Archiv für die Kategorie ‘Pretzien’

Zwei positive Meldungen

Freitag, 9. März 2007

Die eine davon - ein Meinungsartikel von Stephan Hebel in der “Frankfurter Rundschau” (Link). Es geht dabei um den Pretzien-Fall und das Gerichtsurteil:

Es ist zu hoffen, dass das Urteil wenigstens diesen Nazi-Nachahmern im Miniatur-Format so weh tut, dass sie sich besinnen. Wären sie die einzigen, dann wäre die Sache damit erledigt. Aber leider ist rechtsextremes Gedankengut weiter verbreitet als nur in Pretzien. Es hilft nur eins: Die Politik und jeder Einzelne müssen endlich aufhören, das Problem zu dulden oder kleinzureden. 

Die andere - drei Leserbriefe in der FAZ. Alle drei beziehen sich auf den unsäglichen Artikel von Konrad Löw (Link). Da lobe ich mir die Menschen, die sich dagegen stellen:

Persönliche Eindrücke

Wie in seinem 2005 erschienenen Buch “,Das Volk ist ein Trost’ - Deutsche und Juden 1933-1945 im Urteil der jüdischen Zeitzeugen” hat Konrad Löw wieder einmal alles zusammengesucht, was die Deutschen von ihren unter den Nazis begangenen oder geduldeten unmenschlichen Untaten irgendwie entlasten könnte (F.A.Z. vom 1. März). Was er jedoch anführt, sind keine empirisch ermittelten oder wissenschaftlich erarbeiteten Studien, sondern durchweg persönliche Eindrücke und Erfahrungen einzelner Menschen. Mit Leichtigkeit lassen sich ebenso viele, wenn nicht noch mehr Gegenstimmen anführen von jüdischen und anderen Opfern, die nicht die Solidarität und Hilfsbereitschaft von Deutschen erfahren haben, sondern im Gegenteil verraten und verkauft worden sind. Insofern sind und bleiben Löws Behauptungen eine Zumutung - nicht nur für die Opfer.

Ursula Homann, Arnsberg

 

Zeitzeugenberichte

Mit einigem Erstaunen habe ich den Artikel von Konrad Löw “Juden unerwünscht” (F.A.Z. vom 1. März) zur Kenntnis genommen. Eine historische Tatsachenbehauptung wie “Ausschreitungen gegen Juden fanden” in der deutschen Bevölkerung “außerhalb der NSDAP kaum Zustimmung” mit einer Aneinanderreihung von Zeitzeugenberichten belegen zu wollen, ist methodisch völlig unzureichend. Dass diese Erinnerungen von jüdischer Seite kommen, ändert nichts an der Unzulänglichkeit dieses Vorgehens - wer nur lange genug suchte, fände jede Menge Zeitzeugenberichte für die gegenteilige Behauptung. Für die Bearbeitung eines so wichtigen Themas ist methodische Phantasie erforderlich; mit Dilettantismus kommt man ihm nicht bei, mag er auch noch so belesen daherkommen.

Dr. Mark Spoerer, Tübingen

 

Speerspitze

Mit dem Abdruck des Artikels “Juden unerwünscht” (F.A.Z. vom 1. März) hat sich Ihre Zeitung zur Speerspitze des deutschen Revisionismus gemacht. Schon frühere Artikel wiesen in diese Richtung: polnische Vorbehalte gegenüber dem Bund der Vertriebenen wurden als pathologisch beiseite gewischt, die Restitutionsforderungen von Opfern des Nationalsozialismus und ihren Abkommen als gierig bekämpft und die Flächenbombardierungen durch die Alliierten als rachsüchtige Kriegsverbrechen verdammt.
Julian und Steven Arons, Frankfurt am Main

Die wiederhergestellte Ehre der Anne Frank

Donnerstag, 27. Juli 2006

Diese Nachricht würde ich als das erste positive Resultat des Pretzien-Vorfalls betrachten. Sie wird eine langfristige Wirkung haben, und sie ist eine gute Verarbeitung.  Das Bundeskriminalamt hat nämlich ein Zugeständnis gemacht. Was wir alle längst ahnten: Sein Papier vor zwanzig Jahren war unsauber.

Jetzt heißt es,

“Kriminaltechnisches Gutachten von 1980 begründet keine Zweifel an der Echtheit der Anne-Frank-Tagebücher”. <…> Das Gutachten, teilte die Behörde unter anderem mit, könne “nicht dafür in Anspruch genommen werden, die Authentizität der Tagebücher der Anne Frank in Zweifel zu ziehen. Das BKA distanziert sich entschieden von allen in eine solche Richtung zielenden Spekulationen.”

Die weitere kleine Geschichte ist ein feines Beispiel, wie es zuerst ausgesehen hat:

Dr. Werner, leitender wissenschaftlicher Direktor beim BKA, hatte in einer Expertise notiert, bei seiner Untersuchung der Tagebuch-Manuskripte seien ihm mehrere mit farbigem Kugelschreiber verfasste Korrekturen aufgefallen - Kugelschreiber, der erst nach dem Krieg auf den Markt gekommen war. Das sollte er den niederländischen Fachleuten erklären.

Gut zwanzig Jahre sind seit dem Besuch des BKA-Mannes in Amsterdam vergangen. David Barnouw hat die Begegnung nicht vergessen.

