Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Horst Schlämmer als Spiegel der deutschen Politik Samstag, 22. August 2009

Der Film von Hape Kerkeling über seine langjährige Kunstfigur Horst Schlämmer ist ein Ereignis. Künstlerich amateurhaft konzipiert und geschnitten, mit meist schwachen (oder gar keinen) Schauspielern besetzt, reißt er kaum Masken von den großen politischen Tieren nieder. Es sind sehr wenige gelungene Verballhornungen, die im Gedächtnis bleiben wie beispielhaft blöde Manifeste von gewissen realen Parteivertretern (“bedingungsloses Grundeinkommen”), die unendliche sinnlose Begeisterungsfähigkeit von Bushido, die Pofalla-Parodie, die Merkel-Parodie, die Ulla-Schmidt-Parodie. Ansonsten ist es sehr schade, dass die effektvolle Pressekonferenz Horst Schlämmers nicht einmontiert wurde (obwohl das doch deren Sinn war!). Auch klar ist es, dass die lebendigen Improvisationen Kerkelings immer kunstreicher und wirkungsvoller als der gestellte Film sind, und Horst Schlämmers Fernsehauftritte der letzten Jahre im Film nicht übertroffen werden. Kerkeling erreicht die Höhe des großen Provokateurs Sasha Baron nicht, so schafft er nicht, Rüttgers vorzuführen. Bei Özdemir gibt es nichts vorzuführen, der macht einfach mit, weil er doch so nett ist.

Was der Film klar macht, das ist die allgemeine politische Misere Deutschlands. Schlämmer entspricht der Trostlosigkeit des realen politischen Lebens, er spiegelt sie. Damit ist schon alles gesagt. Am Rande will ich eins noch nicht vergessen: Dass die festangestellten Moderatoren der Fernsehnachrichten im Film mitmachen, ist aus meiner Sicht die Verletzung der ethischen Vorschriften, was aber auch nur auf dasselbe hinaus läuft. Bettina Schausten vergisst das, wenn sie den anderen Spiegel vorhält.
Ich verlinke hier noch lesenswerte Kritiken von Rüdiger Suchsland, Peter Zander, Oliver Jungen:

Horst Schlämmer heißt nicht nur fast genauso wie der jetzige Kölner Oberbürgermeister, Fritz Schramma, er sieht auch fast genauso aus und redet fast genauso. Aber blitzgescheit ist er, so gescheit wie sein Hochleistungsdarsteller Hape Kerkeling eben. Und nach dieser Intelligenz, mag sie hier auch weggegrunzt werden, dürstet es das ausgetrocknete Land. Denn es ist nicht der Egoismus der Politik und nicht der Zynismus des Showgeschäfts, der in Kerkelings grundsolidarischem Humor seinen Ausdruck findet, sondern das zutiefst Menschliche, das man ansonsten zu verstecken gelernt hat in der Schamgesellschaft. Denn was macht Horst Schlämmer, dieses schnaufende Lamm Gottes? Er sieht Marotten und nimmt sie an, damit man mit Schlämmer über Schlämmer lacht, nie über die anderen. Horst Schlämmer, zur Schande für alle anderen Mitglieder der Kaste sei es gesagt, wäre der Politiker, dem man sich anvertraut. Denn Horst Schlämmer, das sind wir.

Einen direkten Vergleich zwischen der Kunstfigur Schlämmer und den realen Politikern zieht der Politikberater Michael Spreng durch. Es gibt auch Zeitungen, die bei der Berichterstattung zu dem Thema Fehler machen. Zum Beispiel Jörg Schindler im Kölner Stadt-Anzeiger und genauso in der Frankfurter Rundschau, der Ursula Kwasny zur “immerhin CDU-Bürgermeisterin von Grevenbroich” leichter Hand kürt. In derselben Zeitung kann Ute Diefenbach den Regisseur des Films Angelo Colagrossi bei der Pressekonferenz nicht identifizieren (“ein Italiener, den niemand verstehen kann”).

Extra sei hier noch erwähnt, dass sich offensichtlich auch solche Leute finden, die mit der Spiegel-Bedeutung der Kunstfiguren Kerkelings nicht viel anfangen können. Es gibt darunter hochgebildete Snobs, die auch “Hurz” für gute Musik halten und sich wundern, dass diese von Kerkeling selbst runtergemacht wird (Link). Es gibt auch Politiker (Ramsauer), die schon im “Zirkus” das eigentliche Problem der Politik entdecken. Ich glaube, davon wird im Laufe der Tage noch mehr kommen. Das ist einerseits amüsant, andererseits bestätigt noch einmal mehr die triste Atmosphäre im Lande, in dem eine satirische Darstellung der Misstände für schlimmer gehalten wird als diese Misstände selbst. Exemplarisch dafür ist insbesondere der neidische Hajo Schumacher, der sich im Offenen Brief direkt an Horst Schlämmer wendet:

Sie sind nicht relevant. Sie saugen sich einfach nur fest an diesem Land, Sie sind eine Zecke am Allerwertesten der Demokratie. Sie nutzen deren Freiheiten, um sie lächerlich zu machen. Das ist nicht komisch, sondern schwach.

