Archiv für die Kategorie ‘Russland’

Im Geiste Kalaschnikows

Samstag, 24. November 2007

Besser kann man den heutigen Geist Russlands nicht verewigen: In Ischewsk (Izhevsk) wird ein Kongress-Zentrum gebaut, welches drei in den Himmel ausgerichtete AK-47 Kalaschnikows (Kalashnikov)darstellt.

Aus der Perspektive von oben:

Einerseits streng postmodern, andererseits die Besinnung auf das Wichtigste: die Macht der Waffen, die Glorifizierung der Vergangenheit und des todbringenden Exportartikels, zusammen mit dem Stern der Roten Armee. Den Namen des Architektes konnte ich leider nicht herausbekommen.
Wie auch immer, nomen est omen, oder in diesem Fall eher andersherum - omen est nomen.

Russische Dissidenten und die Presse: Bukowski und Jusik

Montag, 5. November 2007

Ein bemerkenswerter Skandal in der russischen Blogszene. Der Fall beginnt damit, dass Wladimir Bukowski, der große Veteran der Dissidenten, der Autor des großartigen Buchs “Moskauer Prozess”, nach Moskau kam, um sich an dem politischen Kampf 2007 zu beteiligen. Die überwiegend Pro-Putin-gestimmte Presse machte sich über ihn lustig, unter anderem die “Komsomolskaja Prawda”, die infolge der Glasnost-Politik zu einer Boulevardzeitung der schlimmsten Sorte wurde. Unter dem billigen verlogenen Text steht die Unterschrift einer vergleichsweise jungen Journalistin Julia Jusik, die inzwischen in Deutschland durch zwei Bücher zu tschetschenischen Themen bekannt ist.

Das ist nichts Neues, würde der erfahrene Leser sagen. Ja, aber jetzt wird’s spannend. Frau Jusik vermerkt in ihrem Blog am selben Abend, als der Artikel erschienen ist, dass ihre Skrupel ihr keine Ruhe lassen, und offenbart dabei, dass der Text in der Redaktion bis zur Unkenntlichkeit umgeschrieben wurde. Am nächsten Tag wird sie, bis dato eine freie Mitarbeiterin der Redaktion, vom Chef höchstpersönlich aus der Zeitung wegkomplementiert. Dann erzählt sie das in ihrem Blog und… wird auf einmal berühmt. Blogger kommentieren ihre Eintragungen zu Hunderten, zwingen die geplagte junge Dame einige der Texte vom Netz zu nehmen, kopieren die verschwundenden Bekenntnisse und streiten sich unermüdlich weiter.

Ist es schon alles? Nein. Der Artikel wird inhaltlich auf Lügen analysiert, ihre Bücher der engen Verbindung zum KGB bezichtigt, sowohl in den Inhalten als auch in der Botschaft, ihre Moral nach dem Motto “Ich war junge Mutter und brauchte das Geld” in den “gelöschten” Blogpostings auseinandergenommen. Eine kostbare Geschichte, würde ich meinen. Wenn noch dazu die eigentümlich  schmutzige Tagebuchsprache der versierten Autorin in Betracht gezogen werden könnte, wäre das Bild noch kompletter.

Wie auch immer, was ich sagen wollte, ist ganz einfach: Das wichtigste Buch von Bukowski, grundlegend für die Geschichte der Sowjetunion, ist noch nicht ins Deutsche übersetzt worden, von Jusik gibt es zwei. Warum nur? Nebenbei gemerkt, auch das epochale Buch von Juri Schtschekotschichin “Die Sklaven der Staatssicherheit”, für das er vergiftet wurde, ist auch nicht erhältlich, zwei Bücher einer Julia Jusik schon.

Für russisch versierte Leser gibt es mehr Links:

Der Artikel selbst, vom 17. Oktober (Link) - der gebliebene Beitrag Jusiks in ihrem Blog am 20. Oktober(Link) - noch ein Kommentar von ihr in ihrem Blog vom 18. Oktober (Link) - ihre von ihr gelöschte Selbstbezichtigung in einem anderen Blog (Link) - Sprachanalyse des Artikels (Link) - Aage Borchgrevink über Jusik (”Mit lügenden Grüßen aus Russland”, ein norwegischer Link, russische Übersetzung - Link)

UPDATE: Ein Buch von Bukowski in Deutsch ist zum Thema doch erschienen und heißt Abrechnung mit Moskau (2000). Siehe einen Beitrag bei “Gegenstimme” (Link). Ob es rezipiert wird?

