Archiv für die Kategorie ‘Gesellschaft’

Drei Seiten einer Medaille

Freitag, 8. Juni 2007

Die Diskussion über die Proteste um die G8, Heiligendamm, Rostock, Greenpeace und Schlauchboote, von der Polizei gerammt, dreht sich im Kreise. Die Politik wird von den meisten Medien fein rausgehalten, viele Blogger machen da mit und schieben die volle Verantwortung für alles, was bei den Protesten schief geht, den Protestierern in die Schuhe. Die anderen, die die Polizei bei jedem Missgriff kritisieren, sehen dann nur der Polizei Schuld.

Und schon kann Merkel majestätisch witzeln (Link):

“Greenpeace hat auch schon seriösere Unterfangen gemacht im Zusammenhang mit dem Klimaschutz”, sagte Merkel vor Journalisten am Rande des G-8-Gipfel am Donnerstag. “Ich hoffe, sie werden nicht allzu viel CO2 emittieren mit ihren Bootsfahrten dort auf der Ostsee”, fügte die Kanzlerin hinzu.

Die Unfähigkeit zu kommunizieren zeigt sich immer wieder. Watzlawick lässt grüßen. Ich darf Marie Antoinette zitieren (Link):

S’ils n’ont pas de pain, qu’ils mangent de la brioche

Es gibt wenige Blogger (bis jetzt keine Journalisten), die den Ablauf und sich selbst hinterfragen, anstatt der Politik und deren Medien kopflos zu folgen. Die Mehrheit will ich hier also nicht zitieren, denn sie ist überall. Von den wenigen anderen sind mir aufgefallen:

Ich finde es nicht mehr witzig, was sich in Heiligendamm abspielt. ERSTENS: Immer mehr Polizei wird die Atmosphäre immer weiter aufheizen. ZWEITENS: Ich halte es für legitim, durch gewaltfreie Aktionen in die Sperrzone einzudringen um so darauf aufmerksam zu machen, dass sie bei weitem übertrieben, kontraproduktiv und ein Ausdruck der Angst der Mächtigen vor dem demokratischen Protest ist (die Aktivitäten des schwarzen Blocks sind kein demokratischer, gewaltfreier Protest, sondern Straftaten). Bilder, dass ein Polizeiboot ein Greenpeace-Schlauchboot überfährt, obwohl dessen Insassen signalisiert haben, dass sie aufgeben, möchte ich nicht mehr sehen müssen. [Link]

warum bin ich nicht nach heiligendamm gefahren?

warum demonstriere ich nicht?

wo ist meine stimme gegen die armut?

wie kann mein kopfschütteln alles sein, was gegen l ä c h e r l i c h e aussagen wie “wir ziehen ernsthaft in betracht blablabla” steht?

wie kann ich so ein wischiwaschi und nichtssagendes, aussagen für das jahr 2050 usw einfach so hinnehmen, während so viele andere vor ort sind und ihre meinung kund tun? [Link]

100 Millionen Euro. Illegaler Einsatz der Bundeswehr im Inneren. Gerichtlich bescheinigte Verfassungsverstöße beim Demonstrationsrecht. Serienweiser Mißbrauch von Platzverweisen. Mordversuch an Greenpeace-Schlauchbootfahrern.

Und Angela kommt mit Glasperlen zurück.

Nein, Mädel, das ist nicht die Wende in der Klimapoltik. Heiligendamm war die Wende in der Innenpolitik. [Link]

Die Spießer unter den Protestierern hat ein russischer Journalist Andrej Kolesnikov (”Kommersant”) mit der einmaligen Ironie beschrieben (Link):

Ein TV-Team drehte die Sendung über die in Schwarz gekleideten Motorradfahrern, die einen Kampf mit Polizisten suchten. Die haben es tatsächlich getan und bekamen Stöcke zu spüren. Dann wollte ein mutiger Kameramann von einem Mofatypen in die Richtung der nächsten Gruppe der Polizisten mitgenommen werden. [...] Die Jungs waren zuerst bereit ihn mitzunehmen, dann haben sie festgestellt, dieser habe keinen Helm bei sich, und empört abgesagt: “Das ist doch eine Straftat!”

Gehören die drei Seiten zueinander, unzertrennlich?

Noch einmal zu Giordanos Burken

Freitag, 25. Mai 2007

Die FAZ von heute setzt die Debatte um die Äußerungen Ralph Giordanos fort (Link) - aus einer ganz anderen Perspektive heraus (Link). Christian Geyer ist im Namen der Zeitung darauf neidisch, dass Giordano deren moschee- und islamkritische Position besetzt, und will ihn zurückdrängen. Nicht besonders humorvoll und stellenweise sogar einer nicht besonders feinen Unterstellung verdächtig, dafür aber mit einer interessanten Leserdiskussion im Anschluss.

Geyer:

Wenn er das Recht, die Burka zu tragen oder eine Moschee zu bauen, vom Mehrheitswillen der deutschen Bevölkerung abhängig machen will (“Politiker, die für den Bau einer Moschee sind, missachten Volkes Stimme“), dann wird sich der Schrifsteller bald umschauen, welche Themen sonst noch auf der Mehrheitsagenda landen, mit dem Ziel, verbriefte Grundrechte per Plebiszit ausser Kraft zu setzen. 

Ein Leser:

Wer ein Problem mit der Burka hat, der hat ein Problem mit sich selbst!

Ein anderer Leser: 

Im Koran steht eindeutig, dass die Frau sich zu verschleiern hat, und zwar um sich von den Ungläubigen abzugrenzen.

Eine dritte:

Nirgendwo im Koran befindet sich eine Passage die die Ganzkörperverhüllung für Frauen vorschreibt. 

Eine vierte:

Die Burqa oder einen Schleier jeglicher Art mit Argumenten von Menschenrechten zu verbannen ist unlogisch, immerhin wuerden Rechte der Frauen verletzt werden die das Burqa aus freien Stuecken tragen.