Auf eine verrückte Weise bestätigen solche Invektiven nur, dass der Schlag ins Gesicht die Richtigen trifft. Wie das auch immer mit der Satire ist. Die Folgen werden von Stefan Niggemeier (hier und hier, das Meiste wird wie oft bei ihm in den Kommentaren ausformuliert) besprochen, wobei Hajo Schumacher da erstaunlicherweise mitmacht und sich vorführen lässt. Kerkeling (als Schlämmer) erscheint da auch und macht den Klamauk komplett:

also liebe freunde
isch existieren wirklich – da muss ich dem hajo recht geben!
achim steht auch voll auf hasenpauer als dauerläufer, weiste.
und immer schön wähln gehn oder laufn …
euer horst

und bitte: Streit euch nich meinetwegen, weiste.
Lohnt doch nich, Schätzeleyen

Zum Schluss verlinke ich noch YouTube-Clips, die zu diesem Posting passen. Zuerst die Pressekonferenz zum Film:

Und weil die schönsten Auftritte Schlämmers dazu auch gehören, noch drei davon. Das sind die Preisverleihung 2006 (mit Anke Engelke als Ricky):

Die Begegnung mit Claudia Schiffer und Thomas Gottschalk:

und zuletzt den Klamauk mit Damen Herman und Tietjen:

 

stefan-niggemeier.de bessert sich Sonntag, 14. Juni 2009

Da ich eine Weile blogmäßig inaktiv war, muss ich jetzt viel nachlesen. Inzwischen habe ich meine Liste der Alphablogger fast durch. Eine positive Überraschung möchte ich hiermit vermelden: Bei Stefan Niggemeier hat sich eine inhaltliche Qualitätssteigerung getan. In vorigem Jahr waren da unter anderem einige provozierende Postings, die erwartungsgemäß auch pöbelnde Kommentare nach sich zogen. Ab Januar 2009 sieht das anders aus. Weil Stefan keine Auflistung der besonders gelungenen Beiträgen führt, will ich hier meine Favoriten in dem ersten Halbjahr 2009 hervorheben, in der zeitlichen Folge:

12.1. Beitrag über die Schlamperei bei der “Tagesschau” (Link), mit der wundervollen Reaktion des allpräsenten Kai Gniffke (Link):

Ich halte die Sache nach intensiver Recherche nicht für so dramatisch [...]

Unterm Strich sei angemerkt, dass die übliche propalästinensische/proisraelische Debatte in den Kommentaren auf akzeptablem Niveau verläuft, wenn man das mediale Umfeld mitbedenkt.

30.1. Information über die Gerichtserfolge, die Eva Herman Schmerzensgeld bescherten (Link). Darunter auch ein gelungener Seitenhieb:

die deutsche Nachrichtenagentur dpa meldet grundsätzlich nichts, was „Bild” nicht gefallen könnte[.]

Oder die Feststellung,

dass eine Meldung, die weder von dpa noch von der „Bild”-Zeitung verbreitet wird, für 98 Prozent der deutschen Medien gar nicht existiert.

Auch hier in den Kommentaren kann man sehen, dass die typische JF-Leserschaft eher gering ihre Widerlichkeiten platzieren kann.

Am 20.3. und am 3.4. – zwei Artikel über die unmenschliche Behandlung der Opfer bei RTL in der Berichterstattung über den Winnenden-Amoklauf (Link und Link). Hohe Empörungswellen, wertvolle Kulturkritik.

19.4. Hinweis (Link) auf die vernichtende Kritik über die unsägliche Politsendung “Hart aber fair”, die Carolin Emcke in der “Zeit” (Link) publizieren durfte. Die Polemik in Kommentaren ist übrigens lesenwert. Frank Plasberg soll hier dementsprechend erwähnt werden, auch wenn ich es lieber genauso vermeiden würde, wie ich seine prollig-demagogische Sendung vermeide.

17.5. Brandmarkung (Link), die der plumpe Entertainer Wladimir Kaminer redlich verdient hat. Einige halten ihn für einen Schriftsteller…

In der medialen Kulturkritik ist es sehr leicht, über alles zu meckern und sich auf das große Podest zu stellen. Stefan Niggemeiers Auftritt bekommt Züge einer dringlichen und zu unterstützenden moralischen Botschaft, wendet sich gegen die mächtigen Bosse der Presse und bekommt langsam exemplarischen Charakter – wird sein Kreuzzug von der Branche verdaut und einverleibt oder weggestoßen? Wenn er sich das ganze Jahr lang kein einziges Mal verbrodert, wäre ihm das Beste zu wünschen :-)

 

Die Akademie der Schlammschlachten (6) Sonntag, 15. Juni 2008

Filed under: Blogging,Broder,Jan-Eric Peters,Medien,Stefan Niggemeier — peet @ 12:01 Uhr
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Broder und Niggemeier – dieser Kampf erstreckt sich schon über mehrere Runden. Zuerst erschien das nur merkwürdig, dann ekelig. Ich benannte dieses mediale Kapitel  als “Schlammschlachten”, verfolgte in gewissen Abständen die Blogeinträge und Kommentare und habe doch eine weitere “Qualitätssteigerung” verpasst. Jan-Erik Peters, der die Axel-Springer-Akademie leitet, hat darin die ausgezeichnete Chance entdeckt, die beiden für die “Bild”-Sache zu verwerten. Er spielte die beiden gegeneinander aus, mit zugegeben großer Kunst und beträchtlichem Erfolg. Das Schema ist ganz einfach: Niggemeier arbeitet mit seinem Bildblog gegen die “Bild”, Niggemeier hat aber auch Broder zu einem massiven Gegenangriff provoziert, Broder hat gegen Niggemeiers Bildblog gebloggt. Das ist die Vorlage. Jetzt kommt der niedliche Vermittler und bittet Broder um den Abdruck bei der “Welt” – alles ganz solide und sogar distanziert kritisch. Am Tage der Publikation verbloggt der zufriedene Schlammschlächter das Resultat und sammelt Punkte – “Bild” gegen den Qualitätsjournalismus 2:0. Eine wahre Schule der “Bild”-Intrige. So spielt man seine Feinde aus und steht immer noch unschuldig da. Die beiden bewerfen einander unermüdlich weiter mit Dreck.

