Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Gunther Nickel verteidigt Walser, Grass und Handke Freitag, 5. Oktober 2007

Der verantwortungsbewusste Vertreter einer ehrwürdigen Institution – Deutscher Literaturfonds, unterstützt von der Kulturstiftung des Bundes, – trat bei der Tagung “MedienGrass” in Bremen auf. Jetzt kann man seinen Vortrag im Internet bewundern (Link).

Kritiker und die FAZ sind an allem schuld, meint er. Eigentlich wenn die FAZ dem Boden gleichgemacht wird, sollte man sich freuen. Bei der Poesie eines Gunther Nickels geht das leider nicht. Alle Welt weiß inzwischen, dass Martin Walser mit antisemitischen Motiven seit je meisterhaft arbeitet, die FAZ weiß es auch. Gunther Nickel weiß das nicht und ist seines Unwissens sicher – so als gäbe es für ihn kein Buch von Matthias N. Lorenz und keine Diskussion dazu, die einem jeden Walser-Dilletanten bekannt hätte sein müssen. Aber ein Professor für die neuere deutsche Literaturgeschichte, selbst Autor der FAZ, weiß alles besser, wie immer.

Beim Thema Grass und seine Vergangenheit geht es ihm nur um die Frage, ob es schlimm gewesen war, zur Waffen-SS zu gehören, oder doch nicht. Dabei erhebt sich die Stimme des Redners, als er auf “den sogenannten Holocaust” zu sprechen kommt. Wozu ein “Geständnis”,

wenn die Waffen-SS doch in der Zeit, in der Grass ihr angehörte, gar keine Elitekampftruppe mehr war und er sich keiner Verbrechen schuldig gemacht hat?

Zum Schluss des Abschnitts stellt sich Gunther Nickel einer Gretchenfrage und weiß nicht weiter:

Warum Grass freilich selbst aus seiner Waffen-SS-Mitgliedschaft ein schwer auf ihm lastendendes Geheimnis seines Lebens gemacht hat, das nun endlich „raus müsse“, ist das eigentliche Rätsel dieses Skandals.

Diese Frage wird sofort vergessen, denn wo es keine Antwort gibt, sind alle leicht vergesslich. Gleich springt der Autor zu Handke, der ja schon gesagt hat, dass er unschuldig sei. Und keine Meinung zu Milosevic habe. Er sage und tue doch gar nichts. Was will man mehr?

Fazit: Alle drei sind “Opfer von Kampagnen”. Es gibt nur eine Beruhigung:

Eine Feuilletonrundschau wie sie perlentaucher.de im Internet täglich kostenlos anbietet, leistet zum Glück kompensatorisch, was eine Zeitung wie die FAZ in ihren Kampagnen verweigert.

So kann man dem Perlentaucher und noch mehr dem Titel-Magazin zur erfolgreichen Popularisierung eines nächsten Sturms im Grass Walser gratulieren.

UPDATE: Wie ich gerade feststelle, hat die FAZ schon am 2.10.2008 den armen Kämpfer in ihrer üblichen Manier von oben herab geputzt (Link).

 

Zu Fest ins Grass gebissen Samstag, 16. September 2006

Filed under: Deutschland,Günther Grass,Literatur,Medien,Politik,TAZ — peet @ 14:26 Uhr
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Bitte nicht schockiert sein – dies ist nur eine Feststellung. Joachim Fest starb, nachdem er Günter Grass höchstmoralisch kritisiert hat. Nachrufe sind fast ausnahmslos hochpathetisch und voll des Lobes. Das kann nicht ungestraft so stehen bleiben.

Schirrmacher stellt Fest auf das Podest mit Thomas Mann (Link):

Fest, der mit Thomas Mann nicht nur die Statur, sondern auch, wie dessen Sohn Golo feststellte, die stilistische und gedankliche Kraft gemein hatte, lebte auch das symbolische Leben, das seine großen Heroen, Goethe und Thomas Mann, vorgelebt hatten.

