Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Das Sommerloch kann beschnitten werden, aber… Freitag, 27. Juli 2012

…wenn es um die Juden geht, kann ein Sommerloch keine genügende Erklärung sein. Alte und neue Ressentiments kriechen aus allen Löchern. Kein Ende in Sicht. Sehr bezeichnend für die laufende Debatte ist es, dass die Stimmen dafür und dagegen quer durch die üblichen Rechts- und Links-Lager liegen. Zuerst war die Zahl 56% bei den Umfragen, einen Monat später immerhin reduzierte sich diese Zahl auf 46 %. Auch diese Zahl ist noch viel zu groß. Es sind nicht alles judenfeindlich gesinnte Menschen, klar. Es sind aber alles Menschen, die es zulassen, dass die antisemitische Stimmung sich verbreitet und offen ausgetragen wird. Kein Gauck, kaum Stimmen aus der Intelligenzia melden sich zu Wort, nur einmal Merkel mit einer “Komiker-Nation”-kalten Dusche. Dieser Witz bringt viele erst recht auf die Palme. Kein Ende in Sicht.

Bei der Neuen Rechten Stimme, in der “Jungen Freiheit”, die ich normalerweise nicht verlinke und nicht zitiere, wird das Thema zweimal groß behandelt. Hier muss ich annehmen, dass Birgit Kelle denselben Text bei “The European” und bei JF publiziert hat, fast am selben Tage sogar und ohne Hinweis darauf. Zu dieser Zusammenarbeit sollte man ihr nicht unbedingt gratulieren, aber da muss Birgit Kelle selbst wissen, was sie da tut. Sie verteidigt das Recht auf die religiös motivierte Beschneidung, was bei “The European” eine aufgeregte Diskussion mit (bis heute) stolzen 135 Kommentaren auslöst. Ein Alexander Wallasch versteht

ehrlich nicht, wie sich überhaupt jemand für eine Beschneidung aussprechen kann: So ein vorsinnflutlicher Schwachsinn und den dann auch noch medizinisch zu argumentieren empfinde ich – sorry – als echte Frechheit. So als würde es sich bei der Vorhaut um einen Weisheitszahn oder so etwas handeln. Hallo? Geht’s noch?

[...] was bitteschön maßen sie sich als Frau an, hier Fürsprecher für Beschneidungen spielen zu wollen?

In der Antwort darauf bringt Birgit Kelle ihre Argumentation auf den Punkt:

Inwieweit dürfen Eltern – ganz egal aus welcher Motivation – über körperliche Eingriffe bei ihren Kindern entscheiden, die in der Regel weitreichende Konsequenzen haben. Gleiches gilt für unterlassene Handlungen der Eltern, die ebenfalls die Gesundheit und die körperliche Unversehrtheit der Kinder betreffen.
Und hier muss man mal völlig losgelöst von Religion und Tradition nüchtern feststellen, dass wir in unserer Gesellschaft sehr viele Eingriffe dulden bis hin zur Entscheidung über Leben und Tod. Wenn wir das Fass also aufmachen wollen und Sie sich gegen Beschneidung aussprechen und es richtig finden, dass dies unter Strafe stehen soll, dann dürfen Sie im Gegenzug auch nicht die Augen vor all den anderen Dingen verschließen. Entweder wir machen das Fass ganz auf, oder wir lassen es zu. Hier aber selektiv einen Tatbestand heraus zu greifen, einfach nur, weil es um Religion geht, ist rechtlich willkürlich.

Alexander Wallasch kommt dann erst richtig in die Fahrt:

Schauen Sie mal auf die einschlägigen Piercing-Seiten. Was Frauen da zu tausenden freiwillig mit diversen Teilen ihrer Vagina anstellen möchte man nie live erleben.

Um seine Haltung deutlicher zu untermauern, bringt der gute Mann auf seiner eigenen Seite eine Menge Wutausbrüche gegen die Beschneidung mit Fotos illustriert zusammen, die einen optischen Druck auf die Leserschaft machen sollen. Was er also bei Frauen nicht live erleben möchte, mutet er seinen Lesern gern zu, sehr konsequent. Eine drastische “Argumentation”, aber eine andere gibt es nicht, wenn man gegen die Juden hetzt (die Kombination des Textes, der “zur Versachlichung und Entschärfung” beitragen will, und der urologisch entstammenden Fotos macht das klar). Dafür muss allerdings ein Beitrag von RA Heinrich Schmitz geholt werden, der dem Ganzen noch eine juristische Autentizität verleihen soll (in etwa so, wie schon hier gezeigt wurde). Alexander Wallasch kommentiert nicht ohne Hinweis auf den Artikel über seine bescheidene Wenigkeit bei der Wikipedia in einem etwas aufgeregten Deutsch:

Ich verbiete mir übrigens jede Pro-Beschneidungshaltung von Frauen. Die haben dagegen zu sein, oder sich gefälligst rauszuhalten. INkl. Frau Merkel.

Zurück zur JF. Der Artikel von Birgit Kelle ist nur in der Druckausgabe vom 6.7.2012 zu lesen, auf der Seite 2. Der andere Artikel – von Baal Müller – ist online, mit üblichem Wortmüll und der Hetze gegen den Staat, die Regierung sowie “jüdische und muslimische Lobby-Verbände”, mit dem Gruß an die Linke Partei etc. Baal Müller ist sogar netter und süffisanter als Alexander Wallasch:

Die Markierung einer lebenslangen Zugehörigkeit ist ja gerade der Sinn einer irreversiblen, wenn auch physiologisch harmlosen Amputation. Die psychischen Folgen mögen gravierender sein, lassen sich aber schwer nachweisen.

