Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Vergessliche Mona Lisa Freitag, 28. August 2009

Gespeichert unter: Kunst, Medien, TV, YouTube — peet @ 8:39 125144878308Fri, 28 Aug 2009 08:39:43 +0000
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Eine faszinierende Ausstellung in China – lebendig gewordene Gemälde und Skulpturen. Gut und mit gutem Geschmack gemacht:

In den aktuellen Nachrichten wird das Einmalige der Idee betont – noch nie da gewesenes usw.
Mit einem Klick bei youtube lässt sich eine andere Information finden: Dieselbe Ausstellung war schon Anfang 2008 in Seoul (SüdKorea) erfolgreich präsentiert und wurde vor Neuem nach China verkauft („Wang Hui, who brought the exhibition to China from South Korea, says the show required an investment of more than $7 million“):

Irgendwann wird das Projekt auch nach Europa kommen – sollen wir auch dann von der Einmaligkeit informiert werden?

 

Horst Schlämmer als Spiegel der deutschen Politik Samstag, 22. August 2009

Der Film von Hape Kerkeling über seine langjährige Kunstfigur Horst Schlämmer ist ein Ereignis. Künstlerich amateurhaft konzipiert und geschnitten, mit meist schwachen (oder gar keinen) Schauspielern besetzt, reißt er kaum Masken von den großen politischen Tieren nieder. Es sind sehr wenige gelungene Verballhornungen, die im Gedächtnis bleiben wie beispielhaft blöde Manifeste von gewissen realen Parteivertretern („bedingungsloses Grundeinkommen“), die unendliche sinnlose Begeisterungsfähigkeit von Bushido, die Pofalla-Parodie, die Merkel-Parodie, die Ulla-Schmidt-Parodie. Ansonsten ist es sehr schade, dass die effektvolle Pressekonferenz Horst Schlämmers nicht einmontiert wurde (obwohl das doch deren Sinn war!). Auch klar ist es, dass die lebendigen Improvisationen Kerkelings immer kunstreicher und wirkungsvoller als der gestellte Film sind, und Horst Schlämmers Fernsehauftritte der letzten Jahre im Film nicht übertroffen werden. Kerkeling erreicht die Höhe des großen Provokateurs Sasha Baron nicht, so schafft er nicht, Rüttgers vorzuführen. Bei Özdemir gibt es nichts vorzuführen, der macht einfach mit, weil er doch so nett ist.

Was der Film klar macht, das ist die allgemeine politische Misere Deutschlands. Schlämmer entspricht der Trostlosigkeit des realen politischen Lebens, er spiegelt sie. Damit ist schon alles gesagt. Am Rande will ich eins noch nicht vergessen: Dass die festangestellten Moderatoren der Fernsehnachrichten im Film mitmachen, ist aus meiner Sicht die Verletzung der ethischen Vorschriften, was aber auch nur auf dasselbe hinaus läuft. Bettina Schausten vergisst das, wenn sie den anderen Spiegel vorhält.
Ich verlinke hier noch lesenswerte Kritiken von Rüdiger Suchsland, Peter Zander, Oliver Jungen:

Horst Schlämmer heißt nicht nur fast genauso wie der jetzige Kölner Oberbürgermeister, Fritz Schramma, er sieht auch fast genauso aus und redet fast genauso. Aber blitzgescheit ist er, so gescheit wie sein Hochleistungsdarsteller Hape Kerkeling eben. Und nach dieser Intelligenz, mag sie hier auch weggegrunzt werden, dürstet es das ausgetrocknete Land. Denn es ist nicht der Egoismus der Politik und nicht der Zynismus des Showgeschäfts, der in Kerkelings grundsolidarischem Humor seinen Ausdruck findet, sondern das zutiefst Menschliche, das man ansonsten zu verstecken gelernt hat in der Schamgesellschaft. Denn was macht Horst Schlämmer, dieses schnaufende Lamm Gottes? Er sieht Marotten und nimmt sie an, damit man mit Schlämmer über Schlämmer lacht, nie über die anderen. Horst Schlämmer, zur Schande für alle anderen Mitglieder der Kaste sei es gesagt, wäre der Politiker, dem man sich anvertraut. Denn Horst Schlämmer, das sind wir.

Einen direkten Vergleich zwischen der Kunstfigur Schlämmer und den realen Politikern zieht der Politikberater Michael Spreng durch. Es gibt auch Zeitungen, die bei der Berichterstattung zu dem Thema Fehler machen. Zum Beispiel Jörg Schindler im Kölner Stadt-Anzeiger und genauso in der Frankfurter Rundschau, der Ursula Kwasny zur „immerhin CDU-Bürgermeisterin von Grevenbroich“ leichter Hand kürt. In derselben Zeitung kann Ute Diefenbach den Regisseur des Films Angelo Colagrossi bei der Pressekonferenz nicht identifizieren („ein Italiener, den niemand verstehen kann“).