Der knapp Dreißigjährige überrascht die Welt mit einem regelrechten Geniestreich, dem Buch „Das Gesicht des Dritten Reiches”; der Mann von noch nicht einmal fünfzig Jahren veröffentlicht seinen „Doktor Faustus”, die große Hitler-Biographie; eine italienische Reise und manche Xenien sind dazwischengestreut; schließlich die bewegenden und befreienden Jugenderinnerungen des fast Achtzigjährigen.

Das ist noch nicht alles. Die “Hitler”-Biographie 1973 wird zum Nonplusultra erkoren:

Sie ist, wie heute selbst seine Gegner zugeben, ein Meisterwerk der Geschichtsschreibung. Er hat Hitler analytisch geröntgt, den „widrigen Gegenstand” mit unvergleichlichem Stilvermögen erzählbar und damit auch rationalisierbar gemacht. Hitler und Hitlers Erfolgsmöglichkeit zu verstehen, war die wichtigste geistige Aufgabe der Deutschen seit 1945. Fest hat es geleistet, selbst Sebastian Haffners „Anmerkungen zu Hitler” sind undenkbar ohne das Vorgängerbuch seines Freundes.

Kein Buch, das seit 1945 in deutscher Sprache erschienen ist, ist bedeutender als Fests „Hitler”, und kein anderer Autor war dem Verfasser des monumentalen Werks, war Joachim Fest, vorher oder nachher stilistisch und gedanklich gewachsen.

Also das bedeutendste deutsche Buch seit 1945, aha. Für Patrick Bahners ist Fest nicht weniger als Burckhardt von heute (Link). In unfreiwilliger Selbstironie schreibt er:

Faszination Speer

Nicht Tatsachen sind in letzter Analyse die Materialien des Historikers, wenn auch die Überlieferung Umwälzung ist.

Etwas weiter kommt es noch besser:

Hitler kam aus dem Nichts und riß die Welt mit ins Nichts, die ihn hatte groß werden lassen.

Schirrmachers und Bahners’ Leichtigkeit im Umgang mit der Feder und Geschichte soll uns nicht aufhalten. Markus Schwering ergänzt das Bild des Gestorbenen mit einer merkwürdigen Bewunderung (Link):

Fest war ein Polemiker von hohen Graden, der der Debattenkultur in Deutschland immer wieder frisches Blut zugeführt hat. Dabei schlug er auch zuweilen über die Stränge – so, als er, in einem Anfall von raumgreifender Instinktlosigkeit, in seinem Berliner Haus einmal bei einer Abendgesellschaft Albert Speer und Marcel Reich-Ranicki aufeinander treffen ließ. Das kostete ihn die Freundschaft des konsternierten Meisterkritikers.

Tja, haben wir etwas anderes erwartet, hat denn Martin Walser nicht schon alles über den Konsternierten geschrieben? Erstaunlicherweise fühlte sich Speer nicht beleidigt. Dieselbe Geschichte wurde neulich auch in der Zeitung “Freitag” erzählt, noch pointierter (Link):

Marcel Reich-Ranicki schildert in seinen Memoiren, wie er von Fest zu einem Empfang des Siedler Verlages mitgenommen wurde, bei dem er nichtsahnend auf einen inzwischen frei gekommenen Kriegsverbrecher stieß, für den sich Fest als Ghostwriter betätigte: “Und dann kam man zum Anlass des Empfangs, zur Präsentation von Joachim Fests Buch, das schlicht Hitler hieß und hier auf schwarzem Samt lag. Speer blickte lächelnd auf das Buch und sagte laut: ›Er wäre zufrieden gewesen, ihm hätte es gefallen‹.” Reich-Ranicki weiter: “Bin ich vor Schreck erstarrt? Habe ich den Massenmörder, der hier respektvoll über seinen Führer scherzte, angeschrieen und zur Ordnung gerufen? Nein, ich habe nichts getan, ich habe entsetzt geschwiegen.”

Alles andere wäre auch unpassend gewesen. Joachim Fest hat von Speer zum Dank für seine Verdienste ein von Adolf Hitler eigenhändig gemaltes Aquarell bekommen – daneben nimmt sich der Nannen-Preis trotz Gala und einer zumindest geplanten Minister-Rede etwa schäbig aus.