Links:

Broder über den Bildblog, mit zum Teil erstaunlich guten, Broder gegenüber zurecht kritischen Kommentaren

Peters’ Blogeintrag, mit überwiegend unsachlichen Kommentaren

Mein erster Kommentar zu der Schlammschlacht vor einem Jahr

 

Es brodert bei Niggemeier Dienstag, 4. März 2008

Filed under: Blogging,Stefan Niggemeier — peet @ 22:25 Uhr
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Zum Thema selbst habe ich mir erlaubt, alles Notwendige schon vor Monaten auszusprechen (Link). Bei den neuesten Versuchen Niggemeiers, Broder ein Aufmerksamkeitszeichen zu entlocken, sammeln sich Hunderte von Interessenten. Antisemitische Wortmeldungen sind selten, einige wagen es sogar, Niggemeier selbst für seine Haltung und für die Erschaffung einer unwürdigen Plattform  für den tobenden Mob zu kritisieren. Wie auch immer, einer der Kommentatoren gehört offensichtlich zu dem besonderen Volk, welches an Broder Briefe schreibt. Der Kommentator rühmt sich mit Broders Antwort auf den “empörten” Leserbrief und zitiert diese Antwort voller Stolz (Link):

ich bin erschüttert. gerade auf ihre bewertung kam es mir ganz besonders an.

Herrlich!

 

Eva Herman bei Kerner als Thema der Blogoszene Freitag, 12. Oktober 2007

Filed under: Blogging,Eva Herman,Medien,Stefan Niggemeier — peet @ 14:45 Uhr
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Mehr als 670 Texte sind dem Thema gewidmet, in nur zwei Tagen, nur von deutschen Bloggern. Technorati und Google versagen – man kann kaum den Überblick behalten. Hier kommt Web 2.0 an seine Grenzen. Wie kann man sinnvolle Beiträge noch herausfiltern? Das Meistgelesene und Meistkommentierte ist aus meiner Sicht weniger relevant als die Texte, die ich im weiteren zitieren werde, obwohl sie von wenigen beachtet wurden. Wir müllen uns selbst zu, eine bittere Perspektive. Wenn man bedenkt, dass vor einigen Tagen blogscout.de geschlossen wurde, und wenn man sich den Überblick zu dem Thema dieses Postings bei rivva.de verschafft hat (am Ende komme ich dazu noch einmal), dann zeigt dieser Einzelfall noch mehr, wie schwer oder fast unmöglich es wird, sich die gesuchte Information direkt zu holen.

Zurück zur vox populi im Bezug auf Eva Hermans Auf- und Austritt bei der Kerner-Show. Die ersten Reaktionen habe ich für mich folgendermaßen sortiert:

I. Pro Herman

1. Die Unterstützung aus ideologischen Gründen, überwiegend von neuen Rechten und erzkonservativen Autoren und Lesern, die immer aktiver werden und nicht nur in Foren, sondern sich zunehmend mehr in eigenen und fremden Blogs verbreiten. Besonders ausgewachsene Beispiele verlinke ich, hoffentlich als Abschreckung und nicht als Werbung.

André F. Lichtschlag stellt Eva Herman bei ef-online (Link) auf das Opferpodest zusammen mit Hohmann in der Sprache der “Jungen Freiheit”:

Eva Herman wurde wie zuvor Martin Hohmann federführend von Springers „Bild“-Imperium in die braune Ecke geschrieben.

Weitere Loblieder mit den unzähligen Umschreibungen der “herrschenden” “Gesinnungsdiktatur” sind zum Beispiel bei Daniel P. Schuster (Link) zu lesen:

Und warum Sie sich nicht entschuldigt? Mensch! Spricht ja wieder für die Nazis – Die haben sich auch nie entschuldigt! Vielleicht hat Sie aber auch das Medientheater einfach nur satt. Es wäre verständlich. 

Insbesondere sind sie aber [update] in den darauf folgenden ausführlichen Kommentaren 21 und 22 von einem condorare zu bedauern oder bei abstrusen Ausschweifungen in Kommentaren wie:

der Bürgerkrieg in diesem Lande geht in die heiße Phase über. (Link)

In dem zuletzt zitierten Organ der Neuen Rechten werden Armin Mohler und Broder in einem Atemzug positiv erwähnt. Dazu komme ich später noch zweimal.

2. Noch viel mehr Beispiele fand ich für eine diffuse Unterstützung, weniger aus ideologischen Gründen, mehr aus Mitleid oder Mitgefühl. In der Art, wie man eine sympathische Person in einem Reality-Show unterstützt. So im Blog matziberlin (Link), wo unter anderem auch Fanpostings für Eva Hermans Position und auch nur Haltung wiedergegeben werden. Medienblogger fragt sich (Link),

warum es Kerner nicht gelingt, sie vor sich selbst zu schützen [...]

Im No-Angel-Inside’s-Weblog heilt der Autor seine Schlaflosigkeit durch die ausführliche Beschreibung des Showablaufs und empört sich (Link):

Sagst Du was gegen Ausländer, bist Du ein Rechter! Kommt Kritik gegen Israel oder die Juden im Allgemeinen, bist Du ein Rechter! DAS kann so nicht sein und auch hier sehe ich ein übles Defizit, was die Diskussionskultur in Deutschland angeht. So würgt man Diskussionen ab, schränkt bewusst die Meinungsfreiheit ein und schadet damit einem konstruktiven Dialog auf vielen Feldern der Gesellschaft. Kurz zur Erinnerung und dazu gibt es einige Beispiele in der Vergangenheit: Wenn dann mal wieder der Druck des Zentralrates der Juden in Deutschland zu groß wird, müssen Politiker zurück treten oder andere Menschen verlieren ihren Job!

So nähern wir uns der berüchtigten vox populi schon wieder – Broder lässt grüßen, auch wenn er in diesem Fall nicht erwähnt wurde.

Noch eindeutiger für Herman, aus Empörung über die Medien und die Politik, tritt ein Manfred Bartl auf, der selbst gerne Politiker werden will. Er zitiert dabei die katholische “Tagespost” (Link):

Ob Joachim Kardinal Meisner oder Eva Herman – gnadenlos dreschen die Medien auf jene ein, die es wagen, ihre Popularität auch dazu zu nutzen, vermeintlich Unpopuläres zur Sprache zu bringen.

Eine Mitarbeiterin des Außenministerium, die sich von allem distanziert, was ihr Schwierigkeiten im Job bringen kann, steigert sich noch mehr hinein (Link):

Eine Frau so im Fernsehen vorzuführen ist pervers und nicht angebracht. [...] So vorgeführt wurden nicht einmal NS-Kriegsverbrecher in Nürnberg.

