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Götz Aly sieht die 68-er anders

Samstag, 29. Dezember 2007

In der TAZ von heute erlaubt Katharina Rutschky, sich von Götz Aly vorführen zu lassen. Vor diesem Hintergrund erscheinen seine Argumente und nachdenkliche Weise, sich selbst zu hinterfragen, besonders ehrlich und überzeugend. Eine sehr empfehlenswerte Lektüre, insbesondere angesichts eines Schwalls der sinnlosen Plaudereien zum Thema in der Presse.

Darunter:

1967 siezten sich die deutschen Studenten ja noch. Da war man Fräulein Schmidt und Herr Aly. Man trug Faltenrock oder Krawatte und Jackett und kriegte einen Nervenzusammenbruch, wenn man zum Professor in die Sprechstunde musste. Aber all die Befreiungsschriften von damals sind Müll, unerträglich. Nicht nur die Theorie, auch die Schriften zu den Kinderläden. Es steht kein vernünftiger Satz drin, nichts, was man heute noch mit Gewinn lesen könnte. [...]

In Berlin war das das SDS-Trio Rudi Dutschke, Bernd Rabehl und Christian Semler. Natürlich haben wir damals “Die Rebellion der Studenten” gelesen. Aber da stehen Dinge drin, da zieht es Ihnen die Schuhe aus. Da sagt Dutschke sinngemäß: Wenn wir nach dem Tod von Benno Ohnesorg den Widerstand nicht fortsetzen, machen wir uns zum Juden. Stellen Sie sich vor, ein brandenburgischer Bürgermeister würde heute sagen: Wenn wir den Widerstand gegen eine Müllverbrennungsanlage oder ein Ausländerheim nicht fortsetzen, machen wir uns zum Juden. Der Kerl würde morgen im politischen Orkus verschwinden. Aber damals war Dutschke ein Vorbild. Das Radikale war schön. Man konnte die Welt erklären und hatte immer Recht. Das war wunderbar. Wenn man sich heute anschaut, womit wir diesen eigenen kulturellen Raum füllten, erfasst einen das Grauen. [...]

Die Mehrheit der Studenten an der Freien Universität waren Krawallschwaben. Sie kamen aus dem süddeutschen Raum, aus relativ autoritären Elternhäusern. Es waren regelrechte Repressionsflüchtlinge. Und diese süddeutschen Staaten, die reformunfähig waren, Bayern, Baden-Württemberg, auch Nordrhein-Westfalen, haben ihr Rebellionspotenzial in dieses relativ freie, reformerisch-sozialdemokratisch regierte Westberlin abgeschoben. Sie haben das Problem ausgelagert. [...]

Die Frage ist doch, warum junge Deutsche auf Agnolis Parlamentarismuskritik, die inhaltlich und lebensgeschichtlich beim Faschismus anschloss, so abgefahren sind. Und warum wir Mahnungen von Löwenthal, Dahrendorf und anderen überhört haben. Und warum heute niemand weiß, dass 1968 das Jahr mit den meisten NS-Prozessen in der Geschichte der Bundesrepublik und den meisten lebenslänglichen Verurteilungen war. 1968 enden 30 riesige Prozesse, 23 mit lebenslanger Haftstrafe. 1968 sind an die 3.000 neue Ermittlungsverfahren neu eröffnet worden. Doch für die Studentenbewegung war das kein Thema. Es gab kein Teach-in dazu, Sie finden in keiner linksradikalen Zeitung dazu Artikel. [...]

1967/68 war Ausdruck einer Gesellschaftskrise der Republik, die Studenten zeigten die deutlichsten Symptome dieser Krise. Die Gesellschaft hat sich in dieser Krise erneuert - im Erziehungssystem, im Schulwesen, in dem, was man unter Pressefreiheit versteht, in der Offenheit der eigenen Geschichte gegenüber. [...]

Die Revolte war nur das Symptom. Die Achtundsechziger haben daran keine besonderen Verdienste.

Was Broder darf, was Friedman nicht kann

Montag, 19. November 2007

Seit Michel Friedman mit Horst Mahler auf den Seiten der Zeitschrift “Vanity Fair” gesprochen hat und insbesondere seit der bissigen Verurteilung dieses Textes von Henryk Broder bei Spiegel online (Link), hört eine Menge von Lesern nicht auf, auf ein sich zunehmend zu einem Popanz auswachsendes Interview Broders aus dem Jahre 1992 anzuspielen. Ich habe etwas länger gewartet, dass einer dieser moralischen Apostel den Text einmal einbringen und analysieren würde. Nein, es wird nur drum-herum nebulös gemeckert. Da wurde ich doch neugierig und habe heute den Text vom 19.5.1992 aus der TAZ gelesen.

Broder spricht darin mit Franz Schönhuber, lässt ihn über die feinen Unterschiede zwischen Faschisten und Nationalsozialisten schwafeln, sich von den ungebildeten und nicht feinen Parteimitgliedern oder Jörg Haider distanzieren. Und doch gibt es da Momente, wo Broder sich durchsetzt und Schönhuber dorthin bringt, wo er ihn haben will. Ich zitiere:

Wie halten Sie es mit Edmund Stoiber, der vor einiger Zeit von der “durchraßten Gesellschaft” gesprochen hat?

Wenn ich so etwas gesagt hätte, wäre ich wahrscheinlich eingesperrt worden. Es ist unglaublich, die Heuchelei der etablierten Parteien. Jeder Satz, den ich in der Frage des Asyls vor fünf Jahren gesagt habe, wurde als chauvinistisch, rassistisch, faschistisch verschrien. Heute findet kein Mensch etwas dabei, wenn Herr Gauweiler sagt, das Boot ist nicht nur voll, das Boot droht zu kentern. Oder wenn Herr Farthmann von der SPD meint, man sollte die Asylanten beim Kopf und am Hintern packen und rausschmeißen. Das geht weit über das hinaus, was ich jemals gedacht und gefordert habe. Ich habe nie von der “durchraßten Gesellschaft” gesprochen, dieser Satz ist per se falsch und auch inhuman. Ich bin auch bei meinen Parteifreunden öfter angeeckt, wenn ich auf die Frage “Wer soll ein Deutscher sein?” gesagt habe: “Wer einen deutschen Paß hat, unabhängig von der Hautfarbe”, das heißt, es kann ein Schwarzer genau so Deutscher sein wie ein Gelber oder was auch immer.

Sie haben einmal gesagt: “Eigentlich regieren wir ,Republikaner’ schon ein wenig mit.”

Ja, nach den letzten Wahlerfolgen sind wir praktisch mit auf der Regierungsbank. Ich sitze dort wie eine Schattenfigur, ohne dort zu sein. Was die Parteien heute in der Frage der Verbrechensbekämpfung, über die Änderung des Asylrechts sagen, sagen sie nicht aus eigenem Antrieb, sondern weil es mich gibt und weil die “Republikaner” erfolgreich sind.

Diese Direktheit der Parallelen vermisse ich beim Friedman-Mahler-Gespräch. Mahler kann bei Friedman alles tun, was er will, es wird nur und ausschließlich widerliches Zeug ausgesprochen. Broder dagegen spielt ziemlich geschickt mit der Eitelkeit Schönhubers. Er hält die Fäden des Gesprächs in der Hand. Er lässt Schönhuber das aussagen, was auch in den Geschichtsbüchern steht, nur in diesem Fall als Zeuge von innen:

ich bin ein Handwerkersohn. Mein Vater war Nationalsozialist aus einem ganz einfachen Grunde: Er war ein Anhänger von Strasser, weil er damals auf die soziale Komponente der NSDAP setzte…

… auf den sogenannten linken Flügel.

Er setzte auf diesen Flügel. Strasser sprach von der antikapitalistischen Sehnsucht des deutschen Volkes. Das hat meinem Vater imponiert. Ich bin kein Volksführer der oberen Zehntausend, ich vertrete das Volk.

Oder:

Ich kam vom Krieg wieder, kann mich noch erinnern, wie ich die ersten Nächte in München im Englischen Garten schlief und von Polizisten verjagt wurde. Ich wollte studieren, konnte aber nicht. Ich wollte eigentlich ganz was anderes werden: Ich wäre so gerne Historiker geworden, nun werde ich vielleicht, wenn’s hochkommt, eine Fußnote der Geschichte. Gut, ist auch was. Ich lernte damals Leute aus dem SPD-Lager kennen, aus dem Kreis um Schumacher. Ich kann mich noch genau an den berühmten Auftritt von Schumacher erinnern, als er den Satz sagte, “Herr Adenauer, Sie sind der Kanzler der Alliierten!” Es hat mir gefallen, daß Schumacher patriotisch dachte. Und so stand ich damals als Journalist auf der linken Seite, was mir heute immer wieder vorgehalten wird.

Das sind auch heute noch Themen von Broder, nicht von Reps wohlgemerkt.

Nicht alle Provokationen gelingen Broder dabei:

Ich sehe mich nicht als klassischen Politiker, ich sehe mich als einen Visionär. [...]

Marx war ein Visionär, Hitler ebenso. Visionär heißt, daß einer weit nach vorne blickt, mehr nicht.

Ich meine noch etwas anderes. Ich habe in den Auseinandersetzungen innerhalb der Partei wirklich an mich geglaubt. Die Leute fragten, wie schafft er das, von den Medien angegriffen, in der Partei gejagt?

Hier konnte Schönhuber sich herausreden, Broder dagegen sieht platt aus. Hier auch:

Stimmt es, daß viele ehemalige SED-Leute sich nun bei den “Republikanern” anmelden?

Das müßte ich noch verifizieren. Ich hielte es aber für verhängnisvoll, wenn wir eine Art “zweite Entnazifizierung” machen würden, wenn wir also die Mitglieder der Blockparteien akzeptieren würden, aber nicht die Leute, die in der SED waren. Ich halte die Blockflöten für genauso schlimm. Ich bin nicht bereit, Tausende von Menschen auszugrenzen, allerdings verlange ich von jedem eine schriftliche Erklärung, daß er nicht bei der Stasi war.

Ein bißchen seltsam ist es schon, wenn ehemalige Staatskommunisten ihre politische Heimat jetzt bei den “Republikanern” entdecken.

Ein überzeugter Kommunist ist mir lieber als ein Blockflötist. Und wenn ich mir die so anschaue da drüben, die Herren von den Blockparteien, das ist wirklich die letzte Garnitur, moralisch und charakterlich. Mit denen nicht.

Unterm Strich durfte der erfahrene Politkämpfer Schönhuber in diesem Gespräch viel weniger offen reden als der notorisch krankhafte Neonazi Mahler bei Friedman. Die Frage ist, was vom Gesichtspunkt der öffentlichen Wirkung “besser” ist? Sollte sich Broder heute für dieses Interview schämen, wie ihm von den meisten Nicht-Lesern unterstellt wird?

Beide erreichen hier nicht das Niveau einer Oriana Fallaci (darauf sollte ich vielleicht noch einmal zurückkommen!). Der Unterschied zwischen dem Profi Broder und dem Laien Friedman ist trotzdem eindeutig. Broder nutzt Schönhuber für seine Zwecke aus. Dagegen spielt Mahler Friedman aus.

Noch ein Thema wäre hier auch der Rahmen, in welchem ein Text steht. In der damals schon pseudolinken TAZ waren die Angriffe Broders auf Marx, die SPD, die gezogenen Parallelen im politischen Establishment zwischen Stoiber und Schönhuber nicht nur Reizworte, sondern auch eine individuelle Farbe, eine Position, zu der er auch heute noch steht. In der “Vanity Fair” sehen das Grußwort Mahlers und all der darauf folgende Mist nur als Marketinggag, als ein Quotentreiber aus, egal was die Redaktion dazu sagt oder tut.

Das Einzige, was man Broder in diesem Zusammenhang vorwerfen kann, ist sein Schweigen in Bezug auf die Anspielungen seiner Leserschaft. Er hätte den Text mit ein paar Kommentaren auf eine seiner Seiten stellen können.

Hans Werner Kilz belehrt Horst Köhler

Samstag, 12. Mai 2007

Die Süddeutsche Zeitung will alles besser wissen. Neulich hat Hans Leyendecker über die Posener-Affäre doziert (Link):

Poseners Polemik ist aus vielerlei Gründen interessant: Wenn es das Internet nicht gäbe, wäre ein solcher Beitrag vermutlich nie erschienen. Auf dem Weg in die Setzerei hätte sich früher irgendjemand dazwischengeworfen.

Zum anderen ist der in London geborene Posener ein wegen seiner auf vielen Gebieten bestehenden mangelnden Kompromissbereitschaft interessanter Zeitgenosse. Der frühere Studienrat ist ein wortradikaler Liberaler, kein Karrierist. 
 

Sehr kollegial, wie wir sehen. Noch deutlicher? Bitte schön:

Die Wut, die mancher bei Springer auf die Achtundsechziger hat und die früher zur Karriere-Ausrüstung gehörte, teilt der Querkopf so nicht. Posener gehörte einst dem Kader einer Mao-Gruppe an und wundert sich manchmal, dass er damals kein Berufsverbot erhielt. Diese Gefahr bestand bei dem Burschenschaftler Diekmann nie. 
 

