Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Schwierigkeiten mit der Islamophobie Mittwoch, 18. Juli 2012

In der neuesten Studie über die Islamophobie kommt Felix Strüning von der Stresemann-Stiftung zu der Schlussfolgerung (Link):

Das Wort »Islamophobie« kann daher nur als gezielter Kampfbegriff aufgefasst werden.

Er kritisiert Benz, Schiffer & C°, argumentiert leider nur kurz und eher polemisch. Dabei kommt es zu deutlichen logischen Fehlern wie z.B.:

Die Wahl von Schulen ohne kopftuchtragende Lehrerinnen und Muslim-freie Wohnviertel kann zugleich nur sehr bedingt als Ausgrenzung interpretiert werden.

Außerdem würde ich Resultate der Umfragen nicht als ultima ratio verwenden und noch dazu verschönern, indem man Werte um etwa 20% als gering bezeichnet. Die Sauberkeit der Methode wäre angebracht, um gegen Schiffer u.ä. zu gewinnen.

 

Eine wegweisende Übereinstimmung Sonntag, 15. Juli 2012

Nikita Chruschtschow am 20. Februar 1963 (JTA):

There has never been any anti-Semitism in the Soviet Union.

Aly Kizilkaya am 8. Juli 2012 (“Die Welt“):

Es gibt im Islam keinen Antisemitismus, denn Antisemitismus ist eine Form von Rassismus. Die Verbände stehen alle auf dem Boden des Grundgesetzes.

Beispiele ähnlicher Art sind willkommen…

 

Mathias Döpfner sagt das Klarwort Dienstag, 23. November 2010

Erstaunlich: Kein Anderer, sondern eben Mathias Döpfner sagt die notwendigen Worte zum aktuellen Stand und Herausforderungen der Politik in Deutschland (Link):

Das nationalsozialistische Deutschland war eine von einem Diktator geführte Gesellschaft, die auf einer systematisch angelegten Freiheitsberaubung des Individuums basierte. Kollektivistisch, autoritär, ressentimentgeladen, neidgetrieben, rassistisch, nationalistisch, sozialistisch trieb Deutschland auf Vernichtungskrieg und Massenmord zu, ohne dass jemand rechtzeitig einschritt. Die Lektion dieser Erfahrung hätte sein müssen: Nie wieder Unfreiheit, nie wieder Rassismus, nie wieder antidemokratische Autorität. Und vor allem: mehr Wehrhaftigkeit der freien Gesellschaften. Konkret heißt das: Wehret des Anfängen! Und noch konkreter: Wo immer unfreiheitliche Energien auszumachen sind, vor allem dort, wo sie unsere Interessen berühren, muss mit Nachdruck und zur Not als Ultima Ratio auch mit militärischen Mitteln die Freiheit verteidigt werden. Und der beste Weg, die Ultima Ratio nicht eintreten zu lassen, ist es, sie nicht auszuschließen. [...] Der 11. September war das Menetekel eines Heiligen Kriegs gegen unsere westlich-freiheitliche Lebensform. Entweder wir haben die Symbolik des gefallenen World Trade Center verstanden und nehmen den Kampf an. Oder wir sind verloren.

 

Aiman Mazyek über Kurt Westergaard Donnerstag, 9. September 2010

Der Däne habe alle Muslime mit Füßen getreten, sagte Generalsekretär Aiman Mazyek im Deutschlandradio Kultur.

 

Sarrazin-Debatte entpersonalisieren! Samstag, 4. September 2010

Eine Woche oder schon mehr wird der Fall Sarrazin in der Politik und in den Medien aufs heftigste verarbeitet. Zuerst entstand der Eindruck, die totalitäre Methode, mit einem Schauprozess und Sündenbockbestrafung, setze sich durch. Und im gewissen Sinne ist es das auch, denn die Bundeskanzlerin und der Bundespräsident sind sich einig und erteilen Anweisungen an den unabhängigen Bundesbankvorstand, wie der unbequeme Sarrazin von seinem Posten befreit werden soll. Die Zahl der einzelnen Personen und Institutionen, die sofort mitmachen, ist groß und beschämend.
Und trotzdem zeigt sich, dass nicht nur Leserbriefautoren, sondern auch einzelne Journalisten zu mehr fahig sind, als beim Politboulevard mitzumachen.
Lesenswert sind insbesondere Texte, die uns mit der Art der Diskussion und mit Argumenten konfrontieren. Über die Meinungsfreiheit als wichtigste Errungenschaft der jungen Demokratie in Deutschland, die den politischen Versäumnissen geopfert werden darf, schreibt oder redet zum Beispiel Henryk M. Broder, zuerst in einem Interview (Link):

Die Reaktionen auf Sarrazin zeigen für mich vor allem, dass die Politiker vergessen haben, dass eine Demokratie nicht von richtigen, sondern von falschen Meinungen lebt. Über richtige Meinungen gibt es immer einen Konsens. Da ist sofort Ruhe. Falsche Meinungen dagegen provozieren immer eine Debatte. Es gibt natürlich auch falsche Meinungen, die nicht mal einen Widerspruch wert sind. Aber das, was Sarrazin schreibt, liegt innerhalb des demokratischen Spektrums. Die Folge ist, dass darüber debattiert wird. Der Versuch, Sarrazin zum Schweigen zu bringen oder ihn zu diskreditieren, wird nur neue Sarrazins hervorrufen.

Clemens Wergin folgte (Link):

Es kommt einem aber auch wie ein Exorzismus vor: Als würden die Probleme verschwinden, wenn Sarrazin als Sündenbock in die Wüste verjagt wird.

Erst dann kamen erste Versuche, sich mit Sarrazins Argumenten zu beschäftigen. Nachdenklich macht Armgard Seegers (Link):

Dass Ausländerfeindlichkeit oder die Spaltung allein durch Benennung geschürt werden, ist auch so ein Allgemeingut und trotzdem falsch. Ausländerfeindlichkeit entsteht dadurch, dass man einander nicht kennt, nicht kennenlernt, dass man nicht die gleiche Sprache spricht, dass es ungerechte Entlohnungen, scheußliche Wohnverhältnisse gibt und Menschen, die nicht wissen, dass Bildung der Schlüssel zu einem besseren Leben ist.
Ungerüffelt sagen darf man hingegen etwas über “die Amerikaner”, “die Israelis” und “die Banker”. [...] Wer unliebsame Wahrheiten benennt, wird behandelt, als hätte er gefordert, jeder, der kein guter Deutscher ist, wird bestraft, muss mehr Steuern zahlen, bekommt weniger ärztliche Versorgung oder soll wegziehen. An Minderheiten trägt die deutsche Gesellschaft ihre Identitätsdebatte aus.

Warum haben wir diese unsägliche Debatte, in der Klischees und Vorurteile ausgebreitet werden, überhaupt? Vielleicht, weil wir, anders als Franzosen oder Amerikaner gar nicht genau definieren können, wie einer zu sein hat, der zu uns gehören will. Was ist deutsch? Was muss man tun, um deutsch zu werden?

Noch ruhiger Robert Leicht (Link):

Was mich an Sarrazins Argumentation stört, liegt auf einer anderen Ebene – und nicht einmal auf der einer statistischen Relation zwischen Intelligenz und Genetik oder sozialer Schichtung. Mich stört vielmehr die Überschätzung der Intelligenz überhaupt. [...] Eine gute Gesellschaft muss um das Grundrecht der Menschenwürde gebaut werden, die jedem moralisch noch nachhaltiger angeboren ist als genetisch seine Intelligenz; und natürlich zugleich auf der Achtung der Menschenwürde sowie der freien Entfaltungsmöglichkeit aller andern.