Ein fünfter:

Kampf gegen Burka = Kampf gg. Zwangsverheiratung = Kampf gg. Zwangsprostitution

Ein sechster:

Warum ist es (fast) unmöglich, in Ländern, in denen der Islam Staatsreligion ist, Kirchen zu bauen?

Leser sind weiter als die Zeitung, ist das nicht schön?

Hans Werner Kilz belehrt Horst Köhler

Samstag, 12. Mai 2007

Die Süddeutsche Zeitung will alles besser wissen. Neulich hat Hans Leyendecker über die Posener-Affäre doziert (Link):

Poseners Polemik ist aus vielerlei Gründen interessant: Wenn es das Internet nicht gäbe, wäre ein solcher Beitrag vermutlich nie erschienen. Auf dem Weg in die Setzerei hätte sich früher irgendjemand dazwischengeworfen.

Zum anderen ist der in London geborene Posener ein wegen seiner auf vielen Gebieten bestehenden mangelnden Kompromissbereitschaft interessanter Zeitgenosse. Der frühere Studienrat ist ein wortradikaler Liberaler, kein Karrierist. 
 

Sehr kollegial, wie wir sehen. Noch deutlicher? Bitte schön:

Die Wut, die mancher bei Springer auf die Achtundsechziger hat und die früher zur Karriere-Ausrüstung gehörte, teilt der Querkopf so nicht. Posener gehörte einst dem Kader einer Mao-Gruppe an und wundert sich manchmal, dass er damals kein Berufsverbot erhielt. Diese Gefahr bestand bei dem Burschenschaftler Diekmann nie. 
 

Will jemand noch einen ehemaligen Maoisten, den Querkopf und einen früheren Studienrat und ansonsten ”interessanten Zeitgenossen” verteidigen?

Heute hat der Chefredakteur sich den “Volkspräsidenten” vorgenommen (Link). Der Artikel ist offensichtlich als zukünftig preisverdächtig intendiert. Ein hoher moralischer Zeigefinger.

Einige Fragmente daraus:

Hätte er wirklich etwas verändern wollen, hätte er handeln müssen - also begnadigen.

Soll das einer verstehen? Meint Hans Werner Kilz, Köhler hätte begnadigen müssen? Wer sollte dabei befriedet werden?

Was ist los in dieser Republik, wenn die Begnadigung eines Terroristen das Volk mehr in Wallung versetzt als die Entsendung deutscher Soldaten in Kriegsgebiete, die gescheiterte EU-Verfassung oder die rechtlich dubiose Neuwahl-Entscheidung des Präsidenten 2005 - Köhlers erster Verzicht, sich gegen den Trend zu stemmen?

Welches Volk meint Kilz? Gibt es Umfragen dazu? Oder nimmt er auf sich das Recht als moralische Instanz für alle zu sprechen? 

Der Volkszorn wurde von intellektueller Seite geschürt, nicht aus echter Empörung, mehr aus eitlen, auch merkantilen Gründen. Boulevardblätter müssen dem Volk verkauft, Magazine, Bücher, Filme crossmedial vermarktet werden.

Also doch nicht: Es waren Boulevardblätter, die den Volkszorn geschürt haben. Moment, oder waren es doch die Intellektuellen? Oder gar die Süddeutsche selbst? Am 20.1.2007 wurde die Debatte ausgelöst - mit dem Artikel von Antje Vollmer, den man bei der Zeitung selbst mit keiner Suchmaschine findet. Nur bei Vollmer selbst (Link). Mit dem berühmt gewordenen Vergleich:

Mit 24 Jahren bzw. 22 Jahren haben Christian Klar, Brigitte Mohnhaupt, Eva Haule, länger im Gefängnis gesessen als jeder NS-Täter. (Albrecht Speer z.B. saß 20 Jahre in Spandau und danach standen ihm sogar die Türen zur Berliner Gesellschaft offen.)

Im selben Artikel schrieb Vollmer:

Es ist an der Zeit ein Kapitel zu beenden. Es ist an der Zeit, daß sich die deutsche Öffentlichkeit und die deutsche Politik dazu gratuliert, dieses Thema Terrorismus mit Klugheit, Maß, Umsicht und demokratischem Mut richtig beendet zu haben. Der Bundespräsident sollte und kann die Begnadigungen bald aussprechen – und zwar für alle verbliebenen Inhaftierten zusammen – wenn sie es denn wollen. Die deutsche Öffentlichkeit ist nicht rachsüchtig – wenn sie nicht medial aufgeputscht wird. Es braucht nicht mehr so viel Mut und nicht mehr so viel Energie, die für ein gutes Ende aufzuwenden ist. Problematisch ist immer nur die Gleichgültigkeit und das Desinteresse einer Öffentlichkeit, die leicht vergißt, daß hier im Sinne eines humanen Friedens noch etwas abzuschließen ist - aus einer längst vergangenen Epoche, die aber heute im globalisierten Rahmen wieder hoch aktuell ist.

Hier wird die eigene Meinung schon wieder als Urteil der Geschichte ausgegeben, der Präsident und die Öffentlichkeit werden beschworen bzw. manipuliert, obwohl die anderen, die Gegner, es nicht tun dürfen usw. Doch zurück zu Kilz:

Warum hat der Bundespräsident wohl das Gnadenrecht? Damit das Volk ihm zujubelt, wenn er einen Terroristen oder Mörder begnadigt? Das Volk jubelt lieber Hinrichtungen zu, die Bilder werden aus aller Welt täglich in die Zeitungsredaktionen geliefert. Das Gnadenrecht gibt es, um zu befrieden. Es unterscheidet sich gerade dadurch vom Strafrecht, dass es ohne Vorbedingungen gewährt wird. Gnadengesuche sind Unterwerfungen.

Wen wollen Kilz und Vollmer befrieden? Kann mir einer diese Frage beantworten? 

