Archiv für die Kategorie ‘Literatur’

Walsers Stück

Samstag, 1. März 2008

In der “Frankfurter Rundschau” von heute wird Martin Walser für seinen neuen Roman hoch gelobt (Link):

Walsers Lebensthema, der Kampf um Anerkennung, verbindet sich hier mit den Motiven der Liebe und des Alters. Vieles bleibt in der Schwebe. Nur der letzte Satz scheint eindeutig. “Als er aufwachte, hatte er sein Teil in der Hand, und das war steif. Da wusste er, von wem er geträumt hatte.” Wer so, nicht nur im Alter, träumt, hält bereits ein Stück Unsterblichkeit in der Hand.

Findet sich eine Stimme, meinetwegen eine weibliche Stimme, die das peinlich und der Literatur unwürdig nennen würde? Die sich nicht an dem Lobchor beteiligt? Die von der deutschen Literatur etwas mehr abverlangt als die Selbstbedienung Walsers Eitelkeit?

Abrechnung mit Böll

Sonntag, 23. Dezember 2007

Zum 90. Geburtstag des großen Schriftstellers Heinrich Böll sind einige Publikationen erschienen, unter anderem mehrere Zeitungsartikel. In der “Welt” mehr als anderswo. Darunter auch einige, milde gesagt kritische. Der Ton und der Unterton lassen mich vermuten, es geht hier um denselben ideologischen Kampf, den der Springerverlag zu Lebzeiten des Literaten mit ihm geführt hat.

Besonders unangenehm ist der Text von Tilman Krause (Link). Künstlerisch wie politisch wird hier mit Böll abgerechnet:

Er wird kaum mehr gelesen, und es gehören keine prophetischen Gaben dazu, um zu sagen: Das bleibt auch so. [...] Vor allem das nunmehr groß Gewollte, das man bei Böll mit dem “Billard um halb zehn” von 1959 beginnen lassen kann, es hält ästhetisch einfach nicht stand. Die plumpe Symbolik vom Sakrament des Lammes (Christentum) und des Büffels (Geist der Gewalt) ist es gar nicht mal so sehr. Vor allem ist es das Unverhältnis zur Form, ist es die vollständige Abwesenheit von Humor, Ironie, Charme, sprachlichem Reiz, was die Lektüre böllscher Werke heute so unbefriedigend macht. Sicher, sie waren wichtig in ihrer Zeit als Gebrauchsliteratur für das schlechte Gewissen. Dazu hatten die Deutschen nach 1945 ja wahrlich allen Anlass. Aber sie gehen auf im Horizont der Fünfziger-, Sechzigerjahre, weisen in nichts darüber hinaus. Was danach kam, war der hanebüchene Unsinn der “Katharina Blum” mit seiner einfältigen Schwarz-Weiß-Malerei, ein trauriges Dokument der Wahrnehmungsschwäche, die Böll ja auch das kriminelle Potential der RAF-Terroristen nicht erkennen ließ. [...] Denn Böll steht für die alte Bundesrepublik. Und nichts ist aus dem öffentlichen Bewusstsein so sehr verschwunden wie die vier Jahrzehnte Bonner Provisorium. Es beschäftigt die Fantasie einfach nicht mehr. Nichts geht von ihm aus, kein Zauber, kein Glanz, keine irgendwie geartete Verheißung.

Tanja Dückers meint es besser mit Böll, vergisst allerdings auch nicht zu sagen (Link):

Auch die Verfolgung einer jungen Frau durch die Medien, deren ubiquitäre Präsenz die Protagonistin schließlich zu einer Verzweiflungstat schreiten lässt (”Die verlorene Ehre der Katharina Blum”), wirkt nicht gestrig. Oft müsste man nur Namen und Jahreszahlen austauschen. “Die ZEITUNG”, wie Böll sein fiktives, wenngleich an BILD erinnerndes Boulevardblatt nannte, wäre heute wohl ein digitales Medium.

Es ist rührend, wie die “Bild” von heute aus der Schusslinie getragen wird. Weiter vergleicht die Autorin Äpfel mit Birnen:

Der einzige substanzielle Vorwurf stammt von Hans Erich Nossack. Der um einiges ältere Schriftsteller (1901-1977) befand, dass Bölls Werk zu sehr auf Versöhnung und Harmonie ziele. Den Roman “Ansichten eines Clowns” (1963) hielt er für misslungen, weil “ungefährlich”. Das “metaphysische Phänomen” des Clowns habe Böll “stümperhaft verhunzt”, befand Nossack (zitiert nach Heinrich Vormweg). Hier, ahnt man, scheint ein existenzialistischer Anspruch auf, dem Böll nicht genügen konnte.

Es ist dasselbe, wie Tolstoj und Dostojewski einander gegenüberzustellen, um den einen gegen den anderen auszuspielen.

Alles in allem sind das Versuche, die Literatur weiterhin zu politisieren, anstatt sie vor der Politisierung zu retten.

Für mich persönlich bleibt “Billard um halbzehn” in einer Reihe mit dem “Glasperlenspiel” und dem “Doktor Faustus” stehen - eine notwendige Lektüre für heranwachsende Jugendliche.

Und außerdem steckt für mich hinter dieser Abrechnung die schleichende Patriotismuswelle - es wird nahegelegt, Deutschland hätte die böse Vergangenheit längst verarbeitet und Böll gehört dazu. Genau umgekehrt würde ich dies sehen - die böse Vergangenheit ist noch lange nicht verarbeitet und Böll gehört dazu. Also mit positivem Zeichen: Solange die Kritik meint, sich an Böll vergehen zu müssen, ist die Vergangenheit noch nicht Geschichte!

Umberto Eco über das Böse

Sonntag, 18. November 2007

In der Zeitung “Le Figaro” vom 5.11.2007 lässt sich ein inhaltsreiches Interview mit Umberto Eco geniessen (Link). Der große Essayist hat nach der “Geschichte der Schönheit” jetzt eine “Geschichte der Hässlichkeit” geschrieben. Das Buch wird im Gespräch mit Jean-Marc Parisis über die Politik, Geschmäcker etc. vorgestellt. Es geht dabei u.a. um die Zeitwahrnehmung von heute:

Notre époque, avec ses grandes migrations, rappelle peut-être davantage la chute de l’Empire romain, vers l’an 500. L’effondrement des grands empires se poursuit, après la chute de l’empire soviétique, l’empire américain commence à décliner. On pourrait aussi faire un parallèle avec les temps barbares de saint Augustin, comparer l’incendie de Rome aux Twins Towers en feu.