Extra sei hier noch erwähnt, dass sich offensichtlich auch solche Leute finden, die mit der Spiegel-Bedeutung der Kunstfiguren Kerkelings nicht viel anfangen können. Es gibt darunter hochgebildete Snobs, die auch „Hurz“ für gute Musik halten und sich wundern, dass diese von Kerkeling selbst runtergemacht wird (Link). Es gibt auch Politiker (Ramsauer), die schon im „Zirkus“ das eigentliche Problem der Politik entdecken. Ich glaube, davon wird im Laufe der Tage noch mehr kommen. Das ist einerseits amüsant, andererseits bestätigt noch einmal mehr die triste Atmosphäre im Lande, in dem eine satirische Darstellung der Misstände für schlimmer gehalten wird als diese Misstände selbst. Exemplarisch dafür ist insbesondere der neidische Hajo Schumacher, der sich im Offenen Brief direkt an Horst Schlämmer wendet:

Sie sind nicht relevant. Sie saugen sich einfach nur fest an diesem Land, Sie sind eine Zecke am Allerwertesten der Demokratie. Sie nutzen deren Freiheiten, um sie lächerlich zu machen. Das ist nicht komisch, sondern schwach.

Auf eine verrückte Weise bestätigen solche Invektiven nur, dass der Schlag ins Gesicht die Richtigen trifft. Wie das auch immer mit der Satire ist. Die Folgen werden von Stefan Niggemeier (hier und hier, das Meiste wird wie oft bei ihm in den Kommentaren ausformuliert) besprochen, wobei Hajo Schumacher da erstaunlicherweise mitmacht und sich vorführen lässt. Kerkeling (als Schlämmer) erscheint da auch und macht den Klamauk komplett:

also liebe freunde
isch existieren wirklich – da muss ich dem hajo recht geben!
achim steht auch voll auf hasenpauer als dauerläufer, weiste.
und immer schön wähln gehn oder laufn …
euer horst

und bitte: Streit euch nich meinetwegen, weiste.
Lohnt doch nich, Schätzeleyen

Zum Schluss verlinke ich noch YouTube-Clips, die zu diesem Posting passen. Zuerst die Pressekonferenz zum Film:

Und weil die schönsten Auftritte Schlämmers dazu auch gehören, noch drei davon. Das sind die Preisverleihung 2006 (mit Anke Engelke als Ricky):

Die Begegnung mit Claudia Schiffer und Thomas Gottschalk:

und zuletzt den Klamauk mit Damen Herman und Tietjen:

 

Russischer Propagandasieg im Krieg gegen Georgien Samstag, 8. August 2009

Gespeichert unter: Deutschland, Die Welt, FAZ, Falschmeldungen, Medien, Politik, Russland, Süddeutsche Zeitung, Tagesschau, n-tv — peet @ 22:42 124977137710Sat, 08 Aug 2009 22:42:57 +0000
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Bei der Auswertung der zahlreichen Publikationen zum Jahrestag des russisch-georgischen Krieges 2008 fällt sofort auf, dass sich die überwiegende Masse der deutschen Medien auf die Seite Putins-Medwedews stellt. Ohne Respekt vor Fakten, ohne minimales Verständnis für die Folgen des Krieges wird dabei Saakaschwili beschuldigt, diesen Krieg angefangen zu haben. Alle Fakten sprechen dagegen, sie werden ignoriert.

Der „ausgewiesene Russland-Experte“ Gerhard Mangott erfindet in dem „Standard“ (Link):

Ein wesentlicher Grund, warum Saakaschwili im vergangenen Sommer die Konfrontation mit Russland gesucht hat, war die Überlegung, dass es möglicherweise ein sehr enges Zeitfenster für Georgien geben könnte, der NATO beizutreten oder sich ihr längerfristig anzunähern. Es war klar, dass das mit John McCain auch gegen deutschen und französischen Widerstand funktionieren würde, wie dieser mehrfach deutlich gemacht hat. Aber es war im August schon relativ klar, dass die Wahl eher von Obama gewonnen wird. So hat Saakaschwili versucht, durch die Niederschlagung der Separatisten Fakten zu schaffen, die eine Annäherung an die NATO erleichtert hätten.

Gesine Dornblüth bei der „Deutschen Welle“ (Link) schildert die Sichtweise der beiden Seiten, erwähnt aber auch:

Das deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ berichtete vorab, die Kommission komme zu dem Ergebnis, dass die Georgier den Krieg begonnen hätten.

Manfred Bleskin bei n-tv (Link) ist von der russischen Sicht der Abläufe vollkommen geblendet:

Präsident Michail Saakaschwili verhält sich so, wie vor dem 7. August 2008: Er schwadroniert von – neuerlichem – Krieg. So laut, dass sich US-Vizepräsident Joseph Biden gezwungen sah, den immer lästiger werdenden Verbündeten telefonisch in die Schranken zu weisen.

David Nauer im Tagesanzeiger (Link) geht noch weiter:

Inzwischen steht fest: Den Krieg losgetreten haben die Georgier. In der Hoffnung auf einen schnellen Sieg schickten sie Panzer gegen Zchinwali, feuerten ganze Raketenschwärme auf Wohnhäuser. Die Russen, auch nicht zimperlich, hatten auf eine solche Dummheit der Georgier nur gewartet und schlugen brutal zurück.

Bei allen hinterlistigen Absichten des Kremls: Die Verantwortung für diesen Krieg trägt Georgiens Präsident Michail Saakaschwili. Der einstige Hoffnungsträger ist zum Kriegstreiber verkommen. Er hatte sein ganzes Renommee an die «Heimholung» der abtrünnigen Gebiete geknüpft und war am Schluss bereit, dafür über Leichen zu gehen.

