Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Süddeutsche Philosophie Dienstag, 7. August 2012

Richard David Precht ist kein Philosoph, sondern ein plaudernder Populist in der Art eines Roger Willemsen. Er beschuldigt die anderen

die weltfremden Träumer und Phantasten

zu sein. Er wünscht sich

ein Europa nicht der Staatsmänner und Staatsfrauen, der Diplomaten und Repräsentanten, der Banken und des Handels, sondern ein Europa der Bürger.

Linke Bazille oder was? Was sagt die Vierte Internationale dazu? Große Zustimmung von der Seite der Stammleserschaft der Süddeutschen ist ihm sicher. Und dieses Gerede von

unsere westeuropäischen Demokratien [...]

Die FAZ wie die Süddeutsche, alles verseucht mit sozialistischem Mist der poststalinistischen Ära.

 

Wozu sind die Aggregatoren gut? Montag, 6. August 2012

Über die Einführung eines neuen Onlinedienstes bei der Süddeutschen Zeitung erzählte heute dessen Chefredakteur Stefan Plöchinger im Interview beim onlinejournalismus.de. Es ging über Aggregatoren und das Ding heißt:

Facebook-Twitter-Presseschau. Leser empfehlen auf…

Aus meiner Sicht werden hier Begriffe ausgetauscht. Einerseits spricht Plöchinger über

besonders oft exklusive oder publizistisch herausragende Geschichten

andererseits werden durch die Klickzahlen bzw. Twitter oder/und Facebook-Verlinkungen weniger Qualitätszeichen verliehen, sondern viel mehr die Aufmerksamkeit gespiegelt, die entsprechende Beiträge, Fotos, Videos erreichen. Meist sind es die anderen Eigenschaften, die dazu führen.

Möchte ich sehen, was die anderen lesen, anklicken, weiterempfehlen? Oder suche ich nach relevanten Nachrichten und ideenreichen Aussagen? Ist das bei der Süddeutschen dasselbe? Wenn Plöchinger das Resultat

unsere Presseschau

nennt, dann ist das für meinen Geschmack noch einmal mehr irreführend. Eine Presseschau finde ich eher beim Perlentaucher. Aggregatoren als einen Dienst betrachtet Plöchinger eher negativ:

Vielleicht baut ihn niemand, weil ihn zu wenige wirklich brauchen?

Er kennt sie offensichtlich auch nicht alle:

Reine Aggregatoren sind eher Nische, abgesehen mal von Google News.

Google News sind wirklich nicht schlecht, auch wenn der Dienst ziemlich umständlich zu bedienen ist. Ich kann gerne ergänzen. Aktuell das Beste findet sich bei Popurls, auch wenn das gewöhnungsbedürftig ist. Newsmap ist unterhaltsam und gut konfigurierbar, nutzbar ist auch DailySource. Weniger ausgegoren sind Buzzrank (zu wenig Relevanz bei 700 Nachrichtengeber), Virato (technische Ungereitheimheiten und nur 5000 Quellen), msnNOW (eher in die Richtung wie die Süddeutsche die Sache versteht, nämlich wer was angeklickt hat). Noch zu wenig habe ich Congoo und News Republic ausprobiert. Aber mit Rivva kann man gut leben, auch wenn der Dienst die Kurzlebigkeit und die Enge der deutschen Blogosphäre spiegelt. Das ist ja nur ein Spiegel, wozu meckern… Viele Dienste sind entstanden und wieder verschwunden. Eigene Nachrichtenansammlungen muss man sich selbst immer noch suchen, eher bei Feeds zusammenbasteln, wie auch in diesem Blog. Das Angebot der SZ ist ein erzwungener Schritt in dem Konkurrenzkampf, aber noch zu wenig hilfreich. Die Bedienung ist nicht bequem, die Übersichtlichkeit nicht von vornerein gegeben, im Vergleich zu Rivva zu anonym. Also noch einmal, was suchen wir, die Klickzahlen oder die Relevanz?

UPDATE: Die weitere Kritik ist noch beim Deutschlandradio zu lesen.

 

Russischer Propagandasieg im Krieg gegen Georgien Samstag, 8. August 2009

Bei der Auswertung der zahlreichen Publikationen zum Jahrestag des russisch-georgischen Krieges 2008 fällt sofort auf, dass sich die überwiegende Masse der deutschen Medien auf die Seite Putins-Medwedews stellt. Ohne Respekt vor Fakten, ohne minimales Verständnis für die Folgen des Krieges wird dabei Saakaschwili beschuldigt, diesen Krieg angefangen zu haben. Alle Fakten sprechen dagegen, sie werden ignoriert.

Der “ausgewiesene Russland-Experte” Gerhard Mangott erfindet in dem “Standard” (Link):

Ein wesentlicher Grund, warum Saakaschwili im vergangenen Sommer die Konfrontation mit Russland gesucht hat, war die Überlegung, dass es möglicherweise ein sehr enges Zeitfenster für Georgien geben könnte, der NATO beizutreten oder sich ihr längerfristig anzunähern. Es war klar, dass das mit John McCain auch gegen deutschen und französischen Widerstand funktionieren würde, wie dieser mehrfach deutlich gemacht hat. Aber es war im August schon relativ klar, dass die Wahl eher von Obama gewonnen wird. So hat Saakaschwili versucht, durch die Niederschlagung der Separatisten Fakten zu schaffen, die eine Annäherung an die NATO erleichtert hätten.

Gesine Dornblüth bei der “Deutschen Welle” (Link) schildert die Sichtweise der beiden Seiten, erwähnt aber auch:

Das deutsche Nachrichtenmagazin “Der Spiegel” berichtete vorab, die Kommission komme zu dem Ergebnis, dass die Georgier den Krieg begonnen hätten.

Manfred Bleskin bei n-tv (Link) ist von der russischen Sicht der Abläufe vollkommen geblendet:

Präsident Michail Saakaschwili verhält sich so, wie vor dem 7. August 2008: Er schwadroniert von – neuerlichem – Krieg. So laut, dass sich US-Vizepräsident Joseph Biden gezwungen sah, den immer lästiger werdenden Verbündeten telefonisch in die Schranken zu weisen.

David Nauer im Tagesanzeiger (Link) geht noch weiter:

Inzwischen steht fest: Den Krieg losgetreten haben die Georgier. In der Hoffnung auf einen schnellen Sieg schickten sie Panzer gegen Zchinwali, feuerten ganze Raketenschwärme auf Wohnhäuser. Die Russen, auch nicht zimperlich, hatten auf eine solche Dummheit der Georgier nur gewartet und schlugen brutal zurück.

Bei allen hinterlistigen Absichten des Kremls: Die Verantwortung für diesen Krieg trägt Georgiens Präsident Michail Saakaschwili. Der einstige Hoffnungsträger ist zum Kriegstreiber verkommen. Er hatte sein ganzes Renommee an die «Heimholung» der abtrünnigen Gebiete geknüpft und war am Schluss bereit, dafür über Leichen zu gehen.

Die anderen Medien versuchen ziwschen zwei Stühlen zu sitzen und schreiben im betont neutralen Ton, dass beide Seiten am Krieg ihre Schuld tragen. So Sonja Zekri in der Süddeutschen Zeitung (Link), Michael Ludwig in der FAZ (Link), Silvia Stöber bei der Tagesschau (Link).
Etwas klarer sieht Alice Bota in der “Zeit” (Link):

die Lehre aus einer dauerhaften Politik der Verdrängung wäre verheerend: Ist ein Land nur unwichtig genug, darf Russland einfach alles.

Aber auch sie ist überzeugt:

Als Michail Saakaschwili in den ersten Kriegstagen zufällig gefilmt wurde, wie er sich wirr vor Sorge seine Krawatte in den Mund stopfte, dürfte er geahnt haben, dass er im Westen bald schon kein gern gesehener Gast mehr sein würde. Immerhin war er derjenige, der bei Nacht den Befehl zum Angriff auf Südossetien gab und so den Konflikt provozierte.

