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Zu Fest ins Grass gebissen

Samstag, 16. September 2006

Bitte nicht schockiert sein - dies ist nur eine Feststellung. Joachim Fest starb, nachdem er Günter Grass höchstmoralisch kritisiert hat. Nachrufe sind fast ausnahmslos hochpathetisch und voll des Lobes. Das kann nicht ungestraft so stehen bleiben.

Schirrmacher stellt Fest auf das Podest mit Thomas Mann (Link):

Fest, der mit Thomas Mann nicht nur die Statur, sondern auch, wie dessen Sohn Golo feststellte, die stilistische und gedankliche Kraft gemein hatte, lebte auch das symbolische Leben, das seine großen Heroen, Goethe und Thomas Mann, vorgelebt hatten.

Der knapp Dreißigjährige überrascht die Welt mit einem regelrechten Geniestreich, dem Buch „Das Gesicht des Dritten Reiches”; der Mann von noch nicht einmal fünfzig Jahren veröffentlicht seinen „Doktor Faustus”, die große Hitler-Biographie; eine italienische Reise und manche Xenien sind dazwischengestreut; schließlich die bewegenden und befreienden Jugenderinnerungen des fast Achtzigjährigen.

Das ist noch nicht alles. Die “Hitler”-Biographie 1973 wird zum Nonplusultra erkoren:

Sie ist, wie heute selbst seine Gegner zugeben, ein Meisterwerk der Geschichtsschreibung. Er hat Hitler analytisch geröntgt, den „widrigen Gegenstand” mit unvergleichlichem Stilvermögen erzählbar und damit auch rationalisierbar gemacht. Hitler und Hitlers Erfolgsmöglichkeit zu verstehen, war die wichtigste geistige Aufgabe der Deutschen seit 1945. Fest hat es geleistet, selbst Sebastian Haffners „Anmerkungen zu Hitler” sind undenkbar ohne das Vorgängerbuch seines Freundes.

Kein Buch, das seit 1945 in deutscher Sprache erschienen ist, ist bedeutender als Fests „Hitler”, und kein anderer Autor war dem Verfasser des monumentalen Werks, war Joachim Fest, vorher oder nachher stilistisch und gedanklich gewachsen.

Also das bedeutendste deutsche Buch seit 1945, aha. Für Patrick Bahners ist Fest nicht weniger als Burckhardt von heute (Link). In unfreiwilliger Selbstironie schreibt er:

Faszination Speer

Nicht Tatsachen sind in letzter Analyse die Materialien des Historikers, wenn auch die Überlieferung Umwälzung ist.

Etwas weiter kommt es noch besser:

Hitler kam aus dem Nichts und riß die Welt mit ins Nichts, die ihn hatte groß werden lassen.

Schirrmachers und Bahners’ Leichtigkeit im Umgang mit der Feder und Geschichte soll uns nicht aufhalten. Markus Schwering ergänzt das Bild des Gestorbenen mit einer merkwürdigen Bewunderung (Link):

Fest war ein Polemiker von hohen Graden, der der Debattenkultur in Deutschland immer wieder frisches Blut zugeführt hat. Dabei schlug er auch zuweilen über die Stränge - so, als er, in einem Anfall von raumgreifender Instinktlosigkeit, in seinem Berliner Haus einmal bei einer Abendgesellschaft Albert Speer und Marcel Reich-Ranicki aufeinander treffen ließ. Das kostete ihn die Freundschaft des konsternierten Meisterkritikers.

Tja, haben wir etwas anderes erwartet, hat denn Martin Walser nicht schon alles über den Konsternierten geschrieben? Erstaunlicherweise fühlte sich Speer nicht beleidigt. Dieselbe Geschichte wurde neulich auch in der Zeitung “Freitag” erzählt, noch pointierter (Link):

Marcel Reich-Ranicki schildert in seinen Memoiren, wie er von Fest zu einem Empfang des Siedler Verlages mitgenommen wurde, bei dem er nichtsahnend auf einen inzwischen frei gekommenen Kriegsverbrecher stieß, für den sich Fest als Ghostwriter betätigte: “Und dann kam man zum Anlass des Empfangs, zur Präsentation von Joachim Fests Buch, das schlicht Hitler hieß und hier auf schwarzem Samt lag. Speer blickte lächelnd auf das Buch und sagte laut: ›Er wäre zufrieden gewesen, ihm hätte es gefallen‹.” Reich-Ranicki weiter: “Bin ich vor Schreck erstarrt? Habe ich den Massenmörder, der hier respektvoll über seinen Führer scherzte, angeschrieen und zur Ordnung gerufen? Nein, ich habe nichts getan, ich habe entsetzt geschwiegen.”

Alles andere wäre auch unpassend gewesen. Joachim Fest hat von Speer zum Dank für seine Verdienste ein von Adolf Hitler eigenhändig gemaltes Aquarell bekommen - daneben nimmt sich der Nannen-Preis trotz Gala und einer zumindest geplanten Minister-Rede etwa schäbig aus.

Zurück zu dem Nachruf von Schwering. Noch leichter als diese moralisch zweifelhafte Würdigung wird die von Schirrmacher nicht einmal erwähnte Kritik abgetan:

Die Konzentration auf das Individuum lenke, so der Tenor, von den strukturellen Ursachen der Diktatur ab, verharmlose diese letztlich. Davon konnte bei näherem Hinsehen zwar keine Rede sein, genauso wenig wie von der angeblichen schillernden Faszination durch das Monströse.

Keine Rede, das ist ein ganz klares Argument. Fast genauso geht die dpa mit dem Thema in der “Focus”-Ausgabe um (Link):

Historiker-Kollegen warfen Fest vor, Adolf Hitler zu einer „großen weltgeschichtlichen Persönlichkeit“ stilisiert zu haben. Gerügt wurden auch Fests Arbeiten über Hitlers Chefarchitekten Albert Speer: „Lügen, Halb- und Unwahrheiten“ seien unwidersprochen aneinander gereiht, kritisierte der Holocaustforscher Götz Aly. Der Antisemitismusforscher Wolfgang Benz befand, Fest habe „an der Erzeugung des Markenartikels Speer Ende der 60er-Jahre erheblichen Anteil“.

Es wird zitiert und doch damit abgetan. Die soeben zitierte Kritik wird neutral behandelt, so schlimm war das alles auch wieder nicht, nicht wahr? Im kurzen Nachruf des NDR wird es noch einmal naiver formuliert (Link):

Die Person Hitlers wurde für Fest Schlüssel zur deutschen Seele, Inbegriff des fatalen Hangs der Deutschen zu Extremen.

Ach, nur ein bisschen extrem. Die Position seines Vaters wird hervorgehoben und hochstilisiert:

1933 wurde sein Vater als Nazigegner aus dem Beamtendienst entlassen.

Die erste selbständige Entscheidung des Sohnes wird dagegen nicht nacherzählt, das übernimmt der “Deutschlandfunk” (Link):

Als Joachim Fest 1944 den Entschluss fasste, freiwillig in den Krieg zu ziehen, um der Einberufung in die SS zu entgehen, bekommt er die ganze Autorität seines Vaters zu spüren.

Der Leser denkt, der Vater habe ihm seine Entscheidung ausgeredet. Einige Zeilen weiter kann man aber lesen:

Atemberaubend spannend jene Szenen, in denen Joachim Fest beschreibt, wie er sich - in amerikanische Gefangenschaft geraten - aus seinem Versteck, einer vernagelten Frachtkiste, zu befreien versucht.

Das Erinnerungsbuch, in dem darüber erzählt wird, heißt “Ich nicht”. Fest wird zu einer Autoritätsperson des Widerstands erklärt und verklärt, mythisch bearbeitet. Insofern hat Eckhard Fuhr recht, wenn er sagt (Link):

Joachim Fest steht kurz davor, von den Propagandisten der “neuen Bürgerlichkeit” als Galionsfigur vereinnahmt zu werden, als Lichtgestalt, die den Kleinbürger Grass wie ein sich windender Wurm erscheinen lässt, oder höchstens wie ein tränend seine Zwiebel häutender Fischsuppen-Koch. Fest dagegen strahlt auf den Marmorklippen seines heroischen Individualismus als Vorbild für die Super-Egos eines trotz des 11. Septembers leider postheroischen Zeitalters.