Die anderen Medien versuchen ziwschen zwei Stühlen zu sitzen und schreiben im betont neutralen Ton, dass beide Seiten am Krieg ihre Schuld tragen. So Sonja Zekri in der Süddeutschen Zeitung (Link), Michael Ludwig in der FAZ (Link), Silvia Stöber bei der Tagesschau (Link).
Etwas klarer sieht Alice Bota in der „Zeit“ (Link):

die Lehre aus einer dauerhaften Politik der Verdrängung wäre verheerend: Ist ein Land nur unwichtig genug, darf Russland einfach alles.

Aber auch sie ist überzeugt:

Als Michail Saakaschwili in den ersten Kriegstagen zufällig gefilmt wurde, wie er sich wirr vor Sorge seine Krawatte in den Mund stopfte, dürfte er geahnt haben, dass er im Westen bald schon kein gern gesehener Gast mehr sein würde. Immerhin war er derjenige, der bei Nacht den Befehl zum Angriff auf Südossetien gab und so den Konflikt provozierte.

Ganz witzig meint sich „Die Welt“, indem sie einerseits auf Saakaschwili schimpft – das übernimmt Manfred Quiring (Link):

Gröber kann man die Tatsachen kaum verdrehen.

und andererseits – im Leitartikel von Richard Herzinger (Link) – die Schuldfrage richtig stellt:

Zum ersten Mal seit dem Ende der Sowjetunion drangen russische Truppen wieder in das Staatsgebiet einer souveränen Nation ein. Und mit der offiziellen Anerkennung der Scheineigenstaatlichkeit der beiden Provinzen durch Russland erfolgte die erste De-facto-Annexion fremden Territoriums durch Moskau seit Ende des Zweiten Weltkriegs. [...] Das Wiederaufflackern des Konfliktes zeigt jedoch drastisch, dass sich auch unter Obama schroffe Interessengegensätze zwischen Russland und dem Westen nicht in Luft aufgelöst haben. Umso mehr darf der Westen in Georgien nicht nachgeben. Er muss mit weitaus offensiveren diplomatischen Mitteln als bisher auf eine Lösung des Streits um die abtrünnigen Provinzen hinwirken, die ein tragfähiges Autonomiestatut für sie mit der Wiederherstellung der territorialen Integrität Georgiens verbindet. Zugleich muss der Westen jedem Anschein entgegentreten, er gebe Georgien an die russische Einflusssphäre preis. Das hätte fatale Auswirkungen auf das Vertrauen anderer einstiger Sowjetrepubliken und Satellitenstaaten, bis hin zu den baltischen und osteuropäischen Ländern, in die westlichen Sicherheitsversprechen. Nato-Generalsekretär Rasmussen, der Russland gemahnt hat, die Souveränität seiner Nachbarn zu respektieren, und US-Vizepräsident Joe Biden, der bei seinem Besuch in Tiflis das Recht Georgiens unterstrich, der Nato beizutreten, haben deshalb die richtigen Signale gesetzt. [...] Es war richtig, dass Joe Biden in seiner Rede vor dem Parlament in Tiflis bei der umstrittenen georgischen Regierung entschiedenere Schritte in Richtung echter Demokratie angemahnt hat. Doch gerade diese könnten unter dem Schirm des Mitgliedschaftsaktionsplans (MAP) der Nato wesentlich intensiviert werden. Die Ukraine und Georgien möglichst bald in den MAP aufzunehmen wäre der Stabilität in der Region förderlich. Ängstliche Rücksicht auf Russlands Dominanzanspruch hingegen bewirkte das Gegenteil.

Ein authentische Stimme der Wahrheit darf nur in der „Presse“ komplett ertönen – im Interview mit dem richtigen Experten Pawel Felgenhauer (Link):

Der Kreml sagt sich, nach einem halben Jahr wird der Westen wieder mit uns sprechen. Nach dem letzten Krieg gab es auch Kritik. Dann hat der Westen sich angepasst und erklärt, mit Russland gebe es wichtige Fragen zu besprechen. Die schwache Antwort des Westens auf den russischen Angriff im vergangenen Jahr spornt Russland zu einer Fortsetzung an. [...] Ich habe persönlich mit Heidi Tagliavini, der Vorsitzenden der EU-Kommission gesprochen, die den Kriegsbeginn im letzten Jahr untersucht. Sie hat mir gegenüber erklärt, dass die Veröffentlichung im deutschen Nachrichtenmagazin „Spiegel“, wonach die EU-Kommission angeblich herausgefunden hat, Georgien habe den Krieg begonnen, nicht den Tatsachen entspreche. Der „Spiegel“-Bericht sei Unsinn und wahrscheinlich von Moskau bezahlt.

Natürlich haben sich auch die Georgier auf den Krieg vorbereitet. Von georgischer Seite war es aber eine Improvisation, ausgelöst durch eine russisch-ossetische Provokation. Russland hat seine militärische Aggression ein halbes Jahr lang vorbereitet.

Es gibt noch mehr solche Stimmen, auch in Russland, sie werden nicht gehört und nicht übersetzt, zum Beispiel von Andrei Illarionov, warum nur?

