Archiv für die Kategorie ‘Philosophie’

Umberto Eco über das Böse

Sonntag, 18. November 2007

In der Zeitung “Le Figaro” vom 5.11.2007 lässt sich ein inhaltsreiches Interview mit Umberto Eco geniessen (Link). Der große Essayist hat nach der “Geschichte der Schönheit” jetzt eine “Geschichte der Hässlichkeit” geschrieben. Das Buch wird im Gespräch mit Jean-Marc Parisis über die Politik, Geschmäcker etc. vorgestellt. Es geht dabei u.a. um die Zeitwahrnehmung von heute:

Notre époque, avec ses grandes migrations, rappelle peut-être davantage la chute de l’Empire romain, vers l’an 500. L’effondrement des grands empires se poursuit, après la chute de l’empire soviétique, l’empire américain commence à décliner. On pourrait aussi faire un parallèle avec les temps barbares de saint Augustin, comparer l’incendie de Rome aux Twins Towers en feu.

En quoi alors notre époque ne ressemble-t-elle à aucune autre ?

La première réponse qui me vient, c’est la vitesse. Dans une heure, je peux être à Milan. Mais il y a une autre forme d’accélération. La crinoline a duré un siècle, la mode de la minijupe, dix ans. La plume d’oie a servi pendant des siècles, la machine à écrire pendant cent cinquante ans, et moi, je dois changer d’ordinateur très souvent à cause des nouveaux programmes… L’autre caractéristique, conflictuelle avec la première, c’est l’allongement de la durée de la vie. Sous Napoléon, un type qui mourait à 40 ans n’avait connu qu’un changement historique, la Révolution française. Aujourd’hui, on peut avoir assisté à la Seconde Guerre mondiale, à la chute de l’Union soviétique et à l’effondrement des Twins Towers. Nous vivons une vie plus longue, mais plus affolée, qui doit faire face à une succession presque insupportable de changements. Nous y résistons assez bien, mais cela demande une tenue nerveuse incroyable.

Mosebach gegen Büchner und Folgen

Sonntag, 4. November 2007

Noch eine berüchtigte Rede eines Literaten, diesmal so verquast, dass es kaum die Öffentlichkeit erreicht. Umsomehr dass Martin Mosebach, von dem die Rede stammt, zu den weniger anerkannten Größen gehört und bei aller Glätte des Stils eher langweilt als begeistert.

Den Kern der Story sehe ich darin, dass hier ein Schriftsteller - wie gesagt, einer der vielen, mittlere Größe, eher unauffällig - einen Preis mit Büchners Namen bekommt. Er hasst Büchner, er ist trotzdem ohne Skrupel sofort bereit, den Preis anzunehmen. Er nutzt sogar die Gelegenheit, um seinen Hass auf alles, was Büchner in der Geschichte der deutschen Literatur verkörpert, loszuwerden. Das nenne ich schon mal eine geistige Größe, ironisch bemerkt.

Bei dieser Gelegenheit schafft Mosebach es auch nebenbei, sozusagen die gesamte Moderne anzugreifen, und stellt sich als erzkonservativer Denker vor, grundsätzlich antimodernistisch. Dabei erregt er die Gemüter durch den geschmacklosen Vergleich zwischen dem literarischen Text Büchners und einer realen Rede Himmlers, bekommt seinen Preis, den Applaus und eine zweifelhafte Bekanntheit in den Medien.

Hier beginnt das Spektakel der besonderen Art. Blogger ignorieren das Thema - zu intellektuell vielleicht? Die Zeitungen versuchen sich herauszureden:

Mosebach selbst schreckt aber vor Schroffheiten auch nicht zurück. Von der Rechtfertigung des Mords im Namen einer großen Idee, die Büchner dem Revolutionär Saint-Just in den Mund legt, schlägt er kühn den Bogen zu dem Heinrich Himmler, der bei seiner Rede im damals tiefdeutschen Posen erklärte, dass es zum bleibenden Verdienst der SS gehöre, beim Judenmord anständig geblieben zu sein. Die FAZ machte gestern daraus die visionäre Überschrift: “Saint-Just. Büchner. Himmler.”

Wir wollen uns hier jeder Beurteilung dieser Gedanken, sofern es sich dabei wirklich um Gedanken handelt, enthalten. Wir wollen nur daran erinnern, dass Mosebachs Identifikation mit manchem Deutschen Bischof nun über die gemeinsame Passion für die Tridentinische Messe und das Lateinische hinausgeht.

Bei den Bischöfen wird zur Zeit der Nazivergleich Mode. Der Kölner Kardinal Meisner gefällt sich darin, wegen eines bunten Fensters von “entarteter Kunst” zu sprechen. Das Forum deutscher Katholiken lädt Eva Herman ein, damit sie ihren missglückten Nazivergleiche zur deutschen Frau wiederholen kann. Und aus Mixas Augsburg ruft man, dass die Grüne Roth “faschistoid” sei (die ihrerseits Mixa vorher einen “durchgeknallten Oberfundi” genannt hatte).

Auch hierüber wollen wir uns kein inhaltliches Urteil erlauben, sondern nur feststellen, dass man in konservativen Kirchenkreisen offenbar eine neue Strategie zur Erregung öffentlicher Aufmerksamkeit gefunden hat. Der Naziververgleich ist eben immer passend und immer krass. Das haben Mosebach und die FAZ fein beobachtet und angewandt.

Das hat Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau geschrieben (Link), im Grunde bissig und klar genug. Er greift drei Parteien an - Mosebach, Meisner-Mixa und die FAZ. Die FAZ ignoriert das und nimmt sich den “leichteren” Gegner vor - die TAZ. Der uns inzwischen gut bekannte Emblematiker Lorenz Jäger wird persönlich und denunziert den Autor des TAZ-Artikels. Christian Semler fragt darin (Link):

Der Vergleich Saint-Justs, des Rousseau-Bewunderers, mit Himmler, dem Exekutor des Rassenmassenmordes, ebnet alle wesentlichen Unterschiede ein. Wie kann man den revolutionären Terror angesichts des Bürgerkrieges, der konterrevolutionären Interventionen und des Drucks verelendeter Massen mit der Nazi-Mordmaschine gleichsetzen? Wie kann man die “Diktatur im Namen der Freiheit”, die 1793 die erste europäische demokratische Verfassung hervorgebracht hat, mit der nazistischen Vernichtungspolitik in einem Namen nennen? Wie kann man dem Königtum, dem Ancien Régime, ein solches Loblied singen, wie der Büchnerpreisträger Mosebach es tut? Man kann, wenn man genügend Rückenwind verspürt.

Und Lorenz Jäger gibt Rückenwind wie gerufen (Link):

Semler nämlich hat sein Leben der Bekämpfung des Revisionismus gewidmet [...] Wer des “Revisionismus” im heutigen Sinn geziehen wird, des “Geschichtsrevisionismus” gar, der soll einfach nur ausgeschaltet werden.

In diesem Stil geht es nur weiter und weiter, bis zum Höhepunkt am Ende:

Der Mann sollte einmal im Kader-Brockhaus das Wort “Vendée” nachschlagen: Bevölkerungsverluste bis zu fünfunddreißig Prozent in einer Provinz, die sich gegen das Pariser Revolutionsregiment erhob und in Strafaktionen von den “höllischen Kolonnen” verheert wurde - nach allen heutigen Kriterien ein Genozid. Aber wahrscheinlich hatten die guten Leute “Es lebe der König!” gerufen.

Die TAZ ist somit erledigt, nicht wahr? Dann hat aber noch einer gewagt, Mosebach zu kritisieren, nämlich der prominente Historiker Heinrich August Winkler (Link):

Ich denke, dass bei dem nationalsozialistischen Judenmord der Kampf gegen die Aufklärung eine entscheidende Rolle spielt. Die biologische Vernichtung von Menschen um der bloßen Tatsache willen, dass sie einer anderen Rasse angehören, das ist etwas anderes als wechselseitige Grausamkeiten in einem Bürgerkrieg. Und die Französische Revolution war nicht der erste Bürgerkrieg der Geschichte. Also hier werden Dinge miteinander verglichen, die man eigentlich nur vergleichen kann, um dann die Unterschiede deutlich herauszuarbeiten und nicht nur die Gemeinsamkeiten. [...]
Für ihn ist das Entscheidende, glaube ich, das Zitat “Es lebe der König” von Lucile Desmoulins, damals ausgesprochen als ein Ausdruck des äußersten Protestes. Und ich glaube, dahinter verbirgt sich die eigentliche Botschaft der Rede, die Aufklärung und die Französische Revolution markieren einen Irrweg. Die Zeit davor war die gute Zeit. Und dieser Standpunkt ist schlichtweg reaktionär. Ich würde von Geschichtsklitterung, denn das Ancien Régime, gegen das sich die Französische Revolution auflehnte, hat die Menschenrechte mit Füßen getreten. Und deswegen denke ich, ist dieses Geschichtsbild, wenn es denn der Rede zugrunde liegen sollte, etwas, mit dem man sich sehr kritisch auseinandersetzen muss.

