Archiv für die Kategorie ‘Gesellschaft’

Drei alte Juden

Montag, 26. März 2007

Fast am selben Tag sind drei Interviews erschienen, in welchen ich den Bezug zu einem immer wiederkehrenden Thema erkenne, und alle drei betrachten die Lage anders. Wer von ihnen hat Recht? Alle drei?

Isaak Behar, dem die Polizeischule in Berlin für die Gespräche auf eine merkwürdige Weise dankte, sagte Folgendes (Link):

Wie schätzen Sie die Gefahr des Rechtsextremismus heute ein? Wird genug dagegen getan?


Nein, es ist eine Minute nach zwölf. Man hat es lange Zeit nicht ernst genommen, und es hat sich hochgeschaukelt, mit dem Ergebnis, daß die Rechtsextremen heute in der Mitte der Gesellschaft sind, in Parlamenten vertreten sind und an manchen Orten zehn Prozent der Wählerstimmen erhalten. Sie sind auch brutaler geworden; sie begnügen sich nicht mehr damit, Friedhöfe zu schänden und Hakenkreuze an Fassaden zu malen.

Wie geht man nach Ihren Erfahrungen am besten dagegen vor?

Wenn ich das wüßte. Ich kann Ihnen nur eins sagen: Den Antisemitismus und die Fremdenfeindlichkeit zu bekämpfen ist eine Kollektivaufgabe. Jeder einzelne Bürger ist aufgerufen zu erkennen, daß der Mensch, der neben ihm steht, ein Mensch ist – egal, welche Hautfarbe er hat, ob er rechts oder links wählt, ob er diese oder jene Religion für sich in Anspruch nimmt, welcher ethnischen Herkunft er ist. Der Mensch als solcher verdient Respekt –Existenzrespekt.
Interview: Sebastian Wessels 

Charlotte Knobloch, die neulich durch ihren Vergleich der aktuellen Situation mit der Zeit “vor 1933″ überraschte, musste sich wieder positionieren (Link):

Sie haben im Herbst letzten Jahres für Schlagzeilen gesorgt, als Sie äußerten, vieles was Juden jetzt erleben, erinnere Sie an die Zeit ab 1933. Für diesen Vergleich gab es nicht wenig Kritik, halten Sie ihn dennoch aufrecht?

Selbstverständlich, leider. Ich wäre gerne von etwas anderem überzeugt. Aber ich habe die Zeit damals miterlebt, ich kenne die Situation und weiß viel über Dinge, die Gemeindemitglieder heute erleben. Hoffen wir nicht, dass wir noch solche Erlebnisse besprechen müssen, die ich als Kind erlebt habe.

Das sind seismographisch wichtige Alarmmeldungen, die Sie geben. Haben Sie den Eindruck, die Gesellschaft nimmt das auch ernst genug - oder überhaupt wahr?

Ich bin sehr optimistisch, dass die Mehrheit in unserer Gesellschaft mit mir einverstanden ist.
[Von Holger Kulick] 

Yitzhak Ehrenberg, einer der angesehensten Rabbiner Deutschlands, wurde von Jens Anker zu seiner Meinung befragt (Link):

In den vergangenen Wochen gab es auch in Berlin neue antisemitische Anfeindungen und Übergriffe. Nimmt der Antisemitismus in Deutschland zu?

Das kann ich nicht sagen. Ich finde es jedenfalls schade. Das sind Menschen, die mit sich selbst unzufrieden sind. Wer mit sich selbst zufrieden ist, respektiert auch andere Menschen. Ich fühle mich in Deutschland aber sicher. Natürlich, der Antisemitismus ist da, und man muss ihn mit allen Mitteln bekämpfen.

Wie kann das geschehen?

Das muss schon in der Kita und den Schulen anfangen, in denen mehr Wert auf Toleranz und Respekt gelegt werden muss. Neulich hatte ich ein ganz anderes Erlebnis. Ich bin mit der S-Bahn gefahren und neben mir saß ein junger Mann, der nervös wurde, als er mich sah. Nach einer Weile stand er auf, kam zu mir und sagte: Ich möchte mich im Namen des deutschen Volkes für die Taten bei Ihnen entschuldigen. Auch so etwas erlebt man.