Wie liest sich der Artikel von Birgit Kelle im Kontext dieser Auslassungen? Wie immer bei der JF – als der Beweis der Offenheit und demokratischer Gesinnungsbreite. Kommentatoren sind zufrieden:

[...] die Kolumne von Frau Kelle [...] dient der Meinungsbildung im wahren und positiven Sinne. Der Wahrheitsfindung.
Auch Baal Müller macht kein Geheimnis daraus, daß er nicht an ein bleibendes Verbot glaubt.
Ihn stört, wenn ich ihn richtig verstanden habe, zu recht, daß wieder einmal demokratische Regeln gebrochen, die Republik verraten wird.

Und weiter in dem typischen JF-Stil. In einer ähnlichen Form beteiligt sich die Zeitschrift der Neuen Rechten “Sezession” (im Netz) an der Beschneidungsdebatte. Mit solchen Blüten wie (Martin Böcker):

Die Probleme der Umvolkung, Entchristianisierung und Entortung können nicht mit dem Verbot der Beschneidung gelöst werden und sollten daher nicht als Argument dafür verwendet werden.

Oder im Bezug auf die jüdische Kritik der Debatte:

Das ist mehr als eine Skurrilität: es ist ein schlagendes Beispiel für die identitätsbildende, mythische, erstaunlich hartnäckige Kraft des jüdisch-messianisch-biblischen Narrativs, die in einem gewissen Sinne auch dieselbe ist, die das Abendland über zwei Jahrtausende lang, bis auf den heutigen Tag, in Gang gehalten, ja zu einem erheblichen Grade erschaffen hat.
[...] Diese Entschlossenheit, die Fundamente der eigenen Identität nicht zur Disposition zu stellen, und sei es um den Preis eines irrationalen Beharrens, ist genau das, was den Deutschen abhanden gekommen ist.

Na, das hat Martin Lichtmesz mit Brauvour hinbekommen!
Es lohnt sich jetzt auf dem anderen Ende des politischen Horizonts zu lesen, und zwar bei der “Jungle World”. Im Blog der linken Wochenzeitung schreibt zum Thema Beschneidung Thomas von der Osten-Sacken, und zwar ziemlich aufgeregt. Er belehrt die Rabbiner (Link):

[...] wer argumentiert, ein solcherart verstandenes Recht auf religiöse Selbstbestimmung (Heine, Büchner, Börne, von Feuerbach gar nicht zu sprechen, drehen sich im Grabe um) müsse als oberstes Rechtsgut behandelt werden, öffnet eine Büchse der Pandora, die zu schließen absehbar nicht mehr möglich sein wird.

Und die SPD für die Unterstützung der Rabbiner:

Für so eine Äußerung hätte man unter August Bebel in  Sekundenbruchteilen sein Parteibuch verloren.

Er empfiehlt “71 verschiedene wissenschaftliche Werke” zu lesen, “die sich mit negativen Folgen männlicher Beschneidung befassen.”

Wer danach ähnlich fundiert darlegen kann, dass all diese Untersuchungen Scharlatenerei sind oder aus völlig marginalen Publikationen stammen, kann guten Gewissens weiter die Position vertreten, Beschneidung habe niemals oder nur in zu vernachlässigend wenigen Fällen nachteilige gesundheitlichen oder psychischen Folgen für den Betroffenen.

Thomas von der Osten-Sacken kommt schnell weiter:

[...] selbst wenn Beschneidung nur in späteren Jahren negative Folgen zeitigen kann, mussten die Richter in Köln so entscheiden, wie sie entschieden haben. Jede Kritik an diesem Urteil wäre dann unlauter und populistisch.
Sollten, und vieles deutet darauf hin, die Mehrzahl der Juden in Deutschland weiter auf Beschneidung bestehen, ließe sich eine vorläufige Lösung finden, die sich etwa am Abtreibungsrecht orientiert, d. h. der Eingriff gilt zwar als illegal wird aber zugelassen.

Weiter zitiert er die Republikaner und es wird ihm bange:

Allerspätestens diese Erklärung der Republikaner also sollte als Alarmzeichen gesehen werden, wie falsch diese Debatte geführt wird und was auf dem Spiel steht.

Er meint hier nicht sich selbst, sondern die Befürworter der Beschneidung! Die machen das falsch. Kommentatoren verstehen den Wink sofort:

Die Idee, dass die Beschneidung illegal sei, aber zugelassen werde. Wo sind denn plötzlich die 71 Gründe, die dagegen sprechen? Jedem von uns ist klar, dass beispielsweise die Klitorektomie eine lebenslange Verstümmelung, ein Instrument der Unterdrückung von Frauen, weiblicher Sexualität und deren Selbstbestimmung mit nicht nur gesundheitlichen und psychischen, sondern auch sozialen Folgen ist – und nicht revidierbar. Die Beschneidung an Jungen, das darf gemutmaßt werden, hat ähnlich eingreifende Folgen – und ist ebenfalls nicht revidierbar. Sie müsste zumindest so lange ausgesetzt werden, bis die Langzeitstudie, die hier vorgeschlagen wird, durchgeführt und ausgewertet wurde. Und dann kann man weitersehen. Was aber auch bedeuten würde: Ein bis zwei Generationen gefährdeter Kinder, denen eine Genitalverstümmelung drohen würde, haben erst mal Ruhe und dürften ihre Vorhaut behalten.

Thomas von der Osten-Sacken widerspricht dem Unfug nicht. Dagegen bekommt er voll die Angst, wenn er Dirk Pilz, Patrick Bahners liest und über die Umwege mitkriegt, dass auch noch Matthias Matussek jetzt dazu kommt. Er sieht schon die Gefahr, dass da (Link)

Kleriker aller Weltreligionen sitzen und Gesetze fortan auf ihre Vereinbarkeit mit der Religion überprüfen.