En quoi alors notre époque ne ressemble-t-elle à aucune autre ?

La première réponse qui me vient, c’est la vitesse. Dans une heure, je peux être à Milan. Mais il y a une autre forme d’accélération. La crinoline a duré un siècle, la mode de la minijupe, dix ans. La plume d’oie a servi pendant des siècles, la machine à écrire pendant cent cinquante ans, et moi, je dois changer d’ordinateur très souvent à cause des nouveaux programmes… L’autre caractéristique, conflictuelle avec la première, c’est l’allongement de la durée de la vie. Sous Napoléon, un type qui mourait à 40 ans n’avait connu qu’un changement historique, la Révolution française. Aujourd’hui, on peut avoir assisté à la Seconde Guerre mondiale, à la chute de l’Union soviétique et à l’effondrement des Twins Towers. Nous vivons une vie plus longue, mais plus affolée, qui doit faire face à une succession presque insupportable de changements. Nous y résistons assez bien, mais cela demande une tenue nerveuse incroyable.

Mosebach gegen Büchner und Folgen

Sonntag, 4. November 2007

Noch eine berüchtigte Rede eines Literaten, diesmal so verquast, dass es kaum die Öffentlichkeit erreicht. Umsomehr dass Martin Mosebach, von dem die Rede stammt, zu den weniger anerkannten Größen gehört und bei aller Glätte des Stils eher langweilt als begeistert.

Den Kern der Story sehe ich darin, dass hier ein Schriftsteller - wie gesagt, einer der vielen, mittlere Größe, eher unauffällig - einen Preis mit Büchners Namen bekommt. Er hasst Büchner, er ist trotzdem ohne Skrupel sofort bereit, den Preis anzunehmen. Er nutzt sogar die Gelegenheit, um seinen Hass auf alles, was Büchner in der Geschichte der deutschen Literatur verkörpert, loszuwerden. Das nenne ich schon mal eine geistige Größe, ironisch bemerkt.

Bei dieser Gelegenheit schafft Mosebach es auch nebenbei, sozusagen die gesamte Moderne anzugreifen, und stellt sich als erzkonservativer Denker vor, grundsätzlich antimodernistisch. Dabei erregt er die Gemüter durch den geschmacklosen Vergleich zwischen dem literarischen Text Büchners und einer realen Rede Himmlers, bekommt seinen Preis, den Applaus und eine zweifelhafte Bekanntheit in den Medien.

Hier beginnt das Spektakel der besonderen Art. Blogger ignorieren das Thema - zu intellektuell vielleicht? Die Zeitungen versuchen sich herauszureden:

Mosebach selbst schreckt aber vor Schroffheiten auch nicht zurück. Von der Rechtfertigung des Mords im Namen einer großen Idee, die Büchner dem Revolutionär Saint-Just in den Mund legt, schlägt er kühn den Bogen zu dem Heinrich Himmler, der bei seiner Rede im damals tiefdeutschen Posen erklärte, dass es zum bleibenden Verdienst der SS gehöre, beim Judenmord anständig geblieben zu sein. Die FAZ machte gestern daraus die visionäre Überschrift: “Saint-Just. Büchner. Himmler.”

Wir wollen uns hier jeder Beurteilung dieser Gedanken, sofern es sich dabei wirklich um Gedanken handelt, enthalten. Wir wollen nur daran erinnern, dass Mosebachs Identifikation mit manchem Deutschen Bischof nun über die gemeinsame Passion für die Tridentinische Messe und das Lateinische hinausgeht.

Bei den Bischöfen wird zur Zeit der Nazivergleich Mode. Der Kölner Kardinal Meisner gefällt sich darin, wegen eines bunten Fensters von “entarteter Kunst” zu sprechen. Das Forum deutscher Katholiken lädt Eva Herman ein, damit sie ihren missglückten Nazivergleiche zur deutschen Frau wiederholen kann. Und aus Mixas Augsburg ruft man, dass die Grüne Roth “faschistoid” sei (die ihrerseits Mixa vorher einen “durchgeknallten Oberfundi” genannt hatte).

Auch hierüber wollen wir uns kein inhaltliches Urteil erlauben, sondern nur feststellen, dass man in konservativen Kirchenkreisen offenbar eine neue Strategie zur Erregung öffentlicher Aufmerksamkeit gefunden hat. Der Naziververgleich ist eben immer passend und immer krass. Das haben Mosebach und die FAZ fein beobachtet und angewandt.

Das hat Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau geschrieben (Link), im Grunde bissig und klar genug. Er greift drei Parteien an - Mosebach, Meisner-Mixa und die FAZ. Die FAZ ignoriert das und nimmt sich den “leichteren” Gegner vor - die TAZ. Der uns inzwischen gut bekannte Emblematiker Lorenz Jäger wird persönlich und denunziert den Autor des TAZ-Artikels. Christian Semler fragt darin (Link):

Der Vergleich Saint-Justs, des Rousseau-Bewunderers, mit Himmler, dem Exekutor des Rassenmassenmordes, ebnet alle wesentlichen Unterschiede ein. Wie kann man den revolutionären Terror angesichts des Bürgerkrieges, der konterrevolutionären Interventionen und des Drucks verelendeter Massen mit der Nazi-Mordmaschine gleichsetzen? Wie kann man die “Diktatur im Namen der Freiheit”, die 1793 die erste europäische demokratische Verfassung hervorgebracht hat, mit der nazistischen Vernichtungspolitik in einem Namen nennen? Wie kann man dem Königtum, dem Ancien Régime, ein solches Loblied singen, wie der Büchnerpreisträger Mosebach es tut? Man kann, wenn man genügend Rückenwind verspürt.

Und Lorenz Jäger gibt Rückenwind wie gerufen (Link):

Semler nämlich hat sein Leben der Bekämpfung des Revisionismus gewidmet [...] Wer des “Revisionismus” im heutigen Sinn geziehen wird, des “Geschichtsrevisionismus” gar, der soll einfach nur ausgeschaltet werden.