Einen kurzen launigen Text hat Hamed Abdel-Samad abgegeben (Link):

Was in dieser Debatte untergeht, ist Sarrazins Recht auf Meinungsäußerung. Man hält Gericht über ihn oder bejubelt ihn unreflektiert. Ob als Held oder als Sündenbock, Sarrazin ist ein unfreiwilliger Freund der Untätigen und Ratlosen geworden. Alle Versäumnisse, Hoffnungen und Vorwürfe haben nun eine Adresse: Superman Sarrazin. Alle, die die Integrationsmisere zu verantworten haben, können sich nun auf die Schulter klopfen und sich gegen den Buhmann verbünden.

Aber Sarrazin ist lediglich ein Ausdruck davon, dass wir ein Problem haben. Er ist der Überbringer der Botschaft, dass bei uns eine verkrampfte Streitkultur herrscht. Es fehlt eine Atmosphäre, in der ehrliche Kritik zulässig ist und die frei ist von Stimmungsmache, Apologetik und Überempfindlichkeit.

Ähnlich lustig macht sich Jürg Dedial über den Lauf der Debatte in der NZZ (Link):

Das sittliche Deutschland kann jetzt mit den Vokabeln der Unerträglichkeit und der weit übertretenen Grenzen und roten Linien versuchen, Sarrazin mundtot zu machen. In diesem Milieu der Korrektheit, zu dem auch das politische Establishment zu zählen ist, gehört dies zum Alltag. Es ist Teil der wohlfeilen Selbstdarstellung einer Klasse, bei der nur noch scharfe Bisse und laute Verrisse zählen; die Inhalte einer Auseinandersetzung sind unwichtig. Man kann fast alle Exponenten des linken Lagers aufführen, die sich jetzt in ihrer Empörung gegenseitig übertrumpfen. Aber auch die Bürgerlichen, angeführt von der Kanzlerin und dem Aussenminister, schämen sich laut für das Land und fordern oder empfehlen die Entfernung des kritischen Geistes aus ihrem Gesichtsfeld.

Freilich hat sich unseres Wissens bis jetzt keine dieser führenden politischen Figuren ernsthaft mit den tiefer liegenden Fragen auseinandergesetzt, die Sarrazin schon seit längerer Zeit aufwirft. Dabei ist die Politik die eigentliche Adressatin von Sarrazins Streitschrift. Wenn der Autor die Probleme der islamischen Minderheit beleuchtet, so fragt er in Wirklichkeit die Politik, wie es kommen konnte, dass die Muslime in Deutschland im Vergleich zu anderen Einwanderergruppen so schlecht integriert sind und in den relevanten Sozialstatistiken so dürftig abschneiden. Er fragt, wie es hat kommen können, dass in zahlreichen Städten, aber auch auf dem Land, richtige Parallelgesellschaften entstanden sind, die sich um eine Anpassung an deutsche Normen und Traditionen überhaupt nicht zu kümmern brauchen. Und er fragt, wie angesichts der von ihm gebrandmarkten und kaum widerlegten Tendenzen, bei denen die Integration nur eines der Probleme darstellt, das wirtschaftliche, politische und soziale Gewebe der deutschen Nachkriegsdemokratie überleben kann. Dies sind Fragen, um deren Beantwortung Deutschland nicht herumkommt.

Die grosse Gefahr liegt darin, dass die Politik (einmal mehr) nicht erkennt, wie sie an einem breiten Unbehagen und Misstrauen in weiten Teilen der Bevölkerung vorbeiagiert. Man kann sich in Empörung und Entrüstung ergehen; aber man darf dabei nicht blind werden. Und wer Sarrazin vorwirft, deutsche Wertvorstellungen zu desavouieren, muss genau prüfen, von welchen Wertvorstellungen er spricht. So gesehen scheint es, dass gerade Sarrazins Partei, die SPD, ein fast chronisches Problem mit Querdenkern und kritischen Geistern hat, die nicht in den politisch korrekten Programm-Raster passen. Gar schnell versucht sie, ihre inhaltliche Erstarrung mit Parteiausschlüssen zu übertünchen. Hessische SPD-Dissidenten oder Figuren wie Wolfgang Clement wissen davon ein Lied zu singen. Thilo Sarrazin könnte das nächste Opfer sein. Dabei sollte die Partei froh um ihn sein.

Die eigentliche Auseinandersetzung mit den Argumenten Sarrazins mussten konservative Denker übernehmen, was einerseits bezeichnend ist, andererseits irgendwie – nach meinem Geschmack – schade. Wie auch immer, sehr empfehlenswert sind Berechnungen bei kassandra2030.wordpress, dort sind auch klare Widerlegungen der logischen Fehler der Bundeskanzlerin zu finden (Link):

Ein weiteres Beispiel: Bundeskanzlerin Angela Merkel, die der Ansicht ist, Sarrazin rede „dummes Zeug“18, schreibt in der „Bild“: „Junge Menschen türkischer Herkunft sagen mir immer wieder, dass Deutschland ihre Heimat ist“.19 Das mag sein, aber laut der Studie des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsens (s.o. Fn. 1) sind es nur etwa 21% der muslimischen Jugendlichen, die so denken. Die jungen Menschen türkischer Herkunft, die Frau Merkel kennengelernt hat, „widerlegen“ also nicht die Tatsache, dass die große Mehrheit sich nicht als Deutsche sieht. [...] Zum selben logischen Irrsinn gehört es, absolute Zahlen zu nennen, die ohne Bezugspunkt vollkommen nichtsaussagend sind. Wieder Bundeskanzlerin Angela Merkel in der „Bild“: „Die rund 64 000 türkischen Unternehmen in Deutschland mit ihren mehr als 320 000 Beschäftigten erwirtschafteten im Jahr 2005 fast 30 Milliarden Euro.“ Schön und gut – aber im Verhältnis zu den Deutschen ist dies eine unterdurchschnittliche Rate an selbstständigen Unternehmen, geschaffenen Arbeitsplätzen und erwirtschaftetem BIP im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung. Widerlegt hat Frau Merkel damit nur die Aussage „es gibt überhupt gar keine türkischen Unternehmer, die Arbeitsplätze schaffen“, die aber niemand getätigt hat, während Sarrazins Behauptung von dem mangelnden ökonomischen Nutzen muslimischer Einwanderer als Aggregat davon unberührt bleibt (siehe dazu oben Teil 1, Nr. 1). Nach dem gleichen Muster „widerlegt“ auch der Vorstandsvorsitzende der Türkisch-Deutschen Unternehmervereinigung, Hüsnü Özkanli, die Behauptungen Sarrazins, indem er klagt: „Wir tragen zum deutschen Wirtschaftssystem bei, indem wir Ausbildungs- und Arbeitsplätze schaffen, unsere Jugend studiert. Was sollen wir sonst noch machen … ?“ (von Christian Geyer in der FAZ von 26.08.2010 zustimmend zitiert).