Die TAZ sieht in ihm “den letzten Bürger der Bundesrepublik”, nicht mehr, nicht weniger (Link). “Die Welt” ist von einer kurzen Erzählung des Bürgers Fest fasziniert (Link):

Denn Fest war ein Bürger, wollte einer sein. Nichts, hat er einmal erzählt, nicht einmal der Verlust seiner Freiheit habe ihn bei der Gefangennahme im Frühjahr 1945 so empört wie die offensichtliche Geringschätzung, mit der ihm ein amerikanischer Offizier die letzten, kostbaren Reste seiner Bibliothek, die er im Tornister durch alle Kriegswirren gerettet hatte, abnahm und demonstrativ in den Staub warf: so etwas brauche er von jetzt an nicht mehr zu lesen. Die schöne Welt der Dichtung, der darstellenden und der bildenden Künste, später vor allem auch der Musik war ihm ein Lebens- oder besser: ein Überlebensmittel.

Noch besser ist die übermittelte Sentenz, wieder voll der unfreiwilligen Selbstironie:

Ein norwegischer Kritiker fasste seine Bewunderung für das Werk in das etwas zweideutige Kompliment, die Deutschen seien ein sonderbares Volk: Erst brächten sie einen Halunken wie Hitler hervor, und dann einen, der so über ihn so schreibe wie Joachim Fest.

Nirgendwo steht ein Wort über seine vor allem geistige Nähe zu Ernst Jünger oder eine Analyse seiner Freundschaft mit Ulrike Meinhof. Der schon zitierte Fuhr stellt ernste Fragen, ohne zu versuchen, sie zu beantworten:

Man möchte wissen, wie sich mit dem Lebensprogramm des ego non die lebenslange obsessive Beschäftigung mit den Gesichtern des Dritten Reiches verbindet. Warum wurde Fest in aller Freiheit und Unabhängigkeit nicht Kunsthändler oder Jurist? Warum näherte er sich dem Antibürger Hitler, jener bizarren Grimasse historischer Größe so weit wie das vor ihm noch kein Autor gewagt hatte? Was hat ihn an dem gefallenen Bürger und verirrten Künstler Albert Speer fasziniert, ja, warum ließ er sich, wie er selbst später eingestand, von ihm blenden?

Ja, was hat Fest von seinem Vater gelernt? Harry Nutt erzählt eine - für ihn - rührende Geschichte (Link):

Im Buch erzählt er, wie er den Vater einmal zu überreden versucht hat, seine Geschichte aufzuschreiben. Dieser wehrte jedoch lakonisch ab. “Wir schweigen alle. Aus Scham, Angst und Beklommenheit. Ich schweige auch.”

Auch hier erfolgt kein Kommentar, keine Auflösung der negativen Parallele. Auch dort nicht, wo Nutt Hintergründe der Feuilleton-Tätigkeit Fests schildert:

Bei seinem Eintritt als Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für den Bereich des Feuilletons hatte er sich die Zuständigkeit über den Bereich der politischen Kultur vertraglich zusichern lassen. Das Wort bedeutete zunächst nicht viel, sollte seine Wirkung erst später entfalten. Mit diesem Zusatz aber wurde Joachim Fest zum Erfinder eines politischen Nachkriegsfeuilletons, dessen Deutungshoheit innerhalb der Medien mit dem legendären Historikerstreit seinen Anfang nahm und für viele Jahre anhalten sollte.

Keine Zeitung hat Hannes Heer gebeten, einen Nachruf zu schreiben, wo er doch der stärkste Kritiker Fests ist (Link). In einem Interview für die TAZ sagte Heer (Link):

Für mich ist Fest weniger ein Historiker als ein Geschichtspolitiker, und zwar der einflussreichste der Bundesrepublik. Fest ist ein Verhängnis, dessen Geschichtslegenden eine wirkliche Anerkennung von Schuld und Verantwortung massiv erschwert haben. Dass er als 80-Jähriger jetzt Triumphe feiert, beschreibt, wo die Bundesrepublik und deren publizistische Eliten stehen.

Bei den Nachrufen hat es bis heute kaum kritische Töne gegeben. Eine rühmliche Ausnahme: Joachim Güntner nennt Fest in der NZZ einen “bedeutenden konservativen Publizisten” (Link). Das ist nüchtern und richtig. Die folgende Analyse klingt für mich überzeugend:

Hitler fasste er - mit Hannah Arendt - anthropologisch auf: als Inkarnation der Möglichkeit des Bösen. Und damit als zeitentrückt. Das nackte Böse, die offene Brutalität, die sich um Verkleidung gar nicht schere und ihre mörderischen Absichten klar ausspreche - das verhindere die Historisierung dieser Figur. Die Faszination durch das Dritte Reich, prognostizierte Fest, werde wohl «so lange bestehen, bis der nächste Böse auftritt». Moralisch sei aus der Geschichte nichts zu lernen. Was ein Mörder, was verwerflich sei, hätten die Menschen immer gewusst. Nur anthropologisch und politisch kann man aus dem Vergangenen lernen. Anthropologisch: dass das Böse lebt. Politisch: dass man wachsam zu sein hat und skeptisch sein muss gegenüber den Wölfen im Schafspelz eines Weltverbesserung versprechenden Utopismus.

Fazit: Viel Faszination, noch mehr Verbeugung vor der Faszination des Bösen, viel Polemik und noch mehr politische Überzeugungen, die nicht unbedingt klar, programmpolitisch formuliert wurden, dafür um so konsequenter durchgezogen. Dafür viel Lob seitens der FAZ oder Schäuble (bei der Preisverleihung neulich), dafür keine posthume Kritik in den Medien. Ist das die Selbstidentifikation der Bundesrepublik von heute? Hat die TAZ tatsächlich recht?

Grässlich

Freitag, 15. September 2006

In der NZZ von gestern kann man über einen offenen Brief der arabischen Intellektuellen zugunsten des Günter Grass lesen. Am Ende sagt Mona Naggar (Link):

Einige der Unterzeichner sind gerngesehene Gäste bei diversen Veranstaltungen zum Kulturdialog. Es wäre zu wünschen, dass diese höchst peinliche Solidaritätsbekundung zur Diskussion gestellt wird.

Gerne. Nur wo ist der Text?

Zeitungen grassieren

Freitag, 18. August 2006

Von inzwischen unzähligen Bekenntnissen zum Thema Grass-Bekenntnis möchte ich auf eine Folge hinweisen. In der “Frankfurter Rundschau” äußerte sich Hans Mommsen sehr ausführlich über die Verlogenheit der Kritik. Zum Schluß musste er noch mehr sagen (Link):

Das sich anbahnende Spießrutenlaufen verkennt nicht nur, dass dem Siebzehnjährigen die formelle Zugehörigkeit zur Waffen-SS schwerlich zum Vorwurf zu machen ist, sondern auch das Recht des einzelnen auf eine private Bewältigung des umfassenden Wertezerfalls, der mit dem Zusammenbruch des NS-Regimes eintrat und bei denen, die sich seiner bewusst werden, Sprachlosigkeit, ja Verdrängung auslöst. Dass sich Grass jetzt im Zuge seiner autobiografischen Darstellung entschließt, die Erinnerung an diese kritische Wende seiner Jugend vorbehaltlos aufzudecken, sollte von allen kritischen Denkenden begrüßt werden, wird aber von einer sensationslüsternen Öffentlichkeit zum Anlass genommen, um Günter Grass als unglaubwürdig hinzustellen, während die politischen Kontrahenten bereit stehen, sein politisches Vermächtnis in Stücke zu schlagen. Paradoxe Schulterschlüsse entstehen, die den Zentralrat der deutschen Juden, wie zu sehen war, nicht ausnehmen.

Zwei Kleinigkeiten sind hier auffällig. Mommsen stellt fest, dass der “umfassende Wertezerfall” mit dem Zusammenbruch des NS-Regimes eintrat. Das bedeutet in der Folge, dass davor alles im Butter war. Die Werte waren einfach wunderbar. Ich würde vorschlagen, den Historiker zu dieser Merkwürdigkeit einmal zu befragen.

Zweitens findet Mommsen ganz wichtig, bei allen Kritikern speziell den “Zentralrat der deutschen Juden” anzuprangern. Dabei verwendet der Historiker die Formel aus der NS-Zeit, denn den aktuelle Zentralrat heißt anders, nämlich der Zentralrat der Juden in Deutschland. Klar, dass der Zentralrat auch für Mommsen die Moralinstanz ist, gegen welche er antreten muss.

Am nächsten Tage meldet sich die FAZ und belehrt den Historiker. Einige Leser mit schwachen Nerven würden erwarten, dass die FAZ die soeben zitierte Stelle auseinandernimmt. Patrick Bahners weiß aber auch über Hitler alles besser als Mommsen. Um das zu beweisen, wird Bahners persönlich und erinnert Mommsen an dessen Familienmitglieder. Seine pauschalisierende Schlussfolgerung (Link):

So führt Wilhelm Mommsens Sohn die nationalliberale Lehre von der Nation als moralischer Person ad absurdum.