Zum Glück wird in der Zeitung selbst das Gegenteil von dieser Angstmacherei publiziert, und zwar ein wirklich ausgeglichener und vernünftiger Text. Der Artikel von Alexander Hasgall mit dem Titel “Die Kriminalisierung des Judentums” gehört mit zu dem Besten, was zum Thema in diesen Wochen gesagt wurde. Sehr gut!

Mit dem Recht auf körperliche Unversehrtheit scheint eine unangreifbare Begründung gefunden worden zu sein, die »Schonzeit« für Juden für be­endet zu erklären. Es gibt in Deutschland offenbar kein größeres Problem als das Recht kleiner Jungen, keine Juden (und Muslime) sein zu müssen. In der »Beschneidungsdebatte« bricht eine antisemitische Rhetorik durch, die man eher bei Rechtsextremen und Islamisten verortet. Den bisherigen Tiefpunkt bildet eine Karikatur auf der Website des Boulevardblatts Berliner Kurier, die im Stürmerstil einen krummnasigen Juden zeigt, der einem Jungen den Penis abschneidet.

[...] Die Beschneidung am achten Lebenstag ist ein zentraler Aspekt der jüdischen Identität. Es ist nicht vorstellbar, dass ausgerechnet Deutsche hier plötzlich eine Praxisänderung erzwingen könnten. Ein Beschneidungsverbot wäre das Ende eines guten Teiles des jüdischen Lebens in Deutschland. Wer ernsthaft ein Verbot der rituellen Beschneidung fordert, muss bereit sein, offen die Verantwortung für dessen Konsequenz zu übernehmen. [...] Grundsätzlich ist jede Operation ein Eingriff in die körperliche Integrität einer Person. Dabei ist es egal, ob einem Kind die abstehenden Ohren angepasst werden, ein Muttermal aufgehellt oder die Vorhaut des Penis entfernt wird. Hier manifestieren sich gesellschaft­liche Normen. Bei der Beschneidung geht es um die Norm einer Minderheit, erst dies führte zur Debatte. [...] Ivo Bozic hat in seinem Beitrag im Jungle Blog dargestellt, dass Studien, welche die Schädlichkeit der Beschneidung nachweisen, oft von zweifelhafter Motivation und zuweilen auch wissenschaftlich problematisch sind. Sicher gibt es bei einer Milliarde betroffener Männer weltweit auch einige, bei denen die Beschneidung, wie andere Ereignisse im Leben auch, körperliche oder psychische Komplikationen zur Folge hatte, aber dass dies Ausnahmen sind, ist offensichtlich.

Den Kölner Richtern ging es nicht alleine um körperliche Unversehrtheit, sondern auch um das Recht des Kindes, später frei über seine Religionsausübung zu entscheiden. Dieser Freiheitsbegriff ist zutiefst christlich. Während im Judentum Abstammung und nach außen gerichtete Praxis die zentralen Elementen des Glaubens sind, konzentrierte sich das Christentum von Anfang an auf das innere Bekenntnis – und dabei auf die Missionierung. [...] Wer glaubt, zwischen dem Judentum und seinen zentralen Traditionen unterscheiden zu können, überträgt die eigene religiöse Sozialisierung auf andere. Und wer in einer christlich dominierten Gesellschaft Judentum und Islam auf Augenhöhe begegnen will, kann deren weithin anerkannte religiöse Praxis nicht ernsthaft mit Genitalverstümmelung an Frauen und der Einführung von Steinigungen gleichsetzen.
Juden sollten sich nicht ausgerechnet von Deutschen ihre angebliche Unzivilisiertheit vorhalten lassen müssen. Es ist nicht Aufgabe der deutschen Öffentlichkeit und Politik, dem Judentum gute Ratschläge zu geben, wie es sich reformieren sollte. Genauso wenig wie krampfhaft im vielfältigen jüdischen Leben der Gegenwart nach ­jenen Strömungen zu suchen, die dem eigenen Weltbild und Religionsverständnis am nächsten kommen. Daher hilft es auch nicht, anonyme Gruppen wie »Jews Against Circumcision« oder rituelle Alternativen zur Beschneidung wie Namensgebungsritu­ale ins Feld zu führen. Wer Antizionisten dafür kritisiert, dass sie Juden ­instrumentalisieren, um sich unangreifbar zu machen, sollte im Hinblick auf die Beschneidung nicht auf dieselbe Art verfahren.
Es gibt keine »unproblematische« Beschneidungskritik. Es ist nachvollziehbar, dass jemand Mühe mit dem Verständnis eines Rituals wie der Beschneidung hat. Die nachträgliche Rationalisierung des Rituals wie der Hinweis auf hygienische Vorteile der Beschneidung hilft hier nicht weiter. Das Unbehagen an der Beschneidung macht niemanden zu einem Antisemiten. Dieses Unbehagen gilt es aber auszuhalten. Faule Kompromisse, wie die gesetzliche Gleichsetzung von Schwangerschaftsabbruch und Beschneidung, wie von Hannah Wettig gefordert (Jungle World 29/2012), bringen die Debatte nicht weiter. Dies würde bedeuteten, das Initiationsritual in Judentum und Islam mit der Abtreibung eines Embryos gleichzustellen. Die Botschaft an die Eltern wäre: Ihr schadet euren Kindern, aber wir erlauben es euch. Dasselbe gilt für die Forderung, die Beschneidung auf Krankenhäuser und Arztpraxen zu beschränken, was einer Kriminalisierung der bisherigen Praxis gleichkommt. Hier gilt es, Stellung zu beziehen. Dabei sollte eine Forderung im Zentrum stehen: für das Recht von Juden und Muslimen, die Beschneidung nach eigenen, traditionellen Regeln weiter zu praktizieren. Auch angesichts der weltweiten Akzeptanz der Beschneidung gilt: Einen deutschen Sonderweg – gerade bei diesem Thema – darf es nicht geben.