Nach drei großen Talk-Runden waren mehrere Möglichkeiten da, den Stand der Debattenkultur zu bewerten. So meinte Cora Stephan (Link), ein Land erlebt zu haben,

in dem der Ökonom Thilo Sarrazin von der Politikerin Renate Künast als „menschlich schäbig“ und „gefühlskalt“ beschimpft wurde, weil er sich auf Zahlen und Statistiken bezieht. In dem eine deutschtürkische Landesministerin aus Niedersachsen, die der Presse „kultursensible Sprache“ gegenüber türkischen Migranten verordnen wollte, stolz verkündet, „sie brauche keine Statistiken und Analysen“, da sie die „Migranten ja kenne“.
Ob bei Beckmann, ob bei Plasberg: es triumphierten die Menschlichkeit und das Leben über das statistische Teufelszeug, das „Menschen auf Zahlen“ reduziere. Selbst die Bundeskanzlerin, von Haus aus Naturwissenschaftlerin, übernahm den neuen Gefühlssprech und ließ uns an ihren Empfindungen teilhaben. Alles andere hieße ja wohl auch, über eigene Versäumnisse zu reden.
Denn Thilo Sarrazin konstatiert, was schlechterdings nicht zu leugnen ist: eine Minderheit hierzulande will sich nicht integrieren, da sie diese Gesellschaft, ihre Kultur und ihre autochthone Bevölkerung verachtet – deren Vertreter wiederum trauen sich nicht, den nötigen Respekt auch einzufordern. Das ist und bleibt der Hauptpunkt der Debatte – die nun im Namen der Menschlichkeit und der Gefühle zusammen mit Thilo Sarrazin erlegt und erledigt werden soll.
Es ist an Schäbigkeit nicht zu überbieten, was uns hier als Debattenkultur, als Weltoffenheit, als Menschlichkeit und buntes Multikulti vorgeführt wird. Die Vertreter der deutsch-türkischen Community tun beleidigt und leugnen das Problem. Politiker setzen auf das dort vermutete Wählerpotential und leugnen ihrerseits, daß das hierzulande übliche „Fördern statt Fordern“ längst an seine Grenzen gestoßen ist. Und niemand vertritt die Interessen der eingeborenen Bevölkerung, die ja womöglich Gründe dafür hat, daß sie sich die Objekte ihrer kulturellen Sensibilität von niemandem vorschreiben lassen will.
Und Sarrazin? Ist der Sündenbock, dem blanke Menschenverachtung und blanker Hass entgegenschlagen und der dennoch und auf fast rührende Weise immer und immer wieder versucht, doch noch ein Argument loszuwerden.
Nun, Umfragewerte und Internetkommentare lassen erkennen, daß das Volk mit den politischen Eliten auch hier nicht übereinstimmt. Beide großen Parteien haben die Gefolgschaft ihrer Wählerschaft eingebüßt. Der SPD droht ein Aufstand der Basis, wenn sie Sarrazin ausschließt. Und der Kanzlerin wird man es übel vermerken, daß sie einen wichtigen Amtsträger, die Meinungsfreiheit und die ihr von Amtswegen angemessene Distanz geopfert hat, um der SPD das Leben noch ein wenig schwerer zu machen. Und alle gemeinsam haben sich mit ihrer menschelnd aufgemotzten Verlogenheit bis auf die Knochen blamiert. Eine große Mehrheit der Deutschen sieht Thilo Sarrazin nun erst recht als den aufrechten, integren, ehrlichen, standhaften Mann, dem es an jener Aalglätte fehlt, mit der die anderen sich unangreifbar gemacht haben.
Der Fall Sarrazin ist für dieses Land eine historische Wegmarke. Und das ist in der Tat kein gutes Zeichen.

Es lohnt sich, in dem Zusammenhang zwei Beobachtungen der Illner-Runde zu vergleichen. Regine Mönch bei der FAZ (Link) sah das Eine:

Bernd Ullrich von der „Zeit“, der Grüne Özdemir und die Politikwissenschaftlerin Naika Foroutan sprachen schließlich für eine imaginäre Gruppe, für ein Wir, dass von Thilo Sarrazin gekränkt worden ist. Denn am meisten, so Ullrich, habe ja nicht Sarrazin unter dieser Debatte zu leiden, sondern die liberalen und gebildeten Türken und Moslems, die entmutigt würden. Broders Einwand, die Kanzlerin habe den Ton gesetzt, obwohl sie doch nicht als Literaturkritikerin gewählt sei und damit versucht, die Debatte abzuwürgen, konterte Özdemir: Die Kanzlerin habe Schaden vom Land abwenden wollen [...] Frau Foroutan rief schließlich wie in den Hochzeiten ostdeutscher Gekränktheitsrituale „wir fühlen uns diffamiert“ (zuvor hatte sie noch „den Deutschen“ attestiert, die fühlten diese Misserfolge der Integration nur, die es so gar nicht mehr gäbe) und bedankte sich bei der Kanzlerin, weil die sich „vor uns Muslime“ gestellt hat. Und dann stellte sie gleich noch die gesamte Statistik-Analyse Sarrazins in Frage. Sie habe ganz andere Zahlen, rief Foroutan, schwenkte einen Zettel und trug mit atemraubender Geschwindigkeit vor, dass weder die Arbeitsmarktzahlen für Migranten noch die Bildungsmisere noch die Gewalttaten türkischer und arabischer Jungen oder die Familiengrößen muslimischer Einwanderer irgendeine Richtigkeit hätten. Kurzum, vergessen Sie Bildungsberichte und Mikrozensus, das rechnet Ihnen Frau Foroutan von der Humboldt Universität Berlin in Nullkommanix hinüber ins Schöne!

Die Talkrunde war verblüfft und nicht einmal Maybritt Illner mochte da noch die anderslautende Fakten-Analyse ihrer Redaktion, nachzulesen im Internet, dagegenhalten. Höflich ironisch meinte lediglich Roger Köppel zu diesem statistischen Taschenspielertrick, dass sie, Frau Foroutan, sollte sie sich geirrt haben, wenigstens nicht fürchten müsse, dann ihren Job zu verlieren. Naika Foroutan leitet an der Universität das Projekt „Heymat“ und kreiert dort, unbelastet von den Integrationsproblemen dieses Landes, die „Neuen Deutschen“. Der Begriff, so steht es im Internet, wurde von ihr bewusst gewählt „in Abgrenzung zum Begriff der ‘alteingessenen Deutschen’, die für sich Etabliertenvorrechte reklamieren“.

Damit ist jetzt also Schluss, die Politikwissenschaftlerin scheint ihre Identitätsforschung gleich mit einer ganz eigenen, neuen deutschen Wohlfühlstatistik ergänzen zu wollen. Deren Premiere und ihr Alleinstellungsmerkmal, die Unüberprüfbarkeit, konnte der Zuschauer am Donnerstagabend bei Maybritt Illner erleben. Nun freue dich doch endlich, Deutschland.

Dagegen sah Carin Pawlak beim “Fokus” etwas Anderes (Link):

Wenn er eine tiefe Genugtuung spürt, spricht der Jude Broder vom „inneren Reichsparteitag“. Für denselben Begriff ist die nicht jüdische Sport-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein bei der Fußball-WM in Südafrika übrigens fast vom Mikro-Platz geflogen. „Ich glaube nur Statistiken, die ich selbst gefälscht habe“, legt Broder weiter nach. Churchill? Nein, ein Satz aus dem Reichspropagandaministerium.
Jetzt ist Berufsprovokateur Broder auf Betriebstemperatur. Die Äußerung von Kanzlerin Merkel, Sarrazins Buch sei „nicht hilfreich“, ist für ihn eine unwillkommene Einmischung. Sie sei als Politikerin gewählt und nicht als Literaturkritikerin. Broders Bombe: „Das steht in der Tradition der Reichsschriftumskammer.“ Der Gründung dieser RSK ist die Bücherverbrennung durch die Nazis vorangegangen. Ab 1934 musste, wer in Deutschland Bücher veröffentlichen wollte, Mitglied dieser Kammer sein, die unter der Leitung von Joseph Goebbels stand. Ist dieser Satz Broders hilfreich? Fällt er unter die derzeit viel disputierte Meinungsfreiheit oder ist er skandalös? Chuzpe XXL oder extreme Wahrheit? Er ist schlicht obszön.
Und ist die Erregung rituell? Nein, sie ist echt. „Jetzt muss ich die Kanzlerin verteidigen“, sagt Cem Özdemir aufgebracht. Vielleicht will er nach der Sendung Herrn Broder privat auch wieder siezen? Und Herrn Broder zum Rücktritt von irgendwas auch immer auffordern. Aber da hat Brandstifter Broder längst seine letzte Volte in dieser Biedermänner-Runde geschlagen. Was er sich wünscht von den Bürgern mit Migrationshintergrund? Also einer Deutschen wie Naika Foroutan. „Ich finde, wir brauchen mehr Deutsche, die so gut aussehen wie Sie.“ Sagt er. Und sie antwortet wirklich und mit heiligem Ernst: „Danke sehr.“ Es muss wirklich noch viel geredet werden in Deutschland.

