Archiv für die Kategorie ‘Theater’

Regietheater in der Oper

Donnerstag, 22. Februar 2007

Warum erscheint der folgende Text nur als Leserbrief? Ich möchte den Autor unterstützen und zitiere ihn, denn schon morgen ist der Text verschwunden. In Kürze: Das Problem des Regietheaters in der Oper ist nicht die Freiheit eines Regisseurs, sondern der Missbrauch dieser Freiheit. Der leider anstatt eine Ausnahme zu sein zur Norm gemacht wird. Medien loben oder zerreißen, zweifeln an der Sache selbst keinesfalls. Das Publikum kann sich kaum wehren. Nur in der Form eines Leserbriefs wie dieser (Link):

Zum Thema “Die Macht des Schicksals”:
Eine Verhöhnung

Wer gibt eigentlich Regisseuren das Recht, Meisterwerke von Genies nach ihren eigenen abwegigen Ideen völlig zu verfremden und oft gegen den gesungenen Text zu inszenieren? Nach dem Motto “das Publikum versteht ja doch den italienischen Text nicht!” Eine Verhöhnung des Publikums.

Immer wird das mit dem Recht auf Freiheit der Kunst verteidigt. Hat der Komponist denn kein Recht auf Wiedergabe seines Werkes, so wie er es gedacht und geschrieben hat? Wir erleben gerade in Berlin, wie ein schöpferischer Künstler um die Ausführung seiner Idee kämpft. Der Architekt des Hauptbahnhofes klagt vor Gericht gegen die Bahn AG, weil sie seinen Entwurf eigenmächtig und ohne ihn zu fragen abgeändert und in seinen Augen verschlechtert hat. Er findet viel Zustimmung in der Öffentlichkeit und hat auch gute Chancen, vor Gericht zu gewinnen.

Und in der Oper? Eine weitere Feststellung: In der Musik hat sich seit etwa dreißig Jahren mehr und mehr durchgesetzt, alte Stile ihrer Entstehungszeit und mit den Instrumenten der Zeit aufzuführen, so wie der Komponist sich das gedacht hat. Und in der Oper? Jeder Regisseur darf heute mit abartigen Ideen ein Meisterwerk verstümmeln. Was hat eine Vergewaltigung und Kindesschändung mit Verdis Oper zu tun? Genügt nicht der verknöcherte Stolz des alten Vaters, der eine Verbindung seiner Tochter mit einem Mestizen empörend findet und die krankhafte Ehr- und Rachsucht des Bruders? Aber der kann sich ja nicht einmal erklären, denn seine entsprechende Arie wurde gestrichen. Und genügt für das Trauma der Leonore nicht ihr Gefühl der Mitschuld, weil sie ja Alvaro zu ihrem Vater gebracht hat, den Alvaro dann aus Versehen erschießt als er die Pistole wegwirft?

Und was hat in der Klosterszene eine Vergewaltigung zu suchen? Bei Verdi wissen die Mönche doch gar nicht, dass eine Frau vor ihnen steht. Und der Pater Guardian verflucht bereits im Voraus denjenigen, der das Geheimnis um die arme Seele, wie er Leonora nennt, zu erkunden wagt. Und zu diesem Text dann eine Vergewaltigung! Dazu beten die Mönche dann in einer wunderschönen abgeklärten Musik, Gottes heiliger Engel möge das neue Mitglied des Ordens beschützen. Man kann sich doch nur noch an den Kopf fassen! Weshalb muss überhaupt immer mit den Keulenschlägen der Sexualität auf das Publikum eingedroschen werden? In der Hamburger Inszenierung von Don Carlos genügt es nicht, dass die Eboli der Königin ihren Ehebruch mit dem König beichtet. Nein, in der großen Szene des Königs liegt die Eboli neben ihm auf einer Matratze und zieht sich gerade den Träger ihres BHs hoch. Dazu singt der König dann “Sie hat mich nie geliebt!” Und weshalb muss im Kerker, in dem Florestan im “Fidelio” im Hungerfieberwahn eine Vision von seiner Frau als Rettungsengel hat, ein nacktes Mädchen auftauchen? Man könnte noch stundenlang weitere Beispiele abartiger Inszenierungen anführen.