25 Kommentare (bis jetzt) zeigen, wie verwirrend dieser Text auf die Leserschaft wirkt, kaum einer versteht den Autor.
Im “Spiegel”-Beitrag von Gunda Trepp heißt es (Link):

Im letzten Jahr mussten im Durchschnitt jede Woche fast drei Kinder in Deutschland sterben, weil sich niemand um sie gekümmert hat oder sie direkter Gewalt ausgesetzt waren. Der sexuelle Missbrauch von Minderjährigen hat um fast fünf Prozent zugenommen. Als diese Zahlen im Mai herauskamen, haben sich nur wenige Kommentatoren für das Wohl dieser Kinder interessiert. Warum haben nun alle etwas zur Beschneidung zu sagen? Mit 45 Prozent lehnt nahezu die Hälfte der Deutschen eine Beschneidung aus religiösen Gründen ab. Auch aus Gründen des Kinderschutzes. Merkwürdig.

Im “Lindwurm”-Blog wird dasselbe geradeaus und wieder mit großer Empörung ausgesprochen (Link):

Pogromstimmung wabert durch die Zeitungen. Die unselige “Beschneidungsdebatte” lässt alle Dämme brechen und lockt die niederträchtigsten Antisemiten aus ihren Höhlen.

Er zitiert aus den Kommentaren in den österreichischen Zeitungen, brr.
Der Verband der deutschen Journalistinnen sieht dagegen in der Sache nur das Sommerloch, womit wir wieder da sind, wo wir angefangen haben. Die Damen wünschen sich mehr Beiträge, die “federleicht und witzig” das Thema anschneiden.

 

Deutscher Bundestag gegen Israel: Einstimmig Einseitig Freitag, 2. Juli 2010

Ein wahrlich neues Kapitel in der deutschen Geschichte. Zum ersten Mal sind alle Fraktionen und alle Abgeordneten sich einig, sie belehren Israel, auf die Hamas zuzugehen, ohne zu merken, dass sie die Grundprinzipien der deutschen Aussenpolitik dabei verletzen. Die weltweite Empörung unter den Juden ist sehr stark, die Folgen für das Ansehen Deutschlands sind noch nicht ganz klar. Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland wird sich überlegen müssen, ob es die Zeit für das Packen der bekannten Koffer angekommen ist.
Ich zitiere besonders heikle Stellen aus dem Antrag (Link):

I.3 Die israelischen Soldaten sind mit Gewalt unter Einsatz von
Schusswaffen vorgegangen, als sie nach Aussagen der israelischen
Regierung von Aktivisten angegriffen wurden. Das Völkerrecht zieht für
die Anwendung staatlicher Hoheitsgewalt gegenüber Schiffen auf hoher
See Grenzen. Es bestehen starke Hinweise, dass beim Einsatz von
Gewalt der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit verletzt wurde.

Der letzte Satz ist falsch, bezeugt die ungeprüfte Benutzung einseitiger Information.

I.8 Die Blockade Gazas ist aber kontraproduktiv und dient den politischen
und Sicherheitsinteressen Israels letztlich nicht. Das erklärte Ziel der
Freilassung des von Kräften der Hamas widerrechtlich festgehaltenen
Angehörigen der israelischen Streitkräfte Gilad Shalit ist bislang nicht
erreicht. Die islamistische Hamas ist nicht geschwächt, sondern profitiert
politisch und wirtschaftlich, vor allem durch die „Tunnelwirtschaft“, von
der Blockade. Die Versorgung funktioniert unter der Aufsicht und zum
Vorteil von Hamas, die Abgaben auf die Waren erhebt, die über die
geschätzt rund 600 Tunnel aus Ägypten eingeführt werden. Daher hat
Hamas selbst kein Interesse daran, dass legale Übergänge nach Gaza
geöffnet werden.

Die Blokade wäre produktiver, wenn sich die EU und andere Hamas-Unterstützer an diese halten würden, wenn sie für die Shalit-Freilassung etwas getan hätten. Die Hamas profitiert in erster Linie von der EU- und UN-Hilfe.

I.10 Nach Angaben des Leiters der United Nations Relief and Works Agency
(UNRWA), John Ging, erschwert die Blockade die Arbeit der UNRWA.
So kann die UNRWA die Grundversorgung im Bildungsbereich nicht
sicher stellen, weil kaum Baumaterial eingeführt werden kann und es so
nicht möglich ist, Schulgebäude zu bauen. Hamas kann diese Situation
ausnutzen und die fehlenden Schulangebote machen, um die
Bevölkerung, vor allem Jugendliche, in ihrem Sinne zu beeinflussen.

Dass die Hamas die Arbeit der UNRWA erschwert, wird nicht einmal als Gedanke zugelassen, obwohl dafür reale Beweise vorliegen. Irrsinnig wird angenommen, dass die Hamas auf die Bearbeitung der Bevölkerung verzichten würde, falls die Blokade ausgesetzt wird.

II.3 [Die Aufforderung,] dass der
Generalsekretär der Vereinten Nationen damit beauftragt wird, mit Israel
über den Zugang nach Gaza auch auf dem Seeweg und die Schaffung
entsprechender technischer Voraussetzungen mit dem Ziel zu
verhandeln, dass unter Wahrung der Sicherheitsinteressen Israels von
den Vereinten Nationen benötigte Güter nach Gaza eingeführt werden
können;

…ist bloßes Gerede und offenbart volle Unbedarftheit des deutschen Bundestages in den Fragen der realen Politik im Krisenregion in der Kriegssituation. Beschämend ist es ausserdem, dass die Aufforderung mit dem Delegieren einhergeht, so dass keine Verantwortung für diese übernommen wird.