In diesem Stil geht es nur weiter und weiter, bis zum Höhepunkt am Ende:

Der Mann sollte einmal im Kader-Brockhaus das Wort “Vendée” nachschlagen: Bevölkerungsverluste bis zu fünfunddreißig Prozent in einer Provinz, die sich gegen das Pariser Revolutionsregiment erhob und in Strafaktionen von den “höllischen Kolonnen” verheert wurde - nach allen heutigen Kriterien ein Genozid. Aber wahrscheinlich hatten die guten Leute “Es lebe der König!” gerufen.

Die TAZ ist somit erledigt, nicht wahr? Dann hat aber noch einer gewagt, Mosebach zu kritisieren, nämlich der prominente Historiker Heinrich August Winkler (Link):

Ich denke, dass bei dem nationalsozialistischen Judenmord der Kampf gegen die Aufklärung eine entscheidende Rolle spielt. Die biologische Vernichtung von Menschen um der bloßen Tatsache willen, dass sie einer anderen Rasse angehören, das ist etwas anderes als wechselseitige Grausamkeiten in einem Bürgerkrieg. Und die Französische Revolution war nicht der erste Bürgerkrieg der Geschichte. Also hier werden Dinge miteinander verglichen, die man eigentlich nur vergleichen kann, um dann die Unterschiede deutlich herauszuarbeiten und nicht nur die Gemeinsamkeiten. [...]
Für ihn ist das Entscheidende, glaube ich, das Zitat “Es lebe der König” von Lucile Desmoulins, damals ausgesprochen als ein Ausdruck des äußersten Protestes. Und ich glaube, dahinter verbirgt sich die eigentliche Botschaft der Rede, die Aufklärung und die Französische Revolution markieren einen Irrweg. Die Zeit davor war die gute Zeit. Und dieser Standpunkt ist schlichtweg reaktionär. Ich würde von Geschichtsklitterung, denn das Ancien Régime, gegen das sich die Französische Revolution auflehnte, hat die Menschenrechte mit Füßen getreten. Und deswegen denke ich, ist dieses Geschichtsbild, wenn es denn der Rede zugrunde liegen sollte, etwas, mit dem man sich sehr kritisch auseinandersetzen muss.

Jäger kennt sich in der Geschichtsforschung wie bekannt besser aus als jeglicher Wissenschaftler, insbesondere wenn dieser ihm widerspricht. So bekommt Winkler dies zu spüren (Link):

Winkler, bekannt geworden durch sein Buch „Der lange Weg nach Westen“, hatte in seiner Abschiedsrede von der Universität beklagt, die Französische Revolution habe „ein antirevolutionäres Ressentiment in großen Teilen Europas“ hinterlassen. Die Wortwahl legt die Vermutung nahe, dass Winkler die Vernunftgründe einer antirevolutionären Haltung, für die Mosebach heute wie kein anderer steht, als gering veranschlagt. [...]
Wer die Jakobiner und Himmler vergleiche, müsse [nach Winkler] vor allem „die Unterschiede deutlich herausarbeiten und nicht nur die Gemeinsamkeiten“. Aber sind diese Unterschiede nicht erst dann feststellbar, wenn vorher überhaupt verglichen wurde? Die Fürsprecher des Vergleichsverbots haben dieses logische Problem bis heute nicht überzeugend zu lösen vermocht.

Jetzt ist Winkler aber auch erledigt, nicht wahr? Die gesamte perverse Rhetorik der Neuen Rechten wird hier exemplarisch angewendet. Das nennen wir den Qualitätsjournalismus! In Kürze: Zuerst denunziert er Winkler als altes Eisen, dann wird aus ihm eine Rote Socke gemacht. Gleichzeitig wird Mosebach zum geistigen Führer der “antirevolutionären Haltung” erkoren. Am Ende ist Winkler ein Fürsprecher des “Verbots”, unfähig logisch zu denken. Argumente Winklers werden dabei verschwiegen und ignoriert. So einfach geht das!
Mosebach wolle doch nur vergleichen, oder, wenn gerade keiner zuhört, wolle die Grundlagen der Welt gegen die Commis retten, also je nach dem, was gerade besser passt, mal feige zwischen den Zeilen, mal geradeaus formuliert. Der geneigte Leser wird es schon richtig deuten. Klar! Leserkommentare bei beiden Glossen Jägers kommen wie gerufen, aus der “richtigen” Ecke. Keiner widerspricht.

Noch geschickter ging die NZZ mit der Rede Mosebachs um. Joachim Güntner verschwieg den Himmler-Passus und lobte und lobte (Link):

Aber kommen wir zur Mosebach-Büchner-Kontroverse, der Dankesrede des Preisträgers. Sie war intellektuell fordernd, brillant, gerade weil sie dem gewöhnlichen Büchner-Enthusiasten schwer zu schlucken gab. [...] Mosebach entdeckte durchaus humane Züge am «Früh-Kommunisten» Büchner. Aber eben nur dort, wo dessen Werk nach Mosebachs Lesart zu der Einsicht drängt, dass der König das individuelle Subjekt garantiert, indem er es verkörpert – während doch die Revolution, diese Blutsäuferin, die Individuen vernichtet. Eine fulminante gedankliche Volte, für Republikaner freilich nur mit Bauchgrimmen geniessbar.

Vollständigkeitshalber erwähne ich noch die plauderige Glosse im “Freitag” (Link). Mario Scalla beginnt mit der Geschichte des Preises und endet mit Madonna und Tom Cruise. Zur Sache kommt er nur kurz:

Mosebach schreibt einen gepflegten bürgerlichen Realismus; wenn er öffentlich für Kuba eintreten würde, hätte ein Georg Lukacs eine helle Freude an ihm. Aber er ist nicht nur nicht für Kuba, sondern ein Gegner der Französischen Revolution - er ist sozusagen das Gegenteil von Büchner und hat doch den nach ihm benannten Preis bekommen. Mit gleichem Recht könnte man einen Ernst-Jünger Preis stiften und ihn Hermann Kant zueignen.

Martin Mosebach ist ein konservativer Anti-Modernist. [...] Die revisionistischen Neigungen der einheimischen Konservativen nehmen hysterische Züge an, Mitleid wird jetzt erste Bürgerpflicht.

