Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Özoguz als Niemöller der Muslime Sonntag, 1. August 2010

Man kennt inzwischen Yavuz Özoguz gut genug, um zu wissen: Der Betreiber der Seite Muslimmarkt.de ist ein geschickter Propagandist der islamistischen Strömung, mit direkten Verbindungen zu iranischen Regierungskreisen. Daraus folgt für deutsche Muslime das Gebot einer klaren Distanzierung von Özöguz und seiner Tätigkeit. Insbesondere für die Muslime, die mit pauschalen Anfeindungen zu kämpfen haben und nicht mit Islamisten verwechselt werden wollen. So weit so klar.
Und doch erlebt man hin und wieder wundervolle Blüten wie folgt (Link). Es geht um das Verbot der deutschen IHH, der angeblichen Hilfsorganisation, die für die Hamas Spenden sammelte. Es ist bekannt, dass die IHH in Deutschland nur eine von mehreren ähnlichen Organisationen ist. Es hat sie diesmal getroffen, weil sie mit ihrer Abkürzung dem türkischen Original verblüffend nahe kommt. Dass die türkische IHH seit Jahrzehnten den Terror weltweit unterstützt, ist auch hinlänglich bekannt, stört aber die Kämpfer gegen Israel nicht.
Wie auch immer, schreibt der Islam-Blogger, der sich explizit so nennt und ansonsten eifrig gegen jegliche Pauschalisierung auftritt, wenn es die Mehrheit der friedensliebenden Muslime trifft, über die Rolle von Özoguz in der Debatte um das Verbot der deutschen IHH (Link):

[...] hier zeigt ein einzelner Mann, wie man es richtig macht. Ich bin zwar kein Freund von Herrn Özoguz, aber er hat meinen hochachtungsvollen Respekt!

Eine einzige Kommentatorin meldet sich zu Wort und bestätigt den Islam-Blogger (Link):

[...] es ist beschämend, dass die anderen muslimischen Organisationen sich wegducken. Ob sie Niemöller kennen?
Özoguz – ich teile nicht immer seine Meinung, schätze ihn aber für seinen aufrechten Gang. Gerade in dieser Angelegenheit beweist er mal wieder, was es bedeutet, wenn ein Muslim wirklich nur Allah fürchtet und nicht die Menschen.

Noch einmal langsam: Özöguz wird hier direkt mit Niemöller verglichen. Führen wir den Gedanken zu Ende: Niemöller hat gegen die Nazis eine einsame Position bezogen. Özöguz kämpft gegen das deutsche Grundgesetz. Alles klar? Noch mehr Demokratie für Islamisten?
Die soeben zitierte Kommentatorin alien59 ist inzwischen unter demselben Nicknamen als eine aktive judenfeindliche Propagandistin in der Freitag-Community bekannt und sorgt für Klicks und aufgeregte Schmierereien bei dem Vorzeigeprojekt des Jakob Augstein. Kennt er Niemöller?

 

Einmal Uri Avnery lesen Freitag, 16. Juli 2010

Der wichtigste Ellen-Rohlfs-Graphoman ist, wie bekannt, Uri Avnery, der dank diesem Umstand auch zum Lieblingsautor der friedensliebenden deutschen Linken avancierte. Man kann seine Ergüsse kaum ertragen, sie sind aber da, aktuell am meisten beim Boulevard-”Freitag”. Und sie werden gelesen und als sympathisch betrachtet. Nehmen wir nur ein aktuelles Beispiel und zeigen, was daran faul ist.
Am 15. Juli hat “der Freitag” die wöchentliche Portion Avnery geliefert, diesmal der Bildung der Untersuchungskommission über den Vorfall um die so gennante Gazaflottille gewidmet. Es geht gleich los (Link):

Der Streit, welche Kommision mit welchen Rechten den Angriff auf die Gaza-Flottille am 31. Mai untersuchen soll, gerät zur Schlacht um Werte der Demokratie.

Avnery und seine erfahrenen Leser gehen davon aus, dass Israel – wie übrigens auch jeder andere nicht sozialististische Staat – keine Demokratie ist. Deswegen müssen Avnery und Konsorten den Kampf um die Demokratie hoch halten, sonst gibt es keine Demokratie. Alle anderen wissen, wie es in Israel um die Bildung der Kommissionen steht, und wissen auch, wie wenige Staaten der Welt diesen hohen Ansprüchen genügen. Das wird bei Avnery immer verschwiegen.

