Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Beschnittener Optimismus Mittwoch, 15. August 2012

Die Debatte über die Beschneidung will kein Ende haben, grausig. Die TV-Talkshow bei Maischberger und das mediale Echo darauf will ich hier kurz zusammenfassen.

Die Sendung wurde von einer erfahrenen und im positiven Sinne neutral wirkenden Moderatorin gut geführt, alle Teilnehmer zeigten sich wie sie sind, es war leicht, eine eigene Meinung über Personen und Inhalte zu bilden. Eine bessere Arbeit als Anne Will hat Sandra Maischberger auf jeden Fall geleistet. Das ist der Pluspunkt. Ansonsten, wie mediale Reaktionen es zeigen, bleibt es weiterhin eine Schande, dass die deutsche Debatte so intolerant gegenüber der immer noch fremden und immer noch unbekannten Kultur geführt wird. Darin hat Dieter Graumann Recht: Die Debatte ist “viel schädlicher als alle Beschneidungen”. Mein Wort!

Unzählige meist antisemitische Kommentare sind die Folge. So bei der WAZ, wo nur eine dapd-Meldung publiziert wird, so auch bei der “Frankfurter Rundschau”, wo das Thema gleich zweimal am selben Tage angeschnitten wird. Bei der korrekten Besprechung der Sendung durch Torsten Wahl:

Einen großen Toleranztest nannte Zentralratschef Graumann abschließend die Diskussion – viel Toleranz haben die Befürworter der Beschneidung in dieser Sendung nicht erfahren.

So auch bei dem starken, fast schon kampflustigen Text von Christian Bommarius, der die klare Parallele zwischen dem “Stürmer”-Antisemitismus und der aktuellen Debatte aufdeckte:

Es ist natürlich schön, dass die Deutschen ihre Haltung zu den Menschenrechten derart modifiziert haben, dass sie heute glauben, den Juden darin Unterricht erteilen zu können.

Noch schöner wäre es, ihnen würde bewusst, wie lächerlich und beschämend ausgerechnet in Deutschland – als einziger Demokratie der Welt – ein Beschneidungsverbot wäre. Es wäre ein Triumph hochnäsiger Geschichtsvergessenheit.

Christian Geyer hat in der FAZ die Sendung zum Anlass genommen, die Religion per se zu verteidigen. Deswegen für ihn ist das

Eine lohnende Beschneidungsdebatte.

Weil es zeigen lässt, in Deutschland sei

ein präpotenter Ton gegenüber Gläubigen eingeschlichen, der sich selbst bloßstellt und dringend zurückgenommen werden sollte.

Negativ beurteilt die Sendung Tim Slagmann in der “Welt”, er macht kein Geheimnis aus seiner eigenen Position gegen die Beschneidung überhaupt:

Verbissen diskutierten die Gäste bei Maischberger – ohne sich Argumenten zu öffnen. [...] Andererseits war es erstaunlich, wie sehr sich die Diskutanten in ihren je eigenen Aspekten verloren, um Kontrahenten dann umgekehrt vorzuwerfen, diese sähen das Wesentliche, Gesamte, Andere der Debatte nicht. Graumann etwa wiederholte, die Beschneidung sei das Fundament des jüdischen Glaubens. Seit Jahrtausenden, fertig, Punkt.

Die Mühe, diese Bedeutung zu erläutern, herzuleiten oder sie gar für eine historisch-kritische Lesart zu öffnen, machte Graumann sich nicht. Warum man die Heranwachsenden nicht selbst entscheiden lassen könnte, mit 16 oder 18 Jahren?

Necla Keleks Meinung fand Tim Slagmann dagegen “durchaus schlüssig”. Und er fand sich selbst mutig bei der Fragestellung, “ob da nicht wieder einmal gegen das Volk regiert werde.”

Noch mehr von der vox populi kann man bei einer Blogreaktion lernen, in der ein Jürgen Bakos es auf den Punkt willig bringt, worum es der gesunden Volksgemeinschaft geht, nämlich:

Warum sind Frau Maischberger und Frau Will nicht in der Lage, die entscheidende Frage zu stellen? Nämlich ob es die Beschneidungsfreunde einen Dreck interessiert, was das Volk des Landes, in dem sie leben, darüber denkt?

So schreibt er auch geradeheraus, was er bei Christian Bommarius vermisst, nämlich:

einen Willen der Gemeinschaft wenigstens in Betracht zu ziehen.

Eine bemerkenswerte Reaktion ist auch von einem türkischstämmigen Blogger Akın Ruhi Göztaş bei Turkishpress (Link) zu lesen. In einem dialektal gefärbten Deutsch wird hauptsächlich Necla Kelek fertig gemacht und Dieter Graumann gleichzeitig wohlwollend gelobt:

Der sogenannte Jude hat allen gezeigt, wie es geht. [...]  diese können sich seit jeher sehr gut präsentieren.

Offensichtlich ohne Ironie gemeint. Das sind Blüten der Beschneidungsdebatte. Deutschland kann man dazu gratulieren. Auch zu den unsäglichen Beiträgen von Necla Kelek und Christa Müller in dieser Sendung. Man wird mehr und mehr zur “Komikernation”. Wie wahr!

 

Es merkelt Freitag, 3. August 2012

Filed under: Deutschland,Europa,FAZ,Politik — peet @ 19:51 Uhr
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In der heutigen FAZ empört sich Gertrud Höhler, die ehemalige Beraterin von Helmut Kohl, über den “autoritären Sozialismus”, den sie als System Merkels sieht. Ein schwülstiger pseudoliterarischer Stil, eher typisch für “Die Zeit”, aber immerhin richtig. Es fehlt nur die Einordnung in die geschichtliche Entwicklung. Merkel hat gut gelernt, sowohl von Kohl als auch von Gerhard Schröder, überhaupt ist ein nicht zu stoppender Verfall der europäischen Ideen in Sicht, eine Merkel kann das nicht verhindern, sie macht einfach nur mit. Und vom “Zerfall der Demokratie” zu schwatzen, wie es Höhler tut, heißt, in meinen Augen, nicht viel von der Demokratie zu verstehen.

Besonders lustig finde ich allerdings die selbstentlarvende Replik Sigmar Gabriels, der über diesen Artikel begeistert twitterte:

ein entlarvender Beitrag

Ja, ja, selber aber nicht anders. Populisten unter sich…

 

Beschneidung ohne Ende Montag, 23. Juli 2012

Die mediale Landschaft wie die Blogosphäre Deutschlands können sich nicht beruhigen. Gestern kam in der FAZ eine Offenbarung eines “jüdischen Arztes” zur Bewunderung freigegeben (die britische Telegraph druckte einen Zwillingsbruder dieses Textes, schon wieder mit einem guten Juden als Autor, der diesmal Jake Wallis Simons heißt und sich genauso nicht schämt wie Gil Yaron, dieser wie jener wissen einfach nicht, worüber sie schreiben). Heute beschäftigt sich die FAZ mit demselben Thema in noch zwei Texten. Stefan Schulz beweist seine Belesenheit folgendermaßen:

Nur gesunde Körper werden verletzt.

Patrick Bahners ist zu größeren geistigen Leistungen fähig. Er philosophiert ganz ordentlich, mit für ihn typischen Sprengfallen und Sprüngen:

Es geht um menschenrechtliche Normalität. Der Verweis auf das Verbot der Holocaustleugnung und die von der Bundeskanzlerin zum Element der Staatsräson erklärte Freundschaft mit Israel führt in die Irre. Die Gründe für das schnelle Handeln mit dem Ziel einer Klarstellung des Gesetzgebers fallen nicht zusammen mit den Gründen für das Gesetz.

Sollte die historisch gebotene Rücksichtnahme Deutschlands auf die Juden der Grund für die Verneinung der Strafbarkeit abgeben, wäre die Hinnahme der Beschneidung als Ausnahme charakterisiert. Und damit wäre den Antisemiten Recht gegeben, die die Parole verbreiten, vor dem aufgeklärten Bewusstsein seien die Riten der Juden nicht zu entschuldigen. Der Professor, der Putzke in dessen Assistententagen auf das Beschneidungsthema ansetzte, war durch die Lektüre Necla Keleks darauf gekommen. Wie in der Islamkritik bricht in der Beschneidungsdebatte ein rabiat religionsfeindlicher Zeitgeist durch, der im Internet zu sich gekommen ist. Durch die Meinungsforen wälzt sich eine Flutwelle der Zustimmung zum Urteil aus Köln. Ein bewundernswertes Gespür für die kommunikativen Anforderungen der heiklen Lage, in der sich die deutsche Politik deshalb befindet, spricht aus dem vor ein paar Tagen kolportierten Wort Angela Merkels, Deutschland dürfe nicht zur Komikernation werden: unschlagbar knapp und trocken, wie das „nicht hilfreich“ zur Entzauberung Sarrazins.

Der Sarkasmus der Kanzlerin ist eine Übung des Takts. Ihre drastische Warnung lenkt ab von der wahren Gefahr: Ein deutscher Sonderweg des Beschneidungsverbots müsste in der Welt als Ausdruck eines humanistisch legitimierten Antisemitismus aus schlechtem Gewissen verstanden werden, wie er in den Enthusiasmus für die Sache der Palästinenser eingeht. Wenn es so nicht gemeint gewesen sein soll, dann nimmt man den Mangel an Urteilskraft im Kölner Urteil lieber als grotesken Fauxpas, als Rechenfehler von astronomischem Ausmaß.

Er macht Putzke fertig (deswegen heißt der Artikel “Ein Rechenfehler”):

Im Kleingedruckten eines Artikels in der „Neuen Juristischen Wochenschrift“ ging Putzke nebenbei auf das Gesetz über die religiöse Kindererziehung aus dem Jahr 1921 ein. „Zur damaligen Zeit“, schrieb er, „setzte sich die Bevölkerung mehrheitlich aus Protestanten und Katholiken zusammen. Andere Bekenntnisse spielten in der Lebenswirklichkeit genau genommen keine Rolle.“ Genau genommen! Die ungeheuerliche Gedankenlosigkeit dieses Satzes ist charakteristisch für das unhistorische Denken hinter der Kampagne gegen die Knabenbeschneidung. Putzke projiziert das Ergebnis von Hitlers Vernichtungspolitik zurück auf die Weimarer Republik und bürgert die Juden aus dem nationalen Gedächtnis aus.