“Wir haben dem BKA-Mann gesagt: ,Bitte schön, hier sind die Originale der Anne-Frank-Tagebücher - zeigen Sie uns, wo sehen Sie Kugelschreiber?’” Barnouw schweigt einen Moment, dann lacht er säuerlich. “Er hat sehr lange in dem Manuskript gesucht und schließlich gesagt: Er findet nichts mehr. Er konnte sein eigenes Gutachten nicht mehr erklären! Das war natürlich ziemlich peinlich für einen wissenschaftlichen Sachverständigen.”

Die TAZ schließt ab:

Eine schlechte Nachricht für alle Rechtsextremen, die seit Jahren die Legende um das BKA-Gutachten politisch ausschlachteten. Eine gute Nachricht aber für alle anderen.

So ist es!

Pretzien weitet sich aus

Mittwoch, 12. Juli 2006

Die rechtsradikale Szene, die eine kleine nette Bücherverbrennung installiert hat, bleibt weiter im Gespräch. Die unschuldigen Mitbürger schauen weiter zu, die Polizei schreitet auch nicht ein.

Oliver Schlicht von der “Volksstimme” hat mehr herausgeholt:

Der Vorfall in Plötzky (Landkreis Schönebeck) ereignete sich am 25. Mai, also etwa vier Wochen vor der Sonnenwendefeier in Pretzien. Am 24. Juni hatten sechs Mitglieder des inzwischen aufgelösten Vereins “Heimat Bund Ostelbien” während einer Feuer-Zeremonie ein Anne-Frank-Tagebuch und eine USA-Fahne verbrannt.

Mitglieder dieses “Heimat Bund”-Vereines waren durch Hemden aufgefallen, die die Aufschrift “Wehrmacht Pretzien” trugen. Eine Gruppe von etwa zehn jungen Männern mit solchen Hemden sorgte bereits am 25. Mai auf dem Campingplatz “Ferienpark Plötzky” für den Abbruch einer Himmelfahrtsfeier. Der Vorfall wurde erst jetzt bekannt. Die Magdeburger Polizei, die am Himmelfahrtstag mit etwa 20 Beamten vor Ort war, bestätigte den Einsatz gestern auf Volksstimme-Nachfrage.

Nach Darstellung der Campingplatzinhaber, Astrid und Wolfgang Schulle, brüllten die Männer mit den “Wehrmacht Pretzien”-Hemden über mehrere Stunden Parolen [...] Es war ein Alptraum, erinnern sich die beiden. Auch zahlreiche ausländische Gäste seien Zeugen des Vorfalls geworden.

Zuerst möchte ich darauf aufmerksam machen, dass im Text sechs und nicht wie früher drei Beteiligte an der Bücherverbrennung aufgezählt werden. Die Zahl zehn für den Vorfall im Mai ist für ein Dorf auch keine geringe Menge.

Wolfgang Schulle: “Wenig später trafen drei Einsatzfahrzeuge mit etwa 20 Beamten ein. Sie blieben zunächst neben ihren Fahrzeugen stehen.” Die Pretziener Gruppe habe den nur etwa zehn Meter entfernten Polizisten ihre Parolen unverhohlen entgegengerufen. Astrid Schulle : “Ich habe immer gefragt: ,Hören Sie nicht, was die rufen? Warum nehmen Sie die nicht mit?‘ Aber nichts passierte.” Stattdessen habe eine Jagd nach dem Mann eingesetzt, der die Schranke beschädigt hatte. Wolfgang Schulle: “Die Rechten und die Polizei sind zwischen Kiosk, Gaststätte und Rezeption immer hin und her gerannt.”

Nach etwa 30 Minuten sei der “Schrankenbeschädiger” gestellt worden, die Polizei rückte ab. Eine Festnahme wegen eines Hitlergrußes habe es schließlich doch noch gegeben. “Dann ging es noch bis 20 Uhr weiter. Immer wieder wurden rechtsextreme, antijüdische Parolen gerufen”, so Wolfgang Schulle. Das Fest wurde abgebrochen. Dem privaten Sicherheitsdienst sei es schließlich gelungen, die Pretziener Gruppe vom Campingplatz zu drängen. “Es gab anschließend jede Menge bestürzte Gäste vor allem aus den alten Bundesländern. Das sei hier ja noch schlimmer als immer in der Zeitung steht, haben die gemeint”, so Wolfgang Schulle.

Die Polizei in Magdeburg bestätigte gestern einen Einsatz der Einsatzhundertschaft des Landes am besagten Abend in Plötzky. “Wir wurden wegen Sachbeschädigung gerufen. Der Mann wurde ermittelt, seine Personalien wurden aufgenommen”, so Polizeisprecher Ralph Völkel. Beim Abmarsch zu den Einsatzwagen habe sich den Polizisten ein Mann in den Weg gestellt, den Arm zum Gruß gehoben und, Heil Hitler!‘ gerufen. Völker: “Dieser Mann trug ein, Wehrmacht Pretzien‘ - Hemd. Er wurde mitgenommen und nach Magdeburg gebracht.” Von anderen rechtsradikalen Äußerungen hat Völkel nach eigenen Aussagen derzeit keine Kenntnis. “Es war ein Einsatz unter vielen am Himmelfahrtstag”, so der Polizeisprecher.