 ”Vox populi, vox Rindvieh” hat Stoibers Vorgänger Franz Josef Strauß einst gesagt. Er war ja auch ein Demokrat, ein grober vielleicht, aber ein intelligenter. Er wusste jedenfalls, wovon er sprach, auch wenn es dem Wahlbürger nicht besonders schmeichelte. [...] Köhler hat im Fall Klar eine plebiszitäre Entscheidung getroffen. Der Bundespräsident übt ein Amt aus, das ihm wenig politischen Einfluss zugesteht. Aber es ist kein unpolitisches Amt. Köhler hat wieder einmal gezeigt, dass er kein politischer, sondern ein für Populismus empfänglicher Präsident ist.

Wird hier schwarz auf weiß Strauß als intelligenter Demokrat bejubelt? Dazu noch mit dem Zitat? Im Ernst? Wird seine arrogante Ignoranz der Demokratie deswegen als vorbildlich geschildert, weil er nie einen Klar begnadigt hätte? Wo hat hier eine Logik ihre Spur hinterlassen?

Wie hätte Köhler unversöhnliche Parteien befrieden können, wenn sie nicht einmal einander verstehen? Die einen sehen nur Mörder, die anderen - nur Begnadigungen. Sie reden aneinander vorbei. Zum Vergleich noch vier Verweise:

In der FAZ vom 8.5 rüstet Stephan Löwenstein gegen die Grünen auf, denunziert sie der Verbindungen zu RAF und weil doch nichts dabei herauskommt, seufzt er am Ende (Link):

Tatsächlich haben sich nur wenige, etwa wieder Frau Vollmer oder der Fraktionsgeschäftsführer Volker Beck, ausdrücklich für eine Begnadigung Klars ausgesprochen. So konzentrieren sich auch die Grünen beim Thema RAF inzwischen hauptsächlich auf die Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner.

Andersherum die “Junge Welt”, bei welcher sich die Gegenseite in einem exemplarischen Leserbrief empören darf (Link):

Die Entscheidung des Bundespräsidenten Köhler, das Gnadengesuch von Christian Klar abzulehnen, erfolgte am Vortag des 8.Mai. Dies mag Zufall sein, entbehrt aber nicht einer grundsätzlichen Symbolik. Kein einziger der Nazi-Blutrichter wurde je im NS-Nachfolgestaat BRD für seine Untaten verurteilt. Kein NS-Massenmörder hat – wie Klar – 24 Jahre, darunter viele in Einzelhaft (»weiße Folter«) für seine Taten büßen müssen.

Der Thälmann-Mörder Wolfgang Otto wurde ebensowenig wie seine Mittäter im KZ Buchenwald für seine Bluttat verurteilt, sondern lebte unbehelligt, zunächst als Lehrer im Staatsdienst und später als Rentner, bis zu seinem natürlichen Tod in den 90er Jahren im niederrheinischen Geldern. Dieser Henker wurde am 29. August 1988 im Saal 117 des Düsseldorfer Landgerichts vom Vorsitzenden Richter Enno Legde sogar freigesprochen, was von Kommentatoren damals als »Schandurteil« und »Justizskandal ohne Beispiel in der Nachkriegsgeschichte« gewertet wurde. (…)

Köhlers jetzige Entscheidung, die nun von der »politischen Klasse« und den Bourgeois-Medien unisono beklatscht wird, ist ganz im Sinne der Tradition dieses Staates, dessen Repräsentanten bis heute die Herausforderung der 70er Jahre, die sich explizit gegen eben jene Traditionslinie wandte, nicht verwunden haben. Die von Christian Klar in seinem Grußwort an die Rosa-Luxemburg-Konferenz skizzierte Notwendigkeit des antikapitalistisch (und antifaschistischen!) Kampfes bleibt auf der Tagesordnung, und zwar drängender denn je. Heinz W. Hammer, Essen  

Irgendwo dazwischen sitzt die TAZ und versucht sich herauszureden (Link):

Horst Köhler hat nicht erklärt, seit wann ihm das Gnadengesuch Birgit Hogefelds vorliegt, das der Öffentlichkeit bislang unbekannt war. Er hat auch nicht erläutert, warum er sich “nicht in der Lage” sieht, “derzeit” über ihr Gnadengesuch zu entscheiden. All dieses Schweigen ist gut und richtig, so unverständlich es auf den ersten Blick auch sein mag. Die grundsätzliche Befugnis des Bundespräsidenten, im Falle von Terroristen und Spionen “Gnade vor Recht” zu gewähren, festgehalten im Artikel 60 des Grundgesetzes, liegt nun einmal im freien und nicht überprüfbaren Ermessen des Staatsoberhauptes. Dieses Recht, soll es wirksam sein, muss sich der aufgeregten politischen Debatte geradezu entziehen. [...]

Angesichts dieses ungeheuren politischen Drucks - noch am Wochenende hatte die CSU offen damit gedroht, eine Wiederwahl Köhlers im Frühjahr 2009 zu blockieren, sollte er Klar begnadigen - zieht sich der Bundespräsident achtbar aus der Affäre. Er hat, offenbar nach gründlicher, schwieriger Abwägung, eine souveräne Entscheidung getroffen. Er hatte sich zuvor durch Tausende von Akten gefressen. Er hatte, so wurde es vorige Woche im Stern kolportiert, mit RAF-Experten wie Kay Nehm, Klaus Kinkel, Antje Vollmer und Stefan Aust ebenso getroffen wie mit Angehörigen der RAF-Opfer, unter ihnen Hergard Rohwedder und Michael Buback. Und schließlich hatte sich der Bundespräsident bei einem Gespräch mit Klar am vorigen Freitag irgendwo in Süddeutschland ein persönliches Bild von dem Mann gemacht, der seit über 24 Jahren hinter Gittern sitzt.

Köhler soll dabei, so schilderten es mehrere seiner Gesprächspartner, nicht die Frage der Symbolik oder der gesellschaftlichen Versöhnung interessiert haben, sondern die menschliche Dimension des “Falles” Christian Klar, die Frage seiner möglichen oder gar notwendigen Resozialisierung. Warum ihm der Bundespräsident die Gnade verweigert hat, wissen wir nicht. Die routinierten Reaktionen aus allen politischen Lagern (SPD: “souverän”; FDP: “klug und weise”; CSU: “in Einklang mit dem Gerechtigkeitsempfinden einer großen Mehrheit in Deutschland”) tragen zur Aufklärung diesbezüglich nichts bei.