Er vergisst aber, wie wir soeben sahen, auch sein Lieblingsthema – die Religionsfeindlichkeit – nicht und macht sich nebenbei lustig über die (nicht vorhandene) “menschenrechtliche Normalität” für die Juden und für Israel. Am Ende steht Gil Yaron ganz blaß im Schatten von Patrick Bahners, der auf die Gefahren “eines humanistisch legitimierten Antisemitismus aus schlechtem Gewissen” hinweist. Fronten bewegen sich, wie auch im Fall von Christian Bommarius, der auf einmal den Antisemitismus auch entdeckte.

Viel bescheidener aber sinnvoller geht das Thema Harald Martenstein an:

Nichts, kein Terroranschlag, kein Euro, kein Hunger und kein Krieg, erregt die Deutschen so sehr wie die Vorhaut. Das Volk sagt mehrheitlich: „Na, endlich! Schluss mit der Barbarei!“ Ich habe etwa 500 Volksmeinungen gelesen. Nicht die Mehrheit, aber ein beachtlicher Teil davon ist antisemitisch. Das macht mir mehr Angst als jedes Chirurgenmesser.

In den Kommentaren dazu meldet sich zu Wort ein sympatischer junger Mann, hier mit dem Nicknamen Sebush (eigentlich Sebastian Horndasch), der ehrlich und glaubwürdig seine Lebenserfahrungen mit der jüdischen Community im Blog “Neon” beschreibt, im guten Ton und mit Verständnis. Fast schon eine Ausnahme in diesen Tagen.

… die Beschneidung der männlichen Vorhaut ist – warum auch immer – ein extrem wichtiger Bestandteil dieser Identität. Der Gedanke, seinen Sohn nicht nach acht Tagen beschneiden lassen zu dürfen, ist eine tiefe seelische Verletzung für alle Juden. Wird der Junge nicht beschnitten, wird seine Identität und die seiner Familie beschnitten.

Klare Worte findet für die bescheuerte Debatte letzter Wochen auch Sina Hawk, eine schreibende Leipzigerin:

Ich bin vollkommen begeistert von dieser Debatte und finde, kommende Generationen sollten auf diesen Schwachsinn hinab sehen und ihn sich als Anekdote erzählen aus einer Zeit, in der jeder meinte, sich überall einmischen zu müssen.

Sehr empört ist zum Beispiel auch “Der Lindwurm” (Bernhard Torsch aus Kärnten):

Die Beschneidungsdebatte ist, so wie sie geführt wird, natürlich eine antisemitische und antimuslimische. Wenn ausgerechnet ein deutsches Gericht ein Urteil fällt, dass sich massiv negativ auf einen konstituierenden Teil jüdischer Religion, jüdischer Tradition und jüdischer Identität auswirkt, wenn die Nazis darüber jubeln und den Juden bereits eine “gute Heimreise” wünschen und die Hälfte der Deutschen laut Umfragen ganz ähnlich denkt, dann muss doch auch der Dümmste begreifen, dass es hier natürlich nicht um das Selbstbestimmungsrecht von Kindern geht, um Sinn oder Unsinn der Beschneidung, sondern allein darum, den Juden als Barbaren zu verleumden, der böswillig seine eigenen Söhne verstümmelt, während man sich selbst als ganz doll aufgeklärten Humanisten imaginiert, der mit dem Gestus des Kolonialherren angewidert die Bräuche der Primitiven anprangert.

Im Vergleich dazu wirkt auffallend, dass die jüngeren Jünger Broders vollkommen verwirrt sind. So “Aron Sperber“, so auch “Die Menschenrechtsfundamentalisten“. Sie sehen sich jetzt herausgefordert, sich zwischen den Positionen von Broder und Kelek zu entscheiden, und merken nicht, dass es hier keine Entweder-Oder-Frage ist.

 

Ein jüdischer Arzt und ein deutscher Aufklärer Sonntag, 22. Juli 2012

Gil Yaron hat kein Problem damit, sich als “jüdischer Arzt” zu titulieren. Wolfgang Michal hat Angst vor “dem religiös-reaktionären Rollback”. Die Medienlandschaft wird düsterer.

Yaron beichtet seine Probleme mit der Beschneidung der FAZ und der deutschen Leserschaft. Ein guter Jude ist immer willkommen. Er denkt ja so logisch und baut so tolle Entweder-Oder-Schlussfolgerungen:

Für mich, der nach Israel auswanderte und dort unter Juden lebt, ist es leicht sicherzustellen, dass meine Kinder ihr Judentum auch für weitere Generationen bewahren werden. Andernorts ist dies eine gewaltige Herausforderung. Die Versuchungen sind vielfältig, der Assimilationsdruck ist groß. Was ist leichter und andauernder als durch den kleinen, wenig traumatischen Eingriff sicherzustellen, dass mein Sohn sich mehrmals täglich beim Pinkeln seine Wurzel und eine Erinnerung an seine Herkunft vor Augen und in Händen hält?

Doch dieses Argument degradiert Zugehörigkeit zu einem sofort löslichen Begriff, einem Instant-Kniff, der es uns ersparen soll, Liebe zur jüdischen Tradition durch geduldige Erziehung und das Vorangehen mit eigenem Beispiel zu wecken. Den meisten von uns ist es bequemer, beim Fest des Brith Shrimps zu servieren, als den Schabbat einzuhalten.

So einfach, eben entweder – oder. Da im Laufe des Artikels Yaron vom “jüdischen Arzt” und deutschen Journalisten zum Ratgeber mutiert, sieht er es als seine Aufgabe zu empfehlen:

 Juden sollten die kommenden 15 Jahre in Deutschland nutzen, um sich zu vergegenwärtigen, warum sie ihre Söhne beschneiden: ob sie das wirklich wollen oder nur aus Angst davor tun, anders zu sein.

Genau hier setzt sein Gegenpart bei den Intellektuellen der carta auch Akzente. Michal sagt das nur deutlicher:

So mag das unveränderliche Merkmal des Beschnittenseins die religiöse Identität eines tapferen Volkes gewahrt haben, doch dieses Ritual war auch immer eine zwanghafte xenophobe Abwehrmaßnahme gegen die „Vermischung“ mit allem Fremden.

Er weiß alles über jüdisches und muslimisches Leben in Deutschland und kann sowohl Volker Beck als auch Heribert Prantl belehren:

Beck begründet sein Eintreten für die Beschneidung – ebenso wie Prantl – damit, dass jüdisches und muslimisches Leben in Deutschland weiterhin möglich bleiben müsse. Beide tun gerade so, als sei jüdisches und muslimisches Leben in Deutschland ohne das Ritual der Kinder-Beschneidung unmöglich.

Warum nur muss ich an dieser Stelle Christian Bommarius zitieren:

Die erregte Debatte um das Recht oder Unrecht der Beschneidung hat Interessantes zutage gefördert: Rund die Hälfte der Deutschen ist davon überzeugt, dass Muslime und Juden ihre männliche Nachkommenschaft vorsätzlich genital verkrüppeln, im zarten (Muslime-) oder zartesten (Juden-) Alter in einem blutigen Akt der Barbarei die Körper der männlichen Jugend irreversibel verletzen und die sexuelle Identität beschädigen.

Das Entsetzen, das dieses archaische Gemetzel in den sanften Gemütern der aufgebrachten Deutschen hervorruft, ist derart gewaltig, Abscheu und Empörung über das im Namen einer Religion begangene Verbrechen sind derart überwältigend, dass die Selbstdisziplin nur zu bewundern ist, mit der die Hälfte der Deutschen jahrzehntelang Entsetzen, Abscheu und Empörung für sich behalten, still gelitten und duldsam geschwiegen hat, bis sie endlich in diesem Sommer ein Urteil der 1. Kleinen Strafkammer des Landgerichts Köln aus ihrer stummen Qual erlöste und – in diesem Falle sehr zu Recht – „im Namen des Volkes“ die Beschneidung als rechtswidrige Körperverletzung (vulgo: religiöse Barbarei) in den juristischen Orkus schickte. Seit Generationen hatten Millionen Deutschen offenbar aus ihren Herzen eine Mördergrube gemacht. Jetzt haben sie die Grube geöffnet. Was ein Urteil in Deutschland nicht alles vermag.

Und Dirk Pilz auch:

Die Beschneidungsdebatte zeigt dies wieder einmal: Sie ist ein Kampf unter fundamentalistischen Ahnungslosen, weil es lediglich darum geht,  die verschiedenen, zu bloßen Götzen gewordenen Götter gegeneinander auszuspielen. Vernunft gegen Gott, Recht gegen Ritus.  Bedrohlich für eine demokratische Gesellschaft ist dieser Glaubenskampf, weil sich weder mit Ahnungslosen noch mit Fundamentalisten streiten lässt: Sie haben keine Argumente, sondern nur Meinungen.

Die Dämmerung der Aufklärung ist das, und keine Dialektik…

 

Volker Zastrow als feministischer Vorhautbeauftragter der FAZ

Ich habe diese Tage darauf gewartet, wer als erster Angela Merkel für ihre “Komiker-Nation”-Feststellung angreifen würde. Volker Zastrow hat das doch jetzt als “Kasperkram” abgetan. In seinem Aufruf an Frauen und Feministinnen, Beauftragte aller Art kann er sich nicht zurückhalten. Es geht doch um das präpotente Präputium, um unsere Kinder, wie sich Leserbriefautoren in allen deutschen Zeitungen echauffieren. Da kann die FAZ am Sonntag nicht schweigen, sie muss mitmachen. Wo ist die Einfühlung? – fragt Volker Zastrow (Link):

Doch für Genitalverstümmelung, gärtnerisch verniedlichend „Beschneidung“ genannt, soll das nicht gelten? Hier soll ausdrücklich als rechtlich „zulässig“ definiert werden, was bei Mädchen als strafbar erachtet wird? So sieht es ein Entschließungsantrag des Bundestages vor. Wo bleibt der Aufschrei all der Gender-Forscher und -Beauftragten, die im ganzen Lande installiert wurden? Es soll doch ausdrücklich ein geschlechtsspezifischer Eingriff in die körperliche Unversehrtheit von Jungen normiert werden, nur „unnötige“ Schmerzen sollen ihnen erspart, vermeintlich nötige also offensichtlich auferlegt werden.

Immerhin gibt es bei vielen Grünen und manchen Sozialdemokraten erhebliches Unbehagen. In der Union herrscht Schweigen. Oder man folgt der Kanzlerin, die das alles zu Kasperkram erklärt hat: eine Unverschämtheit, zu entschuldigen nur mit der Sorge, dass Rassisten nun wieder einen Anlass zum Hetzen finden. Allerdings hätte man sich auch mehr Zurückhaltung katholischer Bischöfe und Intellektueller gewünscht. Sie haben genug Anlass, neu über sexuelle Gewalt nachzudenken. Auch, weil die katholische Kirche seinerzeit die „christianisierte“ Mädchenbeschneidung in Afrika verteidigte.