Ein Sieg ist ein Sieg. Ein großer Sieg ist besser als ein kleiner, und ein kleiner Sieg ist besser als eine Niederlage. Auch für unseren Friedenskreis von Gush Shalom. Der hatte unmittelbar, nachdem die Turkel-Kommission nominiert war, um den Vorfall mit der Gaza-Flottille zu untersuchen, beim Obersten Gericht ein Gesuch eingereicht und verlangt, eine qualifizierte staatliche Untersuchungskommission zu benennen. Kurz vor der anberaumten Anhörung rief das Büro des Justizministers unsere Anwältin Gabi Lasky an, um mitzuteilen, der Ministerpräsident habe im letzten Augenblick entschieden, der Kommission mehr Befugnisse zu geben.

Weil außer dem Avnery-Fan-Club keiner von seiner enormen Bedeutung als Kämpfer für Demokratie überzeugt ist, muss Avnery selbst dafür sorgen. Deswegen bildet er sich ein, zumindest zu Beginn des Artikels, dass es nur dank ihm möglich wurde, dass die Kommission so und nicht anders gestaltet wird. Am Ende des Artikels vergisst er das und erwähnt die wahren Gründe dafür:

Unmittelbar nachdem er [gemeint ist hier Richter Turkel, der Leiter des Kommission] das Amt zu Netanyahus Bedingungen angenommen hatte, drohte er mit Rücktritt, sollten seine Vollmachten nicht vergrößert werden. Netanyahu gab nach.

Es hat also doch nichts mit Avnery, seiner Friedensgruppe und seinem Anwalt zu tun.
Das Wichtigste ist ein kurzer Satz, der ziemlich versteckt ist:

Das Entern der Gaza-Schiffe hat die ganze Welt gegen uns aufgebracht und dem Verhältnis zur Türkei einen Schlag versetzt.

Hier dreht Avnery den Spaß um. Die israelische Regierung hat aufgrund des permanenten Kriegszustandes eine Seeblockade verhängt und setzt sie durch. Das interessiert Avnery nicht, er geißelt die imperialistische Politik der Willkür. Fakten gehören nicht in sein Bild, sie werden außer Acht gelassen. Genauso ist es mit dem Verhältnis zur Türkei. Die türkische Regierung arbeitet seit Jahren daran, das Verhältnis zu Israel herunterzubringen, provoziert und beleidigt. Jeder Versuch der israelischen Regierung, das zu verhindern, mit guten oder schlechten Methoden, wird minutiös analysiert, die Handlungen Erdogans dagegen nicht einmal beim Namen genannt. Die Flottille ist eine martialische Provokation, eine feindselige Einmischung der Türkei in den laufenden Krieg.
So erschafft Avnery seine Wirklichkeit. Seine Leser sind ihm dafür dankbar, nicht wahr?

 

Endlösung beim “Freitag” Sonntag, 6. Juni 2010

Es ist Mode, bei den Online-Redaktionen Blogger anzusiedeln. Sie bringen Klicks, Ärger und neue Klicks. Die pseudolinke Boulevard-Zeitung “Der Freitag” hat seit einem halben Jahr u.a. zwei antiisraelische Blogger (vielleicht auch mehr, bitte im Zweifelsfall korrigieren), bei denen es so richtig zur Sache geht. Man versorgt einander mit antiisraelischer Propaganda, man hat keine Probleme mit antisemitischen Äußerungen. Für Aufruhr sorgen nur einzelne seltene Leser von draußen, die sich davor ekeln, mitzuschreiben. Manchmal können sie nicht anders und stellen sich gegen den Wahn der Antisemiten, werden aber sofort niedergemacht. Ganz einfach, die Kritik wird als Propaganda abgelehnt. So bleibt man unter sich und sagt, was man denkt. Das klingt dann genauso wie bei der Hamas und Hisbollah (Link Kommentar 129218 vom 6.6.2010 am 13:39):

israel in palästina hätte immer frieden haben können – allerdings um den preis seiner entzionisierung.