UPDATE: Dass Broder auch in seinem Skepsis gegenüber der Zahlendaten von Frau Foroutan Recht hatte, zeigt die Überprüfung auf der “Achse des Guten” (siehe den Beitrag von Thomas Baader).
Was ich damit zeigen will: Es ist eine Debatte da, mit unterschiedlichen Meinungen, und zum Teil mit richtigen Argumenten. Und am Ende sei Thomas Eppinger zitiert, der sich absolut zu Recht empört (Link), und zwar darüber,

dass Frau Merkel die in Deutschland lebenden Türken in Schutz nimmt. Hm. Vor wem denn?
Werden Moscheen angezündet, die Scheiben von türkischen Kulturzentren zertrümmert, werden türkische Gräber geschändet, werden Steine auf türkische Volkstanzgruppen geworfen, reißen Polizisten türkische Fahnen vom Balkon, schreit der Pöbel auf den Straßen „Tod der Türkei“?
Ich kann mich nicht erinnern, ein Wort von der Kanzlerin vernommen zu haben, als all dies einer anderen Bevölkerungsgruppe widerfahren ist. Und jetzt müssen die Türken vor einem Buch beschützt werden?
In Deutschland ist jeglicher Maßstab verloren gegangen.

Zum Schluss möchte ich hier einen Beitrag der Süddeutschen Zeitung zur Sarrazin-Debatte auseinanderpflücken, und zwar von der selbsternannten Wissenschaftlerin Lamya Kaddor, die kein Problem damit hat, sich in der medialen Öffentlichkeit als wissenschafltiche Mitarbeiterin der Uni Münster titulieren zu lassen, auch Jahre nach der unfreundlichen Verabschiedung. Auch kein Problem hatte sie mit der Finanzierung ihrer Projekte durch den Großen Libyschen Diktator. Zuerst sieht sie Sarrazin mit seinen “kruden Weisheiten” und “Gehässigkeiten” in der Nähe der NPD, ohne nur einmal zu zitieren. Wie hätte sie das auch tun können? Ihren Text schrieb sie Tage vor der Bucherscheinung. Dann kommt sie zum Eigentlichen (Link):

Das eigentlich Erschütternde ist der breite Raum, der ihm geboten wird. [...] Seine Ausführungen heißen “Analysen”, dabei könnten Studierende im Grundstudium seine Argumente mühelos widerlegen. Warum also so viel Ehre für einen Mann, der behauptet, das Versagen von Teilen der türkischen Bevölkerung könne auch genetisch bedingt sein? Der mit der Einschränkung von Grundrechten spielt und Menschen kalt nach ihrem ökonomischen Wert in nützlich und nutzlos einteilt? Dieses Auftreten ist nicht nur selbstherrlich, es macht Angst. Sarrazin denkt nicht anders als ein Islamist; beide löschen sie den Geist des Grundgesetzes aus.

Kaddor braucht nichts zu zitieren und zu widerlegen. Sie behauptet, diffamiert und denunziert, um gleich auch zum Verbot aufzurufen. Besonders interessant ist die Logik: Sarrazins Halbwissen über die Genetik mache ihn vergleichbar mit Islamisten. Sie meint offensichtlich und spricht das etwas weiter auch aus, dass beide Rassisten seien, wenn sie Necla Kelek und Thilo Sarrazin zusammen sieht,

wenn er auf großer Bühne das Feindbild Islam unters Volk bringen darf

Über wie viel Wissen verfügt Kaddor im Bezug auf den Islam, wenn sie so über die Islamisten redet? Wenn sie vom Versagen einiger Teile der türkischen Bevölkerung auf das Feindbild Islam und weiter auf Islamisten so leicht springt?
Die Debatte muss weiter gehen. Auch wenn Frau Kaddor, Frau Foroutan und Frau Merkel das anders sehen.

 

Özoguz als Niemöller der Muslime Sonntag, 1. August 2010

Man kennt inzwischen Yavuz Özoguz gut genug, um zu wissen: Der Betreiber der Seite Muslimmarkt.de ist ein geschickter Propagandist der islamistischen Strömung, mit direkten Verbindungen zu iranischen Regierungskreisen. Daraus folgt für deutsche Muslime das Gebot einer klaren Distanzierung von Özöguz und seiner Tätigkeit. Insbesondere für die Muslime, die mit pauschalen Anfeindungen zu kämpfen haben und nicht mit Islamisten verwechselt werden wollen. So weit so klar.
Und doch erlebt man hin und wieder wundervolle Blüten wie folgt (Link). Es geht um das Verbot der deutschen IHH, der angeblichen Hilfsorganisation, die für die Hamas Spenden sammelte. Es ist bekannt, dass die IHH in Deutschland nur eine von mehreren ähnlichen Organisationen ist. Es hat sie diesmal getroffen, weil sie mit ihrer Abkürzung dem türkischen Original verblüffend nahe kommt. Dass die türkische IHH seit Jahrzehnten den Terror weltweit unterstützt, ist auch hinlänglich bekannt, stört aber die Kämpfer gegen Israel nicht.
Wie auch immer, schreibt der Islam-Blogger, der sich explizit so nennt und ansonsten eifrig gegen jegliche Pauschalisierung auftritt, wenn es die Mehrheit der friedensliebenden Muslime trifft, über die Rolle von Özoguz in der Debatte um das Verbot der deutschen IHH (Link):

[...] hier zeigt ein einzelner Mann, wie man es richtig macht. Ich bin zwar kein Freund von Herrn Özoguz, aber er hat meinen hochachtungsvollen Respekt!

Eine einzige Kommentatorin meldet sich zu Wort und bestätigt den Islam-Blogger (Link):

[...] es ist beschämend, dass die anderen muslimischen Organisationen sich wegducken. Ob sie Niemöller kennen?
Özoguz – ich teile nicht immer seine Meinung, schätze ihn aber für seinen aufrechten Gang. Gerade in dieser Angelegenheit beweist er mal wieder, was es bedeutet, wenn ein Muslim wirklich nur Allah fürchtet und nicht die Menschen.

Noch einmal langsam: Özöguz wird hier direkt mit Niemöller verglichen. Führen wir den Gedanken zu Ende: Niemöller hat gegen die Nazis eine einsame Position bezogen. Özöguz kämpft gegen das deutsche Grundgesetz. Alles klar? Noch mehr Demokratie für Islamisten?
Die soeben zitierte Kommentatorin alien59 ist inzwischen unter demselben Nicknamen als eine aktive judenfeindliche Propagandistin in der Freitag-Community bekannt und sorgt für Klicks und aufgeregte Schmierereien bei dem Vorzeigeprojekt des Jakob Augstein. Kennt er Niemöller?