In Putins Russland kriselt es

Sonntag, 28. Oktober 2007

In den letzten Tagen passieren seltsame Dinge in Russland. Noch seltsamer ist es aber, dass wir nur zum Teil informiert werden.

Vor einigen Wochen wurde von oben eine Preiskontrolle angeordnet, deutlich als Wahlkampagnie angedacht. Man kann mit großer Wahrscheinlickeit eine wirtschaftliche Krise erwarten, um so mehr als die Hauptrichtung die Landwirtschaft ist, die immer noch am Boden liegt und auf diese Weise möglicherweise wieder ruiniert werden soll, sozusagen als ein Nebenprodukt des Putin-”Plans”.

Der Kampf zwischen den obersten Korruptionären ist in die offene Phase eingetreten - Generäle des ehemaligen KGB verhaften einander, weil sie die eine oder andere Nische des lukrativen Marktes nicht mehr friedlich untereinander teilen können.

Michail Chodorkowski befindet sich immer noch im Lager - entgegen einem Gerichtsurteil, vielmehr deshalb, weil sich die Generalstaatsanwaltschaft der Aufhebung der Strafe durch das Gericht nicht beugen will. Das heißt, Chodorkowski sitzt nun seit dem 16. April 2007 ausschließlich als politisch Verfolgter.

Vor einigen Tagen haben vier renommierte Künstler, darunter Kinoregisseur Nikita Michalkow, der Bildhauer Surab Zereteli, der Maler Tair Salachow, einen offenen Brief an Putin in der Zeitung “Rossijskaja Gazeta” publiziert, in dem sie ihn buchstäblich auf Knien anflehen, er möge bitte-bitte weiterhin Präsident bleiben. Ein Skandal, welcher in Russland eine ziemlich merkliche Welle hervorgerufen hat. Eine Gruppe der Intelligenzia hat öffentlich dagegen protestiert und eine Gegenmeinung publik gemacht. Russische Blogger sind noch einmal deutlicher geworden, es sind Parodien, Aufrufe, Unterschriftensammlungen virtuell unterwegs.

Wann kommt das alles in der deutschen Presse an?

Yegor Gaidar erklärt den Untergang der UdSSR

Montag, 21. Mai 2007

In einem Vortrag hat Yegor (Jegor) Gaidar, der ehemalige Premierminister Russlands unter Jelzin 1991-1994, wirtschaftliche Hintergründe erklärt, wie das Sowjetreich zugrunde gegangen ist (Link). Der Vortrag wurde am 13.11.2006 gehalten, in English, aber erst am 19.5.2007 online gestellt. Sehr empfehlenswert!

Cartoons über die russische Politik

Dienstag, 1. Mai 2007

Der gute Ruf des Präsidenten Putin ist endgültig dahin. Die Jahre von Perestroika und Glasnost sind vorbei. Die Satiriker zeichnen ein ganz böses Bild, monatelang. Die amerikanische Internetzeitung “Slate” bringt politische Cartoons aus mehreren Quellen zusammen (Link). Eine Auswahl daraus (ohne die bösesten wohlgemerkt) vom Mai 2006 an bis heute:

Vaclav Havel mit menschlichem Gesicht

Samstag, 28. April 2007

Die heutige SZ glänzt mit einem Interview mit Vaclav Havel (Link). Mittendrin, beim Thema “wir und die russischen Bären” sagt der Präsident-Dichter:

Ein freundlicher Umgang ist nie ein Fehler, aber man darf nicht lügen. Man darf es nicht verbergen, wenn einen Morde an Journalisten und solche verschiedenartigen merkwürdigen Dinge beunruhigen. Das ist etwas, das man offen ansprechen muss, wenn auch mit menschlichem Gesicht. Und da wäre vielleicht zu sagen, dass es zwar nett ist, wie wunderbar sich Bundeskanzler Schröder mit den Putins angefreundet hat, aber ich gestehe gleichzeitig, dass mir Bedenken kommen wegen der Rohrleitung durch die Ostsee, die Polen umgehen soll. Das kann in diesem ganzen Teil Europas Unruhe hervorrufen oder zumindest zur Unruhe beitragen.
 