II.4 [Die Aufforderung,] die Forderung der Europäischen Union nach einer sofortigen Aufhebung
der Gaza-Blockade mit Nachdruck zu unterstützen und darauf
hinzuwirken, dass Israel die Positivliste von Gütern, deren Einfuhr
möglich ist, in eine Negativliste verbotener Güter wieWaffen und
waffenfähiges Material umwandelt;

zeigt genauso die Unfähigkeit, die politische Realität wahrzunehmen und auszuformulieren: Die Blokade aufzuheben würde die Änderung der Positivliste in eine Negativliste sinnlos machen und umgekehrt. Ausserdem hat die israelische Regierung das mit der Negativliste schon getan bzw. angekündigt.

In der Aussprache zum Antrag im Bundestag (Link) wurde offenbart, dass die Initiative von den Grünen ausgeht (namentlich Kerstin Müller). Die Reden sind voll falscher Behauptungen. Zum Beispiel, Wolfgang Gehrke (Die Linke):

Diese Blockade hat auch eine Schattenwirtschaft
und einen Schwarzmarkt in Gaza hervorgerufen und hat
den Terrorismus gestärkt und nicht geschwächt.

Die Zahl der Raketen vor dem Gazakrieg und nach diesem spricht eine andere Sprache.
Köstlich ist auch sein scheinheiliger Pazifismus:

Die Blockade ist so etwas wie die Fortsetzung des Krieges.
Das kann man einfach nicht akzeptieren.

Wunderschön auch seine gespielte Naivität:

Für mich ist es ein Rätsel, wie die israelische Regierung
so dauerhaft und nachhaltig gegen die Interessen
des eigenen Landes handeln kann.

Thomas Silberhorn (CDU/CSU) muss einen Eiertanz ausführen und das tut er:

Das birgt durchaus zwei nicht zu unterschätzende Gefahren:
Zum einen kann es eine Eskalation dieses Konflikts
geben. Zum anderen liegt darin eine mögliche Belastung
auch für die Koalition gegen das iranische Atomprogramm
und die iranischen Vormachtbestrebungen in
dieser Region, die auch Israel als die größte Gefährdung
für die regionale Stabilität betrachtet.

Das sind seine Gründe, darauf zu bestehen, die Blokade der Hamas aufzuheben.
Rolf Mützenich (SPD) ist davon überzeugt, dass die Lösung des Konfliktes an dem deutschen Bundestag liegt:

Ein Teil des Problems ist – das wird dadurch
ersichtlich –, dass die unterschiedlichen Gruppen
so stark in ihrer Vorstellung verhaftet sind, dass sie glauben,
diesen Konflikt nur aus ihrer Sichtweise heraus lösen
zu können, was dazu führt, dass Empathie fehlt.
Umso mehr bin ich froh, dass zwischen diesen vier Fraktionen
ein Konsens erreicht worden ist.

Seine einzige Richtung bei den Friedensgesprächen steht fest:

Ich würde
mir wünschen, dass sowohl die Bundeskanzlerin als
auch der Außenminister gegenüber der israelischen Regierung
noch aktiver werden würden, als sie das bisher
gewesen sind.

Seine einzige Sorge:

Ich sage aber auch ganz klar: Die Zeit läuft
weg. Es stehen letztlich nur noch ganz wenige Wochen
zur Verfügung. Wir müssen aufpassen, dass wir durch
unsere Politik die Spaltung der palästinensischen Gesellschaft
nicht noch verstärken.

Im folgenden Abschnitt wird noch Schlimmeres angedeutet:

Wir haben
während der Aktuellen Stunde über die Situation im
Gazastreifen gesprochen, aber auch über die Rolle des
politischen Islam. Ich glaube, wir müssen unsere Rolle
gegenüber der Hamas überdenken und die Frage klären,
wie wir damit umgehen. Wir führen im Grunde genommen
auf Bitten der israelischen Regierung schon Gespräche
mit der Hamas wegen des entführten Soldaten Schalit.
Aber wir müssen versuchen, uns aus diesen
Widersprüchen zu befreien. Denn hinter der Hamas
droht, so glaube ich, vielleicht noch eine viel größere
Herausforderung, die wir im Gazastreifen immer wieder
gesehen haben.

Meint Mützenich tatsächlich das, was er sagt, nämlich der Hamas noch mehr auf die Kosten der Shalit-Verhandlungen entgegenzukommen?
Rainer Stinner (FDP) vertritt die alte und neue FDP-Tradition gegenüber Israel: Das eine sagen und das Gegenteil tun.

Dieser Antrag
bedeutet natürlich in keinster Weise – in keinster
Weise! – irgendein Abrücken von dem gemeinsamen
Konsens im Deutschen Bundestag über unsere historisch
bedingte besondere Beziehung zum Staat Israel. Die ist
von diesem Antrag in keinster Weise grundsätzlich berührt.
Das möchte ich sehr deutlich sagen.

Seine Argumentation:

Wir hatten heute Morgen wieder
mit John Ging beim Frühstück ein interessantes Gespräch,
in dem er uns eindrücklich geschildert hat, welche
miserablen Bedingungen humanitärer Art im Gazastreifen
herrschen.

Gemeint ist der UNRWA-Mann, der als alleiniger Experte die Abgeordneten bearbeiten durfte.
Weiter:

Wir sind der festen Überzeugung, dass
die Negativsituation im Gazastreifen gegen die Interessen
Israels gerichtet ist und dass sie insbesondere die Interessen
der Hamas fördert. Denn der Hamas ist es durch
die Blockade, die wir erleben, gelungen, eine Tunnelund
Schattenwirtschaft aufzubauen, bei der sehr viel
Geld fließt und sehr viele Leute reich werden. Der für
die Entwicklung des Gazastreifens dringend notwendige
Aufbau einer tragenden Wirtschaft im Gazastreifen wird
dadurch aber nicht erreicht.
[...] Es reicht nicht aus, die Zahl der Lkws von 140 auf
etwa 160 zu erhöhen. Es geht darum, grundsätzlich an
der Blockade zu arbeiten und sie zu beseitigen, um bessere
Lebensbedingungen zu ermöglichen.