Will jemand noch einen ehemaligen Maoisten, den Querkopf und einen früheren Studienrat und ansonsten ”interessanten Zeitgenossen” verteidigen?

Heute hat der Chefredakteur sich den “Volkspräsidenten” vorgenommen (Link). Der Artikel ist offensichtlich als zukünftig preisverdächtig intendiert. Ein hoher moralischer Zeigefinger.

Einige Fragmente daraus:

Hätte er wirklich etwas verändern wollen, hätte er handeln müssen - also begnadigen.

Soll das einer verstehen? Meint Hans Werner Kilz, Köhler hätte begnadigen müssen? Wer sollte dabei befriedet werden?

Was ist los in dieser Republik, wenn die Begnadigung eines Terroristen das Volk mehr in Wallung versetzt als die Entsendung deutscher Soldaten in Kriegsgebiete, die gescheiterte EU-Verfassung oder die rechtlich dubiose Neuwahl-Entscheidung des Präsidenten 2005 - Köhlers erster Verzicht, sich gegen den Trend zu stemmen?

Welches Volk meint Kilz? Gibt es Umfragen dazu? Oder nimmt er auf sich das Recht als moralische Instanz für alle zu sprechen? 

Der Volkszorn wurde von intellektueller Seite geschürt, nicht aus echter Empörung, mehr aus eitlen, auch merkantilen Gründen. Boulevardblätter müssen dem Volk verkauft, Magazine, Bücher, Filme crossmedial vermarktet werden.

Also doch nicht: Es waren Boulevardblätter, die den Volkszorn geschürt haben. Moment, oder waren es doch die Intellektuellen? Oder gar die Süddeutsche selbst? Am 20.1.2007 wurde die Debatte ausgelöst - mit dem Artikel von Antje Vollmer, den man bei der Zeitung selbst mit keiner Suchmaschine findet. Nur bei Vollmer selbst (Link). Mit dem berühmt gewordenen Vergleich:

Mit 24 Jahren bzw. 22 Jahren haben Christian Klar, Brigitte Mohnhaupt, Eva Haule, länger im Gefängnis gesessen als jeder NS-Täter. (Albrecht Speer z.B. saß 20 Jahre in Spandau und danach standen ihm sogar die Türen zur Berliner Gesellschaft offen.)

Im selben Artikel schrieb Vollmer:

Es ist an der Zeit ein Kapitel zu beenden. Es ist an der Zeit, daß sich die deutsche Öffentlichkeit und die deutsche Politik dazu gratuliert, dieses Thema Terrorismus mit Klugheit, Maß, Umsicht und demokratischem Mut richtig beendet zu haben. Der Bundespräsident sollte und kann die Begnadigungen bald aussprechen – und zwar für alle verbliebenen Inhaftierten zusammen – wenn sie es denn wollen. Die deutsche Öffentlichkeit ist nicht rachsüchtig – wenn sie nicht medial aufgeputscht wird. Es braucht nicht mehr so viel Mut und nicht mehr so viel Energie, die für ein gutes Ende aufzuwenden ist. Problematisch ist immer nur die Gleichgültigkeit und das Desinteresse einer Öffentlichkeit, die leicht vergißt, daß hier im Sinne eines humanen Friedens noch etwas abzuschließen ist - aus einer längst vergangenen Epoche, die aber heute im globalisierten Rahmen wieder hoch aktuell ist.

Hier wird die eigene Meinung schon wieder als Urteil der Geschichte ausgegeben, der Präsident und die Öffentlichkeit werden beschworen bzw. manipuliert, obwohl die anderen, die Gegner, es nicht tun dürfen usw. Doch zurück zu Kilz:

Warum hat der Bundespräsident wohl das Gnadenrecht? Damit das Volk ihm zujubelt, wenn er einen Terroristen oder Mörder begnadigt? Das Volk jubelt lieber Hinrichtungen zu, die Bilder werden aus aller Welt täglich in die Zeitungsredaktionen geliefert. Das Gnadenrecht gibt es, um zu befrieden. Es unterscheidet sich gerade dadurch vom Strafrecht, dass es ohne Vorbedingungen gewährt wird. Gnadengesuche sind Unterwerfungen.

Wen wollen Kilz und Vollmer befrieden? Kann mir einer diese Frage beantworten? 

 ”Vox populi, vox Rindvieh” hat Stoibers Vorgänger Franz Josef Strauß einst gesagt. Er war ja auch ein Demokrat, ein grober vielleicht, aber ein intelligenter. Er wusste jedenfalls, wovon er sprach, auch wenn es dem Wahlbürger nicht besonders schmeichelte. [...] Köhler hat im Fall Klar eine plebiszitäre Entscheidung getroffen. Der Bundespräsident übt ein Amt aus, das ihm wenig politischen Einfluss zugesteht. Aber es ist kein unpolitisches Amt. Köhler hat wieder einmal gezeigt, dass er kein politischer, sondern ein für Populismus empfänglicher Präsident ist.

Wird hier schwarz auf weiß Strauß als intelligenter Demokrat bejubelt? Dazu noch mit dem Zitat? Im Ernst? Wird seine arrogante Ignoranz der Demokratie deswegen als vorbildlich geschildert, weil er nie einen Klar begnadigt hätte? Wo hat hier eine Logik ihre Spur hinterlassen?

Wie hätte Köhler unversöhnliche Parteien befrieden können, wenn sie nicht einmal einander verstehen? Die einen sehen nur Mörder, die anderen - nur Begnadigungen. Sie reden aneinander vorbei. Zum Vergleich noch vier Verweise:

In der FAZ vom 8.5 rüstet Stephan Löwenstein gegen die Grünen auf, denunziert sie der Verbindungen zu RAF und weil doch nichts dabei herauskommt, seufzt er am Ende (Link):

Tatsächlich haben sich nur wenige, etwa wieder Frau Vollmer oder der Fraktionsgeschäftsführer Volker Beck, ausdrücklich für eine Begnadigung Klars ausgesprochen. So konzentrieren sich auch die Grünen beim Thema RAF inzwischen hauptsächlich auf die Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner.