Wozu ich den Qualitätsjournalisten der “Freitag”-Redaktion herzlich gratuliere. Ich hoffe, das erfüllt den sehnlichsten Wunsch von Jakob Augstein nach Ruhm für sein Produkt. Ich jedenfalls sehe meine Meinung bestätigt.

 

Der linke Freitag Sonntag, 20. September 2009

Jakob Augstein sucht händeringend eine Nische, ein Profil für sein Ein-Mann-Projekt. Gemeint ist eine linke Boulevardzeitung, wie bekannt. Diesmal soll ein ganzes Land dem Projekt geopfert werden, und zwar Afghanistan. Die Redaktion hat einen pazifistischen Aufruf vorbereitet, der von so bedeutenden Schriftstellern wie Sarah Kuttner, Charlotte Roche, Martin Walser und gar einer Aktivistin mit dem vielversprechenden Namen Gretchen Dutschke unterzeichnet wurde. Die realpolitische Perspektive dieses Manifestes ist so dumm, dass sich einige weniger pazifistische Intellektuelle fanden, den Text zu kritisieren, insbesondere der Perlentaucher-Chef Thierry Chervel. Dieser hat zu Recht zwei Sachen kritisiert, nämlich die Verschmelzung der linken und rechten Ansichten sowie eine feige Naivität. Genauso wie in der Beurteilung der Gefahr, die von der Iran-Regierung ausgeht, wird suggeriert: Lasst uns nur still und ruhig sein, irgendwie wird es schon an uns vorbei gehen, schlimmstenfalls werden die anderen zuerst ausgerottet.

Weil dies zu wenig Zündstoff lieferte, musste Jakob Augstein sofort antworten und zwar im eigenen Medium. Daraus kann man gut sehen, dass es nicht um einen Dialog geht, sondern um – wie gesagt – die Profilierung der eigenen Plattform. Auch die Antwort ist uninteressant. Kein anderer Denker, nicht einmal der andere große Pazifist und Mitunterzeichner Roger Willemsen, hat sich zu Wort gemeldet. In Blogs kamen nur zwei Reaktionen, beide fielen vernichtend negativ aus (Blütenlese, Blogterium).

Peinlich. Diesem Unglück muss man unbedingt zu größerem Ruhm verhelfen – ich setze dieses Schreiben auch bei den FDOG – als eine gewisse Strafe :-)

 

Leif Eriksson: ein Historiker, Germanist und Amerikanist oder ein linkssozi? Sonntag, 26. Juli 2009

Einsortiert unter: Antisemitismus,Blogging,Broder,Deutschland,Freitag — peet @ 15:15 Uhr
Tags: , , ,

Im vorigen Beitrag ging es um die enorme Aktivität eines neuen Bloggers beim “Freitag”, der von seinen vier Beiträgen drei ein und demselben Thema gewidmet hat.
Jetzt möchte ich meine Leser um die Auflösung eines Rätsels bitten: Es gibt zwei Texte. Der eine ist bei der Frankfurter Rundschau online erschienen – als ein Blogkommentar (Link), mit der Einführung:
Kommentar von: linkssozi
Geschrieben am 25. Juli 2009 um 13:08 Uhr
Eriksson1
Der andere ist beim “Freitag” erschienen, auch ein Blogkommentar (Link), Kommentar N. 22662, mit der einführenden Zeile:

leif eriksson schrieb am 25.07.2009 um 13:11
Eriksson2

Da ich keine Unterschiede zwischen den beiden Texten finde, frage ich, ist das derselbe Autor? Wer ist er, ein linkssozi? Oder ein Historiker, Germanist und Amerikanist? Oder, um Gottes Willen, zwischen 13:08 und 13:11 ein Broderianer?

 

Broder versus Langer: Der Freitag weiss sich zu positionieren Sonntag, 26. Juli 2009