Das sieht nach einer gut angelegten Hetze aus.

 

Sarrazin-Debatte entpersonalisieren! Samstag, 4. September 2010

Eine Woche oder schon mehr wird der Fall Sarrazin in der Politik und in den Medien aufs heftigste verarbeitet. Zuerst entstand der Eindruck, die totalitäre Methode, mit einem Schauprozess und Sündenbockbestrafung, setze sich durch. Und im gewissen Sinne ist es das auch, denn die Bundeskanzlerin und der Bundespräsident sind sich einig und erteilen Anweisungen an den unabhängigen Bundesbankvorstand, wie der unbequeme Sarrazin von seinem Posten befreit werden soll. Die Zahl der einzelnen Personen und Institutionen, die sofort mitmachen, ist groß und beschämend.
Und trotzdem zeigt sich, dass nicht nur Leserbriefautoren, sondern auch einzelne Journalisten zu mehr fahig sind, als beim Politboulevard mitzumachen.
Lesenswert sind insbesondere Texte, die uns mit der Art der Diskussion und mit Argumenten konfrontieren. Über die Meinungsfreiheit als wichtigste Errungenschaft der jungen Demokratie in Deutschland, die den politischen Versäumnissen geopfert werden darf, schreibt oder redet zum Beispiel Henryk M. Broder, zuerst in einem Interview (Link):

Die Reaktionen auf Sarrazin zeigen für mich vor allem, dass die Politiker vergessen haben, dass eine Demokratie nicht von richtigen, sondern von falschen Meinungen lebt. Über richtige Meinungen gibt es immer einen Konsens. Da ist sofort Ruhe. Falsche Meinungen dagegen provozieren immer eine Debatte. Es gibt natürlich auch falsche Meinungen, die nicht mal einen Widerspruch wert sind. Aber das, was Sarrazin schreibt, liegt innerhalb des demokratischen Spektrums. Die Folge ist, dass darüber debattiert wird. Der Versuch, Sarrazin zum Schweigen zu bringen oder ihn zu diskreditieren, wird nur neue Sarrazins hervorrufen.

Clemens Wergin folgte (Link):

Es kommt einem aber auch wie ein Exorzismus vor: Als würden die Probleme verschwinden, wenn Sarrazin als Sündenbock in die Wüste verjagt wird.

Erst dann kamen erste Versuche, sich mit Sarrazins Argumenten zu beschäftigen. Nachdenklich macht Armgard Seegers (Link):

Dass Ausländerfeindlichkeit oder die Spaltung allein durch Benennung geschürt werden, ist auch so ein Allgemeingut und trotzdem falsch. Ausländerfeindlichkeit entsteht dadurch, dass man einander nicht kennt, nicht kennenlernt, dass man nicht die gleiche Sprache spricht, dass es ungerechte Entlohnungen, scheußliche Wohnverhältnisse gibt und Menschen, die nicht wissen, dass Bildung der Schlüssel zu einem besseren Leben ist.
Ungerüffelt sagen darf man hingegen etwas über “die Amerikaner”, “die Israelis” und “die Banker”. [...] Wer unliebsame Wahrheiten benennt, wird behandelt, als hätte er gefordert, jeder, der kein guter Deutscher ist, wird bestraft, muss mehr Steuern zahlen, bekommt weniger ärztliche Versorgung oder soll wegziehen. An Minderheiten trägt die deutsche Gesellschaft ihre Identitätsdebatte aus.

Warum haben wir diese unsägliche Debatte, in der Klischees und Vorurteile ausgebreitet werden, überhaupt? Vielleicht, weil wir, anders als Franzosen oder Amerikaner gar nicht genau definieren können, wie einer zu sein hat, der zu uns gehören will. Was ist deutsch? Was muss man tun, um deutsch zu werden?

Noch ruhiger Robert Leicht (Link):

Was mich an Sarrazins Argumentation stört, liegt auf einer anderen Ebene – und nicht einmal auf der einer statistischen Relation zwischen Intelligenz und Genetik oder sozialer Schichtung. Mich stört vielmehr die Überschätzung der Intelligenz überhaupt. [...] Eine gute Gesellschaft muss um das Grundrecht der Menschenwürde gebaut werden, die jedem moralisch noch nachhaltiger angeboren ist als genetisch seine Intelligenz; und natürlich zugleich auf der Achtung der Menschenwürde sowie der freien Entfaltungsmöglichkeit aller andern.

Einen kurzen launigen Text hat Hamed Abdel-Samad abgegeben (Link):

Was in dieser Debatte untergeht, ist Sarrazins Recht auf Meinungsäußerung. Man hält Gericht über ihn oder bejubelt ihn unreflektiert. Ob als Held oder als Sündenbock, Sarrazin ist ein unfreiwilliger Freund der Untätigen und Ratlosen geworden. Alle Versäumnisse, Hoffnungen und Vorwürfe haben nun eine Adresse: Superman Sarrazin. Alle, die die Integrationsmisere zu verantworten haben, können sich nun auf die Schulter klopfen und sich gegen den Buhmann verbünden.

Aber Sarrazin ist lediglich ein Ausdruck davon, dass wir ein Problem haben. Er ist der Überbringer der Botschaft, dass bei uns eine verkrampfte Streitkultur herrscht. Es fehlt eine Atmosphäre, in der ehrliche Kritik zulässig ist und die frei ist von Stimmungsmache, Apologetik und Überempfindlichkeit.

Ähnlich lustig macht sich Jürg Dedial über den Lauf der Debatte in der NZZ (Link):

Das sittliche Deutschland kann jetzt mit den Vokabeln der Unerträglichkeit und der weit übertretenen Grenzen und roten Linien versuchen, Sarrazin mundtot zu machen. In diesem Milieu der Korrektheit, zu dem auch das politische Establishment zu zählen ist, gehört dies zum Alltag. Es ist Teil der wohlfeilen Selbstdarstellung einer Klasse, bei der nur noch scharfe Bisse und laute Verrisse zählen; die Inhalte einer Auseinandersetzung sind unwichtig. Man kann fast alle Exponenten des linken Lagers aufführen, die sich jetzt in ihrer Empörung gegenseitig übertrumpfen. Aber auch die Bürgerlichen, angeführt von der Kanzlerin und dem Aussenminister, schämen sich laut für das Land und fordern oder empfehlen die Entfernung des kritischen Geistes aus ihrem Gesichtsfeld.

Freilich hat sich unseres Wissens bis jetzt keine dieser führenden politischen Figuren ernsthaft mit den tiefer liegenden Fragen auseinandergesetzt, die Sarrazin schon seit längerer Zeit aufwirft. Dabei ist die Politik die eigentliche Adressatin von Sarrazins Streitschrift. Wenn der Autor die Probleme der islamischen Minderheit beleuchtet, so fragt er in Wirklichkeit die Politik, wie es kommen konnte, dass die Muslime in Deutschland im Vergleich zu anderen Einwanderergruppen so schlecht integriert sind und in den relevanten Sozialstatistiken so dürftig abschneiden. Er fragt, wie es hat kommen können, dass in zahlreichen Städten, aber auch auf dem Land, richtige Parallelgesellschaften entstanden sind, die sich um eine Anpassung an deutsche Normen und Traditionen überhaupt nicht zu kümmern brauchen. Und er fragt, wie angesichts der von ihm gebrandmarkten und kaum widerlegten Tendenzen, bei denen die Integration nur eines der Probleme darstellt, das wirtschaftliche, politische und soziale Gewebe der deutschen Nachkriegsdemokratie überleben kann. Dies sind Fragen, um deren Beantwortung Deutschland nicht herumkommt.

Die grosse Gefahr liegt darin, dass die Politik (einmal mehr) nicht erkennt, wie sie an einem breiten Unbehagen und Misstrauen in weiten Teilen der Bevölkerung vorbeiagiert. Man kann sich in Empörung und Entrüstung ergehen; aber man darf dabei nicht blind werden. Und wer Sarrazin vorwirft, deutsche Wertvorstellungen zu desavouieren, muss genau prüfen, von welchen Wertvorstellungen er spricht. So gesehen scheint es, dass gerade Sarrazins Partei, die SPD, ein fast chronisches Problem mit Querdenkern und kritischen Geistern hat, die nicht in den politisch korrekten Programm-Raster passen. Gar schnell versucht sie, ihre inhaltliche Erstarrung mit Parteiausschlüssen zu übertünchen. Hessische SPD-Dissidenten oder Figuren wie Wolfgang Clement wissen davon ein Lied zu singen. Thilo Sarrazin könnte das nächste Opfer sein. Dabei sollte die Partei froh um ihn sein.

Die eigentliche Auseinandersetzung mit den Argumenten Sarrazins mussten konservative Denker übernehmen, was einerseits bezeichnend ist, andererseits irgendwie – nach meinem Geschmack – schade. Wie auch immer, sehr empfehlenswert sind Berechnungen bei kassandra2030.wordpress, dort sind auch klare Widerlegungen der logischen Fehler der Bundeskanzlerin zu finden (Link):

Ein weiteres Beispiel: Bundeskanzlerin Angela Merkel, die der Ansicht ist, Sarrazin rede „dummes Zeug“18, schreibt in der „Bild“: „Junge Menschen türkischer Herkunft sagen mir immer wieder, dass Deutschland ihre Heimat ist“.19 Das mag sein, aber laut der Studie des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsens (s.o. Fn. 1) sind es nur etwa 21% der muslimischen Jugendlichen, die so denken. Die jungen Menschen türkischer Herkunft, die Frau Merkel kennengelernt hat, „widerlegen“ also nicht die Tatsache, dass die große Mehrheit sich nicht als Deutsche sieht. [...] Zum selben logischen Irrsinn gehört es, absolute Zahlen zu nennen, die ohne Bezugspunkt vollkommen nichtsaussagend sind. Wieder Bundeskanzlerin Angela Merkel in der „Bild“: „Die rund 64 000 türkischen Unternehmen in Deutschland mit ihren mehr als 320 000 Beschäftigten erwirtschafteten im Jahr 2005 fast 30 Milliarden Euro.“ Schön und gut – aber im Verhältnis zu den Deutschen ist dies eine unterdurchschnittliche Rate an selbstständigen Unternehmen, geschaffenen Arbeitsplätzen und erwirtschaftetem BIP im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung. Widerlegt hat Frau Merkel damit nur die Aussage „es gibt überhupt gar keine türkischen Unternehmer, die Arbeitsplätze schaffen“, die aber niemand getätigt hat, während Sarrazins Behauptung von dem mangelnden ökonomischen Nutzen muslimischer Einwanderer als Aggregat davon unberührt bleibt (siehe dazu oben Teil 1, Nr. 1). Nach dem gleichen Muster „widerlegt“ auch der Vorstandsvorsitzende der Türkisch-Deutschen Unternehmervereinigung, Hüsnü Özkanli, die Behauptungen Sarrazins, indem er klagt: „Wir tragen zum deutschen Wirtschaftssystem bei, indem wir Ausbildungs- und Arbeitsplätze schaffen, unsere Jugend studiert. Was sollen wir sonst noch machen … ?“ (von Christian Geyer in der FAZ von 26.08.2010 zustimmend zitiert).

