Archiv für die Kategorie ‘Musik’

Aufgeschnappt über Horowitz

Dienstag, 11. Dezember 2007

Vladimir Horowitz war wie bekannt der Inbegriff eines Stars, ein hervorragender Pianist. In dem “New Yorker” erzählt sein Manager (Konzertagent) Peter Gelb eine wunderschöne Geschichte aus seinen letzten Jahren mit Horowitz (Link):

 I had dinner with them once a week,” Gelb says. “Part of my duties was to talk to them and take them out. I had always called him Mr. Horowitz, but his friends called him Volodya. At one point, shortly before Horowitz died, he was in a very expansive, affectionate mood, and he said to me, ‘You know, you’re like a member of our family. I don’t think you should call me Mr. Horowitz anymore. You should call me Maestro.’ ”

Es gab keinen ausgeprägten Antisemitismus

Samstag, 18. August 2007

In der “Welt” von heute lese ich eine informative Vorstellung des neuen Buchs über die Geschichte des Berliner Philharmonischen Orchesters in der Nazizeit (Link). Wolf Lepenies sieht die Leistung des Authors Misha Aster (selbstverständlich eines Kanadiers, für deutsche Historiker ist das Thema uninteressant) wohlwollend positiv und beschließt den Artikel wie folgt:

Die Berliner Philharmoniker und der Nationalsozialismus - eine aufregende Geschichte. Aufregend in dem Sinn, dass das Verhalten des weltberühmten Orchesters sich vom Verhalten der meisten Deutschen nicht unterschied. Es gab keinen Widerstand gegen das Regime - aber auch keinen Enthusiasmus für die Partei und ihre Führung. Es gab keinen ausgeprägten Antisemitismus - aber auch keinen Versuch, sich gegen den Rassenwahn aufzulehnen. Dass sich der eigene musikalische Geschmack von dem der Nazis kaum unterschied, half bei der Aufrechterhaltung eines ziemlich guten Gewissens. Die Leiden und Entbehrungen der letzten Kriegsjahre dämpften ein Schuldgefühl, das ansonsten die Kraft zum Weiterleben und zum musikalischen Wiederaufbau gemindert hätte.

Ich würde sagen, gerade hier wird es erst recht aufregend. Es gab also “keinen Enthusiasmus” für die Nazis, das Land wurde von diesen regelrecht überfallen. Achso! Und es gab auch “keinen ausgeprägten Antisemitismus”, der wurde offensichtlich auch per Befehl eingeführt. Den letzten Satz im Zitat soll ein anderer, zum Beispiel Jaspers, kommentieren, das ist mir etwas zu metaphysisch.

Anna Magnani singt

Donnerstag, 17. Mai 2007

Das ist eine berühmte Aufnahme, die jedoch kaum zu finden ist. Seit einigen Tagen ist sie im italienischen Mediablog von diciche zu genießen (Link). Anna Magnani tröstet verwundete und sterbende Soldaten des Ersten Weltkrieges mit dem neapolitanischen Lied “O surdato innamorato” (1915). Meine Empfehlung - mit der älteren Aufnahme von Beniamino Gigli zu vergleichen. Wer den Film “La Sciantosa” (1970) nicht kennt, findet zwei Worte über ihn bei imdb (Link). Der Text des Liedes ist auch zu verstehen (Link).

Im verlinkten Blog sind übrigens viele schöne Fotos und allerlei Kunst zu bewundern.

Megan Case und Mstislav Rostropovich

Samstag, 28. April 2007

All die triefenden Nachrufe für Jelzin und Rostropowitsch sind nicht mehr zu ertragen. So viele Russophile, offensichtlich weltweit. Die Russen sollten sich freuen.

(Ich merke, meine Ironie kommt nicht immer an, so versuche ich diesmal etwas deutlicher zu sein.)

Mich hat die Blogeintragung von Megan Case beeindruckt (Link). Zuerst wie sie zu der Liebe zur russischen Musik gekommen ist:

I’ve known the name Rostropovich since I was really small. When he and his family were in exile in the U.S., they lived in upstate New York and sometimes gave concerts in my hometown. I remember going to see him and his wife perform when I was 7 or 8 years old. I remember my mother telling me, on the way to the concert, about why they had left the Soviet Union. I think that this was one of the formative experiences that made me curious about Russia, which made me choose to study Russian in junior high school, which led to a whole long chain of events.
 

Wie wir sehen - die Musik spielt dabei keine Rolle. Entschuldigung, dass ich darauf aufmerksam mache. Ich meine nur, das ist für die meisten Rostropowitsch-Nachrufe gültig. Hauptsache, politisch korrekt.