Zurück zu dem Nachruf von Schwering. Noch leichter als diese moralisch zweifelhafte Würdigung wird die von Schirrmacher nicht einmal erwähnte Kritik abgetan:

Die Konzentration auf das Individuum lenke, so der Tenor, von den strukturellen Ursachen der Diktatur ab, verharmlose diese letztlich. Davon konnte bei näherem Hinsehen zwar keine Rede sein, genauso wenig wie von der angeblichen schillernden Faszination durch das Monströse.

Keine Rede, das ist ein ganz klares Argument. Fast genauso geht die dpa mit dem Thema in der “Focus”-Ausgabe um (Link):

Historiker-Kollegen warfen Fest vor, Adolf Hitler zu einer „großen weltgeschichtlichen Persönlichkeit“ stilisiert zu haben. Gerügt wurden auch Fests Arbeiten über Hitlers Chefarchitekten Albert Speer: „Lügen, Halb- und Unwahrheiten“ seien unwidersprochen aneinander gereiht, kritisierte der Holocaustforscher Götz Aly. Der Antisemitismusforscher Wolfgang Benz befand, Fest habe „an der Erzeugung des Markenartikels Speer Ende der 60er-Jahre erheblichen Anteil“.

Es wird zitiert und doch damit abgetan. Die soeben zitierte Kritik wird neutral behandelt, so schlimm war das alles auch wieder nicht, nicht wahr? Im kurzen Nachruf des NDR wird es noch einmal naiver formuliert (Link):

Die Person Hitlers wurde für Fest Schlüssel zur deutschen Seele, Inbegriff des fatalen Hangs der Deutschen zu Extremen.

Ach, nur ein bisschen extrem. Die Position seines Vaters wird hervorgehoben und hochstilisiert:

1933 wurde sein Vater als Nazigegner aus dem Beamtendienst entlassen.

Die erste selbständige Entscheidung des Sohnes wird dagegen nicht nacherzählt, das übernimmt der “Deutschlandfunk” (Link):

Als Joachim Fest 1944 den Entschluss fasste, freiwillig in den Krieg zu ziehen, um der Einberufung in die SS zu entgehen, bekommt er die ganze Autorität seines Vaters zu spüren.

Der Leser denkt, der Vater habe ihm seine Entscheidung ausgeredet. Einige Zeilen weiter kann man aber lesen:

Atemberaubend spannend jene Szenen, in denen Joachim Fest beschreibt, wie er sich – in amerikanische Gefangenschaft geraten – aus seinem Versteck, einer vernagelten Frachtkiste, zu befreien versucht.

Das Erinnerungsbuch, in dem darüber erzählt wird, heißt “Ich nicht”. Fest wird zu einer Autoritätsperson des Widerstands erklärt und verklärt, mythisch bearbeitet. Insofern hat Eckhard Fuhr recht, wenn er sagt (Link):

Joachim Fest steht kurz davor, von den Propagandisten der “neuen Bürgerlichkeit” als Galionsfigur vereinnahmt zu werden, als Lichtgestalt, die den Kleinbürger Grass wie ein sich windender Wurm erscheinen lässt, oder höchstens wie ein tränend seine Zwiebel häutender Fischsuppen-Koch. Fest dagegen strahlt auf den Marmorklippen seines heroischen Individualismus als Vorbild für die Super-Egos eines trotz des 11. Septembers leider postheroischen Zeitalters.

Die TAZ sieht in ihm “den letzten Bürger der Bundesrepublik”, nicht mehr, nicht weniger (Link). “Die Welt” ist von einer kurzen Erzählung des Bürgers Fest fasziniert (Link):

Denn Fest war ein Bürger, wollte einer sein. Nichts, hat er einmal erzählt, nicht einmal der Verlust seiner Freiheit habe ihn bei der Gefangennahme im Frühjahr 1945 so empört wie die offensichtliche Geringschätzung, mit der ihm ein amerikanischer Offizier die letzten, kostbaren Reste seiner Bibliothek, die er im Tornister durch alle Kriegswirren gerettet hatte, abnahm und demonstrativ in den Staub warf: so etwas brauche er von jetzt an nicht mehr zu lesen. Die schöne Welt der Dichtung, der darstellenden und der bildenden Künste, später vor allem auch der Musik war ihm ein Lebens- oder besser: ein Überlebensmittel.