Andersherum die “Junge Welt”, bei welcher sich die Gegenseite in einem exemplarischen Leserbrief empören darf (Link):

Die Entscheidung des Bundespräsidenten Köhler, das Gnadengesuch von Christian Klar abzulehnen, erfolgte am Vortag des 8.Mai. Dies mag Zufall sein, entbehrt aber nicht einer grundsätzlichen Symbolik. Kein einziger der Nazi-Blutrichter wurde je im NS-Nachfolgestaat BRD für seine Untaten verurteilt. Kein NS-Massenmörder hat – wie Klar – 24 Jahre, darunter viele in Einzelhaft (»weiße Folter«) für seine Taten büßen müssen.

Der Thälmann-Mörder Wolfgang Otto wurde ebensowenig wie seine Mittäter im KZ Buchenwald für seine Bluttat verurteilt, sondern lebte unbehelligt, zunächst als Lehrer im Staatsdienst und später als Rentner, bis zu seinem natürlichen Tod in den 90er Jahren im niederrheinischen Geldern. Dieser Henker wurde am 29. August 1988 im Saal 117 des Düsseldorfer Landgerichts vom Vorsitzenden Richter Enno Legde sogar freigesprochen, was von Kommentatoren damals als »Schandurteil« und »Justizskandal ohne Beispiel in der Nachkriegsgeschichte« gewertet wurde. (…)

Köhlers jetzige Entscheidung, die nun von der »politischen Klasse« und den Bourgeois-Medien unisono beklatscht wird, ist ganz im Sinne der Tradition dieses Staates, dessen Repräsentanten bis heute die Herausforderung der 70er Jahre, die sich explizit gegen eben jene Traditionslinie wandte, nicht verwunden haben. Die von Christian Klar in seinem Grußwort an die Rosa-Luxemburg-Konferenz skizzierte Notwendigkeit des antikapitalistisch (und antifaschistischen!) Kampfes bleibt auf der Tagesordnung, und zwar drängender denn je. Heinz W. Hammer, Essen  

Irgendwo dazwischen sitzt die TAZ und versucht sich herauszureden (Link):

Horst Köhler hat nicht erklärt, seit wann ihm das Gnadengesuch Birgit Hogefelds vorliegt, das der Öffentlichkeit bislang unbekannt war. Er hat auch nicht erläutert, warum er sich “nicht in der Lage” sieht, “derzeit” über ihr Gnadengesuch zu entscheiden. All dieses Schweigen ist gut und richtig, so unverständlich es auf den ersten Blick auch sein mag. Die grundsätzliche Befugnis des Bundespräsidenten, im Falle von Terroristen und Spionen “Gnade vor Recht” zu gewähren, festgehalten im Artikel 60 des Grundgesetzes, liegt nun einmal im freien und nicht überprüfbaren Ermessen des Staatsoberhauptes. Dieses Recht, soll es wirksam sein, muss sich der aufgeregten politischen Debatte geradezu entziehen. [...]

Angesichts dieses ungeheuren politischen Drucks - noch am Wochenende hatte die CSU offen damit gedroht, eine Wiederwahl Köhlers im Frühjahr 2009 zu blockieren, sollte er Klar begnadigen - zieht sich der Bundespräsident achtbar aus der Affäre. Er hat, offenbar nach gründlicher, schwieriger Abwägung, eine souveräne Entscheidung getroffen. Er hatte sich zuvor durch Tausende von Akten gefressen. Er hatte, so wurde es vorige Woche im Stern kolportiert, mit RAF-Experten wie Kay Nehm, Klaus Kinkel, Antje Vollmer und Stefan Aust ebenso getroffen wie mit Angehörigen der RAF-Opfer, unter ihnen Hergard Rohwedder und Michael Buback. Und schließlich hatte sich der Bundespräsident bei einem Gespräch mit Klar am vorigen Freitag irgendwo in Süddeutschland ein persönliches Bild von dem Mann gemacht, der seit über 24 Jahren hinter Gittern sitzt.

Köhler soll dabei, so schilderten es mehrere seiner Gesprächspartner, nicht die Frage der Symbolik oder der gesellschaftlichen Versöhnung interessiert haben, sondern die menschliche Dimension des “Falles” Christian Klar, die Frage seiner möglichen oder gar notwendigen Resozialisierung. Warum ihm der Bundespräsident die Gnade verweigert hat, wissen wir nicht. Die routinierten Reaktionen aus allen politischen Lagern (SPD: “souverän”; FDP: “klug und weise”; CSU: “in Einklang mit dem Gerechtigkeitsempfinden einer großen Mehrheit in Deutschland”) tragen zur Aufklärung diesbezüglich nichts bei.

Mit diesen Worten von Jens König könnte man abschliessen. Wenn fast alle unzufrieden bzw. unbefriedet sind, ist Köhler sowieso schuld. Etwas nüchterner sieht die Perspektive bei Gudula Geuther aus, die beim Deutschlandradio den gesamten Ablauf der Debatte treffend beschrieben hat (Link). Nicht spektakulär - dafür aber realistisch.

Die TAZ liest gerne

Samstag, 12. Mai 2007

Die TAZ kündigt eine neue Artikelreihe an (Link):

Beginnend mit diesem Artikel, bitten wir in unregelmäßiger Reihe taz-Autoren, ein Buch, das sie einst beeindruckte, noch einmal zu lesen

taz-Autoren lesen von sich selbst aus nur einmal. Gut zu wissen. Kein Wunder, dass Detlef Kuhlbrodt im ersten Artikel aus den “Dämonen” Dostojewskis nur das eine herausliest:

Beim neuen Lesen dachte ich eher an den amoklaufenden Studenten als an die RAF.

Glückwunsch! 

Wahl in Bremen und interaktive Demokratie

Freitag, 11. Mai 2007

Politik als Ware - das ist auch ein Produkt, nun wochenlang vermarktet von und durch die Plattform politik.de. Die SPD-Spitze in Bremen hat gerade noch rechtzeitig entdeckt, dass die kandidatenwatch.de-Seite mit allen Begleiterscheinungen viel zu tolerant auf dem rechten Auge ist. Der amtierende Bürgermeister distanzierte sich von der Idee der Plattformbetreiber, alle Parteien gleich zu behandeln. Die TAZ war damit nicht einverstanden (Link).