LEONHARD HUCHTING, BREMEN

Klaus Maria Brandauer über das heutige Theater und sich

Freitag, 16. Juni 2006

Ein bemerkenswertes Interview mit Brandauer in der heutigen “Welt”. Nicht weil der Schauspieler besonders gut wäre, sondern weil der Interviewer Roger Köppel ihn lebensnah, das soll heißen - naturgetreu, präsentiert. Ich mag diese Art. Einige Beispiele:

Welt: Man hat den Eindruck, es gebe eine Art Gottesdienst, einen heiligen Pakt zwischen Theatermachern und einer Kritik, die auch noch den größten Unsinn zur Kunst erklärt.

Brandauer: Halt. Ein Gottesdienst ist das nicht, eher ein mafioses System. Man betreibt Theater als ideologische Zwangsbeglückung, leider oft am Publikum vorbei. Der Grund ist einfach: Wenn Sie ein großartiges Stück mit zehn schauspielerischen Begabungen inszenieren, kommen Sie als Regisseur nicht vor. Das ist für manche kränkend. Viele Schauspieler leiden zwar unter dem sogenannten Regietheater, aber sie würden sich nicht trauen, gegen den Trend anzureden. Man will ja arbeiten.

Welt: Inwiefern hat der Siegeszug des Effekt- und Regietheaters zu einer Verwahrlosung der handwerklichen Standards geführt?

Brandauer: Die Verwahrlosung könnte langsam einsetzen. Bis jetzt war die Ausbildung hervorragend, aber inzwischen höre ich, daß Schauspieler für die perfekte Beherrschung des Handwerks kritisiert werden. Man holt Fernsehstars ins Theater, um die Säle zu füllen, die schauspielerischen Standards gehen weiter nach unten. Nicht jeder Serienheld ist für eine klassische Rolle geeignet. [...]

Welt: Sie haben mal gesagt, das Theater müsse einen Bildungsauftrag wahrnehmen.

Brandauer: Na gut, die Leute sollten ja schon einiges wissen, wenn Sie zu uns kommen. Wir können den Bildungsauftrag nicht nachholen, aber wir sind die Leidtragenden eines grassierenden Mangels an Bildung. Leute lernen keine Gedichte mehr, sie lesen keine Romane, sie haben keine Vergleichsmöglichkeiten mehr. Hätten sie die, würden sie vielleicht so manches, was heute auf deutschen Bühnen stattfindet, rundweg ablehnen.

Welt: Ihr Ansatz wird von der Kritik als “konservativ” bezeichnet. Kränkt Sie das?

Brandauer: Für mich ist Theater in erster Linie Sprechtanz. Auf dem höchsten Niveau der Virtuosität Gedanken zu jonglieren, die allerdings auch die Ruhe bekommen, den Menschen zu erreichen, und zwar alle Anwesenden. Im Zentrum steht der Virtuose, ein großer Atem, ein großer Zuschnitt, große Textbehandlung, alles ausgerichtet auf den Inhalt. Das ist das, was ich mit Vergnügen gelernt habe. Das interessiert sogar in der Stille, bei der bloßen Lesung, es muß gar kein Event werden. Event kann sein, was sich aus dem Text ergibt. Wenn man das als konservativ bezeichnet, dann kränkt es mich nicht. [...]

Welt: Viele Schauspieler haben panische Angst vor dem Liebesentzug durch das Publikum und flüchten sich in Drogen.

Brandauer: Die Arbeit war mir nie eine Belastung. So, wie ich heute dastehe, habe ich mir das auch in den kühnsten Träumen nie vorstellen können. Der Journalist würde vielleicht lieber hören, wie ich leidend ums Burgtheater wandere aus Angst vor dem Scheitern in der “Nathan”-Inszenierung morgen abend, aber so ist es nun mal nicht. Nein, ich hab’ mich gern, ich hab’ mich sehr, sehr gern. [...]

Ich hatte halt oft das Gefühl, nur mit Leuten zusammenarbeiten zu wollen, die mehr wissen als ich. Ich bin jederzeit in der Lage, mich gut unterzuordnen. Ich bin ein ausgezeichnetes Ensemblemitglied.

Welt: Das glaubt Ihnen niemand.

Brandauer: Es ist aber wahr.

Welt: Haben Sie je herausgefunden, was das Geheimnis Ihrer Bühnenpräsenz ist?

Brandauer: Nein. Mittlerweile glaube ich daran, daß ich so etwas ausstrahle, weil man es mir immer wieder gesagt hat. Und so etwas glaubt man ja gern. Ich möchte kein verkannter Mensch sein. [...]

Welt: Gingen Sie zum Theater, um der Realität zu entkommen?