Na wunderbar. Dieselbe Zeitung berichtet:

Innenminister Holger Hövelmann (SPD) hat die Kommunen gestern per Erlass durch das Landesverwaltungsamt aufgefordert, öffentliche Einrichtungen und Plätze nicht für rechtsextreme Veranstaltungen zu vergeben. Er reagierte damit auf die Verbrennung eines Exemplars des Tagebuchs der Anne Frank in Pretzien und auf eine als Kinderfest getarnte NPDVeranstaltung in Bad Kösen.

Der Innenminister betonte, alle Ebenen der öffentlichen Verwaltung trügen gemeinsam Verantwortung dafür, die demokratische Zivilgesellschaft zu stärken. “Rechtsextreme, antisemitische und ausländerfeindliche Parolen dürfen keinen öffentlichen Raum finden”, sagte Hövelmann. Zugleich kündigte er an, Verfassungsschutz und Polizei würden ihre Erkenntnisse über bevorstehende rechtsextreme Aktionen den Kommunen verstärkt vorab zur Verfügung stellen. Die interne Kommunikation müsse optimiert werden, sagte er. Hövelmann: “Wir wollen die handelnden Akteure vor Ort für das Thema sensibilisieren. Sie sollen genauer hingucken, wer sich anmeldet.” Und: “Wir müssen jede Möglichkeit nutzen, um die Situation zu verbessern. Das ist nur ein Baustein von vielen, aber ein ganz wesentlicher. [...] Morgen will das Land ein Zeichen gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus setzen. Ab 10 Uhr werden in den Berufsbildenden Schulen des Landkreises Schönebeck Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU), der amerikanische Generalkonsul Mark D. Scheland, Landtagspräsident Dieter Steinecke (CDU), Justizministerin Angela Kolb (SPD) sowie der Schauspieler und Theaterintendant Peter Sodann aus dem Tagebuch der Anne Frank vorlesen. Es folgt eine Diskussion mit Schülerinnen und Schülern. Im Anschluss ist ein nichtöffentliches Gespräch Böhmers mit Bürgern von Pretzien geplant.

Gut, immerhin etwas kommt in Bewegung. Allerdings bei weitem noch nicht alles. Nur bei den Linken kann man das inzwischen nicht anderswo zugängliche Foto des ehemaligen Innenministers Sachsen-Anhalts Klaus Jeziorsky und des Bürgermeisters von Pretzien Friedrich Harwig mit den netten “Jugendlichen” aus dem inzwischen aufgelösten “Heimatbund Ostelbien” sehen. Na, dann will ich das Foto wiederholen:

Über das Verhalten der Ehefrau des ehemaligen Innenministers bei der Bürgerversammlung haben mehrere Beobachter schon erzählt. Wir sind geduldig und können länger warten.

Weltweit kommen weitere Reaktionen. Komisch kommentiert die britische “Mirror” die Ereignisse:

It is not true that Germany has completely reinvented itself.

In the middle of the World Cup, 100 German neo- Nazi skinheads smashed up a midsummer festival in Pretzien, a village in the former East Germany. The neo-Nazis used a copy of The Diary Of Anne Frank as a football, built a bonfire and burned it.

And anyone who thinks that Germany is a successful multi-racial country should try talking to the German of Ethiopian descent who was nearly kicked to death in Potsdam on Easter Sunday.

There is still something rotten at the heart of Germany that only a fool could deny. It is fuelled by the messy aftermath of Communism, the sluggishness of the German economy and by the stupidity of young men who can’t see that Nazism was an act of national suicide.

Die Zahl 100 beteiligter Neonazis ist bis jetzt die größte Erfindung, ich glaube, die Bewohner Pretziens werden sich darüber freuen. So oder so, der Autor Tony Parsons meint das offensichtlich gut, im Sinne: Das ist nicht zu viel für die Verhältnisse.

Interessant verharmlosend ist dagegen die Meldung der dpa, die am 6.7.2006 verbreitet und kaum beachtet wurde. Mehr Kommentare gibt es nicht. Ist das gut oder schlecht?

Noch kein Kommentar

Sonntag, 9. Juli 2006

Die ungewöhnlich durchdachte und absolut überzeugende Reaktion der Landesregierung Sachsen-Anhalts äußert sich in weiterem Schweigen, das Dorf Pretzien steht hinter seinem Bürgermeister wie es sich gehört. Drei Presseberichte und ihre Wirkung sollen hier vorgestellt werden.

In der Zeitschrift “Fokus” kann man einen ruhigen Beitrag über die Abläufe und die Reaktion im Dorf lesen. Alexander Wendt zitiert darin zum Beispiel diesen Bürgermeister:

Wie viele aus dem Ausland zugezogene Leute gibt es eigentlich in Pretzien, Herr Bürgermeister? „Eine“, antwortet Harwig. „Eine Brasilianerin, die hierher geheiratet hat.“ „Aber wenn sie jemand von hier geheiratet hat, dann wird sie doch automatisch auch Deutsche?“ Harwig schweigt und sieht zur Seite, als läge dort irgendwo ein Spickzettel mit der richtigen Antwort.

„Das sieht wohl nicht jeder im Dorf so?“ „Nein, sagt Harwig, „das sieht nicht jeder im Dorf so…“ „Aber hätten Sie nicht an diesen Sprüchen über Ausländer merken müssen, wo Ihr Vereinskamerad politisch steht?“Wieder eine Pause.