Schlammschlachten 1

Samstag, 24. März 2007

Sehr-sehr problematisch, darüber zu schreiben, ich weiß. Bei den Recherchen zu medienkritischen Themen stoße ich aber immer wieder auf - aus meiner bescheidenen Sicht - lesenswerte Diskussionen in Blogs, die vielleicht noch nicht jeder mitgekriegt hat, auch wenn sie nicht so ganz neu sind.

Eine erste davon soll hier verlinkt werden ( ich bin davon überzeugt, sie wird nicht die letzte sein). Hier wird - das ist das Unterschiedsmerkmal - der Hauptakzent auf die persönlichen Animositäten gelegt. Inhalte erscheinen fast ausschließlich nur im Hintergrund, obwohl sie viel wichtiger und für Meinungsverschiedenheiten ausschlaggebend sind. Es ist also nicht nur eine Parade der Eitelkeiten und nicht nur ein Streit darüber, wer von sich behaupten kann, er sei eine höhere Moralinstanz.

Es gibt einen hervorragenden Journalisten, Henryk M. Broder. Seine Bücher sind gut, aktuell und bringen nicht nur zum Nachdenken, sondern führen auch zu Diskussionen. Seine Auftritte im Fernsehen sowie im Internet sind mehr ein Nebenprodukt, wie es mir scheint, dafür erzeugen sie allerdings mehr Echo, aus verständlichen Gründen (hier und hier).

Es gibt einen ausgezeichneten Blogger, Stefan Niggemeier, der mit seinem Bildblog einen Meilenstein im deutschen Web gesetzt hat. Ohne das zu wollen, hat er zur Qualitätsverbesserung der Zeitung beigetragen, die dadurch nicht lesenswerter wurde, und ein Produkt geschaffen, welches ein Teil der deutschen Medienlandschaft geworden ist.

Warum auch immer, gefällt dem zweiten die Tätigkeit des ersten nicht. Broder steht Niggemeier sozusagen im Wege. In seinem zweiten Blog greift Niggemeier Broder persönlich an und erlaubt seinen Kommentatoren antisemitische Äußerungen (Link, insgesamt 62 Kommentare).

Das ist noch nicht alles. Die Axel-Springer-Akademie hat neulich einen Weblog installiert, der vom Direktor, Jan-Eric Peters, geführt wird, welcher früher die “Welt” leitete. In dem Moment, als Niggemeier diesen Blog unter die Lupe nimmt (Link), antwortet Peters in seinem Blog darauf (Link). Kommentare gehen in beide Richtungen sehr bissig und aneinander vorbei (bei Niggemeier 134 Kommentare, bei Peters - 38). Parallel dazu schreibt Thomas Knüwer zum selben Thema inhaltlich bezogen (Link), sein Text wird kaum beachtet (3 Kommentare).

Das ist immer noch nicht alles. Der selbe Artikel von Broder (Link), auf welchen sich Niggemeier bezieht, findet viel später noch einmal eine Reaktion, diesmal von Robert Misik in der TAZ (Link), worauf Broder selbstverständlich auch antworten musste (Link). Ich meine, alle verlinkten Diskussionen bilden eine reife Kolportage-Lektüre. Die thematische Verknüpfung ist nicht immer offensichtlich und den Beiteiligten nicht so ganz ersichtlich. Aber auch daraus kann man viel Denkstoff abgewinnen. Ist es nun nur eine Schlammschlacht?

Julian Nida-Rümelin überführt

Samstag, 9. Dezember 2006

Auch wenn die FAZ ihr spezielles Süppchen aus der gelungenen Provokation der Zeitschrift “Tempo” kocht, die Tatsache selbst ist peinlich: Der ehemalige Minister Nida-Rümelin zeigte sich mit den Idealen einer erfundenen deutsch-nationalen Akademie konform und wollte mitmachen, ohne Hitlers Zitate erkannt zu haben etc. Wird diese Enthüllung Folgen haben? (Link)

Nida-Rümelins Reaktion ist ein Symptom der voranschreitenden Entkopplung akademischer Eliten von der bundesrepublikanischen Wirklichkeit, in der die Demokratie eben nicht wie eine geographische Gegebenheit in der Landschaft liegt, sondern täglich neu aufgestellt werden muß.