Ganz witzig meint sich “Die Welt”, indem sie einerseits auf Saakaschwili schimpft – das übernimmt Manfred Quiring (Link):

Gröber kann man die Tatsachen kaum verdrehen.

und andererseits – im Leitartikel von Richard Herzinger (Link) – die Schuldfrage richtig stellt:

Zum ersten Mal seit dem Ende der Sowjetunion drangen russische Truppen wieder in das Staatsgebiet einer souveränen Nation ein. Und mit der offiziellen Anerkennung der Scheineigenstaatlichkeit der beiden Provinzen durch Russland erfolgte die erste De-facto-Annexion fremden Territoriums durch Moskau seit Ende des Zweiten Weltkriegs. [...] Das Wiederaufflackern des Konfliktes zeigt jedoch drastisch, dass sich auch unter Obama schroffe Interessengegensätze zwischen Russland und dem Westen nicht in Luft aufgelöst haben. Umso mehr darf der Westen in Georgien nicht nachgeben. Er muss mit weitaus offensiveren diplomatischen Mitteln als bisher auf eine Lösung des Streits um die abtrünnigen Provinzen hinwirken, die ein tragfähiges Autonomiestatut für sie mit der Wiederherstellung der territorialen Integrität Georgiens verbindet. Zugleich muss der Westen jedem Anschein entgegentreten, er gebe Georgien an die russische Einflusssphäre preis. Das hätte fatale Auswirkungen auf das Vertrauen anderer einstiger Sowjetrepubliken und Satellitenstaaten, bis hin zu den baltischen und osteuropäischen Ländern, in die westlichen Sicherheitsversprechen. Nato-Generalsekretär Rasmussen, der Russland gemahnt hat, die Souveränität seiner Nachbarn zu respektieren, und US-Vizepräsident Joe Biden, der bei seinem Besuch in Tiflis das Recht Georgiens unterstrich, der Nato beizutreten, haben deshalb die richtigen Signale gesetzt. [...] Es war richtig, dass Joe Biden in seiner Rede vor dem Parlament in Tiflis bei der umstrittenen georgischen Regierung entschiedenere Schritte in Richtung echter Demokratie angemahnt hat. Doch gerade diese könnten unter dem Schirm des Mitgliedschaftsaktionsplans (MAP) der Nato wesentlich intensiviert werden. Die Ukraine und Georgien möglichst bald in den MAP aufzunehmen wäre der Stabilität in der Region förderlich. Ängstliche Rücksicht auf Russlands Dominanzanspruch hingegen bewirkte das Gegenteil.

Ein authentische Stimme der Wahrheit darf nur in der “Presse” komplett ertönen – im Interview mit dem richtigen Experten Pawel Felgenhauer (Link):

Der Kreml sagt sich, nach einem halben Jahr wird der Westen wieder mit uns sprechen. Nach dem letzten Krieg gab es auch Kritik. Dann hat der Westen sich angepasst und erklärt, mit Russland gebe es wichtige Fragen zu besprechen. Die schwache Antwort des Westens auf den russischen Angriff im vergangenen Jahr spornt Russland zu einer Fortsetzung an. [...] Ich habe persönlich mit Heidi Tagliavini, der Vorsitzenden der EU-Kommission gesprochen, die den Kriegsbeginn im letzten Jahr untersucht. Sie hat mir gegenüber erklärt, dass die Veröffentlichung im deutschen Nachrichtenmagazin „Spiegel“, wonach die EU-Kommission angeblich herausgefunden hat, Georgien habe den Krieg begonnen, nicht den Tatsachen entspreche. Der „Spiegel“-Bericht sei Unsinn und wahrscheinlich von Moskau bezahlt.

Natürlich haben sich auch die Georgier auf den Krieg vorbereitet. Von georgischer Seite war es aber eine Improvisation, ausgelöst durch eine russisch-ossetische Provokation. Russland hat seine militärische Aggression ein halbes Jahr lang vorbereitet.

Es gibt noch mehr solche Stimmen, auch in Russland, sie werden nicht gehört und nicht übersetzt, zum Beispiel von Andrei Illarionov, warum nur?

 

Ein Vorzeigejude der FAZ und der Süddeutschen Mittwoch, 24. Dezember 2008

In der heutigen Süddeutschen Zeitung lässt sich Maxim Biller in einem Interview mit Ijoma Mangold über die Weihnachten und Chanukka aus. Seit langem vermeide ich etwas von dem Mann zu lesen. Jetzt hat’s mich doch erwischt. Was für ein A…! Und so etwas wird als jüdische Stimme von der FAZ, bei der er eine Kolumne hat, und diesmal auch von der Süddeutschen ausgegeben, damit sich Antisemiten aufgeilen können.

Das wäre in der Tat eine Frage, wen sollte es eher treffen, den Biller oder die Medien, die ihn wichtig machen anstatt zu ignorieren. Sorry, dass ich ihn diesmal nicht ignoriert habe. Na, wenigstens kann ich den Link auslassen. :-)

 

Joachim Kaiser als Schoßkind Freitag, 12. Dezember 2008

In der “Süddeutschen Zeitung” wird Joachim Kaiser sehr gut behandelt, nicht nur zum Jübiläum. So darf er auch interviewt werden, und dabei über alles mögliche plaudern. Einiges wirkt auf mich persönlich etwas unangenehm. Daraus zwei Stellen, die besonders unangenehm sind (Link):

Wir jungen deutschen Nachkriegs-Intellektuellen kannten wegen der Nazizeit die Bedeutung der jüdischen Intellektualität kaum. Wir hatten die Zwanzigerjahre nicht erlebt und jüdische Intellektuelle nie kennengelernt. Es wirkte dann ungeheuerlich, bei Adorno oder eben Aichinger diese jüdische Geistigkeit zu erleben.

Es war klar, dass es sich um jüdische Geistigkeit handelte. Die man sehr bewunderte.

Die identifizierbar war? Wissen Sie, meine Mutter hieß Abramowski. Der Name klingt nicht gerade germanisch. Ich bin sogar von sehr vielen Leuten für jüdisch gehalten worden, was ich übrigens immer gern als Kompliment genommen habe. Ich hoffe, dass ich ein bisschen was von einem jüdischen Intellektuellen habe. Ich rede auch mit den Händen. Und ich war ein ausgesprochenes Schoßkind von denen. Die haben ja intelligente junge Leute gern.  <…>

1945 sind keine Ideale mehr zusammengebrochen. Es kann keinen halbwegs intelligenten Menschen gegeben haben, der so ahnungslos war, dass er nicht spätestens nach Stalingrad 1943 anfing, ans Ende zu denken. Das ist auch der Zwist, den ich mit meinem Freund Günter Grass habe, der äußerte, er habe erst 1945 bei den Nürnberger Prozessen erkannt, dass Hitler kein feiner Mann war und die Nazis doch irgendwie Dreck am Stecken hatten. Stalingrad ist der eigentliche Einschnitt gewesen. Da wurde mir klar, dass der Krieg verloren ist. Die Existenz danach war wie ein dunkler Tunnel und die einzige Frage: Wie kommst du hier jemals raus?

Fein formuliert, aber unterm Strich ekelhaft.

 

Frank Schirrmacher betätigt sich kulturell Dienstag, 30. Oktober 2007

Es ist schon merkwürdig, aber keine Quelle gibt seine Dankrede komplett wieder. Aus drei zur Verfügung stehenden Links können wir etwas zusammenbasteln, ohne auf die bald bevorstehende Gesamtausgabe zu warten, wie es die Netzeitung empfiehlt (Link). Einige wenige Beispiele reichen aus, um die epochale, weltbewegende Bedeutung der Rede zu erkennen (Die “Fokus-Fassung – Link; die FAZ-Fassung – Link):

Die modernen Techniken und Technologien haben Städte, Länder und Kontinente verändert, Entfernungen minimiert, jahrtausendealte Berufe eliminiert, vom kompletten Umbau der Anschauungen und Lebenswahrheiten ganzer Generationen zu schweigen – und nun wendet sich diese Energie wie der Blick Saurons aus dem „Herrn der Ringe“ auf Schreibende, Lesende, auf jenen blinkenden Cursor, den Pulsschlag des Textes.

Diese wundervolle, unvergleichliche, einmalige, an Stefan George und Thomas Mann erinnernde Poesie eines Sprachkünstlers wird leider auch nur vom “Fokus” zitiert.

Mag sein, dass die Warnung vor jugendgefährdenden Schriften und Filmen in der Vergangenheit oft prüde und unrealistisch war. Doch was Kinder und Jugendliche heute unkontrolliert sehen können, ist pornografischer und gewalttätiger Extremismus, wie ihm niemals zuvor eine Generation ausgesetzt war und gegen den man sich, zumindest als Jugendlicher, nicht immunisieren kann.

Adorno würde weinen – ich meine, vor Neid. Schirrmacher bezieht sich anscheinend auf das Internet, und vergisst leider viel zu leicht, dass der andere sein Feind, das Fernsehen, das längst vorgemacht hat. Es gibt, schrecklich zu sagen, sogar Printmedien, die diese Sünde begangen haben oder täglich begehen. Schirrmacher besinnt sich erst später:

Wir riskieren die wenigen Kinder, die unsere Gesellschaft in Zeiten des demografischen Wandels hat, auf Dauer mit seelischem Extremismus zu programmieren, wenn wir nicht bald eine Debatte über pornografische und kriminelle Inhalte im Internet beginnen. Und wenn Sie die Infektionsausbreitung verfolgen wollen, zählen Sie, wie viele Tote neuerdings auch in Nachrichtensendungen oder Illustrierten gezeigt werden.