3. Die nächste Steigerung führt zur Verurteilung Kerners. Weiter als alle anderen geht Florian K. bei Kreuz.net (Link), der diesen “Hinrichtungsjournalist” nennt:

Ein ZDF-Talkshowmaster hat gestern Eva Herman in eine Falle gelockt, um sie anschließend mit einem in Deutschland schon länger nicht mehr öffentlich zelebrierten Sadismus zu Hackfleisch zu verarbeiten. [...] Das von Kerner unter dem Schein einer Talk-Show veranstaltete Tribunal gegen Frau Herman vollzog sich im aufgeheizten Klima eines Schauprozesses. Frau Herman wurde zum Beispiel auf den Begriff „gleichgeschaltete Presse“ angesprochen, den sie früher einmal erwähnt hatte. Kerner wußte, daß dieser Ausdruck ein „Begriff des Nationalsozialismus“ sei.

Ob es an diesem Punkt überhaupt noch angebracht war, in der Sprache Adolf Hitlers († 1945) weiterzureden? [...] Moderator Kerner heuchelte nach der Aufzeichnung, er hätte die Hoffnung gehegt, daß Frau Herman „ihre problematischen Äußerungen im Gespräch relativieren würde“.

„Als klar war, daß wir dabei nicht weiterkommen“, habe ich das Gespräch mit ihr beendet und mit meinen anderen Gästen fortgesetzt, erklärte er. In der Sendung hatte er ein Zitat aus dem Herman-Buch „Das Eva-Prinzip“ wirkungsvoll mit einem Zitat des NS-Chefideologen Alfred Rosenberg († 1946) verglichen.

Diese Todesdaten wie auch die verdammende Sprache sind selbstredend.

II. Eher gegen Herman, aber eigentlich allgemein gemeint, dazu noch im Plauderton schreiben Autoren, die am meisten gelesen und verlinkt werden. Deren Texte werden offensichtlich von allen Seiten als eine Projektion der eigenen Gedanken aufgenommen und kontrovers diskutiert im schieren Glauben, der Autor sei deren Meinung, auch wenn das gar nicht stimmt. Vorbildlich populistisch hier ist wie immer “Politically Incorrect” mit 561 Kommentaren in einem Fall (Link), ohne dass der Ausgangstext eine Position benennt, und mit 208 Kommentaren im anderen Fall (Link), mit einer deutlichen Positionierung für Herman und einer Anstiftung zur Hetze gegen ihre Gegner.

1. An der Spitze steht hier der Text im Basic Thinking Blog (Link):

Spannend zu sehen, wie Medien arbeiten, Lapalien aufbauschen und der Öffentlichkeit präsentieren. [...] JBK hat mit Eva eben gespielt und die Situation nicht deeskaliert, als es soweit war. Dass dann ein sich in die Ecke gedrängter Mensch im Adrenalinoverflow Dummheiten sagt, kann man oW entschuldigen. Man sollte bei der ganzen Story eben das Menschsein nicht vergessen. Ganz schön linke Titte dieser JBK. Und Eva hat sich wie ein kleiner Doofie verhalten, der noch nie im Fernsehen war. Einige Kommentatoren meinen, dass JBKs Verhalten quotenangepasst sei, es sei also kein Zufall, was da passiert sei.

Es menschelt halt, unter der Rubrik “Kurioses”, eben Lappalien. Stellvertretend für Dutzende anderer Postings und Kommentare.

2. Eher gegen die Institution Fernsehen und Medien allgemein wendet sich der Artikel bei telepolis, der auch sehr populär geworden ist (Link). Schon im Titel werden die Weichen gestellt (“Die neue Antifa”). Mit großer Wucht werden hier die “Scheindiskussion”, der “Entrüstungszirkus” etc. angeprangert. In der Tat ist der Artikel aber die Folge des wichtigsten Wortbeitrages über den ganzen Skandal, nämlich von Henryk M. Broder. Eigentlich hat er zwei Artikel geschrieben, einmal im Spiegel (Link), einmal im Tagesspiegel (Link). Die meisten Leser sind vom ersten begeistert, egal ob links oder rechts. Das mag verwundern:

Als Eva Herman nach genau 55 Minuten von Kerner aus dem Studio komplimentiert wurde (“Ich entscheide mich für die anderen drei Gäste und verabschiede mich von Eva Herman”), hatten sich alle Selbstgerechten nicht nur am falschen Objekt abgearbeitet, es endete auch eine der längsten Antifa-Sitzungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Es ist ein Antifaschismus, der sich von seinem eigentlichen Gegenstand längst verabschiedet hat und dort am besten gedeiht, wo es keinen Faschismus gibt: in einem virtuellen Raum des wohlfeilen Widerstands.

Johannes Gross hat es so formuliert: “Je länger das Dritte Reich zurückliegt, umso mehr nimmt der Widerstand gegen Hitler und die Seinen zu.”

Die konservativen nehmen daraus die Beschimpfung der oberflächlichen Antifa-Bewegung und ignorieren den Rahmen bzw. lassen ihn aus. Die geißelnde Kritik nehmen sie für sich.

In jedem Fall ist der Eva-Herman-Fall hier nur eine Vorlage, um über die (unvollkommen oder ganz schief laufende) Verarbeitung der deutschen Geschichte in der Gesellschaft zu schwadronieren. Auch sie, samt dröhnenden Tönen, wird einverleibt, durchgekaut und – mehr oder weniger verdaut – weitergegeben. Für meine Begriffe sind beide Texte Broders etwas zu schnell geschrieben, ohne die aktuelle Rezeption zu berücksichtigen.

III. Gegen Herman

1. Reißerische Töne schmücken meist die journalistischen Beiträge. Der meist zitierte Text von dieser Sorte stammt von Carin Pawlak (“Fokus“) und wurde von den Neuen Rechten mit Jubel aufgenommen (Link):

Ihre [Eva Hermans] Thesen sind so dumm, dass man an Ihre Bücher sofort mit dem Feuerzeug dran möchte. So ein bisschen anbrennen will.