Jäger kennt sich in der Geschichtsforschung wie bekannt besser aus als jeglicher Wissenschaftler, insbesondere wenn dieser ihm widerspricht. So bekommt Winkler dies zu spüren (Link):

Winkler, bekannt geworden durch sein Buch „Der lange Weg nach Westen“, hatte in seiner Abschiedsrede von der Universität beklagt, die Französische Revolution habe „ein antirevolutionäres Ressentiment in großen Teilen Europas“ hinterlassen. Die Wortwahl legt die Vermutung nahe, dass Winkler die Vernunftgründe einer antirevolutionären Haltung, für die Mosebach heute wie kein anderer steht, als gering veranschlagt. [...]
Wer die Jakobiner und Himmler vergleiche, müsse [nach Winkler] vor allem „die Unterschiede deutlich herausarbeiten und nicht nur die Gemeinsamkeiten“. Aber sind diese Unterschiede nicht erst dann feststellbar, wenn vorher überhaupt verglichen wurde? Die Fürsprecher des Vergleichsverbots haben dieses logische Problem bis heute nicht überzeugend zu lösen vermocht.

Jetzt ist Winkler aber auch erledigt, nicht wahr? Die gesamte perverse Rhetorik der Neuen Rechten wird hier exemplarisch angewendet. Das nennen wir den Qualitätsjournalismus! In Kürze: Zuerst denunziert er Winkler als altes Eisen, dann wird aus ihm eine Rote Socke gemacht. Gleichzeitig wird Mosebach zum geistigen Führer der “antirevolutionären Haltung” erkoren. Am Ende ist Winkler ein Fürsprecher des “Verbots”, unfähig logisch zu denken. Argumente Winklers werden dabei verschwiegen und ignoriert. So einfach geht das!
Mosebach wolle doch nur vergleichen, oder, wenn gerade keiner zuhört, wolle die Grundlagen der Welt gegen die Commis retten, also je nach dem, was gerade besser passt, mal feige zwischen den Zeilen, mal geradeaus formuliert. Der geneigte Leser wird es schon richtig deuten. Klar! Leserkommentare bei beiden Glossen Jägers kommen wie gerufen, aus der “richtigen” Ecke. Keiner widerspricht.

Noch geschickter ging die NZZ mit der Rede Mosebachs um. Joachim Güntner verschwieg den Himmler-Passus und lobte und lobte (Link):

Aber kommen wir zur Mosebach-Büchner-Kontroverse, der Dankesrede des Preisträgers. Sie war intellektuell fordernd, brillant, gerade weil sie dem gewöhnlichen Büchner-Enthusiasten schwer zu schlucken gab. [...] Mosebach entdeckte durchaus humane Züge am «Früh-Kommunisten» Büchner. Aber eben nur dort, wo dessen Werk nach Mosebachs Lesart zu der Einsicht drängt, dass der König das individuelle Subjekt garantiert, indem er es verkörpert – während doch die Revolution, diese Blutsäuferin, die Individuen vernichtet. Eine fulminante gedankliche Volte, für Republikaner freilich nur mit Bauchgrimmen geniessbar.

Vollständigkeitshalber erwähne ich noch die plauderige Glosse im “Freitag” (Link). Mario Scalla beginnt mit der Geschichte des Preises und endet mit Madonna und Tom Cruise. Zur Sache kommt er nur kurz:

Mosebach schreibt einen gepflegten bürgerlichen Realismus; wenn er öffentlich für Kuba eintreten würde, hätte ein Georg Lukacs eine helle Freude an ihm. Aber er ist nicht nur nicht für Kuba, sondern ein Gegner der Französischen Revolution - er ist sozusagen das Gegenteil von Büchner und hat doch den nach ihm benannten Preis bekommen. Mit gleichem Recht könnte man einen Ernst-Jünger Preis stiften und ihn Hermann Kant zueignen.

Martin Mosebach ist ein konservativer Anti-Modernist. [...] Die revisionistischen Neigungen der einheimischen Konservativen nehmen hysterische Züge an, Mitleid wird jetzt erste Bürgerpflicht.