Das ist schon eine Klasse für sich, aber trotzdem: Weil der eine oder andere zu schnell liest, wiederhole ich hier noch einmal seinen besonders hübschen Satz:

Das ist etwas, das man offen ansprechen muss, wenn auch mit menschlichem Gesicht.

Schön gesagt!

just a world press provocation

Donnerstag, 19. April 2007

Ein russischer Putin-Fan hat mein Posting in einem amerikanischen Forum verlinkt und verbreitet dort die Desinformation über die Demo: “that rally was not a opinion of suppressed people but just a provocation oriented on the world press.” (Link) Die KGB-Jugend lernt mit dem Internet umzugehen. Die Realität sieht anders aus.

A Russian Putin fan refered to my post in an American forum and spreads some disinformation about the protests in Russia. The KGB youth learns to deal with the Internet. The reality looks completely differently.

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Lupenreine russische Demokratie

Sonntag, 15. April 2007

Von den Ereignissen in Moskau gestern hat man schon geschrieben. Zwei Aspekte wurden, glaube ich, dabei wenig beachtet. Parallel liefen zwei Demos, einmal - unerlaubt - die demokratische Protestdemo mit Kasjanow und Kasparow, bei welcher 9000 Ordnungshüter mehr als 250 Menschen verhafteten. Und einmal eine erlaubte Faschistendemo, die von der Miliz geschützt wurde.

Und zweitens, während die staatliche Übermacht Rentner und Jugendliche maßregelte, durften deren Gegner sich mit beleidigenden, den öffentlichen Frieden störenden Plakaten auf dem Dach eines Gebäudes stundenlang ungehindert aufstellen. Zwei Fotos vom Sender “Echo Moskau”:

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Der Text auf dem Plakat lautet: “Gruß an den Marsch der politischen Huren”. Das sind Provokateure, die dürfen.

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Das sind Renter, die nicht dürfen.

Alles Roger: Köppel und Putin

Freitag, 6. April 2007

Roger Köppel, ehemaliger Chefredakteur der “Weltwoche”, danach Chefredakteur der “Welt” und dann wieder Chef derselben “Weltwoche”, schreibt über Russland. Der Text klingt nach einer von ganz bestimmten Kräften lancierten Story und erinnert an die wunderschöne “Christiansen”-Sendung zu eben diesem Thema (Link).

Das schönste an diesem Text Köppels ist allerdings nicht seine maximale Entfernung von der Realität und unverblümte Huldigung Putins und des - wie auch immer schon wieder anders heißenden - KGB, sondern die Selbstabschreibungskunst eines großen Journalisten: Einen fast identischen Aufsatz hat der erfahrene Autor in der “Welt”, dazu noch in einem Leitartikel, vor einem Jahr publik gemacht. Da die beiden Texte wie zwei Zwillinge aussehen, macht es Spass, sie zu vergleichen. Einem interessierten Leser kann ich dieses Vergnügen nur empfehlen: Gut zu wissen, wie große Journalisten von heute arbeiten. Hier also der alte Text aus der “Welt”, und hier der neue aus der “Weltwoche”. Nur ein Beispiel und zwar, was Köppel über dasselbe Thema schreibt.

Über Chodorkowski am 24.4.2006:

Die Verurteilungen sind überzogen, in manchen Fällen ungerecht. Instruktiv bleibt der Fall Chodorkowski. Der Oligarch, der sich im Westen als mutterteresahafte Friedenstaube inszenierte, war ein rabiater Geschäftsmann, der sich sein Yukos-Imperium dank behördlicher Duldung zu fragwürdigen Tiefstpreisen zusammenkaufte und Konkurrenten mitleidlos aus dem Weg schaffte. Vor allem aber kreuzte er die Wege Putins, indem er im großen Stil Duma-Abgeordnete schmierte, um sich so eine parteienübergreifende Veto-Macht gegen den Präsidenten zu sichern. Man stelle sich vor, wie man im Westen auf einen Industriellen reagieren würde, der bündelweise Dollarscheine an Parlamentarier verteilt zum Aufbau einer demokratisch nicht legitimierten Schattenherrschaft. Putin mußte Chodorkowski stoppen, das war richtig. Falsch waren der im Sowjetstil inszenierte Schauprozeß und die plumpe Zerschlagung des Konzerns. 