Inzwischen sind noch zwei Tage vor der Wahl geblieben. Zu der Susanne-Albrecht-Affäre, die eigentlich eine Bild-Zeitung-plus-CDU-Affäre ist, wurde in der Presse schon genug gesagt - bei der Gelegenheit kämpfte die TAZ schon wieder gegen die SPD (Link). Christian Hochhuth von dem Politgeschäft arbeitet an seiner Sache unermüdlich weiter. In mehreren Interneträumen, inclusive “Second Life”, wird mit der Politik hantiert als wäre es eine Boulevard-Veranstaltung, so wie eine Suchaktion nach einem nächsten “Superstar” für das Geschäft Dieter Bohlens (Link). Die selbstentlarvende Krönung des Unternehmens steht im Netz. Das ist das Chatprotokoll einer Onlinesitzung vom 9.5. (Link). Christoph Dowe [korrigiert! s. Kommentar] schimpft gegen die SPD als “Online-Verweigerer” und Christian Hochhuth lässt die Teilnehmer plaudern. Am Ende kommt nichts heraus - viel bla-bla. Das wäre schon alles, wenn nicht die Werbung für das hauseigene Produkt, die immer wieder dezent gestreut wäre. Gemeint ist politikforum.de. Dieses Forum arbeitet seit Jahren und ist zu einem Sammelbecken der Rechtsradikalen geworden, die es erfolgreich unterwandert und für sich gewonnen haben. Es ist das sozusagen beste negative Beispiel für die Tätigkeit Hochhuths und C°.

Weder Politiker, die am Chat teilgenommen haben, noch die Presse haben daran etwas ausgesetzt. Klar, weil sie keine Ahnung davon haben.

Ich bringe nur ein Beispiel. Im politikforum.de wird immer wieder gerne abgestimmt, wobei Forumsmitglieder, darunter viele Reps, Radikale verschiedener Sorte, Rassisten und Antisemiten, für ihre Sache kämpfen und auftreten. Auf dem Diagramm kann man sehen, wer da die Mehrheit hat und wie weit die Stimmverteilung von der Realität entfernt ist:

Für die “Welt” ist das “harmlos” (Link). Kritischer sehen die Arbeit von politik.de nur die SPD-Leute (Link) und eine Politikwissenschaftsstudentin Julia Spreen (Link):

Internetportale sind für mich aktuell noch keine zufrieden stellende Lösung zur Verbesserung der Kommunikation zwischen Parteien und Wählern. Wissenschaftler und Praktiker fordern immer wieder mit Nachdruck, dass die Politik die durch das Internet zur Verfügung stehende Interaktivität viel stärker nutzen muss . Wie jedoch eine konkrete Ausgestaltung aussehen soll, das bleibt meist offen. Kandidatenwatch.de ist für mich im jetzigen Format jedenfalls keine Antwort auf diese Frage. 

Einverstanden.

Ackermanns Gehalt und Medien

Donnerstag, 29. März 2007

Am 27.3.2007 wurden die Gehälter von Top-Managern für das Jahr 2006 bekanntgegeben. Darunter Josef Ackermann von der Deutschen Bank, mit seinen 13 200 000 Euro. Wie wurde diese Nachricht journalistisch verarbeitet?

Die meisten Zeitungen vermeldeten es und beließen es dabei, ohne Kommentare. In einigen Fällen wurden Forenbeiträge zugelassen, so dass die Leser mit ihren Meinungen die Aufgabe der Redakteure übernommen haben, einige sogar sehr gut. Fast alle Blogger haben diese Nachricht ignoriert. Sollte man das noch kommentieren?

Eine merkwürdige Mischung aus Neid und Bewunderung gegenüber Ackermann selbst einerseits und aus feiger Verschwiegenheit und Resignation in der Bewertung der Nachricht und deren Hintergründe andererseits ist das Resultat der Stöberns durch die Publikationen im Internet. Insgesamt sieht das nicht gut aus.

Und jetzt die Beispiele.

Die einzige Zeitung, die Ackermann der Sittenwidrigkeit überführt (Link), ist die TAZ. Jan Feddersen und Klaus-Peter Klingelschmitt verteilen die Rollen untereinander: Der erste mischt Ironie mit Heuchelei:

Wir wollen ihn nicht noch weiter ehren mit unserem Neid. Das Schlimmste steht ihm ja noch bevor: eine Entourage voller Devotlinge und Schleimgeister, die wollen, was er hat. Dieser Ackermann bekommt die Kohle ohnehin weitgehend als Schmerzensgeld - weil er all die Rivalen ausgestochen hat, die nicht so gruppendynamisch, also karrieregeschmeidig operierten wie er. Und nun ihre Missgunst verstecken. Nein danke, ohne uns! 

Der zweite geißelt:

Das waren 36.164,38 Euro pro Tag. In der Stunde “verdiente” Ackermann 1.506,84 Euro. Und in der Minute immerhin noch 25 Euro und 11 Cent. Sittenwidrig? Ja. Und diese (Be-)Wertung hat mit Neid nichts zu tun. [...] Mit 1 Million Euro, “dem Spitzengewinn bei Jauch”, wären beide angemessen ausgestattet. Alles darüber hinaus ist Verschleuderung von Volksvermögen, das doch, “wenn es schon nicht an alle Beschäftigten ausgeschüttet wird”, wieder investiert werden könnte.

Merken wir uns: Klingelschmitt zählt 365 Arbeitstage à 24 Stunden :-)

Die “Tagesschau” stellt zwei Beiträge zum Thema online und erklärt auf diese Weise zwei Sachen. Erstens den Grund für die astronomisch hohe Entlohnung Ackermanns (Link):

Die Bank hatte für 2006 den höchsten Gewinn ihrer Geschichte ausgewiesen.  

Zweitens zeigt Marc Dugge im Vergleich die Situation in den USA und widerlegt damit die Argumentation der Ackermann-Verteidiger (Link):

Befürworter hoher Managergehälter verweisen gern auf die USA, wo derartige Spitzengehälter angeblich völlig normal sind. Stimmt das? [...] Die Mega-Einkünfte der Wirtschaftsbosse sind ein Dauer-Aufreger in den USA - und alles andere als allgemein akzeptiert. Rodger Hodgson vom wirtschaftskritischen Forschungsinstitut “Corporate Library”: [...] In zwei Dritteln der US-Unternehmen ist der Firmenchef gleichzeitig Vorsitzender des Aufsichtsrats - und der darf die anderen Mitglieder des Aufsichtsrats vorschlagen. Das sind in der Regel Menschen, die ihm genehm sind. Und die ihm aus Dankbarkeit ein ordentliches Gehalt gönnen. Von Kontrolle also keine Spur. [...] “Ist die Höhe des Gehalts bei dem Unternehmensergebnis gerechtfertigt? Es wird wohl eher um solche Fragen gehen als darum, ob 30 Millionen Dollar Gehalt zuviel oder zuwenig sind.”

Genau das ist die Sichtweise vieler Amerikaner: Wenn jemand ein Unternehmen zum Erfolg führt und den Aktienkurs steigen lässt, darf er ruhig Millionen verdienen. Aber auch nur dann.