So einfach ist das! Und gleich schwuppdiwupp ist die Hamas entmachtet und dem Frieden steht nichts mehr im Wege.
Kerstin Müller (Bündnis 90/Die Grünen) will genauso wie Stinner zu Niebels aussenpolitischem Auftritt stehen. Bei ihr klingt das besonders hübsch:

Auch
ich war nicht damit einverstanden, dass man dem Entwicklungshilfeminister
den Zugang nach Gaza verweigert
hat. Wir führen dort Entwicklungsprojekte durch.
Wir haben vor, ein Klärwerk zu bauen, das sehr wichtig
und entscheidend für die dortigen Lebensbedingungen
ist. In diesem Fall muss es ihm möglich sein, sich anzuschauen,
was dort gebaut wird.

Wie bekannt, ist noch gar nicht klar, ob die Bauarbeiten anfangen werden. Also nur ein blabla. Sie macht auch kein Geheimnis daraus, für wessen Lob sie das alles arrangiert:

Ich hatte heute ein Gespräch mit John
Ging, dem Leiter von UNRWA. Ich weiß nicht, ob einige
von Ihnen ebenfalls die Gelegenheit dazu hatten; er ist
auch morgen noch einmal hier. Er ist begeistert davon,
dass gerade von Deutschland ein solches Signal ausgeht.
Weder die armen Palästinenser noch die israelischen Hardliner wurden also konsultiert. Na toll! Das bestätigt sie auch noch deutlicher:
Ich will hier noch kurz darauf eingehen, dass es die
Sorge gibt, damit würden die Sicherheitsinteressen Israels
nicht gewahrt. Wir sagen hier sehr klar: Das soll
mit Israel vereinbart werden. Die Idee ist, dass entweder
in Aschdod oder in Zypern eine Kontrolle stattfindet und
erst dann die Schiffe nach Gaza gelassen werden. Damit
würde man erstens einen unbürokratischen Zugang
schaffen und zweitens denjenigen den Wind aus den Segeln
nehmen, die vielleicht unter ganz anderer politischer
Flagge demnächst wieder auf Gaza zusteuern wollen.
Das ist der Charme der Idee, zusätzlich einen
Seeweg zu eröffnen.

Das ist der Charme, dass die israelische Regierung nicht einmal gefragt wird. Und noch mehr Charme strahlt Kerstin Müller aus, wenn sie sagt:

Wir sehen in Europa zunehmend eine
antiisraelische Stimmung. Ich halte es auch deshalb für
wichtig, dass wir mit konkreten Initiativen – das hat
John Ging heute noch einmal deutlich gesagt – nach
vorne blicken und sehen, wie man die Lage verbessern
kann.

Realistisch und durchdacht, nicht wahr?
Philipp Mißfelder (CDU/CSU) ist in dieser Runde ein besonderes Gewicht, da er zu alldem noch im llustren Verein gegen Antisemitismus mit vorsitzt und wie Niebel ganz genau weiß, bei welchem Mist er mitmacht. Deswegen bleibt er auch lieber beim Nichtssagenden, um später nicht belangt zu werden:

Mit der heutigen Debatte und dem gemeinsamen
Antrag setzen wir ein Zeichen. Wir zeigen,
dass es uns wichtig ist, die Konflikte gemeinsam an der
Seite Israels zu lösen. Gerade vor dem Hintergrund unserer
historischen Verantwortung und unserer Geschichte,
die in der heutigen Zeit nicht von Schuld, sondern von
großer Verantwortung geprägt ist, geht es darum, gemeinsam
die Ziele des Friedens zu erreichen. Ich finde, unser
Antrag ist dabei sehr hilfreich.

Er setzt ein Zeichen, damit ist schon alles gesagt.
Am Ende sei noch eine ruhige Ablehnung des Antrags seitens Zentralrats der Juden in Deutschland erwähnt (Link), die noch nicht komplett zur Verfügung stehende scharfe Kritik vom Simon Wiesenthal Center (Link) sowie ein kleiner kritischer Artikel von Clemens Wergin (Link). Ansonsten großes Schweigen. Ich interpretiere dieses Schweigen als große Trauer.
UPDATE: Inzwischen sind weitere Kommentare online. Von Axel Zacharias, der den deutschen Bundestag gegen das Simon Wiesenthal Center verteidigt (Link):

Der bekannte Reflex, solcherart wohlmeinende Kritik gleich abzubügeln, kam diesmal merkwürdigerweise nicht aus israelischen Regierungskreisen, wohl aber mit fast pöbelnder Wortwahl von einer jüdischen Menschenrechtsorganisation. Das nun wieder lässt tief blicken.

Von Christian Böhme, der im höchtsen Maße alarmiert ist (Link). Von Henryk Broder, der es schafft, auch aus dieser Story einen gut sitzenden Witz über den gesamten deutschen Bundestag abzuleiten (Link):

War früher die so genannte Judenfrage das überparteiliche Band, das die Deutschen zusammenhielt, so ist es heute die Palästina-Frage, die ein Gefühl der nationalen Einheit erzeugt. Ein Parlament und eine Regierung, die von einer hausgemachten Krise nach der anderen kalt erwischt werden, die sich nicht einmal auf den Mehrwertsteuersatz im Hotelgewerbe einigen können, wollen einen maßgeblichen Beitrag zur Befriedung des Nahen Ostens leisten. Wie Kinder, die beim Monopoly-Spiel Opel übernehmen und Karstadt vor dem Bankrott retten möchten.
Ob der Bundestag eine fraktionsübergreifende Resolution zu Gaza abgibt oder erklärt, die Erde sei eine Scheibe, die auf dem Rücken der Fraktionsgeschäftsführer ruht, ist für den Verlauf des Weltgeschehens freilich vollkommen irrelevant. Das ist einerseits tröstlich, andererseits erschreckend. Die Abgeordneten wollen nur spielen. Gestern war es die Reise nach Jerusalem, morgen wird es wieder Räuber und Gendarm sein.

Von Ulrich W. Sahm, der den Antrag wie immer brillant und scharf genau auseinandernimmt und an diesem nichts Gutes findet (Link):

Dieser Vorschlag zeugt von Naivität und einem gefährlichen Unwissen. Der Staat Israel, dessen Existenzrecht erst noch anerkannt werden muss, sollte vorsichtig sein, sich von deutschen Parlamentariern seine eigenen „Sicherheitsinteressen“ vorschreiben zu lassen, wenn ihnen nicht einmal elementare Fakten bekannt sind.

 

Christian Stöcker blamiert den Spiegel Sonntag, 6. Juni 2010

Der Artikel von Christian Stöcker (“Propaganda-Satire blamiert Israels Regierung”) von gestern hat viele erreicht, er wird viel verlinkt und getwittert. Er ist aber auch ein Beispiel für antiisraelische Propaganda und wird in diesem Sinne in die Geschichte der deutschen Journalistik eingehen.

Inzwischen weiß die Welt, wer die 9 Toten sind, die Opfer des eigenen Vorhabens auf dem Hauptschiff der “Free Gaza”-Aktion. Bei Stöcker sind die türkischen Islamisten weiterhin bloß “neun Passagiere”. Alle wissen: Die Flotte wurde mit dem Ziel geschickt, die Seeblockade zu brechen, d.h. als eine kriegerische Einmischung auf der Hamas-Seite. Bei Stöcker wird die “Hilfsflotte” “attackiert”. Die veröffentlichten Videos (sowohl von den in Beschlag genommenen Kameras des Schiffes und dessen Besatzung als auch der israelischen Marine) stellen den Ablauf und die Art der Konfrontation dar. Bei Stöcker “sollen” sie die Sicht der israelischen Armeeführung “zeigen”. Auch die Kontrolle über ein weiteres Schiff verlief nur “augenscheinlich friedlich”, nicht einfach friedlich, wie schon mehrere davor. Darüber darf der Leser nichts erfahren.

Die Satire des latma-Studios gefällt Christian Stöcker nicht. Das ist verständlich. Sie zielt auf den Jornalismus, wie er ihn betreibt, und trifft Christian Stöcker offensichtlich direkt. Das ist auch gut so.

Auch bei der Beschreibung der Inszenierung erwähnt er noch einmal Bilder, “die zeigen sollen, wie Israels Soldaten angegriffen wurden.” Nicht zeigen, sondern eben zeigen sollen. Feine Sache.

Weil Christian Stöcker daraus nicht mehr herausholen kann, greift er die Art der Verbreitung und der Finanzierung dieses Clips an. Nun sollte gerade er besser wissen, dass die eigentliche Verbreitung dieses Videos via Internet gelaufen ist und nicht durch die Empfehlung des israelischen Presseamts. Das kann er auch nicht zugeben, er muß eine Connection zwischen dem israelischen Militär und der amerikanischen Finanzwelt herstellen, das tut er.

Die Uno, der Menschenrechtsrat, viele europäischen Politiker stellen sich auf die Seite der Hamas, Christian Stöcker kann sich ganz sicher in dieser Mitte fühlen. Auch er hat mitgemacht.

Nur wird er nie an die journalistische Größe einer Caroline Glick herankommen, die er abwertend der “konservativen” “Jerusalem Post” ganz korrekt zuordnet. Sie ist eine hervorragende Kolumnistin. Er dagegen “soll” einen Journalisten zeigen.

Er wird sich wohl wundern, dass ein anonymer Autor der anderen Youtube-Satire unbekannt bleiben möchte. Dieser Passus ist bestimmt zu kompliziert für ihn. Ich meinerseits wende mich an die unbekannten Autoren dieses weiteren Clips mit dem Angebot, deren Arbeit gerne mitzufinanzieren. Einfach so, damit Christian Stöcker sich ärgert.

 

Volltreffer Samstag, 1. April 2006

Filed under: Blogging,Der Spiegel,Medien,Politik,USA — peet @ 15:48 Uhr
Tags: , , ,

Helen Thomas ist 85 Jahre alt, eine erfahrene Journalistin beim Weißen Haus in Washington. Drei Jahre lang (!) bekam sie keine Möglichkeit, eine Frage an den Präsidenten Bush Jr. zu stellen. Am 21.März durfte sie fragen.

THE PRESIDENT: Helen. After that brilliant performance at the Grid Iron, I am — (laughter.)

Q You’re going to be sorry. (Laughter.)

THE PRESIDENT: Well, then, let me take it back. (Laughter.)

Q I’d like to ask you, Mr. President, your decision to invade Iraq has caused the deaths of thousands of Americans and Iraqis, wounds of Americans and Iraqis for a lifetime. Every reason given, publicly at least, has turned out not to be true. My question is, why did you really want to go to war? From the moment you stepped into the White House, from your Cabinet — your Cabinet officers, intelligence people, and so forth — what was your real reason? You have said it wasn’t oil — quest for oil, it hasn’t been Israel, or anything else. What was it?

THE PRESIDENT: I think your premise — in all due respect to your question and to you as a lifelong journalist — is that — I didn’t want war. To assume I wanted war is just flat wrong, Helen, in all due respect –

Q Everything –

THE PRESIDENT: Hold on for a second, please.