Mit diesen Worten von Jens König könnte man abschliessen. Wenn fast alle unzufrieden bzw. unbefriedet sind, ist Köhler sowieso schuld. Etwas nüchterner sieht die Perspektive bei Gudula Geuther aus, die beim Deutschlandradio den gesamten Ablauf der Debatte treffend beschrieben hat (Link). Nicht spektakulär - dafür aber realistisch.

Statistischer Beweis für No-Go-Areas

Samstag, 5. Mai 2007

Gestern wurde der Bericht des Statistischen Bundesamtes (Link) über die Migranten 2005 veröffentlicht. Einige Medien geben den kurzen Überblick. Online wird aber auch das Original angeboten, eine 339-Seitenstarke  pdf-Datei (Artikelnummer: 2010220057004). Ich zitiere daraus:

2005 betrug die Zahl der Personen mit Migrationshintergrund in Deutschland 15,3 Mio., was 18,6% der Bevölkerung entspricht. Davon machen Ausländerinnen und Ausländer mit 7,3 Mio. oder 8,9% der Bevölkerung nur etwas weniger als die Hälfte aller Personen mit Migrationshintergrund aus, die Deutschen mit 8,0 Mio. oder 9,7% der Bevölkerung etwas mehr als die Hälfte. Mit 10,4 Mio. stellen die seit 1950 Zugewanderten – „die Bevölkerung mit eigener Migrationserfahrung“ – gut zwei Drittel aller Personen mit Migrationshintergrund; unter ihnen sind die Ausländerinnen und Ausländer mit 5,6 Mio. gegenüber den Deutschen mit 4,8 Mio. deutlich in der Mehrheit. Demgegenüber machen die in Deutschland geborenen Ausländerinnen und Ausländer mit 1,7 Mio. nur 2% der Bevölkerung aus, während die 2,6 Mio. in Deutschland geborenen Deutschen mit Migrationshintergrund 3,2% der Bevölkerung stellen. [...]
Personen mit Migrationshintergrund sind deutlich jünger als jene ohne Migrationshintergrund (34,2 gegenüber 46,5 Jahre), weitaus häufiger ledig (45,7% gegenüber 37,8%), und der Anteil der Männer unter ihnen ist höher (50,8% gegenüber 48,5%). Bei den unter 5jährigen stellen sie knapp ein Drittel der Bevölkerung insgesamt. [...]
Die Zahl der binationalen Ehen (ein Ehepartner deutsch, der andere ausländisch) liegt bei rund 1,3 Mio. (6,6% aller Ehen). Andererseits gibt es insgesamt 1,9 Mio. Ehen zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund (9,7% der Ehen); diesen stehen 2,9 Mio. bzw. 14,8 Mio. Ehen gegenüber, bei denen beide oder keiner einen Migrationshintergrund hat (14,8% bzw. 75,6% der Ehen). In einem Viertel aller Ehen hat so zumindest ein Ehepartner einen Migrationshintergrund. [...]
Mit 14,7 Mio. leben knapp 96% aller Personen mit Migrationshintergrund im früheren Bundesgebiet und in Berlin. Am höchsten ist ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung in Großstädten, vor allem in Stuttgart mit 40,1%, in Frankfurt am Main mit 39,5% und in Nürnberg mit 37,3%. Dabei ist in Stuttgart, Frankfurt am Main und München der Ausländeranteil besonders hoch, in Augsburg, Nürnberg und Wuppertal hingegen der Anteil der Deutschen mit Migrationshintergrund. Bei den unter 5jährigen liegt in 6 Städten der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund über 60%, in Nürnberg (67,0%), Frankfurt am Main (64,6%), Düsseldorf (63,9%), Stuttgart (63,6%), Wuppertal (62,0%) und Augsburg (60,2%). [...]
Erwerbstätige mit Migrationshintergrund sind doppelt so häufig als Arbeiterinnen und Arbeiter tätig wie Erwerbstätige ohne Migrationshintergrund (48,5% gegenüber 24,4%), Angestellte und Beamte sind unter ihnen entsprechend selten. Sie gehen ihrer Tätigkeit vor allem im produzierenden Gewerbe und im Handel und Gastgewerbe nach. Hier sind zusammen 63,7% aller Menschen mit, aber nur 50,4% der Menschen ohne Migrationshintergrund tätig. [...]

Noch einmal deutlich werden No-Go-Verhältnisse aus der Abbildung 3:

 

Am Ende der Broschure wird noch ein Versuch unternommen, zwischen den Generationen der Migranten zu unterscheiden. Verschiedene Modelle werden vorgestellt. Die Autoren favorisieren das dritte von drei Modellen und setzen es bei der Rechnung um:

Alles klar?

Und ewig grüßt Heinrich Böll

Montag, 30. April 2007

Schon wieder wird ein Mensch von der Bild-zeitung gejagt. Und die CDU-Bremen macht mit. Die Zeitschrift “Fokus” auch.

Vor einigen Wochen wurde ein vorbestrafter, aber resozialisierter Professor (Hans-Christoph Jahr) nicht zum Rektor der Hochschule Bremen erkoren, unter anderem durch den SPD-Senator.

Jetzt darf eine vorbestrafte, aber resozialisierte Lehrerin (Susanne Albrecht) nicht anonym bleiben, nur weil sie keinen Schutz vor der “Bild” bekommt.

Katharina Blum und Heinrich Böll lassen grüßen (Link).

UPDATE: Genau, die Namen derjenigen, die jagen, sollen hier stehen. Das sind der Bild-schreiber H.-J. Vehlewald, der Fokus-mitmacher Jens Bauszus, der CDU-Opa Hartmut Perschau.

Megan Case und Mstislav Rostropovich

Samstag, 28. April 2007

All die triefenden Nachrufe für Jelzin und Rostropowitsch sind nicht mehr zu ertragen. So viele Russophile, offensichtlich weltweit. Die Russen sollten sich freuen.