Die FAZ (Link), die Süddeutsche (Link) und die Rheinische Post (Link) überlassen ihren Online-Lesern die ehrenvolle Aufgabe, die Sache zu kommentieren. Und wie gesagt, einige schaffen das ganz gut, die Journalisten können sich inzwischen wichtigeren Themen widmen. Ein Florian Kraus schreibt in der SZ online - aus meiner Sicht - sehr treffend:

Kaum jemand wird in einer Marktwirtschaft etwas dagegen haben, wenn ein Unternehmer, der ein Unternehmen erfolgreich aufbaut oder leitet und persönlich das Risiko des Scheiterns trägt, sich diese Leistung in sieben- oder achtstelligen Einkommen vergüten lässt, wenn der Markt es hergibt. Das Gleiche gilt auch für Vorstände, die es schaffen, dass ein Unternehmen seinen Wert steigert, auch sie können und sollen gerne an dieser Wertsteigerung partizipieren.

Nur, genau da hakt es in unserer Wirtschaft! Wie sonst konnte eine Niete in Nadelstreifen wie Schrempp, unter dessen Führung der Aktienkurs von Daimler in den Keller ging, dennoch zu den bestverdienenden Topmanagern gehören? Wie sonst können Vorstände, die durch unnötige Fusionen oder andere Fehlentscheidungen Milliarden in den Sand gesetzt haben unter den Topverdienern auftauchen?

Persönliches Risiko? Fehlanzeige! Die Vorstände, die wegen massiver Mißwirtschaft ohne Abfindung nach Hause geschickt wurden, lassen sich an einer Hand abzählen, diejenigen, von denen gar Regress gefordert wurde, müssen erst noch geboren werden. Welcher Arbeitnehmer erhält noch eine Abfindung, wenn ihm Fehler zur Last gelegt werden, die eine Kündigung rechtfertigen? Bei Vorständen jedoch ist es üblich, dann mit goldenem Handschlag in eine kurze Ruhepause geschickt zu werden, bevor ihm ein anderes Unternehmen großzügig Asyl und Salair anbietet (Pischetsrieder ist nur ein Beispiel). Man kennt sich in diesen Kreisen ja und irgend ein Pöstchen findet sich da immer.

Und was die Spitzenergebnisse der Unternehmen betrifft - gleich, ob Deutsche Bank oder Allianz, es ist nicht so schwer, ertragreich zu arbeiten, wenn man Personalkosten durch Entlassungen sozialisieren und Gewinne privatisieren kann. Denn wer zahlt denn die Kosten für die Entlassungen? Letztendlich die Beitrags- und Steuerzahler, also die Allgemeinheit. Gleiches geschieht auch in anderen Branchen: auch die just in time-Produktion bürdet die Lagerhaltung z.B. über den LKW-Verkehr den Bürgern auf, die Folgen des hohen Risikos der AKW wird nicht etwa durch risikogerechte Versicherungsprämien gedeckt, sondern euphemistisch als “Restrisiko” auf die
Gesellschaft verlagert.

Auch der Vergleich mit den USA hinkt, denn dort stellen sich viele Spitzenverdiener wesentlich stärker auch ihrer gesellschaftlichen Verantwortung, indem sie sich in Stiftungen und als Mäzene engagieren. Aber hier nehmen die zwar gerne die Vorteile amerikanischer Gepflogenheiten in anspruch, wenn es um deren Nachteile (Veröffentlichung etc.) geht, werden die deutschen Regeln vorgezogen.

Niemand neidet Spitzenkräften - egal ob in Sport, Unterhaltung oder Wirtschaft - ihre Einkommen. Wasser zu predigen (Lohzurückhaltung und noch mehr Einsatz, um die Position zu stärken) und Wein zu trinken (Einkommensteigerung +10% und mehr) und das auf Kosten der Gesellschaft - das sind die Rahmenbedingungen, die der Frage, ob solche Einkommen gerechtfertigt sind oder nicht, auch eine ethische Dimension verleihen.

“Hindylop” predigt nicht weniger schön:

Ackermanns Aufgabe ist nicht nur, den Gewinn “seines” Unternehmens sicher zu stellen. Aufgabe Ackermanns (und jedes anderen in ähnlicher Position) ist auch, sich an die Gesetze zu halten. Und, da in prominenter Position, nicht nur an den nackten Wortlaut, sondern an Sinn und Absicht der Gesetze (als Symbolfigur, die er nun mal ist).
In einem dieser Gesetze steht: “Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll ZUGLEICH dem Wohle der Allgemeinheit dienen.” [...] Über dieser Verpflichtung, das eigene Unternehmen optimal zu positionieren, stehen in einem Rechtsstaat doch aber sicher die Grundgesetze. Für die BWLer und andere, die es nie gelesen haben: GG Art. 14,2. überhaupt stehen da noch viele andere schöne Sachen drin, an deren Einhaltung durch die hochbezahlten Symbolfiguren unserer Wirtschaftswelt man beim Lesen der Wirtschaftsseiten so seine Zweifel haben kann. [...] Reine Ideologien führen eben IMMER zu menschenunwürdigen Ungerechtigkeiten - das gilt für die angeblich sozialistischen Staaten ebenso wie für die kapitalistischen. Der Unterschied ist, dass die ersteren ihre Ideologie stolz vor sich her tragen, um sie zu ignorieren. Die zweiteren leugnen, eine Ideologie zu haben (”neutral”), und setzen sie fleißig und mit allen schädlichen Wirkungen in die Tat um.

Die Wirtschaft und ihre Logik sind eben nicht die höchsten gesellschaftskonstituierenden Normen. Stattdessen stehen in unserem Grundgesetz ganz vorn Worte wie: Verantwortung, Würde, Menschenrechte, menschliche Gemeinschaft … - soviel zum Thema, wofür Wirtschaftsführer in erster Linie Verantwortung tragen (sollen). Dass sie diesbezüglich vermehrt in die Kritik geraten und zur Verteidigung selten mehr als “unsere Verantwortung gilt dem Gewinn des Unternehmens” vorgebracht wird - also vom Thema komplett abgelenkt wird - lässt auf die fragwürdige Machtposition schließen, in der sich diese Personen befinden.