Da Broder inhaltlich meist im Recht ist, kann man ihn nur aus der Sicht einer Klassendame mit Anstands- und Benimmvorwürfen angreifen.
Die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Felicia Langer durch den grünen Bürgermeister Tübingens wird in die deutsche Geschichte eingehen als neue Stufe in der politischen und gesellschaftlichen Kampagne gegen Israel. Orwell lässt grüßen.
Broder versucht eine Gegenkampagne zu starten, das wird ihm selbstverständlich sofort vorgeworfen. Wie immer, Aktion und Reaktion werden ausgetauscht.
Nun mischt sich auch noch die Wochenzeitung “Freitag” ein, das wollen wir hier festhalten: Vor einigen Tagen bot sich wie gerufen die Gelegenheit an, Broder die eine Unanständigkeit vorzuwerfen. Im Netzwerk Achse des Guten wurde ein Kollege Broders, der Journalist Posener, vor die Tür gestellt, aufgrund einer Denunziation. “Der Freitag” hat daraus eine Story gemacht (Link), gemäß dem härteren Boulevard nach Jakob Augstein. Eine Schlammschlacht, in welcher Broder ganz gewiß nicht gut dasteht. Der Freitag wähnt sich dabei, sehr gut dazustehen.
Gestern abend hat der “Historiker, Germanist und Amerikanist” Leif Eriksson bei dem Freitag gebloggt (Link) und dabei einen Beitrag Broders aus derselben Achse einfach so komplett hineinkopiert und das ohne Verlinkung (auch gewiß ganz anständig). Dafür mit Empörungs- und Anstandsformeln, wie es sich gehört. Nur diesmal geht das in die Hose, weil diesmal geht es um Inhalte. Darin sagt der Oberbürgermeister Boris Palmer:

Sie tragen dazu bei, dass es in Israel keine kritische Debatte über die Politik des eigenen Staates geben darf.

Darum geht es, und das macht der Freitag mit. Das ist immer wieder dieselbe irre Überzeugung, man solle von Deutschland her Israel belehren und erziehen. Diese Erzieher wissen zwar nichts über die innere Situation in Israel, nichts über das Ausmaß der Debatten dort. Sie haben keine Ahnung davon, wie rückständig im Vergleich dazu die Kritikfähigkeit der deutschen Politik und Gesellschaft insgesamt ist, sie ereifern sich trotzdem oder gerade deswegen.
Boris Palmer ist für die Kritik unerreichbar, weil er sich im Mainstream der antiisraelischen Krankheit bewegt. Der Freitag macht daraus Boulevard, wie schon viele, die an der Provokationskunst Broders schmarotzen, ohne zu merken, wie sie nur sich selbst entlarven. So, wie Eriksson in seinen vier (!) Beiträgen Giordano und die jüdische Community behandelt, ist keine feine Art. Er ist nicht allein. Auch die Redaktion macht da gerne mit und greift Giordano an, in bester Bild-Manier (Link). Versteht Augstein der Jüngere das unter härterem Boulevard? Klar:

jetzt könnt ihr euch schön weiter über Giordano Bruno streiten und ihn verbrennen oder es bleiben lassen.
(In Wahrheit seid ihr, liebe Redaktion und liebe Community, in der Frage doch eh aller einer Meinung …)

Bon chance!
UPDATE: Nach dem vorläufigen Ende der Langer-Kampagne (Ralph Giordano hat seine Ankündigung zurückgezogen – er behält seine beiden Verdienstkreuze) lohnt es sich, Giordanos Text von 1991 (Link) noch einmal zu lesen. Literarisch etwas blaß, aber immerhin argumentativ und klar.

 

Wohin mit dem “Freitag”? Samstag, 25. Juli 2009

Neulich kam es in diesem Blog zu einem offenen und durchaus interessanten Austausch über die Hintergründe in der schönen neuen Medienwelt, speziell am Beispiel der Zeitung “Freitag”. Jetzt hab ich ein programmartiges Interview mit dem neuen Chef der Redaktion gefunden, der seine Arbeit als Investition versteht (Link). Sein Name ist Jakob Augstein, und er erzählt in dem Interview erstaunlich wenig über seinen Vater. Ich würde sagen, zu wenig Boulevard.

Sein Programm ist allerdings ein linksliberales Boulevard. Mit keinem Wort wird im Interview die TAZ erwähnt, seltsam. Dafür spricht er sehr viel über die “Bild”, und das mit Bewunderung. Weiter folgen Fragmente aus diesem Interview:

Die Leute haben relativ schnell begriffen, worum es hier geht, nämlich in Kontakt mit der Redaktion zu treten und sich über relevante gesellschaftspolitische Themen auseinanderzusetzen. Wir haben in dieser Community praktisch keinen Bedarf an ordnenden Maßnahmen. Es gibt keinen Stress, es gibt kaum Äußerungen, die rechtlich oder moralisch nicht gehen, wir müssen nichts herausfiltern – was ich verblüffend finde. Das zeigt auch, dass das Netz inzwischen ein zivilisierter Ort ist, wo Leute ganz normal zusammenkommen und anständig miteinander reden. Natürlich fetzen die sich manchmal oder wir fetzen uns mit denen. Das finde ich dann aber auch gut, weil ich Streit mag und diesen geradezu suche. [...]

