Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Wohin mit dem “Freitag”? Samstag, 25. Juli 2009

Neulich kam es in diesem Blog zu einem offenen und durchaus interessanten Austausch über die Hintergründe in der schönen neuen Medienwelt, speziell am Beispiel der Zeitung “Freitag”. Jetzt hab ich ein programmartiges Interview mit dem neuen Chef der Redaktion gefunden, der seine Arbeit als Investition versteht (Link). Sein Name ist Jakob Augstein, und er erzählt in dem Interview erstaunlich wenig über seinen Vater. Ich würde sagen, zu wenig Boulevard.

Sein Programm ist allerdings ein linksliberales Boulevard. Mit keinem Wort wird im Interview die TAZ erwähnt, seltsam. Dafür spricht er sehr viel über die “Bild”, und das mit Bewunderung. Weiter folgen Fragmente aus diesem Interview:

Die Leute haben relativ schnell begriffen, worum es hier geht, nämlich in Kontakt mit der Redaktion zu treten und sich über relevante gesellschaftspolitische Themen auseinanderzusetzen. Wir haben in dieser Community praktisch keinen Bedarf an ordnenden Maßnahmen. Es gibt keinen Stress, es gibt kaum Äußerungen, die rechtlich oder moralisch nicht gehen, wir müssen nichts herausfiltern – was ich verblüffend finde. Das zeigt auch, dass das Netz inzwischen ein zivilisierter Ort ist, wo Leute ganz normal zusammenkommen und anständig miteinander reden. Natürlich fetzen die sich manchmal oder wir fetzen uns mit denen. Das finde ich dann aber auch gut, weil ich Streit mag und diesen geradezu suche. [...]

Ich wette hier mit jedem: Das wird sich ändern, sobald die Neue Rechte sowie Vertreter aller extremen Positionen diese Community für sich entdecken. Der beschriebene Zustand spiegelt eine geringe Bedeutung der Seite im Netz.

Wir versuchen natürlich schon ein linksliberales Medium zu machen und in der politischen Berichterstattung andere Akzente zu setzen, andere Haltungen zu vertreten als das in den Zeitungen sonst möglich wäre. Viele Sachen, die wir über Außenpolitik, über Russland, über die Bewertung der israelischen Politik oder über die Ursachen der Krise schreiben, wären wahrscheinlich in anderen relevanten Zeitungen nicht druckbar, weil es im redaktionspolitischen Kontext nicht durchkäme. [...]

Ich befürchte, dass es hier um eine Selbsttäuschung geht. Die gemeinten Positionen entsprechen vollkommen dem Mainstream. Die Unterstützung der “gelenkten” Demokratie in Russland und Israel-Bashing sind nun mal Mainstream.

Wo ist denn der relevante publizistische Bereich am linken Rand? Der ist komplett leer, da gibt es nichts mehr. Wir haben dort nur noch irrelevante Zeitungen wie das „Neue Deutschland“ oder die „Junge Welt“, mit denen wir uns aber nicht vergleichen, weil sie anders funktionieren und ideologisch sind. Wir sind keine Ideologen. [...]

Jungle World und Konkret werden nicht genannt, hmm, warum nur?

Wir machen hier ja keine Ideologie sondern Journalismus, das unterscheidet uns vom alten Freitag und von den Zeitungen, die jenseits dieser Grenze liegen. Ich kann mit Springer völlig entspannt umgehen, auch mit irgendwelchen Industrieunternehmen, wenn sie bei uns Anzeigen schalten würden. Ich kämpfe nicht gegen Springer, wir kämpfen auch nicht gegen die Atomindustrie. Das ist nicht unser Job, wir sind Journalisten. [...]
ich bin ein großer Freund von Boulevard. Ich finde das wichtig und richtig und ich bedaure, dass es in Deutschland keine linke Boulevardzeitung gibt. [...]
Ich finde härteren Boulevard, so wie er in England praktiziert wird, besser. Dazu stehe ich. [...]

Wie war es mit “Vanity Fair” in Deutschland? Wie läuft es mit “Cicero”? Und noch einmal sei hier auch die TAZ erwähnt, auch deren Annäherung an die “Bild”, die schon einer Verschmelzung nahe kommt. Die Boulevardisierung ist die Losung. Sehr linksliberal, he-he.

 

Vanity Fair ist verschwunden Sonntag, 14. Juni 2009

Filed under: Deutschland,Medien,Vanity Fair — peet @ 17:43 Uhr
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…und ich habe das nicht einmal gemerkt, wie schön. Zum Glück stolperte ich über eine Meldung dazu beim Blog medienrauschen (Link). Wo waren Tränen der Leserschaft?..

 

Was Broder darf, was Friedman nicht kann Montag, 19. November 2007

Seit Michel Friedman mit Horst Mahler auf den Seiten der Zeitschrift “Vanity Fair” gesprochen hat und insbesondere seit der bissigen Verurteilung dieses Textes von Henryk Broder bei Spiegel online (Link), hört eine Menge von Lesern nicht auf, auf ein sich zunehmend zu einem Popanz auswachsendes Interview Broders aus dem Jahre 1992 anzuspielen. Ich habe etwas länger gewartet, dass einer dieser moralischen Apostel den Text einmal einbringen und analysieren würde. Nein, es wird nur drum-herum nebulös gemeckert. Da wurde ich doch neugierig und habe heute den Text vom 19.5.1992 aus der TAZ gelesen.

Broder spricht darin mit Franz Schönhuber, lässt ihn über die feinen Unterschiede zwischen Faschisten und Nationalsozialisten schwafeln, sich von den ungebildeten und nicht feinen Parteimitgliedern oder Jörg Haider distanzieren. Und doch gibt es da Momente, wo Broder sich durchsetzt und Schönhuber dorthin bringt, wo er ihn haben will. Ich zitiere:

Wie halten Sie es mit Edmund Stoiber, der vor einiger Zeit von der “durchraßten Gesellschaft” gesprochen hat?

Wenn ich so etwas gesagt hätte, wäre ich wahrscheinlich eingesperrt worden. Es ist unglaublich, die Heuchelei der etablierten Parteien. Jeder Satz, den ich in der Frage des Asyls vor fünf Jahren gesagt habe, wurde als chauvinistisch, rassistisch, faschistisch verschrien. Heute findet kein Mensch etwas dabei, wenn Herr Gauweiler sagt, das Boot ist nicht nur voll, das Boot droht zu kentern. Oder wenn Herr Farthmann von der SPD meint, man sollte die Asylanten beim Kopf und am Hintern packen und rausschmeißen. Das geht weit über das hinaus, was ich jemals gedacht und gefordert habe. Ich habe nie von der “durchraßten Gesellschaft” gesprochen, dieser Satz ist per se falsch und auch inhuman. Ich bin auch bei meinen Parteifreunden öfter angeeckt, wenn ich auf die Frage “Wer soll ein Deutscher sein?” gesagt habe: “Wer einen deutschen Paß hat, unabhängig von der Hautfarbe”, das heißt, es kann ein Schwarzer genau so Deutscher sein wie ein Gelber oder was auch immer.

Sie haben einmal gesagt: “Eigentlich regieren wir ,Republikaner’ schon ein wenig mit.”

Ja, nach den letzten Wahlerfolgen sind wir praktisch mit auf der Regierungsbank. Ich sitze dort wie eine Schattenfigur, ohne dort zu sein. Was die Parteien heute in der Frage der Verbrechensbekämpfung, über die Änderung des Asylrechts sagen, sagen sie nicht aus eigenem Antrieb, sondern weil es mich gibt und weil die “Republikaner” erfolgreich sind.

Diese Direktheit der Parallelen vermisse ich beim Friedman-Mahler-Gespräch. Mahler kann bei Friedman alles tun, was er will, es wird nur und ausschließlich widerliches Zeug ausgesprochen. Broder dagegen spielt ziemlich geschickt mit der Eitelkeit Schönhubers. Er hält die Fäden des Gesprächs in der Hand. Er lässt Schönhuber das aussagen, was auch in den Geschichtsbüchern steht, nur in diesem Fall als Zeuge von innen:

ich bin ein Handwerkersohn. Mein Vater war Nationalsozialist aus einem ganz einfachen Grunde: Er war ein Anhänger von Strasser, weil er damals auf die soziale Komponente der NSDAP setzte…

… auf den sogenannten linken Flügel.

Er setzte auf diesen Flügel. Strasser sprach von der antikapitalistischen Sehnsucht des deutschen Volkes. Das hat meinem Vater imponiert. Ich bin kein Volksführer der oberen Zehntausend, ich vertrete das Volk.