Q — everything I’ve heard –

THE PRESIDENT: Excuse me, excuse me. No President wants war. Everything you may have heard is that, but it’s just simply not true. My attitude about the defense of this country changed on September the 11th. We — when we got attacked, I vowed then and there to use every asset at my disposal to protect the American people. Our foreign policy changed on that day, Helen. You know, we used to think we were secure because of oceans and previous diplomacy. But we realized on September the 11th, 2001, that killers could destroy innocent life. And I’m never going to forget it. And I’m never going to forget the vow I made to the American people that we will do everything in our power to protect our people.

Part of that meant to make sure that we didn’t allow people to provide safe haven to an enemy. And that’s why I went into Iraq — hold on for a second –

Q They didn’t do anything to you, or to our country.

THE PRESIDENT: Look — excuse me for a second, please. Excuse me for a second. They did. The Taliban provided safe haven for al Qaeda. That’s where al Qaeda trained –

Q I’m talking about Iraq –

THE PRESIDENT: Helen, excuse me. That’s where — Afghanistan provided safe haven for al Qaeda. That’s where they trained. That’s where they plotted. That’s where they planned the attacks that killed thousands of innocent Americans.

I also saw a threat in Iraq. I was hoping to solve this problem diplomatically. That’s why I went to the Security Council; that’s why it was important to pass 1441, which was unanimously passed. And the world said, disarm, disclose, or face serious consequences –

Q — go to war –

THE PRESIDENT: — and therefore, we worked with the world, we worked to make sure that Saddam Hussein heard the message of the world. And when he chose to deny inspectors, when he chose not to disclose, then I had the difficult decision to make to remove him. And we did, and the world is safer for it.

Am nächsten Tag hat die “New York Times” den nächsten Zug gemacht:

But behind closed doors, the president was certain that war was inevitable. During a private two-hour meeting in the Oval Office on Jan. 31, 2003, he made clear to Prime Minister Tony Blair of Britain that he was determined to invade Iraq without the second resolution, or even if international arms inspectors failed to find unconventional weapons, said a confidential memo about the meeting written by Mr. Blair’s top foreign policy adviser and reviewed by The New York Times.

“Our diplomatic strategy had to be arranged around the military planning,” David Manning, Mr. Blair’s chief foreign policy adviser at the time, wrote in the memo that summarized the discussion between Mr. Bush, Mr. Blair and six of their top aides.

“The start date for the military campaign was now penciled in for 10 March,” Mr. Manning wrote, paraphrasing the president. “This was when the bombing would begin.”…
The memo also shows that the president and the prime minister acknowledged that no unconventional weapons had been found inside Iraq. Faced with the possibility of not finding any before the planned invasion, Mr. Bush talked about several ways to provoke a confrontation, including a proposal to paint a United States surveillance plane in the colors of the United Nations in hopes of drawing fire, or assassinating Mr. Hussein.

In weiteren Weblogs wurde die Story komplett zu Ende geführt. Eine Zusammenfassung der (wohl gemerkt anders klingenden!) Bush-Äußerungen zum Thema hat ein Blogger aus Pittsburgh online gestellt. Verschiedene Videoaufnahmen runden das Bild ab. Hier - die offizielle Aufnahme, hier - eine qualitativ bessere Fernsehübertragung, hier - eine Satire. Einige Kommentare sind auch nicht schlecht – hier ein Artikel aus der “Washington Post” mit einigen Hintergrundinfos, hier - ein Versuch, hinter den Zeilen zu schauen. Und hier kann man noch mehr von Helen Thomas lesen, die jetzt Dutzende von Rosen bekommt…

Und “Der Spiegel” will von der Brisanz der Story nicht viel wissen:

Der oberste Befehlshaber der US-Army klingt neuerdings weniger martialisch: Der Irak-Krieg habe seinem Ansehen geschadet, räumte Präsident Bush nun erstmals ein. Er selbst habe den Krieg nicht gewollt.

Na gut. Dann lesen wir halt mehr in Weblogs weiter. :-)

 

Feministische Pointe

Martin Buchholz beschliesst seinen aktuellen “Wochenschauer” (vom 31.3.2006) mit einigen entzückenden Wort-witzen (und -spielen):

Der “Spiegel” mausert sich dabei immer mehr zum Zentralorgan des patriarchalen Revanchismus. In der Titelgeschichte über die kinderlosen Ego-Männinnen werden einmal mehr die Ur-Instinkte des Sippenhaften als arterhaltend gepriesen. Entsprechend wird die achtundsechziger Anti-Sippe nur noch als eine entartete wahrgenommen. Das ist die neue, alte Botschaft des “Spiegel”: “Das Stammhirn sagt: Blut ist dicker als Wasser.” Das eigene Blut ruft nach völkischer Gemeinschaft und entsprechender Über-Zeugungskraft. Wie gehabt: Blut und Hoden.

Die Rollenverteilung ist stammesgeschichtlich klar vorgegeben: Als genetische Kleistermasse benötigen wir das Weibliche. “Frauen werden gebraucht als sozialer Kitt”, dumpft es aus den Stammhirnen der “Spiegel”-Autoren heraus, denn dazu hätten sie “die Gabe der Selbstlosigkeit und Aufopferungsfähigkeit”. Ähnlich hatte es Stammvater Helmut Kohl schon in seiner damaligen geistig-moralischen Wende-Erklärung formuliert: “Die Frauen sind und waren stets unser Mittelpunkt.”

Man muß den Satz nur richtig betonen, um die volle patriarchale Wahrheit zu vernehmen:

Die Frauen sind und waren stets unser Mittel.

Punkt.

 

 
Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 27 Followern an