Und dann sagt der Wahlbeamte Friedrich Harwig die Sätze, die mehr erklären als hundert Kilo Forschungsberichte über die gottverlassene ostdeutsche Provinz: „Wie hätte ich bei den Sprüchen darauf kommen sollen, dass er in der NPD ist? Wissen Sie, diese Ansichten über Ausländer finden Sie hier auch bei ganz gestandenen Unternehmern.“

Im ländlichen Sachsen-Anhalt liegt der Ausländeranteil bei zwei bis drei Prozent. Wer hier mit dunklerer Hautfarbe lebt als andere, der muss ausgefeilte Sicherheitsstrategien entwickeln. Sonst geht es ihm wie dem Jungen in Pömmelte, einem Dorf ganz in der Nähe von Pretzien.

Weil der 12-Jährige als Sohn eines Äthiopiers etwas anders aussah als die Einheimischen, prügelten ihn Rechtsradikale aus dem Ort 90 Minuten lang, brachen ihm die Nase und drückten Zigaretten auf seinem Augenlid aus. Niemand in Pömmelte sah etwas. So, wie auch die Honoratioren von Pretzien nicht wahrnehmen, was sie nicht wahrnehmen wollen, und Rechtsradikale eingemeinden, als ginge es um einen Anglerverein.

Bemerkenswert sind ausserdem die Leserkommentare, die fast ausschliesslich stark gebräunt aussehen und ihre Farbe gar nicht verstecken. Vox populi, sozusagen.

Die israelische “Haaretz” bringt am 6.7. einen kurzen Beitrag von der Presseagentur Associated Press. Böhmer schäme sich, der Heppener glaube an das Gute. Die Zeitung wundert sich nicht, keine Empörung, nach dem Motto - nichts Neues… Viele amerikanische Zeitungen geben den Artikel von Reuters weiter, der von Dave Graham am 7.7. ins Netz gestellt wurde. Alles richtig, eine klare Zusammenfassung, auch keine Emotionen in Sicht. Nur das eine habe ich nicht verstanden:

This act was beneath contempt and could scarcely have been more primitive,” the German Interior Ministry said in a statement to Reuters.

Wenn es der bekannte Freund der Blonden und Blauäugigen ist, dann würde ich gerne wissen, warum er den schwerwiegenden und folgensschweren Satz so verstohlen und unter einer so hohen Geheimhaltung sagt, so dass nur der wilde Westen davon etwas mitkriegt?

Verniedlichung mit Tränen

Samstag, 8. Juli 2006

Die ersten Berichte über die Bürgerversammlung im Dorf Pretzien sind durch die Zeitungen gegangen.Der empfindsame Pastor, der weinende Bürgermeister, die mutige Mitarbeiterin vom Ordnungsamt Schönbeck, die ganz privat das Verbrennungsfest beendet hat, weil zu viel getrunken wurde, all diese Figuren, inklusive der drei Neonazis, die immer wieder als Jugendliche verniedlicht werden, sind für einen Politroman einer Anna Seghers wie erschaffen.

Zuerst ein paar Zitate. Am ausführlichsten beschreibt Deike Diening die Lage im Dorf:

Der Pfarrer für die Dörfer Pretzien und Gommern, Alexander Holtz, leitet die Versammlung. Er will, dass alle ihre Stühle zu einem Kreis zusammenstellen. In die Mitte die Pretziener, am Rand die Medien. Jeder soll heute alles sagen dürfen. In die Mitte stellt er „ein Licht für die Hoffnung, die uns verbindet, und ein Glas Wasser für die Klarheit, die wir jetzt brauchen“.

„Drei junge Männer haben mit ihrer Tat unser Gemeinwesen beschmutzt“, sagt er. Und: „Manche von uns hätten wissen müssen, dass hier eines Tages so etwas passiert.“ Doch es solle niemand verurteilt werden heute. Sie wollen sehen, ob sie noch ein Dorf sind, trotz allem. Deshalb sind sie hier. Und dann wird die Gemeinde zu einem vielstimmigen Chor.

„Ich bin schockiert über die Tat, aber froh, dass so viele Bürger hier zeigen, dass wir nicht damit einverstanden sind“, sagt jemand. – „Ich verurteile die Tat, aber auch die, die unser Dorf verurteilen“, ruft einer. – „Haben nicht beim Hochwasser die Jugendlichen mitgekämpft?“, erinnert jemand. – „Wenn die Jugend geht, ist die Zukunft weg!“ – „Denkt mal an den Fasching, das haben sie super gemacht!“

Also, erhebt sich einer, er wolle jetzt nur einmal sagen, dass bei der Verbrennung auch von Gästen Beifall kam. – „Die Verniedlichung fängt schon damit an, dass wir immer von Jugendlichen reden. Es handelt sich um Männer von 24, 27 und 28 Jahren, die sind für ihre Taten verantwortlich“, sagt ein anderer.