Noch besser ist die übermittelte Sentenz, wieder voll der unfreiwilligen Selbstironie:

Ein norwegischer Kritiker fasste seine Bewunderung für das Werk in das etwas zweideutige Kompliment, die Deutschen seien ein sonderbares Volk: Erst brächten sie einen Halunken wie Hitler hervor, und dann einen, der so über ihn so schreibe wie Joachim Fest.

Nirgendwo steht ein Wort über seine vor allem geistige Nähe zu Ernst Jünger oder eine Analyse seiner Freundschaft mit Ulrike Meinhof. Der schon zitierte Fuhr stellt ernste Fragen, ohne zu versuchen, sie zu beantworten:

Man möchte wissen, wie sich mit dem Lebensprogramm des ego non die lebenslange obsessive Beschäftigung mit den Gesichtern des Dritten Reiches verbindet. Warum wurde Fest in aller Freiheit und Unabhängigkeit nicht Kunsthändler oder Jurist? Warum näherte er sich dem Antibürger Hitler, jener bizarren Grimasse historischer Größe so weit wie das vor ihm noch kein Autor gewagt hatte? Was hat ihn an dem gefallenen Bürger und verirrten Künstler Albert Speer fasziniert, ja, warum ließ er sich, wie er selbst später eingestand, von ihm blenden?

Ja, was hat Fest von seinem Vater gelernt? Harry Nutt erzählt eine – für ihn – rührende Geschichte (Link):

Im Buch erzählt er, wie er den Vater einmal zu überreden versucht hat, seine Geschichte aufzuschreiben. Dieser wehrte jedoch lakonisch ab. “Wir schweigen alle. Aus Scham, Angst und Beklommenheit. Ich schweige auch.”

Auch hier erfolgt kein Kommentar, keine Auflösung der negativen Parallele. Auch dort nicht, wo Nutt Hintergründe der Feuilleton-Tätigkeit Fests schildert:

Bei seinem Eintritt als Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für den Bereich des Feuilletons hatte er sich die Zuständigkeit über den Bereich der politischen Kultur vertraglich zusichern lassen. Das Wort bedeutete zunächst nicht viel, sollte seine Wirkung erst später entfalten. Mit diesem Zusatz aber wurde Joachim Fest zum Erfinder eines politischen Nachkriegsfeuilletons, dessen Deutungshoheit innerhalb der Medien mit dem legendären Historikerstreit seinen Anfang nahm und für viele Jahre anhalten sollte.

Keine Zeitung hat Hannes Heer gebeten, einen Nachruf zu schreiben, wo er doch der stärkste Kritiker Fests ist (Link). In einem Interview für die TAZ sagte Heer (Link):

Für mich ist Fest weniger ein Historiker als ein Geschichtspolitiker, und zwar der einflussreichste der Bundesrepublik. Fest ist ein Verhängnis, dessen Geschichtslegenden eine wirkliche Anerkennung von Schuld und Verantwortung massiv erschwert haben. Dass er als 80-Jähriger jetzt Triumphe feiert, beschreibt, wo die Bundesrepublik und deren publizistische Eliten stehen.

Bei den Nachrufen hat es bis heute kaum kritische Töne gegeben. Eine rühmliche Ausnahme: Joachim Güntner nennt Fest in der NZZ einen “bedeutenden konservativen Publizisten” (Link). Das ist nüchtern und richtig. Die folgende Analyse klingt für mich überzeugend:

Hitler fasste er – mit Hannah Arendt – anthropologisch auf: als Inkarnation der Möglichkeit des Bösen. Und damit als zeitentrückt. Das nackte Böse, die offene Brutalität, die sich um Verkleidung gar nicht schere und ihre mörderischen Absichten klar ausspreche – das verhindere die Historisierung dieser Figur. Die Faszination durch das Dritte Reich, prognostizierte Fest, werde wohl «so lange bestehen, bis der nächste Böse auftritt». Moralisch sei aus der Geschichte nichts zu lernen. Was ein Mörder, was verwerflich sei, hätten die Menschen immer gewusst. Nur anthropologisch und politisch kann man aus dem Vergangenen lernen. Anthropologisch: dass das Böse lebt. Politisch: dass man wachsam zu sein hat und skeptisch sein muss gegenüber den Wölfen im Schafspelz eines Weltverbesserung versprechenden Utopismus.