Bilde dir die Bild-Moral

Freitag, 27. Oktober 2006

Tagelang beschäftigen sich Medien und Politiker mit den Fotos, die die Bild-Zeitung publik gemacht hat. Alles dreht sich um die Soldaten, moralische Predigten füllen die Luft, schonunglose Untersuchungen werden angekündigt. Alle machen mit. Nur weil die dafür seit Jahrzehnten bekannte Ausgabe schon wieder denunziert hat.

Die einzige rühmliche Ausnahme erschien heute in dem “Tagesspiegel”: Eine mutige Lehrbeautragte an der Universität Potsdam hat das gesamte Gerede als eine Heuchelei entlarvt und die Politik dafür verantwortlich gemacht (Link). Sybille Tönnies hat darin Recht. Nur wie gesagt, ich würde die “Bild” dabei nicht vergessen. Leserkommentare im Anschuss zum Artikel sind übrigens lesenswert.

Warum gehen Bassam Tibi und Ayaan Hirsi Ali?

Samstag, 7. Oktober 2006

Diese Frage beantworten sie unabhängig voneinander, aber auf eine ähnliche Weise. Monolithische Kulturen, in diesem Fall Deutschland und Holland, werden hier mit ihren dunklen Seiten konfrontiert. Es ist bitter, dass die beiden gehen (immerhin in die USA und dazu noch in gute Hände). Es ist damit zu rechnen, dass der Präsident der Universität in Gottingen nicht zurücktritt wie seine holländische Minister-Kollegin. Dies wird aber offen gelegt und klar sichtbar als große Schande für Deutschland gezeigt. Angeprangert. Das tut gut.

Die wichtigsten Texte der letzten Tage in diesem Zusammenhang:

ein Interview mit Bassam Tibi bei “Spiegel” (Link). Daraus einige Fragmente:

Selbst die verhältnismäßig moderate türkische Organisation Ditib sagt, es gebe keinen Islamismus, es gebe nur Islam und Muslime - alles andere sei Rassismus. Dann können sie Religionskritik nicht mehr leisten. Der Rassismusvorwurf ist eine in Deutschland sehr wirksame Waffe. Das wissen die Islamisten: Wenn sie den Vorwurf erheben, jemand schüre das “Feindbild Islam”, macht die europäische Seite einen Rückzieher. Mich hat man auch mit diesem Dreck beworfen, dabei kann meine Familie ihre Genealogie zurückverfolgen bis Mohammed, und ich selbst kann den Koran auswendig. (…)

Die Muslime müssen sich von drei Dingen trennen, wenn sie Europäer werden wollen, und zwei Dinge neu definieren. Sie müssen Abschied nehmen von der Pflicht, andere zu missionieren, und vom Dschihad. Denn das bedeutet nicht nur Pflicht zur Selbstanstrengung - Dschihad heißt auch Einsatz von Gewalt zur Verbreitung des Islam. Und die dritte Sache ist die Scharia, das islamische Rechtssystem, das unvereinbar ist mit dem Grundgesetz. (…)

Pluralismus und Toleranz sind Bestandteil der Moderne. Damit muss man sich arrangieren. Aber Pluralismus heißt nicht nur Vielfalt, sondern dass wir dieselben Regeln und Werte teilen, aber dennoch anders sind - auf dieser Basis. Im Islam gibt es das nicht. Genauso wenig wie Toleranz. Im Islam bedeutet Toleranz, dass Christen und Juden unter der Herrschaft der Muslime als Schutzbefohlene leben dürfen, aber niemals als gleichberechtigte Bürger. Was die Muslime Toleranz nennen, ist nichts anderes als Diskriminierung. (…)

Wir brauchen auch bei den Deutschen einen Kulturwandel. Es kann nicht sein, dass nur der, der hier geboren ist und ethnisch deutsche Eltern hat, als Deutscher gesehen wird. Dabei haben schon fast 20 Prozent der Menschen, die in Deutschland leben, einen Migrationshintergrund. Das Problem ist: Deutschland kann den Fremden keine Identität anbieten, weil die Deutschen selbst kaum eine haben. Das ist wohl eine Folge von Auschwitz. Die Stärke Amerikas ist, dass es in eine Gemeinschaft aufnehmen kann.

