Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Antizionismus bei Tony Judt Samstag, 24. November 2007

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Mitchel Cohen über Tony Judt, nach der Auflistung bekannter Formeln des “liberal-kosmopolitischen” (nach den Worten von Christian Hacke) Historikers (Link):

Does all this make Judt an anti-Semite? The answer is simple: no. It does make his grasp of the history of anti-Semitism tendentious. And tendentious history can be put to all sorts of pernicious use.

Cohen schreibt weiter allgemein zum Thema Antizionismus:

motifs of anti-Zionism that are popular these days in parts of the left and parts of the Muslim and Arab worlds:

1) Insinuations: The Zionists are alien implants in the Mideast. They can never fit there. Western imperialism created the Zionist state.

2) Complaints: A Jewish state can never be democratic. Zionism is exclusivist. The very idea of a Jewish state is an anachronism.

3) Remonstrations: The Zionists carp that they are victims but in reality they have enormous power, especially financial. Their power is everywhere, but they make sure not to let it be too visible. They exercise it manipulatively, behind people’s backs, behind the scenes – why, just look at Zionist influence in Washington. Or rather, dominance of Washington. (And look, there are even a few Jews, guilty-hearted perhaps, who admit it).

4) Recriminations: Zionists are responsible for astonishing, endless dastardly deeds. And they cover them up with deceptions. These range from the imperialist aggression of 1967 to Ehud Barak’s claim that he offered a compromise to Palestinians back in 2000 to the Jenin “massacre” during the second Intifidah.

No, anti-Zionism is not in principle anti-Semitism but it is time for thoughtful minds—especially on the left—to be disturbed by how much anti-Semitism and anti-Zionism share, how much the dominant species of anti-Zionism encourages anti-Semitism.

And so:
If you judge a Jewish state by standards that you apply to no one else; if your neck veins bulge when you denounce Zionists but you’ve done no more than cluck “well, yes, very bad about Darfur”;

if there is nothing Hamas can do that you won’t blame ‘in the final analysis’ on Israelis;

if your sneer at the Zionists doesn’t sound a whole lot different from American neoconservative sneers at leftists;

then you should not be surprised if you are criticized, fiercely so, by people who are serious about a just peace between Israelis and Palestinians and who won’t let you get away with a self-exonerating formula—“I am anti-Zionist but not anti-Semitic”—to prevent scrutiny. If you are anti-Zionist and not anti-Semitic, then don’t use the categories, allusions, and smug hiss that are all too familiar to any student of prejudice.

 

Christian Hacke ist beunruhigt Mittwoch, 31. Oktober 2007

Da ist ein Professor für amerikanische Politik, der längst schon festgestellt hat:

Amerika ist zum Problem geworden

Im selben ZDF-Interview sagte Christian Hacke auch klar, warum es dem so ist (Link):

Doch solange vor allem Israel nicht endlich einen Palästinenserstaat zulässt, der diesen Namen verdient, und solange die Regierung Bush nicht entscheidend mehr hierfür tut und Israel auf diesen Kurs drängt, bleibt die Weltlage gefährdeter denn je.

Neulich hat eben dieser Prof noch mehr Klartext gesprochen, nach der Lektüre eines neuen antisemitischen Buches. Es handelt sich um einen Wälzer aus der Feder unermüdlicher Kämpfer gegen die jüdische Weltverschwörung, jener inzwischen tatsächlich weltweit bekannt gewordenen amerikanischen Professoren Mearsheimer und Walt. Von allen bis dato mir zugänglichen Rezensenten hat Hacke das Buch am positivsten bewertet, und das u.a. auch in der “Zeit”. Sein Text war offensichtlich für die Zeitschrift “Internationale Politik” geschrieben, wie auch Ausschweifungen von dem ebenso unermüdlichen Alfred Grosser. Mit einer berauschenden Geschwindigkeit wurde Hackes Lob verlinkt, auf der Seite des Campus-Verlags, der auf seine editorische Tätigkeit endlich stolz sein kann, auf den zahlreichen rechtsradikalen, islamistischen und einfach antisemitischen Seiten. Ich hoffe, sie alle freuen sich aufeinander.

Die weiteren Rezensionen müsste man auch mal unter die Lupe nehmen…

Und nun einige Beispiele der hohen Kunst eines Bonner Profs:

Ist dies Ausdruck von Antisemitismus oder notwendiger Tabubruch?

Sehr geschickt, finde ich. Besser als Möllemann auf jeden Fall. Dieses entweder-oder, dieses “notwendig” – prächtig!

Beide Autoren stellen weder die Legitimität der israelischen Lobby noch Israels Existenzrecht, wohl aber das gängige Klischee von Israel als einem wertvollen und verlässlichen strategischen Partner infrage.

Auch hier – “das gängige Klischee”, die Verneinung der Prädikate “wertvoll” und “verlässlich” – mutig, nicht wahr?

Hacke ist mit Mearsheimer und Walt einverstanden, wenn diese schreiben:

»Die USA haben ein Terrorismusproblem, weil sie eng mit Israel verbündet sind, und nicht umgekehrt.«

Er legt sogar nach:

Und auch das Bild von Israel als einem schutzlosen David ist für Mearsheimer und Walt eine Chimäre, in Wirklichkeit sei Israel als einzige Nuklearmacht der militärische Goliath im Nahen Osten.

Der Liebling der deutschen Zeitungen Tony Judt darf hier nicht fehlen, aber da Hacke auf diesen offensichtlich neidisch ist, spricht er von ihm als “zum Beispiel vom bekannten liberal-kosmopolitischen Historiker Tony Judt”. “Kosmopolitisch” – das ist ja spitzenmäßig!

Schon im nächsten Satz verplappert sich Hacke noch deutlicher:

die jüdische Lobby kann nicht für alle negativen Entwicklungen verantwortlich gemacht werden.

Da hat der Prof die Juden endlich erwischt! Dazu noch bei “einem innen- und außenpolitischen Phänomen, das beunruhigen muss”. Schwache Leistung bei Juden, großer Erfolg bei Hacke und der “Zeit”!

Man darf nicht unerwähnt lassen, dass Josef Joffe in dieser Zeitung das Buch verrissen hat (Link). Schön und gut. Daraufhin sollen auch Antisemiten ihre Freude haben, so in etwa?

 

Finkelstein wurde DePault Sonntag, 17. Juni 2007

Die Geschichte um die professoralen Träume Norman Finkelsteins, Liebling heutiger Antisemiten weltweit, ist zu einem vorläufig guten Ende gekommen: Er ist raus aus dem Spiel, das heißt die DePaul-Universität in Chicago ist an ihm nicht weiter interessiert. Der Anfang dieser Bataille wurde in diesem Blog vorgestellt (Link).

Wie immer, soll hier kurz auch die Reaktion der deutschen Medien begutachtet werden. In der einzigen Zeitung fand die Misere ein Nachspiel - Christoph von Marschall hat für den “Tagesspiegel” die Story in eine seltsame Verpackung gebracht (Link). Das Wort “israelkritisch” ist bei ihm deutlich ein Euphemismus für “antisemitisch”. Finkelstein scheint ein unschuldiges Lamm zu sein, die jüdische Weltverschwörung droht aus allen Ecken zu strömen. Ansonsten seien das alles nur Reibereien unter “jüdischen Intellektuellen”, nicht weiter schlimm. Beim Thema Tony Judt war ein Beitrag von demselben Journalisten ausgewogener (Link). Warum jetzt voll aus den Rudern?

Die positive Darstellung entdecken wir bei heplev (Link), der auch bei PI (Link) darüber mit Zitaten gut informiert. Da bei dem PI keine Zensur der Kommentare stattfindet, können sich auch Antisemiten da günstig austoben, was bei einem solchen Anlass kein Wunder ist. Insbesondere Nr.8 ist für eine Sammlung antisemitischer Sprüche druckreif:

Wie Ihr seht, ich kritisiere in der Sache, von Anti- oder Philo-Semitismus keine Spur. (Ob das von Euch akzeptiert wird?).

Ach ja, die Einordnung des Holocaust: Als eines der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte, das ein gutes Beispiel von mehreren als Mahnung für alle Menschen ist, wohin es kommen kann, wenn man sich ideologisch vergaloppiert.