Hinter der Ablehnung alles Revolutionären versteckt sich aber auch die Aversion gegen alles, was sich unter dem Begriff Moderne fassen lässt. Gegen die Moderne aber lässt sich nicht einfach mehr sein. Befinden wir uns noch in der Post- oder bereits in der Post-Postmoderne? Wie auch immer, eine Wiederkehr moderner Themen oder Techniken ist etwas Postmodernes, genauso die Ablehnung von Moderne und bürgerlicher Revolution. Ein postmoderner Anti-Modernismus ist durchaus zeittypisch. Madonna bekennt sich zur Esoterik der Kabbala, die Neigungen von Tom Cruise sind bekannt, Mosebach denkt über das Königtum nach und verbreitet Wirrnis. Eigentlich müssten sich die drei prächtig verstehen.

Also gar nicht so schlimm. Die Linke steht darüber und lächelt. Der eine nur kann sich nicht beruhigen und motzt in seinem Blog, das ist Alan Posener, der feststellt (Link):

dass die Kritik an den 68ern von einigen Konservativen benutzt wird, um die Moderne selbst anzugreifen. Endlich findet ein tapferer Konservativer den Mut, das auch zuzugeben.
In der “Welt” schreibt der erzkluge und immer erfrischend böse Tilman Krause - nicht wie üblich in seiner zeitgeistkritischen und zugleich zeitgeistanzeigenden “Klartext”-Kolumne, sondern, was einen bei einer liberalen Zeitung schon verwundern könnte, im Leitartikel, also quasi ex cathedra: “Die ‘Modernen’ gehen uns auf die Nerven”. [...] Man fragt sich, was Mosebach geritten hat, nun auch die Nazi-Erregungsmachine zu bedienen. Vielleicht war er neidisch auf Eva Herman. Oder auf Martin Walser. Man fragt sich, ob es ein deutscher Schriftsteller einmal schaffen kann, in der Paulskirche den Mund aufzumachen, ohne von Hitler zu faseln. Das einmal nicht zu tun, wäre eine wahrhaft konservative und zugleich revolutionäre Tat. Wie dem auch sei: die Auschwitzkeule in die Hand zu nehmen, um damit auf die Französische Revolution einzudreschen, scheint mir doch ein wenig billig. Die Revolution war auch so fürchterlich genug. Und fast alle Zeitgenossen haben sie so empfunden, Büchner eingeschlossen. Seitdem scheiden sich die Geister an der Frage, ob die Dialektik der Aufklärung automatisch in den Terror mündet, wie Konservative behaupten, oder ob es möglich sei, an den Idealen der Aufklärung und der Demokratie festzuhalten, ohne dem Fanatismus zu verfallen, wie Liberale und Linke meinen. Himmler führt bei der Beantwortung dieser Frage nicht weiter. [...] Es sei denn, jemand will - ganz unkonservativ - bloß einen kleinen deutschen Stunk machen.

Und ich frage mich, ob die Art dieses Textes nicht die Folge des Posener-Falls ist. Einerseits empört sich der Autor, und zu Recht, und benennt die Sachen beim Namen. Andererseits vermeidet er etwas kräftigere Ausdrücke und rudert am Ende sogar zurück. Ist der innere Zensor hier bei der Arbeit zu beobachten? Kritisieren, aber fein? Nicht dass der Chef sich einmischen soll?

Ich bin mit der Debatte unzufrieden und vermisse einen Ignatz Bubis. Gerade das wäre aber die einzige passende Gelegenheit dieses Jahres, etwas deutlicher zu werden, anstatt Pfitzner oder ein paar Bischöfe anzugreifen, liebe Vertreter des personifizierten deutschen Gewissens.

Politische Unkultur

Donnerstag, 26. Oktober 2006

Die Zeitschrift “Cicero”, angeblich für die politische Kultur verantwortlich, will mit der “Bild” konkurrieren und greift zu unkorrekten Methoden, um die Leserschaft zu gewinnen. Die Bilanz: Boulevard der politischen Unkultur.

Ein Journalist namens Jürgen Busche saugt sich eine Denunzierung aus den Fingern und aus den Erinnerungen eines anderen Journalisten namens Joachim Fest - gegen Jürgen Habermas gerichtet. Auf dem Cover sieht man groß “Vergesst Habermas!”, der Artikel heißt “Hat Habermas die Wahrheit verschluckt?”, Busche fragt sich: “Gerücht oder Ungeheuerlichkeit?” Das wäre alles eher etwas für die “Titanic” - leider meint die “Cicero” das wohl im Ernst.