ein Artikel von Bassam Tibi im “Tagesspiegel” (Link). Daraus:

Auf Dauer fühle ich mich fremd in diesem Land und werde entsprechend behandelt. Ich wandere aus, weil ich dieses Fremdsein nach 44 Jahren nicht mehr ertrage. Klar ist, dass ich, der schwer Integrierbare, kein Einzelfall bin. Die Mehrheit der hier lebenden „Ausländer“ ist als fremd einzuordnen; selbst ethnisch Deutsche aus Zentralasien, die auf der Basis ihres angeblich deutschen Blutes hineingelassen wurden, entdecken hier ihr Russischsein und fühlen sich genauso wie ich. Warum? Weil uns dieses Land keine Identität gibt. Dem „Spiegel“ sagte ich: „Wenn die Deutschen nach Auschwitz keine Identität haben, wie können sie dann Fremden eine geben?“ Statt zusammen mit uns Fremden an der Entfaltung einer zivilgesellschaftlichen Bürgeridentität zu arbeiten, entwickeln sich „die Deutschen“ – so der prominente Deutsche Mario Adorf – zu einem „Volk von Miesmachern“.

Ich wandere auch aus, weil ich glaube, Deutschland mehr zu lieben, als viele Deutsche es je getan haben. Aber ich habe es satt, ein „Syrer mit deutschem Pass“ zu sein, der seinem miesepetrigen Gastvolk dafür danken soll, dass ihm die Erfüllung des „deutschen Bürgertraums“ (laut „Zeit“-Artikel) gewährt wurde. Das Leben als C3-Professor an der Provinzuniversität Göttingen als „deutschen Bürgertraum“ zu bezeichnen, ist erbärmlich. Vor 1933, als jüdische Gelehrte an ihr wirken durften, hatte diese Universität einen großen Namen. Seit deren „Ausmerzung“ ist sie nicht mehr das, was sie einmal war. Warum habe ich es so lange in Göttingen ausgehalten? Ich blieb aus Liebe zu meiner Göttinger Frau, die an ihre Familie gebunden war. Und: Deutschland ist größer als Göttingen, bloß nicht für Ausländer. Auch meine Liebe zur deutschen Sprache und Kultur hat mich in diesem Land gehalten.

Was den Fremden – und vielen deutschen Weltbürgern – in der politischen Kultur Deutschlands fehlt, ist das, was die Amerikaner „sense of belonging“ (Zugehörigkeitsgefühl) nennen. Wenn nach 40 Jahren des Schaffens an einem modernen Islam, an Konzepten der Integration und an einem zivilgesellschaftlichen Konsens meine Bücher als „semi-wissenschaftlich“ tituliert werden, wenn der Bundestagspräsident die Leitkulturdebatte – ohne meinen Namen als Schöpfer des Begriffs zu nennen – neu beleben will, die Kanzlerin mich von ihrem Integrationsgipfel ausschließt und der Innenminister einen verhunzten deutschen Islam dem europäischen Islam vorzieht, dann frage ich mich, was ich hier noch soll.

ein “Lebensbericht” von Bassam Tibi (Link). Daraus:

Meine Liebe zu Deutschland und seiner Universität wurde in den vergangenen Jahrzehnten nicht mit Gegenliebe, sondern mit Ausgrenzung und Verachtung erwidert. (…) Wie bereits ausgeführt, folgte ich 1973 der Berufung an die Universität Göttingen ohne zu ahnen, dass ich nach 32 Jahren Lehr- und Forschungstätigkeit in Göttingen selbst Gegenstand einer Aktion werden würde, die von dem angeführten Universitätspräsidenten Kurt von Figura öffentlich mit den in der demokratischen Presse mit Befremden aufgenommenen Worten „Schwachstellen ausmerzen“ tituliert wurde. Es folgten Diffamierungen in Bezug auf die erbrachten wissenschaftlichen Leistungen. Bemerkenswert und erstaunlich ist, dass sich keiner der Professoren aus anderen sozialwissenschaftlichen Fächern über den Jargon der „Ausmerzung der Schwachstellen“ empört hat. Das ist auch Göttingen! (…) Hätte ich nicht das oben beschriebene Doppelleben, das mich an 30 Universitäten auf vier Kontinenten geführt hat, wäre ich in Göttingen geistig verarmt. Mich ermutigt es und es erhält trotz allem meine Liebe zu Deutschland, dass es außer dem Göttinger Universitätspräsidenten und der ihn unterstützenden Lokalzeitung in der Bundesrepublik noch eine demokratische Presse gibt, die sich wie ich über die beschriebenen Anklagen des Universitätspräsidenten von Figura aufregt. Die Zeit, die FAZ, der Tagesspiegel, die SZ etc. haben empörte Artikel über die Göttinger Politik der „Ausmerzung von Schwachstellen“ veröffentlicht. Das ist ein guter Aspekt des demokratischen Deutschlands. (…) Zum Abschluss kündige ich in Trauer an, dass ich  nach meiner Pensionierung 2009 nicht mehr zur Universität Göttingen gehören möchte. Die Cornell University gibt mir eine Identität. Sollte es keine große Wende vor meiner Pensionierung geben, die mich zur Versöhnung veranlasst, dass ich Göttingen in guter Erinnerung verlassen kann, würde mir nur übrig bleiben, mit den Worten Heinrich Heines von Stadt und Universität Abschied zu nehmen: Beide sind „am besten mit dem Rücken“ anzusehen. Das ist die traurige Lebensbilanz eines Ausländers and der Georg-August-Universität und ich wünsche mir von Herzen, sie wäre anders.

ein Interview mit Ayaan Hirsi Ali in der FAZ (Link). Daraus:

Ich unterscheide grundsätzlich zwischen der Philosophie des Islam und den Muslimen. Ich rede nicht über die Muslime, sondern über die Religion. Und da steht für mich fest, daß der Islam mit der liberalen Gesellschaft, wie sie sich im Gefolge der Aufklärung herausgebildet hat, nicht vereinbar ist. Wenn man diese Feststellung für plausibel hält, dann ist es nur richtig, die Muslime auch damit zu konfrontieren. Stattdessen verirren sich die Debatten im Taktischen, alles Problematische wird in Nebel gehüllt und am Ende läßt man sich darauf ein, zu sagen: Der Islam ist Frieden, Mitgefühl, Barmherzigkeit. Weil man Mitleid mit Minderheiten hat, die im Alltag nicht selten massiven Diskriminierungen ausgesetzt sind, glaubt man, es sei besser, die Dinge nicht beim Namen zu nennen. Das ist falsch. Es wäre erwachsener, sich gegenseitig die Wahrheit zu sagen. (…)

Nehmen Sie ein paar Beispiele: Im Islam beginnt das Leben erst im Jenseits. Sie müssen sterben, um zum Leben zu gelangen. In unseren Rechtsstaaten schützt der Staat das Leben. Dazu verpflichten ihn die Gesetze, und die Gesetze werden vom Volk gemacht. Das ist ein vernünftiger Aufbau, ein säkulare Verfassung. Im Islam gibt es so etwas nicht. Der Islam anerkennt individuelle Rechte nicht als Wert an sich. Man unterwirft seinen Willen dem Willen des Propheten und erhält erst dadurch Rechte und Pflichten. (…)

Die erste Stufe von Dschihad meint tatsächlich den inneren Kampf, die eigene Unterwerfung zu bewerkstelligen, also fünfmal am Tag beten, den Koran lesen, am Ramadan fasten und nach Mekka pilgern. Dann gibt es die Stufe der Mission, friedlich zuerst. Aber die problematische Dimension des Dschihad ist dann erst die nächste Stufe. Sie folgt dem Koran, der sagt, Friede sei erst dann möglich, wenn alle dem Glauben unterworfen sind. Wenn der von Ihnen zitierte Islam-Vertreter ehrlich wäre, müßte er sagen: Letzteres schreibt uns unsere Religion vor, aber wir werden es nicht tun. So wird die Frage nach der Friedlichkeit des Islam zu einer Frage des Vertrauens. Hier im Westen nehmen die Leute erst einmal an, die Aussage eines Gesprächspartners sei auch so gemeint. Die Generalunterstellung ist erst einmal die, daß man sich die Wahrheit sagt. Im arabisch-islamischen Raum ist das nicht unbedingt so, denn es gibt keine Notwendigkeit, einem Ungläubigen gegenüber wahrhaftig zu sein. Es führt nicht weiter, an diesen fundamentalen Punkt nicht rühren zu wollen. (…)