“XLarge” bei der RP-Online zählt den Stundenlohn von Ackermann anders als oben:

Dass bei der Debatte um einen Mindestlohn ein Herr Ackermann bei 60h/Woche und 44 Arbeitswochen einen Stundensatz von 5000 EUR hat, gibt mir zu denken - das ist das 666fache des vorgesehenen Mindestlohns von 7,5 EUR (ein Schelm …) Am ersten Arbeitstag hat Herr Ackermann also mindestens das doppelte ”verdient” wie der Mindestlöhner im ganzen Jahr - von 1€Jobs fangen wir besser gar nicht an - aber nur wenn Herr Ackermann nur bei einem Unternehmen beschäftigt wäre, aber er sitzt ja in diversen Firmen in Aufsichtsräten/Vorständen…  

Ein Hans-Peter (auch bei der RP-Online) ist anderer Meinung:

Josef Ackermann war und ist für die Deutsche Bank und die deutsche Wirtschaft ein Glücksfall. [...] ”Deutschland krankt daran, dass es nicht noch mehr Ackermänner hat!”

Noch eifriger verteidigt ein “Baguette” (auch RP-Online) den Großverdiener:

Trotz ungünstigen Rahmenbedingungen hat Herr Ackermann weiterhin viel für den Standort Deutschland getan. Er hat entgegen vielen Mutmaßungen den Sitz der Bank nicht nach London verlegt und hat dabei viele Arbeitsplätze in Deutschland erhalten. Ferner war er fast permament Attacken durch deutschen Medien und Neidern ausgesetzt. Auch in dieser Zeit hat er das Schiff nicht verlassen, sondern die Bank in Ruhe weitergeführt. [...]  Nichtaktionäre mögen sich bitte aus der Diskussion heraushalten, schliesslich handelt es sich dabei nicht um ihr oder um Allgemeineigentum. 
 

Diese letzte Bemerkung finde ich besonders köstlich. Und nun zwei Zitate aus Blogs. Mehr gibt es leider nicht, wie gesagt. Im Blog “Textpool” wird schon wieder der Stundenlohn Ackermanns neu errechnet (Link):

13,2 Millionen Euro stehen bei dem Schweizer auf dem Gehaltszettel, heruntergerechnet sind das rund 4500 Euro in der Stunde. 

Ich glaube, in Minuten und Sekunden wäre das anschaulicher. :-) Und zum Schluss die einzige Blogmeldung, die mich angesprochen hat. Dazu noch vor der Verkündigung der guten Nachricht: Schon am 12.2.2007 hat Klaus J.Stöhlker in seinem Blog den besten Kommentar zum Thema abgegeben (Link). Ich zitiere den kurzen Text vollständig:

Unser Joe Ackermann hat es den Deutschen und allen Kollegen in der Schweiz gezeigt: Die Deutsche Bank verdient wieder richtig Geld. Der Mann mit dem “V”-Zeichen vor Gericht ist nun schon wieder gestolpert, sagte er doch zur Rechtfertigung seines Jahreseinkommens: “Wir werden nicht von Deutschland bezahlt, sondern von unseren Aktionären.” Ist das die ganze Wahrheit? Die Deutsche Bank, einst das Herz der deutschen Wirtschaft, von Abs (”A wie Abs, B wie Abs und S wie Abs”) zur heutigen Grösse herangeführt, kann ohne Deutschland nicht leben. Sie ist Teil des wirtschaftlichen Körpers unseres nördlichen Nachbarn. Joe will nur den Aktionären Rechenschaft ablegen, nicht der deutschen Wirtschaft und nicht dem deutschen Volk, mit dem die Bank ihr Geld verdient. Da ist noch einer, der seine Ansprüche zu Jahresbeginn eingetrieben hat. Anshu Jain ist Statthalter Ackermanns in London, von wo er das grosse Geld hereinbringt. Er verdient mit Sicherheit mehr als Euro 50 Mio. pro Jahr. “Joe”, unser Goldjunge aus dem St. Gallischen, hat Glück, dass Anshu ihm die Stange hält.

Für die Hinweise auf journalistische Beiträge, die ich übersehen habe, wäre ich dankbar. Sonst kann man auf die Meinung wie “armselig” kommen, was ich doch vermeiden möchte. 

Sprachgefühl in großen Mengen

Mittwoch, 14. März 2007

Die TAZ hat uns heute einen schönen Spruch beschert (Link). Eine freie Publizistin schreibt dort:

Das Wort zum Sonntag ist im allgemeinen kein Thema, geschweige denn eine Sendung, die größere Mengen von Libido bei mir freisetzt. Geht vermutlich vielen so.

So eine Libido muss nicht jeder haben. Ich hoffe, meinen Lesern geht es besser als Hilal Sezgin. :-)

Isolde Charim - Lieblingsautorin der TAZ für schwierige Themen

Donnerstag, 8. März 2007

Auch die TAZ sammelt ihre Autoren für bestimmte Zwecke. Haben die da eine Kartei auf Abruf? Wie funktioniert das?

Wenn wir nur drei wortgewaltige Beiträge der gebildeten Philosophin nehmen, dann kann man schon sehen, wie diese Methode aussieht. Die Geltungssucht, vanitas vanitatis, sonst nichts.

Nach der Publikation “So ist die Israelkritik politisch korrekt” (Link) hätte ein normaler Mensch sich für immer aus dem Zeitungsgeschäft verabschieden müssen. Der Ton und die Intention des Textes sind so beschämend, dass einige Blogger fast ausser sich waren, am deutlichsten lisarosa (Link) und ulp (Link).

Vor zwei Tagen hat Charim ihr Expertenwissen auf dem Gebiet noch einmal bewiesen. Im Artikel “Emanzipation der Diaspora” (Link) hat sie den Juden weltweit erklärt, wie es bei ihnen aussieht und wie es weiter lang geht. Besonders entzückend finde ich ihre Feststellung, dass nach dem neuesten antizionistischen Manifest

sieht man, worum es letztlich bei dieser Auseinandersetzung geht: um die Definition dessen, was Judentum ist. Unabhängigkeit bedeutet in diesem Zusammenhang auch, den öffentlichen Organisationen die Definitionshoheit abzusprechen. In diesem Sinne kommt die britische Initiative, die mit ihrem Manifest auch ein - überlaufendes - Diskussionsforum eröffnet hat, der Gründung einer Gegengemeinde gleich.  

Eine jüdische Gegengemeinde mit Harold Pinter an der Spitze, das möchte ich erleben. Liebe TAZ, bitte mehr solche Witze! Und bitte weiterhin die Philosophin einsetzen, allerdings besser kann sie über Uschi Obermaier und Paris Hilton dozieren (Link), ich glaube, das ist ihr Format - die beruflich geprägte philosophische Sprache und die Begeisterung für das Thema sind deutlich und versprechen eine neue Boulevard-Begabung. Eine TV-Karriere steht bevor, nicht wahr? Ach, wie nett!