Hinter der Ablehnung alles Revolutionären versteckt sich aber auch die Aversion gegen alles, was sich unter dem Begriff Moderne fassen lässt. Gegen die Moderne aber lässt sich nicht einfach mehr sein. Befinden wir uns noch in der Post- oder bereits in der Post-Postmoderne? Wie auch immer, eine Wiederkehr moderner Themen oder Techniken ist etwas Postmodernes, genauso die Ablehnung von Moderne und bürgerlicher Revolution. Ein postmoderner Anti-Modernismus ist durchaus zeittypisch. Madonna bekennt sich zur Esoterik der Kabbala, die Neigungen von Tom Cruise sind bekannt, Mosebach denkt über das Königtum nach und verbreitet Wirrnis. Eigentlich müssten sich die drei prächtig verstehen.

Also gar nicht so schlimm. Die Linke steht darüber und lächelt. Der eine nur kann sich nicht beruhigen und motzt in seinem Blog, das ist Alan Posener, der feststellt (Link):

dass die Kritik an den 68ern von einigen Konservativen benutzt wird, um die Moderne selbst anzugreifen. Endlich findet ein tapferer Konservativer den Mut, das auch zuzugeben.
In der “Welt” schreibt der erzkluge und immer erfrischend böse Tilman Krause - nicht wie üblich in seiner zeitgeistkritischen und zugleich zeitgeistanzeigenden “Klartext”-Kolumne, sondern, was einen bei einer liberalen Zeitung schon verwundern könnte, im Leitartikel, also quasi ex cathedra: “Die ‘Modernen’ gehen uns auf die Nerven”. [...] Man fragt sich, was Mosebach geritten hat, nun auch die Nazi-Erregungsmachine zu bedienen. Vielleicht war er neidisch auf Eva Herman. Oder auf Martin Walser. Man fragt sich, ob es ein deutscher Schriftsteller einmal schaffen kann, in der Paulskirche den Mund aufzumachen, ohne von Hitler zu faseln. Das einmal nicht zu tun, wäre eine wahrhaft konservative und zugleich revolutionäre Tat. Wie dem auch sei: die Auschwitzkeule in die Hand zu nehmen, um damit auf die Französische Revolution einzudreschen, scheint mir doch ein wenig billig. Die Revolution war auch so fürchterlich genug. Und fast alle Zeitgenossen haben sie so empfunden, Büchner eingeschlossen. Seitdem scheiden sich die Geister an der Frage, ob die Dialektik der Aufklärung automatisch in den Terror mündet, wie Konservative behaupten, oder ob es möglich sei, an den Idealen der Aufklärung und der Demokratie festzuhalten, ohne dem Fanatismus zu verfallen, wie Liberale und Linke meinen. Himmler führt bei der Beantwortung dieser Frage nicht weiter. [...] Es sei denn, jemand will - ganz unkonservativ - bloß einen kleinen deutschen Stunk machen.

Und ich frage mich, ob die Art dieses Textes nicht die Folge des Posener-Falls ist. Einerseits empört sich der Autor, und zu Recht, und benennt die Sachen beim Namen. Andererseits vermeidet er etwas kräftigere Ausdrücke und rudert am Ende sogar zurück. Ist der innere Zensor hier bei der Arbeit zu beobachten? Kritisieren, aber fein? Nicht dass der Chef sich einmischen soll?

Ich bin mit der Debatte unzufrieden und vermisse einen Ignatz Bubis. Gerade das wäre aber die einzige passende Gelegenheit dieses Jahres, etwas deutlicher zu werden, anstatt Pfitzner oder ein paar Bischöfe anzugreifen, liebe Vertreter des personifizierten deutschen Gewissens.

Gunther Nickel verteidigt Walser, Grass und Handke

Freitag, 5. Oktober 2007

Der verantwortungsbewusste Vertreter einer ehrwürdigen Institution - Deutscher Literaturfonds, unterstützt von der Kulturstiftung des Bundes, - trat bei der Tagung “MedienGrass” in Bremen auf. Jetzt kann man seinen Vortrag im Internet bewundern (Link).

Kritiker und die FAZ sind an allem schuld, meint er. Eigentlich wenn die FAZ dem Boden gleichgemacht wird, sollte man sich freuen. Bei der Poesie eines Gunther Nickels geht das leider nicht. Alle Welt weiß inzwischen, dass Martin Walser mit antisemitischen Motiven seit je meisterhaft arbeitet, die FAZ weiß es auch. Gunther Nickel weiß das nicht und ist seines Unwissens sicher - so als gäbe es für ihn kein Buch von Matthias N.Lorenz und keine Diskussion dazu, die einem jeden Walser-Dilletanten bekannt hätte sein müssen. Aber ein Professor für die neuere deutsche Literaturgeschichte, selbst Autor der FAZ, weiß alles besser, wie immer.

Beim Thema Grass und seine Vergangenheit geht es ihm nur um die Frage, ob es schlimm gewesen war, zur Waffen-SS zu gehören, oder doch nicht. Dabei erhebt sich die Stimme des Redners, als er auf ”den sogenannten Holocaust” zu sprechen kommt. Wozu ein “Geständnis”,

wenn die Waffen-SS doch in der Zeit, in der Grass ihr angehörte, gar keine Elitekampftruppe mehr war und er sich keiner Verbrechen schuldig gemacht hat?

Zum Schluss des Abschnitts stellt sich Gunther Nickel einer Gretchenfrage und weiß nicht weiter:

Warum Grass freilich selbst aus seiner Waffen-SS-Mitgliedschaft ein schwer auf ihm lastendendes Geheimnis seines Lebens gemacht hat, das nun endlich „raus müsse“, ist das eigentliche Rätsel dieses Skandals.

Diese Frage wird sofort vergessen, denn wo es keine Antwort gibt, sind alle leicht vergesslich. Gleich springt der Autor zu Handke, der ja schon gesagt hat, dass er unschuldig sei. Und keine Meinung zu Milosevic habe. Er sage und tue doch gar nichts. Was will man mehr?

Fazit: Alle drei sind “Opfer von Kampagnen”. Es gibt nur eine Beruhigung:

Eine Feuilletonrundschau wie sie perlentaucher.de im Internet täglich kostenlos anbietet, leistet zum Glück kompensatorisch, was eine Zeitung wie die FAZ in ihren Kampagnen verweigert.