Nach drei großen Talk-Runden waren mehrere Möglichkeiten da, den Stand der Debattenkultur zu bewerten. So meinte Cora Stephan (Link), ein Land erlebt zu haben,

in dem der Ökonom Thilo Sarrazin von der Politikerin Renate Künast als „menschlich schäbig“ und „gefühlskalt“ beschimpft wurde, weil er sich auf Zahlen und Statistiken bezieht. In dem eine deutschtürkische Landesministerin aus Niedersachsen, die der Presse „kultursensible Sprache“ gegenüber türkischen Migranten verordnen wollte, stolz verkündet, „sie brauche keine Statistiken und Analysen“, da sie die „Migranten ja kenne“.
Ob bei Beckmann, ob bei Plasberg: es triumphierten die Menschlichkeit und das Leben über das statistische Teufelszeug, das „Menschen auf Zahlen“ reduziere. Selbst die Bundeskanzlerin, von Haus aus Naturwissenschaftlerin, übernahm den neuen Gefühlssprech und ließ uns an ihren Empfindungen teilhaben. Alles andere hieße ja wohl auch, über eigene Versäumnisse zu reden.
Denn Thilo Sarrazin konstatiert, was schlechterdings nicht zu leugnen ist: eine Minderheit hierzulande will sich nicht integrieren, da sie diese Gesellschaft, ihre Kultur und ihre autochthone Bevölkerung verachtet – deren Vertreter wiederum trauen sich nicht, den nötigen Respekt auch einzufordern. Das ist und bleibt der Hauptpunkt der Debatte – die nun im Namen der Menschlichkeit und der Gefühle zusammen mit Thilo Sarrazin erlegt und erledigt werden soll.
Es ist an Schäbigkeit nicht zu überbieten, was uns hier als Debattenkultur, als Weltoffenheit, als Menschlichkeit und buntes Multikulti vorgeführt wird. Die Vertreter der deutsch-türkischen Community tun beleidigt und leugnen das Problem. Politiker setzen auf das dort vermutete Wählerpotential und leugnen ihrerseits, daß das hierzulande übliche „Fördern statt Fordern“ längst an seine Grenzen gestoßen ist. Und niemand vertritt die Interessen der eingeborenen Bevölkerung, die ja womöglich Gründe dafür hat, daß sie sich die Objekte ihrer kulturellen Sensibilität von niemandem vorschreiben lassen will.
Und Sarrazin? Ist der Sündenbock, dem blanke Menschenverachtung und blanker Hass entgegenschlagen und der dennoch und auf fast rührende Weise immer und immer wieder versucht, doch noch ein Argument loszuwerden.
Nun, Umfragewerte und Internetkommentare lassen erkennen, daß das Volk mit den politischen Eliten auch hier nicht übereinstimmt. Beide großen Parteien haben die Gefolgschaft ihrer Wählerschaft eingebüßt. Der SPD droht ein Aufstand der Basis, wenn sie Sarrazin ausschließt. Und der Kanzlerin wird man es übel vermerken, daß sie einen wichtigen Amtsträger, die Meinungsfreiheit und die ihr von Amtswegen angemessene Distanz geopfert hat, um der SPD das Leben noch ein wenig schwerer zu machen. Und alle gemeinsam haben sich mit ihrer menschelnd aufgemotzten Verlogenheit bis auf die Knochen blamiert. Eine große Mehrheit der Deutschen sieht Thilo Sarrazin nun erst recht als den aufrechten, integren, ehrlichen, standhaften Mann, dem es an jener Aalglätte fehlt, mit der die anderen sich unangreifbar gemacht haben.
Der Fall Sarrazin ist für dieses Land eine historische Wegmarke. Und das ist in der Tat kein gutes Zeichen.

Es lohnt sich, in dem Zusammenhang zwei Beobachtungen der Illner-Runde zu vergleichen. Regine Mönch bei der FAZ (Link) sah das Eine:

Bernd Ullrich von der „Zeit“, der Grüne Özdemir und die Politikwissenschaftlerin Naika Foroutan sprachen schließlich für eine imaginäre Gruppe, für ein Wir, dass von Thilo Sarrazin gekränkt worden ist. Denn am meisten, so Ullrich, habe ja nicht Sarrazin unter dieser Debatte zu leiden, sondern die liberalen und gebildeten Türken und Moslems, die entmutigt würden. Broders Einwand, die Kanzlerin habe den Ton gesetzt, obwohl sie doch nicht als Literaturkritikerin gewählt sei und damit versucht, die Debatte abzuwürgen, konterte Özdemir: Die Kanzlerin habe Schaden vom Land abwenden wollen [...] Frau Foroutan rief schließlich wie in den Hochzeiten ostdeutscher Gekränktheitsrituale „wir fühlen uns diffamiert“ (zuvor hatte sie noch „den Deutschen“ attestiert, die fühlten diese Misserfolge der Integration nur, die es so gar nicht mehr gäbe) und bedankte sich bei der Kanzlerin, weil die sich „vor uns Muslime“ gestellt hat. Und dann stellte sie gleich noch die gesamte Statistik-Analyse Sarrazins in Frage. Sie habe ganz andere Zahlen, rief Foroutan, schwenkte einen Zettel und trug mit atemraubender Geschwindigkeit vor, dass weder die Arbeitsmarktzahlen für Migranten noch die Bildungsmisere noch die Gewalttaten türkischer und arabischer Jungen oder die Familiengrößen muslimischer Einwanderer irgendeine Richtigkeit hätten. Kurzum, vergessen Sie Bildungsberichte und Mikrozensus, das rechnet Ihnen Frau Foroutan von der Humboldt Universität Berlin in Nullkommanix hinüber ins Schöne!

Die Talkrunde war verblüfft und nicht einmal Maybritt Illner mochte da noch die anderslautende Fakten-Analyse ihrer Redaktion, nachzulesen im Internet, dagegenhalten. Höflich ironisch meinte lediglich Roger Köppel zu diesem statistischen Taschenspielertrick, dass sie, Frau Foroutan, sollte sie sich geirrt haben, wenigstens nicht fürchten müsse, dann ihren Job zu verlieren. Naika Foroutan leitet an der Universität das Projekt „Heymat“ und kreiert dort, unbelastet von den Integrationsproblemen dieses Landes, die „Neuen Deutschen“. Der Begriff, so steht es im Internet, wurde von ihr bewusst gewählt „in Abgrenzung zum Begriff der ‘alteingessenen Deutschen’, die für sich Etabliertenvorrechte reklamieren“.

Damit ist jetzt also Schluss, die Politikwissenschaftlerin scheint ihre Identitätsforschung gleich mit einer ganz eigenen, neuen deutschen Wohlfühlstatistik ergänzen zu wollen. Deren Premiere und ihr Alleinstellungsmerkmal, die Unüberprüfbarkeit, konnte der Zuschauer am Donnerstagabend bei Maybritt Illner erleben. Nun freue dich doch endlich, Deutschland.

Dagegen sah Carin Pawlak beim “Fokus” etwas Anderes (Link):

Wenn er eine tiefe Genugtuung spürt, spricht der Jude Broder vom „inneren Reichsparteitag“. Für denselben Begriff ist die nicht jüdische Sport-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein bei der Fußball-WM in Südafrika übrigens fast vom Mikro-Platz geflogen. „Ich glaube nur Statistiken, die ich selbst gefälscht habe“, legt Broder weiter nach. Churchill? Nein, ein Satz aus dem Reichspropagandaministerium.
Jetzt ist Berufsprovokateur Broder auf Betriebstemperatur. Die Äußerung von Kanzlerin Merkel, Sarrazins Buch sei „nicht hilfreich“, ist für ihn eine unwillkommene Einmischung. Sie sei als Politikerin gewählt und nicht als Literaturkritikerin. Broders Bombe: „Das steht in der Tradition der Reichsschriftumskammer.“ Der Gründung dieser RSK ist die Bücherverbrennung durch die Nazis vorangegangen. Ab 1934 musste, wer in Deutschland Bücher veröffentlichen wollte, Mitglied dieser Kammer sein, die unter der Leitung von Joseph Goebbels stand. Ist dieser Satz Broders hilfreich? Fällt er unter die derzeit viel disputierte Meinungsfreiheit oder ist er skandalös? Chuzpe XXL oder extreme Wahrheit? Er ist schlicht obszön.
Und ist die Erregung rituell? Nein, sie ist echt. „Jetzt muss ich die Kanzlerin verteidigen“, sagt Cem Özdemir aufgebracht. Vielleicht will er nach der Sendung Herrn Broder privat auch wieder siezen? Und Herrn Broder zum Rücktritt von irgendwas auch immer auffordern. Aber da hat Brandstifter Broder längst seine letzte Volte in dieser Biedermänner-Runde geschlagen. Was er sich wünscht von den Bürgern mit Migrationshintergrund? Also einer Deutschen wie Naika Foroutan. „Ich finde, wir brauchen mehr Deutsche, die so gut aussehen wie Sie.“ Sagt er. Und sie antwortet wirklich und mit heiligem Ernst: „Danke sehr.“ Es muss wirklich noch viel geredet werden in Deutschland.