2. Etwas ruhiger kommen bloggernde Journalisten, die an der Spitze der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen. Unterhaltsam, deutlich und in einer gewissen Konkurenz zueinander klären sie das lesende Publikum auf und stellen sich bereit zum Dialog mit Lesern – egal, ob klug oder dumm. Hier nenne ich vier Beiträge. Beim “Spreeblick” (Link) wird nicht nur die Story nacherzählt, sondern auch die Meinung sehr deulich ausgesprochen, begleitet von 109 Kommentaren:

Das, was Eva Herman gesagt hat, gibt die Lebenslüge der deutschen Konservativen wieder. Ein böser, böser Mann hat das grundgute deutsche Volk ins Verderben geführt. [...] Verharmlosen Konservative den Nationalsozialismus? Nein. Sie wehren sich dagegen, Lehren aus dieser Zeit zu ziehen. [...]

Im Versuch, Eva Herman von der rechten Ecke, in der sie mit Überzeugung steht, in die rechtsextreme Ecke zu drücken, zeigt sich die Feigheit vor der Debatte ebenso wie die Sensationslüsternheit der Mainstream-Medien, die wissen, dass Nazis sich gut verkaufen, die alten Verführer. Dieser Versuch ist durchsichtig, wird durch penetrante Wiederholung nicht besser und nutzt niemandem.

Beim “Coffee and TV” entwickelt sich eine Folge aus drei Beiträgen, die nur von wenigen Kommentaren begleitet werden, – zuerst ziemlich plauderig (Link), dann folgt eine etwas ernstere Medienbeobachtung (Link) und anschliessend eine ausgezeichnete Sprachanalyse (Link), die er absolut genau beendet:

Eva Hermans Weltsicht ist eine [...] verquastete Melange aus Kapitalismuskritik, Schöpfungslehre und Fortschrittsfeindlichkeit.

Stark ausholt auch “Der Spiegelfechter” (Link). Wie beim “Telepolis”, wird hier auch der “Medienzirkus” angeprangert, das “Volksgericht” etc. Alle kriegen ihr Fett ab:

Frau Herman ist von Medien in die Gesellschaftspolitik gewechselt und sie beherrscht die Klaviatur des „Skandals“ sehr gut. Die üblichen Verdächtigen standen schon Gewehr bei Fuß. BILD hat seine Schlagzeilen und die Zielgruppe ein neues Idol – in einer Online-Umfrage auf BILD.de fraternisieren 60% der Leser mit dem Blondchen. Auch der Zentralrat der Juden ist sich nicht zu schade, auf diese Gossen-Kampagne aufzuspringen. Herman lässt sich derweil – kalkuliert provozierend – von erzkonservativen Papisten feiern.

Jemand, der wie Herman, anlässlich des Geburtenrückgangs hysterisch eifert “Wir sterben aus“, der trägt mehr im Sinne als nur ein konservatives Familienbild, das gesellschaftlich durchaus diskutabel ist. Hier geht es um nationalistische Deutschtümelei, eingepackt in eine Familienbilddiskussion, die überfällig erscheint.

Leser bedanken sich für so viel Projektionsfläche mit 91 Kommentaren. Der Sieger dieses Wettbewerbs ist eindeutig Stefan Niggemeier, der mit vier Beiträgen zum Thema die meisten Leser um sich herum versammelt hat, insgesamt mehr als 550 Kommentare! Erfolgreich in der Werbung himself, zielt er auf das eine Thema:

Das eigentlich Erschreckende ist, wie dumm jemand sein kann, wie ahnungslos, wie dilettantisch und laienhaft in einer Medienwelt, in der sie sich seit vielen Jahren professionell bewegt.

Wäre sie kein Profi, es wäre fast mitleiderregend gewesen, mitanzusehen, wie sich Eva Herman immer weiter um Kopf und Kragen redete. (Link)

In den Kommentaren zeigt sich Stefan noch besser:

Ein Wort zum Thema „Gleichschaltung”: Da ist Frau Herman schon wieder selbst in die Opferrolle geschlüpft, und viele hier scheinen ihr die Behauptung abzunehmen, dass man nun nichtmal das Wort „Gleichschaltung” benutzen darf, ohne in die Nazi-Ecke gestellt zu werden. Das ist Unsinn. Der Punkt war, dass sie schon (ob zu Recht oder zu Unrecht) in der Nazi-Ecke stand. Und zur Verteidigung und zur Beteuerung, dass sie da zu Unrecht steht, benutzt sie ein Wort, das vor allem und ursprünglich von den Nationalsozialisten benutzt wurde?! Wie dumm kann man denn sein?

Natürlich „dürfen” andere Leute in anderen Zusammenhängen von „Gleichschaltung” reden. Was „erlaubt” ist und was sanktioniert wird, hängt nicht nur von einem Wort ab („Autobahnen!”) oder von einem Thema („Drittes Reich!”), wie uns Frau Herman glauben machen möchte und womöglich selbst glaubt, sondern vom Kontext, vom Sprecher, von der Klarheit der Intention. (Link)

3. Fast komplett vergisst Thomas Knüwer Eva Herman und beschäftigt sich mit Kerner (Link). Sein Thema:

Wenn ich an diesem Morgen einen Wunsch frei hätte, dann wäre es ein Frühstück allein mit Kerner. Denn zu gern würde ich von ihm hören, was ihm durch den Kopf ging. So ganz ehrlich, nur unter uns beiden. Ob sein Deo versagte, in dem Moment, als er versucht hatte, die unselige Diskussion zu beenden, seine Gäste minus Herman partout nicht zur Tagesordnung übergehen wollten? Ob er befürchtete, die Hinausgebetene würde austicken, eine große Show machen, herumschreien? Ob ihm bewusst war, wie unendlich surreal das sich anschließende Geplänkel über Handtaschenkauf und Reiseerlebnisse war?