So kann man dem Perlentaucher und noch mehr dem Titel-Magazin zur erfolgreichen Popularisierung eines nächsten Sturms im Grass Walser gratulieren.

UPDATE: Wie ich gerade feststelle, hat die FAZ schon am 2.10.2008 den armen Kämpfer in ihrer üblichen Manier von oben herab geputzt (Link).

Das Unglaublichste

Samstag, 22. September 2007

So heißt ein Märchen (1870) von Hans Christian Andersen. Im Original auf Dänisch - “Det Utroligste”, in englischer Übersetzung - “The Most Incredible Thing”.

In einem politisierenden Artikel erzählt Norman Berdichevsky zwei überraschende Sachen (Link). Erstens stehen Andersens Märchen auf dem zweiten Platz nach der Bibel - was die Zahl der Übersetzungen angeht. Zweitens - die Ausgabe des Märchens im Jahre 1942 hatte Widerstandszüge:

In the 1942 Danish publication of “The Most Incredible Thing”, the final picture portrays the watchman who strikes down the lout as a Jewish rabbi with hat and beard standing above the fallen semi-naked Aryan-looking “muscle man” who is pinned to the floor by the twin tables of the Ten Commandments inscribed with Hebrew letters and surrounded by a crowd of ordinary Danes in 1940s dress.

Am Ende des Artikels erklärt Berdichevsky das Märchen zur Kampfansage gegen Islamisten. Etwas schulmäßig direkt und etwas naiv, würde ich sagen. Das Märchen ist aber wirklich hervorragend. Man kann es online in der deutschen Übersetzung lesen (Link). Mir persönlich gefällt besonders der Schluss:

Alle freuten sich, alle segneten ihn. Nicht ein Neider war da - ja, das war das Unglaublichste!

Handke und seine Interviewer

Sonntag, 2. September 2007

Noch ein Interview mit Peter Handke, in der vergeblichen Hoffnung auf einen Skandal. Zuerst in der Weltwoche (Link), dann in der Frankfurter Rundschau (Link), ohne jegliche Hinweise auf die Quelle. Der Interviewer André Müller wird als eine Berühmtheit eingeführt, er versucht, er tut alles Mögliche, um Handke zu provozieren. Das Resultat ist entlarvend für die Beiden. Der eine macht lauwarmes Boulevard, der andere nennt den ersten den Deppen, macht trotzdem mit. Die eine Zeitung macht auf platt (”Ein Idiot im griechischen Sinne”), die andere - auf ernst (”Es muss weh tun”). Die einzige Reaktion kam von der FAZ, die allerdings genauso zahnlos ist (Link).

Im Sinne der Beiträge, die Handke in diesem Blog gewidmet wurden, lohnt es sich, nur einige Zitate zu unterstreichen:

[...] das serbische Volk hat doch selbst Milosevic ­abgesetzt und ihn freiwillig an das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag ausgeliefert.
Man hat ihn abgewählt. Dass man ihn ausgeliefert hat, bleibt eine ewige Schande für Serbien.

Die serbische Schriftstellerin Biljana Srbljanovic sagt, Sie hätten keine Ahnung. Milosevic habe Oppositionelle auf offener Strasse ermorden lassen.
Das stimmt nicht. Es gab eine total freie Presse in Jugoslawien. Aber es gab das Wirtschaftsembargo des Westens, wodurch von selbst mafiose Strukturen entstanden. Diese kleinen Mafia-Gruppen haben sich gegenseitig bekriegt. Wie kann man das mit Milosevic in Verbindung bringen? [...] Milosevic war nicht der grosse Schurke, als den man ihn hinstellt. Schauen Sie sich doch einmal an, was der ehemalige Präsident von Bosnien-Herzegowina Izetbegovic in seinem Buch «Die islamische Deklaration» geschrieben hat! Da entwirft er einen islamischen Gottesstaat. Vom früheren kroatischen Präsidenten Tudjman, diesem Faschisten, gibt es noch Schlimmeres. Das sind die wahren Schur­ken. Aber die hat der Westen unterstützt.
[...] Man weiss doch heute oft gar nicht mehr, dass der jugoslawische Sozialismus ein ganz anderer als der sowjetische war. Es war ein utopischer Sozialismus. Obwohl unter Tito auch viel Unrecht begangen wurde, hätte daraus etwas werden können, hätte nicht immer die Wirtschaft das letzte Wort. Der Kapitalismus hat halt gesiegt. Man hat aus einer kulturellen Landschaft, die ich durchaus liebe, aus dem sogenannten Mitteleu­ropa, eine politische Idee gemacht. Das war der Fehler. Heute wollen ja sogar viele Serben, indem sie andauernd Walzer spielen, zu diesem Mitteleuropa gehören. Es ist entsetzlich. Entsetzlich!

Aber Sie sagen doch selbst: «Ich liebe die Wirtschaft.»
Das habe ich in der Neuen Zürcher Zeitung gesagt.

Sind Sie Kapitalist geworden?
Wenn Sie mögen. Aber es stimmt nicht. Alle Hauptwörter, die mit «Ist» enden, treffen nicht auf mich zu. Ich bin ein Freund der Zeitwörter. Sowie Sie auf mich ein Hauptwort anwenden, ist es schon falsch. Sogar das Wort «Autor» oder «Schriftsteller» können Sie streichen. Ich bin kein Schriftsteller, sondern ich schreibe, ich habe geschrieben, ich werde geschrieben haben. [...]

Schon 1979 sagten Sie in Ihrer Dankesrede zur Verleihung des Kafka-Preises: «Ich bin, mich bemühend um die Formen für meine Wahrheit, auf Schönheit aus, auf die erschütternde Schönheit, auf die Erschütterung durch Schönheit.»
Schaun Sie, ich habe manchmal in Reden programmatisch etwas von mir gegeben, was ich jetzt nicht mehr so sagen würde. Andere haben sich viel mehr widersprochen, Brecht zum Beispiel. Im Vergleich zu Brecht bin ich, wie man in Österreich sagt, ein «Waserl». [...]

Als der vorige Papst starb, der polnische, der ja ganz öffentlich gestorben ist, habe ich gedacht, der wird vielleicht baff sein. Also bei dem habe ich gespürt, dass nach dem Tod nichts kommt.