Diese zwei Sätze muss man etwas aufmerksamer lesen. Unsere Gesellschaft erlebt also die Zeiten des demographischen Wandels. Ich glaube, fast dasselbe neulich von einem anderen großen Geist unserer Tage, Eva Herman, vernommen zu haben: “Wir sterben aus” (Link). Meint denn Schirrmacher etwas anderes? Nicht weniger interessant ist es, dass Nachrichtensendungen und Illustrierte dazu gezählt werden, nur die FAZ nicht. Die FAZ lebt in einer anderen Welt und programmiert ihre Leser mit seelischem Qualitätsjournalismus. Trotz der Bedrohung seitens der Realität schafft sie “die Bindungskräfte einer medial disparaten Gesellschaft”.

Nebenbei würde ich gerne mal erfahren, warum der grimmige Preisträger den “gewalttätigen” mit dem “kriminellen” Extremismus gleichsetzt. Sprachkünstler sind hier besonders gefordert. Unter dem Niveau eines Arno Schmidt bitte nicht melden.

Im nächsten Abschnitt nutzt der große Ethiker die Gelegenheit, um gegen einen unliebsamen Gegner, den perlentaucher.de zu stechen. Das beweist seine Milde und verleiht ihm eine moralische Überlegenheit:

Eine Option ist die Tageszeitung selbst, die von manchen allzu voreilig totgesagt wird – und zwar gerade von jenen mit Vorliebe, die von der Ausbeutung fremder redaktioneller Inhalte leben. Die Umlaufgeschwindigkeit von echten und halbseidenen Nachrichten im Internet ist enorm, und auf den ersten Blick kann man sie nicht voneinander unterscheiden. Sie tauchen ebenso schnell auf, wie sie verschwinden.

Dieser unwürdige Kampf geht schon länger und wird vom Perlentaucher beschrieben (zuletzt Link). Unfassbar!

Der folgende Gedanke wird das Ewige segnen, oder umgekehrt:

Die Zeitung liefert eine Haltbarkeit von mindestens 24 Stunden, und in ihren Kommentaren, Rezensionen und Kritiken will sie sogar vor der Nachwelt bestehen. Im Vergleich zum Internet ist sie ein retardierendes, also verzögerndes Moment in der gesellschaftlichen Kommunikation, und gerade deshalb wird sie immer unverzichtbar sein.

Falk Lüke schreibt absolut korrekt dazu: “dass dies leider stets die vergangenen 24 Stunden vor Drucklegung waren, das sagt Schirrmacher nicht.” (Link) Ich würde noch einmal den Ausdruck “Retardtablette” aus dem Gedächtnis abrufen, um die Sprachkunst des Redners zu bewundern. Dazu kommt noch die messerscharfe Logik: Was die Kommunikation verzögert, ist immer unverzichtbar. Die Lehre Schirrmachers ist allmächtig, weil sie wahr ist, wenn ihr meint, was ich verstehe.

Moment, wir sind noch nicht fertig:

Es gibt nur eine logische Konsequenz: Zeitung und Internet sind konstitutiv für den, der ein aufgeklärtes Leben führen will.

Auch dies können nur die Leser des “Fokus” geniessen. Ich nehme alles zurück und behaupte das Gegenteil: All die oben produzierten Extreme sind konstitutiv und eine Aufklärung an und für sich. Adorno weint an dieser Stelle wie ein Kind ohne Internet.

Im weiteren solidarisiert sich Schirrmacher mit dem anderen großen Qualitätsjournalisten der Merkel-Ära (vgl. Link):

In Deutschland nennen wir das, was wir tun, „Qualitätsjournalismus“, und gemeint ist ein Journalismus der großen Zeitungen, der nicht nur auf Verlässlichkeit setzt, sondern auch einer redaktionellen Ausstattung bedarf, die diese Verlässlichkeit sichert.

Wann sind Journalisten verschwunden, die selbst, ohne die Einmischung des Chefs, schrieben und dafür gerade standen? Ich meine, nicht vor dem Chef, sondern vor dem Leser. Schirrmacher ist anderer Meinung, klar:

Eine Zeitung, die einmal aus dem Taktschlag gerät, deren Temperament gebremst und deren geistige Risikobereitschaft entmutigt wird, eine Qualitätszeitung, deren Besitzer einmal die Drehschrauben ansetzen, um zu sehen, wie weit man drehen kann – diese Zeitung verliert auf Dauer ihre Seele. Und es ist, wie man in England, Schweden, Finnland, Amerika, leider auch in Frankreich beobachten kann, praktisch unmöglich, ihr diese Seele jemals wiederzugeben.

Nur in der FAZ kann die Seele blühen. Der Rest der Welt wird untergehen oder ist schon begraben. Wie schade, dass dies die Leser der FAZ selbst nicht lesen dürfen, offensichtlich aus einer Bescheidenheit.

Bei der nächsten Prophezeiung würde ich gerne wetten, dass dem nicht so sein wird:

Jeder, der Augen hat zu sehen, wird erkennen, dass das nächste Jahrzehnt das Jahrzehnt des Qualitätsjournalismus sein wird [...]

Ich stimme dem nicht zu, leider. Diese Rede beweist eben das Gegenteil. Aber auch hier weiß Schirrmacher seine Zauberlogik anzuwenden:

Je stärker der öffentlich-rechtliche Rundfunk ins Internet ausgreift, desto bedrohter werden die Zeitungen.

Die öffentlich-rechtlichen Systeme haben begonnen, im Internet zu veröffentlichen; und das mit einem Etat im Rücken, der dem Staatshaushalt eines baltischen Landes entspricht. Sie verfassen Rezensionen im Internet, Kommentare und Tagebücher. Noch ist es nicht soweit. Doch wenn diese gebührenfinanzierten Angebote weiter ausgebaut werden, sind die Zeitungen, die sich durch den Markt finanzieren, wirklich bedroht.

Kassandra sagt hier endlich, was sie denkt. Der Feind wird beim Namen genannt, allerdings nur bei der Süddeutschen, die anderen Quellen sind hier geradezu plötzlich schweigsam:

Je stärker der öffentlich-rechtliche Rundfunk, also ARD und ZDF, ins Internet ausgreift, desto bedrohter werden die Zeitungen.

Die öffentlich-rechtlichen Systeme haben begonnen, im Internet zu veröffentlichen; und das mit einem Etat im Rücken, der dem Staatshaushalt eines baltischen Landes entspricht. Sie verfassen neuerdings Rezensionen im Internet, Kommentare und Tagebücher.

Noch ist es nicht soweit. Doch wenn diese gebührenfinanzierten Angebote weiter ausgebaut werden, sind die Zeitungen wirklich bedroht. Wir sind Freunde eines Qualitätsjournalismus im Fernsehen, aber Gegner quasi staatlich finanzierter Aufschreibesysteme. Gegen deren “Texte” hätten die unabhängigen Zeitungen auf Dauer keine Chance. [Link]

Ich betone noch einmal: ARD und ZDF sind böser als das Internet und sind zu alldem noch fähig, “Texte” zu produzieren, gegen die Schirrmacher auf Dauer keine Chance hat. Hört auf, Schirrmacher als einen großen Internetgegner zu titulieren. Da gibt es mehr zu holen. :-) Wie kann es überhaupt gehen, dass alle Qualitätsjournalisten ihre eigene Sendungen im Fernsehen haben, nur Frank Schirrmacher nicht?

Nebenbei gemerkt, diese Praxis, nach Belieben zu zitieren, ohne Auslassungen zu kennzeichnen, war seit je ein Bestandteil des Qualitätsjournalismus. Das versteht sich von selbst, nicht wahr? Bin ich etwa neidisch? *g*

 

Wer ist am Bruderkrieg schuldig? Donnerstag, 14. Juni 2007

Was das, was sich zwischen der Fatah und der Hamas abspielt, auch immer ist, ein Bürgerkrieg ist es nicht, ein Bruderkrieg noch weniger. Das stört deutsche Medien nicht. Langsam kommen die ersten makabren Sprüche in Gang. Denn auf keinen Fall will man zulassen, dass die Palästinenser eine Verantwortung für die eigene Geschichte übernehmen.

Die ersten zwei Beispiele finden sich bei Claudio Casula (Link) und Ingo Way (Link). Hier kommen noch zwei. Einmal der plauderige Tony Judt (im Interview an “Die Presse”):

Ist es Israels Schuld, dass Fatah und Hamas in Gaza jetzt aufeinander schießen?

Judt: Auch jetzt verhalten sich die Palästinenser als Opfer. Weil sie gegen das starke Israel keine Chance haben, bekämpfen Sie einander.

Judts “Logik” wird eher in die Geschichte eingehen als seine Folianten. Ich darf in diesem Zusammenhang auf zahlreiche Judt-Einträge von mir hinweisen (Link).

Und noch “besser” geht es bei der Süddeutschen Zeitung, die heute auf ihrem Israel-Pferdchen gar achtmal reitet! Am deutlichsten zeigt sich die Redaktion bei dem Titel eines Artikels von Thorsten Schmitz (Link):

Der aufgezwungene Bruderkampf 

Der Text des Artikels gibt keine Veranlassung zu diesem hervorragenden Titel. Im Netz steht der Anfang allerdings nicht:

Der Kampf zwischen den palästinensischen Gruppen Hamas und Fatah wird zunehmend brutaler. Die Autonomiebehörde ist praktisch nicht mehr existent. Die Israelis verschärfen die Lage dadurch, dass sie Grenzübergänge geschlossen haben. Die Versorgung der Bevölkerung ist deshalb kaum noch möglich. Eine Hungersnot steht bevor.

Noch gedankenreicher schreibt Rudolph Chimelli:

Die Amerikaner [...] haben einen wesentlichen Anteil am Entstehen des Konflikts.

Usw. Die Propagandamaschine arbeitet.

 

Hans Werner Kilz belehrt Horst Köhler Samstag, 12. Mai 2007

Die Süddeutsche Zeitung will alles besser wissen. Neulich hat Hans Leyendecker über die Posener-Affäre doziert (Link):

Poseners Polemik ist aus vielerlei Gründen interessant: Wenn es das Internet nicht gäbe, wäre ein solcher Beitrag vermutlich nie erschienen. Auf dem Weg in die Setzerei hätte sich früher irgendjemand dazwischengeworfen.

Zum anderen ist der in London geborene Posener ein wegen seiner auf vielen Gebieten bestehenden mangelnden Kompromissbereitschaft interessanter Zeitgenosse. Der frühere Studienrat ist ein wortradikaler Liberaler, kein Karrierist. 
 

Sehr kollegial, wie wir sehen. Noch deutlicher? Bitte schön:

Die Wut, die mancher bei Springer auf die Achtundsechziger hat und die früher zur Karriere-Ausrüstung gehörte, teilt der Querkopf so nicht. Posener gehörte einst dem Kader einer Mao-Gruppe an und wundert sich manchmal, dass er damals kein Berufsverbot erhielt. Diese Gefahr bestand bei dem Burschenschaftler Diekmann nie. 
 

Will jemand noch einen ehemaligen Maoisten, den Querkopf und einen früheren Studienrat und ansonsten “interessanten Zeitgenossen” verteidigen?

Heute hat der Chefredakteur sich den “Volkspräsidenten” vorgenommen (Link). Der Artikel ist offensichtlich als zukünftig preisverdächtig intendiert. Ein hoher moralischer Zeigefinger.

Einige Fragmente daraus:

Hätte er wirklich etwas verändern wollen, hätte er handeln müssen – also begnadigen.

Soll das einer verstehen? Meint Hans Werner Kilz, Köhler hätte begnadigen müssen? Wer sollte dabei befriedet werden?

Was ist los in dieser Republik, wenn die Begnadigung eines Terroristen das Volk mehr in Wallung versetzt als die Entsendung deutscher Soldaten in Kriegsgebiete, die gescheiterte EU-Verfassung oder die rechtlich dubiose Neuwahl-Entscheidung des Präsidenten 2005 – Köhlers erster Verzicht, sich gegen den Trend zu stemmen?

Welches Volk meint Kilz? Gibt es Umfragen dazu? Oder nimmt er auf sich das Recht als moralische Instanz für alle zu sprechen? 

Der Volkszorn wurde von intellektueller Seite geschürt, nicht aus echter Empörung, mehr aus eitlen, auch merkantilen Gründen. Boulevardblätter müssen dem Volk verkauft, Magazine, Bücher, Filme crossmedial vermarktet werden.

Also doch nicht: Es waren Boulevardblätter, die den Volkszorn geschürt haben. Moment, oder waren es doch die Intellektuellen? Oder gar die Süddeutsche selbst? Am 20.1.2007 wurde die Debatte ausgelöst – mit dem Artikel von Antje Vollmer, den man bei der Zeitung selbst mit keiner Suchmaschine findet. Nur bei Vollmer selbst (Link). Mit dem berühmt gewordenen Vergleich:

Mit 24 Jahren bzw. 22 Jahren haben Christian Klar, Brigitte Mohnhaupt, Eva Haule, länger im Gefängnis gesessen als jeder NS-Täter. (Albrecht Speer z.B. saß 20 Jahre in Spandau und danach standen ihm sogar die Türen zur Berliner Gesellschaft offen.)

Im selben Artikel schrieb Vollmer:

Es ist an der Zeit ein Kapitel zu beenden. Es ist an der Zeit, daß sich die deutsche Öffentlichkeit und die deutsche Politik dazu gratuliert, dieses Thema Terrorismus mit Klugheit, Maß, Umsicht und demokratischem Mut richtig beendet zu haben. Der Bundespräsident sollte und kann die Begnadigungen bald aussprechen – und zwar für alle verbliebenen Inhaftierten zusammen – wenn sie es denn wollen. Die deutsche Öffentlichkeit ist nicht rachsüchtig – wenn sie nicht medial aufgeputscht wird. Es braucht nicht mehr so viel Mut und nicht mehr so viel Energie, die für ein gutes Ende aufzuwenden ist. Problematisch ist immer nur die Gleichgültigkeit und das Desinteresse einer Öffentlichkeit, die leicht vergißt, daß hier im Sinne eines humanen Friedens noch etwas abzuschließen ist – aus einer längst vergangenen Epoche, die aber heute im globalisierten Rahmen wieder hoch aktuell ist.

Hier wird die eigene Meinung schon wieder als Urteil der Geschichte ausgegeben, der Präsident und die Öffentlichkeit werden beschworen bzw. manipuliert, obwohl die anderen, die Gegner, es nicht tun dürfen usw. Doch zurück zu Kilz:

Warum hat der Bundespräsident wohl das Gnadenrecht? Damit das Volk ihm zujubelt, wenn er einen Terroristen oder Mörder begnadigt? Das Volk jubelt lieber Hinrichtungen zu, die Bilder werden aus aller Welt täglich in die Zeitungsredaktionen geliefert. Das Gnadenrecht gibt es, um zu befrieden. Es unterscheidet sich gerade dadurch vom Strafrecht, dass es ohne Vorbedingungen gewährt wird. Gnadengesuche sind Unterwerfungen.

Wen wollen Kilz und Vollmer befrieden? Kann mir einer diese Frage beantworten? 

 “Vox populi, vox Rindvieh” hat Stoibers Vorgänger Franz Josef Strauß einst gesagt. Er war ja auch ein Demokrat, ein grober vielleicht, aber ein intelligenter. Er wusste jedenfalls, wovon er sprach, auch wenn es dem Wahlbürger nicht besonders schmeichelte. [...] Köhler hat im Fall Klar eine plebiszitäre Entscheidung getroffen. Der Bundespräsident übt ein Amt aus, das ihm wenig politischen Einfluss zugesteht. Aber es ist kein unpolitisches Amt. Köhler hat wieder einmal gezeigt, dass er kein politischer, sondern ein für Populismus empfänglicher Präsident ist.

Wird hier schwarz auf weiß Strauß als intelligenter Demokrat bejubelt? Dazu noch mit dem Zitat? Im Ernst? Wird seine arrogante Ignoranz der Demokratie deswegen als vorbildlich geschildert, weil er nie einen Klar begnadigt hätte? Wo hat hier eine Logik ihre Spur hinterlassen?

Wie hätte Köhler unversöhnliche Parteien befrieden können, wenn sie nicht einmal einander verstehen? Die einen sehen nur Mörder, die anderen – nur Begnadigungen. Sie reden aneinander vorbei. Zum Vergleich noch vier Verweise:

In der FAZ vom 8.5 rüstet Stephan Löwenstein gegen die Grünen auf, denunziert sie der Verbindungen zu RAF und weil doch nichts dabei herauskommt, seufzt er am Ende (Link):

Tatsächlich haben sich nur wenige, etwa wieder Frau Vollmer oder der Fraktionsgeschäftsführer Volker Beck, ausdrücklich für eine Begnadigung Klars ausgesprochen. So konzentrieren sich auch die Grünen beim Thema RAF inzwischen hauptsächlich auf die Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner.

Andersherum die “Junge Welt”, bei welcher sich die Gegenseite in einem exemplarischen Leserbrief empören darf (Link):

Die Entscheidung des Bundespräsidenten Köhler, das Gnadengesuch von Christian Klar abzulehnen, erfolgte am Vortag des 8.Mai. Dies mag Zufall sein, entbehrt aber nicht einer grundsätzlichen Symbolik. Kein einziger der Nazi-Blutrichter wurde je im NS-Nachfolgestaat BRD für seine Untaten verurteilt. Kein NS-Massenmörder hat – wie Klar – 24 Jahre, darunter viele in Einzelhaft (»weiße Folter«) für seine Taten büßen müssen.

Der Thälmann-Mörder Wolfgang Otto wurde ebensowenig wie seine Mittäter im KZ Buchenwald für seine Bluttat verurteilt, sondern lebte unbehelligt, zunächst als Lehrer im Staatsdienst und später als Rentner, bis zu seinem natürlichen Tod in den 90er Jahren im niederrheinischen Geldern. Dieser Henker wurde am 29. August 1988 im Saal 117 des Düsseldorfer Landgerichts vom Vorsitzenden Richter Enno Legde sogar freigesprochen, was von Kommentatoren damals als »Schandurteil« und »Justizskandal ohne Beispiel in der Nachkriegsgeschichte« gewertet wurde. (…)

Köhlers jetzige Entscheidung, die nun von der »politischen Klasse« und den Bourgeois-Medien unisono beklatscht wird, ist ganz im Sinne der Tradition dieses Staates, dessen Repräsentanten bis heute die Herausforderung der 70er Jahre, die sich explizit gegen eben jene Traditionslinie wandte, nicht verwunden haben. Die von Christian Klar in seinem Grußwort an die Rosa-Luxemburg-Konferenz skizzierte Notwendigkeit des antikapitalistisch (und antifaschistischen!) Kampfes bleibt auf der Tagesordnung, und zwar drängender denn je. Heinz W. Hammer, Essen  

Irgendwo dazwischen sitzt die TAZ und versucht sich herauszureden (Link):

Horst Köhler hat nicht erklärt, seit wann ihm das Gnadengesuch Birgit Hogefelds vorliegt, das der Öffentlichkeit bislang unbekannt war. Er hat auch nicht erläutert, warum er sich “nicht in der Lage” sieht, “derzeit” über ihr Gnadengesuch zu entscheiden. All dieses Schweigen ist gut und richtig, so unverständlich es auf den ersten Blick auch sein mag. Die grundsätzliche Befugnis des Bundespräsidenten, im Falle von Terroristen und Spionen “Gnade vor Recht” zu gewähren, festgehalten im Artikel 60 des Grundgesetzes, liegt nun einmal im freien und nicht überprüfbaren Ermessen des Staatsoberhauptes. Dieses Recht, soll es wirksam sein, muss sich der aufgeregten politischen Debatte geradezu entziehen. [...]

Angesichts dieses ungeheuren politischen Drucks – noch am Wochenende hatte die CSU offen damit gedroht, eine Wiederwahl Köhlers im Frühjahr 2009 zu blockieren, sollte er Klar begnadigen – zieht sich der Bundespräsident achtbar aus der Affäre. Er hat, offenbar nach gründlicher, schwieriger Abwägung, eine souveräne Entscheidung getroffen. Er hatte sich zuvor durch Tausende von Akten gefressen. Er hatte, so wurde es vorige Woche im Stern kolportiert, mit RAF-Experten wie Kay Nehm, Klaus Kinkel, Antje Vollmer und Stefan Aust ebenso getroffen wie mit Angehörigen der RAF-Opfer, unter ihnen Hergard Rohwedder und Michael Buback. Und schließlich hatte sich der Bundespräsident bei einem Gespräch mit Klar am vorigen Freitag irgendwo in Süddeutschland ein persönliches Bild von dem Mann gemacht, der seit über 24 Jahren hinter Gittern sitzt.

Köhler soll dabei, so schilderten es mehrere seiner Gesprächspartner, nicht die Frage der Symbolik oder der gesellschaftlichen Versöhnung interessiert haben, sondern die menschliche Dimension des “Falles” Christian Klar, die Frage seiner möglichen oder gar notwendigen Resozialisierung. Warum ihm der Bundespräsident die Gnade verweigert hat, wissen wir nicht. Die routinierten Reaktionen aus allen politischen Lagern (SPD: “souverän”; FDP: “klug und weise”; CSU: “in Einklang mit dem Gerechtigkeitsempfinden einer großen Mehrheit in Deutschland”) tragen zur Aufklärung diesbezüglich nichts bei.

Mit diesen Worten von Jens König könnte man abschliessen. Wenn fast alle unzufrieden bzw. unbefriedet sind, ist Köhler sowieso schuld. Etwas nüchterner sieht die Perspektive bei Gudula Geuther aus, die beim Deutschlandradio den gesamten Ablauf der Debatte treffend beschrieben hat (Link). Nicht spektakulär – dafür aber realistisch.

 

Schlammschlachten 2 Sonntag, 29. April 2007

Der Trend, für sich bzw. für seine Firma mit einem Chef-Blog zu werben, festigt sich. Nach dem Blog der Springer-Akademie (dazu mehr in dem Posting zu Schlammschlachten 1) kommen die nächsten: Ein Blog der Tagesschauredaktion (Link) und – seit einigen Tagen – einer des Chefredakteurs der “Welt” (Link).

Die Zeit wird zeigen, ob das mehr mit einer Parade der Eitelkeiten verbunden ist oder mit der Fehleinschätzung des Mediums. In allen drei Fällen tappen Chefs in eine mediale Falle, munter und zielstrebig. Dieses Sich-selbst-bloßstellen – im neuen Königskleid – ist einerseits eine gute Kolportage-Lektüre, andererseits zeigt es Untiefen heutiger Sitten, wahlweise auch Tiefen heutiger Unsitten. Fein.

Die ersten Angriffe sind online. Mit jep und seinem jepblog hat sich wie gesagt Stefan Niggemeier ausführlich beschäftigt. Kein Wunder beim Bildblogbetreiber. Die am meisten gelesenen Beiträge beim jepblog sind die, in denen beide Herren samt ihrer Armeen aufeinander losgehen.

Im zweiten Fall teilen sich die Meinungen noch. Ich habe daraus schon mal zitiert (Link), mit einem beträchtlichen inhaltlichen Gewinn, auch gegen die ursprüngliche Intention des Originaltextes. Stefan Niggemeier ist offensichtlich mit dem Produkt zufrieden (Link), Fabian Mohr ist dagegen untröstlich (Link) – für mich eher überzeugend.

Der dritte Fall sieht besonders vielversprechend aus:

Warum wird ein Thema Aufmacher und ein anderes nicht? Welche Argumente bewegen die Redaktion bei ihren Entscheidungen? Davon handelt dieser Blog.

Oder:

Zu unseren Regeln gehört, Meldungen anderer Medien nicht ungeprüft weiterzuverbreiten. 

Oder:

Wir sind Makler zwischen den Blöcken, aber kein eigener Machtfaktor mit eigenen Interessen.

Falscher könnte Europas Außenpolitik nicht sein. 

Kommentare zu diesen Offenbarungen von Christof Keese lesen sich zunehmend schärfer. Richtig spannend wird es wohl sein, wenn er darauf antwortet. Nur Geduld… Stefan Niggemeier wartet darauf (Link). :-)

Zum Schluss noch ein Hinweis auf die Recherchekunst von Stefan Niggemeier (Link): Diesmal geht es nicht um die Bild-Zeitung, sondern um die “Süddeutsche”. Darin möchte ich Stefan ausdrücklich unterstützen. Auf seine Fragen (zum typischen Bild-Fall mit Angelina Jolie) hat Hans-Jürgen Jakobs, Chef von sueddeutsche.de, folgendermaßen geantwortet:

Gibt es bei sueddeutsche.de Regeln für den Umgang mit Quellen im Allgemeinen und „Bild” im Besonderen?

Der Umgang mit Quellen unterscheidet sich bei sde nicht von den Prinzipien der Süddeutschen Zeitung oder anderer etablierter Medien. In der Regel werden Nachrichten mit Quellenangaben zitiert, wie auch in dem von Ihnen betrachteten Fall.

Gelten vermeintliche „Bild”-Exklusiv-Meldungen bei sueddeutsche.de grundsätzlich als vertrauenswürdig? Und sogar so vertrauenswürdig, dass die Redakteure auf eine Plausibilitäts-Kontrolle durch eine kurze Google-Suche verzichten können?

Die Meldung beruhte auf einer „Bild”-Geschichte, die am Samstag erschien. Am Wochenende sind in der Regel die Personen aus den Ressorts Panorama und Leben & Stil nicht im Büro. Zu einer gesonderten Überprüfung kam es in diesem speziellen Fall nicht. Die sde-Seite, auf die BildBlog zunächst verlinkt hat, ist längst gelöscht.

Weitere Kommentare sind herrlich und lesenswert. Vielleicht folgt der Chefredakteur der “Süddeutschen” dem Trend und macht einen Blog auf? *g*

 

Vaclav Havel mit menschlichem Gesicht Samstag, 28. April 2007

Die heutige SZ glänzt mit einem Interview mit Vaclav Havel (Link). Mittendrin, beim Thema “wir und die russischen Bären” sagt der Präsident-Dichter:

Ein freundlicher Umgang ist nie ein Fehler, aber man darf nicht lügen. Man darf es nicht verbergen, wenn einen Morde an Journalisten und solche verschiedenartigen merkwürdigen Dinge beunruhigen. Das ist etwas, das man offen ansprechen muss, wenn auch mit menschlichem Gesicht. Und da wäre vielleicht zu sagen, dass es zwar nett ist, wie wunderbar sich Bundeskanzler Schröder mit den Putins angefreundet hat, aber ich gestehe gleichzeitig, dass mir Bedenken kommen wegen der Rohrleitung durch die Ostsee, die Polen umgehen soll. Das kann in diesem ganzen Teil Europas Unruhe hervorrufen oder zumindest zur Unruhe beitragen.
 

Das ist schon eine Klasse für sich, aber trotzdem: Weil der eine oder andere zu schnell liest, wiederhole ich hier noch einmal seinen besonders hübschen Satz:

Das ist etwas, das man offen ansprechen muss, wenn auch mit menschlichem Gesicht.

Schön gesagt!

 

Ackermanns Gehalt und Medien Donnerstag, 29. März 2007

Am 27.3.2007 wurden die Gehälter von Top-Managern für das Jahr 2006 bekanntgegeben. Darunter Josef Ackermann von der Deutschen Bank, mit seinen 13 200 000 Euro. Wie wurde diese Nachricht journalistisch verarbeitet?

Die meisten Zeitungen vermeldeten es und beließen es dabei, ohne Kommentare. In einigen Fällen wurden Forenbeiträge zugelassen, so dass die Leser mit ihren Meinungen die Aufgabe der Redakteure übernommen haben, einige sogar sehr gut. Fast alle Blogger haben diese Nachricht ignoriert. Sollte man das noch kommentieren?

Eine merkwürdige Mischung aus Neid und Bewunderung gegenüber Ackermann selbst einerseits und aus feiger Verschwiegenheit und Resignation in der Bewertung der Nachricht und deren Hintergründe andererseits ist das Resultat der Stöberns durch die Publikationen im Internet. Insgesamt sieht das nicht gut aus.

Und jetzt die Beispiele.

Die einzige Zeitung, die Ackermann der Sittenwidrigkeit überführt (Link), ist die TAZ. Jan Feddersen und Klaus-Peter Klingelschmitt verteilen die Rollen untereinander: Der erste mischt Ironie mit Heuchelei:

Wir wollen ihn nicht noch weiter ehren mit unserem Neid. Das Schlimmste steht ihm ja noch bevor: eine Entourage voller Devotlinge und Schleimgeister, die wollen, was er hat. Dieser Ackermann bekommt die Kohle ohnehin weitgehend als Schmerzensgeld – weil er all die Rivalen ausgestochen hat, die nicht so gruppendynamisch, also karrieregeschmeidig operierten wie er. Und nun ihre Missgunst verstecken. Nein danke, ohne uns! 

Der zweite geißelt:

Das waren 36.164,38 Euro pro Tag. In der Stunde “verdiente” Ackermann 1.506,84 Euro. Und in der Minute immerhin noch 25 Euro und 11 Cent. Sittenwidrig? Ja. Und diese (Be-)Wertung hat mit Neid nichts zu tun. [...] Mit 1 Million Euro, “dem Spitzengewinn bei Jauch”, wären beide angemessen ausgestattet. Alles darüber hinaus ist Verschleuderung von Volksvermögen, das doch, “wenn es schon nicht an alle Beschäftigten ausgeschüttet wird”, wieder investiert werden könnte.

Merken wir uns: Klingelschmitt zählt 365 Arbeitstage à 24 Stunden :-)

Die “Tagesschau” stellt zwei Beiträge zum Thema online und erklärt auf diese Weise zwei Sachen. Erstens den Grund für die astronomisch hohe Entlohnung Ackermanns (Link):

Die Bank hatte für 2006 den höchsten Gewinn ihrer Geschichte ausgewiesen.  

Zweitens zeigt Marc Dugge im Vergleich die Situation in den USA und widerlegt damit die Argumentation der Ackermann-Verteidiger (Link):

Befürworter hoher Managergehälter verweisen gern auf die USA, wo derartige Spitzengehälter angeblich völlig normal sind. Stimmt das? [...] Die Mega-Einkünfte der Wirtschaftsbosse sind ein Dauer-Aufreger in den USA – und alles andere als allgemein akzeptiert. Rodger Hodgson vom wirtschaftskritischen Forschungsinstitut “Corporate Library”: [...] In zwei Dritteln der US-Unternehmen ist der Firmenchef gleichzeitig Vorsitzender des Aufsichtsrats – und der darf die anderen Mitglieder des Aufsichtsrats vorschlagen. Das sind in der Regel Menschen, die ihm genehm sind. Und die ihm aus Dankbarkeit ein ordentliches Gehalt gönnen. Von Kontrolle also keine Spur. [...] “Ist die Höhe des Gehalts bei dem Unternehmensergebnis gerechtfertigt? Es wird wohl eher um solche Fragen gehen als darum, ob 30 Millionen Dollar Gehalt zuviel oder zuwenig sind.”

Genau das ist die Sichtweise vieler Amerikaner: Wenn jemand ein Unternehmen zum Erfolg führt und den Aktienkurs steigen lässt, darf er ruhig Millionen verdienen. Aber auch nur dann.

Die FAZ (Link), die Süddeutsche (Link) und die Rheinische Post (Link) überlassen ihren Online-Lesern die ehrenvolle Aufgabe, die Sache zu kommentieren. Und wie gesagt, einige schaffen das ganz gut, die Journalisten können sich inzwischen wichtigeren Themen widmen. Ein Florian Kraus schreibt in der SZ online – aus meiner Sicht – sehr treffend:

Kaum jemand wird in einer Marktwirtschaft etwas dagegen haben, wenn ein Unternehmer, der ein Unternehmen erfolgreich aufbaut oder leitet und persönlich das Risiko des Scheiterns trägt, sich diese Leistung in sieben- oder achtstelligen Einkommen vergüten lässt, wenn der Markt es hergibt. Das Gleiche gilt auch für Vorstände, die es schaffen, dass ein Unternehmen seinen Wert steigert, auch sie können und sollen gerne an dieser Wertsteigerung partizipieren.

Nur, genau da hakt es in unserer Wirtschaft! Wie sonst konnte eine Niete in Nadelstreifen wie Schrempp, unter dessen Führung der Aktienkurs von Daimler in den Keller ging, dennoch zu den bestverdienenden Topmanagern gehören? Wie sonst können Vorstände, die durch unnötige Fusionen oder andere Fehlentscheidungen Milliarden in den Sand gesetzt haben unter den Topverdienern auftauchen?

Persönliches Risiko? Fehlanzeige! Die Vorstände, die wegen massiver Mißwirtschaft ohne Abfindung nach Hause geschickt wurden, lassen sich an einer Hand abzählen, diejenigen, von denen gar Regress gefordert wurde, müssen erst noch geboren werden. Welcher Arbeitnehmer erhält noch eine Abfindung, wenn ihm Fehler zur Last gelegt werden, die eine Kündigung rechtfertigen? Bei Vorständen jedoch ist es üblich, dann mit goldenem Handschlag in eine kurze Ruhepause geschickt zu werden, bevor ihm ein anderes Unternehmen großzügig Asyl und Salair anbietet (Pischetsrieder ist nur ein Beispiel). Man kennt sich in diesen Kreisen ja und irgend ein Pöstchen findet sich da immer.

Und was die Spitzenergebnisse der Unternehmen betrifft – gleich, ob Deutsche Bank oder Allianz, es ist nicht so schwer, ertragreich zu arbeiten, wenn man Personalkosten durch Entlassungen sozialisieren und Gewinne privatisieren kann. Denn wer zahlt denn die Kosten für die Entlassungen? Letztendlich die Beitrags- und Steuerzahler, also die Allgemeinheit. Gleiches geschieht auch in anderen Branchen: auch die just in time-Produktion bürdet die Lagerhaltung z.B. über den LKW-Verkehr den Bürgern auf, die Folgen des hohen Risikos der AKW wird nicht etwa durch risikogerechte Versicherungsprämien gedeckt, sondern euphemistisch als “Restrisiko” auf die
Gesellschaft verlagert.

Auch der Vergleich mit den USA hinkt, denn dort stellen sich viele Spitzenverdiener wesentlich stärker auch ihrer gesellschaftlichen Verantwortung, indem sie sich in Stiftungen und als Mäzene engagieren. Aber hier nehmen die zwar gerne die Vorteile amerikanischer Gepflogenheiten in anspruch, wenn es um deren Nachteile (Veröffentlichung etc.) geht, werden die deutschen Regeln vorgezogen.

Niemand neidet Spitzenkräften – egal ob in Sport, Unterhaltung oder Wirtschaft – ihre Einkommen. Wasser zu predigen (Lohzurückhaltung und noch mehr Einsatz, um die Position zu stärken) und Wein zu trinken (Einkommensteigerung +10% und mehr) und das auf Kosten der Gesellschaft – das sind die Rahmenbedingungen, die der Frage, ob solche Einkommen gerechtfertigt sind oder nicht, auch eine ethische Dimension verleihen.

“Hindylop” predigt nicht weniger schön:

Ackermanns Aufgabe ist nicht nur, den Gewinn “seines” Unternehmens sicher zu stellen. Aufgabe Ackermanns (und jedes anderen in ähnlicher Position) ist auch, sich an die Gesetze zu halten. Und, da in prominenter Position, nicht nur an den nackten Wortlaut, sondern an Sinn und Absicht der Gesetze (als Symbolfigur, die er nun mal ist).
In einem dieser Gesetze steht: “Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll ZUGLEICH dem Wohle der Allgemeinheit dienen.” [...] Über dieser Verpflichtung, das eigene Unternehmen optimal zu positionieren, stehen in einem Rechtsstaat doch aber sicher die Grundgesetze. Für die BWLer und andere, die es nie gelesen haben: GG Art. 14,2. überhaupt stehen da noch viele andere schöne Sachen drin, an deren Einhaltung durch die hochbezahlten Symbolfiguren unserer Wirtschaftswelt man beim Lesen der Wirtschaftsseiten so seine Zweifel haben kann. [...] Reine Ideologien führen eben IMMER zu menschenunwürdigen Ungerechtigkeiten – das gilt für die angeblich sozialistischen Staaten ebenso wie für die kapitalistischen. Der Unterschied ist, dass die ersteren ihre Ideologie stolz vor sich her tragen, um sie zu ignorieren. Die zweiteren leugnen, eine Ideologie zu haben (“neutral”), und setzen sie fleißig und mit allen schädlichen Wirkungen in die Tat um.

Die Wirtschaft und ihre Logik sind eben nicht die höchsten gesellschaftskonstituierenden Normen. Stattdessen stehen in unserem Grundgesetz ganz vorn Worte wie: Verantwortung, Würde, Menschenrechte, menschliche Gemeinschaft … – soviel zum Thema, wofür Wirtschaftsführer in erster Linie Verantwortung tragen (sollen). Dass sie diesbezüglich vermehrt in die Kritik geraten und zur Verteidigung selten mehr als “unsere Verantwortung gilt dem Gewinn des Unternehmens” vorgebracht wird – also vom Thema komplett abgelenkt wird – lässt auf die fragwürdige Machtposition schließen, in der sich diese Personen befinden.

“XLarge” bei der RP-Online zählt den Stundenlohn von Ackermann anders als oben:

Dass bei der Debatte um einen Mindestlohn ein Herr Ackermann bei 60h/Woche und 44 Arbeitswochen einen Stundensatz von 5000 EUR hat, gibt mir zu denken – das ist das 666fache des vorgesehenen Mindestlohns von 7,5 EUR (ein Schelm …) Am ersten Arbeitstag hat Herr Ackermann also mindestens das doppelte ”verdient” wie der Mindestlöhner im ganzen Jahr – von 1€Jobs fangen wir besser gar nicht an – aber nur wenn Herr Ackermann nur bei einem Unternehmen beschäftigt wäre, aber er sitzt ja in diversen Firmen in Aufsichtsräten/Vorständen…  

Ein Hans-Peter (auch bei der RP-Online) ist anderer Meinung:

Josef Ackermann war und ist für die Deutsche Bank und die deutsche Wirtschaft ein Glücksfall. [...] ”Deutschland krankt daran, dass es nicht noch mehr Ackermänner hat!”

Noch eifriger verteidigt ein “Baguette” (auch RP-Online) den Großverdiener:

Trotz ungünstigen Rahmenbedingungen hat Herr Ackermann weiterhin viel für den Standort Deutschland getan. Er hat entgegen vielen Mutmaßungen den Sitz der Bank nicht nach London verlegt und hat dabei viele Arbeitsplätze in Deutschland erhalten. Ferner war er fast permament Attacken durch deutschen Medien und Neidern ausgesetzt. Auch in dieser Zeit hat er das Schiff nicht verlassen, sondern die Bank in Ruhe weitergeführt. [...]  Nichtaktionäre mögen sich bitte aus der Diskussion heraushalten, schliesslich handelt es sich dabei nicht um ihr oder um Allgemeineigentum. 
 

Diese letzte Bemerkung finde ich besonders köstlich. Und nun zwei Zitate aus Blogs. Mehr gibt es leider nicht, wie gesagt. Im Blog “Textpool” wird schon wieder der Stundenlohn Ackermanns neu errechnet (Link):

13,2 Millionen Euro stehen bei dem Schweizer auf dem Gehaltszettel, heruntergerechnet sind das rund 4500 Euro in der Stunde. 

Ich glaube, in Minuten und Sekunden wäre das anschaulicher. :-) Und zum Schluss die einzige Blogmeldung, die mich angesprochen hat. Dazu noch vor der Verkündigung der guten Nachricht: Schon am 12.2.2007 hat Klaus J.Stöhlker in seinem Blog den besten Kommentar zum Thema abgegeben (Link). Ich zitiere den kurzen Text vollständig:

Unser Joe Ackermann hat es den Deutschen und allen Kollegen in der Schweiz gezeigt: Die Deutsche Bank verdient wieder richtig Geld. Der Mann mit dem “V”-Zeichen vor Gericht ist nun schon wieder gestolpert, sagte er doch zur Rechtfertigung seines Jahreseinkommens: “Wir werden nicht von Deutschland bezahlt, sondern von unseren Aktionären.” Ist das die ganze Wahrheit? Die Deutsche Bank, einst das Herz der deutschen Wirtschaft, von Abs (”A wie Abs, B wie Abs und S wie Abs”) zur heutigen Grösse herangeführt, kann ohne Deutschland nicht leben. Sie ist Teil des wirtschaftlichen Körpers unseres nördlichen Nachbarn. Joe will nur den Aktionären Rechenschaft ablegen, nicht der deutschen Wirtschaft und nicht dem deutschen Volk, mit dem die Bank ihr Geld verdient. Da ist noch einer, der seine Ansprüche zu Jahresbeginn eingetrieben hat. Anshu Jain ist Statthalter Ackermanns in London, von wo er das grosse Geld hereinbringt. Er verdient mit Sicherheit mehr als Euro 50 Mio. pro Jahr. “Joe”, unser Goldjunge aus dem St. Gallischen, hat Glück, dass Anshu ihm die Stange hält.

Für die Hinweise auf journalistische Beiträge, die ich übersehen habe, wäre ich dankbar. Sonst kann man auf die Meinung wie “armselig” kommen, was ich doch vermeiden möchte.

 

Ephraim Karsh über Ilan Pappe Sonntag, 11. März 2007

Die Werbung, die Heiko Flottau für das neue Buch von Ilan Pappe in der “Süddeutschen” geschrieben hat (Link), lässt mir noch keine Ruhe. Für die weitere inhaltliche Diskussion sind aus meiner Sicht folgende Beiträge wichtig:

- ein Artikel von Ephraim Karsh (“Were the Palestinians expelled?”, Link), in dem er die Umstände von 1948 in Palästina beschrieben hat;

- ein Interview mit Ephraim Karsh in der “Weltwoche” (Link), wo dieser sein neues Buch vorstellt;

- ein Streitgespräch zwischen Karsh und Pappe bei Sky News (Link). Lustig ist – nebenbei bemerkt – die Rezeption dieses Gesprächs durch Antizionisten (Link):

Karsh was arrogant and inarticulate, Pappe came out as a fine human being. 

Auf mich wirkt das absolut anders: Karsh argumentiert, genervt von der Arroganz und Überheblichkeit seines Gegners, Pappe geht auf die Argumente gar nicht ein und lächelt nur milde.

Das alles gibt es bei Flottau selbstverständlich nicht – die vernichtende Kritik von Ephraim Karsh (Link) und Benny Morris (Link) an dem vorletzten Buch Pappes auch nicht. Noch mehr Hinweise auf Karsh gibt es in diesem Blog hier und hier.

 

Kasparow bei Christiansen ausgeladen Montag, 11. Dezember 2006

Bei der wie immer spannend substanzlosen Show mit Sabine Christiansen wurde noch ein politisch brisantes Thema zerredet: Russland. Ein realer Kritiker wurde dabei vorsorglich ausgeladen, nämlich Garri Kasparow (Link). Werden wir je erfahren, warum? Denn die vorgegebenen “technischen Gründe” sind wenig glaubwürdig.

Mich interessiert allerdings die Reaktion der Medien. Wird sie genauso oder wenigstens vergleichbar ausfallen, wie neulich in der Tony-Judt-Affäre, als die deutschen Zeitungen ausser sich waren(Link)? Bis jetzt habe ich nur eine entsprechende Meldung, eher klatschreportähnlich, in der “Welt” gefunden (Link) und eine Erwähnung bei der “Süddeutschen”.

 

Eine nette Ente Mittwoch, 25. Oktober 2006

Deutsche Medien berichten über den angeblichen Zwischenfall vor Libanons Küste. Zuerst “Der Tagesspiegel”, dann die anderen. Zum Beispiel auch “Die Süddeutsche” (Link):

Am Dienstag um 10.11 Uhr hätten sechs israelische F-16-Jäger ein deutsches Marineschiff der UNIFIL-Flotte vor Libanons Küste in geringer Höhe überflogen und „Infrarot-Täuschkörper“ abgeworfen. Aus einer der Maschinen seien aus der Bordkanone zwei ungezielte Schüsse in die Luft abgefeuert worden. Es gebe bereits Gespräche mit Israel auf Regierungsebene, sagte Raabe. Beide Seiten seien an einer weiterhin guten Zusammenarbeit interessiert.

In Wahrheit wurden nur Täuschkörper abgeworfen, da ein Hubschrauber von einem deutschen Marineschiff unangemeldet in Richtung der israelischen Grenze flog. Die unerfahrenen deutschen Offiziere haben die Täuschkörper für Raketen gehalten. Die weitere Ente ist ein Selbstläufer. Glückwunsch!

UPDATE: Die “Tagesschau” korrigiert im Bericht vom 26.10 (Link):

Es habe sich herausgestellt, dass ein Marine-Hubschrauber von Bord des Einsatzgruppenversorgers “Frankfurt am Main” aufgestiegen sei. Der Pilot des deutschen Helikopters habe zuvor seine Flugdaten nicht dem israelischen Koordinationshauptquartier mitgeteilt, zudem habe er nicht das Identifikationssystem seines Hubschraubers eingeschaltet, das auf einer vereinbarten Frequenz eine rasche Erkennung des Flugobjekts erlaube.

Die beiden israelischen Kampfflugzeuge hätten auf den Marine-Hubschrauber zugehalten und über die Frequenz, die der deutsche Pilot nicht eingestellt hätte, vergeblich versucht, Kontakt aufzunehmen. Nachdem keine Antwort gegeben worden sei, seien die F-16-Jets auf den Helikopter zugeflogen und hätten – nachdem sie die deutschen Hoheitskennzeichen am Hubschrauber erkannt hätten – abgedreht. Im Verlauf dieses Manövers seien von den Kampfflugzeugen so genannte “Infrarot-Tauschkörper” zur Raketenabwehr abgeworfen worden. Die Deutschen hätten deswegen wohl geglaubt, dass die Jets auf sie geschossen hätten.

Die “Süddeutsche” will davon selbstverständlich nichts gewußt haben (Link).

 

Die Süddeutsche wiegt aus Donnerstag, 17. August 2006

Nach Monaten “israelkritischer” Berieselung durch Avenarius & Co. wirkt ein normaler Text wie ein Wunder. Das soll bestimmt genügen, ab morgen wird die Zeitung wieder für  Ausgewogenheit sorgen, wie sie sie versteht. Heute aber genießen wir die Zeilen, die gut tun (Link):

Günter Grass war als Junge in der Waffen-SS und hat dort drei Monate lang keinen Schuss abgegeben. Die ganze Republik steht Kopf, und doch, und ach – warum lässt es uns so kalt? Joachim Fest, Ralph Giordano, Rolf Hochhuth, Martin Walser, Walter Jens, Erich Loest, Dieter Wellershoff, Walter Kempowski geben ihr Verständnis, ihre Bestürzung, ihre Enttäuschung, selbst ihren Ekel zu Protokoll – keiner ist unter 75. Ein Klassentreffen der alten deutschen Intellektuellen, die über immer dasselbe Thema Auskunft geben wollen oder sollen: Hitler und ich.

Bitte keine Geständnisse mehr! Gibt es keine anderen Themen? Wo sind die Stimmen zu den aktuellen Fragen von Politik und Moral? Es wird Zeit, dass dieses Land sich endlich aus den Selbstbespiegelungen seines zwiebelhautengen NS-Diskurses befreit, dass man den Blick von der eigenen Nabelregion ab- und der Welt zuwendet. Es wird Zeit, dass die hundertmal gepredigten Lehren der Vergangenheit endlich auf die Politik des 21. Jahrhunderts angewendet werden, bevor sie, ein Blick zurück zu Walser, nur mehr blinde Aggressionen erzeugen. Es ist beschämend, dass die Affäre Grass innerhalb von drei Tagen mehr Wortmeldungen und moralisch gefestigte Standpunkte von deutschen Dichtern und Denkern produziert als der Krieg in Nordisrael und Südlibanon in den 33 Tagen davor.

Dabei war die Nahost-Debatte, weit gehend ohne große Namen, die ganze Zeit unüberhörbar vom Basston der deutschen Vergangenheit begleitet. Aber wie eine kaputte Schallplatte hängt sie bei der Beschwörung ,,Nie wieder Auschwitz‘‘ fest – bekanntermaßen eine Leerformel, die mit wirklich allem gefüllt werden kann. Linke deutsche Friedensbewegte, die ihr ganzes Leben als Antithese zu ihren Nazi-Vätern oder -Großvätern entworfen haben, demonstrieren – wie im Juli in Berlin – Seit’ an Seit’ mit Arabern, die ,,Tod den Juden‘‘ rufen. Das aber ist niemandem einen Skandal wert. Man gefällt sich in Betroffenheitspazifismus, der im deutschen Wohnzimmer gewiss bequem, aber leider keine politische Haltung ist. Eine politische Haltung wäre, darüber nachzudenken, unter welchen Umständen sich Kriege nicht vermeiden lassen. Was hat Grass dazu zu sagen? Und was all die anderen? Auch der gut eingeübten Täter-Opfer-Umkehr wäre entgegenzutreten gewesen. Die Fernsehbilder, die Schlagzeilen, der überwiegende Teil der veröffentlichten Meinung wollten uns doch weismachen: Israel ist so stark, so aggressiv, es gibt dort auch immer viel weniger Tote, also muss es ja irgendwie schuld sein. Aus Gründen der Vergangenheit sind wir Deutschen jetzt immer auf der Seite der Schwachen. Also bei der libanesischen Zivilbevölkerung. Die israelische Zivilbevölkerung ist ja in ihren Bunkern gut geschützt.

Wo aber waren die deutschen Intellektuellen, die gesagt hätten: Wir brauchen kein Auschwitz, um uns hier zu äußern? Wir sind auf Israels Seite, nicht, weil Nazideutschland sechs Millionen Juden ermordet hat, sondern weil Israel ein demokratischer Staat ist, mit Feinden, die nicht nur ihn, sondern alle demokratisch verfassten, westlich orientierten Gesellschaften vernichten wollen? Hier geht es nicht um Juden oder Araber, sondern um Demokratie versus mörderischen Fanatismus, um Aufklärung versus Mittelalter, um Menschen- und Völkerrechte versus Märtyrer und Selbstmordattentäter. Reden wir über die vereitelten Attentate von London, reden wir über unser Verhältnis zum Islam, reden wir über die Grenzen der Liberalität. Es geht um uns und unsere Zukunft.

Doch dafür haben unsere alten Herren keinen Sinn und keinen Mut. Sie bleiben bei ihren Lebensthemen. Es gab keine Prominentenliste für Israel, es gibt jetzt eine Prominentenliste gegen die Breker-Ausstellung (die Grass wiederum befürwortet). Angesichts der immergleichen Reflexe, der immergleichen Debatten und Protagonisten bleibt für die Jüngeren in diesem Land kein Platz. Die Alten, die die Nazizeit noch erlebt haben, verstellen ihnen mit ihrem nicht endenwollenden Moralgeflatter die Sicht. Das ist das wahre Methusalem-Komplott.

Die Autoren sind Schriftsteller und leben in Berlin. Von Eva Menasse, 1970 geboren, erschien zuletzt ,,Vienna‘‘, von Michael Kumpfmüller, 1961 geboren, ,,Durst‘‘, beide bei Kiepenheuer und Witsch.

In der gedruckten Zeitung wird dieser Artikel, von der Gattung her ein Leserbrief, so benannt:

Wider die intellektuelle Gerontokratie

Ein Plädoyer für weniger Grass und mehr Nahost in der Debatte

Online sieht das ein wenig anders aus:

Die Waffen-SS-Debatte um Grass
Intellektuelles Moralgeflatter

Der Text selbst ist – ohne die Betitelung – sehr gut. Es wäre schön zu wissen, wie seine Autoren den Text betitelten… Hier wie da sorgt der namenlose witzige Redakteur für Ausgewogenheit, wie sie sich die Redaktion wünscht. Mehr Nahost in der Süddeutschen, ohoho! Wie wäre es zum Beispiel damit, den offenen Brief von 85 Filmkünstlern Hollywoods von heute nachzudrucken, anstatt über Mel Gibson und Jostein Gaarder tagelang zu plaudern?

 

 
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