Zum Glück findet sich ein Kommentator, der diese Vorlage ausnutzt:

Journalist Kerner wird bei Journalist Beckmann sitzen um über sein Interview mit der Journalistin Herman zu sprechen und die Journalisten des Landes, unter ihnen Niggemeier und Knüwer werden darüber schreiben: Journalisten-Parallelgesellschaft. [Jörg Friedrich]

4. Die Beiträge, die den Fall korrekt beschreiben und vernünftig kommentieren, sind eher in der Mitte der Gesellschaft zu finden. Ich habe die folgenden für mich gerne entdeckt.

Beim fixmbr (Link) hat Chris den Verlauf der Show gut beschrieben, bevor der komplette Text online gestellt wurde. Ein “Khaos-Jabber” hat ausführlich und korrekt die historischen Hintergründe erleuchtet (Link). Kurz und knackig sind Postings von Marcel (Link) und einem “Endlichraucher” (Link). Christian, ein Politologiestudent hat das Thema auch nicht verfehlt (Link), aber besonders schön im Kommentar ergänzt (Link):

Ein Politikstudent lernt im Grundstudium, daß eine der Voraussetzungen für das Funktionieren der Demokratie die allgemeine Bereitschaft zum Verzicht auf gewaltsame Konfliktlösung ist. Das schließt psychische Gewalt, also auch das verbale Fertigmachen auf persönlicher Ebene, mit ein. Wenn ein Moderator einen Gast vor laufender Kamera rausschmeißt, andere Gäste mehrfach Dinge kreischen wie “Ich halte es nicht aus, mit dieser Frau in einem Raum zu sitzen!” und das alles von einem johlenden, applaudierenden Publikum begleitet wird, dann hat das für mich nichts mehr mit einer sachlichen Auseinandersetzung zu tun. Die Dummheit der Eva Herman ist keine Rechtfertigung für so ein demütigendes, zutiefst ekelhaftes Spektakel.

Ich möchte an dieser Stelle noch einige Kommentare zitieren, die mir gefielen:

Man sieht am Beifall, den sie bekommt, von einem kleinen Teil sehr konservativer Katholiken, der NPD oder der „Jungen Freiheit”, dass da Menschen sind, die nur auf solche Äußerungen warten. Dann muss man aber die Argumentationen präzise widerlegen. Das ist im Fall Eva Herman nicht so schwer, aber es muss getan werden. Nicht, um die NPD-Anhänger zu überzeugen, sondern diejenigen, die ehrlich keine Ahnung haben. Herman hat eben den riesigen Vorteil, extrem bekannt zu sein und in den traditionellen Medien regelmäßig aufzutauchen. Das ist für die Zurück-zum-Herd-Fraktion viel mehr wert als tausend Unbekannte, die lautstark dasselbe fordern. [JochenK]

Ich kenne diverse rechtspopulistische Professoren und um das zu erkennen benötigst du die Kenntnis der Materie. Falls diese nicht verhanden ist läufts du diesen vielleicht sogar unwissend hinterher. Ein immenses Gefahrenpotential.

Ich lehne mich sogar soweit heraus, das ich die Lehre der Geschichtslehrer selbst in der Oberstufe als bestenfalls Halbwissen bezeichne.

Die liebe Eva bei dieser Hexenjagd ist ein eklatantes Beispiel für das mangelnde Geschichtsbewußtsein, welches bei gesamten Volk offenbar ist. Das Gros weiß wo es die Klappe zu halten hat, meist jedoch aber nicht warum. Wissen ist etwas völlig anderes … [Oliver]

Als Gegenbeispiel auch ein Kommentar, einfach köstlich:

Ich als Mutter denke auch oft über die Dummheit von Vorgesetzten und Chefs nach und über die Dummheit vieler Menschen die nicht sehen was Mütter alles können. [Link]

IV. Nachbesprechung

Seit der Text der Sendung schriftlich vorliegt (Link), wird daran neu gearbeitet, zum Teil mit einer beeindruckenden Akribie, auch wenn das nicht unbedingt hilft (Link):

Ich muss lernen: Man darf über den Verlauf der deutschen Geschichte nicht sprechen, um nicht in Gefahr zu kommen. Womit sie absolut recht hat, wie man sieht!

Tja, so geht das weiter. Ich möchte hier abbrechen und noch einmal die Anfangsfrage wieder aufrollen.

1. Die besten Texte kommen nicht von den Zeitungsprofis, sondern von bloggernden Journalisten.

2. Keine Suchmaschine hilft die Spreu vom Weizen zu trennen. Rivva erschwert die Suche, da der kumulative Effekt diejenigen Texte nach oben bringt, die von meistgelesenen oder meistverlinkten Autoren stammen, was nicht immer und nicht unbedingt eine gute Qualität bedeutet.

3. Eva-Herman-Fall ist der erste öffentliche Skandal, der mehr und genauer in der Blogoszene besprochen wurde als in den “alten” Medien.

4. Die meiste Zahl der Lesungen bekommen Beiträge mit einem marktschreierischen Titel, dann rollt die Lawine von alleine. Im Dashboard vom WordPress kann man das, glaube ich, sehr klar sehen.

Stimmt das alles oder habe ich Recht? :-)

 

Keine Schlammschlacht (4) mehr Mittwoch, 16. Mai 2007

Filed under: Blogging,Medien,Stefan Niggemeier — peet @ 7:49 Uhr
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Mit dem fulminanten Auftritt von Christoph Keese und seinen Thesen über die Zensur und die Meinungsfreiheit ist die Posener-Debatte endlich zum großen Medienskandal geworden. Cristopher Keil hat dem Chefredakteur der “Welt am Sonntag” Offenbarungen entlockt, die nicht mehr gelöscht werden können (Link):

[...] professioneller Journalismus besteht aus der Kombination von Schreiben und Redigieren. Im Journalismus gibt es keinen Einhandbetrieb, sondern Autoren, die Texte schreiben, und Redakteure, die Texte bearbeiten, oft in einem vielstufigen Verfahren. Erst dadurch entsteht professioneller Journalismus.