Und so weiter, es menschelt halt unaufhaltsam. Hat Handke diesen Interviewer verdient? Ich lasse hier aus, wie Müller mit dem Thema Reich-Ranicki umgeht. Wer Lust hat, kann die entsprechenden Stellen in seinem Interview mit diesem über seine Einstellung zu Handke vergleichen. Die hohe Kunst zu menscheln, sozusagen.

“Zeitbeben” gelesen

Samstag, 14. April 2007

Bitterböse witzig, pathetisch, schmerzvoll - wie immer bei Vonnegut. Einiges wirkt wie ein Gespräch mit dem Autor. Die Form des Buchs aus mehreren Essays erinnert stark an das Bloggen - der Text besteht aus vielen einzelnen Blogeinträgen sozusagen.

Von vielen Themen, die Vonnegut dabei berührt, sprechen mich einige ganz besonders an. Zum Beispiel, wie er Nietzsche umdeutet (”Nur der tief Gläubige kann sich den Luxus des Atheismus leisten”, vgl. “Götzen-Dämmerung” über Carlyle). Oder wie er zur Selbsterkenntnis kommt, er sei ein Maximalist und Langweiler. :-) Fast gleich darauf erzählt er eine köstliche Geschichte über ein Konzert:

Das Orchester spielte ein Werk, in dessen einem Satz die Musik allmählich lauter und dann plötzlich abgebrochen wird. Nun saß in meiner Reihe eine Frau. Während das Crescendo dauerte, erzählte sie ihrer Freundin irgendetwas. Weil die Musik immer lauter wurde, musste sie auch immer lauter werden. Die Musik hörte auf. Und dann erklang ein weiblicher Schrei: “Und ich brate in Öl!”

Oder wie er über Shaw spricht und kommentiert, er selbst wäre vorsichtiger mit Witzen und möchte nicht, dass sich jemand  wegen ihm wie der letzte Dreck fühlt. Oder seine Bewunderung für das Stück Wilders “Unsere kleine Stadt”. Oder diese Bemerkung:

Im realen Leben [...] ändern sich die Menschen nie, sie ziehen keine Schlüsse aus ihren Fehlern und entschuldigen sich nicht. In der Literatur tun das mindestens zwei Drittel der Personen.

Oder diese:

Ich halte  jeden Menschen für einen Heiligen, der sich anständig benimmt, auch wenn er in einer unanständigen Gesellschaft lebt. 

Oder:

Verfassungsänderung XXVIII: Jeder Neugeborene muss gewünscht sein und man soll sich um ihn bis zu seiner Volljährigkeit kümmern. 

Die Idee, die Zeit und die Psyche der Menschen zu beherrschen, hat Philip K. Dick in dem Roman “Und die Erde steht still” viel stärker entwickelt. Interessant, beide Humanisten zu vergleichen! Vonnegut erzählt hier Geschichten, so in etwa wie Schwejk.

Ein großartiges Buch, kaum zu glauben, dass es im Jahr 1998 publiziert wurde. Die große Literatur ist nicht ausgestorben. Danke, Kurt.

Kurt Vonnegut ist gestern gestorben

Donnerstag, 12. April 2007

Ein schwieriger Autor, der zum Nachdenken auffordert und aufwühlt. So habe ich die Lektüre in Erinnerung. Noch als Kind war ich von ihm schwer beeindruckt und emfpand den Roman “Schlachtof 5″ als einen Alptraum.

Von den klugen Leuten in den ernstzunehmenden Nachrufen nehme ich die Empfehlung, sein vorletztes Werk zu lesen. “Timequake” (”Zeitbeben”) verspricht viel. Das soll eine Würdigung sein, die einem großen Literaten gilt. Wenn ich mit dem Lesen durch bin, melde ich mich dazu noch einmal…

Die FAZ über Heinrich Böll

Montag, 5. Februar 2007

Beim Perlentaucher - über die FAZ von heute - aufgelesen (Link), die Kollegen sind wieder in der Höchstform:

Jochen Hieber gibt im Aufmacher anlässlich der jüngsten Neuauflage der RAF-Debatte noch mal sachdienliche Hinweise im aktuellen Kampf gegen Katharina Blum: “Bölls Untertitel lautet: ‘Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann’. Dieses Versprechen löste ‘Die verlorene Ehre der Katharina Blum’ schon Mitte der siebziger Jahre nicht ein. Denn beide, Buch wie Film, sehen die Hauptverantwortlichen für die ‘Gesinnungslage der Nation’ nicht in den Terroristen, sondern bei Staat, Massenmedien und Gesellschaft.”

Köstlich!

Fackel von Karl Kraus ist online

Freitag, 12. Januar 2007

Die Österreichische Akademie der Wissenschaften hat die Zeitschrift “Fackel”, die eine Epoche bedeutete, online gestellt (Link). Schön. Mehr davon und dergleichen bitte.

Zu Fest ins Grass gebissen

Samstag, 16. September 2006

Bitte nicht schockiert sein - dies ist nur eine Feststellung. Joachim Fest starb, nachdem er Günter Grass höchstmoralisch kritisiert hat. Nachrufe sind fast ausnahmslos hochpathetisch und voll des Lobes. Das kann nicht ungestraft so stehen bleiben.

Schirrmacher stellt Fest auf das Podest mit Thomas Mann (Link):

Fest, der mit Thomas Mann nicht nur die Statur, sondern auch, wie dessen Sohn Golo feststellte, die stilistische und gedankliche Kraft gemein hatte, lebte auch das symbolische Leben, das seine großen Heroen, Goethe und Thomas Mann, vorgelebt hatten.

Der knapp Dreißigjährige überrascht die Welt mit einem regelrechten Geniestreich, dem Buch „Das Gesicht des Dritten Reiches”; der Mann von noch nicht einmal fünfzig Jahren veröffentlicht seinen „Doktor Faustus”, die große Hitler-Biographie; eine italienische Reise und manche Xenien sind dazwischengestreut; schließlich die bewegenden und befreienden Jugenderinnerungen des fast Achtzigjährigen.