(Ich merke, meine Ironie kommt nicht immer an, so versuche ich diesmal etwas deutlicher zu sein.)

Mich hat die Blogeintragung von Megan Case beeindruckt (Link). Zuerst wie sie zu der Liebe zur russischen Musik gekommen ist:

I’ve known the name Rostropovich since I was really small. When he and his family were in exile in the U.S., they lived in upstate New York and sometimes gave concerts in my hometown. I remember going to see him and his wife perform when I was 7 or 8 years old. I remember my mother telling me, on the way to the concert, about why they had left the Soviet Union. I think that this was one of the formative experiences that made me curious about Russia, which made me choose to study Russian in junior high school, which led to a whole long chain of events.
 

Wie wir sehen - die Musik spielt dabei keine Rolle. Entschuldigung, dass ich darauf aufmerksam mache. Ich meine nur, das ist für die meisten Rostropowitsch-Nachrufe gültig. Hauptsache, politisch korrekt.

Noch besser ist allerdings die Fortsetzung, wobei Megan beschreibt, welche Rolle Rostropowitsch in der Musikkultur gespielt hat:

In 2002, when I went to Russia for the first time and spent three months in St. Petersburg, I went to the philharmonic several times a week. The music was amazing, the tickets were cheap, and I didn’t know many people so I had to occupy myself in the evenings somehow. Aunt Kelly came to St. Petersburg for a business trip/visit that summer, before we ever dreamed we’d live there together. We went to the philharmonic one evening. During the performance, an old man sitting across the aisle from us opened some noisy cellophane candy wrappers. I was horrified and annoyed, and rolled my eyes at Aunt Kelly. During the intermission, people started lining up to talk to this old man. “Isn’t that Rostropovich?” said Aunt Kelly. I looked closer. “I think so, actually.” I felt so guilty for being annoyed. If anyone has the right to open candy wrappers in the philharmonic, I suppose it’s Mstislav Rostropovich.  

So bleibt Rostropowitsch im Gedächtnis der Weltkultur. Meine Geschichten über ihn sind noch schlimmer, so verkneife ich sie mir lieber. :-)

Mediamarkt soll sich schämen

Freitag, 27. April 2007

Eine Satire wurde verboten, und die Presse- bzw. Meinungsfreiheit hat gelitten. Ein grausiger Fall. Rainer Kohnen, der über die Werbung des Konzerns  lachen wollte, hat gegen Mediamarkt verloren. Sein Bericht ist erschütternd (Link1, Link2). “Der Spiegel” hat darüber berichtet, ohne jegliche Wirkung (Link). Wellen der Empörung schlagen weiter, zum Beispiel hier und hier.

Besonders interessant ist das Verhalten der Verbraucherzentrale (Link1, Link2, Link3).

Bei ARD über die CDU ausgeplaudert

Samstag, 14. April 2007

Der Fall Oettinger geht weiter. Inzwischen haben Reuters, CNN und UPI darüber berichtet, na ja, eigentlich erst als Merkel sich eingemischt hat. Den Namen Oettinger erwähnen sie nicht, der ist eine zu kleine Figur für sie. Der Höhepunkt ist noch nicht überschritten, würde ich sagen. Oettinger selbst erklärt, er habe nur das Gute für die Nächsten des Verstorbenen sagen wollen. Das sei doch alles nur ein Missverständnis. Aber klar. Wolfgang Schäuble wird das bestätigen.

Von weiteren Meldungen zum Thema hat mich deswegen ein Blogeintrag bei der ARD-Tagesschau-Redaktion neugierig gemacht (Link):

Meine Herren, das hat man wirklich selten, dass eine Kanzlerin (wenn auch in der Eigenschaft als Parteivorsitzende) einem MP über den Mund fährt. Wir klären sofort, ob es weitere Reaktionen aus der CDU gibt. Gibt es nicht. Keine Christdemokrat möchte sich öffentlich zur Filbinger-Rede Oettingers äußern. [...]

Die Kanzlerin möchte wohl gerade in der Zeit der deutschen EU-Ratspräsidentschaft eine internationale Diskussion über die umstrittenen Äußerungen vermeiden und geht deshalb früh in die Offensive.

Also wird Wolfgang Schäuble doch nichts bestätigen? Wie schade.

Fall Oettinger

Freitag, 13. April 2007

Die Wette steht. Nämlich wird Günther Oettinger im Amt bleiben oder geht? Jenninger ist für viel weniger gegangen, nämlich für die falsche Intonation bei dem Vortrag einer harmlosen Rede. Und hier ist eine Trauerrede, die eines hohen Amtträgers unwürdig ist. Zwei Tage nach dem Ereignis bedauern Medien seine Worte, für meine Begriffe, viel zu milde. Ich wette, Oettinger wird bleiben und der Ruf Deutschlands trägt Schaden davon. Andere Meinungen?

Ackermanns Gehalt und Medien

Donnerstag, 29. März 2007

Am 27.3.2007 wurden die Gehälter von Top-Managern für das Jahr 2006 bekanntgegeben. Darunter Josef Ackermann von der Deutschen Bank, mit seinen 13 200 000 Euro. Wie wurde diese Nachricht journalistisch verarbeitet?

Die meisten Zeitungen vermeldeten es und beließen es dabei, ohne Kommentare. In einigen Fällen wurden Forenbeiträge zugelassen, so dass die Leser mit ihren Meinungen die Aufgabe der Redakteure übernommen haben, einige sogar sehr gut. Fast alle Blogger haben diese Nachricht ignoriert. Sollte man das noch kommentieren?

Eine merkwürdige Mischung aus Neid und Bewunderung gegenüber Ackermann selbst einerseits und aus feiger Verschwiegenheit und Resignation in der Bewertung der Nachricht und deren Hintergründe andererseits ist das Resultat der Stöberns durch die Publikationen im Internet. Insgesamt sieht das nicht gut aus.

Und jetzt die Beispiele.

