Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Der linke Freitag Sonntag, 20. September 2009

Jakob Augstein sucht händeringend eine Nische, ein Profil für sein Ein-Mann-Projekt. Gemeint ist eine linke Boulevardzeitung, wie bekannt. Diesmal soll ein ganzes Land dem Projekt geopfert werden, und zwar Afghanistan. Die Redaktion hat einen pazifistischen Aufruf vorbereitet, der von so bedeutenden Schriftstellern wie Sarah Kuttner, Charlotte Roche, Martin Walser und gar einer Aktivistin mit dem vielversprechenden Namen Gretchen Dutschke unterzeichnet wurde. Die realpolitische Perspektive dieses Manifestes ist so dumm, dass sich einige weniger pazifistische Intellektuelle fanden, den Text zu kritisieren, insbesondere der Perlentaucher-Chef Thierry Chervel. Dieser hat zu Recht zwei Sachen kritisiert, nämlich die Verschmelzung der linken und rechten Ansichten sowie eine feige Naivität. Genauso wie in der Beurteilung der Gefahr, die von der Iran-Regierung ausgeht, wird suggeriert: Lasst uns nur still und ruhig sein, irgendwie wird es schon an uns vorbei gehen, schlimmstenfalls werden die anderen zuerst ausgerottet.

Weil dies zu wenig Zündstoff lieferte, musste Jakob Augstein sofort antworten und zwar im eigenen Medium. Daraus kann man gut sehen, dass es nicht um einen Dialog geht, sondern um – wie gesagt – die Profilierung der eigenen Plattform. Auch die Antwort ist uninteressant. Kein anderer Denker, nicht einmal der andere große Pazifist und Mitunterzeichner Roger Willemsen, hat sich zu Wort gemeldet. In Blogs kamen nur zwei Reaktionen, beide fielen vernichtend negativ aus (Blütenlese, Blogterium).

Peinlich. Diesem Unglück muss man unbedingt zu größerem Ruhm verhelfen – ich setze dieses Schreiben auch bei den FDOG – als eine gewisse Strafe :-)

 

Willemsen und Hildebrandt kennen sich im Talmud aus Sonntag, 18. November 2007

Aus dem November-Heft der Zeitschrift “Konkret” habe ich erfahren, dass Roger Willemsen und Dieter Hildebrandt – zwei Autoren des Bestsellers “Die Weltgeschichte der Lüge” – unter anderem auch eine alte antisemitische Lüge verbreiten. Florian Sendtner hat es recherchiert und eindeutig festgestellt: Die beiden netten Herren geben eine der zahlreichen Talmud-Fälschungen unter dem Beifall der Zuhörer in ihren erfolgreichen Programmen als Wahrheit aus.

Ich ergänze: Auch über die armen leidenden Palästinenser wissen beide Fernseh-Philosophen die Welt zu belehren (Link). Unter den 19 besonders wichtigen Lügen der Weltgeschichte, wo die DDR-Lügen noch vor Hitlers Kriegserklärung stehen, wird als Numero 12 auch die folgende rührende Geschichte erzählt:

Die 9/11-Lüge:

Nach dem Terroranschlag gingen Bilder von jubelnden Palästinensern um die Welt. Die Szene war gekauft. TV-Journalisten hatten ihnen dafür Kuchen versprochen.

Das stimmt nicht. Weder im Plural noch in der Intention. Es wurde massenweise gejubelt, nur für die Kameras wurde es einmal extra wiederholt, damit die Kameraleute es besser aufnehmen können. Einzelheiten siehe z.B in der pdf-Datei von Heiko Lietz (Link) auf der Seite 46:

Die tatsächliche Sachlage, dass es „ohne Ende Jubel“ gegeben habe, sei bei der Diskussion glatt untergegangen. Steinhoff, der im Dezember in der West-Bank mit dortigen Kamerateams gesprochen hatte, konnte ganz vereinzelte Medienberichte bestätigen, dass Arafat alle Kassetten habe einsammeln lassen.

So kennen wir Willemsen inzwischen – auf der “richtigen” Seite, propagandistisch manipulierend auf dem Weg zum ersten Platz auf der Bestsellerliste (Link). Von Knochen zu Kuchen – eine Steigerung. Glückwunsch!

 

Herausstehende Knochen Samstag, 11. Februar 2006

Zwei große Journalisten treffen sich. Franziska Augstein und Roger Willemsen. Beide empört. Angela Merkel hat doch gesagt, das Gefängnis in Guantanamo soll weg. Das Gefängnis steht immer noch. Wir können uns jetzt in Ruhe empören. Und das geht beispielsweise so (Die Süddeutsche vom 11.2.2006):

Der Mann war angeschossen worden, und noch viele Wochen später standen die Knochen aus seinen Wunden heraus.

Realistischer geht es nicht, glaube ich. Ob der Mann noch lebte, während er von Roger Willemsen interviewt wurde?

Oder die Antwort auf die Frage, wozu Guantanamo da sei:

Bush weiß längst, dass dies ein kathartischer Ort, also einer, an den Menschen gebracht werden, damit man sagen kann: Dort sitzen sie.

Ein Verb fehlt, viel mehr aber fehlt die Übersetzung des Wortes “kathartisch”. Wird in Guantanamo eine Tragödie angeboten? Wird die amerikanische Seele bereinigt, indem die Gefangenen dort misshandelt werden? Ist das die Erklärung für Guantanamo? Oder klingt das Wort einfach nur zu gut, um darauf nicht verzichten zu können?

Sehr beeindruckend ist die suggestive Frage:

Kann es sein, dass die deutschen Medien sich für Guantanamo nicht näher interessiert haben, weil die Leser und Zuschauer an den Berichten über Abu Ghraib genug hatten?

Hunderte Artikel gegen die ungesetzliche Haltung von Menschen sind also nichts – verglichen mit dem Buch von Roger Willemsen. Ach so, soll das nur eine Werbemaßnahme sein, damit das Buch direkt in die Bestsellerliste kommt?

Sehr schön ist auch die unfreiwillige Widersprüchlichkeit im Interviewtext. Zuerst steht es da:

Es gibt den Fall einer Gruppe von Helfern aus Kuwait, die von der Nordallianz für dreitausend Dollar pro Person an die Amerikaner verkauft worden sind.

Einige Zeilen später sieht es schon anders aus:

Da haben die Afghanen gesagt: Das können wir nicht. Der Wert der Gastfreundschaft ist ehern. Ein muslimisches Land kann unmöglich einen Gast in seinen sicheren Tod ausliefern.

Angesichts des künftigen Erfolges, welches dem Buch sicher ist, kann man dem Autor gratulieren, der über sich sehr bescheiden sagt (noch mehr im Interview 2002 für die Islamische Zeitung):

Ich finde es bizarr, dass ich derjenige bin, der auf eigene Initiative um die Welt reist, um Stimmen zu sammeln, die eigentlich die nachrichtliche Presse versammeln müsste.

Ich frage mich allerdings: Was machen solche Kollegen von Willemsen wie zum Beispiel Sonja Mikich hierzulande, wenn sie über den Fall von Josef Hoss im “Monitor” berichtet? Aus meiner Sicht ist ihr Bericht nicht weniger mutig – sie schreibt über Missstände im eigenen Land und sie wartet nicht, bis die Regierung ihr zuvorkommt. Soll jetzt ein jeder Journalist extra gelobt werden, wenn er/sie die eigene Arbeit tut? Und soll er/sie dabei extra betonen, nur und ausschliesslich er/sie tue das Richtige?

 

 
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