Ramadan sagt, was wir alle hören wollen. Ich habe seinen letzten Text über den Papst gelesen. Im ersten Absatz verurteilt er die gewalttätigen Proteste, schreibt, Muslime dürften sich darüber nicht in dieser Form aufregen. Da dachte ich: Wow! Musik in meinen Ohren. Aber wenn man dann weiterliest, fällt auf, was er nicht sagt. Ramadan weicht konsequent der Auseinandersetzung um die aufgeworfene Gewaltfrage aus. Das finde ich nicht in Ordnung. Er gehört für mich zu den Vertretern des Islam, die die Diskussion einäugig führen möchten. Die einfach weglassen, was nicht in die friedliche Wunschvorstellung paßt. Ich kann mir nicht vorstellen, wie er bei einer derart einseitigen Argumentation irgendjemanden überzeugen will, daß Islam und westliche Lebensweise zu versöhnen wären. Es muß doch nur eine junge muslimische Frau ankommen und sagen: Ich möchte mit einem nicht beschnittenen Nicht-Muslim zusammenleben. Da würde die Vision des Euro-Islam schon erste Kratzer kriegen. Ramadan redet über den Islam, wie er sein sollte, nicht über den Islam, wie er ist. Man kann aber kein ehrliches Gespräch auf der Basis von Verdrängungsleistungen führen. (…)

Der Ausgangspunkt muß der Prophet sein. Er hat sich selbst als Bote Gottes bezeichnet. Er ist nicht gottgleich, sondern fehlbar, eben ein Mensch, der Gottes Wort verkündet. Wir sollten also alle mit den Menschenrechten vereinbaren Bestandteile seiner Lehre behalten, aber den Rest eben in seinem historischen Kontext, der arabischen Halbinsel des siebten Jahrhunderts belassen. Der zweite Schritt wäre festzustellen, daß auch der Koran nicht von Gott stammt, sondern 150 Jahre nach dem Tod Mohammeds von Menschen verfaßt wurde. Darin stehen viele Dinge, die wir heute überwinden sollten. Die Menschheit hat sich schließlich seitdem enorm entwickelt. Und der dritte Punkt ist die Sexualdoktrin. Ich spreche vom Dogma der Jungfräulichkeit vor der Ehe. Wenn wir das überwinden, werden die Frauen frei sein. (…)

Statt die Hamas mal regieren zu lassen, eine Verwaltung betreiben zu lassen, wo sie recht schnell in Konflikte mit ihrer Scharia geraten würde, hilft die Europäische Union, die Widersprüche aufzulösen, in dem sie zahlt, so daß die Hamas das Geld nur zu verteilen braucht. Wir nennen die Hamas völlig zurecht eine kriminelle Vereinigung, aber werfen ihr auch noch das Geld hinterher! So halten wir die Palästinenser und die anderen arabischen Bevölkerungen in erbärmlichen und rückständigen Verhältnissen. (…)

Volkmar Sigusch über das sexuelle Verhalten in Deutschland

Sonntag, 1. Oktober 2006

In einem Interview für die “Süddeutsche” skizziert Volkmar Sigusch, nach seiner Schilderung einer der letzten Sexualwissenschaftler dieses Landes, die Lage auf seinem Gebiet. Einige Fragmente daraus (Link):

Es ist vor allem schwierig, Liebe zu stabilisieren. Und viele Menschen sind unbefriedigt! 95 Prozent der sexuellen Ereignisse finden in festen Beziehungen statt - und die 24 Prozent Singles müssen mit ein paar Prozent zurechtkommen. Gleichzeitig wird von den Medien und der Werbung vorgemacht, es könnte jeder Mann die tollsten Frauen haben. Das ist alles nicht die Realität!
(…) Es gibt nur noch das Institut in Hamburg, das zur Psychiatrie gehört, aber immerhin selbstständig ist. An der Berliner Charité gibt es ein kleines medizinisches Institut, das aber Positionen vertritt, die ich nicht teile. Und in Kiel gibt es eine kleine Forschungs- und Beratungsstelle. Alles in der Hand der Medizin. Die Sozialwissenschaft ist raus.