UPDATE: Dass Broder auch in seinem Skepsis gegenüber der Zahlendaten von Frau Foroutan Recht hatte, zeigt die Überprüfung auf der “Achse des Guten” (siehe den Beitrag von Thomas Baader).
Was ich damit zeigen will: Es ist eine Debatte da, mit unterschiedlichen Meinungen, und zum Teil mit richtigen Argumenten. Und am Ende sei Thomas Eppinger zitiert, der sich absolut zu Recht empört (Link), und zwar darüber,

dass Frau Merkel die in Deutschland lebenden Türken in Schutz nimmt. Hm. Vor wem denn?
Werden Moscheen angezündet, die Scheiben von türkischen Kulturzentren zertrümmert, werden türkische Gräber geschändet, werden Steine auf türkische Volkstanzgruppen geworfen, reißen Polizisten türkische Fahnen vom Balkon, schreit der Pöbel auf den Straßen „Tod der Türkei“?
Ich kann mich nicht erinnern, ein Wort von der Kanzlerin vernommen zu haben, als all dies einer anderen Bevölkerungsgruppe widerfahren ist. Und jetzt müssen die Türken vor einem Buch beschützt werden?
In Deutschland ist jeglicher Maßstab verloren gegangen.

Zum Schluss möchte ich hier einen Beitrag der Süddeutschen Zeitung zur Sarrazin-Debatte auseinanderpflücken, und zwar von der selbsternannten Wissenschaftlerin Lamya Kaddor, die kein Problem damit hat, sich in der medialen Öffentlichkeit als wissenschafltiche Mitarbeiterin der Uni Münster titulieren zu lassen, auch Jahre nach der unfreundlichen Verabschiedung. Auch kein Problem hatte sie mit der Finanzierung ihrer Projekte durch den Großen Libyschen Diktator. Zuerst sieht sie Sarrazin mit seinen “kruden Weisheiten” und “Gehässigkeiten” in der Nähe der NPD, ohne nur einmal zu zitieren. Wie hätte sie das auch tun können? Ihren Text schrieb sie Tage vor der Bucherscheinung. Dann kommt sie zum Eigentlichen (Link):

Das eigentlich Erschütternde ist der breite Raum, der ihm geboten wird. [...] Seine Ausführungen heißen “Analysen”, dabei könnten Studierende im Grundstudium seine Argumente mühelos widerlegen. Warum also so viel Ehre für einen Mann, der behauptet, das Versagen von Teilen der türkischen Bevölkerung könne auch genetisch bedingt sein? Der mit der Einschränkung von Grundrechten spielt und Menschen kalt nach ihrem ökonomischen Wert in nützlich und nutzlos einteilt? Dieses Auftreten ist nicht nur selbstherrlich, es macht Angst. Sarrazin denkt nicht anders als ein Islamist; beide löschen sie den Geist des Grundgesetzes aus.

Kaddor braucht nichts zu zitieren und zu widerlegen. Sie behauptet, diffamiert und denunziert, um gleich auch zum Verbot aufzurufen. Besonders interessant ist die Logik: Sarrazins Halbwissen über die Genetik mache ihn vergleichbar mit Islamisten. Sie meint offensichtlich und spricht das etwas weiter auch aus, dass beide Rassisten seien, wenn sie Necla Kelek und Thilo Sarrazin zusammen sieht,

wenn er auf großer Bühne das Feindbild Islam unters Volk bringen darf

Über wie viel Wissen verfügt Kaddor im Bezug auf den Islam, wenn sie so über die Islamisten redet? Wenn sie vom Versagen einiger Teile der türkischen Bevölkerung auf das Feindbild Islam und weiter auf Islamisten so leicht springt?
Die Debatte muss weiter gehen. Auch wenn Frau Kaddor, Frau Foroutan und Frau Merkel das anders sehen.

 

Auch die FAZ sieht das ein Sonntag, 13. Juni 2010

Am 10.6.2010 hat die FAZ einen ruhigen und sachlichen Artikel von Joseph Croitoru publiziert. Darin sind die notwendigen Infos über die islamistische antisemitische Organisation IHH, über deren Unterstützer in der türkischen Regierung und deren Verbindungen zur Hamas aufgesammelt. Endlich ist ein Fachmann zum Schachzug gekommen. Irgendeine Reaktion der türkischen Community in Deuschland? Auu?

 

Die Reaktion der israelischen und türkischen Intellektuellen Samstag, 5. Juni 2010

In der FAZ wurden zwei gutmenschliche Texte aus Israel wiedergegeben, wie immer die eine Stimme, die man hören, lesen und an das Publikum weiterleiten will, welches genauso denkt im sicheren Glauben, man sei Israels Freund.

Diesmal sind es schon wieder Schriftsteller. David Grossman fantasiert sich aus den islamistischen Schachiden “Zivilisten”, die für ihre “Meinungsäußerungen” “kaltblütig getötet” wurden. Er wünscht sich “Frische, Originalität und Kreativität” von Israel, um den Konflikt zu lösen. Mit solchem Klamauk ausgestattet muss er keine konkreten Vorschläge machen, das ist doch nicht seine Aufgabe, er ist dafür da, die anderen moralisch zu versorgen.

Am anderen Tag ist auch Amos Oz da, der sich für die Fähigkeit seines Landes, sich zu verteidigen, entschuldigt und Buße tut.  Dieser wünscht sich auch Verhandlungen und viel mehr, zum Beispiel, “eine Idee, die attraktiver und akzeptabel ist”, um Palästinenser von der Hamas abzuwenden. Diese Idee müssen die anderen erschaffen, Oz möchte das so sehr. Er glaubt weiterhin im vollen Ernst: “Dieser Konflikt ist letztlich nur durch Verhandlungen mit der Hamas zu lösen, sinnvoller noch mit der Hamas unter Einbeziehung von Abbas’ Fatah.” Er sieht ganz klar: Wenn Israel seiner Logik nicht folgen würde, werde das “zu noch mehr Katastrophen führen.” Die andere Kriegspartei muss nichts tun, sondern Oz und Grossman sprechen lassen. Aber:

Die türkische Regierung, die jetzt endlich die Kurden vergessen lassen kann, kümmert sich besser als alle anderen Weltprediger um die Palästinenser. Und sie weiß auch besser, wie man mit Information umgeht. Bevor die eigene Bevölkerung doch erfährt, wie Islamisten auf direktem Weg zur kriegerischen Einmischung in den schon laufenden Konflikt geschickt werden, soll die Informationssperre das verhindern. In der Türkei wurde gestern der Zugang zu Youtube und Google gesperrt (Link).

So kann man leicht merken, wie unterschiedlich die Reaktionen aussehen. Proteststimmen aus Israel sind sofort in der FAZ. Wo sind Proteststimmen aus der Türkei? Ein Erdogan, ein Volk? Unterstüzen sie alle die Hamas?

 

Horst Schlämmer als Spiegel der deutschen Politik Samstag, 22. August 2009

Der Film von Hape Kerkeling über seine langjährige Kunstfigur Horst Schlämmer ist ein Ereignis. Künstlerich amateurhaft konzipiert und geschnitten, mit meist schwachen (oder gar keinen) Schauspielern besetzt, reißt er kaum Masken von den großen politischen Tieren nieder. Es sind sehr wenige gelungene Verballhornungen, die im Gedächtnis bleiben wie beispielhaft blöde Manifeste von gewissen realen Parteivertretern (“bedingungsloses Grundeinkommen”), die unendliche sinnlose Begeisterungsfähigkeit von Bushido, die Pofalla-Parodie, die Merkel-Parodie, die Ulla-Schmidt-Parodie. Ansonsten ist es sehr schade, dass die effektvolle Pressekonferenz Horst Schlämmers nicht einmontiert wurde (obwohl das doch deren Sinn war!). Auch klar ist es, dass die lebendigen Improvisationen Kerkelings immer kunstreicher und wirkungsvoller als der gestellte Film sind, und Horst Schlämmers Fernsehauftritte der letzten Jahre im Film nicht übertroffen werden. Kerkeling erreicht die Höhe des großen Provokateurs Sasha Baron nicht, so schafft er nicht, Rüttgers vorzuführen. Bei Özdemir gibt es nichts vorzuführen, der macht einfach mit, weil er doch so nett ist.

Was der Film klar macht, das ist die allgemeine politische Misere Deutschlands. Schlämmer entspricht der Trostlosigkeit des realen politischen Lebens, er spiegelt sie. Damit ist schon alles gesagt. Am Rande will ich eins noch nicht vergessen: Dass die festangestellten Moderatoren der Fernsehnachrichten im Film mitmachen, ist aus meiner Sicht die Verletzung der ethischen Vorschriften, was aber auch nur auf dasselbe hinaus läuft. Bettina Schausten vergisst das, wenn sie den anderen Spiegel vorhält.
Ich verlinke hier noch lesenswerte Kritiken von Rüdiger Suchsland, Peter Zander, Oliver Jungen:

Horst Schlämmer heißt nicht nur fast genauso wie der jetzige Kölner Oberbürgermeister, Fritz Schramma, er sieht auch fast genauso aus und redet fast genauso. Aber blitzgescheit ist er, so gescheit wie sein Hochleistungsdarsteller Hape Kerkeling eben. Und nach dieser Intelligenz, mag sie hier auch weggegrunzt werden, dürstet es das ausgetrocknete Land. Denn es ist nicht der Egoismus der Politik und nicht der Zynismus des Showgeschäfts, der in Kerkelings grundsolidarischem Humor seinen Ausdruck findet, sondern das zutiefst Menschliche, das man ansonsten zu verstecken gelernt hat in der Schamgesellschaft. Denn was macht Horst Schlämmer, dieses schnaufende Lamm Gottes? Er sieht Marotten und nimmt sie an, damit man mit Schlämmer über Schlämmer lacht, nie über die anderen. Horst Schlämmer, zur Schande für alle anderen Mitglieder der Kaste sei es gesagt, wäre der Politiker, dem man sich anvertraut. Denn Horst Schlämmer, das sind wir.

Einen direkten Vergleich zwischen der Kunstfigur Schlämmer und den realen Politikern zieht der Politikberater Michael Spreng durch. Es gibt auch Zeitungen, die bei der Berichterstattung zu dem Thema Fehler machen. Zum Beispiel Jörg Schindler im Kölner Stadt-Anzeiger und genauso in der Frankfurter Rundschau, der Ursula Kwasny zur “immerhin CDU-Bürgermeisterin von Grevenbroich” leichter Hand kürt. In derselben Zeitung kann Ute Diefenbach den Regisseur des Films Angelo Colagrossi bei der Pressekonferenz nicht identifizieren (“ein Italiener, den niemand verstehen kann”).