Ich wette hier mit jedem: Das wird sich ändern, sobald die Neue Rechte sowie Vertreter aller extremen Positionen diese Community für sich entdecken. Der beschriebene Zustand spiegelt eine geringe Bedeutung der Seite im Netz.

Wir versuchen natürlich schon ein linksliberales Medium zu machen und in der politischen Berichterstattung andere Akzente zu setzen, andere Haltungen zu vertreten als das in den Zeitungen sonst möglich wäre. Viele Sachen, die wir über Außenpolitik, über Russland, über die Bewertung der israelischen Politik oder über die Ursachen der Krise schreiben, wären wahrscheinlich in anderen relevanten Zeitungen nicht druckbar, weil es im redaktionspolitischen Kontext nicht durchkäme. [...]

Ich befürchte, dass es hier um eine Selbsttäuschung geht. Die gemeinten Positionen entsprechen vollkommen dem Mainstream. Die Unterstützung der “gelenkten” Demokratie in Russland und Israel-Bashing sind nun mal Mainstream.

Wo ist denn der relevante publizistische Bereich am linken Rand? Der ist komplett leer, da gibt es nichts mehr. Wir haben dort nur noch irrelevante Zeitungen wie das „Neue Deutschland“ oder die „Junge Welt“, mit denen wir uns aber nicht vergleichen, weil sie anders funktionieren und ideologisch sind. Wir sind keine Ideologen. [...]

Jungle World und Konkret werden nicht genannt, hmm, warum nur?

Wir machen hier ja keine Ideologie sondern Journalismus, das unterscheidet uns vom alten Freitag und von den Zeitungen, die jenseits dieser Grenze liegen. Ich kann mit Springer völlig entspannt umgehen, auch mit irgendwelchen Industrieunternehmen, wenn sie bei uns Anzeigen schalten würden. Ich kämpfe nicht gegen Springer, wir kämpfen auch nicht gegen die Atomindustrie. Das ist nicht unser Job, wir sind Journalisten. [...]
ich bin ein großer Freund von Boulevard. Ich finde das wichtig und richtig und ich bedaure, dass es in Deutschland keine linke Boulevardzeitung gibt. [...]
Ich finde härteren Boulevard, so wie er in England praktiziert wird, besser. Dazu stehe ich. [...]

Wie war es mit “Vanity Fair” in Deutschland? Wie läuft es mit “Cicero”? Und noch einmal sei hier auch die TAZ erwähnt, auch deren Annäherung an die “Bild”, die schon einer Verschmelzung nahe kommt. Die Boulevardisierung ist die Losung. Sehr linksliberal, he-he.

 

Hitler- und Judengeschäft bei “Freitag” Sonntag, 30. November 2008

Beide Themen verkaufen sich immer gut, das weiß auch die “Freitag”-Redaktion. Und beides unter einem Hut noch besser. So hat die Wochenzeitung jetzt, also am 28.11.2008 einen Artikel aus der “Guardian” vom 6.8.2008 übersetzt. Warum so spät? Tja, warum überhaupt, das wäre die richtige Frage.

Tanya Gold schreibt darin über ihre Begegnungen mit Konvertiten, mit deutschen Täter-Nachkommen, die nach Israel gingen und dort zum Judentum konvertierten. In der typischen für die “Guardian” leicht aufgeregten israelneugierigen Sprache, mit leichtem Anti-Ton, mit der Verwunderung, warum denn diese Menschen überhaupt bereit sind, interviewt zu werden, wo sie doch im Geiste leicht krank sind. Alles leicht und unverbindlich, nett plauderig.

In der deutschen Übersetzung sind zwei Unebenheiten schwerwiegend. Erstens bezieht sich Tanya Gold ständig auf die Telefonate mit Dan Bar-On, dem großen Mann der israelischen Psychologie, der mit seiner TRT-Methode eine Epoche geschrieben hat. Das kann sie nicht wissen, sie plappert nur nach. Nur ist er leider am 4.9.2008 gestorben. Das wird nicht einmal erwähnt, peinlich.