Das ist noch nicht alles. Die “Hitler”-Biographie 1973 wird zum Nonplusultra erkoren:

Sie ist, wie heute selbst seine Gegner zugeben, ein Meisterwerk der Geschichtsschreibung. Er hat Hitler analytisch geröntgt, den „widrigen Gegenstand” mit unvergleichlichem Stilvermögen erzählbar und damit auch rationalisierbar gemacht. Hitler und Hitlers Erfolgsmöglichkeit zu verstehen, war die wichtigste geistige Aufgabe der Deutschen seit 1945. Fest hat es geleistet, selbst Sebastian Haffners „Anmerkungen zu Hitler” sind undenkbar ohne das Vorgängerbuch seines Freundes.

Kein Buch, das seit 1945 in deutscher Sprache erschienen ist, ist bedeutender als Fests „Hitler”, und kein anderer Autor war dem Verfasser des monumentalen Werks, war Joachim Fest, vorher oder nachher stilistisch und gedanklich gewachsen.

Also das bedeutendste deutsche Buch seit 1945, aha. Für Patrick Bahners ist Fest nicht weniger als Burckhardt von heute (Link). In unfreiwilliger Selbstironie schreibt er:

Faszination Speer

Nicht Tatsachen sind in letzter Analyse die Materialien des Historikers, wenn auch die Überlieferung Umwälzung ist.

Etwas weiter kommt es noch besser:

Hitler kam aus dem Nichts und riß die Welt mit ins Nichts, die ihn hatte groß werden lassen.

Schirrmachers und Bahners’ Leichtigkeit im Umgang mit der Feder und Geschichte soll uns nicht aufhalten. Markus Schwering ergänzt das Bild des Gestorbenen mit einer merkwürdigen Bewunderung (Link):

Fest war ein Polemiker von hohen Graden, der der Debattenkultur in Deutschland immer wieder frisches Blut zugeführt hat. Dabei schlug er auch zuweilen über die Stränge - so, als er, in einem Anfall von raumgreifender Instinktlosigkeit, in seinem Berliner Haus einmal bei einer Abendgesellschaft Albert Speer und Marcel Reich-Ranicki aufeinander treffen ließ. Das kostete ihn die Freundschaft des konsternierten Meisterkritikers.

Tja, haben wir etwas anderes erwartet, hat denn Martin Walser nicht schon alles über den Konsternierten geschrieben? Erstaunlicherweise fühlte sich Speer nicht beleidigt. Dieselbe Geschichte wurde neulich auch in der Zeitung “Freitag” erzählt, noch pointierter (Link):

Marcel Reich-Ranicki schildert in seinen Memoiren, wie er von Fest zu einem Empfang des Siedler Verlages mitgenommen wurde, bei dem er nichtsahnend auf einen inzwischen frei gekommenen Kriegsverbrecher stieß, für den sich Fest als Ghostwriter betätigte: “Und dann kam man zum Anlass des Empfangs, zur Präsentation von Joachim Fests Buch, das schlicht Hitler hieß und hier auf schwarzem Samt lag. Speer blickte lächelnd auf das Buch und sagte laut: ›Er wäre zufrieden gewesen, ihm hätte es gefallen‹.” Reich-Ranicki weiter: “Bin ich vor Schreck erstarrt? Habe ich den Massenmörder, der hier respektvoll über seinen Führer scherzte, angeschrieen und zur Ordnung gerufen? Nein, ich habe nichts getan, ich habe entsetzt geschwiegen.”

Alles andere wäre auch unpassend gewesen. Joachim Fest hat von Speer zum Dank für seine Verdienste ein von Adolf Hitler eigenhändig gemaltes Aquarell bekommen - daneben nimmt sich der Nannen-Preis trotz Gala und einer zumindest geplanten Minister-Rede etwa schäbig aus.

Zurück zu dem Nachruf von Schwering. Noch leichter als diese moralisch zweifelhafte Würdigung wird die von Schirrmacher nicht einmal erwähnte Kritik abgetan:

Die Konzentration auf das Individuum lenke, so der Tenor, von den strukturellen Ursachen der Diktatur ab, verharmlose diese letztlich. Davon konnte bei näherem Hinsehen zwar keine Rede sein, genauso wenig wie von der angeblichen schillernden Faszination durch das Monströse.

Keine Rede, das ist ein ganz klares Argument. Fast genauso geht die dpa mit dem Thema in der “Focus”-Ausgabe um (Link):

Historiker-Kollegen warfen Fest vor, Adolf Hitler zu einer „großen weltgeschichtlichen Persönlichkeit“ stilisiert zu haben. Gerügt wurden auch Fests Arbeiten über Hitlers Chefarchitekten Albert Speer: „Lügen, Halb- und Unwahrheiten“ seien unwidersprochen aneinander gereiht, kritisierte der Holocaustforscher Götz Aly. Der Antisemitismusforscher Wolfgang Benz befand, Fest habe „an der Erzeugung des Markenartikels Speer Ende der 60er-Jahre erheblichen Anteil“.

Es wird zitiert und doch damit abgetan. Die soeben zitierte Kritik wird neutral behandelt, so schlimm war das alles auch wieder nicht, nicht wahr? Im kurzen Nachruf des NDR wird es noch einmal naiver formuliert (Link):

Die Person Hitlers wurde für Fest Schlüssel zur deutschen Seele, Inbegriff des fatalen Hangs der Deutschen zu Extremen.

Ach, nur ein bisschen extrem. Die Position seines Vaters wird hervorgehoben und hochstilisiert:

1933 wurde sein Vater als Nazigegner aus dem Beamtendienst entlassen.

Die erste selbständige Entscheidung des Sohnes wird dagegen nicht nacherzählt, das übernimmt der “Deutschlandfunk” (Link):

Als Joachim Fest 1944 den Entschluss fasste, freiwillig in den Krieg zu ziehen, um der Einberufung in die SS zu entgehen, bekommt er die ganze Autorität seines Vaters zu spüren.

Der Leser denkt, der Vater habe ihm seine Entscheidung ausgeredet. Einige Zeilen weiter kann man aber lesen:

Atemberaubend spannend jene Szenen, in denen Joachim Fest beschreibt, wie er sich - in amerikanische Gefangenschaft geraten - aus seinem Versteck, einer vernagelten Frachtkiste, zu befreien versucht.