Noch weiter geht politblog.net selbstverständlich (Link). Diesen letzten verlinke ich in diesem Fall ausnahmsweise, empfehle allerdings, nach der Lektüre die Hände zu waschen.

Ich erwarte weitere Beschimpfungen seitens LanceThruster & Co im Namen des “international bekannten Politologen” (Marschall). :-)

 

Wer ist am Bruderkrieg schuldig? Donnerstag, 14. Juni 2007

Was das, was sich zwischen der Fatah und der Hamas abspielt, auch immer ist, ein Bürgerkrieg ist es nicht, ein Bruderkrieg noch weniger. Das stört deutsche Medien nicht. Langsam kommen die ersten makabren Sprüche in Gang. Denn auf keinen Fall will man zulassen, dass die Palästinenser eine Verantwortung für die eigene Geschichte übernehmen.

Die ersten zwei Beispiele finden sich bei Claudio Casula (Link) und Ingo Way (Link). Hier kommen noch zwei. Einmal der plauderige Tony Judt (im Interview an “Die Presse”):

Ist es Israels Schuld, dass Fatah und Hamas in Gaza jetzt aufeinander schießen?

Judt: Auch jetzt verhalten sich die Palästinenser als Opfer. Weil sie gegen das starke Israel keine Chance haben, bekämpfen Sie einander.

Judts “Logik” wird eher in die Geschichte eingehen als seine Folianten. Ich darf in diesem Zusammenhang auf zahlreiche Judt-Einträge von mir hinweisen (Link).

Und noch “besser” geht es bei der Süddeutschen Zeitung, die heute auf ihrem Israel-Pferdchen gar achtmal reitet! Am deutlichsten zeigt sich die Redaktion bei dem Titel eines Artikels von Thorsten Schmitz (Link):

Der aufgezwungene Bruderkampf 

Der Text des Artikels gibt keine Veranlassung zu diesem hervorragenden Titel. Im Netz steht der Anfang allerdings nicht:

Der Kampf zwischen den palästinensischen Gruppen Hamas und Fatah wird zunehmend brutaler. Die Autonomiebehörde ist praktisch nicht mehr existent. Die Israelis verschärfen die Lage dadurch, dass sie Grenzübergänge geschlossen haben. Die Versorgung der Bevölkerung ist deshalb kaum noch möglich. Eine Hungersnot steht bevor.

Noch gedankenreicher schreibt Rudolph Chimelli:

Die Amerikaner [...] haben einen wesentlichen Anteil am Entstehen des Konflikts.

Usw. Die Propagandamaschine arbeitet.

 

Charim und Judt Sonntag, 10. Juni 2007

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Isolde Charim und Tony Judt trafen sich auf den Seiten der Wiener Zeitung “Standard” (Link). Das ist eine Augenweide für viele Leser, die fieberhaft nach Treffern googeln: Verrückterweise sind die beiden Namen in den letzten Wochen ein Renner.

Wie auch immer, wird Judt von Charim interviewt. Das geschieht so verständnisvoll, dass es fast nach einem Opernduett aussieht. Die schönsten Stellen:

Charim: Sie werden in den nächsten Tagen in Wien einen Vortrag halten. Fürchten Sie nicht, dieser könnte „delikat“ verhindert werden, wie in New York, als ihr mittlerweile legendäres Israel-Referat in letzter Minute abgesagt wurde?

Tony Judt: Nein, denn dies hatte spezifisch amerikanische Gründe. In den USA ist – nicht zuletzt durch die Israel-Lobby – alles, was Israel anlangt, so sensibel und kompliziert, dass es nahezu unmöglich ist, dieses Thema in die öffentliche Arena zu bringen, ohne einen hohen Grad an Unbehagen zu erzeugen.

Die Frage geht von einer unwahren Prämisse aus, die Antwort bedient sich dankbar der Vorlage. Die Wahrheit wurde aber oft genug erzählt (Link).

Charim: Muss sich die Diaspora durch das Verhältnis zu einem Territorium, in dem Fall Israel, definieren?

Judt: Ja, das ist ein interessantes Paradoxon. Amerikanische Juden sprechen nicht Jiddisch, sie sprechen nicht Hebräisch, sie gehen nicht in die Synagoge, sie sind völlig amerikanisch. Ihr Judentum bestimmt sich durch zwei Momente: Durch eine Identität im Raum, das ist die Identifizierung mit Israel, selbst für jene, die niemals dort waren. Und durch eine Identität in der Zeit, eine Identifizierung mit Auschwitz. Jude sein in Amerika bedeutet, Auschwitz erinnern und Israel unterstützen, weil Israel der beste Schutz vor einem neuen Holocaust ist.  

Territorium – was für ein schönes Wort, sehr gute Arbeit. Amerikanische Juden hat Judt auch nicht schlecht beschrieben, mit einer sehr großen Liebe zur Wahrheit, zum Raum und zur Zeit. Zwei Philosophen unter sich. Leere Synagogen in Amerika, LOL. Ein Lied, zum Vergleich (Link).

Judt: [...] wir können nicht so weitermachen, dass Juden, auch wenn sie österreichische, französische, schwedische oder australische Staatsbürger sind, sich in besonderer Weise mit Israel identifizieren. Denn das bedeutet, dass sie auch mit Israel identifiziert werden, wenn Israel Dinge tut, die antiisraelische, antijüdische Gefühle hervorrufen. Auf gewisse Weise produziert die Diaspora den Antisemitismus – durch ihre Weigerung, eine Differenz zwischen sich und den unabhängigen Staat Israel zu machen. Wir müssen eine Wahl gegen solch eine negative Diaspora treffen. Das bedeutet, dass Juden in Amerika, in England oder in Österreich einen Weg finden müssen, Jude zu sein und Österreicher. Die liberale Geschichte der Diaspora muss eine der Integration sein. Da gibt es keinen dritten Weg. 

Herrlich. Die Juden “produzieren” den Antisemitismus. Die sind “negativ”, o weh. Judt weiß aber die Lösung, die einzig wahre, wie immer.

Charim: In Ihrem Buch „Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart”, für das sie den Kreisky-Preis erhalten, schreiben sie, dass die Erinnerung an die Shoah die Humanität des heutigen Europas garantiert. An Israel kritisieren Sie aber genau dieses Erinnern.

Judt: Sie haben völlig Recht. Willkommen in der Komplexität des Lebens. In Frankreich, Österreich oder Polen ist das Erinnern an die Ereignisse des 2. Weltkriegs absolut zentral für die Identität Europas. Und wenn es nicht mehr erinnert werden kann, muss es gelehrt werden. Es ist das Kernstück unserer kollektiven Identität. Aber in Israel ist dieses Erinnern pervertiert. In Israel ist es das wesentliche pädagogische Werkzeug, das Israelis lehrt, sie seien immer Opfer, das Loyalität mit Israel erzeugt – kurz, es ist das, was Israel daran hindert, ein normaler Staat zu werden.

Mit anderen Worten: Sie denken unlogisch, Sie sind doppelzüngig. – Nein, das ist nur komplex. - Aaah, das stimmt.

Und am Ende, wieder “kein normaler Staat” usw.

Zu alledem gibt es noch eine spannende Diskussion zwischen den Lesern unter demselben Link: Sehr viele durchschauen Judt und seine Gastgeberin im Nu und sind ziemlich zielsicher in ihren Kommentaren.

 

Kasparow bei Christiansen ausgeladen Montag, 11. Dezember 2006

Bei der wie immer spannend substanzlosen Show mit Sabine Christiansen wurde noch ein politisch brisantes Thema zerredet: Russland. Ein realer Kritiker wurde dabei vorsorglich ausgeladen, nämlich Garri Kasparow (Link). Werden wir je erfahren, warum? Denn die vorgegebenen “technischen Gründe” sind wenig glaubwürdig.

Mich interessiert allerdings die Reaktion der Medien. Wird sie genauso oder wenigstens vergleichbar ausfallen, wie neulich in der Tony-Judt-Affäre, als die deutschen Zeitungen ausser sich waren(Link)? Bis jetzt habe ich nur eine entsprechende Meldung, eher klatschreportähnlich, in der “Welt” gefunden (Link) und eine Erwähnung bei der “Süddeutschen”.