 

stefan-niggemeier.de bessert sich Sonntag, 14. Juni 2009

Gespeichert unter: Blogging, Eva Herman, Israel, Medien, Russland, Stefan Niggemeier, TV, Tagesschau, Wladimir Kaminer — peet @ 13:11 124498507001Sun, 14 Jun 2009 13:11:10 +0000
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Da ich eine Weile blogmäßig inaktiv war, muss ich jetzt viel nachlesen. Inzwischen habe ich meine Liste der Alphablogger fast durch. Eine positive Überraschung möchte ich hiermit vermelden: Bei Stefan Niggemeier hat sich eine inhaltliche Qualitätssteigerung getan. In vorigem Jahr waren da unter anderem einige provozierende Postings, die erwartungsgemäß auch pöbelnde Kommentare nach sich zogen. Ab Januar 2009 sieht das anders aus. Weil Stefan keine Auflistung der besonders gelungenen Beiträgen führt, will ich hier meine Favoriten in dem ersten Halbjahr 2009 hervorheben, in der zeitlichen Folge:

12.1. Beitrag über die Schlamperei bei der „Tagesschau“ (Link), mit der wundervollen Reaktion des allpräsenten Kai Gniffke (Link):

Ich halte die Sache nach intensiver Recherche nicht für so dramatisch [...]

Unterm Strich sei angemerkt, dass die übliche propalästinensische/proisraelische Debatte in den Kommentaren auf akzeptablem Niveau verläuft, wenn man das mediale Umfeld mitbedenkt.

30.1. Information über die Gerichtserfolge, die Eva Herman Schmerzensgeld bescherten (Link). Darunter auch ein gelungener Seitenhieb:

die deutsche Nachrichtenagentur dpa meldet grundsätzlich nichts, was „Bild” nicht gefallen könnte[.]

Oder die Feststellung,

dass eine Meldung, die weder von dpa noch von der „Bild”-Zeitung verbreitet wird, für 98 Prozent der deutschen Medien gar nicht existiert.

Auch hier in den Kommentaren kann man sehen, dass die typische JF-Leserschaft eher gering ihre Widerlichkeiten platzieren kann.

Am 20.3. und am 3.4. – zwei Artikel über die unmenschliche Behandlung der Opfer bei RTL in der Berichterstattung über den Winnenden-Amoklauf (Link und Link). Hohe Empörungswellen, wertvolle Kulturkritik.

19.4. Hinweis (Link) auf die vernichtende Kritik über die unsägliche Politsendung „Hart aber fair“, die Carolin Emcke in der „Zeit“ (Link) publizieren durfte. Die Polemik in Kommentaren ist übrigens lesenwert. Frank Plasberg soll hier dementsprechend erwähnt werden, auch wenn ich es lieber genauso vermeiden würde, wie ich seine prollig-demagogische Sendung vermeide.

17.5. Brandmarkung (Link), die der plumpe Entertainer Wladimir Kaminer redlich verdient hat. Einige halten ihn für einen Schriftsteller…

In der medialen Kulturkritik ist es sehr leicht, über alles zu meckern und sich auf das große Podest zu stellen. Stefan Niggemeiers Auftritt bekommt Züge einer dringlichen und zu unterstützenden moralischen Botschaft, wendet sich gegen die mächtigen Bosse der Presse und bekommt langsam exemplarischen Charakter – wird sein Kreuzzug von der Branche verdaut und einverleibt oder weggestoßen? Wenn er sich das ganze Jahr lang kein einziges Mal verbrodert, wäre ihm das Beste zu wünschen :-)

 

Helge Schneider-Interview Samstag, 14. März 2009

Gespeichert unter: Medien, Musik, TV — peet @ 13:47 123703844301Sat, 14 Mar 2009 13:47:23 +0000
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Sehr zu empfehlen: Ein Interview mit Helge Schneider in der Berliner Zeitung (Link).

 

Die falsche und die richtige Berichterstattung aus dem Nahen Osten Donnerstag, 1. Januar 2009

Gespeichert unter: Blogging, Deutschland, Israel, Medien, Politik, Tagesschau, n-tv — peet @ 14:46 123082118302Thu, 01 Jan 2009 14:46:23 +0000
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Die Tagesschau folgt dem allgemeinen Trend des staatlich finanzierten Fernsehens und erweitert ihr Onlineangebot immer weiter. Im Weblog der Redaktion kommen zunehmend mehr Postings, die mit der eigentlichen selbst auferlegten Aufgabe – über die Interna der Redaktion zu plaudern – längst nichts zu tun haben. Im gestrigen Beitrag hat Christian Radler einen Überblick zum Thema „Blogschau aus Gaza und Israel“ (Link) bereitgestellt. Unter dem Schein der Objektivität wird auch hier, wie in den tendenziösen Nachrichten (exemplarisch das Interview mit dem „Nahostexperten“ Udo Steinbach (Link), die einseitige Darstellung der Ereignisse und Meinungen betrieben. Ein Beispiel:

Aus dem hervorragenden Blog (Link) und Twitter (Link) von muqata wird nur die Auflistung der Kassam-Einschläge zitiert. Da gibt es aber viel mehr, was in keinem der deutschen Medien ein Echo fand. Dazu würde ich aktuell folgende Meldungen vom 1.1.2009 zurechnen:

Despite „relief“ agencies clamoring to allow humanitarian aid into Gaza, Officials for the UN’s World Food Program contacted the IDF on Wednesday and said that it would not need to transfer more food into Gaza, since its stockpiles were full and would last for another two weeks. [...]