 

Beispielhafte Diskussion über rassistische Islamophobie Freitag, 16. Juli 2010

Filed under: Blogging,Deutschland,Islam — peet @ 14:16 Uhr
Tags: , , , ,

Der Erlanger Ausländer- und Integrationsbeirat hat wie die meisten seiner Art die islamische Mission als Hauptaufgabe. Im März 2010 wurde von ihm eine Fachtagung über den “antiislamischen Rassismus” veranstaltet. Im Uniforum Erlangen hat eine eifrige muslimische Studentin, die sowohl im Beirat als auch bei den Ostermärschen aktiv ist, dafür Werbung gemacht. Prompt kam Kritik, darunter auch fundierte. Über falsche Begriffe, falsche Akzente, eine falsche Auswahl der Hauptakteure (Benz, Schiffer etc.) – mit Argumenten und Verweisen (Link). Ayse Cindilkaya hat darauf ironisch geantwortet und versprochen, alle Argumente sofort zu zerschlagen und war … verschwunden. Ohne allerdings zu vergessen, in der “Islamischen Zeitung” ihre Sicht auf die Tagung mit großer Zufriedenheit und ohne Widerrede darzustellen, zum Beispiel (Link):

Bei der Konzepterstellung für die Tagung waren für mich das Aufmerksam machen auf Antisemitismus und jüdisch-muslimische Annäherungsprojekte Herzensangelegenheiten. Ein Grundstein für Annäherung ist die 1999 von Dr. Nadeem Elyas und Ignatz Bubis veranstaltete historische Tagung „Juden und Muslime in Deutschland – gemeinsam fremd?“ Es ist auffällig, dass Juden und Muslime vermehrt den Kontakt suchen, wobei eines der Ziele ist, die jeweiligen Rassismen zu dekonstruieren und in den eigenen Communities zu erörtern. Übrigens, zur Ideologie der Islamfeinde gehört es, uns gezielt durch Negativbilder zu entzweien. Dabei gibt es so viel zu entdecken. Allein unser religiöser Hintergrund ist ein Themenschatz. Wir sind Minderheiten, die ähnliche Ausgrenzungserfahrungen machten oder machen.

Kurz darauf, beim Ostermarsch 2010 hat sie eine flammende Rede gehalten, über Öl und Ideologien, gegen den Krieg in Afghanistan (Link):

Es gibt seit Jahrzehnten keine Sache bei der sich weltweit die so
unterschiedlichen, über 1,3 Milliarden Muslime sicherer oder einiger waren,
als bei der Ablehnung von Terror, Extremismus und Selbstmordattentaten in
Ihrem Namen und dem Islam! Es gibt weltweit unzählige Erklärungen und
theologische Gutachten, jüngst das Umfassendste von Muhammad Tahir ul Qadri.
Bitte merken Sie sich diesen Namen! Denn wir sollen ihn bald wieder
vergessen! Er passt nicht ins Kriegs-Konzept!

Unsere Regierung will nicht, dass die deutsche nichtmuslimische Bevölkerung
hört, dass Muslime doppelt gegeißelt werden vom Terror und ihn verachten! Sie
will nicht, dass man erfährt, dass bis vor ein paar Jahren in islamisch
geprägten Ländern Selbstmordattentate undenkbar waren!

Und diese schrecklichen Phänomene fassen erst Fuß, seitdem unsere Staaten
hier Krieg führen und durch Menschenrechtsverletzungen, wie Folter, dem
Terrorismus erst den Nährboden bereiten! Die allermeisten Ermordeten des so-
geschimpften islamischen Terrorismus sind doch dazu auch noch Muslime! Wer
denkt denn in der Welt einmal an die Muslime?

So läuft die Diskussion weiter: Hier Islamophobie, da Islamkritik. Und die Mission so ziemlich überall. Wie auch Verharmlosung: Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Islamkritik sind auf einmal alles Rassismen. Alle machen “ähnliche Ausgrenzungserfahrungen”.

 

Mark Steyn: Gedanken beim Anblick eines jüdischen Friedhofs Sonntag, 20. Juni 2010

“The lesson of a jewish cemetery” – ein hervorragender Artikel von Mark Steyn, sehr lesenswert.
Zum Vergleich: Seit der Publizierung am 17.6.2010 sind mehr als 4500 Verlinkungen in English sichtbar, nur 1 (eins!) in Deutsch – bei der Achse des Guten.

 

Hannes Stein über Europas Zukunft Montag, 14. Juni 2010

Filed under: Deutschland,Geschichte,Islam — peet @ 7:25 Uhr
Tags: ,

Meine Schlussfolgerung: Wandert aus. Es lohnt den Streit nicht. Europa hat 1914 Harakiri begangen und sich 1933, damit der Selbstmord nur ja klappt, auch noch die Kugel gegeben, es hat alles in sich abgetötet, was gut, schön, zart oder einfach nur sonderbar war—dieser Kontinent ist nicht mehr zu retten. Nicht vor sich selbst. Wenn ihn die Muslime übernähmen (bitte, hier, ein Video, das Martin Riexinger mir geschickt hat), wäre das vielleicht noch das Beste, was ihm passieren könnte. [Link]

Eine neue Qualität. Wenn aber die Entwicklung das bestätigt, was dann? Ist das nur eine Meinung von dem, der selbst ausgewandert ist, oder eine treffende Analyse der Zustände?

 

Auch die FAZ sieht das ein Sonntag, 13. Juni 2010

Am 10.6.2010 hat die FAZ einen ruhigen und sachlichen Artikel von Joseph Croitoru publiziert. Darin sind die notwendigen Infos über die islamistische antisemitische Organisation IHH, über deren Unterstützer in der türkischen Regierung und deren Verbindungen zur Hamas aufgesammelt. Endlich ist ein Fachmann zum Schachzug gekommen. Irgendeine Reaktion der türkischen Community in Deuschland? Auu?

 

Die Reaktion der israelischen und türkischen Intellektuellen Samstag, 5. Juni 2010

In der FAZ wurden zwei gutmenschliche Texte aus Israel wiedergegeben, wie immer die eine Stimme, die man hören, lesen und an das Publikum weiterleiten will, welches genauso denkt im sicheren Glauben, man sei Israels Freund.

Diesmal sind es schon wieder Schriftsteller. David Grossman fantasiert sich aus den islamistischen Schachiden “Zivilisten”, die für ihre “Meinungsäußerungen” “kaltblütig getötet” wurden. Er wünscht sich “Frische, Originalität und Kreativität” von Israel, um den Konflikt zu lösen. Mit solchem Klamauk ausgestattet muss er keine konkreten Vorschläge machen, das ist doch nicht seine Aufgabe, er ist dafür da, die anderen moralisch zu versorgen.

Am anderen Tag ist auch Amos Oz da, der sich für die Fähigkeit seines Landes, sich zu verteidigen, entschuldigt und Buße tut.  Dieser wünscht sich auch Verhandlungen und viel mehr, zum Beispiel, “eine Idee, die attraktiver und akzeptabel ist”, um Palästinenser von der Hamas abzuwenden. Diese Idee müssen die anderen erschaffen, Oz möchte das so sehr. Er glaubt weiterhin im vollen Ernst: “Dieser Konflikt ist letztlich nur durch Verhandlungen mit der Hamas zu lösen, sinnvoller noch mit der Hamas unter Einbeziehung von Abbas’ Fatah.” Er sieht ganz klar: Wenn Israel seiner Logik nicht folgen würde, werde das “zu noch mehr Katastrophen führen.” Die andere Kriegspartei muss nichts tun, sondern Oz und Grossman sprechen lassen. Aber:

Die türkische Regierung, die jetzt endlich die Kurden vergessen lassen kann, kümmert sich besser als alle anderen Weltprediger um die Palästinenser. Und sie weiß auch besser, wie man mit Information umgeht. Bevor die eigene Bevölkerung doch erfährt, wie Islamisten auf direktem Weg zur kriegerischen Einmischung in den schon laufenden Konflikt geschickt werden, soll die Informationssperre das verhindern. In der Türkei wurde gestern der Zugang zu Youtube und Google gesperrt (Link).

So kann man leicht merken, wie unterschiedlich die Reaktionen aussehen. Proteststimmen aus Israel sind sofort in der FAZ. Wo sind Proteststimmen aus der Türkei? Ein Erdogan, ein Volk? Unterstüzen sie alle die Hamas?