Die einzige Zeitung, die Ackermann der Sittenwidrigkeit überführt (Link), ist die TAZ. Jan Feddersen und Klaus-Peter Klingelschmitt verteilen die Rollen untereinander: Der erste mischt Ironie mit Heuchelei:

Wir wollen ihn nicht noch weiter ehren mit unserem Neid. Das Schlimmste steht ihm ja noch bevor: eine Entourage voller Devotlinge und Schleimgeister, die wollen, was er hat. Dieser Ackermann bekommt die Kohle ohnehin weitgehend als Schmerzensgeld - weil er all die Rivalen ausgestochen hat, die nicht so gruppendynamisch, also karrieregeschmeidig operierten wie er. Und nun ihre Missgunst verstecken. Nein danke, ohne uns! 

Der zweite geißelt:

Das waren 36.164,38 Euro pro Tag. In der Stunde “verdiente” Ackermann 1.506,84 Euro. Und in der Minute immerhin noch 25 Euro und 11 Cent. Sittenwidrig? Ja. Und diese (Be-)Wertung hat mit Neid nichts zu tun. [...] Mit 1 Million Euro, “dem Spitzengewinn bei Jauch”, wären beide angemessen ausgestattet. Alles darüber hinaus ist Verschleuderung von Volksvermögen, das doch, “wenn es schon nicht an alle Beschäftigten ausgeschüttet wird”, wieder investiert werden könnte.

Merken wir uns: Klingelschmitt zählt 365 Arbeitstage à 24 Stunden :-)

Die “Tagesschau” stellt zwei Beiträge zum Thema online und erklärt auf diese Weise zwei Sachen. Erstens den Grund für die astronomisch hohe Entlohnung Ackermanns (Link):

Die Bank hatte für 2006 den höchsten Gewinn ihrer Geschichte ausgewiesen.  

Zweitens zeigt Marc Dugge im Vergleich die Situation in den USA und widerlegt damit die Argumentation der Ackermann-Verteidiger (Link):

Befürworter hoher Managergehälter verweisen gern auf die USA, wo derartige Spitzengehälter angeblich völlig normal sind. Stimmt das? [...] Die Mega-Einkünfte der Wirtschaftsbosse sind ein Dauer-Aufreger in den USA - und alles andere als allgemein akzeptiert. Rodger Hodgson vom wirtschaftskritischen Forschungsinstitut “Corporate Library”: [...] In zwei Dritteln der US-Unternehmen ist der Firmenchef gleichzeitig Vorsitzender des Aufsichtsrats - und der darf die anderen Mitglieder des Aufsichtsrats vorschlagen. Das sind in der Regel Menschen, die ihm genehm sind. Und die ihm aus Dankbarkeit ein ordentliches Gehalt gönnen. Von Kontrolle also keine Spur. [...] “Ist die Höhe des Gehalts bei dem Unternehmensergebnis gerechtfertigt? Es wird wohl eher um solche Fragen gehen als darum, ob 30 Millionen Dollar Gehalt zuviel oder zuwenig sind.”

Genau das ist die Sichtweise vieler Amerikaner: Wenn jemand ein Unternehmen zum Erfolg führt und den Aktienkurs steigen lässt, darf er ruhig Millionen verdienen. Aber auch nur dann.

Die FAZ (Link), die Süddeutsche (Link) und die Rheinische Post (Link) überlassen ihren Online-Lesern die ehrenvolle Aufgabe, die Sache zu kommentieren. Und wie gesagt, einige schaffen das ganz gut, die Journalisten können sich inzwischen wichtigeren Themen widmen. Ein Florian Kraus schreibt in der SZ online - aus meiner Sicht - sehr treffend:

Kaum jemand wird in einer Marktwirtschaft etwas dagegen haben, wenn ein Unternehmer, der ein Unternehmen erfolgreich aufbaut oder leitet und persönlich das Risiko des Scheiterns trägt, sich diese Leistung in sieben- oder achtstelligen Einkommen vergüten lässt, wenn der Markt es hergibt. Das Gleiche gilt auch für Vorstände, die es schaffen, dass ein Unternehmen seinen Wert steigert, auch sie können und sollen gerne an dieser Wertsteigerung partizipieren.

Nur, genau da hakt es in unserer Wirtschaft! Wie sonst konnte eine Niete in Nadelstreifen wie Schrempp, unter dessen Führung der Aktienkurs von Daimler in den Keller ging, dennoch zu den bestverdienenden Topmanagern gehören? Wie sonst können Vorstände, die durch unnötige Fusionen oder andere Fehlentscheidungen Milliarden in den Sand gesetzt haben unter den Topverdienern auftauchen?

Persönliches Risiko? Fehlanzeige! Die Vorstände, die wegen massiver Mißwirtschaft ohne Abfindung nach Hause geschickt wurden, lassen sich an einer Hand abzählen, diejenigen, von denen gar Regress gefordert wurde, müssen erst noch geboren werden. Welcher Arbeitnehmer erhält noch eine Abfindung, wenn ihm Fehler zur Last gelegt werden, die eine Kündigung rechtfertigen? Bei Vorständen jedoch ist es üblich, dann mit goldenem Handschlag in eine kurze Ruhepause geschickt zu werden, bevor ihm ein anderes Unternehmen großzügig Asyl und Salair anbietet (Pischetsrieder ist nur ein Beispiel). Man kennt sich in diesen Kreisen ja und irgend ein Pöstchen findet sich da immer.

Und was die Spitzenergebnisse der Unternehmen betrifft - gleich, ob Deutsche Bank oder Allianz, es ist nicht so schwer, ertragreich zu arbeiten, wenn man Personalkosten durch Entlassungen sozialisieren und Gewinne privatisieren kann. Denn wer zahlt denn die Kosten für die Entlassungen? Letztendlich die Beitrags- und Steuerzahler, also die Allgemeinheit. Gleiches geschieht auch in anderen Branchen: auch die just in time-Produktion bürdet die Lagerhaltung z.B. über den LKW-Verkehr den Bürgern auf, die Folgen des hohen Risikos der AKW wird nicht etwa durch risikogerechte Versicherungsprämien gedeckt, sondern euphemistisch als “Restrisiko” auf die
Gesellschaft verlagert.