Fazit: Viel Faszination, noch mehr Verbeugung vor der Faszination des Bösen, viel Polemik und noch mehr politische Überzeugungen, die nicht unbedingt klar, programmpolitisch formuliert wurden, dafür um so konsequenter durchgezogen. Dafür viel Lob seitens der FAZ oder Schäuble (bei der Preisverleihung neulich), dafür keine posthume Kritik in den Medien. Ist das die Selbstidentifikation der Bundesrepublik von heute? Hat die TAZ tatsächlich recht?

 

Günter Grass: schnörkellos oder nicht? Freitag, 26. Mai 2006

Filed under: Deutschland,Günther Grass,Literatur,Medien,Politik — peet @ 9:06 Uhr
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Nichts ist es mehr so, wie es mal war. Schriftsteller wollen Politiker sein, Pamphlete schreiben, große Reden halten, Moral predigen. Oder auch umgekehrt. Einmal alt geworden, merken sie plötzlich, dass sie nicht so politisch aktiv sind, wie Seneca, Dante oder Leo Tolstoj ihrerzeit. Schriftsteller sind auch Menschen, wie auch Blogger, sie müssen halt nur nicht so genau sein. Die neueste Rede, die Günter Grass gehalten hat, liefert ein schönes Beispiel dafür.

Ein deutscher Schriftsteller Grass sieht seine Aufgabe darin, die Politik der USA-Regierung zu kritisieren. Bei ihm zu Hause ist dagegen alles sauber. Ach nein, ein Kritiker hat sich doch erlaubt zu mucksen. Grass prangert an:

Im Dezember des letzten Jahres wurde in Stockholm die Nobelpreisrede Harold Pinters veröffentlicht. In seinem beispielhaft schnörkellosen Text sprach sich der Dramatiker zuerst als Schriftsteller, dann als englischer Staatsbürger aus. Als seine bittere, niemanden schonende, also unser aller Versagen und rücksichtsvolles Bemänteln offenlegende Rede vorlag, löste sie hierzulande bis ins Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung blindwütige Attacken aus. Ein Theaterkritiker namens Stadelmaier versuchte Pinter als Altlinken, dessen Bühnenstücke längst passé seien, lächerlich zu machen und abzutun. An der Offenlegung von Wahrheiten, die hinter Beschwichtigungen und einem Gespinst von Lügen versteckt waren, wurde Anstoß genommen.

Harold Pinter hat tatsächlich einen brisanten politischen Text geschrieben, der in seiner Abwesenheit vorgetragen wurde, nämlich am 7. Dezember 2005. Das stimmt. Ob dies zu der Zeremonie der Nobelpreisverleihung passt, ob es sozusagen nobel ist, sei dahingestellt. Ich würde sagen, das darf ein Literat tun. Pinter hat dabei keinen Kritiker für die Kriegsverbrechen verdammt. Und hat seine Rede nicht schlechter geschrieben, als ein Michael Moore das tun würde, eben schnörkellos.

Zurück zu Grass. Der Aufsatz von Gerhard Stadelmaier, in dem der Kritiker die Verleihung des Nobelpreises in Frage gestellt hat – aus Gründen der Qualität, – ist in der FAZ am 13. Oktober 2005 erschienen. Nicht nach der Rede, sondern fast zwei Monate früher! Darin ironisiert Stadelmaier:

Wenn die Schwedische Akademie Harold Pinter für dessen Dramen zu dessen längst vergangener, also im besten und obenzitierten Sinne unmoralischer Zeit mit dem Literaturnobelpreis geehrt haben will und wenn sie das merkwürdigerweise im Jahr 2005 tut, dann muß die Akademie, deren peinliche Zwischendurch-Fehlentscheidungen sich langsam zu einer komischen Liste addieren, vor dem Pinter, wie er heute und seit gut zwanzig Jahren leibt und schreibt, derart die Augen verschlossen haben, daß es fast schon an Blindheit grenzt – oder an Ratlosigkeit. Oder an eine Privatmarotte eines der Akademiemitglieder. Alles zusammen beschädigt langsam, aber sicher den Ruf der Akademie. Oder die allgemeine Hochschätzung des Literaturnobelpreises hätte ihr Äquivalent allein in der hohen Dotierung – nicht in hoher Qualität.