Reshet Bet reporting that Hamas fired a rocket with 60Km. range.

Ich bin gespannt darauf zu erfahren, wann Christian Radler diese und weitere informative Meldungen von muqata an seine Redaktion weiterleitet. Stattdessen zitiert er, wie ein junger Palästinenser „die Hamas für ihre schlechte Vorbereitung des Krieges“ kritisiert. „Eine halbwegs neutrale Stimme“ bedeutet für ihn das Flehen „um die Einmischung der internationalen Gemeinschaft.“ Dass in den Leserkommentaren u.a. ganz ruhig Hinweise auf die krudesten antisemitischen Seiten angeboten werden, stört die Redaktion offensichtlich nicht.

Dagegen drückt sich Ulrich W. Sahm klar und argumentativ ausgewogen aus. Insbesondere sein neuester Artikel bei der n-tv ist sehr zu empfehlen (Link). Auch im Forum des Senders bekommen Antisemiten keine Unterstützung.

 

ZDF ist nicht bei der Stange Sonntag, 28. Dezember 2008

Gespeichert unter: Deutschland, Israel, Medien, TV — peet @ 23:11 123050590711Sun, 28 Dec 2008 23:11:47 +0000
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In dem heute-journal von ZDF stellte der empörte Claus Kleber fest, dass Israel weiter irgendwelche Ziele im Gazagebiet angreifen kann, weil die US-amerikanische Regierung noch „bei der Stange ist“. Dass zerstörte Gebäude mit der Hamas zu tun haben, sei nur eine bloße Behauptung Israels. Man wunderte sich auch ausgiebig über die Zurückhaltung des deutschen Außenministers. Der Ton und die behutsam präparierten Nachrichten passten zusammen. Mit dieser Sendung wurden wir am 28.12 um 21.45 zugemüllt.

Update:

1′:45“ Zerstört wurden Gebäude, die Israel in irgendeinem Zusammenhang mit der Hamas sieht etc.
5′:10“ Die USA sind noch bei der Stange

 

Billige Zeitungskritik Samstag, 29. November 2008

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In der NZZ von heute schreibt ein Michael Schmitt (Literaturredaktor bei 3sat-Kulturzeit) über Ray Bradbury (Link):

«Fahrenheit 451» ist vermutlich das problematischste, weil «zu gut gemeinte» dieser drei frühen Bücher.

Ein deutlicheres Bild für das ideal gedachte «Gespräch mit Büchern» kann es kaum geben – es ist zudem eine Liebeserklärung Bradburys an all die Bibliotheken, in denen er sich als Autodidakt die eigene Bildung angeeignet hat –, aber es ist auch, von heute aus gesehen, nicht weit weg von einer mittlerweile billig zu habenden Bildungsnostalgie.

Jetzt wissen wir, wie es dazu kommt, dass die „Kulturzeit“ zu vernachlässigen ist.

 

Michael Lee White und das Schicksal seines Passes in Russland Dienstag, 2. September 2008

Gespeichert unter: Deutschland, Falschmeldungen, Medien, Politik, Russland, TV, Tagesschau, USA — peet @ 22:02 122039293210Tue, 02 Sep 2008 22:02:12 +0000
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Eine der schönsten Lügen des russisch-georgischen Krieges wird von den deutschen Medien ignoriert. Die Chronologie sieht so aus:

Dezember 2005 – ein Amerikaner namens Michael Lee White fliegt von Moskau nach New York. Während des Fluges ihm wird sein amerikanischer Pass gestohlen (Link).

August 2008 – der stellvertretende russische Generalstabschef Anatoli Nogowizyn zeigt diesen Pass während seiner Pressekonferenz als Beweis für die Beteiligung der amerikanischen Streitkräfte an der Seite Georgiens. Der Pass sei im Kampfgebiet gefunden worden (unzählige Meldungen mehrerer Agenturen).

August 2008 – der russische Ministerpräsident Putin erwähnt dies als bewiesen im CNN-Interview und im ARD-Interview mit Thomas Roth (Link),

„weil wir auf die Spuren der US-Bürger in der Zone der Kampfhandlungen gestoßen sind“.

Michael Lee White ist im August 2008 in China und versteht das nicht.

Es gibt keinen einzigen Beitrag zum Thema in deutscher Sprache.

 

Worüber schweigen deutsche Medien gerne? Freitag, 15. August 2008

Gespeichert unter: Deutschland, Medien, Politik, Russland, TV — peet @ 21:33 121883602109Fri, 15 Aug 2008 21:33:41 +0000
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Nach den üblichen Zielscheiben für die mediale Kritik wie Israel und die USA ist zur Zeit Russland der Lieblingsprügelbär. Die Rolle Südossetiens im Zünden der kriegerischen Auseinandersetzung wird von den wenigsten Journalisten erwähnt – die „Expertin“ Gabriele Krone-Schmalz findet dafür kein einziges Wort (Link). Ach, was soll’s…

Interessanter scheint mir in dem Zusammenhang festzustellen, dass die Kritik an der fremdenfeindlichen Politik der deutschen Regierung und an der fremdenfeindlichen Einstellung der deutschen Gesellschaft, die bei der Sitzung des UN-Komitees zur Beseitigung von Rassismus (CERD) am 6.8.2008 in Genf verlautbart wurde, in nur zwei Meldungen erwähnt wurde und zwar heute, d.h. fast 10 Tage danach (bei n-tv – Link und bei der Deutschen Welle – Link). Der Text der Medienberichts auf Englisch (Link) wurde von keiner deutschen Medienstelle übersetzt und für die deutsche Öffentlichkeit kommentiert.

Wir sind eben sehr mutig und kritisieren lieber Putin, Olmert und Bush, das ist unser Niveau und nichts darunter!

 

Doku zur Lage in Russland Dienstag, 26. Februar 2008

Gespeichert unter: Russland, TV — peet @ 23:37 120406906811Tue, 26 Feb 2008 23:37:48 +0000
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Soeben wurde auf arte ein neuer Film gezeigt, gute Arbeit (Link). Sehr trauriges, aber leider wahres Bild. Zwei Wiederholungen werden angekündigt: am Sonntag 2. März um 12.45 Uhr und Donnerstag 13. März um 09.55 Uhr.

 

Tagesschau in der Kritik Freitag, 28. Dezember 2007

Gespeichert unter: Blogging, Deutschland, Medien, TV, Tagesschau — peet @ 13:08 119884731601Fri, 28 Dec 2007 13:08:36 +0000
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Eine Nachrichtensendung ist auch eine Institution. Die Redaktion bekommt irgendwann das Gefühl der eigenen Wichtigkeit und verteidigt sich gegen Kritik, indem sie auf Argumente verzichtet. Das geschieht jetzt mit dem Buch von Walter van Rossum. Wie die FR meldet, kommt die bissige Kritik beim Sender nicht gut an (Link). Es wird im internen Blog zurückgeschossen, der von den meisten Teilnehmern wie ein Fanclub verstanden wird. Ein Beispiel der korporativen Identitätsbildung vom feinsten.

Van Rossum:

Wenn man sich das ganz akribisch anschaut, muss man einfach feststellen, dass da wahnsinnig viel Unsinn versendet wird.

Im tagesschau-blog.de wird mehr von Kommentatoren als von Autoren dazu geschrieben (Link). Die einen bestätigen die Treffsicherheit van Rossums, so z.B. ein „Textkoch“ im Kommentar 36:

Im Politik-Studium haben wir uns schon vor über zehn Jahren der Tagesschau-Analyse gewidmet, mit nahezu den gleichen Ergebnissen: (zu) häufig (zu) wenig Hintergrund bei den einzelnen Themen (auch für eine Nachrichtensendung), die Zerstückelung von Zusammenhängen in Einzel-Meldungen, (zu) viel Raum für offizielle Parteivertreter und immer wieder die Projektion und letzlich Reduktion von Themen auf einen Parteienstreit und – das fehlte in diesem Feature – hohe Anteile an Unterhaltung: Zweiminütige Beiträge über Messeeröffnungen mit bunten Bildern, die Bundesliga oder Badebilder über den kurzen Sommer 20007 wie neulich in den Tagesthemen haben eher unterhaltenden als informativen Charakter und sie stehlen die Zeit, die Hintergundinfos brauchen.

Auch nicht im Mittelpunkt dieses Features: Wie häufig eigentlich die Bild- und Textinformation auseinanderklaffen oder besser: Die Information steckt im Text, nicht im Bild, letzteres hinterlässt aber den nachhalterigen Eindruck beim Zuschauer. Zugegeben ein Grundproblem des Fernsehens: Bebildere mal die Gesundheitsreform.

So ist ein Teil der Kritik auch nicht Tagesschau-spezifisch, sondern weist auf ein weiteres grundsätzlichen Problem von Journalismus hin: Der insgesamt enge Blick auf die ruckartigen Veränderungen der Welt. Nur ein Beispiel: Tankerkatastrophe, 100.000 Tonnen Öl fließen ins Meer. Das ist fraglos ein relevantes Thema, das aber jährlich sowieso mehrere 100.000 Tonnen Öl in unzählichen Kleinstmengen abgelassen werden, ist hingegen keine Meldung, für die Meeresverschmutzung indes problematischer.

Journalisten und insbesondere Fernsehjournalisten interessiert vor allem die plötzliche und – wegen der Bilder – möglichst sichtbare (Ölpest !) Veränderung, weniger die stetige oder schleichende, was insofern ein Zerrbild der Wirklichkeit ergibt, als das die langsame Veränderung der Normalfall ist, ob nun in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft oder Natur. Die plötzlich Veränderung markiert die Ausnahme, definiert so gesehen auch Nachricht. Aber das ist eben genau kein Abbild der Welt oder des Tages. Ein stetiges (sic) Bemühen immer wieder auch langsame Veränderungen zu thematisieren, wäre daher bereits ein großer Fortschritt.

Die anderen denunzieren ihn mit biographischen Hinweisen (so „Goldstein“ mit einem Link zum Artikel von Wolfgang Eßbach aus dem Jahr 1993).

Die dritten sind vollkommen damit zufrieden, dass der DF-Radiobeitrag van Rossums durch sie, Kommentatoren, besprochen wird. Und die vierten fragen munter weiter nach, wann kommt denn eine inhaltliche Antwort auf die Kritik? Das war der Stand Juli 2007.

Das Buch wird von der Redaktionsgarde weiter ignoriert.

 

Gabriele Krone-Schmalz hat „ferngesteuerte Querulanten“ entdeckt Samstag, 24. November 2007

Gespeichert unter: Medien, Politik, Russland, n-tv — peet @ 13:50 119591221101Sat, 24 Nov 2007 13:50:11 +0000
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Im Lichte der Russland-Beiträge in diesem Blog scheint mir ein Interview mit Gabriele Krone-Schmalz bei n-tv brisant – eine richtige Selbstenthüllung (Link). Mit einer naiven Ironie sagt der Sender eigentlich die Wahrheit, ohne es zu wissen:

Gabriele Krone-Schmalz blickt anders auf Russland als viele Journalisten sonst.

Die Frage wäre in der Tat: Wessen Sprache bedient sie sich? Zum Beispiel, über Jelzin:

Jelzin hat sicherlich auch seine Verdienste, das will ich nicht bestreiten, aber es war allerhöchste Zeit, ihn abzulösen.

Er wurde nicht abgelöst, das hätten einige Institutionen gerne gehabt, genau die, die jetzt an der Macht sind. Genauso in vielen weiteren suggestiven Aussagen, die mit keinen Fakten belegt werden können:

Putin war nach Jelzin sicher das Beste, was Russland passieren konnte. Er hat den Menschen Zuversicht und Selbstvertrauen gegeben.

Welchen Menschen? Ich glaube, einer ganz bestimmten Gruppe von Menschen, die sich gerne als vox populi ausgibt. Mit den Befragungsresultaten würde ich vorsichtig umgehen.

Meines Erachtens ist die wichtigste Perspektive für Russland das Installieren rechtsstaatlicher Strukturen. Denn zuerst braucht man die politischen Instrumente, dann kann man auf ihnen spielen. [...] Es reicht, wenn verlässliche, rechtstaatliche Regeln und Menschenrechte verankert sind.

Mit dem Spielen auf einer Flöte kannten sich schon einige falsche Freunde eines Prinzens aus. Genauso hier – nichts als mit der Rechtsstaatlichkeit spielen wollen die Machthaber Russlands. Weder Verlässlichkeit noch Menschenrechte sind in Sicht. Sind wir hier im russischen Staatsfernsehen?

Allerdings findet man in den Zeitungen die gesamte Bandbreite von Meinungen, inklusive scharfer Kritik an der Regierungspolitik. Und ausgerechnet der kritischste Radiosender „Echo Moskwy“ gehört Gasprom, dem entscheidenden Machtfaktor in Russland.

Ach, wie schön. Wie groß ist die Auflage dieser Ausgaben? Wieviele von ihnen wurden schikaniert und geschlossen? In wievielen Städten Russlands kann man den genannten Sender empfangen?

So geht es weiter und weiter. Das Interview gipfelt in der Offenbarung der Journalistin über „ferngesteuerte Querulanten“ in der politischen Opposition. Noch genauer kann man den Standpunkt des Machtapparates gegenüber Kritikern nicht wiedergeben. Glückwunsch! Es gibt allerdings noch einen weiteren Knüller:

Wie groß ist der Einfluss der Oligarchen auf seine [Putins] Politik?
 
Nach meinem Geschmack immer noch zu groß.

Wie schade, dass Krone-Schmalz hier keinen einzigen Namen nennt. Kann sie das? Ich glaube, das kann sie nicht. Es gibt nämlich keinen Einfluss der Oligarchen mehr, sie sind entmachtet und eingeschüchtert. An ihrer Stelle stehen andere Freunde  des Staates, die den Text bei n-tv bestimmt gut finden. Somit kann man nicht nur die brave Journalistin beglückwünschen, sondern auch den Sender. Darf man fragen, wie es zu dem Interview kam? :-)

 

Eva Herman bei Kerner-Show Mittwoch, 10. Oktober 2007

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Die Sendung gestern abend war sehr spannend, ich musste lange darüber nachdenken. Zwei besonders krasse Sätze von Eva Herman sind schon in der Presse (Link):

„Aber es sind damals auch Autobahnen gebaut worden. Und wir fahren heute darauf.“ Sie müsse „einfach lernen, dass man über den Verlauf unserer Geschichte nicht reden kann, ohne in Gefahr zu geraten“. 

Die Sendung kann man auch noch einmal auf den Bildschirm holen (Link). Jeder kann sich also seine Meinung bilden. Und doch scheint mir hier nicht die Empörung allein wichtig, nicht der seltene Entschluss Kerners, Eva Herman aus der Runde zu verabschieden.