Die TAZ als Jude

Freitag, 2. März 2007

In der TAZ von heute schreibt Richard Rother über seinen Spaziergang durch Berlin mit einer Kippa auf dem Kopf (Link). Zu seinem Bedauern wurde er dabei nur ein paar mal angepöbelt, trotzdem geht es ihm dabei mulmig. Immerhin.

Kann man sich vorstellen, dass seinem Beispiel mehrere folgen?

Grosser Skandal

Sonntag, 18. Februar 2007

Als ich mich am 3.2.2007 über den Grosser-Text in der TAZ monierte, konnte ich nur ahnen, dass dahinter ein nächster antisemitischer Skandal der neuesten deutschen Geschichte heranwächst (Link). Die Wirklichkeit ist wie immer erfindungsreicher als die Phantasie.

Der in die Farben der heiligen Empörung getünchte Grosser-Brief ist am 3.2. erschienen, so weit so gut. Aber den großen Grosser-Text, der im Februar-Heft der Zeitschrift “Internationale Politik” veröffentlicht wurde, hat die Redaktion seit dem 3.1 bearbeitet und am 26.1 fertiggestellt (Link). Kann man davon ausgehen, dass die TAZ und die “Internationale Politik” gemeinsam arbeiten? Ist es eine selbständige Initiative eines rüstigen 83-jährigen?

Der große Grosser-Artikel ist ein neuer Beitrag zur antisemitischen Literatur, an prominenter Stelle platziert, eine Schande und ein Skandal. Kaum eine Reaktion in den Medien. Zwei würdige Verrisse in Blogs - kurz bei Clemens Wergin (Link), ausführlich bei Hector Calvelli (Link).

Das Broder-Grosser-Thema interessiert das Publikum offensichtlich viel mehr. So erlaubt sich Christian Bommarius in der “Berliner Zeitung” Töne, die viel mehr über ihn selbst offenbaren als über die betroffenen Personen (Link). Dass aber in der Zeitung ein professioneller Journalist so ausrastet, ist ein Symptom.

Nächster Broder-Skandal

Samstag, 3. Februar 2007

Die Taz übertrifft sich selbst. Weil Broder einen Ludwig-Börne-Preis bekommt, kann sie nicht schweigen. Genauso wie Biermann, wird Broder massivst angegriffen. Der heutige Artikel von einem 83-jährigen Juden, der für die Pressfreiheit auftritt und Broder verbieten will, ist in der besten Tradition geschrieben (Link). Man kann davon ausgehen, dass die nächsten “guten Juden” in ihren Startlöchern fleißig sind. Ein guter Jude da, ein böser hier, und die Taz erfüllt ihren Job, man darf gespannt sein - auf die Fortsetzung der nächsten antisemitischen Story. Die Taz weiß, was für die Juden besser ist, wie sie sein müssen…

Meinungsfreiheit für Antisemiten

Montag, 20. November 2006

Eine Kampagne gegen Broder, die neulich bis zum Deutschlandfunk schaffte, eine Kampagne gegen Biermann, die die TAZ tagelang unerschrocken führt, das Manifest der 25 Rentner-Professoren gegen Israel, von Frankfurter Rundschau höflich weitergeleitet, - das sind neue Bestätigungen für die Treffsicherheit der neuesten Umfragen zum Thema Antisemitismus in Deutschland.

Leserbriefe sind noch eine sichere Waffe der Medien, wenn sie sich hinter dem vox populi verstecken wollen. Wie kann man sie der Leserschaft vorenthalten, wo es doch die Stimme des Volkes sei?

Das neueste Beispiel dafür fand ich in der FAZ vom 18.11:

Der schuldbeladene deutsche Blick

Zum Artikel “Amputation einer einzigartigen Sammlung” (F.A.Z. vom 4. November): Angesichts der nicht abreißenden Auseinandersetzungen um Ernst Ludwig Kirchners “Straßenszene” (und mit einem Seitenblick auch auf die fünf Klimt-Gemälde aus Österreich) drängen sich einem zunehmend kritische Gedanken auf. Vorweg: Der millionenfache Mord an den Juden Europas, vor allem Osteuropas, ist und bleibt für alle Zeit ein deutsches Schandmal. Doch wenn nun heute ferne Erben eine Rückerstattung von wertvollem Kunstbesitz einklagen, dann handelt es sich bei ihnen ja gar nicht mehr um jene bedauernswerten Opfer, die selber unter der Verfolgung gelitten haben, sondern um Nachkommen oder Verwandte, die fernab in Frieden und Freiheit aufgewachsen sind. Und da scheint nun doch allmählich die Frage berechtigt, warum unsere Politiker - gewiß im Bewußtsein untilgbarer deutscher Schuld - auch heute noch und eben auch bei durchaus umstrittenen oder nicht eindeutig geklärten Restitutionsforderungen ohne langes Nachforschen ein Kunstwerk wie die Kirchnersche “Straßenszene” haben herausgeben lassen. Vielleicht mag man es als unstatthaften Zynismus auslegen, wenn ich meine, daß beispielsweise im Falle der österreichischen Klimt-Gemälde die Erbin in Übersee sich eigentlich glücklich schätzen müßte, daß Österreich sich jahrzehntelang geweigert hat, diese Bilder auszuliefern. Denn wenn diese Bilder schon bald nach Kriegsende restituiert worden wären, dann wären sie damals von den Empfängern möglicherweise für ein paar hunderttausend Dollar verkauft worden. Heute indes sind die Gemälde bereits Zigmillionen und mehr wert. Wenn man dann noch an die geschäftstüchtigen Anwälte der Erben und die lauernden Londoner Auktionshäuser auf der einen Seite denkt und sich aber auf der anderen Seite das elende Leben und den elenden Tod der unzähligen Stetl-Juden in Osteuropa in Erinnerung ruft, die ja keinerlei Restitutionen mehr fordern können, dann sollte man doch meinen, daß dem schuldbeladenen deutschen Blick auf die Gaskammern im Osten durchaus ein kritischer Blick auf die Anwaltskanzleien in New York folgen sollte.

Adolf Althen, Unterhaching

Wie raffiniert! Wie fein ist die Feststellung, dass die Nachkommen und Verwandten der Opfer “fernab in Frieden und Freiheit” aufgewachsen sind! Wie sittlich ist das Bedauern über “den elenden Tod der unzähligen Stetl-Juden” und die Empörung über “die Anwaltskanzleien in New York”! Ein perfekt antisemitischer Text, wie aus dem Buche. Und eine unschuldig naive Zeitung, die ja nun ein Medium ist.