Denn wenn es inzwischen einen Autor gibt, der einem sein „Anliegen” aufzudrängen versucht, der keinen Zweifel an seinem menschlichen Wert, an seiner Nützlichkeit, seinem Altruismus, seiner politischen Güte und Korrektheit aufkommen läßt, der sein Herz auf dem rechten, das heißt hier natürlich linken Fleck zu haben behauptet, und das exakt dort pulsiert, wo man in seinen Arbeiten Charaktere sehen müßte, aber nur noch leere Definitionen und hohle Klischees sieht – dann ist dies Harold Pinter. Er hat unsagbare banale, aber halt auch unsäglich brave, aufrechte, wütende Gedichte gegen den Irak-Krieg geschrieben. Er hat Mr. Blairs „Arschlecken gegenüber dem Big Business” gegeißelt. Er hat die Vereinigten Staaten von Amerika für einen GULag (ein einziges Straflager) gehalten. Er hat Freiheit für den braven serbischen Freiheitskämpfer Milosevic gefordert, den andere für einen Diktator und Schlächter halten. [...]

Harold Pinter ist zu einem intellektuellen Stammtisch-Dramatiker geworden, der mit der Faust auf den Tisch haut und: „Das mußte einfach mal gesagt werden!” dröhnt. Daß die Papiere wackeln. Und die Moral überschwappt. Hier spreizt und produziert sich ein eingebildet Engagierter. [...]

Wahrscheinlich weiß die Schwedische Akademie selbst nicht so recht, was sie will. Sie greift weniger nach Literatur. Sie greift mehr nach irgend einem Namen. Und hält sich daran fest. Der Name Pinter ist ein Halm, der stark und streng nach trocken Stroh riecht.

Ähnlich kritisch, wenn auch milder in der Beurteilung der Stücke von Pinter ist Peter Münder, der sich am 11. November 2005, also vier Wochen vor der Rede, in einem Internetforum äußerte:

Wie erklärt sich nun Pinters radikales Umdenken, seine Flucht aus dem Elfenbeinturm hin zum dezidierten Polit-Engagement?

Sein entscheidendes politisches Erweckungserlebnis hatte Pinter 1985 während eines Besuchs in der Türkei, als er zusammen mit Arthur Miller im Auftrag von PEN-International die Lage verfolgter Autoren und die Situation der Kurden untersuchte und dabei mit brutalen Foltermethoden der damaligen Militärdiktatur konfrontiert wurde. In seinem einfühlsamen Nachruf auf den im Frühjahr verstorbenen Arthur Miller evozierte er noch einmal die deprimierenden Gespräche mit den verfolgten Autoren und erinnerte an ein Dinner beim amerikanischen Botschafter in Ankara, das mit dem Rauswurf der beiden prominenten kritischen Beobachter endete. Der Botschafter hatte die US-Unterstützung für das brutale türkische Regime mit den “besonderen Bedingungen vor Ort”, vor allem auch mit der Bedrohung durch die Sowjets begründet, während Pinter vehement gegen dieses merkwürdige Demokratieverständnis protestierte und den US-Diplomaten mit der Frage provozierte: “Wie würde es Ihnen denn gefallen, wenn Ihr Penis mit Stromschlägen traktiert würde?” Als Pinter sich dann mit der Bemerkung “Ich glaube, jetzt hat man mich rausgeworfen” an Arthur Miller wandte, reagierte der ebenso prompt wie entschieden und sagte nur “Dann gehe ich mit”. Pinter beendete den Nachruf mit dem Satz: “Mit Arthur Miller aus der amerikanischen Botschaft in Ankara rausgeworfen zu werden, das war einer der stolzesten Momente in meinem Leben”.