Noch besser ist allerdings die Fortsetzung, wobei Megan beschreibt, welche Rolle Rostropowitsch in der Musikkultur gespielt hat:

In 2002, when I went to Russia for the first time and spent three months in St. Petersburg, I went to the philharmonic several times a week. The music was amazing, the tickets were cheap, and I didn’t know many people so I had to occupy myself in the evenings somehow. Aunt Kelly came to St. Petersburg for a business trip/visit that summer, before we ever dreamed we’d live there together. We went to the philharmonic one evening. During the performance, an old man sitting across the aisle from us opened some noisy cellophane candy wrappers. I was horrified and annoyed, and rolled my eyes at Aunt Kelly. During the intermission, people started lining up to talk to this old man. “Isn’t that Rostropovich?” said Aunt Kelly. I looked closer. “I think so, actually.” I felt so guilty for being annoyed. If anyone has the right to open candy wrappers in the philharmonic, I suppose it’s Mstislav Rostropovich.  

So bleibt Rostropowitsch im Gedächtnis der Weltkultur. Meine Geschichten über ihn sind noch schlimmer, so verkneife ich sie mir lieber. :-)

Regietheater in der Oper

Donnerstag, 22. Februar 2007

Warum erscheint der folgende Text nur als Leserbrief? Ich möchte den Autor unterstützen und zitiere ihn, denn schon morgen ist der Text verschwunden. In Kürze: Das Problem des Regietheaters in der Oper ist nicht die Freiheit eines Regisseurs, sondern der Missbrauch dieser Freiheit. Der leider anstatt eine Ausnahme zu sein zur Norm gemacht wird. Medien loben oder zerreißen, zweifeln an der Sache selbst keinesfalls. Das Publikum kann sich kaum wehren. Nur in der Form eines Leserbriefs wie dieser (Link):

Zum Thema “Die Macht des Schicksals”:
Eine Verhöhnung

Wer gibt eigentlich Regisseuren das Recht, Meisterwerke von Genies nach ihren eigenen abwegigen Ideen völlig zu verfremden und oft gegen den gesungenen Text zu inszenieren? Nach dem Motto “das Publikum versteht ja doch den italienischen Text nicht!” Eine Verhöhnung des Publikums.

Immer wird das mit dem Recht auf Freiheit der Kunst verteidigt. Hat der Komponist denn kein Recht auf Wiedergabe seines Werkes, so wie er es gedacht und geschrieben hat? Wir erleben gerade in Berlin, wie ein schöpferischer Künstler um die Ausführung seiner Idee kämpft. Der Architekt des Hauptbahnhofes klagt vor Gericht gegen die Bahn AG, weil sie seinen Entwurf eigenmächtig und ohne ihn zu fragen abgeändert und in seinen Augen verschlechtert hat. Er findet viel Zustimmung in der Öffentlichkeit und hat auch gute Chancen, vor Gericht zu gewinnen.

Und in der Oper? Eine weitere Feststellung: In der Musik hat sich seit etwa dreißig Jahren mehr und mehr durchgesetzt, alte Stile ihrer Entstehungszeit und mit den Instrumenten der Zeit aufzuführen, so wie der Komponist sich das gedacht hat. Und in der Oper? Jeder Regisseur darf heute mit abartigen Ideen ein Meisterwerk verstümmeln. Was hat eine Vergewaltigung und Kindesschändung mit Verdis Oper zu tun? Genügt nicht der verknöcherte Stolz des alten Vaters, der eine Verbindung seiner Tochter mit einem Mestizen empörend findet und die krankhafte Ehr- und Rachsucht des Bruders? Aber der kann sich ja nicht einmal erklären, denn seine entsprechende Arie wurde gestrichen. Und genügt für das Trauma der Leonore nicht ihr Gefühl der Mitschuld, weil sie ja Alvaro zu ihrem Vater gebracht hat, den Alvaro dann aus Versehen erschießt als er die Pistole wegwirft?

Und was hat in der Klosterszene eine Vergewaltigung zu suchen? Bei Verdi wissen die Mönche doch gar nicht, dass eine Frau vor ihnen steht. Und der Pater Guardian verflucht bereits im Voraus denjenigen, der das Geheimnis um die arme Seele, wie er Leonora nennt, zu erkunden wagt. Und zu diesem Text dann eine Vergewaltigung! Dazu beten die Mönche dann in einer wunderschönen abgeklärten Musik, Gottes heiliger Engel möge das neue Mitglied des Ordens beschützen. Man kann sich doch nur noch an den Kopf fassen! Weshalb muss überhaupt immer mit den Keulenschlägen der Sexualität auf das Publikum eingedroschen werden? In der Hamburger Inszenierung von Don Carlos genügt es nicht, dass die Eboli der Königin ihren Ehebruch mit dem König beichtet. Nein, in der großen Szene des Königs liegt die Eboli neben ihm auf einer Matratze und zieht sich gerade den Träger ihres BHs hoch. Dazu singt der König dann “Sie hat mich nie geliebt!” Und weshalb muss im Kerker, in dem Florestan im “Fidelio” im Hungerfieberwahn eine Vision von seiner Frau als Rettungsengel hat, ein nacktes Mädchen auftauchen? Man könnte noch stundenlang weitere Beispiele abartiger Inszenierungen anführen.

LEONHARD HUCHTING, BREMEN

Genug Klesmer, gebt uns Matisyahu

Sonntag, 1. Oktober 2006

Passend zu den jüdischen Festlichkeiten verlinke ich ein wunderbares Musikvideo mit einem hassidischen Reggaesänger Matisyahu: