Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Handke und seine Verteidiger Freitag, 2. Juni 2006

Filed under: Deutschland,Literatur,Medien,Peter Handke,Politik,TAZ — peet @ 13:43 Uhr
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Die Posse um den abgesetzten Heine-Preis geht weiter. Spannend, wie viele sich auf die Seite des leidenden Opfers stellen und wie sie das tun. Seine Verlegerin (Ulla Berkéwicz), sein Filmregiesseur (Wim Wenders), seine Kritikerin (Sigrid Löffler) – alles feine Leute – sind total empört und schlagen in dieselbe Kerbe wie Jelinek (Link). Diese Methode ist medienwirksam und hat einen “der bedeutendsten Autoren der Gegenwart” (Löffler) zu den ganz “sonderbaren und eigentümlichen” (F.Schirrmacher, Link) Stellungnahmen verführt, die fast an der Grenze des Zumutbaren liegen. Vielleicht hat sein ungewolltester Verteidiger, Wiglaf Droste, Recht:

Schon möglich, dass Peter Handke einen Dachschaden hat.

Ich habe wenig Aussagen zu dem eigentlichen Thema gefunden. Kaum einer hat sich über die Unproffesionalität der Jury ausgelassen. Sie hat versagt, in dem Moment, wo sie nach Weizsäcker an Handke gedacht hat, mit dem Plan, nach Jelinek an Handke zu denken. Es wurde kein Konsens gefunden, zu dem man hätte stehen können. Jetzt kann Sigrid Löffler sich heldenhaft empören, die Juri verlassen und sich für sauber erklären, in der Tat aber hat eben sie zu wenig an die Konsequenzen ihres internen Pro-Handke-Lobbyismus gedacht. Der Ruf des Heine-Preises ist hin. Die lächerliche Maschinerie der Literaturpreise wurde offenbart. Das ist möglicherweise gar nicht so schlecht, denn es ist längst ein Betrieb geworden, einer von vielen, die die Kultur ruinieren. Inzwischen bekämpfen die Süddeutsche und die FAZ einander und versuchen sich pro et contra zu positionieren, wo es am wenigsten passt, und am besten jeden Tag anders, um unparteiisch zu wirken und die Diskussion zu verlängern und noch heißer zu machen. Handke als Dichter wird immer mehr zum Opfer stigmatisiert und mit Inbrunst verteidigt. Auf dem Höhepunkt dieser Verteidigungsszenerie erscheint ein Text von Botho Strauß, der das non plus ultra der gesamten Schlammschlacht bis dato wurde.

Eine schlimmere Fürsprache kann man Handke nicht wünschen, sie offenbart die dunkelsten Hintergründe der gesamten Diskussion und erinnert schon wieder an die Walser-Debatte, an die Sätze, wie “man wird doch wohl noch sagen dürfen”, die die öffentliche Seele (Verzeihung!) masturbieren, ohne befriedigen zu können. Allein die Liste der zu vergleichenden Vorbilder, die Strauß einfallen, sagt das. Er argumentiert darüber hinaus haarsträubend:

Was bleibt von Handke?

Im Titel schon reduziert Strauß den Dichter auf einen Teil seines Schaffens, utilisiert ihn. Diese Methode wird weiter angewendet:

Was bleibt von dem Gefangenen im Pisaner Käfig, dem gegen Roosevelt eifernden Faschisten? Es bleibt der überragende Rhapsode und Poet, der Matador der Moderne, der reiche Anreger und Talenteförderer Ezra Pound.

Schwarzweiß, entweder-oder? Nein – sowohl-als-auch!

Was bleibt von dem berüchtigten Rechtslehrer Carl Schmitt, dem man Mitwirkung an den Nürnberger Rassengesetzen nachwies? Es bleibt der einflußreichste Staatsrechtler des zwanzigsten Jahrhunderts, der intuitivste Denker über Verfassungs- und Rechtsgeschichte, dessen Einfluß weit über die Grenzen Deutschlands hinaus lebendig blieb.

Na-na, wir wollen nicht übertreiben: Einen “intuitivsten Denker” im Fach der “Verfassungs- und Rechtsgeschichte” kann nur ein getreuer Leser einer “Jungen Freiheit” gebrauchen, welche Strauß liebevoll einen “Dichter der Gegen-Aufklärung” nennt. Aber auch nach der gebührenden Diminuierung der Bedeutung Schmitts bleibt beides an ihm hängen – sowohl seine Mitwirkung an der Naziwelt als auch seine Beobachtungen der Staatsgeschichte, auch wenn sie eher ein Bestand der neurechten Denkweise sind als die der wahren Geschichte.

Von Heidegger zu sprechen und dabei seine Rolle als brauner Universitätsrektor hervorzuheben erweist sich inzwischen als Lächerlichkeit.

Da irrt sich aber einer. Inzwischen ist es nicht mehr möglich, über den feinen Philosophen Heidegger zu reden, ohne seine Mitwirkung an dem Gebäude des Dritten Reichs zu erwähnen. Seine Nachwirkung im selben Sinne gehört auch dazu.

Was bleibt aber von Brecht, einem Dichter, dem die Revolution wichtiger als Menschenleben war und der gegen den blutigen Stalin nur ein wenig Dialektik ins Feld führte? Es bleibt einer, der die Dramaturgie des Theaters nachhaltiger veränderte als jeder andere europäische Autor und der noch bis tief in die Mentalität und Empfindungskälte des heutigen Theaters beherrschend wirkt.