 

Haben wir Tony Judt vergessen? Freitag, 20. Oktober 2006

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Der Lieblingsautor der “Süddeutschen”, wenn es um die moralische Verurteilung des Staates Israel geht, durfte einmal über sein Thema, immerhin das wichtigste Thema weltweit, nicht referieren. Ein polnisches Konsulat in den USA hat ihn ausgeladen, weil sein Referat über den allmächtigen jüdischen Lobby zeitlich zu der Reise des polnischen Präsidenten in Israel nicht passte. Sonst wäre das eigentlich kein Problem. Das will Tony Judt nicht einsehen und beklagt sich, selbstverständlich über den allmächtigen jüdischen Lobby usw.

Darüber hat Leon Wieseltier, sein ehemaliger Freund und Kollege, amüsant geschrieben (Link):

The censorship of Tony Judt is not working. He is one of the least suppressed, repressed, and oppressed intellectuals who ever lived. If there is life on Mars, it knows what he thinks. The fact that a position is unpopular does not mean that it is unknown. Dissidents should have thicker skins.

Der komplette Text von Wieseltier ist in einem Blog zu sehen (Link). Eine empfehlenswerte Lektüre.

 

Die “Süddeutsche” berichtet Dienstag, 8. August 2006

In der heutigen Ausgabe gibt es folgende große Schlagzeile:

40 Tote bei Angriff auf Hula

Libanons Premier wirft Israel Staatsterrorismus vor

Online (seit dem 7.8. um 14:20) steht ein ganz anderer Text mit einem ganz anderen Titel (Link):

40 Tote bei Luftangriff,

Premier bricht in Tränen aus

Kein Dementi weit und breit, “ein entsetzliches Blutbad” wird ausgemalt. Der Israel-Korrespondent der Zeitung Thorsten Schmitz schreibt bei der SZ-Online (nicht bei der “Süddeutschen”!) dazu (Link):

Widersprüchliche Angaben gab es zu einem israelischen Angriff auf das südlibanesische Dorf Hula. Dabei seien bis zu 40 Menschen getötet worden, sagte der libanesische Ministerpräsident Fuad Siniora bei der Sitzung der Außenminister der Arabischen Liga in Beirut. Am frühen Abend dementierte der Regierungschef jedoch diese Zahl und verwies auf Polizeiangaben, die von einem Todesopfer sprachen.

“Widersprüchliche Angaben”, aha. Seit dem späten Montag, seit 23 Stunden (07.08., 18.00 Uhr) wissen alle, die Nachrichten lesen können, dass es nur ein Opfer gab, nur nicht die “Süddeutsche”, nur nicht ihr Israel-Korrespondent! Warum?

Weil die Zeitung sehr beschäftigt ist. Man muss Fotos sorgfältig auswerten und darf keine inszenierten “Kana-Massaker”-Fotos dabei auslassen (Link), auf kein Dementi reagieren und munter weiter Lügen verbreiten (Link):

56 Menschen wurden bei dem Luftangriff getötet – darunter 37 Kinder. Foto: dpa

Auf keinen Fall dabei einen Hisbollah-Kämpfer mit einer Waffe zeigen – nur israelische Soldaten, Waffen und ihre Opfer. Von 104 Fotos zeigen höchstens 4 Bilder verängstigte Israelis, mehr nicht.

Noch mehr beschäftigt sich die Zeitungsredaktion mit der Suche nach “guten Juden”, die Prantls Kritik (Link) bestätigen müssen. Und wie durch ein Wunder – so einer wird sogar im Zentralrat gefunden, sein interner Brief wird als pdf-Datei bereitgestellt, mit seinem Foto, seiner mailadresse und Telefonnummer, damit keiner zweifelt (Link). Der Mann redet blödes Zeug und ist genauso verängstigt wie schon zwei Frauen vor ihm, die die Zeitung sorgsam ausgesucht hat, damit Tony Judt nicht alleine da steht (siehe entsprechende Kategorien in diesem Blog). Sogar die solidarische Unterstützung seitens Avnery wird nicht verschwiegen. Unten steht der Link zum Artikel von Prantl!

Wenn man so ein Glück hat und schon drei deutsche Juden gefunden hat, die genauso wie Avnery und Avenarius denken, kann man sich denn überhaupt noch um die Genauigkeit kümmern? 40 oder 1 Opfer – wer will das noch wissen?

 

Richard Cohen auf den Spuren von Tony Judt Sonntag, 6. August 2006

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Das Existenzrecht Israels wird weiter und immer wieder in Frage gestellt. In den Kriegstagen häufiger. Kein Wunder, denn Quatscher haben Angst, dass sie als Juden erkannt werden. “Gute Juden” (Link) wie Tony Judt sind ein Vorbild für Edith Bernstein (hier und hier) und wie sie alle heißen (Link). Jetzt hat auch Richard Cohen Israel zu einem “Fehler” heruntergestempelt. Sein Text in der “Washington Post” vom 18.7.2006 ist eine pure Provokation, grundsätzlich falsch und emotionalisierend, wie üblich, dafür aber mit dem Hinweis auf Tony Judt. Das trifft sich gut. Die beiden wollen nichts mit Israel zu tun haben, in der Hoffnung, dass böse Antisemiten ihnen das gutschreiben würden.
Ich wundere mich, dass keine deutsche Zeitung den Text nachgedruckt hat. Vielleicht schafft die “Süddeutsche” das noch nachzuholen?

Ich begnüge mich mit der Liste der Links, die zu den kritischen Kommentaren führen:

Nur ein deutscher Blogger hat den Text rezipiert, dafür aber richtig (Link):

Bleibt nur noch die Frage, wie man die Bewohner/innen Israels jetzt davon überzeugen kann, vielleicht doch lieber ins Meer zu springen…

Eine ernsthafte Antwort hat “Israel Matzav” gegeben, mit einem ausführlichen historischen Exkurs (Link). Seine Ausführung wird von einem Michael aus MI fortgesetzt (Link):

Cohen’s article reflects a total ignorance of Jewish history. [...] Cohen adopts the Arab narrative of the last century of history lock, stock and barrel, without even considering that it might be false.

Angriffslustiger ist Sharon Cobb (Link). Sie weist auf die Parallele zwischen Cohen, Judt und Ahmadinedschad (Link) hin. Noch härteren Ton nimmt der Blog “Crusader War College” (Link):

Mr. Cohen’s problem is not that history is the most formidable enemy of Israel, but that history is the most formidable enemy of Mr. Cohen’s argument.

Recall that Israel was created out of the former territories of the Ottoman Empire, which fell at the end of World War I, and which were part of the British Mandate that was being dissolved at the end of World War II. Other Arab countries were created out of that territory as well, including Jordan. This was done by a vote of the members of the United Nations. Although all the Arab Countries objected, they were outvoted.

Mr. Cohen’s assholery springs from the use of the phrase “for which no one is culpable”, in order to divert attention from the fact that, if the United Nations had not created Israel, there would be no Israel. Thus, it is NOT TRUE that “no one was culpable”: The United Nations is responsible for creating Israel, and thus the United Nations made the “mistake” of creating Israel.

Obviously, it was not considered a mistake at the time, and I personally believe it is not a mistake at all: The creation of Israel, in the aftermath of the Holocost, was a big factor in providing the United Nations with the moral authority and legitimacy to adjust national boundaries. It was belief in that moral authority that led many Jews to immigrate to Israel. And a majority of the Israelis there were born there. The current mess that is the United Nations is still coasting on that moral authority, tattered and shredded as it is by inaction while being led by a man under whose watch thousands of lives were lost in a massive genocide. [...]
Personally, I get the impression that Mr. Cohen’s advice to “hunker down” would not even have been made if the recipient (the one making the “mistake”) was the United Nations, not Israel. In fact, with the United Nations implicated, I rather doubt that the words “made a mistake” would not have appeared at all in ANY article that Mr. Cohen would have written in place of this one.

Of course, if I was writing it, AND believed that I would have said “The United Nations should SHUT THE FUCK UP and let Israel fight for its rightful place.”

Am schärfsten ist, wie gewohnt, Meril Yourish (Link): Richard Cohen sei

a perfect example of a self-hating, anti-Semitic Jew. To write a column like this, which justifies Arab anti-Semitism and ignores the history of the Land of Israel, and the people of Israel, is beyond reprehensible. [...] Israel is not the mistake. Your column is.