Über Chodorkowski am 29.3.2007:

Instruktiv in sachen Putin-Bashing bleibt der Fall Chodorkowski. Der Oligarch, der sich im Westen gern als Friedenstaube inszenierte, war ein rabiater Geschäftsmann, der sich sein Öl-Imperium dank behördlicher Duldung zu fragwürdigen Tiefstpreisen zusammenkaufte und mit Konkurrenten nicht gerade zimperlich umsprang. Vor allem aber kreuzte er die Wege des Kreml-Chefs, als er Duma-Abgeordnete bestach, um sich eine Gegenmacht zum Präsidenten zu sichern. Man stelle sich vor, wie man im Westen auf einen Industriellen reagieren würde, der bündelweise Dollarnoten an Parlamentarier verteilt zum Aufbau einer demokratisch nicht legitimierten Schattenherrschaft. Putin musste Chodorkowski stoppen. Falsch waren der Schauprozess und die plumpe Zerschlagung des Konzerns.
 

Ich würde so gerne die Quellen von Köppel dafür sehen. Die Rechtsanwälte Chodorkowskis würden sich bestimmt noch viel mehr und ganz besonders darüber freuen.

Das ist noch nicht alles. Leser der “Welt” durften ihrem Chef nicht widersprechen, dafür umsomehr die der “Weltwoche”. Es ist eine Freude zuzusehen, wie drei Leser mit einfachen Mitteln der Wahrheit die unverschämte Käuflichkeit und plumpe propagandistische Ausrichtung von Köppels Text entlarven (Link).

Und für diejenigen, die die aktuelle Lage Russlands aus erster Hand analysiert bekommen wollen, empfehle ich den neuesten Artikel von Andrei Illarionov (Link), leider nur auf Russisch. Große Journalisten haben seine Meinung erfolgreich ignoriert, obwohl er greifbar nah ist (Link). UPDATE: Ein Interview zum Thema gab Andrej Illarionow der Zeitung “Handelsblatt” am 2.4.2007:

“Geheimdienst ist für immer an der Macht”

[...] Andrej Nikolajewitsch, Sie haben als Protest gegen die Verstaatlichung weiter Teile russischer Rohstoffkonzerne Ihren Job als Wirtschaftsberater von Kremlchef Putin Ende 2005 aufgegeben. [...] Wie beurteilen Sie die Lage in Russland heute? [...]Russland wird als Energielieferant immer unzuverlässiger. [...] Silowiki sind die Geheimdienstler in fast allen Ämtern der Macht. [...] Sie haben den Kreml erobert - für immer. [...] Und es kann doch nicht richtig sein, dass eine kleine Kreml-Clique den Staat gefangen genommen hat, die Wirtschaft, die Regionen, die wichtigsten Unternehmen Banken und auch die Medien. [...] Sie haben fast die gesamte Energiewirtschaft in ihre Hände gebracht, jetzt sinkt das Wachstum der Ölproduktion.[...] Es können nur Unternehmen überleben, die mit der Kreml-Corporation kooperieren.[...] Und nachdem sie erst den Ölkonzern Yukos, dann die ganze Ölbranche, die Gasindustrie, den Maschinenbau, den Schiffbau und die Luftfahrtindustrie unter ihre Kontrolle gebracht haben, gibt es keine politische oder unternehmerische Freiheit in Russland mehr. [...] Dass der Westen keine Kritik an der undemokratischen und wirtschaftsfeindlichen Politik äußert, entmutigt die wenigen, in Russland verbliebenen Aufrechten.

Kasparow bei Christiansen ausgeladen

Montag, 11. Dezember 2006

Bei der wie immer spannend substanzlosen Show mit Sabine Christiansen wurde noch ein politisch brisantes Thema zerredet: Russland. Ein realer Kritiker wurde dabei vorsorglich ausgeladen, nämlich Garri Kasparow (Link). Werden wir je erfahren, warum? Denn die vorgegebenen “technischen Gründe” sind wenig glaubwürdig.

