Die Sendung gestern abend war sehr spannend, ich musste lange darüber nachdenken. Zwei besonders krasse Sätze von Eva Herman sind schon in der Presse (Link):
“Aber es sind damals auch Autobahnen gebaut worden. Und wir fahren heute darauf.” Sie müsse “einfach lernen, dass man über den Verlauf unserer Geschichte nicht reden kann, ohne in Gefahr zu geraten”.
Die Sendung kann man auch noch einmal auf den Bildschirm holen (Link). Jeder kann sich also seine Meinung bilden. Und doch scheint mir hier nicht die Empörung allein wichtig, nicht der seltene Entschluss Kerners, Eva Herman aus der Runde zu verabschieden.
Der Umgang mit der Diskussion - das ist der Punkt. Da sagt die familienbewußte Frau zwei Sätze, die nach einer Widerrede schreien. Und Schreinemakers reagiert: “Ich distanziere mich davor, dass ich hier sitze”. Senta Berger ist geduldiger und versucht, einige Argumente zu bringen, dann ist sie auch am Ende und will aus dem Gespräch aussteigen. Der Komiker Barth benennt die Sprüche Hermans “Kacke”. Und Kerner selbst erlaubt sich in der Anwesenheit Hermans über sie in dritter Person zu reden, als wäre sie ein unmündiges Kind, welches zum sich-entschuldigen gebracht werden soll. Er scheitert dabei und agiert mit dem hinauskomplimentieren erst als die aufgebrachten Damen fast schon aufstehen. Das ist der sichtbare Ablauf, wenn man noch eine niedliche Szene mit einem Prof ausser acht lässt.
Schön und gut, nur die zwei Sätze sind im Raum stehen geblieben. Auch die Presse, die so gerne sie zitiert, bringt sie kommentarlos. Wissen denn alle, was daran falsch ist? Woher nehmen sich die Medienprofis diese Sicherheit?
Eine neue Ikone der neurechten Szene wurde erschaffen. Tausende von ahnungslosen Unterstützern, die Herman mit ihren Briefen und mails zur Seite stehen, haben nichts verstanden und werden der neurechten Propaganda weiterhin ausgeliefert.
Da geht etwas schief. Noch einmal: Ein jeder darf sich empören, wenn eine “Kacke” gesagt wird. Ein Medienprofi soll darüberhinaus erklären, warum die Kacke Kacke ist. Sonst ist es kein Profi. Punkt.
In der Blogoszene sind inzwischen einige Kommentare zu lesen. Scharfzüngig bei Statler (Link), plauderig bei Gegenstimme - mit zum Teil vorbildlich dummen Kommentaren (Link), verständnisvoll bei Finger.zeig (Link). In dem zuletzt genannten Beitrag wird gar für die Ruhe gesorgt:
Was soll so schlimm daran sein, wenn Menschen heute die Meinung vertreten, dass die Familienpolitik der Nazis auch gute Seiten gehabt hätte oder wenn “festgestellt” wird, dass wir Hitler die Autobahn zu verdanken hätten (was ja im Übrigen gar nicht zutrifft). Ist es denn anzunehmen, dass aufgrund der Behauptung einiger Leute, die Haltung des deutschen Volkes womöglich umschlagen wird und es mehrheitlich zu einer Verklärung Hitlers oder gar des 3. Reiches kommen wird? Meiner Überzeugung nach bestimmt nicht!
So viel Pluralismus bei der Besprechung in den ersten Stunden.
Am Rande sei noch darauf hingewiesen, dass der Ausgangspunkt der gesamten Geschichte nicht sauber recherchiert wurde. Eva Herman hat ihren Originaltext inzwischen online gestellt (Link):
Wir müssen den Familien Entlastung und nicht Belastung zumuten und müssen auch ‘ne Gerechtigkeit schaffen zwischen kinderlosen und kinderreichen Familien. Und wir müssen vor allem das Bild der Mutter in Deutschland auch wieder wertschätzen lernen, das leider ja mit dem Nationalsozialismus und der darauf folgenden 68er Bewegung abgeschafft wurde. Mit den 68er wurde damals praktisch alles das alles, was wir an Werten hatten, es war ‘ne grausame Zeit, das war ein völlig durchgeknallter, hochgefährlicher Politiker, der das deutsche Volk ins Verderben geführt hat, das wissen wir alle, aber es ist damals eben auch das, was gut war, und das sind Werte, das sind Kinder, das sind Mütter, das sind Familien, das ist Zusammenhalt – das wurde abgeschafft. Es durfte nichts mehr stehen bleiben….
Höchst bemerkenswert, dass Herman bei ihrer für und an sich gerechten Selbstverteidigung nicht sieht, wie falsch ihr historisches Bild trotzdem ist. Noch aber stärker wirken in diesem Kontext dieselben zwei Sätze von gestern. Es ist eine traurige Entwicklung, die Mechanismen der neurechten Propaganda zeigt.