Bahners als Moralist und die FAZ als Stimme der Nation, fein-fein. Bahners verteidigt die Nation vor Mommsen, wie mutig. Das funktioniert folgendermaßen:

War die Umkehr der Unschuldsvermutung, der Wahnwitz, sozusagen von den Kindersoldaten von Bitburg den Beweis zu verlangen, daß ihre Gräber den Friedhof nicht kontaminierten, keine Folge des Wertezerfalls von 1945?

Kindersoldaten von Bitburg?.. Mich beeindruckt aber noch vielmehr, dass Bahners den “Wertezerfall von 1945″ dankend übernimmt. Geht es noch scheinheiliger?

Die Süddeutsche wiegt aus

Donnerstag, 17. August 2006

Nach Monaten “israelkritischer” Berieselung durch Avenarius & Co. wirkt ein normaler Text wie ein Wunder. Das soll bestimmt genügen, ab morgen wird die Zeitung wieder für  Ausgewogenheit sorgen, wie sie sie versteht. Heute aber genießen wir die Zeilen, die gut tun (Link):

Günter Grass war als Junge in der Waffen-SS und hat dort drei Monate lang keinen Schuss abgegeben. Die ganze Republik steht Kopf, und doch, und ach - warum lässt es uns so kalt? Joachim Fest, Ralph Giordano, Rolf Hochhuth, Martin Walser, Walter Jens, Erich Loest, Dieter Wellershoff, Walter Kempowski geben ihr Verständnis, ihre Bestürzung, ihre Enttäuschung, selbst ihren Ekel zu Protokoll - keiner ist unter 75. Ein Klassentreffen der alten deutschen Intellektuellen, die über immer dasselbe Thema Auskunft geben wollen oder sollen: Hitler und ich.

Bitte keine Geständnisse mehr! Gibt es keine anderen Themen? Wo sind die Stimmen zu den aktuellen Fragen von Politik und Moral? Es wird Zeit, dass dieses Land sich endlich aus den Selbstbespiegelungen seines zwiebelhautengen NS-Diskurses befreit, dass man den Blick von der eigenen Nabelregion ab- und der Welt zuwendet. Es wird Zeit, dass die hundertmal gepredigten Lehren der Vergangenheit endlich auf die Politik des 21. Jahrhunderts angewendet werden, bevor sie, ein Blick zurück zu Walser, nur mehr blinde Aggressionen erzeugen. Es ist beschämend, dass die Affäre Grass innerhalb von drei Tagen mehr Wortmeldungen und moralisch gefestigte Standpunkte von deutschen Dichtern und Denkern produziert als der Krieg in Nordisrael und Südlibanon in den 33 Tagen davor.

Dabei war die Nahost-Debatte, weit gehend ohne große Namen, die ganze Zeit unüberhörbar vom Basston der deutschen Vergangenheit begleitet. Aber wie eine kaputte Schallplatte hängt sie bei der Beschwörung ,,Nie wieder Auschwitz‘‘ fest - bekanntermaßen eine Leerformel, die mit wirklich allem gefüllt werden kann. Linke deutsche Friedensbewegte, die ihr ganzes Leben als Antithese zu ihren Nazi-Vätern oder -Großvätern entworfen haben, demonstrieren - wie im Juli in Berlin - Seit’ an Seit’ mit Arabern, die ,,Tod den Juden‘‘ rufen. Das aber ist niemandem einen Skandal wert. Man gefällt sich in Betroffenheitspazifismus, der im deutschen Wohnzimmer gewiss bequem, aber leider keine politische Haltung ist. Eine politische Haltung wäre, darüber nachzudenken, unter welchen Umständen sich Kriege nicht vermeiden lassen. Was hat Grass dazu zu sagen? Und was all die anderen? Auch der gut eingeübten Täter-Opfer-Umkehr wäre entgegenzutreten gewesen. Die Fernsehbilder, die Schlagzeilen, der überwiegende Teil der veröffentlichten Meinung wollten uns doch weismachen: Israel ist so stark, so aggressiv, es gibt dort auch immer viel weniger Tote, also muss es ja irgendwie schuld sein. Aus Gründen der Vergangenheit sind wir Deutschen jetzt immer auf der Seite der Schwachen. Also bei der libanesischen Zivilbevölkerung. Die israelische Zivilbevölkerung ist ja in ihren Bunkern gut geschützt.

Wo aber waren die deutschen Intellektuellen, die gesagt hätten: Wir brauchen kein Auschwitz, um uns hier zu äußern? Wir sind auf Israels Seite, nicht, weil Nazideutschland sechs Millionen Juden ermordet hat, sondern weil Israel ein demokratischer Staat ist, mit Feinden, die nicht nur ihn, sondern alle demokratisch verfassten, westlich orientierten Gesellschaften vernichten wollen? Hier geht es nicht um Juden oder Araber, sondern um Demokratie versus mörderischen Fanatismus, um Aufklärung versus Mittelalter, um Menschen- und Völkerrechte versus Märtyrer und Selbstmordattentäter. Reden wir über die vereitelten Attentate von London, reden wir über unser Verhältnis zum Islam, reden wir über die Grenzen der Liberalität. Es geht um uns und unsere Zukunft.

Doch dafür haben unsere alten Herren keinen Sinn und keinen Mut. Sie bleiben bei ihren Lebensthemen. Es gab keine Prominentenliste für Israel, es gibt jetzt eine Prominentenliste gegen die Breker-Ausstellung (die Grass wiederum befürwortet). Angesichts der immergleichen Reflexe, der immergleichen Debatten und Protagonisten bleibt für die Jüngeren in diesem Land kein Platz. Die Alten, die die Nazizeit noch erlebt haben, verstellen ihnen mit ihrem nicht endenwollenden Moralgeflatter die Sicht. Das ist das wahre Methusalem-Komplott.

Die Autoren sind Schriftsteller und leben in Berlin. Von Eva Menasse, 1970 geboren, erschien zuletzt ,,Vienna‘‘, von Michael Kumpfmüller, 1961 geboren, ,,Durst‘‘, beide bei Kiepenheuer und Witsch.

In der gedruckten Zeitung wird dieser Artikel, von der Gattung her ein Leserbrief, so benannt:

Wider die intellektuelle Gerontokratie

Ein Plädoyer für weniger Grass und mehr Nahost in der Debatte

Online sieht das ein wenig anders aus:

Die Waffen-SS-Debatte um Grass
Intellektuelles Moralgeflatter

Der Text selbst ist - ohne die Betitelung - sehr gut. Es wäre schön zu wissen, wie seine Autoren den Text betitelten… Hier wie da sorgt der namenlose witzige Redakteur für Ausgewogenheit, wie sie sich die Redaktion wünscht. Mehr Nahost in der Süddeutschen, ohoho! Wie wäre es zum Beispiel damit, den offenen Brief von 85 Filmkünstlern Hollywoods von heute nachzudrucken, anstatt über Mel Gibson und Jostein Gaarder tagelang zu plaudern?

Zweimal Grass und mehr

Montag, 14. August 2006

Der stellvertretende Chefredakteur der “Süddeutschen” Kurt Kister hat einen moralisierenden und an sich gelungenen Text geschrieben. Nur ein Satz darin will nicht sitzen:

Die Tatsache, dass Grass in der SS gedient hat, ist genauso wenig verwerflich wie der SS-Dienst vieler sehr junger Deutscher gegen Kriegsende.

So eine Leichtigkeit beim Schreiben möchte ich nicht haben…

[UPDATE: Kister erfüllt die Prophezeiung Broders, am selben Tag ausgesprochen (Link):
Ärgerlich an der Affäre ist nur eines: Dass auf dem Umweg über Grass die Waffen-SS rehabilitiert wird. Wenn Grass dabei war und sich die Hände nicht schmutzig gemacht hat, können die Jungs so schlimm nicht gewesen sein, eine kämpfende Truppe eben, mit einem etwas abgehobenen Bewusstsein, der Rohstoff aus dem Romane geformt werden.]
Von vielen Kommentaren zum selben Thema, die heute erschienen sind und fast alle auf die bekannte Weise Grass spiegeln (ich meine heucheln, genauso wie Walser und Fest), hebt sich in einer erfrischenden Weise ein Artikel in der NZZ ab. Roman Bucheli sagt da unter anderem Folgendes (Link):

Die «FAZ» - die sich in dem Interview nicht durch hartnäckiges Nachfragen profiliert - spielt Grass gegen Ende des Gesprächs das Stichwort Celan zu. Grass lebte in den späten fünfziger Jahren vier Jahre in Paris und war damals mit Paul Celan befreundet. Über ihn lesen wir nun: «Meistens war er ganz in die eigene Arbeit vertieft und im Übrigen von seinen realen und auch übersteigerten Ängsten gefangen.»