Zum zweiten, klingen alle Leichtigkeiten Golds in der deutschen Sprache und im Kontext der Zeitung anders, noch peinlicher eigentlich.

Es bleibt noch zu erwähnen, dass die englische Originalfassung von Yaacov Lozowick nüchtern und klug auseinandergenommen wurde (Link):

the idea that people want to belong to a victim group, because being a victim carries moral weight. I suppose if you believe that circumstances make of us what we are and human choice is at best of secondary importance, it’s better to be weak and incapable of bettering your condition, than strong and perhaps responsible for your deeds. After all, the end result is that people are flawed, and realilty is never perfect, so the less responsibility you have, the more you can shove onto some others who are stronger, the better.

Aber das ist für die “Freitag” zu kompliziert, sorry.

 

Wer ist hier der agent provocateur? Samstag, 1. Dezember 2007

Einsortiert unter: Falschmeldungen,Freitag,Medien,Politik,Russland — peet @ 16:57 Uhr
Tags: , , ,

In der Wochenzeitung “Freitag” schreibt ein Kai Ehlers zu “Kasparows Festnahme” (Link):

Wenn Kasparow fünf Tage in Haft geht, weil er die Bannmeile durchbricht, ist damit nicht die Opposition niedergeschlagen, wie behauptet wird, sondern ein Provokateur so behandelt worden, wie er es sich nicht besser wünschen konnte. Und wenn Putin Revanche und Chaos nach den Wahlen fürchtet, ist das begründet, denn Russlands neue Stabilität ist keineswegs gefestigt. Ex-Oligarch Beresowski, der sich rühmt, Kasparaw zu finanzieren, agitiert aus London für den Umsturz; Kasparow seinerseits ist Mitglied des Security Advisory Council der USA. Solcherart Einmischungen einzudämmen, ist für Russland existenziell.

Die Wiederaufnahme von Sprachmustern und Methoden der schönen alten Zeiten, als Stalin noch ein Vorbild für die gesamte Linke war, erfolgt nicht nur in der Rede Putins (Link). Sowohl nach innen als auch nach außen werden tonnenweise Lügen verbreitet, “unabhängige” Journalisten und Medien eingesetzt, uneigennützig aus Liebe zu Russland oder auch weil sie bereit sind, die eine oder andere “Liegenschaft” dort zu vermitteln.

Kasparow wurde aus der Gruppe der Journalisten heraus auf der sicheren Straßenseite auf direkten Befehl hin verhaftet. Er war nicht an irgendwelchen Kampfhandlungen beteiligt. Seine Zeugen wurden nicht angehört, seine Verhaftung nicht protokolliert und später manipulert. Sein Rechtsanwalt wurde zu ihm nicht vorgelassen, bis zum Anfang der Gerichtsverhandlung, die nicht einmal als eine Farce benannt werden kann. Die Richterin hat ihren Urteil nach der Telefonberatung gefasst. Während der gesamten Haftdauer von fünf Tagen schirmte man Kasparow ab, ohne Kontakte, die ihm zustehen. Das sind Fakten!

Wenn Ehlers in vollem Einklang mit Putin Kasparow als einen westlichen Agenten enttarnt, dann folgt er demselben Muster, wie ein Jahr zuvor bei der Besprechung der Ermordung Politkowskajas – als er fragte, wer davon profitiere (Link):

Dabei ist die Frage nach dem Nutznießer der Interventionen [in Irak] klarer zu beantworten als die nach denen des Mordes: Eine Destabilisierung des Kaukasus nützt weder Russland, noch den kaukasischen Völkern, sondern allein denen, die hier ihre globalstrategischen Interessen durchsetzen wollen. Dazu lese man noch einmal Sbigniew Brzezinski, „Die einzige Weltmacht“, oder höre sich die Reden aus dem neo-konservativen Lager der gegenwärtigen US-Regierung an.

Die vorbildliche linke Zeitung verteidigt Putins Plan. Gut zu wissen. Als Beresowski Putin an die Macht brachte, war er noch gut genug, das zu tun. Jetzt auf einmal sind “Liegenschaften” woanders zu bekommen: Qui bono?

 

 
Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.