Der Text von Busche ist eine Schande für die Zeitschrift. Wer will, kann ihn lesen (Link). Mich hat die folgende Passage besonders beeindruckt:

Es war kein anderer als der junge Jürgen Habermas, der Anfang der fünfziger Jahre als einer der Ersten und mit Durchschlagskraft in der FAZ auf die Nähe von Heideggers Denken zu den Grundlagen der NS-Ideologie hinwies, nicht ganz zu Recht, aber mit Folgen, die heute noch spürbar sind.

“Nicht ganz zu Recht”! Ein Journalist, der einmal ein Buch über Helmut Kohl publizieren durfte, weiß über Heidegger besser Bescheid als Habermas. Ha-ha!

Der Brief von Habermas an die Redaktion ist dagegen sehr wohl zu empfehlen (Link). Ironisch, klar, würdevoll, schön bissig. Ich zitiere daraus den Anfang und den Abschluss:

Jürgen Busche betätigt sich als Denunziant, indem er auf der Grundlage von längst widerlegten Gerüchten Unwahrheiten insinuiert. Wenn man sich den Kreis derer vergegenwärtigt, von denen man weiß, dass sie das Gerücht kolportiert haben – Fest, Lübbe, Koselleck, und (nun erst?) Busche – erkennt man die erneute Denunziation als das, was sie ist: als Fortsetzung einer politischen Hetze, der ich vonseiten der FAZ insbesondere in den 70er und 80er Jahren ausgesetzt war. Fest hat mir offenbar die Kritik an jenen Vordenkern des NS-Regimes übelgenommen, die er in seinem Blatt rehabilitieren ließ. (…)

Wenn der Umstand, dass ich von Herrn Fest posthum – und von dessen ehemaligem Angestellten Busche genötigt werde, mich über diese Lappalien zu äußern, eines lehrt, dann etwas von der Ranküne, die das Klima der Bundesrepublik Jahrzehnte lang vergiftet hat.

Die “Cicero” dreht das um, legt nach und setzt die Verleumdung fort:

Habermas beschuldigt nicht Fest, sondern Busche. Eigentlich beschuldigt Habermas nicht, sondern verteidigt sich gegen die Verleumdung. Das “Politmagazin” geht dem nicht nach, sondern gibt einem jeden seine Meinung oder findet einen, der mutig genug ist, um die Verleumdung auszusprechen. Oder wie war es mit den Bild-Parolen? Machen das nächste Heft von “Cicero” Gäste von der “Bild”? Ist es schon soweit?

UPDATE: Wie ich gerade entdeckt habe, hat Markus Schwering schon am 24.10 im “Kölner Stadt-Anzeiger” die Story zu Ende recherchiert (Link). Joachim Fest sieht anschliessend nicht gut aus. Die “Süddeutsche”will dieselbe Recherche erst heute gemacht haben, ohne sich auf Schwering zu beziehen (Link). Lehrreich!

André Glucksmann empört sich

Sonntag, 20. August 2006

Der “Tagesspiegel” hat den rhetorisch glänzenden Text des französischen Philosophen André Glucksmann nachgedruckt. Das Original erschien am 8.8.2006 (Link), der “Perlentaucher” übersetzte es am 9.8. (Link) und die Zeitung folgte am 18.8. (Link). Ein treffender Kommentar ist bei Jeff Weintraub nachzulesen (Link).

Eine inkommensurable Philosophie

Mittwoch, 2. August 2006

Peter Sloterdijk bleibt dem Konflikt im Nahen Osten nicht fern. Der Philosoph muss laut denken, wenn er interviewt wird. Für die Zeitung “Kölner Stadt-Anzeiger” wurde es zum Anlass, das Interview mit ihm kommensurabel zu betiteln:

Dass nicht alle im Kessel verrückt werden

Damit endet Sloterdijk im Interview, so dass wir noch einmal darauf kommen werden, was er hier meint und was daraus durch den Titel wird. Die Passage, die mich interessiert, beginnt mit einer unschuldigen Feststellung des Journalisten:

Auch für Israel fürchten Sie noch mehr Attacken von außen.