Einen giftigen langen Artikel von Hugh Fitzgerald kann man bei “Dhimmi Watch” finden (Link):

Cohen can’t understand any of this. Five years after the attack of 9/11/2001, he hasn’t yet, it seems, cracked a book about Islam. Of course, many people in the government and in the press haven’t.

That does not excuse him. That indicts them.

Bezeichnend, dass Cohen in seiner nächsten Kolumne auf die Kritik gar nicht eingeht, sondern weiter quatscht (Link), was ihm auch nichts nützt (Link):

Cohen’s latest column does its small part to perpetuate cliches which contribute to lack of honest discourse on the conflict.

Später kommt noch ein starker Artikel von Vincent Fiore hinzu (Link):

Upon reading Cohen’s op-ed, the discerning reader must now ask oneself just what it is he means. Does Cohen mean…?

  • Hamas, Hezbollah, and other terrorist factions decide to go legit and sell the Middle East’s version of Amway products. Or might Cohen mean…
  • There is no chance for peace–ever–between Israel and the entire Middle East, including Hezbollah and Hamas, and in that case…
  • “Something else,” means that there are no more Jews to slaughter in Israel because there is no more Israel. That leaves plenty of free time for Hezbollah and Hamas to plan their next Jihad-extraordinaire-like coming to America to kill Americans wholesale?

That may be good news for Cohen, who will undoubtedly tell the American people through the magic of opinion journalism to “hunker down” and wait for terrorism to “move on.”

What Richard Cohen means in this penned flatulence that masquerades as serious commentary is that Israel should — ahem — bend over, grab the ankles, and just take it.

And according to Cohen, why not? I mean, what’s a few million Jews in Israel among one and a half billion Arabs and Muslims? If Cohen’s advice were to ever be taken seriously, the obvious answer regarding Israel is extinction.

And regarding Israel’s sovereignty? According to Richard Cohen, Israel should not even exist.

Stupid Jewish state! How selfish is Israel to exercise the concept of self-defense, or even more perverse to some — beltway op-ed writers particularly — the very thought of self-preservation.

Das alles macht aber nichts aus, denn schon am 7.8.2006 (der Text steht online schon seit dem 5.8) bringt die “New York Magazine” die nächste Frucht der Bemühungen von Tony Judt. Ein Kurt Andersen ist bereit, über denselben “Fehler” weiter zu reden:

The Israelis, far better than us, are able to admit and discuss such ugly realities. Indeed, it was Ariel Sharon’s clear-sightedness about the existentially inconvenient truth facing his country that led him to forge a new party and security strategy: Israel could either continue to occupy Gaza and the West Bank (with or without removing the Palestinians) and thus cease to be a democracy, or it could withdraw to its established borders. Would that the Palestinians (and the Lebanese, and us) had a head of state prepared to make and enforce the equivalent tough national choices.

How long and how ferocious should the incursion by our ally into Lebanon and Gaza be? The deaths of how many innocents and the destruction of how many Lebanese homes and businesses and bridges and roads should we condone? “It’s the Middle East,” the Israeli foreign minister Tzipi Livni said last week. “It’s always choosing between bad options. And that’s true for the international community, too, and not just for us.” Exactly right: Such is the nature of inconvenient truths.

Was mich besonders überrascht, ist die zeitliche und inhaltliche Übereinstimmung zwischen Judt, Cohen und Konsorten einerseits und dem liebenswürdigen Ratschlag von Sloterdijk (Link) andererseits. Die Idee ist dieselbe, sie hängt in der Luft. Ich glaube nicht, dass Sloterdijk Cohen gelesen hat. Die Artikel von Judt aber auf jeden Fall. Wozu haben wir die “Süddeutsche” sonst?

Eine gute Antwort auf die antiisraelischen Fehler/Schaden-Theorien bei Amerikaner gibt es bei Sigmund Freud:

Amerika ist ein Fehler, ein gigantischer Fehler, aber ein Fehler.

Nach dem Motto: selber dumm. Wie soll man dies übertragen, um auch Sloterdijk zufriedenzustellen?

 

Krieg gegen Israel 10 Freitag, 4. August 2006

Die Zahl der Publikationen zum Thema wächst, es wird zunehmend schwieriger, etwas Lesenswertes zu finden. Im Grunde genommen, bleibt die Mehrheit der Publikationen der Losung treu: “Israel droht mit der Selbstverteidigung”. Einige wertvolle Ausnahmen dienen als willkommenes Feigenblatt, um vor den Vorwürfen der Einseitigkeit zu bewahren.

Von den vielen Publikationen nenne ich drei:

Die eine fand ich in der “Frankfurter Rundschau” vom 1.7.2006. Knut Ipsen, ehemaliger Präsident des Deutschen Roten Kreuzes und Mitglied des Ständigen Schiedsgerichtshofes in Den Haag, zeigt die Grenzen des aktuellen Völkerrechts. Er verurteilt die Hisbollah und findet keine Worte der Unterstützung für die Selbstverteidigung Israels:

Wer Israels Völkerrechtsverstöße gegen den Libanon feststellt, muss allerdings auch zugleich festhalten, dass der Libanon mit der Hisbollah eine Organisation beherbergt, die sich ausdrücklich außerhalb des Völkerrechts stellt. Die Forderung nach Vernichtung eines anderen Staates mitsamt seiner Bevölkerung, Geiselnahmen mit Erpressung, flächenwirkende Raketenüberfälle auf zivile Wohnstätten: Dies alles sind Aktionen, die, würde ein Staat sie vornehmen, zu schwersten Völkerrechtsverletzungen zählen würden.

Die Hisbollah als nichtstaatliche Organisation führt gegen Israel einen asymmetrischen Krieg, für den das zwischen Staaten geltende Völkerrecht nicht geschaffen worden ist und das hier auch nur über den Umweg zur Anwendung gelangt, der in der Konfrontation zwischen Israel und dem Libanon, dem Herbergsstaat der Hisbollah besteht.

Die Reihenfolge der Besprechung sagt eigentlich schon alles – zuerst wird Israel belehrt, wie man Kriege führt. Dann erst, am Ende des Artikels wird “allerdings” auch die Hisbollah erwähnt.

Ein netter Artikel stammt von Bret Stephens in der “Wall Street Journal” von heute. Daraus zitiere ich mehr, da diese Zeitung schon am nächsten Tage normalerweise nicht erreichbar ist:

An Honest Man
How do you spot an anti-Semite? Ask about Israel.
So Mel Gibson, arrested in Malibu, Calif., for drunk driving, tells a police officer that “the Jews are responsible for all the wars in the world.” Pity the actor for not substituting the word “Israelis” for “Jews.” The latter apparently confirms his long-suspected anti-Semitism. The former would have made him a darling of right-thinking progressives the world over, especially at this moment of Middle East stress.

How do you spot an anti-Semite? An old joke tells the story of an elderly traveler at the Vienna train station asking passersby whether they hate Jews. After a score of indignant “No’s,” one fellow finally admits that, why yes, he does hate them. “Thank goodness for an honest man!” exclaims the traveler. “Would you mind looking after my bags while I run to the men’s room?”

Real-life efforts to identify anti-Semites tend to be more complicated. When French synagogues were torched at the height of the intifada three years ago, Tony Judt, a Jewish scholar at New York University, described them not as incidences of anti-Semitism but as “misdirected efforts, often by young Muslims, to get back at Israel.” Last Friday, a Muslim-American named Naveed Afzal Haq forced his way into the offices of the Jewish Federation of Greater Seattle, shot five people and killed one. “These are Jews, and I’m tired of . . . our people getting pushed around by the situation in the Middle East,” Mr. Haq reportedly told a 911 operator. Perhaps this, too, was just another misdirected effort to combat Middle East injustice.

Then there is the tricky matter of criticism of Israel and whether those who dislike the Jewish state dislike Jews as well. “Anyone who criticizes Israel’s actions or argues that pro-Israel groups have significant influence over U.S. Middle Eastern policy . . . stands a good chance of being labelled an anti-Semite,” write Stephen Walt of Harvard and John Mearsheimer of the University of Chicago in a recent controversial paper. The professors allege that the so-called Israel Lobby manipulates the media, infiltrates the academy, blackmails politicians and gets the U.S. to finance or fight immoral wars on Israel’s behalf–familiar anti-Semitic tropes, at least when directed explicitly at Jews. But Messrs. Walt and Mearsheimer insist that their criticism is only of the Lobby, not of Jews per se, and suggest that their harshest critics are latter-day Joe McCarthys.