Der Umgang mit der Diskussion – das ist der Punkt. Da sagt die familienbewußte Frau zwei Sätze, die nach einer Widerrede schreien. Und Schreinemakers reagiert: „Ich distanziere mich davor, dass ich hier sitze“. Senta Berger ist geduldiger und versucht, einige Argumente zu bringen, dann ist sie auch am Ende und will aus dem Gespräch aussteigen. Der Komiker Barth benennt die Sprüche Hermans „Kacke“. Und Kerner selbst erlaubt sich in der Anwesenheit Hermans über sie in dritter Person zu reden, als wäre sie ein unmündiges Kind, welches zum sich-entschuldigen gebracht werden soll. Er scheitert dabei und agiert mit dem hinauskomplimentieren erst als die aufgebrachten Damen fast schon aufstehen. Das ist der sichtbare Ablauf, wenn man noch eine niedliche Szene mit einem Prof ausser acht lässt.

Schön und gut, nur die zwei Sätze sind im Raum stehen geblieben. Auch die Presse, die so gerne sie zitiert, bringt sie kommentarlos. Wissen denn alle, was daran falsch ist? Woher nehmen sich die Medienprofis diese Sicherheit?

Eine neue Ikone der neurechten Szene wurde erschaffen. Tausende von ahnungslosen Unterstützern, die Herman mit ihren Briefen und mails zur Seite stehen, haben nichts verstanden und werden der neurechten Propaganda weiterhin ausgeliefert.

Da geht etwas schief. Noch einmal: Ein jeder darf sich empören, wenn eine „Kacke“ gesagt wird. Ein Medienprofi soll darüberhinaus erklären, warum die Kacke Kacke ist. Sonst ist es kein Profi. Punkt.

In der Blogoszene sind inzwischen einige Kommentare zu lesen. Scharfzüngig bei Statler (Link), plauderig bei Gegenstimme – mit zum Teil vorbildlich dummen Kommentaren (Link), verständnisvoll bei Finger.zeig (Link). In dem zuletzt genannten Beitrag wird gar für die Ruhe gesorgt:

Was soll so schlimm daran sein, wenn Menschen heute die Meinung vertreten, dass die Familienpolitik der Nazis auch gute Seiten gehabt hätte oder wenn “festgestellt” wird, dass wir Hitler die Autobahn zu verdanken hätten (was ja im Übrigen gar nicht zutrifft). Ist es denn anzunehmen, dass aufgrund der Behauptung einiger Leute, die Haltung des deutschen Volkes womöglich umschlagen wird und es mehrheitlich zu einer Verklärung Hitlers oder gar des 3. Reiches kommen wird? Meiner Überzeugung nach bestimmt nicht!

So viel Pluralismus bei der Besprechung in den ersten Stunden.

Am Rande sei noch darauf hingewiesen, dass der Ausgangspunkt der gesamten Geschichte nicht sauber recherchiert wurde. Eva Herman hat ihren Originaltext inzwischen online gestellt (Link):

Wir müssen den Familien Entlastung und nicht Belastung zumuten und müssen auch ‘ne Gerechtigkeit schaffen zwischen kinderlosen und kinderreichen Familien. Und wir müssen vor allem das Bild der Mutter in Deutschland auch wieder wertschätzen lernen, das leider ja mit dem Nationalsozialismus und der darauf folgenden 68er Bewegung abgeschafft wurde. Mit den 68er wurde damals praktisch alles das alles, was wir an Werten hatten, es war ‘ne grausame Zeit, das war ein völlig durchgeknallter, hochgefährlicher Politiker, der das deutsche Volk ins Verderben geführt hat, das wissen wir alle, aber es ist damals eben auch das, was gut war, und das sind Werte, das sind Kinder, das sind Mütter, das sind Familien, das ist Zusammenhalt – das wurde abgeschafft. Es durfte nichts mehr stehen bleiben….

Höchst bemerkenswert, dass Herman bei ihrer für und an sich gerechten Selbstverteidigung nicht sieht, wie falsch ihr historisches Bild trotzdem ist. Noch aber stärker wirken in diesem Kontext dieselben zwei Sätze von gestern. Es ist eine traurige Entwicklung, die Mechanismen der neurechten Propaganda zeigt.

 

Greenpeace erreicht Merkel nicht Donnerstag, 7. Juni 2007

Gespeichert unter: Deutschland, Politik, TV — peet @ 23:26 118125879111Thu, 07 Jun 2007 23:26:31 +0000
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Heute früh hat Greenpeace versucht, eine Petition an Merkel zu bringen. Ohne Erfolg. Sie traf sich lieber mit Bono. Die Polizei wurde von den Aktivisten in Kenntnis gesetzt und konnte sich gut vorbereiten. Die brutale Jagd wurde gefilmt und von den meisten Sendern als spektakulär bezeichnet und zur Belustigung der Schaulustigen gezeigt. Zwei Boote voller Menschen wurden regelrecht überfahren. Es ist nur dem Zufall zuzuschreiben, dass es zu keinen Opfern gekommen war. Und dies nur, weil die Politik – in diesem Fall speziell Merkel – unfähig ist, zu kommunizieren. Wäre es denn so schlimm, diese Petition in Empfang zu nehmen und meinetwegen wieder zu vergessen?

Hier der Bericht von Greenpeace zu dem Zwischenfall, hier das Video (bei youtube wird alles gelöscht). Und hier eins von vielen Beispielen, wie sich Journalisten über diese Aktion lustig machen, auf Kosten von mutigen Menschen. Eine friedliche Aktion einer weltweit anerkannten Organisation zu kriminalisieren – das soll lustig sein?