Eine berechtigte Frage, die eigentlich nur mit einem “ja” zu beantworten wäre, wäre sie als eine Frage geäußert worden. Ein Philosoph findet aber den Ausweg aus jeder auswegslosen Situation und mehr Worte, um weniger deutlich zu werden:

SLOTERDIJK: Israel ist eine Nation, die begonnen hat, den Zustand des Krieges mehr denn je zu verinnerlichen. Die Israelis erleben den Ausnahmezustand als Dauerzustand. Das macht die Entscheidungen eines solchen Landes zunehmend moralisch inkommensurabel.

Durch die Vermeidung der Ja-Antwort und die Übersetzung der aktiven Rolle in eine passive geschieht ein Wunder. Israel verinnerliche den Zustand des Krieges, dazu noch mehr denn je. Weder sei Israel angegriffen noch greife an, es sei vielmehr der existenzielle Zustand, das Erleben des Ausnahmezustandes als Dauerzustand durch eine sowieso kafkaeske Nation, die im Unterschied zu allen anderen Nationen begonnen habe, dies endlich zu verinnerlichen. In dieser Darstellung ist Israel kriegerisch, weil es nicht anders kann. Nicht anders - weil es einfach so ist, aus dem Innern der Nation heraus. Klar, wenn man so lebt, wird man verrückt. Dann sind Entscheidungen eines solchen Landes auf die Dauer nicht als normal zu erachten. Inkommensurabel bedeutet irrational, in diesem Kontext. Der große Moralist führt Israel vor: Eine Nation, die ohne den Krieg nicht leben kann und sich moralisch vollkommen daneben benimmt. Oha!

Der Journalist wird ungeduldig und will das Wort “inkommensurabel” anders deuten:

Diese sind dann unvergleichbar?

Der große Logiker belehrt ihn:

SLOTERDIJK: Was immer getan wird, es wird dilemmatisch. Im Dilemma kann man nur zwischen Fehlern wählen.

Israelis seien nicht nur existenziell amoralisch, sie können nicht anders. Es gäbe für sie keinen Ausweg, sie hätten immer nur zwei Lösungen vor Augen und müssten sich immer dazwischen entscheiden. Und weil Sloterdijk für sie für immer nur zwei Lösungen parat hat, können sie nur verlieren, weil der große Scherzkeks vorsorglich für sie nur fehlerhafte Lösungen ausgesucht hat.
Der Journalist versteht langsam die Ausweglosigkeit auch seiner eigenen Lage und kann nicht einmal eine Frage richtig formulieren, er stottert:

Diese Ausweglosigkeit kennzeichnet auch den aktuellen Konflikt?

Der große Seelsorger merkt das und beruhigt ihn:

SLOTERDIJK: Man muss darauf gefasst sein, dass die israelische Festung sich immer weiter in sich selber vergräbt. Die größte Leistung Israels wird dann wohl darin bestehen, dass nicht alle im Kessel verrückt werden.

Philosophen wollten schon immer prophezeien, am besten sibyllisch. Israel sei eine Festung und werde sich in sich selber vergraben müssen, immer weiter. Ich darf dazu anmerken, ohne jetzt frech werden zu wollen, dass der kafkaesk denkende Seher von einem “Schloss” ausgehend einem Staat wünscht, “Festung” zu werden, um zu bestehen. Israel könnte das gebrauchen, nur ist diese Prophezeiung schwer zu verwirklichen. Auf diese Weise prophezeit Sloterdijk dem Staat den Untergang auf seine feine dilemmatische Weise, weil er den anderen Philosophen überlässt, dialektisch zu denken. Aporien sind ihm angenehmer und lassen sich leichter im Rahmen eines Interviews darlegen, so dass der Journalist endlich verstummt.
Die Zeitung macht sich auf eine aberwitzige Weise lustig mit der Wahl des letzten Nebensatzes zum Titel der Publikation. Israel ist eingekesselt und wird zum Untergang verurteilt. Ein Trostwunsch wird ausgesprochen: Ade , Leute, nur nicht verrückt werden. Wir werden über euch weiter moralisch plaudern, am besten kommensurabel. Wenn wir das nicht schaffen sollten, dann wenigstens kommerziell. Oder immensurabel? Oder immens? Vielleicht noch mehr schön klingende Worte, um als philosophisch durchzukommen?

Ein Tüpfelchen habe ich noch: Im hochgeschätzten Blog “Die Achse des Guten” hat Hannes Stein im oben zitierten Text “lauter vernünftige Sachen” entdeckt. Wenn das kein Erfolg des Orakels von Karlsruhe ist?