In einem (allerdings ansonsten vulgärmarxistischen) Artikel kann man nachlesen (Link):

Wenn aktuelle Erhebungswerte zutreffen, haben 35jährige Singles eine geringere Koitusrate als eine verheiratete 60jährige Hausfrau. Neueste Untersuchungsergebnisse lassen selbst daran zweifeln, ob zwischen den Jugendlichen der sexuelle Umgang unkomplizierter geworden ist, als es vor drei Jahrzehnten der Fall war. Sie wissen mehr über sexuelle Techniken, ohne aber daß von Aufklärung gesprochen werden kann, die ein erweitertes Maß an Selbstbestimmung ermöglichte.

Der Sexualforscher Volkmar Sigusch zeichnet die Welt der gegenwärtigen Sexualbeziehungen mit ihrem Egoismus und Dispersionen, ihren bizarren Ersatzhandlungen und narzißtischen Inszenierungspraktiken, ihrem kalten Selbstbefriedigungsdrang (der Kinderprostitution, Sextourismus und Gewaltpornographie mit einschließt) und ihrer ästhetisierten Lustlosigkeit als ein Horrorgemälde in der Tradition Hieronymus Boschs.

Siguschs Kommentar zu der WM-Kampagnie gegen Zwangsprostitution ist auch lesenwert (Link):

“Prostitution gehört in diese Gesellschaft wie das Amen in die Kirche”, sagte Volkmar Sigusch, international renommierter Sexualwissenschaftler der Frankfurter Universität. Die WM-Kampagne gegen Prostitution sei “an Bigotterie nicht mehr zu überbieten”. Die Debatte sei “von A bis Z verlogen, was mich schrecklich aufregt”, gestand Sigusch. Prostituierte seien nicht würdelos, betonte er. Sie leisteten vielmehr “eine Art Sozialdienst”, indem sie vor allem “aggressiv veranlagte junge Männer besänftigen”. Wer von Zwang und Menschenhandel spreche, sollte seinen Blick auf den Bereich der privaten häuslichen Kranken- und Altenpflege richten, wo ebenfalls viele ausländische Frauen ohne Aufenthalts- oder Arbeitserlaubnis “zum Teil wie Sklaven behandelt und schlecht bezahlt werden”. Würde die Polizei dort einmal Razzien machen, müsste sie in viele “gut bürgerliche Haushalte eindringen”, vermutet Sigusch.

Dan Bar-On: Ein Interview

Samstag, 30. Juli 2005

In TAZ vom 30.07.2005 steht ein Interview von Gaby Sohl mit Dan Bar-On. Er spricht darin u.a., “was Krieg und Terror in den Menschen hinterlassen haben.”

Die Schlüsselstelle ist kurz weiter:
“Die Leute werden plötzlich konfrontiert mit einer Realität, die sie lange auszublenden versucht haben. Das bringt erst einmal Depressivität. Und zum Teil bringt diese Depressivität dann Selbstdestruktivität.”

Seine eigene Lösung: “Wenn ich in sehr schwierigen Situationen war, habe ich mir immer Hilfe gesucht - vielleicht war ich einfach vernünftig genug, mir diese Hilfe zu holen?”

Über den Umgang mit Traumata: “Trauma bedeutet sehr viel Schmerz. Die meisten Leute rennen weg vor Schmerz. Menschen dazu zu bringen, dass sie anerkennen: Der Schmerz ist ein wichtiger Teil in unserem Leben, im eigenen und bei anderen, das ist eine Kunst. Das kann nicht jeder. Deswegen bleiben so viele Leute immer wieder einsam in ihrem Schmerz. Wir wissen heute so viel darüber, wie kollektive Traumata entstehen, aber unser Wissen geht nicht zusammen mit Wegen, wie wir diese Traumata aufarbeiten können. Sicher, teilweise findet man Wege … aber unser ganzes Wissen hilft uns nicht, das Trauma zu verlieren. Es bleibt. Es war immer eine Minderheit, die diesen Schmerz wirklich durchgearbeitet hat. Und es wird eine Minderheit bleiben.”go to main page