Zweifellos hat diese emotional aufwühlende Erfahrung, die Begegnung mit gefolterten türkischen und kurdischen Autoren wie auch die Konfrontation mit der Arroganz der Macht in Gestalt eines ignoranten amerikanischen Diplomaten, bei Pinter einen Prozess der politischen Neuorientierung ausgelöst und aus dem ehemaligen Laissez-Faire-Briten einen radikal denkenden Demokraten gemacht. In Stücken wie “One for the Road” (“Noch einen Letzten”) und “Mountain Language” (“Bergsprache”) hatte Pinter dann diese Eindrücke thematisiert, indem er das brutal-bedrohliche Verhalten von Folterknechten und die Diskriminierung eines Bergvolkes sowie den Verlust einer eigenen Sprache beschrieb.

Sicher sind manche Attitüden und Proteste des Angry Old Man, der seinen Speiseröhrenkrebs nur knapp überlebte, überzogen. Man wird sich auch damit abfinden müssen, dass Harold Pinter seine Dankrede anlässlich der Preisverleihung in Stockholm als eher drastische Gardinenpredigt gestalten dürfte, in der Präsident Bush und Tony Blair als unerträgliche Bedrohung für den Weltfrieden angegriffen werden. Doch die Diskussionen über das politische Engagement dieses streitbaren Preisträgers haben die Auseinandersetzung mit dem literarischen Werk in den Hintergrund treten lassen – dabei sollte der Nobelpreis doch vor allem der Würdigung des Gesamtwerks gelten.

Sicher sind Pinters große Stücke – wie ja auch die faszinierenden Drehbücher der Filme “Accident”, “The Servant”, “The French Lieutenant’s Woman” – schon vor etlichen Jahrzehnten verfasst worden. Doch welcher zeitgenössische Autor hat sich schon so souverän und eindrucksvoll mit dem seit Eugene O’Neill (“Der Eismann kommt”) und Ibsen (“Die Wildente”) altvertrauten Motiv der Lebenslüge auseinandergesetzt wie Pinter im “Hausmeister”? Da suggeriert sich der obdachlose Hausmeister-Aspirant Davies, dem vom gutmütigen Aston ein Quartier angeboten wird, zwar selbst permanent, eines Tages werde er bestimmt seine Papiere aus Sidcup holen und sich dann einen herrlichen Schuppen bauen. Doch er verstrickt sich in bösartige Intrigen, spielt Aston gegen dessen geschäftstüchtigen Bruder Mick aus und hat am Ende alles verspielt – ohne Zukunftsperspektive und Quartier muss diese zum ewigen Vagabundieren verdammte tragische Figur wieder von vorn anfangen und sich neue Lebenslügen zurechtzimmern, um sein Scheitern zu rechtfertigen.

In diesem frühen Stück demonstriert Pinter schon seine große Kunst, hinter banalen Alltagsphrasen bedrohliche Dimensionen ungefilterter, bis ins Paranoide gesteigerter Ängste und Aggressionen aufflackern zu lassen. Seit Tschechow hat sicher kein Dramatiker so nuanciert und elektrisierend den Subtext unterhalb konkreter Inhaltsebenen mit dramatischen Spannungsmomenten aufgeladen und damit auf eine bedeutungsschwangere Beziehungsebene transponiert. Das ergibt dann wohl den immer wieder beschworenen “pinteresken” Aspekt der Stücke, der zwar mehr oder weniger diffus an Kafka erinnert, der aber immer noch ganz unvergleichlich ist.

Grass irrt sich also: Kritiker haben nicht die Rede Pinters lächerlich gemacht. Sie haben die Nobelpreisverleihung in Frage gestellt. Dafür sind sie da, die Kritiker. Wer hat sich nun lächerlich gemacht?

Sein Verteidigungsobjekt Pinter sagte in der Rede:

Moralpredigten gilt es unter allen Umständen zu vermeiden. Objektivität ist unabdingbar.

Oha, wen meinte Pinter denn?

 

 
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