Keinen Gedanken scheint Grass darauf verschwenden zu wollen, dass Celans «übersteigerte Ängste» gerade in solchen gespenstischen Leerstellen des Schweigens, wie sie nun Grass einräumt, ihren Grund gehabt haben könnten. Nicht auszudenken, wenn Celan erfahren hätte, dass sein Freund Mitglied der Waffen-SS gewesen war. Süffisant fügt Grass seinen Erinnerungen an Celan nun hinzu: «Wenn er seine Gedichte vortrug, hätte man Kerzen anzünden mögen.»

Der Hamburger Germanist Klaus Briegleb sprach vor einiger Zeit von der «angemassten moralischen Unbescholtenheit», die zusammen mit einer «einzigartigen Praxis des Vergessens» im Kreis der Gruppe 47, deren prominentes Mitglied Grass war, am Gedeihen eines deutschen Antisemitismus nach der Shoah mitgewirkt habe. Günter Grass liefert - mit etwas Verspätung - den schlagenden Beleg für die These.

Ich hoffe, das erreicht den Nobelpreisträger Grass und sitzt.

Vier Heuchler in einem Text

Sonntag, 13. August 2006

In der “Zeit” online habe ich den folgenden Bericht gefunden (Link). Darin geht es um die Reaktion auf die Selbstenthüllung des Schriftstellers Günter Grass, er habe bei der Waffen-SS gedient, ohne dabei einen einzigen Schuss abgegeben zu haben:

Spätes Bekenntnis:

Walser stellt sich hinter Grass

Nach dem Geständnis von Günter Grass, in der Waffen-SS gewesen zu sein, ist das Echo geteilt. Während Martin Walser Grass in Schutz nimmt, erklärt der NS-Forscher Fest, er würde “von diesem Mann nicht mal mehr einen Gebrauchtwagen kaufen”.

Berlin - Nach dem Bekenntnis von Günter Grass zu seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS hat Günter Grass Unterstützung von seinem Schriftstellerkollegen Martin Walser erhalten. “Der Mündigste aller Zeitgenossen kann sechzig Jahre lang nicht mitteilen, dass er ohne eigenes Zutun in die Waffen-SS geraten ist”, sagte Walser der “Stuttgarter Zeitung”. “Das wirft ein vernichtendes Licht auf unser Bewältigungsklima mit seinem normierten Denk- und Sprachgebrauch”, fügte Walser hinzu. Grass habe “durch die souveräne Platzierung seiner Mitteilung diesem aufpasserischen Moral-Klima eine Lektion erteilt”.

Anders die Einschätzung des NS-Experten Joachim Fest: “Ich würde von diesem Mann nicht mal mehr einen Gebrauchtwagen kaufen”, sagte Fest der “Bild”-Zeitung über Grass. Er verstehe nicht, “wie sich jemand 60 Jahre lang ständig zum schlechten Gewissen der Nation erheben kann, gerade in Nazi-Fragen - und dann erst bekennt, dass er selbst tief verstrickt war.” Nach Ansicht Fests ist Grass als moralische Instanz durch sein jahrzehntelanges Schweigen “schwer beschädigt”. (tso/ddp)

Der - für mich - entscheidende Unterschied zu vielen anderen Zeitungen (die auch die Zusammenfassung der dpa weitergeben) ist, dass hier nur zwei Positionen ausgewählt wurden. Bis vier können meine Leser hoffentlich zählen. :-)

Handke und seine Sprache

Montag, 19. Juni 2006

Eine hervorragende Arbeit haben Martin Meyer und Andreas Breitenstein geleistet. Das Interview mit Peter Handke in der NZZ vom 17.6.2006 ist ein seltenes Dokument der Zeitgeschichte. Handke wird mit gezielten Fragen in die Enge getrieben und dort gelassen. Nur ein Beispiel:

Nachdem er über “viele Kroaten, Slowenen und Bosnier” sowie noch mehr über Albanier Böses und Unüberlegtes sagt, stellt sich Handke auf eine Tribune und verkündet:

Ich hätte das nie gemacht: eine Landschaft als Keule zu verwenden, eine Landschaft, die man liebt, wo der Rhythmus der Sprache herkommt, zu benützen, um andere Völker schlechtzumachen.

Noch ein glänzender Spruch von ihm:

Ich liebe Wirtschaft.

Also wirklich! :-)

Handke und seine Verteidiger

Freitag, 2. Juni 2006

Die Posse um den abgesetzten Heine-Preis geht weiter. Spannend, wie viele sich auf die Seite des leidenden Opfers stellen und wie sie das tun. Seine Verlegerin (Ulla Berkéwicz), sein Filmregiesseur (Wim Wenders), seine Kritikerin (Sigrid Löffler) - alles feine Leute - sind total empört und schlagen in dieselbe Kerbe wie Jelinek (Link). Diese Methode ist medienwirksam und hat einen “der bedeutendsten Autoren der Gegenwart” (Löffler) zu den ganz “sonderbaren und eigentümlichen” (F.Schirrmacher, Link) Stellungnahmen verführt, die fast an der Grenze des Zumutbaren liegen. Vielleicht hat sein ungewolltester Verteidiger, Wiglaf Droste, Recht:

Schon möglich, dass Peter Handke einen Dachschaden hat.

Ich habe wenig Aussagen zu dem eigentlichen Thema gefunden. Kaum einer hat sich über die Unproffesionalität der Jury ausgelassen. Sie hat versagt, in dem Moment, wo sie nach Weizsäcker an Handke gedacht hat, mit dem Plan, nach Jelinek an Handke zu denken. Es wurde kein Konsens gefunden, zu dem man hätte stehen können. Jetzt kann Sigrid Löffler sich heldenhaft empören, die Juri verlassen und sich für sauber erklären, in der Tat aber hat eben sie zu wenig an die Konsequenzen ihres internen Pro-Handke-Lobbyismus gedacht. Der Ruf des Heine-Preises ist hin. Die lächerliche Maschinerie der Literaturpreise wurde offenbart. Das ist möglicherweise gar nicht so schlecht, denn es ist längst ein Betrieb geworden, einer von vielen, die die Kultur ruinieren. Inzwischen bekämpfen die Süddeutsche und die FAZ einander und versuchen sich pro et contra zu positionieren, wo es am wenigsten passt, und am besten jeden Tag anders, um unparteiisch zu wirken und die Diskussion zu verlängern und noch heißer zu machen. Handke als Dichter wird immer mehr zum Opfer stigmatisiert und mit Inbrunst verteidigt. Auf dem Höhepunkt dieser Verteidigungsszenerie erscheint ein Text von Botho Strauß, der das non plus ultra der gesamten Schlammschlacht bis dato wurde.

Eine schlimmere Fürsprache kann man Handke nicht wünschen, sie offenbart die dunkelsten Hintergründe der gesamten Diskussion und erinnert schon wieder an die Walser-Debatte, an die Sätze, wie “man wird doch wohl noch sagen dürfen”, die die öffentliche Seele (Verzeihung!) masturbieren, ohne befriedigen zu können. Allein die Liste der zu vergleichenden Vorbilder, die Strauß einfallen, sagt das. Er argumentiert darüber hinaus haarsträubend:

Was bleibt von Handke?

Im Titel schon reduziert Strauß den Dichter auf einen Teil seines Schaffens, utilisiert ihn. Diese Methode wird weiter angewendet:

Was bleibt von dem Gefangenen im Pisaner Käfig, dem gegen Roosevelt eifernden Faschisten? Es bleibt der überragende Rhapsode und Poet, der Matador der Moderne, der reiche Anreger und Talenteförderer Ezra Pound.

Schwarzweiß, entweder-oder? Nein - sowohl-als-auch!

Was bleibt von dem berüchtigten Rechtslehrer Carl Schmitt, dem man Mitwirkung an den Nürnberger Rassengesetzen nachwies? Es bleibt der einflußreichste Staatsrechtler des zwanzigsten Jahrhunderts, der intuitivste Denker über Verfassungs- und Rechtsgeschichte, dessen Einfluß weit über die Grenzen Deutschlands hinaus lebendig blieb.

Na-na, wir wollen nicht übertreiben: Einen “intuitivsten Denker” im Fach der “Verfassungs- und Rechtsgeschichte” kann nur ein getreuer Leser einer “Jungen Freiheit” gebrauchen, welche Strauß liebevoll einen “Dichter der Gegen-Aufklärung” nennt. Aber auch nach der gebührenden Diminuierung der Bedeutung Schmitts bleibt beides an ihm hängen - sowohl seine Mitwirkung an der Naziwelt als auch seine Beobachtungen der Staatsgeschichte, auch wenn sie eher ein Bestand der neurechten Denkweise sind als die der wahren Geschichte.

Von Heidegger zu sprechen und dabei seine Rolle als brauner Universitätsrektor hervorzuheben erweist sich inzwischen als Lächerlichkeit.

Da irrt sich aber einer. Inzwischen ist es nicht mehr möglich, über den feinen Philosophen Heidegger zu reden, ohne seine Mitwirkung an dem Gebäude des Dritten Reichs zu erwähnen. Seine Nachwirkung im selben Sinne gehört auch dazu.

Was bleibt aber von Brecht, einem Dichter, dem die Revolution wichtiger als Menschenleben war und der gegen den blutigen Stalin nur ein wenig Dialektik ins Feld führte? Es bleibt einer, der die Dramaturgie des Theaters nachhaltiger veränderte als jeder andere europäische Autor und der noch bis tief in die Mentalität und Empfindungskälte des heutigen Theaters beherrschend wirkt.

Aaah so! Strauß will objektiv aussehen, ein Linker muß dafür geopfert werden. Auch in diesem Fall - keine Dichotomie bitte! Sowohl ein Dichter als auch ein Kommunist, der u.a. auch darunter leiden musste. Das Eine ist von dem Anderen nicht zu trennen, auch wenn Strauß das so gerne hätte.

Was bleibt schließlich von dem angeblichen Sänger des großserbischen Reichs, Peter Handke? Nicht nur der sprachgeladenste Dichter seiner Generation, sondern wie nur Überragende es sind, ein Episteme-Schaffender (nach dem Wortgebrauch Foucaults), eine Wegscheide des Sehens, Fühlens und Wissens in der deutschen Literatur.

Jetzt kommt Strauß endlich zu seinem Helden. Bei all seinen Vorbildern lässt Strauß keinen Zweifel an ihren Vergehen (ein Faschist, ein berüchtigter Mitwirkender an den Rassengesetzen, ein brauner Universitätsdirektor, ein Revolutionär - eine gute Kompanie). Bei Handke sind seine politischen Ansichten und Handlungen nur “angeblich” und dabei übertrieben, so übertrieben, dass sie nicht mehr glaubwürdig zu sein scheinen. Um das aufzuwiegen, baut Strauß dem angeblich größten Dichter seiner Generation einen Denkmal und nennt ihn, den Dichter, “eine Wegscheide”. Hmm, soll das ein Kompliment sein? Was bleibt dann für Strauß selbst?

Wer Schuld und Irrtum nicht als Stigmata (im Grenzfall sogar Stimulantien) der Größe erkennt, sollte sich nicht mit wirklichen Dichtern und Denkern beschäftigen, sondern nur mit den richtigen.

Wir wissen, die beste Verteidigung ist der Angriff. Strauß kommt dazu. Wenn einer so groß ist, dass er Schuld auf sich nimmt und sich Irrtümer zu eigen macht, dann solle er gerade dafür gepriesen werden, sonst sei dieser kein wirklicher Dichter und Denker. Die “richtigen” dagegen seien Trug und Schein. Wir ahnen, gleich kommt der “political correctness”-Popanz.

Wir leben gottlob noch nicht in einer Lea-Rosh-Kultur, in der sich deutscher Geist nur geduckt bewegen soll oder rückschaudernd erstarren und jede erhobene Stirn, etwa zum Ausschauhalten, als pietätlos und mißliebig angesehen wird.

Na endlich. Ein Volksdichter bräunt sich langsam durch, die Volksgemeinschaft darf sich erfreuen. Diesen Satz werden wir noch mehrfach zitiert lesen dürfen, ganz bestimmt. Walser-, Möllemann-, Hohmann-Debatten lassen grüßen: Es geht weiter.

Aber das allgemein Richtige, ein Gezücht unserer konsensitiv geschlossenen Öffentlichkeit, ist dennoch ein am Boden schleifendes träges Ungetüm, wie sehr es sich auch selbst gefallen mag.

Einige andere aber müssen in der Höhe sich härter ausbilden und werden selbst aus einer Verrannt- oder Verstiegenheit heraus mehr Gutes unter die Menschen bringen als je tausend Richtige zusammen.

Ja-ja, härter ausbilden. Nicht mehr nicht weniger. Auf-auf zum Kampfe. Botho Strauß ist schon soweit!

Ich hoffe sehr, dass Handke sich von diesem freundlichen Bärendienst distanziert. Falls er dafür noch eine “Parallelsprache” (Schirrmacher) findet.

Was hat er denn bei der Beerdigung Milosevics gesagt? Hat denn jemand ein Manuskript davon? Die einzige Quelle bis jetzt ist die Selbstdarstellung Handkes in “Le Monde”, die jetzt auch in seinem FAZ- (Link) und SZ-Text nachinszeniert wurde:

Die Welt, die vermeintliche Welt, weiß alles über Slobodan Milosevic. Die vermeintliche Welt kennt die Wahrheit. Eben deshalb ist die vermeintliche Welt heute nicht anwesend, und nicht nur heute und hier. Ich kenne die Wahrheit auch nicht. Aber ich schaue. Ich begreife. Ich empfinde. Ich erinnere mich. Ich frage. Eben deshalb bin ich heute hier zugegen. (Link)

Es lebe Jugoslawien. Zivela Jugoslavija. (Link)

Es gibt eine Welt Handkes und eine vermeintliche Welt. Die Wahrheit dieser vermeintlichen Welt sei keine, sie wird zumindest in Frage gestellt. Und einer, der nicht zu der vermeintlichen Welt gehört, tut etwas, nämlich geht zu einer politischen Veranstaltung, spricht in der serbischen Sprache vor zwanzig tausend Teilnehmern dieser politischen Veranstaltung und sagt dabei in seiner “Parallelsprache”, dass er nicht zu der vermeintlichen Welt gehört, dass er alles anders sieht, begreift und empfindet, dass er andere Erinnerungen und andere Fragen hat als die vermeintliche Welt und dass er mit seinen Zuhörern solidarisch ist. Dass er das verlorengegangene Jugoslawien betrauert, genauso wie Millionen von ehemaligen anderen verlorenen Seelen die Sowjetunion beweinen. Das Imperium und kleine Imperien hinterlassen ihre Spuren. Sie sprechen durch diese Rede. Handke wird politisch aktiv. Das tut er und einige Wochen später distanziert sich davon. Wie viel stimmt in diesen Zitaten mit der Rede überein? Was wird dabei verschwiegen? Wann werden wir das erfahren? Denn wir wissen:

Der bedeutende Schriftsteller Handke, so kann man vielleicht arg verkürzt zusammenfassen, neigt zu politisierenden Wutausbrüchen mit beachtlicher Fabulierkunst.

Russische Weisheiten

Donnerstag, 1. Juni 2006

Passend zum vornehmen Gespräch zwischen Wladimir Putin und seinen Gästen in St.Petersburg möchte ich zwei geflügelte Worte zitieren, einmal alt und bekannt, einmal ganz frisch:

Vor ca. 15 Jahren hat der damalige Premierminister Russlands Wiktor Tschernomyrdin vor dem russischen Parlament über die ersten Erfolge der Perestroika gesagt:

Wir wollten das Beste, aber es kam das gleiche heraus wie immer. (Original: Хотели как лучше, а получилось как всегда.)

Der Mann ist fern jeder Ironie, geschweige denn Selbstironie. Die Urkomik des Spruchs liegt in dessen nackten Wahrheit und in der ungewollten Wiederaufnahme der russischen poetischen Tradition, die Geschichte des eigenen Landes zu bespotten (Alexei K. Tolstoi, 1868: ‘Das Land ist voll des Reichtums, doch Ordnung gibt es nicht’ (original: “Земля наша богата, /Порядка в ней лишь нет.” Link) Geflügelte Worte bestimmen den Fluss der Rede, ohne dass einer über seine Worte verfügen kann: Sie verfügen über ihn!

Heute, in der einzigen noch freien Zeitung Russlands, “Kommersant”, schreibt der ironische Nachfolger Soschtschenkos und Platonows, Andrei Kolesnikow, zur Zeit der kühnste Journalist Russlands, über ein Treffen des Präsidenten Putin mit den verantwortlichen Beamten in Sachen Sport. Putin sagt darin:

Самой большой дисциплины в любой из областей, которыми занимался, добивался Лаврентий Берия. Но это не наши методы. [...] К решению вопросов нужно комплексно подходить. А то мы за что ни беремся – у нас НКВД получается. (Die größte Disziplin auf jedem Gebiet, mit welchem er sich beschäftigte, erreichte Lawrenti Beria. Das sind aber nicht unsere Methoden. [...] Man muss an die Lösung der Fragen komplex herangehen. Denn was wir auch auf uns nehmen - am Ende kommt der NKWD heraus.)

Beria ist, wie bekannt, der größte Henker Stalins gewesen, der beim NKWD begonnen hat. Der NKWD ist hier ein Sammelbegriff für GPU, KGB und wie sie alle im Laufe der Sowjetgeschichte hießen. Putin kann seine Herkunft nicht leugnen, sie verfügt über ihn, schimmert durch seine Vergleiche und Metaphern durch. Dasselbe geflügelte Wort und dieselbe unfreiwillige Selbstverspottung!

Elfriede Jelinek verteidigt Peter Handke

Mittwoch, 31. Mai 2006

Die Debatte über die Verleihung oder doch Nicht-Verleihung des Heinrich-Heine-Preises an Peter Handke ist zu einer bemerkenswerten Posse geworden. Nun ist die nobelgepriesene Granddame der destruktiven Literatur auf die Barrikade gegangen. Der Text ist typisch Jelinek. Einmal möchte ich mich an ihren Text doch heranwagen. Der Anlass ist viel zu gut dafür, der Text steht online.

Aus gegebenem Anlaß, aber ich habe ihn nicht gegeben, ich habe ja nichts zu geben, und ich habe nichts zuzugeben

Der Titel ist sehr schön, lässt sich fein aussprechen und, wie immer will die Autorin ihre Distanz zum Thema betonen: Der Anlaß ist da, und sie sagt dazu alles, was sie meint, gibt aber vor, es nicht zu tun.

(Handke/Heine)

Der Untertitel weist darauf hin, was das eigentliche Thema ist. Das wollen wir noch prüfen.

Was soll man sagen? Ich überlege, was ich zu Handke sagen könnte, während das Geheul und Gebell rundherum anschwillt. Ich bin versucht damit anzufangen, daß ich politisch in Bezug auf Serbien nicht seiner Meinung bin, daß ich das Eingreifen fremder Mächte bei drohendem Völkermord, den ich damals am Balkan gesehen hatte, auch völkerrechtlich gedeckt fand und immer noch finde, aber schon das ist eine Falle, in die ich nicht laufen müßte, nicht einmal dürfte. Ich muß meine politische Position nicht darlegen, um meine Besorgnis über die wachsende hysterische Hetze gegen einen Dichter artikulieren zu dürfen. Auch sollte ich nicht eigens drauf hinweisen müssen, daß ich nicht seiner Meinung bin, aber, nein, sterben würde ich für seine Meinung nicht, das muß nicht sein, es sterben schon viel zuviele, aber daß ich jedenfalls alles täte, damit er diese Meinung äußern darf.

Zuerst bezieht Jelinek ihre politische Position. Sie sei mit Handke nicht einverstanden, mit seiner politischen Meinung, der politischen Position eines Dichters. Sie sieht sich dabei in der Rolle eines Voltaires, Handke dürfe seine Meinung äußern, als würde ihm einer das verbieten wollen.

Ich muß auch nicht darauf hinweisen, wie oft Heine seine politische Meinung veröffentlicht – und wieder geändert - hat, mit großer Leidenschaft, und darauf kommt es an.

Heines politische Meinung war ein der Hauptstränge seiner Dichtung, und nicht - wie bei Handke - ein expansiver Zusatz, kurz vor dem Ausbruch der Gedanken über die Rente. Der zweite große Unterschied - Heine bekam keine Preise, und schon gar keine offizielle Würdigung für seine politische Position. Seine Texte wurden zensiert, verboten und sogar verbrannt, es fanden sich deutschsprachige Kritiker, die seine Sprache für eine Schande hielten usw.

Er hat den Kommunismus begrüßt, im Wissen, daß Leute wie er (und ihre Werke) die Ersten wären, die ihm zum Opfer fallen würden. Also da gibt es im Schreiben immer das Trotzdem. Und das Dazwischen.

Ist es eine Parallele zwischen Heine und Handke? Hat Heine den Kommunismus im Wissen der künftigen blutigen Katastrophen begrüßt? Wo nimmt Jelinek ihr Wissen über dieses Wissen her? Und andererseits - wo findet sie das Trotzdem und Dazwischen bei Handke, konkret in seinen “politischen” Texten? Gibt es überhaupt so etwas Subtiles bei ihm? Ist seine Dichtung der von Heine darin vergleichbar?

Und dort hinein haben wir uns zu begeben, auch wenn es dort eng wird. Indem wir erkennen, was für jeden einzelnen von uns notwendig ist zu sagen. Aber soll nicht mehr drin sein als das zu bejahen, was allgemein Konsens ist, das, was doch nicht zu ändern ist („glücklich ist, wer vergißt!“) einfach zu übernehmen?

Und seit wann haben wir uns dorthin zu begeben, wo Jelinek selbst zu eng wird? Warum überhaupt nimmt jemand auf sich etwas zu sagen, was für jeden einzelnen von uns notwendig zu sagen ist? Ist die Abweichung von einem allgemeinen Konsens, sollte es einen geben, gleich seine vollständige Umkehr? Und sollen wir jetzt alle Wiener werden, indem wir uns zurück ins Neunzehnte Jahrhundert versetzen lassen, im Walzer, um jegliche Revolution zu vermeiden? Ist dann eine Änderung gleich einer blutigen Revolution, ist denn jeglicher Konsens, zum Beispiel auch über eine politische Position eines Dichters, in Frage zu stellen, nur weil ein einzelner Dichter für seine unakzeptable politische Position einen ganz speziellen Preis bekommen möchte, zu allen anderen, die er schon hat, angewidert von der ganzen Maschinerie der Preisverleihungen?

Was wäre das für ein Denken, ich meine ein Fortdenken im Hinblick auf das Hinschreiben, das nur im Hinblick auf ein feststehendes Ergebnis denkt und schreibt und nicht dagegen? Dagegen auch, wenn es weiß, daß es vielleicht falsch ist? Das, was von der Allgemeinheit gesagt wird und also gesagt werden muß (der berühmte Konsens über etwas), läßt dem Dichter keine Möglichkeit mehr übrig, etwas zu sagen, da alles schon ausgerechnet, zusammenaddiert und saldiert ist. Das, was allgemein und der Allgemeinheit (und die Gemeinheit bereits enthält) gesagt werden muß, entscheidet nicht darüber, ob einem Dichter etwas zu sagen nötig scheint, und wäre es das absolut Unnötige, Überflüssige, Sinnlose. Der Dichter hat, was er zu sagen hat, zu sagen, weil es ihm notwendig ist, es zu sagen, aber er hat nicht das Notwendige zu sagen, sonst hätte er gar nichts mehr zu sagen. Sonst hätte er nur noch zu erledigen, was erledigt werden muß. Das ist zuwenig.

Dasselbe noch einmal in Grün, Jelinek schreibt immer gerne in Umschreibungen des Geschriebenen. Klar, de Sade und Genet dürfen vom Konsens der Gemeinheit abweichen. Die Liste der Beispiele könnte man fortsetzen. Wurden sie dafür gepriesen, speziell für ihre politische Position?
Und klar auch, die Literatur soll nicht nur nützlich sein, dienen, erledigen. War denn darüber die Rede?

So, und jetzt darf ich mich endlich Handke und seiner Stellungnahme anschließen, die Lügen und Halbwahrheiten von der Rechnung abziehen (die rote Rose auf Milosevics Sarg – also wirklich! Vielleicht macht man aus ihm noch einen Sargspringer wie in der großartigen US-Familienserie „six feet under“!), die längst getätigten Klarstellungen noch einmal vom tiefen ins seichte Wasser ziehen, damit man sie genauer sieht (Handke hat das alles selber längst richtiggestellt, vor allem den entsetzlichen Vergleich des Schicksals der Serben mit der Vernichtung der Juden), das hätte man alles längst nachlesen können.

Hier bezieht sich die Schriftstellerin offensichtlich auf den Text von Handke in der FAZ vom 29.5.2006. Jelinek schreibt unter dem Eindruck davon, am nächsten Tag, zutiefst betroffen. Sie glaubt ihm so sehr, dass all seine anderen, von dem Selbstverteidiger Handke darin nicht erwähnten Faupas ausgeblendet werden, sie werden somit auch von der Rechnung abgezogen.

Was an dem, was er geschrieben hat, richtigzustellen ist, ist nichts, denn er darf alles schreiben. Was an dem, was er gesagt hat, richtigzustellen war, hat er getan, und das Vor-Sich- Hin-Denken, in dessen Verlauf das Niederschreiben (nicht das Nieder-Schreiben) von Gedanken entsteht, das schreibende Denken über etwas, das Denken im Zeitablauf, muß immer ein Anfang sein, es muß bei Null anfangen, nicht bei der veröffentlichten Meinung, es hat sich nicht an irgendwelche Lehren zu halten, es muß immer wieder neu anfangen, als wäre davor nie etwas gedacht worden. Mich hat immer gewundert und auch geärgert, daß Handkes Schlüsselstück über das ehemalige Jugoslawien, „die Fahrt im Einbaum“, in der Debatte kaum je erwähnt worden ist. Ich habe das Stück gelesen und die Aufführung in Wien (in der Regie Claus Peymanns) gesehen: In diesem Stück ist doch alles drin. Es ist doch alles gesagt. Da steht es ja. Es ist mehr (und gleichzeitig weniger) als alles gesagt.

Er darf in der Tat alles schreiben, das tut er übrigens auch. Und er darf genauso gerne sein Schlüsselstück weiter auf die Bühne bringen, falls die Regie alle Hintergründe aufzudecken vermag. War das das Thema?

Der Dichter sagt alles, indem er nicht alles sagt, und gerade darin ist alles gesagt.

Das würde sogar ich unterschreiben. Im Bezug auf Handke ganz insbesondere. Hätte er weniger gesagt, sich weniger deutlich als Dichter politisch auf die Seite des Milosevic gestellt, hätte man das vielleicht weniger in Frage gestellt. Dann wäre es Dichtung und nicht die blamable Politik.

So kann ich mit Handke nur das Mindeste erwarten, was zu erwarten ist, nämlich möglichst alles zu lesen, was er in den letzten Jahren zum Balkankonflikt und seinen blutigen Kriegen, Nachbar gegen Nachbarn, geschrieben hat. Lesen und dann reden, aber nicht hetzen. Sonst wagt man sich zu weit vor, und dann haben sogar die Hunde, die treuen, einen verlassen (ihr klagendes Gebell hört man allerdings noch lang), und die guten Geister verlassen einen auch irgendwann, und dann wird es nur noch geistlos.

Das einzige Problem hier bleibt, dass es ein anderes Thema ist: Handke wird nicht gejagt und nicht verjagt, nur die Verknüpfung Handke-Heinepreis will nicht akzeptiert werden. Heine hat nie einen Diktator verteidigt oder gelobt. Heine schaffte es immer, seine Ironie für alle zugänglich zu gestalten, begreiflich, pointiert, unmißverständlich. Ich möchte mit seiner politischen Position im Konsens sein und nicht mit der von Handke, umsomehr dass ich - genauso wie Jelinek - sie, die politische Position von Handke, nicht teile. Und noch was: Ich habe diese Aussage bis zum Ende des geschriebenen Schreibens nicht vergessen.

Günter Grass: schnörkellos oder nicht?

Freitag, 26. Mai 2006

Nichts ist es mehr so, wie es mal war. Schriftsteller wollen Politiker sein, Pamphlete schreiben, große Reden halten, Moral predigen. Oder auch umgekehrt. Einmal alt geworden, merken sie plötzlich, dass sie nicht so politisch aktiv sind, wie Seneca, Dante oder Leo Tolstoj ihrerzeit. Schriftsteller sind auch Menschen, wie auch Blogger, sie müssen halt nur nicht so genau sein. Die neueste Rede, die Günter Grass gehalten hat, liefert ein schönes Beispiel dafür.

Ein deutscher Schriftsteller Grass sieht seine Aufgabe darin, die Politik der USA-Regierung zu kritisieren. Bei ihm zu Hause ist dagegen alles sauber. Ach nein, ein Kritiker hat sich doch erlaubt zu mucksen. Grass prangert an:

Im Dezember des letzten Jahres wurde in Stockholm die Nobelpreisrede Harold Pinters veröffentlicht. In seinem beispielhaft schnörkellosen Text sprach sich der Dramatiker zuerst als Schriftsteller, dann als englischer Staatsbürger aus. Als seine bittere, niemanden schonende, also unser aller Versagen und rücksichtsvolles Bemänteln offenlegende Rede vorlag, löste sie hierzulande bis ins Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung blindwütige Attacken aus. Ein Theaterkritiker namens Stadelmaier versuchte Pinter als Altlinken, dessen Bühnenstücke längst passé seien, lächerlich zu machen und abzutun. An der Offenlegung von Wahrheiten, die hinter Beschwichtigungen und einem Gespinst von Lügen versteckt waren, wurde Anstoß genommen.

Harold Pinter hat tatsächlich einen brisanten politischen Text geschrieben, der in seiner Abwesenheit vorgetragen wurde, nämlich am 7. Dezember 2005. Das stimmt. Ob dies zu der Zeremonie der Nobelpreisverleihung passt, ob es sozusagen nobel ist, sei dahingestellt. Ich würde sagen, das darf ein Literat tun. Pinter hat dabei keinen Kritiker für die Kriegsverbrechen verdammt. Und hat seine Rede nicht schlechter geschrieben, als ein Michael Moore das tun würde, eben schnörkellos.

Zurück zu Grass. Der Aufsatz von Gerhard Stadelmaier, in dem der Kritiker die Verleihung des Nobelpreises in Frage gestellt hat - aus Gründen der Qualität, - ist in der FAZ am 13. Oktober 2005 erschienen. Nicht nach der Rede, sondern fast zwei Monate früher! Darin ironisiert Stadelmaier:

Wenn die Schwedische Akademie Harold Pinter für dessen Dramen zu dessen längst vergangener, also im besten und obenzitierten Sinne unmoralischer Zeit mit dem Literaturnobelpreis geehrt haben will und wenn sie das merkwürdigerweise im Jahr 2005 tut, dann muß die Akademie, deren peinliche Zwischendurch-Fehlentscheidungen sich langsam zu einer komischen Liste addieren, vor dem Pinter, wie er heute und seit gut zwanzig Jahren leibt und schreibt, derart die Augen verschlossen haben, daß es fast schon an Blindheit grenzt - oder an Ratlosigkeit. Oder an eine Privatmarotte eines der Akademiemitglieder. Alles zusammen beschädigt langsam, aber sicher den Ruf der Akademie. Oder die allgemeine Hochschätzung des Literaturnobelpreises hätte ihr Äquivalent allein in der hohen Dotierung - nicht in hoher Qualität.

Denn wenn es inzwischen einen Autor gibt, der einem sein „Anliegen” aufzudrängen versucht, der keinen Zweifel an seinem menschlichen Wert, an seiner Nützlichkeit, seinem Altruismus, seiner politischen Güte und Korrektheit aufkommen läßt, der sein Herz auf dem rechten, das heißt hier natürlich linken Fleck zu haben behauptet, und das exakt dort pulsiert, wo man in seinen Arbeiten Charaktere sehen müßte, aber nur noch leere Definitionen und hohle Klischees sieht - dann ist dies Harold Pinter. Er hat unsagbare banale, aber halt auch unsäglich brave, aufrechte, wütende Gedichte gegen den Irak-Krieg geschrieben. Er hat Mr. Blairs „Arschlecken gegenüber dem Big Business” gegeißelt. Er hat die Vereinigten Staaten von Amerika für einen GULag (ein einziges Straflager) gehalten. Er hat Freiheit für den braven serbischen Freiheitskämpfer Milosevic gefordert, den andere für einen Diktator und Schlächter halten. [...]

Harold Pinter ist zu einem intellektuellen Stammtisch-Dramatiker geworden, der mit der Faust auf den Tisch haut und: „Das mußte einfach mal gesagt werden!” dröhnt. Daß die Papiere wackeln. Und die Moral überschwappt. Hier spreizt und produziert sich ein eingebildet Engagierter. [...]

Wahrscheinlich weiß die Schwedische Akademie selbst nicht so recht, was sie will. Sie greift weniger nach Literatur. Sie greift mehr nach irgend einem Namen. Und hält sich daran fest. Der Name Pinter ist ein Halm, der stark und streng nach trocken Stroh riecht.