Brandauer: Nein, im Gegenteil. Ich wollte auffallen und sah da eine Möglichkeit. Flucht war es bestimmt nicht. Ich wollte ans Licht. [...]

Ich bin viel herumgeflogen, habe Mengen gelesen, saß im Zug, während meine Kollegen mit den Mädels herumgemacht haben. Spielte Hamlet in Wien, als ich gleichzeitig “Out of Africa” in Kenia drehte mit Löwen aus einem Zirkus in Los Angeles. Ich habe ein herrliches Leben.

WAMS gegen FAZ: Gelungene Inszenierung

Samstag, 18. Februar 2006

Im “radikal subjektiven politischen Feuilleton” der WAMS nutzt Alan Posener die Gelegenheit, um der FAZ eins auszuwischen. Also im Gegenteil zu dem, was ich hier heute geschrieben habe. Am Ende stellt er fest:

Darum wird sich, wetten, kein Journalist finden, der die gelungene Inszenierung, den endlich geglückten großen Tabubruch, den Ausbruch des Theaters aus dem selbstreferenziellen Kreislauf staatlich subventionierter Provokation der Steuerzahler loben wird.

Und weiter:

Immerhin weiß ich, was ich das nächste Mal tun werde, wenn ich im Zirkus aufgefordert werde, dem Zauberer bei seinen Tricks zu helfen.

So versteht ein politischer Journalist die Kunst des Theaters und den Sinn eines Feuilletons. Ich bin beileibe kein Freund der FAZ, aber von solchem “Radikalismus” halte ich nicht viel. Sorry!

Realityshow in einem Frankfurter Theater

Samstag, 18. Februar 2006

Diese merkwürdige Story wird in die Theatergeschichte eingehen: Während laufender Premiere einer offensichtlich empörend schlechten Inszenierung nach einem Stück von Eugen Ionesco (”Das große Massakerspiel. Oder Triumph des Todes”) hat ein Schauspieler (Thomas Lawinky) einen Zuschauer persönlich angegriffen und machte ihn zur Zielscheibe abfälliger Bemerkungen.

Zufälligerweise erwies sich der Zuschauer als ständiger Kritiker der FAZ und als Gerhard Stadelmaier schrieb er darüber in seiner Zeitung. Da diese Zeitung einigermaßen bekannt ist, hat die Oberbürgermeisterin der Stadt die Intendantin des Theaters um die Entlassung des Schaupielers freundlicherweise gebeten. Die Intendantin machte es sofort. Der Regisseur der Inszenierung Sebastian Hartmann hat den Kritiker dafür schuldig gemacht:

Stadelmaier habe in einer Form gestikuliert, die schon zu Beginn der Aufführung deutlich gemacht habe, was er von dem Stück hält - nämlich nichts. Hartmann räumte aber ein, dass die Reaktion des Schauspielers unangemessen gewesen sei: “Das ist nicht tolerierbar.”

Noch schöner klingt die Reaktion des Regisseurs auf die Entlassung des Schauspielers:

Für Regisseur Hartmann ist der Rausschmiss des Schauspielers eine “emotional höchst schwierige Angelegenheit”. Lawinky habe sich schon während des Stückes entschuldigt. Ohne den Schauspieler, so Hartmann, “ist die Inszenierung kaum fortzusetzen”.

Damit ist der Kreis der Themen vollendet. Der Regisseur bildet sich ein, über das Recht zu verfügen, mit seiner “Kunst” das Publikum anzugreifen, Menschen zu mißbrauchen, die sich für einige Stunden vertrauensvoll in seine Gewalt begeben.

Schauspieler erbrechen minutenlang Mineralwasser, einer Schwangeren wird das Fruchtwasser abgezapft und dieses dann geschlürft, wobei eine andere Frau zwei Männer, die „Ein Bier!” verlangt hatten, ausgiebig masturbiert und das Publikum gebeten wird, doch mit den Schauspielern mal rumzuwandern und hinter Wände zu horchen.

Eine peinliche Szene öffentlicher Demütigung wird inszeniert, toleriert, gar gewollt. Wenn dies ausufert, wird der “Täter” geopfert - der “Befehlsinhaber” bedauert nur.

Soweit zur Moral. Für die Theatergeschichte wäre dies allerdings das erste Mal, dass eine Inszenierung zur Realityshow wurde - allerdings ohne das Einverständnis der Beteiligten.

Und zu guter Letzt: Ich frage mich, was wäre, wenn der Kritiker nicht zur FAZ, sondern zu irgendeinem Bezirksblatt gehörte?