Extra sei hier noch erwähnt, dass sich offensichtlich auch solche Leute finden, die mit der Spiegel-Bedeutung der Kunstfiguren Kerkelings nicht viel anfangen können. Es gibt darunter hochgebildete Snobs, die auch “Hurz” für gute Musik halten und sich wundern, dass diese von Kerkeling selbst runtergemacht wird (Link). Es gibt auch Politiker (Ramsauer), die schon im “Zirkus” das eigentliche Problem der Politik entdecken. Ich glaube, davon wird im Laufe der Tage noch mehr kommen. Das ist einerseits amüsant, andererseits bestätigt noch einmal mehr die triste Atmosphäre im Lande, in dem eine satirische Darstellung der Misstände für schlimmer gehalten wird als diese Misstände selbst. Exemplarisch dafür ist insbesondere der neidische Hajo Schumacher, der sich im Offenen Brief direkt an Horst Schlämmer wendet:

Sie sind nicht relevant. Sie saugen sich einfach nur fest an diesem Land, Sie sind eine Zecke am Allerwertesten der Demokratie. Sie nutzen deren Freiheiten, um sie lächerlich zu machen. Das ist nicht komisch, sondern schwach.

Auf eine verrückte Weise bestätigen solche Invektiven nur, dass der Schlag ins Gesicht die Richtigen trifft. Wie das auch immer mit der Satire ist. Die Folgen werden von Stefan Niggemeier (hier und hier, das Meiste wird wie oft bei ihm in den Kommentaren ausformuliert) besprochen, wobei Hajo Schumacher da erstaunlicherweise mitmacht und sich vorführen lässt. Kerkeling (als Schlämmer) erscheint da auch und macht den Klamauk komplett:

also liebe freunde
isch existieren wirklich – da muss ich dem hajo recht geben!
achim steht auch voll auf hasenpauer als dauerläufer, weiste.
und immer schön wähln gehn oder laufn …
euer horst

und bitte: Streit euch nich meinetwegen, weiste.
Lohnt doch nich, Schätzeleyen

Zum Schluss verlinke ich noch YouTube-Clips, die zu diesem Posting passen. Zuerst die Pressekonferenz zum Film:

Und weil die schönsten Auftritte Schlämmers dazu auch gehören, noch drei davon. Das sind die Preisverleihung 2006 (mit Anke Engelke als Ricky):

Die Begegnung mit Claudia Schiffer und Thomas Gottschalk:

und zuletzt den Klamauk mit Damen Herman und Tietjen:

 

Russischer Propagandasieg im Krieg gegen Georgien Samstag, 8. August 2009

Bei der Auswertung der zahlreichen Publikationen zum Jahrestag des russisch-georgischen Krieges 2008 fällt sofort auf, dass sich die überwiegende Masse der deutschen Medien auf die Seite Putins-Medwedews stellt. Ohne Respekt vor Fakten, ohne minimales Verständnis für die Folgen des Krieges wird dabei Saakaschwili beschuldigt, diesen Krieg angefangen zu haben. Alle Fakten sprechen dagegen, sie werden ignoriert.

Der “ausgewiesene Russland-Experte” Gerhard Mangott erfindet in dem “Standard” (Link):

Ein wesentlicher Grund, warum Saakaschwili im vergangenen Sommer die Konfrontation mit Russland gesucht hat, war die Überlegung, dass es möglicherweise ein sehr enges Zeitfenster für Georgien geben könnte, der NATO beizutreten oder sich ihr längerfristig anzunähern. Es war klar, dass das mit John McCain auch gegen deutschen und französischen Widerstand funktionieren würde, wie dieser mehrfach deutlich gemacht hat. Aber es war im August schon relativ klar, dass die Wahl eher von Obama gewonnen wird. So hat Saakaschwili versucht, durch die Niederschlagung der Separatisten Fakten zu schaffen, die eine Annäherung an die NATO erleichtert hätten.

Gesine Dornblüth bei der “Deutschen Welle” (Link) schildert die Sichtweise der beiden Seiten, erwähnt aber auch:

Das deutsche Nachrichtenmagazin “Der Spiegel” berichtete vorab, die Kommission komme zu dem Ergebnis, dass die Georgier den Krieg begonnen hätten.

Manfred Bleskin bei n-tv (Link) ist von der russischen Sicht der Abläufe vollkommen geblendet:

Präsident Michail Saakaschwili verhält sich so, wie vor dem 7. August 2008: Er schwadroniert von – neuerlichem – Krieg. So laut, dass sich US-Vizepräsident Joseph Biden gezwungen sah, den immer lästiger werdenden Verbündeten telefonisch in die Schranken zu weisen.

David Nauer im Tagesanzeiger (Link) geht noch weiter:

Inzwischen steht fest: Den Krieg losgetreten haben die Georgier. In der Hoffnung auf einen schnellen Sieg schickten sie Panzer gegen Zchinwali, feuerten ganze Raketenschwärme auf Wohnhäuser. Die Russen, auch nicht zimperlich, hatten auf eine solche Dummheit der Georgier nur gewartet und schlugen brutal zurück.

Bei allen hinterlistigen Absichten des Kremls: Die Verantwortung für diesen Krieg trägt Georgiens Präsident Michail Saakaschwili. Der einstige Hoffnungsträger ist zum Kriegstreiber verkommen. Er hatte sein ganzes Renommee an die «Heimholung» der abtrünnigen Gebiete geknüpft und war am Schluss bereit, dafür über Leichen zu gehen.

Die anderen Medien versuchen ziwschen zwei Stühlen zu sitzen und schreiben im betont neutralen Ton, dass beide Seiten am Krieg ihre Schuld tragen. So Sonja Zekri in der Süddeutschen Zeitung (Link), Michael Ludwig in der FAZ (Link), Silvia Stöber bei der Tagesschau (Link).
Etwas klarer sieht Alice Bota in der “Zeit” (Link):

die Lehre aus einer dauerhaften Politik der Verdrängung wäre verheerend: Ist ein Land nur unwichtig genug, darf Russland einfach alles.

Aber auch sie ist überzeugt:

Als Michail Saakaschwili in den ersten Kriegstagen zufällig gefilmt wurde, wie er sich wirr vor Sorge seine Krawatte in den Mund stopfte, dürfte er geahnt haben, dass er im Westen bald schon kein gern gesehener Gast mehr sein würde. Immerhin war er derjenige, der bei Nacht den Befehl zum Angriff auf Südossetien gab und so den Konflikt provozierte.

Ganz witzig meint sich “Die Welt”, indem sie einerseits auf Saakaschwili schimpft – das übernimmt Manfred Quiring (Link):

Gröber kann man die Tatsachen kaum verdrehen.

und andererseits – im Leitartikel von Richard Herzinger (Link) – die Schuldfrage richtig stellt:

Zum ersten Mal seit dem Ende der Sowjetunion drangen russische Truppen wieder in das Staatsgebiet einer souveränen Nation ein. Und mit der offiziellen Anerkennung der Scheineigenstaatlichkeit der beiden Provinzen durch Russland erfolgte die erste De-facto-Annexion fremden Territoriums durch Moskau seit Ende des Zweiten Weltkriegs. [...] Das Wiederaufflackern des Konfliktes zeigt jedoch drastisch, dass sich auch unter Obama schroffe Interessengegensätze zwischen Russland und dem Westen nicht in Luft aufgelöst haben. Umso mehr darf der Westen in Georgien nicht nachgeben. Er muss mit weitaus offensiveren diplomatischen Mitteln als bisher auf eine Lösung des Streits um die abtrünnigen Provinzen hinwirken, die ein tragfähiges Autonomiestatut für sie mit der Wiederherstellung der territorialen Integrität Georgiens verbindet. Zugleich muss der Westen jedem Anschein entgegentreten, er gebe Georgien an die russische Einflusssphäre preis. Das hätte fatale Auswirkungen auf das Vertrauen anderer einstiger Sowjetrepubliken und Satellitenstaaten, bis hin zu den baltischen und osteuropäischen Ländern, in die westlichen Sicherheitsversprechen. Nato-Generalsekretär Rasmussen, der Russland gemahnt hat, die Souveränität seiner Nachbarn zu respektieren, und US-Vizepräsident Joe Biden, der bei seinem Besuch in Tiflis das Recht Georgiens unterstrich, der Nato beizutreten, haben deshalb die richtigen Signale gesetzt. [...] Es war richtig, dass Joe Biden in seiner Rede vor dem Parlament in Tiflis bei der umstrittenen georgischen Regierung entschiedenere Schritte in Richtung echter Demokratie angemahnt hat. Doch gerade diese könnten unter dem Schirm des Mitgliedschaftsaktionsplans (MAP) der Nato wesentlich intensiviert werden. Die Ukraine und Georgien möglichst bald in den MAP aufzunehmen wäre der Stabilität in der Region förderlich. Ängstliche Rücksicht auf Russlands Dominanzanspruch hingegen bewirkte das Gegenteil.

Ein authentische Stimme der Wahrheit darf nur in der “Presse” komplett ertönen – im Interview mit dem richtigen Experten Pawel Felgenhauer (Link):

Der Kreml sagt sich, nach einem halben Jahr wird der Westen wieder mit uns sprechen. Nach dem letzten Krieg gab es auch Kritik. Dann hat der Westen sich angepasst und erklärt, mit Russland gebe es wichtige Fragen zu besprechen. Die schwache Antwort des Westens auf den russischen Angriff im vergangenen Jahr spornt Russland zu einer Fortsetzung an. [...] Ich habe persönlich mit Heidi Tagliavini, der Vorsitzenden der EU-Kommission gesprochen, die den Kriegsbeginn im letzten Jahr untersucht. Sie hat mir gegenüber erklärt, dass die Veröffentlichung im deutschen Nachrichtenmagazin „Spiegel“, wonach die EU-Kommission angeblich herausgefunden hat, Georgien habe den Krieg begonnen, nicht den Tatsachen entspreche. Der „Spiegel“-Bericht sei Unsinn und wahrscheinlich von Moskau bezahlt.

Natürlich haben sich auch die Georgier auf den Krieg vorbereitet. Von georgischer Seite war es aber eine Improvisation, ausgelöst durch eine russisch-ossetische Provokation. Russland hat seine militärische Aggression ein halbes Jahr lang vorbereitet.

Es gibt noch mehr solche Stimmen, auch in Russland, sie werden nicht gehört und nicht übersetzt, zum Beispiel von Andrei Illarionov, warum nur?