Barring some Gibson-like indiscretion on their part, it may be impossible conclusively to prove them wrong. But a study in the current issue of the Journal of Conflict Resolution (http://jcr.sagepub.com) by Yale University scholars Edward Kaplan and Charles Small offers solid statistical evidence that the harsher one’s views of Israel, the likelier one is to be an anti-Semite.

Messrs. Kaplan and Small employ data from a 2004 survey of European attitudes toward Jews and toward Israel commissioned by the Anti-Defamation League. Five thousand people in 10 European countries were asked to agree or disagree with 11 statements about Jews: for instance, that “Jews are more willing than others to use shady business practices” or that “Jews don’t care what happens to anyone but their own kind.” (Agreeing with more than five of the questions qualified one as an anti-Semite, according to the ADL.) The respondents were also asked to agree or disagree with four questions related to the Israeli-Palestinian conflict, such as whether Israel’s treatment of Palestinians was similar to South Africa’s treatment of blacks during apartheid.

The results were remarkable. Among those who held the most negative views of Israel, some 60% also believed that Jews engaged in shady financial practices, and more than 70% thought that Jews had too much business power. Whatever the respondents’ religion, nationality, sex or income level, the more intense their dislike of Israel, the likelier they were to be anti-Semitic. Altogether, 56% of those harboring strong anti-Israel feelings were also anti-Semitic. (For the record, the survey found that Spain was the most anti-Semitic country in Europe, with 22% of respondents qualifying as anti-Semites, while Denmark and the Netherlands, at 8%, were the least.)

This does not mean, of course, that even the most strident opponents of Israel are necessarily anti-Semites. But in a telephone interview, Mr. Kaplan explained the significance of his findings this way: “Say you’re at one of those anti-Israel rallies. Say you ask them whether they are anti-Semitic. Say all of them say no. Statistically speaking, more than half of them are lying.”

All of which puts the brouhaha over the now-penitent Mr. Gibson in a different light. Once they run him out of Hollywood, they might just fix him up with a job at a train station. At least he’s an honest man.

Kann dieser Artikel in einer deutschen Zeitung übersetzt werden? Wetten werden aufgenommen.

Dafür kann man ganz sicher sein, dass der Artikel von Jürgen Elsässer in der “Jungen Welt” vom 2.7.2006 irgendwann zu den Klassikern der antisemitischen Literatur gezählt wird. Der Satz wie

Im Libanon kämpfen Islamisten, Nationalisten und Linke Schulter an Schulter gegen die Aggressoren.

verspricht ein großer Renner zu werden. Dieser Text ist so dreckig, dass ich gar nicht empfehle, sich an ihm schmutzig zu machen. Noch offener zeigen sich ihn unterstützende Leser, die jubeln:

Die Nachkommen der jüdischen Opfer haben kein Recht, im Namen dieser Opfer wieder faschistischen Völkermord zu betreiben.

Eine ausführliche und fundierte Kritik dazu hat Sascha Klein im Blog “Telegehirn” geschrieben – es genügt, diese Kritik zu lesen.

 

Mearsheimer und Walt: Hintergründe Samstag, 13. Mai 2006

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Nachdem wir einigermaßen klar sehen, wie Tony Judt zu seinem antizionistischen Manifest kommt, zu welchem er immer wieder nachlegt (Israel sei ein “political anachronism”), ist ein Blick in die Richtung der beiden Autoren des ersten Protokolls, Mearsheimer und Walt, aufschlussreich. In einem Interview erzählt John Mearsheimer, wie er den Weg zu seinen Ideen gefunden hat.

Mearsheimer was hawkish about Israel until the 1990s, when he began to read Israel’s “New Historians,” a group of Israeli scholars and journalists (among them Benny Morris, Avi Shlaim and Tom Segev) who showed that Israel’s founders had been at times ruthless toward Palestinians. Mearsheimer’s former student Michael Desch, a professor at Texas A&M, recalls the epiphany: “For a lot of us, who didn’t know a lot about the Israel/Palestine conflict beyond the conventional wisdom and Leon Uris’s Exodus, we saw a cold war ally; and the moral issue and the common democracy reinforced a strong pro-Israel bent.” Then Desch rode to a conference with two left-wing Jewish academics familiar with the New Historians. “My initial reaction was the same as John’s: This is crazy. [They argued that] the Israelis weren’t the victims of the ’48 war to destroy the country. Ben-Gurion had real doubts about partition. Jordan and Israel talked about dividing up the West Bank together. All those things were heretical. They seemed to be coming from way, way out in left field. Then we started reading [them], and it completely changed the way we looked at these things.” Mearsheimer says he had been blinded by Uris’s novel. “The New Historians’ work was a great revelation to me. Not only do they provide an abundance of evidence to back up their stories about how Israel was really created, but their stories make perfect sense. There is no way that waves of European Jews moving into a land filled with Palestinians are going to create a Jewish state without breaking a lot of Palestinian heads…. It’s just not possible.”

Es ist inzwischen bekannt, dass Benny Morris (Link) und Tom Segev (Link) den Essay der beiden Profs sehr negativ bewertet haben. Ihre Arbeiten dürfen trotzdem dafür verantwortlich gemacht werden, dass dieser Essay entstanden ist. Bezeichnend, dass Professoren naiv zugeben: Ihre Kenntnisse auf dem Gebiet entstammen einem Film und einer selektiven Lektüre, ohne jegliche Überprüfung der vorhandenen Literatur, bzw. Kritik. Sie zitieren Morris und – wie auch Judt – ignorieren Karsh, obwohl Morris selbst längst zugegeben hat, dass seine eigenen Arbeiten im Lichte der Kritik von Karsh nicht der Wahrheit entsprechen (“My treatment of transfer thinking before 1948 was, indeed, superficial.” – Link)

So ist die neulich zusammengestellte Kette zu erweitern: Es waren zuerst doch die israelischen Revisionisten, deren Bücher immer noch den bestimmenden Einfluss, u.a. auch auf die unbelesenen Professoren so weit ausüben, dass daraus die unwürdige Polemik entsteht, die sogar die Revisionisten daraufhin als unwissenschaftlich und antisemitisch bezeichnen. Über den völlig unwissenschaftlichen Umgang mit den historischen Fakten in dem Essay schreibt z.B. Robert Fine sehr klar – Link:

All we might learn is how an excess of enthusiasm for the anti-Israeli cause can pave the road from radical criticism to dangerous conspiratorial nonsense.

So schliesst sich der Kreis. Ob Morris und Segev sich dessen bewußt sind?

 

Tony Judt zitiert. Noch einmal Dienstag, 9. Mai 2006

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Durch die Klärung der Hintergründe für den Artikel über die Granddame der österreichischen Presse bin ich auf das nächste in Frage kommende Zitat bei Tony Judt gestoßen. Es ist kaum zu glauben – auch hier zitiert er selektiv, besser gesagt tendenziös.

Es geht um den israelischen Journalisten Tom Segev, der für die Zeitung “Haaretz” schreibt. Tony Judt zitiert ihn wie folgt:

Der israelische Journalist Tom Segev beschreibt den Essay als “arrogant”, räumt aber dennoch ein: “Sie (Mearsheimer und Walt) haben recht. Hätten die USA Israel vor den eigenen Dummheiten bewahrt, würde unser Leben hier heute besser aussehen. Die Israel-Lobby in den USA schadet Israels wahren Interessen”.

Wie wir uns erinnern, das ist die Schlüsselpassage des gesamten Aufsatzes, denn daraus hat die “Süddeutsche” den Titel “Doppelter Schaden” gemacht. Nehmen wir den Abschnitt genauer unter die Lupe und gehen wir deswegen zum Original. Tony Judt:

The Israeli journalist Tom Segev described the Mearsheimer-Walt essay as “arrogant” but also acknowledged ruefully: “They are right. Had the United States saved Israel from itself, life today would be better …the Israel Lobby in the United States harms Israel’s true interests.”

Jetzt vergleichen wir das Zitat mit dem, was Tom Segev geschrieben hat. Sein Artikel (vom 23.3.2006) heißt

The protocols of Harvard and Chicago

Auf diese Weise wird der berüchtigte Essay mit einem antisemitischen Klassiker verglichen und als vergleichbar bestempelt. Auch im Text wird der Essay äußert negativ bewertet:

[...]In fact, it can be claimed that U.S. support for Israel reflects the fact that neither country respects the values of democracy, but this claim would destroy the thesis of the two respected scholars. Similarly, they do not confront the fact that the Israeli lobby in the U.S. usually operates by the accepted rules of the game in America, and expresses the view of a majority of Americans.

The article is very arrogant: Most of it is written in the past tense, as though reflecting historical research. In fact, the authors’ academic degrees do not make their opinions any more worthy than those of readers of the newspapers that they often cite, including Haaretz, Maariv, Yedioth Ahronoth and the Jerusalem Post. The editor who allowed the two to touch on so many topics that are irrelevant to the issue did not do them a favor: Yitzhak Shamir did in fact operate as a terrorist, but the Britons whose rule he wanted to eliminate also defined the fathers of American independence as terrorists. And who even remembers Shamir today? Similarly, I wouldn’t have dragged the murder of Ilan Halimi in Paris into this debate: What for, dear professors? After all, not every anti-Semitic incident in the world is an Israeli invention, wouldn’t you agree?

What begins as an attack on Israel and its lobby, soon turns out to be part of a domestic debate: One gets the impression that Walt and Mearsheimer attack U.S. support for Israel because they don’t like President Bush. One can understand them. Apparently, they won’t be angry if the Israel lobby decides that Bush is bad for Israel, and works against him. Nor would they be opposed if someone were to convince the administration to force Israel to withdraw from the territories.

They are right: Had the United States saved Israel from itself, life today would be better. Therefore, the authors are also correct in the most important argument in their essay, which unfortunately is too incidental: The Israel lobby in the United States harms Israel’s true interests. It made the continuation of the occupation and the settlements possible. Its influence led, among other things, to missing out on a peace treaty with Syria and to a loss of the opportunities created in Oslo. The effort to suppress the Palestinian national movement did not enhance Israel’s security; on the contrary, it brought Hamas to power.

Now there is great excitement there in America on account of this essay, but maybe not really. Israel’s influence is based on an ancient anti-Semitic myth about the Jews who rule the world. This is a myth that is self-fulfilling as long as the world believes in it: If you shatter it, you have eliminated Israel’s influence. From that point of view, Walt and Mearsheimer are doing the Israel lobby a good service.

Nach Segev ist der Essay nicht “arrogant”, sondern “sehr arrogant”. Er beschränkt sich aber nicht auf die Feststellung, dass der Ton der Profs sehr arrogant ist, er erwähnt den polemischen und unwissenschaftlichen Charakter des Textes, betont seine antisemitische Intention und propagandistische Ausrichtung auf die innenpolitischen Probleme der USA. Segev filtert die einzige Invektive heraus, die ihm passt, und beschreibt sie mit eigenen Worten, eignet sie sich an und verwendet sie für seinen innerpolitischen Kampf – nämlich in Israel. Segev ist viel kritischer dem Essay gegenüber als das, was Judt davon wiedergibt.

Judt deutet den Text von Segev um und bringt ihn als eine Unterstützung für Walt/Meirshammer ein. Stellen wir uns vor, er würde den Titel von Segev wiedergeben und seine letzen Sätze komplett zitieren. Hätte die “Süddeutsche” dann seinen Artikel übernommen?

Um den Artikel, den Ton und die Hintergründe der Publizistik von Tom Segev zu verstehen, muß man sich die Rolle der “Haaretz” vorstellen. Shmuel Rosner, einer der anderen Kolumnisten dieser Zeitung, hat treffend gesagt:

Enter the Walt-Mearsheimer study, and some of my readers became confused. Firstly, the study contains many quotes from the newspaper I work for. These quotes are meant to help the authors prove the two claims they are making (I’m saying two because of Judt). But then they read what I have to say and start sending me emails along the lines of: “How can you say this study is flawed when it was built on anecdotes and remarks by Haaretz commentators?”

Some of the readers I answered personally, but I came back to the issue because of the Judt article, in which my newspaper is mentioned three times.

The first reference, in which he doesn’t mention the paper, but the name of one of its columnists: “The Israeli journalist Tom Segev described the Walt-Mearsheimer essay as ‘arrogant,’ but also acknowledged ruefully that, “They are right. Had the United States saved Israel from itself, life today would be better… the Israel Lobby in the United States harms Israel’s true interests’.”

The second: “It was an Israeli columnist in the liberal daily Haaretz who described the American foreign policy advisers Richard Perle and Douglas Feith as ‘walking a fine line between their loyalty to American governments… and Israeli interests’.” The columnist, by the way, is Akiva Eldar.

The third: “Daniel Levy (a former Israeli peace negotiator) wrote in Haaretz that the Walt-Mearsheimer essay should be a wake-up call, a reminder of the damage the Israel lobby is doing to both nations.”

Now, as proud as this might make me, there’s a problem here that’s self-evident to any Israeli reading the article (and it doesn’t matter to which political wing he belongs). The choices Judt made on whom he was going to quote are either uneducated or biased. You can’t take these three (excellent) commentators, and pretend that they represent – well, what exactly do you want them to represent?

The Segev quote aims to prove that the lobby work is “bad for Israel.” Is this true? Yes, if you believe in what Segev believes – and most Israelis and Americans don’t.

And what about the Eldar quote? This one was meant to prove that “the uncomfortable issues” were aired in Israel, so why not here in America? On this I will say two things: First, you can “air” them here as much as needed, but make sure you don’t do it in a manner that Eliot Cohen rightly exposes as anti-Semitic.

Second, don’t rely on the bragging Israelis as proof. Israelis are sometimes very narrowly focused on the “Israeli” aspect of every issue, and tend to exaggerate it. So they think Douglas Feith has nothing better to do than to think day and night about Israel? Many of them will say the same about President Bush, or, for that matter, President Clinton. It’s not because these people are so preoccupied with Israel as to distort everything else, but because Israelis are so preoccupied with Israel to the extent that they see everything through this narrow hole.

And, since I dealt both with Segev and Eldar, let me add a word about Levy. He was a guest writer for Haaretz. I thought his piece reflected a certain point of view. And, comfortably enough, there was no problem in finding an opposite opinion to use, had Judt wanted to. (Try “Embarrassing and dangerous” by Reuven Pedhatzur here). So why choose him?

As you might understand, this is a very delicate issue for me to write about. These are my colleagues, and this is the paper that pays my salary. However, the truth must be told, and in this case, the truth is that my paper is being used here in a manner that makes me uncomfortable (I’m sure that many Haaretz commentators will not feel the same – that’s one of the reasons for which you need more than one person writing for a newspaper, and more than one point of view).

Haaretz is a very good source of news. It is also a good source for commentary, but when it comes to views you have to bear two weaknesses in mind. One, you need to use it in an honest manner, otherwise there’s enough fringe material in it as to distort reality. Two, you have to realize that this fine paper does not – repeat, does not – represent the majority view in Israel.

That’s why it was so easy for Walt-Mearsheimer to use material from Haaretz in their study. That’s where the Judt piece is also somewhat flawed. The great thing about the paper though, is that it gives voice to more than one opinion. Hence, you shouldn’t have been surprised to read in my blog my reaction to the study and its aftermath.

Die wichtigsten Stellen noch einmal: Die “Haaretz” vertritt die Meinung einer Minderheit. Es ist bedauerlich, dass sowohl Mearshammer/Walt als auch Judt nur die Meinungen von drei besonders israelkritischen Autoren dieser Zeitung übernehmen und dazu noch für die Meinung ausgeben. Auf diese Weise bedingen und bedienen sie einander. Wir wir darüberhinaus gesehen haben, werden Zitate dazu noch selektiv übernommen und angepasst.

Die Kette sieht somit folgendermaßen aus: 1) Inneramerikanischer politischer Kampf, in dem zwei Autoren versuchen, mit antisemitischen Mitteln die Außenpolitik der eigenen Regierung zu beeinflussen. 2) Innerisraelischer Politkampf, in dem Revisionisten (die seit Jahren versuchen, die Geschichte des eigenen Landes mit falschzitierten Dokumenten umzuschreiben) diesen ersten Auftritt für sich nutzen, um mit antizionistischen Argumenten die Außenpolitik der eigenen Regierung zu beeinflussen. 3) “Israelkritische” Stimmen nutzen weltweit diese Gelegenheit aus, um gegen die Politik des Staates und den Staat Israel selbst aufzutreten. Dabei werden Meinungen und Argumente nur selektiv wiedergegeben. 4) Führende deutschsprachige Zeitungen nutzen die Gelegenheit, um die Debatte einseitig zu präsentieren. Warum nur? Möchte man so gerne “israelkritisch” aussehen, dass alle Methoden dafür gut zu sein scheinen?

 

Barbara Coudenhove-Kalergi will auch ein Tabu gebrochen haben Montag, 8. Mai 2006

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Es ist immer hilfreich (wenn auch nicht unbedingt gesund), bei den Antisemiten vorbeizuschauen. Sie freuen sich riesig, wenn irgendwo ein antisemitischer Artikel erscheint und fühlen sich wie bei dem einen oder anderen Parteitag. Heute habe ich nur auf diese Weise den Text von der angeblichen Granddame der österreichischen Presse entdeckt. In der Zeitung “Standard” hat sie auch ein Tabu gebrochen, so viel Mut habe ich von ihr nicht erwartet. Einige Beispiele:

Zwei renommierte amerikanische Wissenschaftler haben ein Tabu gebrochen und damit eine gewaltige Aufregung im US-Blätterwald ausgelöst. Ihre These: Die mächtige “Israel-Lobby” habe seit Jahrzehnten die amerikanische Außenpolitik bestimmt und damit sowohl den Interessen der USA als letztlich auch denen Israels massiv geschadet.

Die beiden sind inzwischen nicht mehr renommiert, das Thema Israel-Lobby ist nie ein Tabu gewesen, die Aufregung in den USA ist ziemlich mäßig, die These selbst wird als unwissenschaftlich zurückgewiesen. Die Granddame hat das Thema aber erst jetzt für sich entdeckt. Ein Volltreffer also.

Ist das alles wirklich gut für Amerika? Und ist es, wie man früher sagte, “gut für die Juden”? Mearsheimer und Walt sagen: nein. Der Anti-Amerikanismus in der arabischen Welt und auch der Terrorismus werden durch das enge Bündnis USA-Israel angestachelt, umgekehrt wird Israel für die Exzesse der US-Besatzer im Irak mitverantwortlich gemacht. Das internationale Image beider Länder hat durch deren enge Verbindung nachweislich gelitten.

Tony Judt lässt grüßen. Ich habe das ungute Gefühl, die Granddame hat fast ein halbes Jahr geschlafen, bis sie den “Doppelten Schaden” mitgekriegt hat. Ist das alles wirklich gut? Gibt es keine Widerlegung von namhaften Fachleuten?

Der hervorragende britische Intellektuelle Tony Judt hält das für falsch. Im Gegenteil, sagt er (in einem unlängst in der Süddeutschen Zeitung veröffentlichten Kommentar), der Missbrauch des Begriffs Antisemitismus durch die “Israel-Lobby” könnte dazu führen, dass eines Tages auch echter Antisemitismus nicht mehr ernst genommen wird, wenn heute jede Israel-Kritik mit diesem Namen belegt wird. Und für die Israelis, meint er, ist der Rekurs auf den Holocaust als Rechtfertigung für eine verfehlte Politik in der Gegenwart erst recht von Übel, ebenso wie das blinde Sich-Verlassen auf den großen amerikanischen Verbündeten.

Das stimmt also doch: Die Granddame hat in der Tat den “Doppelten Schaden” und kennt den Judt-Text nur aus der “Süddeutschen”. Und hat der “hervorragende britische” Intellektuelle das echt so gesagt? Nein, zum Begriff Antisemitismus äußerte der “Hervorragende” sich z.B. anders:

Gewiß, Antisemitismus ist eine Realität (keiner weiß dies besser als ich, der in den fünfziger Jahren als Jude in England aufgewachsen ist). Doch gerade deshalb sollte niemand in die antisemitische Ecke gestellt werden, der Kritik an der Politik Israels oder seiner amerikanischen Unterstützer übt.

Dasselbe im Original bitte:

Anti-Semitism is real enough (I know something about it, growing up Jewish in 1950′s Britain), but for just that reason it should not be confused with political criticisms of Israel or its American supporters.

Wir sehen, die Granddame kann noch besser zitieren als der hervorragende Intellektuelle, noch weiter vom Original nämlich. Davon hatten wir hier gerade das erste Beispiel. Zwei weitere folgen:

Und der Holocaust? Es gibt immer weniger Überlebende, die sich aus eigener Erfahrung darab erinnern. Dass die Urgroßmutter eines israelischen Soldaten in Treblinka gestorben ist, entschuldigt in den Augen der Welt dessen eigenes Fehlverhalten nicht.

Ein Soldat bei Judt und die gesamte “verfehlte” Politik bei der Granddame. Aha.

Vom blinden Sich-Verlassen ist bei Judt überhaupt nirgendwo die Rede. Der einzige Satz, der in diese Richtung irgendwie weisen könnte, ist ein Zitat von Tom Segev, der bei Judt sagt:

Die Israel-Lobby in den USA schadet Israels wahren Interessen.

Auch hier eine andere Intention. Übel.

Am Ende des Artikels träumt die Granddame:

Was, wenn dieser einmal nicht mehr mitmacht? Davon ist allerdings vorderhand noch nicht die Rede.

Sie wünscht sich, dass die USA Israel nicht mehr unterstützen. Keiner soll Israel unterstützen, so? Ist Österreich dann zufrieden?

Das ist mindestens der dritte Auftritt von Barbara Coudenhove-Kalergi, der auf diese Weise protokolliert werden muss. Die zwei davon waren:

Anders als bei früheren Nahostkriegen sind antisemitische Töne in Österreich ausgeblieben, obwohl diesmal mehr als früher Grund zur Kritik am israelischen Vorgehen besteht.

Das hat Karl Pfeifer richtig auseinandergenommen.

Diese jüdischen Mitbürger sind nämlich nicht irgendwelche Gastarbeiter, denen wir freundlicherweise erlauben, bei uns Steuern zu zahlen. Sie sind unsere Leute, sie sind Fleisch von unserem Fleisch. Sie gehören zur Familie, als möglicherweise ungeliebte, aber untrennbar mit uns verbundene Verwandte. Wer sie beleidigt, beleidigt uns.

Dies hat Heinz P. Wassermann aufgeschrieben. Nichts Neues unter die Sonne. “Die Standard” kann zufrieden sein. “Trippelter Schaden” ist offensichtlich.

 

Noch einmal zum “Doppelten Schaden” von Judt Mittwoch, 3. Mai 2006

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Der Titel des Aufsatzes von Tony Judt in der deutschen Übersetzung, wie die “Süddeutsche” ihn gemeistert hat, ließ mir keine Ruhe. Nach der Recherche kann ich mich entspannen. Und noch ein Beispiel der üblichen Tricks präsentieren. Das geht folgendermaßen:
Tony Judt hat geschrieben:

Daniel Levy (ehemals israleischer Verhandlungspartner bei Friedensgesprächen) schrieb in “Haaretz”, der Essay sollte als Weckruf verstanden werden, um uns den Schaden bewußt zu machen, den die Israel-Lobby für beide Nationen anrichtet.

Ich bringe denselben Text im Original, um es noch einmal deutlicher zu machen:

Daniel Levy (a former Israeli peace negotiator) wrote in Haaretz that the Mearsheimer-Walt essay should be a wake-up call, a reminder of the damage the Israel lobby is doing to both nations.

Jetzt vergleichen wir diese Stelle mit dem Text, den Daniel Levy am 23.3. tatsächlich geschrieben hat:

The new John Mearsheimer and Stephen Walt study of “The Israel Lobby and U.S. Foreign Policy” should serve as a wake-up call, on both sides of the ocean.

Ein Weckruf, ja. Für beide Nationen, na ja, eigentlich nicht. Levy unterstützt die Gedanken von Walt und Mearsheimer nämlich nicht. Er meint, die Debatte müsse man ganz anders führen. Von dem doppelten Schaden spricht er nämlich nicht. Judt hat den zweiten Teil des Satzes erfunden und Levy zugeschrieben. Levy hat das nicht gesagt. Levy betont, dass Interessen des Staates Israel und der Israel-Lobby in den USA nicht übereinstimmen. Nach seiner Einschätzung schadet diese Lobby den Interessen Israels, über die USA-Auswirkung sagt er nichts. Er meint Israel und Israel-Lobby, nicht – wie Judt und noch mehr die “Süddeutsche” – Israel und die USA. Am Ende seines Artikels spricht Levy deswegen über

the simplistic Harvard study authors

“Doppelter Schaden” liegt somit ganz bei der “Süddeutschen”, die dem falschen Zitat soviel Bedeutung zugeschrieben hat.

 

Judt: Israel-Lobby – keine Verschwörung, dafür ein doppelter Schaden? Montag, 1. Mai 2006

In der Diskussion um den berüchtigten Aufsatz von zwei amerikanischen Autoren (Stephen Walt und John Mearsheimer) über die Hintergründe der USA-Politik mit Blick auf die israelische Lobby zeigen sich einige deutsche Zeitungen besonders interessiert und leider auch parteiisch. Anstatt die laufende Diskussion in ihrer Breite zu präsentieren, wird nur jeweils eine Meinung vertreten, und dabei leider nicht immer die richtige. Im Original steht der Text seit dem 23.3.2006 online. Der “Spiegel” hat die Studie schon am 31.3 vorgestellt, eher als eine Tratschstory:

Walt und Mearsheimer geben seit Erscheinen des Artikels keine Interviews mehr. Doch aus der Woche davor sind von ihnen Prophezeiungen überliefert: “Es ist klar, dass die Lobby zurückschlagen wird”, raunten sie da düster.

Dann ist jede Kritik von Anfang an schon sinnlos, nicht wahr? Der “Tagesspiegel” fand dafür klarere und kürzere Worte (“Eine obskure amerikanische Debatte”, geschrieben von Christoph von Marschall).

“Die Zeit” bewundert mutige Professoren:

Nur selten haben Wissenschaftler den Wunsch und den Mut, ein Tabu zu brechen. In den Vereinigten Staaten ist die Bindung an Israel zu einem Tabu geworden. [...] Bisher haben sie zu Hause nur dreierlei geerntet: publizistisches Wegschauen, den wohlfeilen Vorwurf des Antisemitismus und den opportunistischen wissenschaftlicher Schludrigkeit. Es ist eben auch in Amerika nicht mehr so einfach, ein Tabu herauszufordern.

So schreibt Christoph Bertram, der dafür eine Menge von unterstützenden antisemitischen Leserkommentaren bekommen hat. Genauso platt schreibt die “Junge Welt” (sogar zweimal – hier und hier), ähnlich meint auch Uri Avnery. Viele antisemitische Seiten und Blogs übernehmen diese Lesart und beglückwünschen einander.

Ernsthafte Analysen von Robert Misik in der TAZ (Link) oder von Andreas Mink im “Rheinischen Merkur” (Link) oder von Pierre Heumann und Alain Zucker in der “Weltwoche” (Link) finden viel weniger Beachtung.

Den größten Erfolg geniesst allerdings bei Antisemiten der Artikel von Tony Judt (vom 19.4. in “New York Times” – Link), den die “Süddeutsche” am 28.4. verkürzt übersetzt hat. Die Zeitung enthält sich eines Kommentars, im Wissen dass der Artikel eine nicht weniger starke Kritik verdient und bekommen hat als der Aufsatz, der der Diskussion zur Grundlage wurde. Die Zeitung hat ausserdem den Titel geändert und nahm das, was ihr besser gefällt, – den “Doppelten Schaden”. Tony Judt ist da subtiler, mit seinem Hinweis auf “keine Verschwörung”. Ich darf hier wenigstens auf eine substanzielle Kritik verweisen.

Jeff Weintraub macht eine Sprachanalyse und zeigt, wo die antizionistischen Pointen sitzen, die auf Antisemiten so anziehend wirken. Die wichtigste Stelle in diesem Sinne ist:

Künftigen Generationen von Amerikanern wird es nicht mehr einleuchten, weshalb eine imperiale Macht wie die USA ihr Ansehen durch die enge Verknüpfung mit einem kleinen, umstrittenen Mittelmeerstaat aufs Spiel setzt.

Weintraub kommentiert:

Note the formulation here. It is not Israel’s policies that are “controversial,” it is Israel that is “controversial.” Actually, this is true. Whether or not Judt meant to do so, his formulation here has stripped away the usual pious cant about the Arab world’s objections to Israeli policies, to Israel’s oppression of the Palestinians, to the “uncritical” support of Israel by the US, etc. The Arab world’s fundamental grievance has always been Israel’s existence, and they would resent any US support that helped preserve Israel’s survival.

Das nächste Beispiel:

Doch es war der (jüdische [- Dieser Zusatz stammt von der "Süddeutschen"!]) Journalist David Aaronovitch, der in der Londoner “Times” Mearsheimer und Walt nicht nur kritisierte, sondern einräumte: “Ich sympathisiere mit ihrem Wunsch, die Dinge richtig zu stellen. Es gibt tatsächlich ein aberwitziges Unvermögen in der US-Politik, das schwere Los der Palästinenser zu verstehen”. And it was the German writer Christoph Bertram, a longstanding friend of America in a country where every public figure takes extraordinary care to tread carefully in such matters, who wrote in “Die Zeit” that “it is rare to find scholars with the desire and the courage to break taboos.” [Den Satz hat "Die Süddeutsche" gestrichen!]

Weintraub setzt fort:

Yes, they did say that. But I’ve read their pieces, and I have to ask, so what? And how is citing these statements at all relevant to M&W’s actual arguments (which people like Aaronovitch & Hitchens & Dershowitz & many other critics actually engage, whether or not you agree or disagree with their criticisms)?

(For example, as Judt acknowledges, M&W do not care a bit about “the plight of the Palestinians,” and consider that such concerns are irrelevant to serious “realist” foreign-policy discussions–unless Arab anger about this “plight” has some instrumental significance for US “national interests”. If they thought Israel were a strategic asset, then they would be impatiently contemptuous about any complaints concerning the “plight of the Palestinians”.)

As for breaking “taboos” … Michelle Goldberg’s piece in Salon got it right … as in this passage that I quoted in my post on Juan Cole on Mearsheimer & Walt …

Along with Juan Cole’s piece, Salon also carries a piece on this subject by Michelle Goldberg, “Is the ‘Israel Lobby’ distorting America’s Mideast policies?” Unlike Cole, Goldberg does systematically engage Mearsheimer & Walt’s arguments–with devastating results. What makes her criticisms especially telling is that in some ways Goldberg clearly wanted to be sympathetic to M&W’s position, but they made that impossible by writing such a transparently weak, “clumsy,” tendentious, and meretricious piece.

This is not just a case of brave academics telling taboo truths. In taking on such a sensitive, fraught subject, one might expect such eminent scholars to make their case airtight. Instead, they’ve blundered forth with an article that has several factual mistakes and baffling omissions, one that seems expressly designed to elicit exactly the reaction it has received. The power of the Israel lobby is something that deserves a full and fearless airing, but this paper could make such an airing less, not more likely.

Ich darf ergänzen: “Tabubrüche” sind eine besondere Beschäftigung der Antisemiten, eine Art Sprachcode im Umgang mit dem selbsterfundenen Popanz, – so sind sie sehr leicht erkennbar. Zurück zu den beiden Profs. Zusätzlich zu vielen kritischen Kommentaren will ich noch einen witzigen von einer Bloggerin Violet zitieren:

Mearsheimer and Walt’s argument can be summarized as follows:

* Premise: “Neither strategic nor moral arguments can account for America’s support for Israel.”

* Conclusion: “The explanation is the unmatched power of the Israel Lobby.”

What is controversial about the Mearsheimer-Walt paper is the premise: that U.S. support for Israel is strategically and morally unjustified.

Wie wir sehen, die Debatte ist viel spannender und kann viel tiefer geführt werden, – die “Zeit” und die “Süddeutsche” merken es einfach nicht.

 

 
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