 

Der linke Freitag Sonntag, 20. September 2009

Jakob Augstein sucht händeringend eine Nische, ein Profil für sein Ein-Mann-Projekt. Gemeint ist eine linke Boulevardzeitung, wie bekannt. Diesmal soll ein ganzes Land dem Projekt geopfert werden, und zwar Afghanistan. Die Redaktion hat einen pazifistischen Aufruf vorbereitet, der von so bedeutenden Schriftstellern wie Sarah Kuttner, Charlotte Roche, Martin Walser und gar einer Aktivistin mit dem vielversprechenden Namen Gretchen Dutschke unterzeichnet wurde. Die realpolitische Perspektive dieses Manifestes ist so dumm, dass sich einige weniger pazifistische Intellektuelle fanden, den Text zu kritisieren, insbesondere der Perlentaucher-Chef Thierry Chervel. Dieser hat zu Recht zwei Sachen kritisiert, nämlich die Verschmelzung der linken und rechten Ansichten sowie eine feige Naivität. Genauso wie in der Beurteilung der Gefahr, die von der Iran-Regierung ausgeht, wird suggeriert: Lasst uns nur still und ruhig sein, irgendwie wird es schon an uns vorbei gehen, schlimmstenfalls werden die anderen zuerst ausgerottet.

Weil dies zu wenig Zündstoff lieferte, musste Jakob Augstein sofort antworten und zwar im eigenen Medium. Daraus kann man gut sehen, dass es nicht um einen Dialog geht, sondern um – wie gesagt – die Profilierung der eigenen Plattform. Auch die Antwort ist uninteressant. Kein anderer Denker, nicht einmal der andere große Pazifist und Mitunterzeichner Roger Willemsen, hat sich zu Wort gemeldet. In Blogs kamen nur zwei Reaktionen, beide fielen vernichtend negativ aus (Blütenlese, Blogterium).

Peinlich. Diesem Unglück muss man unbedingt zu größerem Ruhm verhelfen – ich setze dieses Schreiben auch bei den FDOG – als eine gewisse Strafe :-)

 

An was erinnert die Wortwahl der islamischen Organisationen in Deutschland? Freitag, 31. Juli 2009

Filed under: Bremen,Deutschland,Islam,Politik,TAZ — peet @ 11:48 Uhr
Tags: , , ,

Heute bekam ich auf dem Umweg eine Petition der islamischen Organisationen (die Schura offensichtlich im Vordergrund) in Bremen und Niedersachsen. Ein merkwürdiger Text: Einerseits viel Ähnlichkeit zu den kampflustigen Produkten der kommunistischen Ideologie, andererseits enormes Selbstbemitleiden. Einerseits sehr aggressiv im Ton der Forderungen, andererseits völlig verzweifelt und unfähig in der Argumentation. Insbesondere unheimlich ist eine absolute Einseitigkeit und Unfähigkeit zur Selbskritik. Am Randes sei noch vermerkt, dass Stephan Kramer, der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, als einziger Fürsprecher zweimal zitiert wird. Und nun einige Fragmente aus dem Aufruf:

Mit großer Besorgnis beobachten wir einen immer stärker werdenden antiislamischen Rassismus in
unserer Gesellschaft, in der die ganze Palette antiislamischer Ressentiments zum Ausdruck kommen! [...] Die Bundeskanzlerin und der Außenminister haben sich erst zehn Tage nach dem Mord an Marwa El-Sherbini dazu geäußert. Die Bremische Politik/Regierung hat, unserer Kenntnis nach, bisher überhaupt nicht auf dieses schreckliche Ereignis reagiert, oder den Kontakt zu den islamischen Organisationen gesucht. [...]
Marwa El-Sherbini ist das bisher tragischste Opfer rassistischer Agitationen gegen den Islam und die Muslime und insbesondere gegen muslimische Frauen und Mädchen, die tagtäglich Demütigungen, Beschimpfungen, Denunziationen und Diskriminierungen in unserer Gesellschaft ausgesetzt sind. [...] Der mit allen Mitteln geführte Kampf von Politkern für ein Verbot des Kopftuchs im öffentlichen Dienst oder die Diffamierung einer islamischen Identität durch die Verfassungsschutzämter ist das falsche Signal an die Gesellschaft und haben erheblich dazu beigetragen, dieses Klima des Hasses gegen den Islam und die Muslime zu schaffen. [...] Es drängt sich der Eindruck auf, daß die staatlichen Sicherheitsorgane insbesondere die Verfassungsschutzämter sich mit ihrer negativen Interpretationspraxis islamischen Handelns und Wirkens in der Gesellschaft, inzwischen auf die Bekämpfung einer selbstbewussten islamischen Identität und Stärkung von Vorurteilen gegenüber dem Islam konzentriert haben, um so ihre Daseinsberechtigung zu legitimieren. [...]
Die Verantwortungsträger aus Politik und Verwaltung aber auch „Intellektuelle“ wie Ralph Giordano und Henryk M- Broder, „profilierte“ IslamkritikerInnen wie Necla Kelek und Seyran Ates und die Vertreter des „investigativen“ Journalismus und der Sensationspresse, sollten sich darüber im Klaren sein, dass dieser „Kampf“ um die öffentliche Sichtbarkeit islamischer Religiosität, schlicht stigmatisierend ist und wegen der Dämonisierung durch Gesetz und Verwaltungsapparat erst den Weg für diese Gewalt und Diskriminierung ebnet. [...] Diese unheilvolle Entwicklung macht es notwendig konkrete Forderungen an die “tragenden” Institutionen der Gesellschaft zu stellen, deren Umsetzung von essentieller Bedeutung für die weitere Entwicklung und den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft sind:
Deutschland muss spätestens jetzt hart mit sich selbst ins Gericht gehen. Es gilt nicht nur, die Hetzer zu isolieren und zu bestrafen, sondern auch nachhaltige Aufklärungsarbeit zu leisten sowie das Wissen über die moslemische Bevölkerung, ihre Kultur, ihre Religion und ihre Bräuche zu verbreiten. [...]
Das Tragen des Kopftuches ist kein Zeichen der Intoleranz oder Abgrenzung, sondern Ausdruck des religiösen Bekenntnisses, mit dem die muslimischen Frauen bereit sind, sich aktiv in die Gesellschaft zu integrieren. Die steigende Zahl Kopftuch tragender muslimischer Frauen an den Hochschulen, Universitäten, im Arbeitsleben und auch im Schuldienst, belegt anschaulich, dass die Integration durch das Kopftuch nicht behindert wird. Gerade mit dem Kopftuch ermöglicht der Islam den muslimischen Frauen die Möglichkeit sich frei an gesellschaftlichem Leben, Politik, Bildung und Ausbildung, Arbeitsleben, usw. zu beteiligen.
Die Muslime haben für den geforderten Dialog ALLES getan was ihnen möglich ist. [...] Sie artikulieren Ihre Forderung nach gesellschaftlicher und politischer Anerkennung als Religionsgemeinschaft und Gleichstellung mit den Kirchen, was ihnen mit arroganten und fadenscheinigen Begründungen seit über zwei Jahrzehnten in Bremen verwehrt wird. [...]
Die Parteien müssen sich endlich auch in Bezug auf die Muslime und deren Integration in die Gesellschaft klar und deutlich erklären und die Belange und Forderungen der Muslime und ihrer Organisationen in ihr Parteiprogramm aufnehmen. [...] Den Beziehungen zwischen Staat und Muslimen muss eine beiderseits verbindliche und rechtliche
Grundlage gegeben werden. Eine vertragliche Vereinbarung würde beiderseits Rechtssicherheit schaffen: Sicherheit über die Anerkennung einer gemeinsamen Werteordnung, Sicherheit über institutionelle Anerkennung und gesellschaftliche Teilhabe. Das Projekt eines Staatsvertrages zwischen Senat und Islam, mit dem Ziel der Gewährung der Körperschaftsrechte, würde zudem deutlich machen, daß die Muslime ein integraler Bestandteil der Gesellschaft sind und helfen gesellschaftliche Fehlentwicklungen frühzeitig entgegenzutreten. Es kann sich zudem als Katalysator erweisen auf Gesamtlösungen gesellschaftlicher Probleme hinzuarbeiten.