 

Die FAZ und die New York Times sind sich einig Mittwoch, 31. Dezember 2008

Die beiden Zeitungen publizieren am selben Tag den Aufruf des israelischen Schriftstellers David Grossman zum Frieden. Also hier in Englisch, hier in Deutsch. Ich habe keine Lust zu prüfen, ob die Übersetzungen übereinstimmen. Die Methode ist dieselbe, der nützliche Jude soll das aussprechen, was die Medien ihrem Präsidenten /ihrer Bundeskanzlerin dringend sagen wollen. Da sie selber zu feige dafür sind, soll der gute Mann das übernehmen. Dort heißt er Grossman, hier – Grosmann. Immer Schwierigkeiten mit diesen Namen…

Der Friedensbeauftragte spricht von einer Vergeltungsspirale (tit-for-tat snares). Er ist sich ganz sicher:

eine Waffenruhe könnte die Hamas dazu bringen, ihr Vorgehen zu überdenken.

such a calculated cease-fire could lead Hamas to change its mode of response.

Die Genfer Initiative lässt grüßen wie auch alle Hamas-Spezialisten, die Terroristen so gut verstehen und deren Gefühle ausdrücken. Der nächste Preis ist David Grossman sicher.

Update: Auch die “Guardian” publizierte denselben Text heute (Link). Meine Güte, und die “Repubblica” schon gestern (Link). Gleichzeitig auch in der “Haaretz” (Link). Ich glaube, die englische Fassung der “Haaretz” unterscheidet sich von der NYTimes-Fassung. Kollegen von Grossman, Amos Oz und A. B. Yehoshua, haben sich in den anderen italienischen Zeitungen geäußert (Link).

 

Gunther Nickel verteidigt Walser, Grass und Handke Freitag, 5. Oktober 2007

Der verantwortungsbewusste Vertreter einer ehrwürdigen Institution – Deutscher Literaturfonds, unterstützt von der Kulturstiftung des Bundes, – trat bei der Tagung “MedienGrass” in Bremen auf. Jetzt kann man seinen Vortrag im Internet bewundern (Link).

Kritiker und die FAZ sind an allem schuld, meint er. Eigentlich wenn die FAZ dem Boden gleichgemacht wird, sollte man sich freuen. Bei der Poesie eines Gunther Nickels geht das leider nicht. Alle Welt weiß inzwischen, dass Martin Walser mit antisemitischen Motiven seit je meisterhaft arbeitet, die FAZ weiß es auch. Gunther Nickel weiß das nicht und ist seines Unwissens sicher – so als gäbe es für ihn kein Buch von Matthias N. Lorenz und keine Diskussion dazu, die einem jeden Walser-Dilletanten bekannt hätte sein müssen. Aber ein Professor für die neuere deutsche Literaturgeschichte, selbst Autor der FAZ, weiß alles besser, wie immer.

Beim Thema Grass und seine Vergangenheit geht es ihm nur um die Frage, ob es schlimm gewesen war, zur Waffen-SS zu gehören, oder doch nicht. Dabei erhebt sich die Stimme des Redners, als er auf “den sogenannten Holocaust” zu sprechen kommt. Wozu ein “Geständnis”,

wenn die Waffen-SS doch in der Zeit, in der Grass ihr angehörte, gar keine Elitekampftruppe mehr war und er sich keiner Verbrechen schuldig gemacht hat?

Zum Schluss des Abschnitts stellt sich Gunther Nickel einer Gretchenfrage und weiß nicht weiter:

Warum Grass freilich selbst aus seiner Waffen-SS-Mitgliedschaft ein schwer auf ihm lastendendes Geheimnis seines Lebens gemacht hat, das nun endlich „raus müsse“, ist das eigentliche Rätsel dieses Skandals.

Diese Frage wird sofort vergessen, denn wo es keine Antwort gibt, sind alle leicht vergesslich. Gleich springt der Autor zu Handke, der ja schon gesagt hat, dass er unschuldig sei. Und keine Meinung zu Milosevic habe. Er sage und tue doch gar nichts. Was will man mehr?

Fazit: Alle drei sind “Opfer von Kampagnen”. Es gibt nur eine Beruhigung:

Eine Feuilletonrundschau wie sie perlentaucher.de im Internet täglich kostenlos anbietet, leistet zum Glück kompensatorisch, was eine Zeitung wie die FAZ in ihren Kampagnen verweigert.

So kann man dem Perlentaucher und noch mehr dem Titel-Magazin zur erfolgreichen Popularisierung eines nächsten Sturms im Grass Walser gratulieren.

UPDATE: Wie ich gerade feststelle, hat die FAZ schon am 2.10.2008 den armen Kämpfer in ihrer üblichen Manier von oben herab geputzt (Link).

 

Ackermanns Gehalt und Medien Donnerstag, 29. März 2007

Am 27.3.2007 wurden die Gehälter von Top-Managern für das Jahr 2006 bekanntgegeben. Darunter Josef Ackermann von der Deutschen Bank, mit seinen 13 200 000 Euro. Wie wurde diese Nachricht journalistisch verarbeitet?

Die meisten Zeitungen vermeldeten es und beließen es dabei, ohne Kommentare. In einigen Fällen wurden Forenbeiträge zugelassen, so dass die Leser mit ihren Meinungen die Aufgabe der Redakteure übernommen haben, einige sogar sehr gut. Fast alle Blogger haben diese Nachricht ignoriert. Sollte man das noch kommentieren?

Eine merkwürdige Mischung aus Neid und Bewunderung gegenüber Ackermann selbst einerseits und aus feiger Verschwiegenheit und Resignation in der Bewertung der Nachricht und deren Hintergründe andererseits ist das Resultat der Stöberns durch die Publikationen im Internet. Insgesamt sieht das nicht gut aus.

Und jetzt die Beispiele.

Die einzige Zeitung, die Ackermann der Sittenwidrigkeit überführt (Link), ist die TAZ. Jan Feddersen und Klaus-Peter Klingelschmitt verteilen die Rollen untereinander: Der erste mischt Ironie mit Heuchelei:

Wir wollen ihn nicht noch weiter ehren mit unserem Neid. Das Schlimmste steht ihm ja noch bevor: eine Entourage voller Devotlinge und Schleimgeister, die wollen, was er hat. Dieser Ackermann bekommt die Kohle ohnehin weitgehend als Schmerzensgeld – weil er all die Rivalen ausgestochen hat, die nicht so gruppendynamisch, also karrieregeschmeidig operierten wie er. Und nun ihre Missgunst verstecken. Nein danke, ohne uns! 

Der zweite geißelt:

Das waren 36.164,38 Euro pro Tag. In der Stunde “verdiente” Ackermann 1.506,84 Euro. Und in der Minute immerhin noch 25 Euro und 11 Cent. Sittenwidrig? Ja. Und diese (Be-)Wertung hat mit Neid nichts zu tun. [...] Mit 1 Million Euro, “dem Spitzengewinn bei Jauch”, wären beide angemessen ausgestattet. Alles darüber hinaus ist Verschleuderung von Volksvermögen, das doch, “wenn es schon nicht an alle Beschäftigten ausgeschüttet wird”, wieder investiert werden könnte.

Merken wir uns: Klingelschmitt zählt 365 Arbeitstage à 24 Stunden :-)

Die “Tagesschau” stellt zwei Beiträge zum Thema online und erklärt auf diese Weise zwei Sachen. Erstens den Grund für die astronomisch hohe Entlohnung Ackermanns (Link):

Die Bank hatte für 2006 den höchsten Gewinn ihrer Geschichte ausgewiesen.  

Zweitens zeigt Marc Dugge im Vergleich die Situation in den USA und widerlegt damit die Argumentation der Ackermann-Verteidiger (Link):

Befürworter hoher Managergehälter verweisen gern auf die USA, wo derartige Spitzengehälter angeblich völlig normal sind. Stimmt das? [...] Die Mega-Einkünfte der Wirtschaftsbosse sind ein Dauer-Aufreger in den USA – und alles andere als allgemein akzeptiert. Rodger Hodgson vom wirtschaftskritischen Forschungsinstitut “Corporate Library”: [...] In zwei Dritteln der US-Unternehmen ist der Firmenchef gleichzeitig Vorsitzender des Aufsichtsrats – und der darf die anderen Mitglieder des Aufsichtsrats vorschlagen. Das sind in der Regel Menschen, die ihm genehm sind. Und die ihm aus Dankbarkeit ein ordentliches Gehalt gönnen. Von Kontrolle also keine Spur. [...] “Ist die Höhe des Gehalts bei dem Unternehmensergebnis gerechtfertigt? Es wird wohl eher um solche Fragen gehen als darum, ob 30 Millionen Dollar Gehalt zuviel oder zuwenig sind.”

Genau das ist die Sichtweise vieler Amerikaner: Wenn jemand ein Unternehmen zum Erfolg führt und den Aktienkurs steigen lässt, darf er ruhig Millionen verdienen. Aber auch nur dann.

Die FAZ (Link), die Süddeutsche (Link) und die Rheinische Post (Link) überlassen ihren Online-Lesern die ehrenvolle Aufgabe, die Sache zu kommentieren. Und wie gesagt, einige schaffen das ganz gut, die Journalisten können sich inzwischen wichtigeren Themen widmen. Ein Florian Kraus schreibt in der SZ online – aus meiner Sicht – sehr treffend:

Kaum jemand wird in einer Marktwirtschaft etwas dagegen haben, wenn ein Unternehmer, der ein Unternehmen erfolgreich aufbaut oder leitet und persönlich das Risiko des Scheiterns trägt, sich diese Leistung in sieben- oder achtstelligen Einkommen vergüten lässt, wenn der Markt es hergibt. Das Gleiche gilt auch für Vorstände, die es schaffen, dass ein Unternehmen seinen Wert steigert, auch sie können und sollen gerne an dieser Wertsteigerung partizipieren.

Nur, genau da hakt es in unserer Wirtschaft! Wie sonst konnte eine Niete in Nadelstreifen wie Schrempp, unter dessen Führung der Aktienkurs von Daimler in den Keller ging, dennoch zu den bestverdienenden Topmanagern gehören? Wie sonst können Vorstände, die durch unnötige Fusionen oder andere Fehlentscheidungen Milliarden in den Sand gesetzt haben unter den Topverdienern auftauchen?

Persönliches Risiko? Fehlanzeige! Die Vorstände, die wegen massiver Mißwirtschaft ohne Abfindung nach Hause geschickt wurden, lassen sich an einer Hand abzählen, diejenigen, von denen gar Regress gefordert wurde, müssen erst noch geboren werden. Welcher Arbeitnehmer erhält noch eine Abfindung, wenn ihm Fehler zur Last gelegt werden, die eine Kündigung rechtfertigen? Bei Vorständen jedoch ist es üblich, dann mit goldenem Handschlag in eine kurze Ruhepause geschickt zu werden, bevor ihm ein anderes Unternehmen großzügig Asyl und Salair anbietet (Pischetsrieder ist nur ein Beispiel). Man kennt sich in diesen Kreisen ja und irgend ein Pöstchen findet sich da immer.