Das Erinnerungsbuch, in dem darüber erzählt wird, heißt “Ich nicht”. Fest wird zu einer Autoritätsperson des Widerstands erklärt und verklärt, mythisch bearbeitet. Insofern hat Eckhard Fuhr recht, wenn er sagt (Link):

Joachim Fest steht kurz davor, von den Propagandisten der “neuen Bürgerlichkeit” als Galionsfigur vereinnahmt zu werden, als Lichtgestalt, die den Kleinbürger Grass wie ein sich windender Wurm erscheinen lässt, oder höchstens wie ein tränend seine Zwiebel häutender Fischsuppen-Koch. Fest dagegen strahlt auf den Marmorklippen seines heroischen Individualismus als Vorbild für die Super-Egos eines trotz des 11. Septembers leider postheroischen Zeitalters.

Die TAZ sieht in ihm “den letzten Bürger der Bundesrepublik”, nicht mehr, nicht weniger (Link). “Die Welt” ist von einer kurzen Erzählung des Bürgers Fest fasziniert (Link):

Denn Fest war ein Bürger, wollte einer sein. Nichts, hat er einmal erzählt, nicht einmal der Verlust seiner Freiheit habe ihn bei der Gefangennahme im Frühjahr 1945 so empört wie die offensichtliche Geringschätzung, mit der ihm ein amerikanischer Offizier die letzten, kostbaren Reste seiner Bibliothek, die er im Tornister durch alle Kriegswirren gerettet hatte, abnahm und demonstrativ in den Staub warf: so etwas brauche er von jetzt an nicht mehr zu lesen. Die schöne Welt der Dichtung, der darstellenden und der bildenden Künste, später vor allem auch der Musik war ihm ein Lebens- oder besser: ein Überlebensmittel.

Noch besser ist die übermittelte Sentenz, wieder voll der unfreiwilligen Selbstironie:

Ein norwegischer Kritiker fasste seine Bewunderung für das Werk in das etwas zweideutige Kompliment, die Deutschen seien ein sonderbares Volk: Erst brächten sie einen Halunken wie Hitler hervor, und dann einen, der so über ihn so schreibe wie Joachim Fest.

Nirgendwo steht ein Wort über seine vor allem geistige Nähe zu Ernst Jünger oder eine Analyse seiner Freundschaft mit Ulrike Meinhof. Der schon zitierte Fuhr stellt ernste Fragen, ohne zu versuchen, sie zu beantworten:

Man möchte wissen, wie sich mit dem Lebensprogramm des ego non die lebenslange obsessive Beschäftigung mit den Gesichtern des Dritten Reiches verbindet. Warum wurde Fest in aller Freiheit und Unabhängigkeit nicht Kunsthändler oder Jurist? Warum näherte er sich dem Antibürger Hitler, jener bizarren Grimasse historischer Größe so weit wie das vor ihm noch kein Autor gewagt hatte? Was hat ihn an dem gefallenen Bürger und verirrten Künstler Albert Speer fasziniert, ja, warum ließ er sich, wie er selbst später eingestand, von ihm blenden?

Ja, was hat Fest von seinem Vater gelernt? Harry Nutt erzählt eine - für ihn - rührende Geschichte (Link):

Im Buch erzählt er, wie er den Vater einmal zu überreden versucht hat, seine Geschichte aufzuschreiben. Dieser wehrte jedoch lakonisch ab. “Wir schweigen alle. Aus Scham, Angst und Beklommenheit. Ich schweige auch.”

Auch hier erfolgt kein Kommentar, keine Auflösung der negativen Parallele. Auch dort nicht, wo Nutt Hintergründe der Feuilleton-Tätigkeit Fests schildert:

Bei seinem Eintritt als Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für den Bereich des Feuilletons hatte er sich die Zuständigkeit über den Bereich der politischen Kultur vertraglich zusichern lassen. Das Wort bedeutete zunächst nicht viel, sollte seine Wirkung erst später entfalten. Mit diesem Zusatz aber wurde Joachim Fest zum Erfinder eines politischen Nachkriegsfeuilletons, dessen Deutungshoheit innerhalb der Medien mit dem legendären Historikerstreit seinen Anfang nahm und für viele Jahre anhalten sollte.

Keine Zeitung hat Hannes Heer gebeten, einen Nachruf zu schreiben, wo er doch der stärkste Kritiker Fests ist (Link). In einem Interview für die TAZ sagte Heer (Link):

Für mich ist Fest weniger ein Historiker als ein Geschichtspolitiker, und zwar der einflussreichste der Bundesrepublik. Fest ist ein Verhängnis, dessen Geschichtslegenden eine wirkliche Anerkennung von Schuld und Verantwortung massiv erschwert haben. Dass er als 80-Jähriger jetzt Triumphe feiert, beschreibt, wo die Bundesrepublik und deren publizistische Eliten stehen.

Bei den Nachrufen hat es bis heute kaum kritische Töne gegeben. Eine rühmliche Ausnahme: Joachim Güntner nennt Fest in der NZZ einen “bedeutenden konservativen Publizisten” (Link). Das ist nüchtern und richtig. Die folgende Analyse klingt für mich überzeugend:

Hitler fasste er - mit Hannah Arendt - anthropologisch auf: als Inkarnation der Möglichkeit des Bösen. Und damit als zeitentrückt. Das nackte Böse, die offene Brutalität, die sich um Verkleidung gar nicht schere und ihre mörderischen Absichten klar ausspreche - das verhindere die Historisierung dieser Figur. Die Faszination durch das Dritte Reich, prognostizierte Fest, werde wohl «so lange bestehen, bis der nächste Böse auftritt». Moralisch sei aus der Geschichte nichts zu lernen. Was ein Mörder, was verwerflich sei, hätten die Menschen immer gewusst. Nur anthropologisch und politisch kann man aus dem Vergangenen lernen. Anthropologisch: dass das Böse lebt. Politisch: dass man wachsam zu sein hat und skeptisch sein muss gegenüber den Wölfen im Schafspelz eines Weltverbesserung versprechenden Utopismus.

Fazit: Viel Faszination, noch mehr Verbeugung vor der Faszination des Bösen, viel Polemik und noch mehr politische Überzeugungen, die nicht unbedingt klar, programmpolitisch formuliert wurden, dafür um so konsequenter durchgezogen. Dafür viel Lob seitens der FAZ oder Schäuble (bei der Preisverleihung neulich), dafür keine posthume Kritik in den Medien. Ist das die Selbstidentifikation der Bundesrepublik von heute? Hat die TAZ tatsächlich recht?