Alle Welt ist voll Lobes: Die Zeit online ist schön in neuem Design. Inhalte und der Qualitätsjournalismus sind aber da geblieben, wo sie waren. Nur ein Beispiel, dafür eins voll der Selbstironie, unfreiwillig selbstverständlich (Link):
„Wer immer nur für seinen Freundeskreis schreibt, bleibt auch auf dem Niveau seines Freundeskreis.“
Sic!
Über den Inhalt des Artikels reden wir lieber nicht.
Der Film von Hape Kerkeling über seine langjährige Kunstfigur Horst Schlämmer ist ein Ereignis. Künstlerich amateurhaft konzipiert und geschnitten, mit meist schwachen (oder gar keinen) Schauspielern besetzt, reißt er kaum Masken von den großen politischen Tieren nieder. Es sind sehr wenige gelungene Verballhornungen, die im Gedächtnis bleiben wie beispielhaft blöde Manifeste von gewissen realen Parteivertretern („bedingungsloses Grundeinkommen“), die unendliche sinnlose Begeisterungsfähigkeit von Bushido, die Pofalla-Parodie, die Merkel-Parodie, die Ulla-Schmidt-Parodie. Ansonsten ist es sehr schade, dass die effektvolle Pressekonferenz Horst Schlämmers nicht einmontiert wurde (obwohl das doch deren Sinn war!). Auch klar ist es, dass die lebendigen Improvisationen Kerkelings immer kunstreicher und wirkungsvoller als der gestellte Film sind, und Horst Schlämmers Fernsehauftritte der letzten Jahre im Film nicht übertroffen werden. Kerkeling erreicht die Höhe des großen Provokateurs Sasha Baron nicht, so schafft er nicht, Rüttgers vorzuführen. Bei Özdemir gibt es nichts vorzuführen, der macht einfach mit, weil er doch so nett ist.
Was der Film klar macht, das ist die allgemeine politische Misere Deutschlands. Schlämmer entspricht der Trostlosigkeit des realen politischen Lebens, er spiegelt sie. Damit ist schon alles gesagt. Am Rande will ich eins noch nicht vergessen: Dass die festangestellten Moderatoren der Fernsehnachrichten im Film mitmachen, ist aus meiner Sicht die Verletzung der ethischen Vorschriften, was aber auch nur auf dasselbe hinaus läuft. Bettina Schausten vergisst das, wenn sie den anderen Spiegel vorhält.
Ich verlinke hier noch lesenswerte Kritiken von Rüdiger Suchsland, Peter Zander, Oliver Jungen:
Horst Schlämmer heißt nicht nur fast genauso wie der jetzige Kölner Oberbürgermeister, Fritz Schramma, er sieht auch fast genauso aus und redet fast genauso. Aber blitzgescheit ist er, so gescheit wie sein Hochleistungsdarsteller Hape Kerkeling eben. Und nach dieser Intelligenz, mag sie hier auch weggegrunzt werden, dürstet es das ausgetrocknete Land. Denn es ist nicht der Egoismus der Politik und nicht der Zynismus des Showgeschäfts, der in Kerkelings grundsolidarischem Humor seinen Ausdruck findet, sondern das zutiefst Menschliche, das man ansonsten zu verstecken gelernt hat in der Schamgesellschaft. Denn was macht Horst Schlämmer, dieses schnaufende Lamm Gottes? Er sieht Marotten und nimmt sie an, damit man mit Schlämmer über Schlämmer lacht, nie über die anderen. Horst Schlämmer, zur Schande für alle anderen Mitglieder der Kaste sei es gesagt, wäre der Politiker, dem man sich anvertraut. Denn Horst Schlämmer, das sind wir.
Einen direkten Vergleich zwischen der Kunstfigur Schlämmer und den realen Politikern zieht der Politikberater Michael Spreng durch. Es gibt auch Zeitungen, die bei der Berichterstattung zu dem Thema Fehler machen. Zum Beispiel Jörg Schindler im Kölner Stadt-Anzeiger und genauso in der Frankfurter Rundschau, der Ursula Kwasny zur „immerhin CDU-Bürgermeisterin von Grevenbroich“ leichter Hand kürt. In derselben Zeitung kann Ute Diefenbach den Regisseur des Films Angelo Colagrossi bei der Pressekonferenz nicht identifizieren („ein Italiener, den niemand verstehen kann“).