Oder:

Ich kam vom Krieg wieder, kann mich noch erinnern, wie ich die ersten Nächte in München im Englischen Garten schlief und von Polizisten verjagt wurde. Ich wollte studieren, konnte aber nicht. Ich wollte eigentlich ganz was anderes werden: Ich wäre so gerne Historiker geworden, nun werde ich vielleicht, wenn’s hochkommt, eine Fußnote der Geschichte. Gut, ist auch was. Ich lernte damals Leute aus dem SPD-Lager kennen, aus dem Kreis um Schumacher. Ich kann mich noch genau an den berühmten Auftritt von Schumacher erinnern, als er den Satz sagte, “Herr Adenauer, Sie sind der Kanzler der Alliierten!” Es hat mir gefallen, daß Schumacher patriotisch dachte. Und so stand ich damals als Journalist auf der linken Seite, was mir heute immer wieder vorgehalten wird.

Das sind auch heute noch Themen von Broder, nicht von Reps wohlgemerkt.

Nicht alle Provokationen gelingen Broder dabei:

Ich sehe mich nicht als klassischen Politiker, ich sehe mich als einen Visionär. [...]

Marx war ein Visionär, Hitler ebenso. Visionär heißt, daß einer weit nach vorne blickt, mehr nicht.

Ich meine noch etwas anderes. Ich habe in den Auseinandersetzungen innerhalb der Partei wirklich an mich geglaubt. Die Leute fragten, wie schafft er das, von den Medien angegriffen, in der Partei gejagt?

Hier konnte Schönhuber sich herausreden, Broder dagegen sieht platt aus. Hier auch:

Stimmt es, daß viele ehemalige SED-Leute sich nun bei den “Republikanern” anmelden?

Das müßte ich noch verifizieren. Ich hielte es aber für verhängnisvoll, wenn wir eine Art “zweite Entnazifizierung” machen würden, wenn wir also die Mitglieder der Blockparteien akzeptieren würden, aber nicht die Leute, die in der SED waren. Ich halte die Blockflöten für genauso schlimm. Ich bin nicht bereit, Tausende von Menschen auszugrenzen, allerdings verlange ich von jedem eine schriftliche Erklärung, daß er nicht bei der Stasi war.

Ein bißchen seltsam ist es schon, wenn ehemalige Staatskommunisten ihre politische Heimat jetzt bei den “Republikanern” entdecken.

Ein überzeugter Kommunist ist mir lieber als ein Blockflötist. Und wenn ich mir die so anschaue da drüben, die Herren von den Blockparteien, das ist wirklich die letzte Garnitur, moralisch und charakterlich. Mit denen nicht.

Unterm Strich durfte der erfahrene Politkämpfer Schönhuber in diesem Gespräch viel weniger offen reden als der notorisch krankhafte Neonazi Mahler bei Friedman. Die Frage ist, was vom Gesichtspunkt der öffentlichen Wirkung “besser” ist? Sollte sich Broder heute für dieses Interview schämen, wie ihm von den meisten Nicht-Lesern unterstellt wird?

Beide erreichen hier nicht das Niveau einer Oriana Fallaci (darauf sollte ich vielleicht noch einmal zurückkommen!). Der Unterschied zwischen dem Profi Broder und dem Laien Friedman ist trotzdem eindeutig. Broder nutzt Schönhuber für seine Zwecke aus. Dagegen spielt Mahler Friedman aus.

Noch ein Thema wäre hier auch der Rahmen, in welchem ein Text steht. In der damals schon pseudolinken TAZ waren die Angriffe Broders auf Marx, die SPD, die gezogenen Parallelen im politischen Establishment zwischen Stoiber und Schönhuber nicht nur Reizworte, sondern auch eine individuelle Farbe, eine Position, zu der er auch heute noch steht. In der “Vanity Fair” sehen das Grußwort Mahlers und all der darauf folgende Mist nur als Marketinggag, als ein Quotentreiber aus, egal was die Redaktion dazu sagt oder tut.

Das Einzige, was man Broder in diesem Zusammenhang vorwerfen kann, ist sein Schweigen in Bezug auf die Anspielungen seiner Leserschaft. Er hätte den Text mit ein paar Kommentaren auf eine seiner Seiten stellen können.

 

 
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