UPDATE: Ein Kommentar von Eiken Bruhn in der TAZ ist gut ausgeglichen (Link).

 

Warum gehen Bassam Tibi und Ayaan Hirsi Ali? Samstag, 7. Oktober 2006

Filed under: Deutschland,Islam,Medien,Politik — peet @ 18:26 Uhr
Tags: , ,

Diese Frage beantworten sie unabhängig voneinander, aber auf eine ähnliche Weise. Monolithische Kulturen, in diesem Fall Deutschland und Holland, werden hier mit ihren dunklen Seiten konfrontiert. Es ist bitter, dass die beiden gehen (immerhin in die USA und dazu noch in gute Hände). Es ist damit zu rechnen, dass der Präsident der Universität in Gottingen nicht zurücktritt wie seine holländische Minister-Kollegin. Dies wird aber offen gelegt und klar sichtbar als große Schande für Deutschland gezeigt. Angeprangert. Das tut gut.

Die wichtigsten Texte der letzten Tage in diesem Zusammenhang:

ein Interview mit Bassam Tibi bei “Spiegel” (Link). Daraus einige Fragmente:

Selbst die verhältnismäßig moderate türkische Organisation Ditib sagt, es gebe keinen Islamismus, es gebe nur Islam und Muslime – alles andere sei Rassismus. Dann können sie Religionskritik nicht mehr leisten. Der Rassismusvorwurf ist eine in Deutschland sehr wirksame Waffe. Das wissen die Islamisten: Wenn sie den Vorwurf erheben, jemand schüre das “Feindbild Islam”, macht die europäische Seite einen Rückzieher. Mich hat man auch mit diesem Dreck beworfen, dabei kann meine Familie ihre Genealogie zurückverfolgen bis Mohammed, und ich selbst kann den Koran auswendig. (…)

Die Muslime müssen sich von drei Dingen trennen, wenn sie Europäer werden wollen, und zwei Dinge neu definieren. Sie müssen Abschied nehmen von der Pflicht, andere zu missionieren, und vom Dschihad. Denn das bedeutet nicht nur Pflicht zur Selbstanstrengung – Dschihad heißt auch Einsatz von Gewalt zur Verbreitung des Islam. Und die dritte Sache ist die Scharia, das islamische Rechtssystem, das unvereinbar ist mit dem Grundgesetz. (…)

Pluralismus und Toleranz sind Bestandteil der Moderne. Damit muss man sich arrangieren. Aber Pluralismus heißt nicht nur Vielfalt, sondern dass wir dieselben Regeln und Werte teilen, aber dennoch anders sind – auf dieser Basis. Im Islam gibt es das nicht. Genauso wenig wie Toleranz. Im Islam bedeutet Toleranz, dass Christen und Juden unter der Herrschaft der Muslime als Schutzbefohlene leben dürfen, aber niemals als gleichberechtigte Bürger. Was die Muslime Toleranz nennen, ist nichts anderes als Diskriminierung. (…)

Wir brauchen auch bei den Deutschen einen Kulturwandel. Es kann nicht sein, dass nur der, der hier geboren ist und ethnisch deutsche Eltern hat, als Deutscher gesehen wird. Dabei haben schon fast 20 Prozent der Menschen, die in Deutschland leben, einen Migrationshintergrund. Das Problem ist: Deutschland kann den Fremden keine Identität anbieten, weil die Deutschen selbst kaum eine haben. Das ist wohl eine Folge von Auschwitz. Die Stärke Amerikas ist, dass es in eine Gemeinschaft aufnehmen kann.

ein Artikel von Bassam Tibi im “Tagesspiegel” (Link). Daraus:

Auf Dauer fühle ich mich fremd in diesem Land und werde entsprechend behandelt. Ich wandere aus, weil ich dieses Fremdsein nach 44 Jahren nicht mehr ertrage. Klar ist, dass ich, der schwer Integrierbare, kein Einzelfall bin. Die Mehrheit der hier lebenden „Ausländer“ ist als fremd einzuordnen; selbst ethnisch Deutsche aus Zentralasien, die auf der Basis ihres angeblich deutschen Blutes hineingelassen wurden, entdecken hier ihr Russischsein und fühlen sich genauso wie ich. Warum? Weil uns dieses Land keine Identität gibt. Dem „Spiegel“ sagte ich: „Wenn die Deutschen nach Auschwitz keine Identität haben, wie können sie dann Fremden eine geben?“ Statt zusammen mit uns Fremden an der Entfaltung einer zivilgesellschaftlichen Bürgeridentität zu arbeiten, entwickeln sich „die Deutschen“ – so der prominente Deutsche Mario Adorf – zu einem „Volk von Miesmachern“.

Ich wandere auch aus, weil ich glaube, Deutschland mehr zu lieben, als viele Deutsche es je getan haben. Aber ich habe es satt, ein „Syrer mit deutschem Pass“ zu sein, der seinem miesepetrigen Gastvolk dafür danken soll, dass ihm die Erfüllung des „deutschen Bürgertraums“ (laut „Zeit“-Artikel) gewährt wurde. Das Leben als C3-Professor an der Provinzuniversität Göttingen als „deutschen Bürgertraum“ zu bezeichnen, ist erbärmlich. Vor 1933, als jüdische Gelehrte an ihr wirken durften, hatte diese Universität einen großen Namen. Seit deren „Ausmerzung“ ist sie nicht mehr das, was sie einmal war. Warum habe ich es so lange in Göttingen ausgehalten? Ich blieb aus Liebe zu meiner Göttinger Frau, die an ihre Familie gebunden war. Und: Deutschland ist größer als Göttingen, bloß nicht für Ausländer. Auch meine Liebe zur deutschen Sprache und Kultur hat mich in diesem Land gehalten.

Was den Fremden – und vielen deutschen Weltbürgern – in der politischen Kultur Deutschlands fehlt, ist das, was die Amerikaner „sense of belonging“ (Zugehörigkeitsgefühl) nennen. Wenn nach 40 Jahren des Schaffens an einem modernen Islam, an Konzepten der Integration und an einem zivilgesellschaftlichen Konsens meine Bücher als „semi-wissenschaftlich“ tituliert werden, wenn der Bundestagspräsident die Leitkulturdebatte – ohne meinen Namen als Schöpfer des Begriffs zu nennen – neu beleben will, die Kanzlerin mich von ihrem Integrationsgipfel ausschließt und der Innenminister einen verhunzten deutschen Islam dem europäischen Islam vorzieht, dann frage ich mich, was ich hier noch soll.

ein “Lebensbericht” von Bassam Tibi (Link). Daraus:

Meine Liebe zu Deutschland und seiner Universität wurde in den vergangenen Jahrzehnten nicht mit Gegenliebe, sondern mit Ausgrenzung und Verachtung erwidert. (…) Wie bereits ausgeführt, folgte ich 1973 der Berufung an die Universität Göttingen ohne zu ahnen, dass ich nach 32 Jahren Lehr- und Forschungstätigkeit in Göttingen selbst Gegenstand einer Aktion werden würde, die von dem angeführten Universitätspräsidenten Kurt von Figura öffentlich mit den in der demokratischen Presse mit Befremden aufgenommenen Worten „Schwachstellen ausmerzen“ tituliert wurde. Es folgten Diffamierungen in Bezug auf die erbrachten wissenschaftlichen Leistungen. Bemerkenswert und erstaunlich ist, dass sich keiner der Professoren aus anderen sozialwissenschaftlichen Fächern über den Jargon der „Ausmerzung der Schwachstellen“ empört hat. Das ist auch Göttingen! (…) Hätte ich nicht das oben beschriebene Doppelleben, das mich an 30 Universitäten auf vier Kontinenten geführt hat, wäre ich in Göttingen geistig verarmt. Mich ermutigt es und es erhält trotz allem meine Liebe zu Deutschland, dass es außer dem Göttinger Universitätspräsidenten und der ihn unterstützenden Lokalzeitung in der Bundesrepublik noch eine demokratische Presse gibt, die sich wie ich über die beschriebenen Anklagen des Universitätspräsidenten von Figura aufregt. Die Zeit, die FAZ, der Tagesspiegel, die SZ etc. haben empörte Artikel über die Göttinger Politik der „Ausmerzung von Schwachstellen“ veröffentlicht. Das ist ein guter Aspekt des demokratischen Deutschlands. (…) Zum Abschluss kündige ich in Trauer an, dass ich  nach meiner Pensionierung 2009 nicht mehr zur Universität Göttingen gehören möchte. Die Cornell University gibt mir eine Identität. Sollte es keine große Wende vor meiner Pensionierung geben, die mich zur Versöhnung veranlasst, dass ich Göttingen in guter Erinnerung verlassen kann, würde mir nur übrig bleiben, mit den Worten Heinrich Heines von Stadt und Universität Abschied zu nehmen: Beide sind „am besten mit dem Rücken“ anzusehen. Das ist die traurige Lebensbilanz eines Ausländers and der Georg-August-Universität und ich wünsche mir von Herzen, sie wäre anders.

ein Interview mit Ayaan Hirsi Ali in der FAZ (Link). Daraus:

Ich unterscheide grundsätzlich zwischen der Philosophie des Islam und den Muslimen. Ich rede nicht über die Muslime, sondern über die Religion. Und da steht für mich fest, daß der Islam mit der liberalen Gesellschaft, wie sie sich im Gefolge der Aufklärung herausgebildet hat, nicht vereinbar ist. Wenn man diese Feststellung für plausibel hält, dann ist es nur richtig, die Muslime auch damit zu konfrontieren. Stattdessen verirren sich die Debatten im Taktischen, alles Problematische wird in Nebel gehüllt und am Ende läßt man sich darauf ein, zu sagen: Der Islam ist Frieden, Mitgefühl, Barmherzigkeit. Weil man Mitleid mit Minderheiten hat, die im Alltag nicht selten massiven Diskriminierungen ausgesetzt sind, glaubt man, es sei besser, die Dinge nicht beim Namen zu nennen. Das ist falsch. Es wäre erwachsener, sich gegenseitig die Wahrheit zu sagen. (…)

Nehmen Sie ein paar Beispiele: Im Islam beginnt das Leben erst im Jenseits. Sie müssen sterben, um zum Leben zu gelangen. In unseren Rechtsstaaten schützt der Staat das Leben. Dazu verpflichten ihn die Gesetze, und die Gesetze werden vom Volk gemacht. Das ist ein vernünftiger Aufbau, ein säkulare Verfassung. Im Islam gibt es so etwas nicht. Der Islam anerkennt individuelle Rechte nicht als Wert an sich. Man unterwirft seinen Willen dem Willen des Propheten und erhält erst dadurch Rechte und Pflichten. (…)

Die erste Stufe von Dschihad meint tatsächlich den inneren Kampf, die eigene Unterwerfung zu bewerkstelligen, also fünfmal am Tag beten, den Koran lesen, am Ramadan fasten und nach Mekka pilgern. Dann gibt es die Stufe der Mission, friedlich zuerst. Aber die problematische Dimension des Dschihad ist dann erst die nächste Stufe. Sie folgt dem Koran, der sagt, Friede sei erst dann möglich, wenn alle dem Glauben unterworfen sind. Wenn der von Ihnen zitierte Islam-Vertreter ehrlich wäre, müßte er sagen: Letzteres schreibt uns unsere Religion vor, aber wir werden es nicht tun. So wird die Frage nach der Friedlichkeit des Islam zu einer Frage des Vertrauens. Hier im Westen nehmen die Leute erst einmal an, die Aussage eines Gesprächspartners sei auch so gemeint. Die Generalunterstellung ist erst einmal die, daß man sich die Wahrheit sagt. Im arabisch-islamischen Raum ist das nicht unbedingt so, denn es gibt keine Notwendigkeit, einem Ungläubigen gegenüber wahrhaftig zu sein. Es führt nicht weiter, an diesen fundamentalen Punkt nicht rühren zu wollen. (…)

Ramadan sagt, was wir alle hören wollen. Ich habe seinen letzten Text über den Papst gelesen. Im ersten Absatz verurteilt er die gewalttätigen Proteste, schreibt, Muslime dürften sich darüber nicht in dieser Form aufregen. Da dachte ich: Wow! Musik in meinen Ohren. Aber wenn man dann weiterliest, fällt auf, was er nicht sagt. Ramadan weicht konsequent der Auseinandersetzung um die aufgeworfene Gewaltfrage aus. Das finde ich nicht in Ordnung. Er gehört für mich zu den Vertretern des Islam, die die Diskussion einäugig führen möchten. Die einfach weglassen, was nicht in die friedliche Wunschvorstellung paßt. Ich kann mir nicht vorstellen, wie er bei einer derart einseitigen Argumentation irgendjemanden überzeugen will, daß Islam und westliche Lebensweise zu versöhnen wären. Es muß doch nur eine junge muslimische Frau ankommen und sagen: Ich möchte mit einem nicht beschnittenen Nicht-Muslim zusammenleben. Da würde die Vision des Euro-Islam schon erste Kratzer kriegen. Ramadan redet über den Islam, wie er sein sollte, nicht über den Islam, wie er ist. Man kann aber kein ehrliches Gespräch auf der Basis von Verdrängungsleistungen führen. (…)

Der Ausgangspunkt muß der Prophet sein. Er hat sich selbst als Bote Gottes bezeichnet. Er ist nicht gottgleich, sondern fehlbar, eben ein Mensch, der Gottes Wort verkündet. Wir sollten also alle mit den Menschenrechten vereinbaren Bestandteile seiner Lehre behalten, aber den Rest eben in seinem historischen Kontext, der arabischen Halbinsel des siebten Jahrhunderts belassen. Der zweite Schritt wäre festzustellen, daß auch der Koran nicht von Gott stammt, sondern 150 Jahre nach dem Tod Mohammeds von Menschen verfaßt wurde. Darin stehen viele Dinge, die wir heute überwinden sollten. Die Menschheit hat sich schließlich seitdem enorm entwickelt. Und der dritte Punkt ist die Sexualdoktrin. Ich spreche vom Dogma der Jungfräulichkeit vor der Ehe. Wenn wir das überwinden, werden die Frauen frei sein. (…)

Statt die Hamas mal regieren zu lassen, eine Verwaltung betreiben zu lassen, wo sie recht schnell in Konflikte mit ihrer Scharia geraten würde, hilft die Europäische Union, die Widersprüche aufzulösen, in dem sie zahlt, so daß die Hamas das Geld nur zu verteilen braucht. Wir nennen die Hamas völlig zurecht eine kriminelle Vereinigung, aber werfen ihr auch noch das Geld hinterher! So halten wir die Palästinenser und die anderen arabischen Bevölkerungen in erbärmlichen und rückständigen Verhältnissen. (…)

 

 
Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 27 Followern an