. Der Neo-Journalismus findet ihn im Rückgriff auf die alten bürgerlichen Werte, aber er will im 21. Jahrhundert zugleich trendy und hauptstädtisch hip sein.

So sieht sich auch der Kulturchef des «Spiegels», Matthias Matussek, als Partisan und Verkünder eines deutschen Woodstock-Nationalgefühls. Der Journalismus habe «tatsächlich etwas Guerillamässiges bekommen», sagte er kürzlich in einem Interview; «ich weiss nicht, ob sich das denkerische Niveau unbedingt verbessert hat, aber der Journalismus ist auf alle Fälle lustiger und unterhaltsamer geworden. Das befürworte ich sehr.» In seinem programmatischen Werk «Wir Deutschen» hat Matussek das patriotische Entertainment schon einmal durchdekliniert, indem er «Hitler als Freak-Unfall der Deutschen» definierte, durch Berlin-Mitte gondelte und in seinem Prozess der «Deutschwerdung» lauter völlig gelassene Denker, Galeristen und Party-People traf, aber auch ältere deutsche Zeitgenossen wie Klaus von Dohnanyi mit solchen Fragen löcherte: «Etwa zu welcher Zeit war Deutschland wohl das tollste Land auf Erden? 1790–1800? Um 1300? 1989? In den zwanziger Jahren?»

«Wir Deutschen», findet Matussek, «sind witzig, wir haben Stil, wir haben Heinrich Heine und jenseits des Holocausts eine reiche, stolze Geschichte. Warum mögen wir uns eigentlich nicht?» Hier findet eine Art psychologischer Übertragung vom Autor auf das gesamte Volk statt. Matusseks Wendungen und Kehren sollen unsere Probleme sein. Warum Journalisten nationalerzieherisch zu «lässigem, aber auch prononciertem Patriotismus» aufrufen müssen, bleibt unerfindlich. Journalismus ist, von einer möglichst wahrhaftigen Nachrichtengebung einmal abgesehen, ein säkularer, liberaler, skeptisch-ironischer Beruf. Die Wortführer werden diese historische Identität als Agenten der Aufklärung weiterhin annehmen müssen, wenn sie ihrem Publikum nicht als schwankende Gestalten, suspekt und aufdringlich, erscheinen wollen.

Dies hat Lutz Hachmeister geschrieben. Dieselben Ideen hat er in einem Interview an die “Welt” vor einigen Monaten etwas plauderiger ausgesprochen (Link) und schon vor Jahren in einem sperrigen Text in der TAZ (Link). In der NZZ also durfte er sich am deutlichsten aussprechen. Drei bemerkenswert einstimmig ausfallende negative Buchkritiken für das neueste Werk Hachmeisters “Nervöse Zone” zum selben Thema bestätigen, dass er Recht hat (TAZ, Frankfurter Rundschau, Märkische Allgemeine). Gut getroffen!

Ist die Christianisierung Europas noch nicht zu Ende?

Samstag, 23. Juni 2007

Philip Jenkins meint, die Angst vor Islamisierung ist eine Einbildung. Sein Artikel wurde von der Zeitschrift “Foreign Policy” online gestellt (Link). Seine Argumente sind eher statistischer Art:

On a typical Sunday, half of all churchgoers in London are African or Afro-Caribbean. Of Britain’s 10 largest megachurches, four are pastored by Africans. Paris has 250 ethnic Protestant churches, most of them black African. Similar trends are found in Germany. Booming Christian churches in Africa and Asia now focus much of their evangelical attention on Europe. Nigerian and Congolese ministers have been especially successful, but none more so than the Ukraine-based ministry of Nigerian evangelist Sunday Adelaja. He has opened more than 300 churches in 30 countries in the last 12 years and now claims 30,000 (mainly white) followers.

Ironically, after centuries of rebelling against religious authority, the coming of Islam is also reviving political issues most thought extinct in Europe, including debates about the limits of freedom of speech, freedom of religion, and the right to proselytize. And in all these areas, controversies that originate in a Muslim context inexorably expand or limit the rights of Christians, too. If Muslim preachers who denounce gays must be silenced, then so must charismatic Christians. At the same time, any laws that limit blasphemous assaults on the image of Mohammed must take account of the sensibilities of those who venerate Jesus.