Ähnlich kritisch, wenn auch milder in der Beurteilung der Stücke von Pinter ist Peter Münder, der sich am 11. November 2005, also vier Wochen vor der Rede, in einem Internetforum äußerte:

Wie erklärt sich nun Pinters radikales Umdenken, seine Flucht aus dem Elfenbeinturm hin zum dezidierten Polit-Engagement?

Sein entscheidendes politisches Erweckungserlebnis hatte Pinter 1985 während eines Besuchs in der Türkei, als er zusammen mit Arthur Miller im Auftrag von PEN-International die Lage verfolgter Autoren und die Situation der Kurden untersuchte und dabei mit brutalen Foltermethoden der damaligen Militärdiktatur konfrontiert wurde. In seinem einfühlsamen Nachruf auf den im Frühjahr verstorbenen Arthur Miller evozierte er noch einmal die deprimierenden Gespräche mit den verfolgten Autoren und erinnerte an ein Dinner beim amerikanischen Botschafter in Ankara, das mit dem Rauswurf der beiden prominenten kritischen Beobachter endete. Der Botschafter hatte die US-Unterstützung für das brutale türkische Regime mit den “besonderen Bedingungen vor Ort”, vor allem auch mit der Bedrohung durch die Sowjets begründet, während Pinter vehement gegen dieses merkwürdige Demokratieverständnis protestierte und den US-Diplomaten mit der Frage provozierte: “Wie würde es Ihnen denn gefallen, wenn Ihr Penis mit Stromschlägen traktiert würde?” Als Pinter sich dann mit der Bemerkung “Ich glaube, jetzt hat man mich rausgeworfen” an Arthur Miller wandte, reagierte der ebenso prompt wie entschieden und sagte nur “Dann gehe ich mit”. Pinter beendete den Nachruf mit dem Satz: “Mit Arthur Miller aus der amerikanischen Botschaft in Ankara rausgeworfen zu werden, das war einer der stolzesten Momente in meinem Leben”.

Zweifellos hat diese emotional aufwühlende Erfahrung, die Begegnung mit gefolterten türkischen und kurdischen Autoren wie auch die Konfrontation mit der Arroganz der Macht in Gestalt eines ignoranten amerikanischen Diplomaten, bei Pinter einen Prozess der politischen Neuorientierung ausgelöst und aus dem ehemaligen Laissez-Faire-Briten einen radikal denkenden Demokraten gemacht. In Stücken wie “One for the Road” (”Noch einen Letzten”) und “Mountain Language” (”Bergsprache”) hatte Pinter dann diese Eindrücke thematisiert, indem er das brutal-bedrohliche Verhalten von Folterknechten und die Diskriminierung eines Bergvolkes sowie den Verlust einer eigenen Sprache beschrieb.

Sicher sind manche Attitüden und Proteste des Angry Old Man, der seinen Speiseröhrenkrebs nur knapp überlebte, überzogen. Man wird sich auch damit abfinden müssen, dass Harold Pinter seine Dankrede anlässlich der Preisverleihung in Stockholm als eher drastische Gardinenpredigt gestalten dürfte, in der Präsident Bush und Tony Blair als unerträgliche Bedrohung für den Weltfrieden angegriffen werden. Doch die Diskussionen über das politische Engagement dieses streitbaren Preisträgers haben die Auseinandersetzung mit dem literarischen Werk in den Hintergrund treten lassen - dabei sollte der Nobelpreis doch vor allem der Würdigung des Gesamtwerks gelten.

Sicher sind Pinters große Stücke - wie ja auch die faszinierenden Drehbücher der Filme “Accident”, “The Servant”, “The French Lieutenant’s Woman” - schon vor etlichen Jahrzehnten verfasst worden. Doch welcher zeitgenössische Autor hat sich schon so souverän und eindrucksvoll mit dem seit Eugene O’Neill (”Der Eismann kommt”) und Ibsen (”Die Wildente”) altvertrauten Motiv der Lebenslüge auseinandergesetzt wie Pinter im “Hausmeister”? Da suggeriert sich der obdachlose Hausmeister-Aspirant Davies, dem vom gutmütigen Aston ein Quartier angeboten wird, zwar selbst permanent, eines Tages werde er bestimmt seine Papiere aus Sidcup holen und sich dann einen herrlichen Schuppen bauen. Doch er verstrickt sich in bösartige Intrigen, spielt Aston gegen dessen geschäftstüchtigen Bruder Mick aus und hat am Ende alles verspielt - ohne Zukunftsperspektive und Quartier muss diese zum ewigen Vagabundieren verdammte tragische Figur wieder von vorn anfangen und sich neue Lebenslügen zurechtzimmern, um sein Scheitern zu rechtfertigen.

In diesem frühen Stück demonstriert Pinter schon seine große Kunst, hinter banalen Alltagsphrasen bedrohliche Dimensionen ungefilterter, bis ins Paranoide gesteigerter Ängste und Aggressionen aufflackern zu lassen. Seit Tschechow hat sicher kein Dramatiker so nuanciert und elektrisierend den Subtext unterhalb konkreter Inhaltsebenen mit dramatischen Spannungsmomenten aufgeladen und damit auf eine bedeutungsschwangere Beziehungsebene transponiert. Das ergibt dann wohl den immer wieder beschworenen “pinteresken” Aspekt der Stücke, der zwar mehr oder weniger diffus an Kafka erinnert, der aber immer noch ganz unvergleichlich ist.

Grass irrt sich also: Kritiker haben nicht die Rede Pinters lächerlich gemacht. Sie haben die Nobelpreisverleihung in Frage gestellt. Dafür sind sie da, die Kritiker. Wer hat sich nun lächerlich gemacht?

Sein Verteidigungsobjekt Pinter sagte in der Rede:

Moralpredigten gilt es unter allen Umständen zu vermeiden. Objektivität ist unabdingbar.

Oha, wen meinte Pinter denn?

Art Buchwald: Vertraue deinen Nieren nie!

Donnerstag, 25. Mai 2006

Einer der liebenswürdigsten amerikanischen Satiriker, Art Buchwald, dessen Kolumne ich seit Jahrzehnten gerne lese und den ich genauso gerne mit Mark Twain vergleiche, hat einen schönen Essay über seine Genesung geschrieben. Ich hätte den Text vielleicht übersetzen sollen, aber sein English ist so fein. Einige Fragmente:

Heaven Can Wait

Even though I’m in a hospice, I’m not going to Heaven immediately. [...]

For those who have been wondering what this is all about, it has to do with the fact that my kidneys weren’t working and I didn’t want to take dialysis, which is a machine you are attached to three times a week for five hours.

In February I was warned that if I didn’t take dialysis I wouldn’t survive more than two or three weeks.

Since I didn’t want dialysis, I decided to move into a hospice and go quietly into the night.

For reasons that even the doctors can’t explain, my kidneys kept working, and what started out as a three-week deathwatch has turned into nearly four months.

When word got out that I was in a hospice, I became a celebrity. I was on all the TV shows and the notice of my intentions was in all the papers, including The Washington Post and the New York Times, which made it valid.
[...]
Then the mail poured in. People were pleased that I had made my own choice. The letters and e-mails were in the thousands.

At the same time, friends came to the hospice to say goodbye. Everybody felt they should make the pilgrimage. They came with flowers, cheesecake and corned beef sandwiches.

I sat in the salon of the hospice and, pretty soon, when people came to see me, it was as if they were visiting Lourdes. They came to be blessed and cured.

Since I was expected to die soon, the French ambassador gave me the literary equivalent of the Legion of Honor. Because of the publicity I’ve gotten, the National Hospice Association made me man of the year.

I never realized dying was so much fun.

Then a few weeks ago, my doctor said I had to change course. [...]

Things I didn’t care about because I was going to die, I now had to care about. This included shaving in the morning, buying a new cellphone that works, rewriting my living will and scrapping all the plans for my funeral. I also had to start worrying about Bush again.

Alas, the people who come to visit me now look at me with great suspicion. They want to know if the whole thing was a scam. They can’t believe, after I said goodbye, I’m going to Martha’s Vineyard instead of Paradise.

I called up the TV stations and the newspapers and asked them if they would make a correction and retract the original story. They said they never correct stories about people who claimed they were dying and didn’t.

This is where I am now. I’m writing a book called, “Standby in Heaven: The Man Who Wouldn’t Die.”

I’m still seeing friends, but instead of saying farewell we discuss the Redskins.

So, dear reader, I hope you don’t feel you were duped. The moral of this column is: Never trust your kidneys.

Das erinnert mich ein wenig an den Roman “Die Glocken von Bicêtre” von Georges Simenon, mutatis mutandis. :-)