Gute Redaktionen lesen Texte in drei, vier oder fünf unterschiedlichen Stufen gegen, bevor diese veröffentlicht werden. Was am Ende in der Zeitung oder online erscheint, ist Teamarbeit. Genau das erwarten Leser von uns: ein sorgsam begründetes Urteil aufgrund sachlich korrekter Informationen.  

[...] Pressefreiheit ist die Freiheit einer Redaktion gegenüber einem staatlichen Zensor und gegenüber Drittinteressen. Eine binnenredaktionelle Pressefreiheit gegenüber dem Chefredakteur kann es nicht geben – das wäre ein absurder Gedanke. Redaktionen haben eine hierarchische Struktur, weil Jahrhunderte Erfahrung gezeigt haben, dass so die höchste Qualität entsteht. In den Gesetzen der Bundesländer ist geregelt, wer die presserechtliche Verantwortung trägt.

Dieser Verantwortliche muss das Recht haben, Maßstäbe zu setzen und deren Einhaltung zu kontrollieren. Das ist keine Zensur, sondern normaler Journalismus. Eine gute Redaktion wie wir pflegt intern eine lebhafte Debatte. Aber absolute Freiheit eines Redakteurs gegen den Rest und die Spitze der Redaktion kann es nicht geben. Wenn ein Redakteur absolute Pressefreiheit gegenüber seinem Chefredakteur in Anspruch nähme, wäre das ein Widerspruch in sich.

[...] In der Diskussion taucht immer wieder der Begriff des Zensors auf. Doch wer sich als professioneller Autor redigieren lässt, unterwirft sich keiner Zensur, sondern der Bearbeitung durch einen Kollegen. Dies ist etwas ganz und gar anderes. 

Ich muss Keese enttäuschen. Was er hier behauptet, stimmt nicht. Was er unter Pressefreiheit versteht, ist Zensur. Sein Verlag und die gesamte Branche haben ein Problem, denn auf diese Weise wurde das Geheimnis ausgesprochen: Es gibt unter Keese keine Pressefreiheit. Autoren dürfen ihre Texte nicht eins-zu-eins in der “Welt” publizieren, diese werden von mehreren Redakteuren verändert. Die Geschichte der Presse wird dabei leichter Hand umgeschrieben bis zur Unkenntlichkeit.

Die Reaktionen sind bis jetzt unausgeglichen – stumm in der Presse, laut heftig in der Blogosphäre. Die – aus meiner Sicht – wichtigsten bis dato wären:

Von Matthias Dell in der Netzzeitung (Link):

Hat die Pressefreiheit in diesem Land noch eine Chance? 

Von Thomas Knüwer, der sich in seinem Handelsblatt-Blog (Link) gerade in diesem Punkt bereit zeigt, mit den Verhältnissen zu arrangieren und einem Alan Posener seine private Meinung nicht als solche abkauft:

Es kann in der Tat nicht sein, dass interne Zwistigkeiten so in die Öffentlichkeit getragen werden. Ich rätsele, ob Posener wirklich glaubte, damit durchzukommen. [...] Das darf eine Chefetage nicht zulassen (deshalb auch gilt bei mir die Regeln, dass ich nichts Negatives über meinen Arbeitgeber schreibe – aber auch keine unnötigen Jubelarien).

Ein Journalist denkt hier wie ein Blogger:

Blogs sind nicht “private Tagebücher”, sie können private Tagebücher sein. Genauso wie Zeitungen billiger Sensationsjournalismus und hoch qualitative Information sein können. Blogs sind ebenso ernst zu nehmende Informationsplattformen, die von Keese anscheinend nicht gelesen werden. Warum aber bezeichnet Welt Online seine Blogs als Blogs, wenn Blogs “private Tagebücher” sind? Und wenn Blogs private Tagebücher sind, warum darf Alan Posener nicht seine private Meinung reinschreiben?

Rhetorische Fragen. In der Hoffnung, dass Keeses Leitartikel besser argumentiert sind, als seine Interviewantworten. Alan Posner macht sich über diesen Unsinn heute schon lustig. Er nutzt sein Blog als privates Tagebuch – und feiert seine Tochter.

Mit dem Gegenlesen von Blog-Einträgen diskreditiert der Chef seinen gesamten Debattenbereich.

Auf die Empörung einiger seiner Leser antwortet Thomas Knüwer nicht weniger deutlich:

Redaktionen sind nicht so unabhängig, wie sie gerne wären. Natürlich unterliegen sie als Teil eines Medienkonzerns gewissen Zwängen. Das ist nicht schön. Doch die Alternative wäre oft der Tod der Blätter. Ist das besser?

So arrangiert man sich also. Ein Leser “Ceteris Paribus”  schliesst ab:

Keeses Einlassungen schaden der Welt mehr, als alle Beiträge vorher, denn sie offenbaren genau die unerträgliche Vorgestrigkeit, die viele Redaktionsräume durchweht.

Sebastian Bickerich im “Tagesspiegel” traut sich nur das Wort “die Zensur” auszusprechen, mehr nicht (Link). Er liest ja das böse Wort bei Bloggern. Genauso vorsichtig ist der Blogger Tom Bonnemann, der bei der Welt-Debatte schreibt, aber ja von nichts wissen will (Link).

Eine Sammlung von mehreren starken Kommentaren ist im Blog von Stephan Niggemeier zu bewundern (Link). Unter anderem meldet sich ein Mitarbeiter der Süddeutschen Zeitung, Stephan Handel, der keinen Unterschied zwischen einer Zeitung und einem Firmenbetrieb sieht:

Ich finde Posener unprofessionell. Wenn sich der Marketing-Chef von BMW hinstellt und öffentlich verkündet, eigentlich finde er, Mercedes baue die viel besseren Autos, und der neue 3er sei ja wohl eine Fehlentwicklung, dann wird er auch ein Problem bekommen.