Extra sei hier noch erwähnt, dass sich offensichtlich auch solche Leute finden, die mit der Spiegel-Bedeutung der Kunstfiguren Kerkelings nicht viel anfangen können. Es gibt darunter hochgebildete Snobs, die auch „Hurz“ für gute Musik halten und sich wundern, dass diese von Kerkeling selbst runtergemacht wird (Link). Es gibt auch Politiker (Ramsauer), die schon im „Zirkus“ das eigentliche Problem der Politik entdecken. Ich glaube, davon wird im Laufe der Tage noch mehr kommen. Das ist einerseits amüsant, andererseits bestätigt noch einmal mehr die triste Atmosphäre im Lande, in dem eine satirische Darstellung der Misstände für schlimmer gehalten wird als diese Misstände selbst. Exemplarisch dafür ist insbesondere der neidische Hajo Schumacher, der sich im Offenen Brief direkt an Horst Schlämmer wendet:
Sie sind nicht relevant. Sie saugen sich einfach nur fest an diesem Land, Sie sind eine Zecke am Allerwertesten der Demokratie. Sie nutzen deren Freiheiten, um sie lächerlich zu machen. Das ist nicht komisch, sondern schwach.
Auf eine verrückte Weise bestätigen solche Invektiven nur, dass der Schlag ins Gesicht die Richtigen trifft. Wie das auch immer mit der Satire ist. Die Folgen werden von Stefan Niggemeier (hier und hier, das Meiste wird wie oft bei ihm in den Kommentaren ausformuliert) besprochen, wobei Hajo Schumacher da erstaunlicherweise mitmacht und sich vorführen lässt. Kerkeling (als Schlämmer) erscheint da auch und macht den Klamauk komplett:
also liebe freunde
isch existieren wirklich – da muss ich dem hajo recht geben!
achim steht auch voll auf hasenpauer als dauerläufer, weiste.
und immer schön wähln gehn oder laufn …
euer horst
und bitte: Streit euch nich meinetwegen, weiste.
Lohnt doch nich, Schätzeleyen
Zum Schluss verlinke ich noch YouTube-Clips, die zu diesem Posting passen. Zuerst die Pressekonferenz zum Film:
Und weil die schönsten Auftritte Schlämmers dazu auch gehören, noch drei davon. Das sind die Preisverleihung 2006 (mit Anke Engelke als Ricky):
Die Begegnung mit Claudia Schiffer und Thomas Gottschalk:
und zuletzt den Klamauk mit Damen Herman und Tietjen:
Bei der folgenden Präsentation kann man schwer sagen, ob es hier um eine Parodie oder eine unfreiwillige und um so mehr faszinierende Verballhornung des Hits von Amy Winehouse geht. Ich konnte keine weiteren Spuren vom netten älteren Herren finden, der so souverän auftritt. Ob es ein Rabbiner ist, und dazu noch leicht betrunken, wie es auf der revver-Seite angedeutet wird, kann ich auch nicht sagen. Wer mehr weiß, möge sich bitte bei mir melden.
Zum Vergleich verlinke ich auch das Original, einmal aus besseren Tagen:
und einmal ziemlich unten, das Publikum ist nicht zu vergessen:
Und zum weiteren Verständnis sei noch auf den Text hingewiesen, zum Erschaudern (Link).
Ein russischer Radiozuhörer hat während einer laufenden Sendung live in Moskau vorgeschlagen, die Stadt Sankt-Peterburg [Sankt-Petersburg] in Sankt-Putinburg [Sankt-Putinsburg] umzubenennen.
Der gute Ruf des Präsidenten Putin ist endgültig dahin. Die Jahre von Perestroika und Glasnost sind vorbei. Die Satiriker zeichnen ein ganz böses Bild, monatelang. Die amerikanische Internetzeitung „Slate“ bringt politische Cartoons aus mehreren Quellen zusammen (Link). Eine Auswahl daraus (ohne die bösesten wohlgemerkt) vom Mai 2006 an bis heute:
Created Sep 22 last 1 comments, out of 13 peet_g says: Sep 23 at 08:47 AM Köstlich. "Lieber Herausgeber, unterbinden Sie bitte alle Äußerungen, die mit meiner nicht übereinstimmen. Glauben Sie mir, ich kenne mich gut aus." LOL add comment
Created Sep 23 last 1 comments, out of 0 peet_g says: Sep 23 at 08:42 AM "Ich beteilige mich nicht an so einer Diskussion. Dieser Blog dient ausschließlich der Hege und Pflege meiner eigenen Profilneurose."Nach der ausgiebigen Lektüre in Deinem Blog kann ich die Wahrhaftigkeit des zweiten Satzes nachvollziehen. Es ist für mich sehr deutlich, dass h […]
Created Sep 21 last 1 comments, out of 2 peet_g says: Sep 21 at 22:14 PM eine Stufe höher hin zu der Metaebene. Erstens die klare Positionierung der Linken und der Rechten im Bezug auf die Afghanistan-Falle ist nicht mehr da (vielleicht ist das auch nicht mehr möglich). Zweitens ist mit dem Pazifismus als solchem kein Problem zu lösen, und erst recht das Afg […]