Aaah so! Strauß will objektiv aussehen, ein Linker muß dafür geopfert werden. Auch in diesem Fall – keine Dichotomie bitte! Sowohl ein Dichter als auch ein Kommunist, der u.a. auch darunter leiden musste. Das Eine ist von dem Anderen nicht zu trennen, auch wenn Strauß das so gerne hätte.

Was bleibt schließlich von dem angeblichen Sänger des großserbischen Reichs, Peter Handke? Nicht nur der sprachgeladenste Dichter seiner Generation, sondern wie nur Überragende es sind, ein Episteme-Schaffender (nach dem Wortgebrauch Foucaults), eine Wegscheide des Sehens, Fühlens und Wissens in der deutschen Literatur.

Jetzt kommt Strauß endlich zu seinem Helden. Bei all seinen Vorbildern lässt Strauß keinen Zweifel an ihren Vergehen (ein Faschist, ein berüchtigter Mitwirkender an den Rassengesetzen, ein brauner Universitätsdirektor, ein Revolutionär – eine gute Kompanie). Bei Handke sind seine politischen Ansichten und Handlungen nur “angeblich” und dabei übertrieben, so übertrieben, dass sie nicht mehr glaubwürdig zu sein scheinen. Um das aufzuwiegen, baut Strauß dem angeblich größten Dichter seiner Generation einen Denkmal und nennt ihn, den Dichter, “eine Wegscheide”. Hmm, soll das ein Kompliment sein? Was bleibt dann für Strauß selbst?

Wer Schuld und Irrtum nicht als Stigmata (im Grenzfall sogar Stimulantien) der Größe erkennt, sollte sich nicht mit wirklichen Dichtern und Denkern beschäftigen, sondern nur mit den richtigen.

Wir wissen, die beste Verteidigung ist der Angriff. Strauß kommt dazu. Wenn einer so groß ist, dass er Schuld auf sich nimmt und sich Irrtümer zu eigen macht, dann solle er gerade dafür gepriesen werden, sonst sei dieser kein wirklicher Dichter und Denker. Die “richtigen” dagegen seien Trug und Schein. Wir ahnen, gleich kommt der “political correctness”-Popanz.

Wir leben gottlob noch nicht in einer Lea-Rosh-Kultur, in der sich deutscher Geist nur geduckt bewegen soll oder rückschaudernd erstarren und jede erhobene Stirn, etwa zum Ausschauhalten, als pietätlos und mißliebig angesehen wird.

Na endlich. Ein Volksdichter bräunt sich langsam durch, die Volksgemeinschaft darf sich erfreuen. Diesen Satz werden wir noch mehrfach zitiert lesen dürfen, ganz bestimmt. Walser-, Möllemann-, Hohmann-Debatten lassen grüßen: Es geht weiter.

Aber das allgemein Richtige, ein Gezücht unserer konsensitiv geschlossenen Öffentlichkeit, ist dennoch ein am Boden schleifendes träges Ungetüm, wie sehr es sich auch selbst gefallen mag.

Einige andere aber müssen in der Höhe sich härter ausbilden und werden selbst aus einer Verrannt- oder Verstiegenheit heraus mehr Gutes unter die Menschen bringen als je tausend Richtige zusammen.

Ja-ja, härter ausbilden. Nicht mehr nicht weniger. Auf-auf zum Kampfe. Botho Strauß ist schon soweit!

Ich hoffe sehr, dass Handke sich von diesem freundlichen Bärendienst distanziert. Falls er dafür noch eine “Parallelsprache” (Schirrmacher) findet.

Was hat er denn bei der Beerdigung Milosevics gesagt? Hat denn jemand ein Manuskript davon? Die einzige Quelle bis jetzt ist die Selbstdarstellung Handkes in “Le Monde”, die jetzt auch in seinem FAZ- (Link) und SZ-Text nachinszeniert wurde:

Die Welt, die vermeintliche Welt, weiß alles über Slobodan Milosevic. Die vermeintliche Welt kennt die Wahrheit. Eben deshalb ist die vermeintliche Welt heute nicht anwesend, und nicht nur heute und hier. Ich kenne die Wahrheit auch nicht. Aber ich schaue. Ich begreife. Ich empfinde. Ich erinnere mich. Ich frage. Eben deshalb bin ich heute hier zugegen. (Link)

Es lebe Jugoslawien. Zivela Jugoslavija. (Link)

Es gibt eine Welt Handkes und eine vermeintliche Welt. Die Wahrheit dieser vermeintlichen Welt sei keine, sie wird zumindest in Frage gestellt. Und einer, der nicht zu der vermeintlichen Welt gehört, tut etwas, nämlich geht zu einer politischen Veranstaltung, spricht in der serbischen Sprache vor zwanzig tausend Teilnehmern dieser politischen Veranstaltung und sagt dabei in seiner “Parallelsprache”, dass er nicht zu der vermeintlichen Welt gehört, dass er alles anders sieht, begreift und empfindet, dass er andere Erinnerungen und andere Fragen hat als die vermeintliche Welt und dass er mit seinen Zuhörern solidarisch ist. Dass er das verlorengegangene Jugoslawien betrauert, genauso wie Millionen von ehemaligen anderen verlorenen Seelen die Sowjetunion beweinen. Das Imperium und kleine Imperien hinterlassen ihre Spuren. Sie sprechen durch diese Rede. Handke wird politisch aktiv. Das tut er und einige Wochen später distanziert sich davon. Wie viel stimmt in diesen Zitaten mit der Rede überein? Was wird dabei verschwiegen? Wann werden wir das erfahren? Denn wir wissen:

Der bedeutende Schriftsteller Handke, so kann man vielleicht arg verkürzt zusammenfassen, neigt zu politisierenden Wutausbrüchen mit beachtlicher Fabulierkunst.

 

 
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