Auch der Vergleich mit den USA hinkt, denn dort stellen sich viele Spitzenverdiener wesentlich stärker auch ihrer gesellschaftlichen Verantwortung, indem sie sich in Stiftungen und als Mäzene engagieren. Aber hier nehmen die zwar gerne die Vorteile amerikanischer Gepflogenheiten in anspruch, wenn es um deren Nachteile (Veröffentlichung etc.) geht, werden die deutschen Regeln vorgezogen.

Niemand neidet Spitzenkräften - egal ob in Sport, Unterhaltung oder Wirtschaft - ihre Einkommen. Wasser zu predigen (Lohzurückhaltung und noch mehr Einsatz, um die Position zu stärken) und Wein zu trinken (Einkommensteigerung +10% und mehr) und das auf Kosten der Gesellschaft - das sind die Rahmenbedingungen, die der Frage, ob solche Einkommen gerechtfertigt sind oder nicht, auch eine ethische Dimension verleihen.

“Hindylop” predigt nicht weniger schön:

Ackermanns Aufgabe ist nicht nur, den Gewinn “seines” Unternehmens sicher zu stellen. Aufgabe Ackermanns (und jedes anderen in ähnlicher Position) ist auch, sich an die Gesetze zu halten. Und, da in prominenter Position, nicht nur an den nackten Wortlaut, sondern an Sinn und Absicht der Gesetze (als Symbolfigur, die er nun mal ist).
In einem dieser Gesetze steht: “Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll ZUGLEICH dem Wohle der Allgemeinheit dienen.” [...] Über dieser Verpflichtung, das eigene Unternehmen optimal zu positionieren, stehen in einem Rechtsstaat doch aber sicher die Grundgesetze. Für die BWLer und andere, die es nie gelesen haben: GG Art. 14,2. überhaupt stehen da noch viele andere schöne Sachen drin, an deren Einhaltung durch die hochbezahlten Symbolfiguren unserer Wirtschaftswelt man beim Lesen der Wirtschaftsseiten so seine Zweifel haben kann. [...] Reine Ideologien führen eben IMMER zu menschenunwürdigen Ungerechtigkeiten - das gilt für die angeblich sozialistischen Staaten ebenso wie für die kapitalistischen. Der Unterschied ist, dass die ersteren ihre Ideologie stolz vor sich her tragen, um sie zu ignorieren. Die zweiteren leugnen, eine Ideologie zu haben (”neutral”), und setzen sie fleißig und mit allen schädlichen Wirkungen in die Tat um.

Die Wirtschaft und ihre Logik sind eben nicht die höchsten gesellschaftskonstituierenden Normen. Stattdessen stehen in unserem Grundgesetz ganz vorn Worte wie: Verantwortung, Würde, Menschenrechte, menschliche Gemeinschaft … - soviel zum Thema, wofür Wirtschaftsführer in erster Linie Verantwortung tragen (sollen). Dass sie diesbezüglich vermehrt in die Kritik geraten und zur Verteidigung selten mehr als “unsere Verantwortung gilt dem Gewinn des Unternehmens” vorgebracht wird - also vom Thema komplett abgelenkt wird - lässt auf die fragwürdige Machtposition schließen, in der sich diese Personen befinden.

“XLarge” bei der RP-Online zählt den Stundenlohn von Ackermann anders als oben:

Dass bei der Debatte um einen Mindestlohn ein Herr Ackermann bei 60h/Woche und 44 Arbeitswochen einen Stundensatz von 5000 EUR hat, gibt mir zu denken - das ist das 666fache des vorgesehenen Mindestlohns von 7,5 EUR (ein Schelm …) Am ersten Arbeitstag hat Herr Ackermann also mindestens das doppelte ”verdient” wie der Mindestlöhner im ganzen Jahr - von 1€Jobs fangen wir besser gar nicht an - aber nur wenn Herr Ackermann nur bei einem Unternehmen beschäftigt wäre, aber er sitzt ja in diversen Firmen in Aufsichtsräten/Vorständen…  

Ein Hans-Peter (auch bei der RP-Online) ist anderer Meinung:

Josef Ackermann war und ist für die Deutsche Bank und die deutsche Wirtschaft ein Glücksfall. [...] ”Deutschland krankt daran, dass es nicht noch mehr Ackermänner hat!”

Noch eifriger verteidigt ein “Baguette” (auch RP-Online) den Großverdiener:

Trotz ungünstigen Rahmenbedingungen hat Herr Ackermann weiterhin viel für den Standort Deutschland getan. Er hat entgegen vielen Mutmaßungen den Sitz der Bank nicht nach London verlegt und hat dabei viele Arbeitsplätze in Deutschland erhalten. Ferner war er fast permament Attacken durch deutschen Medien und Neidern ausgesetzt. Auch in dieser Zeit hat er das Schiff nicht verlassen, sondern die Bank in Ruhe weitergeführt. [...]  Nichtaktionäre mögen sich bitte aus der Diskussion heraushalten, schliesslich handelt es sich dabei nicht um ihr oder um Allgemeineigentum. 
 

Diese letzte Bemerkung finde ich besonders köstlich. Und nun zwei Zitate aus Blogs. Mehr gibt es leider nicht, wie gesagt. Im Blog “Textpool” wird schon wieder der Stundenlohn Ackermanns neu errechnet (Link):

13,2 Millionen Euro stehen bei dem Schweizer auf dem Gehaltszettel, heruntergerechnet sind das rund 4500 Euro in der Stunde. 