Und dann steht Bürgermeister Friedrich Harwig auf. Harwig, der nicht reagiert hat, als das Feuer auch an seiner Ehre fraß. Er hat einen Schnurrbart und Kopfschmerzen. „Ich habe mit hier draußen gestanden“, sagt Harwig. „Kameras aus!“ brüllt einer. „Von klein auf weiß ich, dass es das Schlimmste ist, wenn Bücher verbrannt werden, und als ich dann noch hörte, es war das Tagebuch …“ Er stockt. „Ich habe von diesem Moment an neben mir gestanden.“ In seiner Zeit als Bürgermeister hätten immer mehr Menschen zu ihm Vertrauen gewonnen. Auch „diese jungen Menschen“ hätten Vertrauen gewonnen. „Aber man kann Menschen ändern“, sagt er und: „Wenn man mich heute fragte: Ich würde wieder versuchen, die Jugendlichen herbeizuziehen.“

Die Stimmung ist gespannt. Allen, auch dem Pfarrer, fällt das Reden schwer. „Entweder wir reden miteinander, oder wir schlagen uns die Köpfe ein“, sagt er. „Aber die Köpfe haben wir uns in Deutschland schon einmal eingeschlagen.“

Silvia Franke, 48 Jahre, weißer Rock und goldene Creolen, könnte die Heldin sein. Sie hat bei dem Fest schnell reagiert. Sie hat das Mikro ergriffen und ihren Austritt aus dem Heimatbund bekannt gegeben, in den sie erst acht Wochen zuvor eingetreten war. Dann hat sie das Fest beendet. Als die Staatsanwaltschaft kam, da habe sie auch nicht so getan, als wisse sie nicht, wer es gewesen sei, wie so viele andere im Dorf. Das sei ja albern. Jetzt aber sagt sie: „Die Jugendlichen aus dem Bund haben viel für den Ort getan. In all den Jahren konnte ich nicht feststellen, dass diese jungen Leute innerlich dieser Überzeugung anhängen.“ Letztlich seien sie doch die Einzigen gewesen, die etwas Schwung in den Ort gebracht hätten. Vielleicht sei sie naiv gewesen. Aber es sei scheinheilig von den Pretzienern, die jetzt sagen, sie hätten es ja immer gewusst. Und es stimmt, sie arbeite beim Ordnungsamt Schönbeck, aber dort habe sie gerade Urlaub. Nicht „das Ordnungsamt“ habe deshalb das Fest beendet, sondern sie, Silvia Franke, ganz privat. [...]

Immer wieder erheben sich Stimmen, die Jugendlichen sollen endlich selber reden. „Das können wir nicht verlangen“, sagt der Pfarrer. „Wir können sie nur bitten.“ – Schweigen. „Es wird ihnen eventuell helfen.“ – Schweigen. Ein älterer Mann erhebt sich. Das Problem seien die Medien. Die Beteiligten würden sprechen, wenn nicht die Presse im Raum wäre. Es sei dann doch eine Angelegenheit der Bürger untereinander.

Einer springt auf und geht durch die Reihen. Es ist ja ganz angenehm, wenn man wieder weiß, wer der Feind ist. „Da ist noch einer“, sagt er. „Los, raus.“ – „Die haben jetzt bloß ihre Stifte weggesteckt.“ – Die Medien, denen sie eben noch vorgeworfen haben, nie genug zu recherchieren, werden rausgeschickt. Die Türen schließen sich. „Da filmt noch einer durch die Glastür!“ Dann Schweigen.

Er solle besser im Sitzen reden wegen der Kameras vor dem Fenster. Die Leute des Dorfes wenden nicht die Köpfe, sie gucken nach vorne und nach unten. Vermutlich wissen ohnehin alle, wer jetzt spricht. Die Stimme hat den Stimmbruch schon lange hinter sich. Sie haspelt etwas, dann entschuldigt sie sich für die Tat, bei dem Dorf Pretzien, dem Schaden entstanden sei. Und sie entschuldigt sich bei ihrem Bürgermeister, Friedrich Harwig. Ihre Verfahren jedoch, die seien schwebend, weshalb man weiter nichts sagen könne.

Das war’s. Nichts zur Tat. Keine Reue.

Pfarrer Holtz ist ein lauterer Mensch. Wer mit ihm redet, hat das Gefühl, direkt mit seinem Gewissen zu sprechen. Dumpf und ohnmächtig kam ihm die Versammlung vor. Voll unterschwelliger Aggression. Jetzt, in seiner Rolle als Privatmensch, kann er das sagen. „Die waren ja alle auf Linie gebracht – es ging darum, den Bürgermeister zu schützen.“ Niemand habe sich wirklich geöffnet.

„Die Leute hier haben die Nazis marschieren sehen, und dann die FDJ, die machen vieles mit. Die wollen eigentlich nur ihre Ruhe.“ Vor einiger Zeit wollte Holtz einmal im Nachbarort Gommern rechte Plakate entfernen. Das sei gefährlich, bedeutete man ihm. Gefährlich? [...]

Harwig hat häufig Kopfschmerzen. „,Stirb langsam‘ – kennen Sie den?“, fragt er. So fühlt er sich. Harwig hat schon wieder ein schlechtes Gefühl, das Gefühl, sich um Kopf und Kragen geredet zu haben. Und es passiert ihm seit dem 24. Juni immer wieder. Einer der Jungs hatte ihm einmal erzählt, er würde niemals Sex mit einer Ausländerin haben. Das hat er einem Journalisten erzählt.

Früher hätten die Rechten die Nazis aus ganz Deutschland hierher eingeladen. Aber seit es den Heimatbund gibt, habe das aufgehört. Harwig fragte sie mehrmals in den letzten Jahren, „auf Ehre und Gewissen“: Habt ihr noch Kontakt zu euren Nazis? Nein. Gut. Das war das Wichtigste. Sie organisierten fortan bei Dorffesten die Chroniken, ein Wissensquiz, dann haben sie die gesamte Organisation übernommen.

Etwas genauer ist Oliver Schlicht von der “Volksstimme” bei dem Journalisten-Teil:

Ein Thema, das viele Besucher bewegte, war die Medien-Darstellung ihres Dorfes in Zusammenhang mit dem Sommersonnenwendefest. “Noch entsetzter als über die Tat bin ich über die Zeitung”, so eine junge Frau : “Wir sind doch kein Nazidorf.” Ein Herr, der, wie er sagte, vor zehn Jahren aus Nordrhein-Westfalen nach Pretzien gezogen sei, äußerte sich ähnlich: “Die Art und Weise der Berichterstattung hat mir größere Übelkeit erzeugt, als die Tat selbst.”

Eine andere Meinung hatte ein Herr mittleren Alters : “Diese Versammlung bringt mir wenig Aufklärung. Hier wird immer wieder von falscher Berichterstattung und von Schreiberlingen gesprochen. Aber niemand sagt, was denn nun eigentlich falsch war ?”

Auf eine “Falschmeldung”, wie sie sagte, machte die Mitarbeiterin des Ordnungsamtes, die nach Auskunft des zuständigen Dezerneten in Schönebeck das Fest wegen der Buchverbrennung abgebrochen hatte, aufmerksam. “Ich habe die Veranstaltung nicht als Ordnungsamtsmitarbeiterin, sondern als Mitglied des ,Heimat Bund‘ -Vereines abgebrochen. Doch mit mir hat ja kein Medienvertreter gesprochen”, bedauerte sie. Anschließend sei sie sofort aus dem “Heimat Bund” ausgetreten.

Der selbe Oliver Schlicht äußert in der Zeitung seine Meinung extra:

[...] Es war ein geplanter Akt der Volksverhetzung, den das Gesetz zu Recht unter Strafe stellt. Der Staatsanwalt und die Polizei ermitteln. Doch um die wirklich Schuldigen, drei junge Männer, scheint es im Fall Pretzien nur am Rande zu gehen.

Das Thema Rechtsradikalismus setzt häufig einen Reflex an öffentlicher Schuldzuweisung in Gang, der vor allem eines bewirken soll: politische Profi lierung. In der Bewertung der Vorfälle von Pretzien war verdächtig schnell der Bürgermeister als Hauptschuldiger ausgemacht. Die Druckertinte im ersten Zeitungsbericht war noch nicht trocken, da hatte ihn seine Linkspartei schon zum Austritt aufgefordert. Er wurde wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen. Ein 66-jähriger Ehrenamtlicher, der überfordert ist mit der Situation, dass aus netten Jungs, deren Mütter und Väter er kennt und schätzt, plötzlich Straftäter werden.
Das ist schon bitter, wie eine demokratische Partei ihr Mitglied in einer politisch verzwickten Lage abserviert. Kurzer Prozess, wie früher. Dabei hätten der Bürgermeister und die Gemeinde Pretzien jetzt vor allem eines nötig : keine Schuldzuweisungen, sondern Solidarität. Aber auch die Hilfe der Politprofi s aus der Region blieb bislang aus. Hilfe von Volks-Vertretern, die ein Volk vertreten in der Not. Die Meinungen lenken, die Dinge ins rechte Lot rücken. Die den Weg weisen, was zu tun ist. Die Hoffnung vermitteln. Aber kein Landrat, kein Schönebecker Oberbürgermeister hat sich blicken lassen im Pretziener Gemeindehaus, als es förmlich umstellt war von Presse. Kopf einziehen, in Deckung gehen, warten, bis es vorbei ist, scheint die Devise zu sein. Wen wundert da, dass sich die Gemeinde gleich einer Wagenburg um den Bürgermeister schließt?

Nicht Pretzien, nicht der Bürgermeister haben aber das Buch ins Feuer geworfen. Das waren drei Männer, um die sich jetzt der Staatsanwalt kümmert. Die Gemeinde muss sich den Vorwurf gefallen lassen, ein Stück weit zugelassen zu haben, dass es dazu kommen konnte. Es bedarf nicht viel, um das in Zukunft zu verhindern. Mehr Wachsamkeit und mehr Courage sollten am Anfang stehen.

Der Journalist ist offensichtlich grenzwertig mutig: Er beschuldigt die Politiker auf der Landesebene, dass sie sich nicht gezeigt haben, auf die der höheren Ebene darf er nicht hinweisen, das ginge zu weit. Noch mutiger ist sein Angriff auf die Linke Partei, sie hat selbstverständlich die Verantwortung für alles aus der ehemaligen DDR. Noch mehr hat mich seine Indulgenz an die Zuschauer der Bücherverbrennung überzeugt. Es seien doch nur die drei die bösen gewesen…

“Die Welt” nutzt die Gelegenheit auch, um gegen die Linke Partei zu agitieren:

Lange schon warnen Rechtsextremismus-Experten vor politischer Distanzlosigkeit, die vornehmlich im Osten zu beobachten sei. Der Raum Schönebeck gilt mittlerweile als ein Schwerpunktgebiet der rechten Szene. Empört hatten die Einwohner von Pretzien am Mittwoch abend bei einer vom Dorfpfarrer moderierten Zusammenkunft im Gemeindezentrum “Alter Krug” den Vorwurf zurückgewiesen, ein “Nazidorf” zu sein. Eingeladen zum Treffen hatte Bürgermeister Harwig. Er habe “ein Messer in den Rücken bekommen, aus einer Richtung, von der ich es nicht vermutet habe”, sagte er in der Aussprache. Gemeint war die Linkspartei, die nun froh ist, den renitenten Lokalpolitiker nicht mehr in ihren Reihen zu wissen.