Mich interessiert allerdings die Reaktion der Medien. Wird sie genauso oder wenigstens vergleichbar ausfallen, wie neulich in der Tony-Judt-Affäre, als die deutschen Zeitungen ausser sich waren(Link)? Bis jetzt habe ich nur eine entsprechende Meldung, eher klatschreportähnlich, in der “Welt” gefunden (Link) und eine Erwähnung bei der “Süddeutschen”.

Kinderliebender Putin

Donnerstag, 29. Juni 2006

Eine kurze Videonachricht aus Russland, die noch keine Schlagzeilen erreicht hat. Putin küsst einen kleinen Knaben auf den Bauch vor Kameras. Wie soll man das verstehen? Noch ein Beitrag zu dem intuitiven Selbstverständnis eines Tyranns? Sie mögen doch alle Kinder und müssen ihre Omnipotenz unbedingt zeigen, sie mit ihrem Kuss segnen.

Ich habe das Filmchen bei Google und bei YouTube gestellt, der Text der russischen Nachrichten wird (wer hätte es gedacht) auf Russisch gesprochen, das Bild aber ist selbstredend (interessant sind dabei auch andere Teilnehmer der Szene - ein Mitarbeiter, der das Kind dreht, damit es besser in das Bild passt; andere Kinder, die dabei sind und auch nur staunen können):

YouTube

Video Google

Russische Weisheiten

Donnerstag, 1. Juni 2006

Passend zum vornehmen Gespräch zwischen Wladimir Putin und seinen Gästen in St.Petersburg möchte ich zwei geflügelte Worte zitieren, einmal alt und bekannt, einmal ganz frisch:

Vor ca. 15 Jahren hat der damalige Premierminister Russlands Wiktor Tschernomyrdin vor dem russischen Parlament über die ersten Erfolge der Perestroika gesagt:

Wir wollten das Beste, aber es kam das gleiche heraus wie immer. (Original: Хотели как лучше, а получилось как всегда.)

Der Mann ist fern jeder Ironie, geschweige denn Selbstironie. Die Urkomik des Spruchs liegt in dessen nackten Wahrheit und in der ungewollten Wiederaufnahme der russischen poetischen Tradition, die Geschichte des eigenen Landes zu bespotten (Alexei K. Tolstoi, 1868: ‘Das Land ist voll des Reichtums, doch Ordnung gibt es nicht’ (original: “Земля наша богата, /Порядка в ней лишь нет.” Link) Geflügelte Worte bestimmen den Fluss der Rede, ohne dass einer über seine Worte verfügen kann: Sie verfügen über ihn!

Heute, in der einzigen noch freien Zeitung Russlands, “Kommersant”, schreibt der ironische Nachfolger Soschtschenkos und Platonows, Andrei Kolesnikow, zur Zeit der kühnste Journalist Russlands, über ein Treffen des Präsidenten Putin mit den verantwortlichen Beamten in Sachen Sport. Putin sagt darin:

Самой большой дисциплины в любой из областей, которыми занимался, добивался Лаврентий Берия. Но это не наши методы. [...] К решению вопросов нужно комплексно подходить. А то мы за что ни беремся – у нас НКВД получается. (Die größte Disziplin auf jedem Gebiet, mit welchem er sich beschäftigte, erreichte Lawrenti Beria. Das sind aber nicht unsere Methoden. [...] Man muss an die Lösung der Fragen komplex herangehen. Denn was wir auch auf uns nehmen - am Ende kommt der NKWD heraus.)

Beria ist, wie bekannt, der größte Henker Stalins gewesen, der beim NKWD begonnen hat. Der NKWD ist hier ein Sammelbegriff für GPU, KGB und wie sie alle im Laufe der Sowjetgeschichte hießen. Putin kann seine Herkunft nicht leugnen, sie verfügt über ihn, schimmert durch seine Vergleiche und Metaphern durch. Dasselbe geflügelte Wort und dieselbe unfreiwillige Selbstverspottung!