Ich glaube, in Minuten und Sekunden wäre das anschaulicher. :-) Und zum Schluss die einzige Blogmeldung, die mich angesprochen hat. Dazu noch vor der Verkündigung der guten Nachricht: Schon am 12.2.2007 hat Klaus J.Stöhlker in seinem Blog den besten Kommentar zum Thema abgegeben (Link). Ich zitiere den kurzen Text vollständig:

Unser Joe Ackermann hat es den Deutschen und allen Kollegen in der Schweiz gezeigt: Die Deutsche Bank verdient wieder richtig Geld. Der Mann mit dem “V”-Zeichen vor Gericht ist nun schon wieder gestolpert, sagte er doch zur Rechtfertigung seines Jahreseinkommens: “Wir werden nicht von Deutschland bezahlt, sondern von unseren Aktionären.” Ist das die ganze Wahrheit? Die Deutsche Bank, einst das Herz der deutschen Wirtschaft, von Abs (”A wie Abs, B wie Abs und S wie Abs”) zur heutigen Grösse herangeführt, kann ohne Deutschland nicht leben. Sie ist Teil des wirtschaftlichen Körpers unseres nördlichen Nachbarn. Joe will nur den Aktionären Rechenschaft ablegen, nicht der deutschen Wirtschaft und nicht dem deutschen Volk, mit dem die Bank ihr Geld verdient. Da ist noch einer, der seine Ansprüche zu Jahresbeginn eingetrieben hat. Anshu Jain ist Statthalter Ackermanns in London, von wo er das grosse Geld hereinbringt. Er verdient mit Sicherheit mehr als Euro 50 Mio. pro Jahr. “Joe”, unser Goldjunge aus dem St. Gallischen, hat Glück, dass Anshu ihm die Stange hält.

Für die Hinweise auf journalistische Beiträge, die ich übersehen habe, wäre ich dankbar. Sonst kann man auf die Meinung wie “armselig” kommen, was ich doch vermeiden möchte. 

Schweinehund auf die feine englische Art

Dienstag, 27. März 2007

Fast zwei Wochen zurück liegt ein  Bericht der Zeitung “Daily Mail” über das angepasste Märchen: Aus Angst, Gefühle der Moslems zu verletzen, hat eine Lehrerin das Märchen “Three Little Pigs” in “Three Little Puppies” umbenannt (Link). Die Story ist echt süß.

Drei alte Juden

Montag, 26. März 2007

Fast am selben Tag sind drei Interviews erschienen, in welchen ich den Bezug zu einem immer wiederkehrenden Thema erkenne, und alle drei betrachten die Lage anders. Wer von ihnen hat Recht? Alle drei?

Isaak Behar, dem die Polizeischule in Berlin für die Gespräche auf eine merkwürdige Weise dankte, sagte Folgendes (Link):

Wie schätzen Sie die Gefahr des Rechtsextremismus heute ein? Wird genug dagegen getan?


Nein, es ist eine Minute nach zwölf. Man hat es lange Zeit nicht ernst genommen, und es hat sich hochgeschaukelt, mit dem Ergebnis, daß die Rechtsextremen heute in der Mitte der Gesellschaft sind, in Parlamenten vertreten sind und an manchen Orten zehn Prozent der Wählerstimmen erhalten. Sie sind auch brutaler geworden; sie begnügen sich nicht mehr damit, Friedhöfe zu schänden und Hakenkreuze an Fassaden zu malen.

Wie geht man nach Ihren Erfahrungen am besten dagegen vor?

Wenn ich das wüßte. Ich kann Ihnen nur eins sagen: Den Antisemitismus und die Fremdenfeindlichkeit zu bekämpfen ist eine Kollektivaufgabe. Jeder einzelne Bürger ist aufgerufen zu erkennen, daß der Mensch, der neben ihm steht, ein Mensch ist – egal, welche Hautfarbe er hat, ob er rechts oder links wählt, ob er diese oder jene Religion für sich in Anspruch nimmt, welcher ethnischen Herkunft er ist. Der Mensch als solcher verdient Respekt –Existenzrespekt.
Interview: Sebastian Wessels 

Charlotte Knobloch, die neulich durch ihren Vergleich der aktuellen Situation mit der Zeit “vor 1933″ überraschte, musste sich wieder positionieren (Link):

Sie haben im Herbst letzten Jahres für Schlagzeilen gesorgt, als Sie äußerten, vieles was Juden jetzt erleben, erinnere Sie an die Zeit ab 1933. Für diesen Vergleich gab es nicht wenig Kritik, halten Sie ihn dennoch aufrecht?

Selbstverständlich, leider. Ich wäre gerne von etwas anderem überzeugt. Aber ich habe die Zeit damals miterlebt, ich kenne die Situation und weiß viel über Dinge, die Gemeindemitglieder heute erleben. Hoffen wir nicht, dass wir noch solche Erlebnisse besprechen müssen, die ich als Kind erlebt habe.

Das sind seismographisch wichtige Alarmmeldungen, die Sie geben. Haben Sie den Eindruck, die Gesellschaft nimmt das auch ernst genug - oder überhaupt wahr?

Ich bin sehr optimistisch, dass die Mehrheit in unserer Gesellschaft mit mir einverstanden ist.
[Von Holger Kulick] 

Yitzhak Ehrenberg, einer der angesehensten Rabbiner Deutschlands, wurde von Jens Anker zu seiner Meinung befragt (Link):

In den vergangenen Wochen gab es auch in Berlin neue antisemitische Anfeindungen und Übergriffe. Nimmt der Antisemitismus in Deutschland zu?

Das kann ich nicht sagen. Ich finde es jedenfalls schade. Das sind Menschen, die mit sich selbst unzufrieden sind. Wer mit sich selbst zufrieden ist, respektiert auch andere Menschen. Ich fühle mich in Deutschland aber sicher. Natürlich, der Antisemitismus ist da, und man muss ihn mit allen Mitteln bekämpfen.

Wie kann das geschehen?

Das muss schon in der Kita und den Schulen anfangen, in denen mehr Wert auf Toleranz und Respekt gelegt werden muss. Neulich hatte ich ein ganz anderes Erlebnis. Ich bin mit der S-Bahn gefahren und neben mir saß ein junger Mann, der nervös wurde, als er mich sah. Nach einer Weile stand er auf, kam zu mir und sagte: Ich möchte mich im Namen des deutschen Volkes für die Taten bei Ihnen entschuldigen. Auch so etwas erlebt man.