The result has been a rediscovery of the continent’s Christian roots, even among those who have long disregarded it, and a renewed sense of European cultural Christianity. Jürgen Habermas, a veteran leftist German philosopher stunned his admirers not long ago by proclaiming, “Christianity, and nothing else, is the ultimate foundation of liberty, conscience, human rights, and democracy, the benchmarks of Western civilization. To this day, we have no other options [than Christianity]. We continue to nourish ourselves from this source. Everything else is postmodern chatter.” Europe may be confronting the dilemmas of a truly multifaith society, but with Christianity poised for a comeback, it is hardly on the verge of becoming an Islamic colony.

Kann Ralph Giordano diese Argumentation widerlegen? :-)

Polizeiliche Arbeit nach Marcus

Freitag, 8. Juni 2007

Aufmerksame Leser haben den Kommentar von Marcus, dem Polizisten, vor einigen Tagen bestimmt gewürdigt, ein Dokument seltener Offenheit (Link). Ich möchte Marcus hier antworten, das ist doch auch eine Würdigung.

Der Kernsatz ist für mich:

Vielleicht sollte sich einfach mal die Gesellschaft darüber Gedanken machen, ob es nicht sinnvoll wäre, sich von allen radikalen und gewaltbereiten Gruppierungen zu distanzieren und diese dann auch in der Menge bloßzustellen und der Polizei die Möglichkeit zu geben, gezielt gegen diese Personen vorzugehen.

Hier wird suggeriert, die Polizei stehe außerhalb der Gesellschaft, sei monolitisch und dazu berufen, schmutzige Arbeit für die Gesellschaft zu erledigen. Ich denke, die Polizei ist im Gegenteil ein Spiegel der Gesellschaft und nicht einheitlich in ihrer Einstellung. Sie ist dafür da, einzelne Menschen und die Gesellschaft als Ganzes zu schützen. Ich kenne Polizisten, die sich privat äußern und zum Schlauchboot-Zwischenfall konkret meinen, das sei die Überschreitung der Verhältnismäßigkeit. Welcher Meinung bist du, Marcus?

Die Gesellschaft kann sich nur per Gerichtsurteil von einer konkreten radikalen und gewaltbereiten Gruppierung distanzieren, sonst ist das Lynchjustiz. Und wenn es eine Lynchjustiz ist, soll die Polizei die Opfer einer solchen Justiz schützen. Nicht wahr, Marcus?

Interessant finde ich auch die Gegenüberstellung von rechten und linken Gewaltgruppierungen. Aus Sicht von Marcus reagiert die Gesellschaft unterschiedlich auf die Mittelungen über den polizeilichen Umgang mit linken und rechten Ultras, und zwar bei den Maßnahmen gegen die Rechten:

Da geht kein Aufschrei durch die Bevölkerung, wir wären ein Polizeistaat.

Damit meint Marcus, wenn die Polizei gegen linke Ultras vorgeht, wird das geschrien. Ich habe dagegen das Gefühl, die Wahrnehmung der Stimmen ist hier unterschiedlich. Ich glaube, beides wird in verschiedenen Schichten der Gesellschaft so und so eingestuft. Die Rechten schreien dagegen, wenn die Rechten misshandelt werden, und die Linken - wenn das der Linken zustößt. Oder muß die Polizei genau hinhören, wer da gerade lauter schreit, und sich danach richten? So Marcus?

Meine polizeilichen Quellen meinen, bei Einsätzen solcher Art, wie in Heiligendamm, leiden die meisten Kollegen an der Unwürdigkeit ihrer Aufgabe und nehmen es sich nicht so zu Herzen, um darin ihre Lebensaufgabe zu sehen. Allerdings, meinen die älteren und erfahrerenen von ihnen, kommt bei der Eskalation und beiderseitigem hormonbedingten Provozieren die Steigerung sehr schnell. Wenn man Polizisten lange genug ausharren und dann mit gewaltbereiten Autonomen zusammenstoßen lässt, kann auch viel passieren, was in keinem Buche stehe.

Ich bleibe bei meiner Meinung, es liege in der Verantwortung der Politik, daran zu denken. Im voraus, wohl gemerkt. Sonst ist die Polizei die letzte am Ende dieser Kette, und leiden tut der einzelne Mensch, in der Regel der unbetroffene, der unschuldige, sowie die gesamte Gesellschaft.