Und was die Spitzenergebnisse der Unternehmen betrifft – gleich, ob Deutsche Bank oder Allianz, es ist nicht so schwer, ertragreich zu arbeiten, wenn man Personalkosten durch Entlassungen sozialisieren und Gewinne privatisieren kann. Denn wer zahlt denn die Kosten für die Entlassungen? Letztendlich die Beitrags- und Steuerzahler, also die Allgemeinheit. Gleiches geschieht auch in anderen Branchen: auch die just in time-Produktion bürdet die Lagerhaltung z.B. über den LKW-Verkehr den Bürgern auf, die Folgen des hohen Risikos der AKW wird nicht etwa durch risikogerechte Versicherungsprämien gedeckt, sondern euphemistisch als “Restrisiko” auf die
Gesellschaft verlagert.

Auch der Vergleich mit den USA hinkt, denn dort stellen sich viele Spitzenverdiener wesentlich stärker auch ihrer gesellschaftlichen Verantwortung, indem sie sich in Stiftungen und als Mäzene engagieren. Aber hier nehmen die zwar gerne die Vorteile amerikanischer Gepflogenheiten in anspruch, wenn es um deren Nachteile (Veröffentlichung etc.) geht, werden die deutschen Regeln vorgezogen.

Niemand neidet Spitzenkräften – egal ob in Sport, Unterhaltung oder Wirtschaft – ihre Einkommen. Wasser zu predigen (Lohzurückhaltung und noch mehr Einsatz, um die Position zu stärken) und Wein zu trinken (Einkommensteigerung +10% und mehr) und das auf Kosten der Gesellschaft – das sind die Rahmenbedingungen, die der Frage, ob solche Einkommen gerechtfertigt sind oder nicht, auch eine ethische Dimension verleihen.

“Hindylop” predigt nicht weniger schön:

Ackermanns Aufgabe ist nicht nur, den Gewinn “seines” Unternehmens sicher zu stellen. Aufgabe Ackermanns (und jedes anderen in ähnlicher Position) ist auch, sich an die Gesetze zu halten. Und, da in prominenter Position, nicht nur an den nackten Wortlaut, sondern an Sinn und Absicht der Gesetze (als Symbolfigur, die er nun mal ist).
In einem dieser Gesetze steht: “Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll ZUGLEICH dem Wohle der Allgemeinheit dienen.” [...] Über dieser Verpflichtung, das eigene Unternehmen optimal zu positionieren, stehen in einem Rechtsstaat doch aber sicher die Grundgesetze. Für die BWLer und andere, die es nie gelesen haben: GG Art. 14,2. überhaupt stehen da noch viele andere schöne Sachen drin, an deren Einhaltung durch die hochbezahlten Symbolfiguren unserer Wirtschaftswelt man beim Lesen der Wirtschaftsseiten so seine Zweifel haben kann. [...] Reine Ideologien führen eben IMMER zu menschenunwürdigen Ungerechtigkeiten – das gilt für die angeblich sozialistischen Staaten ebenso wie für die kapitalistischen. Der Unterschied ist, dass die ersteren ihre Ideologie stolz vor sich her tragen, um sie zu ignorieren. Die zweiteren leugnen, eine Ideologie zu haben (“neutral”), und setzen sie fleißig und mit allen schädlichen Wirkungen in die Tat um.

Die Wirtschaft und ihre Logik sind eben nicht die höchsten gesellschaftskonstituierenden Normen. Stattdessen stehen in unserem Grundgesetz ganz vorn Worte wie: Verantwortung, Würde, Menschenrechte, menschliche Gemeinschaft … – soviel zum Thema, wofür Wirtschaftsführer in erster Linie Verantwortung tragen (sollen). Dass sie diesbezüglich vermehrt in die Kritik geraten und zur Verteidigung selten mehr als “unsere Verantwortung gilt dem Gewinn des Unternehmens” vorgebracht wird – also vom Thema komplett abgelenkt wird – lässt auf die fragwürdige Machtposition schließen, in der sich diese Personen befinden.

“XLarge” bei der RP-Online zählt den Stundenlohn von Ackermann anders als oben:

Dass bei der Debatte um einen Mindestlohn ein Herr Ackermann bei 60h/Woche und 44 Arbeitswochen einen Stundensatz von 5000 EUR hat, gibt mir zu denken – das ist das 666fache des vorgesehenen Mindestlohns von 7,5 EUR (ein Schelm …) Am ersten Arbeitstag hat Herr Ackermann also mindestens das doppelte ”verdient” wie der Mindestlöhner im ganzen Jahr – von 1€Jobs fangen wir besser gar nicht an – aber nur wenn Herr Ackermann nur bei einem Unternehmen beschäftigt wäre, aber er sitzt ja in diversen Firmen in Aufsichtsräten/Vorständen…  

Ein Hans-Peter (auch bei der RP-Online) ist anderer Meinung:

Josef Ackermann war und ist für die Deutsche Bank und die deutsche Wirtschaft ein Glücksfall. [...] ”Deutschland krankt daran, dass es nicht noch mehr Ackermänner hat!”

Noch eifriger verteidigt ein “Baguette” (auch RP-Online) den Großverdiener:

Trotz ungünstigen Rahmenbedingungen hat Herr Ackermann weiterhin viel für den Standort Deutschland getan. Er hat entgegen vielen Mutmaßungen den Sitz der Bank nicht nach London verlegt und hat dabei viele Arbeitsplätze in Deutschland erhalten. Ferner war er fast permament Attacken durch deutschen Medien und Neidern ausgesetzt. Auch in dieser Zeit hat er das Schiff nicht verlassen, sondern die Bank in Ruhe weitergeführt. [...]  Nichtaktionäre mögen sich bitte aus der Diskussion heraushalten, schliesslich handelt es sich dabei nicht um ihr oder um Allgemeineigentum. 
 

Diese letzte Bemerkung finde ich besonders köstlich. Und nun zwei Zitate aus Blogs. Mehr gibt es leider nicht, wie gesagt. Im Blog “Textpool” wird schon wieder der Stundenlohn Ackermanns neu errechnet (Link):

13,2 Millionen Euro stehen bei dem Schweizer auf dem Gehaltszettel, heruntergerechnet sind das rund 4500 Euro in der Stunde. 

Ich glaube, in Minuten und Sekunden wäre das anschaulicher. :-) Und zum Schluss die einzige Blogmeldung, die mich angesprochen hat. Dazu noch vor der Verkündigung der guten Nachricht: Schon am 12.2.2007 hat Klaus J.Stöhlker in seinem Blog den besten Kommentar zum Thema abgegeben (Link). Ich zitiere den kurzen Text vollständig:

Unser Joe Ackermann hat es den Deutschen und allen Kollegen in der Schweiz gezeigt: Die Deutsche Bank verdient wieder richtig Geld. Der Mann mit dem “V”-Zeichen vor Gericht ist nun schon wieder gestolpert, sagte er doch zur Rechtfertigung seines Jahreseinkommens: “Wir werden nicht von Deutschland bezahlt, sondern von unseren Aktionären.” Ist das die ganze Wahrheit? Die Deutsche Bank, einst das Herz der deutschen Wirtschaft, von Abs (”A wie Abs, B wie Abs und S wie Abs”) zur heutigen Grösse herangeführt, kann ohne Deutschland nicht leben. Sie ist Teil des wirtschaftlichen Körpers unseres nördlichen Nachbarn. Joe will nur den Aktionären Rechenschaft ablegen, nicht der deutschen Wirtschaft und nicht dem deutschen Volk, mit dem die Bank ihr Geld verdient. Da ist noch einer, der seine Ansprüche zu Jahresbeginn eingetrieben hat. Anshu Jain ist Statthalter Ackermanns in London, von wo er das grosse Geld hereinbringt. Er verdient mit Sicherheit mehr als Euro 50 Mio. pro Jahr. “Joe”, unser Goldjunge aus dem St. Gallischen, hat Glück, dass Anshu ihm die Stange hält.

Für die Hinweise auf journalistische Beiträge, die ich übersehen habe, wäre ich dankbar. Sonst kann man auf die Meinung wie “armselig” kommen, was ich doch vermeiden möchte.

 

Die FAZ über Heinrich Böll Montag, 5. Februar 2007

Filed under: FAZ,Literatur,Medien — peet @ 16:46 Uhr
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Beim Perlentaucher – über die FAZ von heute – aufgelesen (Link), die Kollegen sind wieder in der Höchstform:

Jochen Hieber gibt im Aufmacher anlässlich der jüngsten Neuauflage der RAF-Debatte noch mal sachdienliche Hinweise im aktuellen Kampf gegen Katharina Blum: “Bölls Untertitel lautet: ‘Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann’. Dieses Versprechen löste ‘Die verlorene Ehre der Katharina Blum’ schon Mitte der siebziger Jahre nicht ein. Denn beide, Buch wie Film, sehen die Hauptverantwortlichen für die ‘Gesinnungslage der Nation’ nicht in den Terroristen, sondern bei Staat, Massenmedien und Gesellschaft.”

Köstlich!

 

WAMS gegen FAZ: Gelungene Inszenierung Samstag, 18. Februar 2006

Filed under: Deutschland,Die Welt,FAZ,Medien,Theater — peet @ 19:09 Uhr
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Im “radikal subjektiven politischen Feuilleton” der WAMS nutzt Alan Posener die Gelegenheit, um der FAZ eins auszuwischen. Also im Gegenteil zu dem, was ich hier heute geschrieben habe. Am Ende stellt er fest:

Darum wird sich, wetten, kein Journalist finden, der die gelungene Inszenierung, den endlich geglückten großen Tabubruch, den Ausbruch des Theaters aus dem selbstreferenziellen Kreislauf staatlich subventionierter Provokation der Steuerzahler loben wird.

Und weiter:

Immerhin weiß ich, was ich das nächste Mal tun werde, wenn ich im Zirkus aufgefordert werde, dem Zauberer bei seinen Tricks zu helfen.

So versteht ein politischer Journalist die Kunst des Theaters und den Sinn eines Feuilletons. Ich bin beileibe kein Freund der FAZ, aber von solchem “Radikalismus” halte ich nicht viel. Sorry!

 

 
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