Sabine Heimgärtner von der dpa schreibt bei n-tv, wie man das Problem lösen könnte:

Die politische Tragweite der Pretziener Bücherverbrennung habe offenbar niemand verstanden, sagt [ein Buchautor] Staud. Nach seiner Auffassung ist das ein Phänomen in den neuen Bundesländern. “Es gibt die heimlichen Sympathisanten, die dörflichen Naiven und die politischen Verharmloser.” Hinzu komme die DDR-spezifische Geschichtsschreibung. “Auch ich habe in der Schule von Bücherverbrennungen fast nichts gehört, aber viel von Widerstandskämpfern”, erklärt Staud.

Wissenslücken wollen Spitzenpolitiker des Landes jetzt schließen und in der kommenden Woche an einer Schule bei Pretzien aus dem Tagebuch der Anne Frank vorlesen. Bürgermeister Harwig will an seinem umstrittenen Vorgehen festhalten, die rechte Jugend über die Vereine ins Dorfleben einzubeziehen. Staud gibt ihm sogar Recht. Funktionieren könne dieses Konzept aber nur, wenn man ehrlich sage: “Wir haben hier Nationalsozialisten im Ort.” Außerdem müssten den Jugendlichen klare Grenzen gesetzt werden. Gebraucht werde ein Top-Sozialarbeiter, kein Kameradschafts-Gedusel und keine Landser-Musik.

Kurz anhalten: Das sagt kein anerkannter Politiker, sondern ein Buchautor, der von der dpa gesucht werden musste. Er sagt richtige Worte, warum gerade er? Weil er für sein Engagement auf dem Gebiet exklusiv bekannt ist oder weil sich kein anderer zur Verfügung gestellt hat?

Die FAZ erzählt auch gerne was:

Böhmer lehnte es ab, das Verhalten des Pretziener Bürgermeisters Friedrich Harwig zu verurteilen oder gar seinen Rücktritt zu fordern, wie es der Zentralrat der Juden in Deutschland verlangt. „Ich sehe mich nicht berechtigt über ihn öffentlich den Stab zu brechen, bevor ich nicht mit ihm selbst gesprochen habe.“ Auch Bullerjahn wandte sich gegen Rücktrittsforderungen: „Mit diesen Reflexen erreichen wir überhaupt nichts.“

Sie wissen es selbstverständlich besser, wie man mit dem eigenen Gewissen umgeht. Das seien ja nur Reflexe, die kann man ruhig unterdrücken.

Weiter FAZ:

Nach Angaben Heppeners, der auch Strafantrag gestellt hat, entschuldigten sich die Männer bei dem Dorf und dem Bürgermeister mit den Worten: „Das haben wir nicht gewollt.“ Zu dem Vorfall selbst hätten sie mit Hinweis auf das schwebende Verfahren nichts gesagt. Heppener sagte, er habe keine Reue oder Einsicht verspürt: „Da waren weder Kopf noch Herz beteiligt.“ Das Ganze habe ihn an eine Pionierveranstaltung in der DDR erinnert, bei der einstudierte Selbstkritik vorgetragen worden sei. Heppener schlug als eine Konsequenz vor, die Ausstellung „Anne Frank. Eine Geschichte für heute“ in der benachbarten Kreisstadt Schönebeck zu präsentieren.

Mächtige Strafe! Die Neonazis werden es fürchten und alle Zuschauer der Bücherverbrennung werden dabei weinen.

Der selbe Heppener erzählte im Radiointerview, dass es bei der Bücherverbrennung Beifall gegeben habe. Er sagt, das seien “junge erwachsene Männer, die ganz genau wußten, was sie da tun”. Warum dann muss er selbst sie als “Jugendliche” benennen? Dieses hin und her in der Sprache, die Zerrissenheit in dem netten Umgang mit dem Bürgermeister zeigt, wie weit die Öffentlichkeit von der Erkenntnis liegt, was da passierte und weiter passiert. Warum ist die Information über den Beifall zum Beispiel in keiner Zeitung zu lesen? Warum gibt es 386 Meldungen in der englischamerikanischen Presse zum Vorfall und nur 200 in der deutschsprachigen?

Versagen der Politik

Donnerstag, 6. Juli 2006

Wie inzwischen von einigen Medien berichtet wurde, haben Teilnehmer eines Sommerfestes in der kleinen Ortschaft Pretzien in der Nähe Magdeburgs eine kleine Bücherverbrennung durchgeführt. Das passierte am 24.6.2006. Die Zeitung “Volksstimme” brachte die Nachricht am 30.6. Die “großen” Zeitungen haben es weitergeleitet (sehr-sehr sparsam).

Die “großen” Politiker haben sich bis jetzt nicht gemeldet. Der Ministerpräsident Sachsen-Anhalts Wolfgang Böhmer erzählt am 5.7, wie hart er mit den Rechtsradikalen umgehen will:

Das kann man so nicht durchgehen lassen - deshalb ermittelt die Staatsanwaltschaft. [...] In diesem Fall war es eine politische Demonstration. Deshalb müssen wir mit aller Schärfe darauf reagieren. Neben allen juristischen und politischen Konsequenzen, die zu ziehen sind, wollen wir auch mit Schulen der Umgebung sprechen und eine Veranstaltung organisieren, mit der man öffentlichkeitswirksam unsere Abscheu deutlich machen kann. [...] Wir müssen damit rechnen, dass sich scharenweise Journalisten auf uns stürzen, um uns in ein schlechtes Licht zu stellen. Wir werden versuchen, da deutlich gegenzusteuern - Licht entsteht ja nicht von selbst. Wir haben schon ein paar Ideen, aber wir werden erst darüber berichten, wenn wir sie umsetzen können.

Ich glaube, die Rechtsradikalen haben echt Angst bekommen. Der Bürgermeister wurde dazu aufgefordert, seinen Mitgliedschaft bei der Linken Partei/PDS zu beenden. Eine einmalige Strafmassnahme. Alle haben sich davon distanziert, schön und gut. Und was weiter?

Der SPD-Wiefelspütz hat sich empört:

Den Tätern sei «mit voller Härte des Gesetzes» zu begegnen, betonte Wiefelspütz. «Wir werden nicht zulassen, dass solche Außenseiter das Bild von Deutschland bestimmen.» Der Innenexperte befürchtet nach dem Vorfall auch negative Außenwirkungen für das ansehen Deutschlands in der Welt: «Ich hoffe, dass dieser Vorgang nicht das Bild beeinträchtigt, das Deutschland gerade in den letzten Tagen zeigt», so Wiefelspütz mit Blick auf die Fußball-Weltmeisterschaft.

Noch einmal, ist das alles? Die erste Publikation im Ausland zeigt die Dimension dieser politischen Bombe am 4.7. Kann es sein, dass der Ministerpräsident und der SPD-Verantwortlicher für die Empörung erst dann reagieren? Wie? Das wissen sie offensichtlich nicht und warten, bis der Papa kommt und Bescheid sagt, zum Beispiel so:

Pretziens Bürgermeister Friedrich Harwig müsse sofort von seinem Amt zurücktreten, sagte der Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, der “Jüdischen Allgemeinen Wochenzeitung”. “Es ist empörend, sträflich und naiv und geradezu grotesk, dass Politiker versuchen, den Rechtsextremismus durch Anbiederung zu bekämpfen.” Die Neonazis müssten in allen gesellschaftlichen Bereichen konsequent geächtet werden, statt auch noch an ihren Festen teilzunehmen.

Thomas Heppener, Direktor des Anne-Frank-Zentrums, hat auf der Homepage der Stadtgemeinde am 30.6. geschrieben:

In einem Artikel der Volksstimme wurde heute berichtet, dass am 24. Juni in Pretzien im Rahmen eines Sommersonnwendfestes das Tagebuch der Anne Frank verbrannt wurde. Ich habe als Direktor des Anne Frank Zentrums auf Basis dieses Berichtes Strafanzeige und Strafantrag gegen Unbekannt gestellt.
Die Jugendlichen müssen gewusst haben, dass das Tagebuch Symbol für den Völker-mord an den Juden ist. Es ist ein ungeheuerlicher Vorgang gerade dieses Buch zu verbrennen. Besonders erschreckend finde ich, dass es keinen öffentlichen Aufschrei der Bürgerinnen und Bürger Pretziens gab. Diese Aktion ist ein weiteres Zeichen für weit verbreitete rechte Orientierung und eine mangelnde Zivilgesellschaft in den neuen Bundesländern.
Gern komme ich nach Pretzien, um mit den Verantwortlichen zu überlegen, welche Möglichkeiten der gemeinsamen Arbeit gegen Rechtsextremismus möglich ist.

Heppener hat bis heute keine Einladung bekommen. Die Sitzung des Gemeinderates verläuft heute, am 6.7., hinter verschlossenen Türen. Die Meldung über die Tagesordnung bezieht sich mit keinem Wort auf das Thema!

Medien informieren, wie gesagt. Sie kommentieren ziemlich sparsam und verharmlosen die Geschichte, wie zum Beispiel die “Frankfurter Rundschau”:

Es gibt sie noch, die Hässlichkeit des provinziellen Alltags. [...] Was an dem Vorfall verblüfft, ist der banale Angriff auf die einfachen Reflexe. Anne Frank, Bücherverbrennung - als hätte jemand die Aufgabe gestellt, eine öffentliche Provokation herzustellen aus zwei wichtigen Begriffen des Sozialkundeunterrichts der siebten Klasse.

Wie die Fahnen weh’n, in Orten wie Pretzien, wird man erst sehen, wenn der Fußballrausch wieder vorbei ist.

Blogger merken es noch gar nicht, bis auf die wenigen Ausnahmen, wie zum Beispiel ein Lübecker:

Doch bedarf echte Empörung und aufrichtige Distanzierung schon etwas mehr…

Wir warten vorerst ab, ob die Wellen weiter und höher schlagen. Was werden wir wohl über die Gemeinderatssitzung erfahren? Kommt denn kein Schäuble oder Gysi nach Pretzien, um mit den 80 Bürgern zu reden, die der Bücherverbrennung zugeschaut haben? Werden sie sich nur um das Bild Deutschlands während der Weltmeisterschaft Sorgen machen?