Stephan Handel offenbart weiter:

Bei der Zeitung schreibt der Autor seinen Text. Der wird dann in der Produktion von Produktionsredakteuren redigiert. Zumindest die wichtigeren, größeren, brisanteren Texte liest auch noch der Ressortleiter. Danach die Schlußredaktion. Und schließlich liest auch der Nachtdienst noch mal alles. Gelegentlich kommt´s noch zu Zufallsfunden, manchmal entdeckt dann sogar der Layouter noch Fehler. Rechtschreibprogramm sollte eigentlich auf allen Stufen durchlaufen.

So werden Texte verhunzt, verschlimmbessert. Stefan Niggemeier kommentiert das zurecht:

Im übrigen glaube ich, gibt es keine Zeitung in Deutschland, bei der Texte von so vielen verschiedenen Leuten „gegengelesen” und bearbeitet werden, wie die „Bild”-Zeitung. Jede Hierarchie-Ebene rückt den Originaltext ein bisschen weiter von der Wahrheit weg.

In dieser Hinsicht ist noch ein Beitrag zum Auslöser des Skandals interessant, nämlich von Christian Jakubetz in seinem Jakblog (Link), der etwas neidisch auf das Märtyrertum Poseners zu sein scheint:

Ich habe nur Bauchweh mit dem Märtyrer-Mythos Posener.

und von Ronnie Grob einige gute Fragen bekommt:

Warum hat nicht Diekmann einen Kommentar gemacht im betreffenden Weblogeintrag? So hätte man Meinungspluralität gelebt. Stattdessen hat man ungewollt zugegeben, dass man eigentlich gar keine Debatte wünscht. Warum man dann aber ein Debattenportal aufsetzt, bleibt unerklärlich.

Wie auch immer diese Fragen beanwortet werden, schon jetzt ist klar: Die Blogosphäre ist schneller und offener dabei, sich damit zu beschäftigen. Und die Presse? Ob es sich ändert?

 

Schlammschlachten 2 Sonntag, 29. April 2007

Der Trend, für sich bzw. für seine Firma mit einem Chef-Blog zu werben, festigt sich. Nach dem Blog der Springer-Akademie (dazu mehr in dem Posting zu Schlammschlachten 1) kommen die nächsten: Ein Blog der Tagesschauredaktion (Link) und – seit einigen Tagen – einer des Chefredakteurs der “Welt” (Link).

Die Zeit wird zeigen, ob das mehr mit einer Parade der Eitelkeiten verbunden ist oder mit der Fehleinschätzung des Mediums. In allen drei Fällen tappen Chefs in eine mediale Falle, munter und zielstrebig. Dieses Sich-selbst-bloßstellen – im neuen Königskleid – ist einerseits eine gute Kolportage-Lektüre, andererseits zeigt es Untiefen heutiger Sitten, wahlweise auch Tiefen heutiger Unsitten. Fein.

Die ersten Angriffe sind online. Mit jep und seinem jepblog hat sich wie gesagt Stefan Niggemeier ausführlich beschäftigt. Kein Wunder beim Bildblogbetreiber. Die am meisten gelesenen Beiträge beim jepblog sind die, in denen beide Herren samt ihrer Armeen aufeinander losgehen.

Im zweiten Fall teilen sich die Meinungen noch. Ich habe daraus schon mal zitiert (Link), mit einem beträchtlichen inhaltlichen Gewinn, auch gegen die ursprüngliche Intention des Originaltextes. Stefan Niggemeier ist offensichtlich mit dem Produkt zufrieden (Link), Fabian Mohr ist dagegen untröstlich (Link) – für mich eher überzeugend.

Der dritte Fall sieht besonders vielversprechend aus:

Warum wird ein Thema Aufmacher und ein anderes nicht? Welche Argumente bewegen die Redaktion bei ihren Entscheidungen? Davon handelt dieser Blog.

Oder:

Zu unseren Regeln gehört, Meldungen anderer Medien nicht ungeprüft weiterzuverbreiten. 

Oder:

Wir sind Makler zwischen den Blöcken, aber kein eigener Machtfaktor mit eigenen Interessen.

Falscher könnte Europas Außenpolitik nicht sein. 

Kommentare zu diesen Offenbarungen von Christof Keese lesen sich zunehmend schärfer. Richtig spannend wird es wohl sein, wenn er darauf antwortet. Nur Geduld… Stefan Niggemeier wartet darauf (Link). :-)

Zum Schluss noch ein Hinweis auf die Recherchekunst von Stefan Niggemeier (Link): Diesmal geht es nicht um die Bild-Zeitung, sondern um die “Süddeutsche”. Darin möchte ich Stefan ausdrücklich unterstützen. Auf seine Fragen (zum typischen Bild-Fall mit Angelina Jolie) hat Hans-Jürgen Jakobs, Chef von sueddeutsche.de, folgendermaßen geantwortet:

Gibt es bei sueddeutsche.de Regeln für den Umgang mit Quellen im Allgemeinen und „Bild” im Besonderen?

Der Umgang mit Quellen unterscheidet sich bei sde nicht von den Prinzipien der Süddeutschen Zeitung oder anderer etablierter Medien. In der Regel werden Nachrichten mit Quellenangaben zitiert, wie auch in dem von Ihnen betrachteten Fall.

Gelten vermeintliche „Bild”-Exklusiv-Meldungen bei sueddeutsche.de grundsätzlich als vertrauenswürdig? Und sogar so vertrauenswürdig, dass die Redakteure auf eine Plausibilitäts-Kontrolle durch eine kurze Google-Suche verzichten können?

Die Meldung beruhte auf einer „Bild”-Geschichte, die am Samstag erschien. Am Wochenende sind in der Regel die Personen aus den Ressorts Panorama und Leben & Stil nicht im Büro. Zu einer gesonderten Überprüfung kam es in diesem speziellen Fall nicht. Die sde-Seite, auf die BildBlog zunächst verlinkt hat, ist längst gelöscht.

Weitere Kommentare sind herrlich und lesenswert. Vielleicht folgt der Chefredakteur der “Süddeutschen” dem Trend und macht einen Blog auf? *g*

 

 
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