Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Beschnittener Optimismus Mittwoch, 15. August 2012

Die Debatte über die Beschneidung will kein Ende haben, grausig. Die TV-Talkshow bei Maischberger und das mediale Echo darauf will ich hier kurz zusammenfassen.

Die Sendung wurde von einer erfahrenen und im positiven Sinne neutral wirkenden Moderatorin gut geführt, alle Teilnehmer zeigten sich wie sie sind, es war leicht, eine eigene Meinung über Personen und Inhalte zu bilden. Eine bessere Arbeit als Anne Will hat Sandra Maischberger auf jeden Fall geleistet. Das ist der Pluspunkt. Ansonsten, wie mediale Reaktionen es zeigen, bleibt es weiterhin eine Schande, dass die deutsche Debatte so intolerant gegenüber der immer noch fremden und immer noch unbekannten Kultur geführt wird. Darin hat Dieter Graumann Recht: Die Debatte ist “viel schädlicher als alle Beschneidungen”. Mein Wort!

Unzählige meist antisemitische Kommentare sind die Folge. So bei der WAZ, wo nur eine dapd-Meldung publiziert wird, so auch bei der “Frankfurter Rundschau”, wo das Thema gleich zweimal am selben Tage angeschnitten wird. Bei der korrekten Besprechung der Sendung durch Torsten Wahl:

Einen großen Toleranztest nannte Zentralratschef Graumann abschließend die Diskussion – viel Toleranz haben die Befürworter der Beschneidung in dieser Sendung nicht erfahren.

So auch bei dem starken, fast schon kampflustigen Text von Christian Bommarius, der die klare Parallele zwischen dem “Stürmer”-Antisemitismus und der aktuellen Debatte aufdeckte:

Es ist natürlich schön, dass die Deutschen ihre Haltung zu den Menschenrechten derart modifiziert haben, dass sie heute glauben, den Juden darin Unterricht erteilen zu können.

Noch schöner wäre es, ihnen würde bewusst, wie lächerlich und beschämend ausgerechnet in Deutschland – als einziger Demokratie der Welt – ein Beschneidungsverbot wäre. Es wäre ein Triumph hochnäsiger Geschichtsvergessenheit.

Christian Geyer hat in der FAZ die Sendung zum Anlass genommen, die Religion per se zu verteidigen. Deswegen für ihn ist das

Eine lohnende Beschneidungsdebatte.

Weil es zeigen lässt, in Deutschland sei

ein präpotenter Ton gegenüber Gläubigen eingeschlichen, der sich selbst bloßstellt und dringend zurückgenommen werden sollte.

Negativ beurteilt die Sendung Tim Slagmann in der “Welt”, er macht kein Geheimnis aus seiner eigenen Position gegen die Beschneidung überhaupt:

Verbissen diskutierten die Gäste bei Maischberger – ohne sich Argumenten zu öffnen. [...] Andererseits war es erstaunlich, wie sehr sich die Diskutanten in ihren je eigenen Aspekten verloren, um Kontrahenten dann umgekehrt vorzuwerfen, diese sähen das Wesentliche, Gesamte, Andere der Debatte nicht. Graumann etwa wiederholte, die Beschneidung sei das Fundament des jüdischen Glaubens. Seit Jahrtausenden, fertig, Punkt.

Die Mühe, diese Bedeutung zu erläutern, herzuleiten oder sie gar für eine historisch-kritische Lesart zu öffnen, machte Graumann sich nicht. Warum man die Heranwachsenden nicht selbst entscheiden lassen könnte, mit 16 oder 18 Jahren?

Necla Keleks Meinung fand Tim Slagmann dagegen “durchaus schlüssig”. Und er fand sich selbst mutig bei der Fragestellung, “ob da nicht wieder einmal gegen das Volk regiert werde.”

Noch mehr von der vox populi kann man bei einer Blogreaktion lernen, in der ein Jürgen Bakos es auf den Punkt willig bringt, worum es der gesunden Volksgemeinschaft geht, nämlich:

Warum sind Frau Maischberger und Frau Will nicht in der Lage, die entscheidende Frage zu stellen? Nämlich ob es die Beschneidungsfreunde einen Dreck interessiert, was das Volk des Landes, in dem sie leben, darüber denkt?

So schreibt er auch geradeheraus, was er bei Christian Bommarius vermisst, nämlich:

einen Willen der Gemeinschaft wenigstens in Betracht zu ziehen.

Eine bemerkenswerte Reaktion ist auch von einem türkischstämmigen Blogger Akın Ruhi Göztaş bei Turkishpress (Link) zu lesen. In einem dialektal gefärbten Deutsch wird hauptsächlich Necla Kelek fertig gemacht und Dieter Graumann gleichzeitig wohlwollend gelobt:

Der sogenannte Jude hat allen gezeigt, wie es geht. [...]  diese können sich seit jeher sehr gut präsentieren.

Offensichtlich ohne Ironie gemeint. Das sind Blüten der Beschneidungsdebatte. Deutschland kann man dazu gratulieren. Auch zu den unsäglichen Beiträgen von Necla Kelek und Christa Müller in dieser Sendung. Man wird mehr und mehr zur “Komikernation”. Wie wahr!

 

Ein jüdischer Arzt und ein deutscher Aufklärer Sonntag, 22. Juli 2012

Gil Yaron hat kein Problem damit, sich als “jüdischer Arzt” zu titulieren. Wolfgang Michal hat Angst vor “dem religiös-reaktionären Rollback”. Die Medienlandschaft wird düsterer.

Yaron beichtet seine Probleme mit der Beschneidung der FAZ und der deutschen Leserschaft. Ein guter Jude ist immer willkommen. Er denkt ja so logisch und baut so tolle Entweder-Oder-Schlussfolgerungen:

Für mich, der nach Israel auswanderte und dort unter Juden lebt, ist es leicht sicherzustellen, dass meine Kinder ihr Judentum auch für weitere Generationen bewahren werden. Andernorts ist dies eine gewaltige Herausforderung. Die Versuchungen sind vielfältig, der Assimilationsdruck ist groß. Was ist leichter und andauernder als durch den kleinen, wenig traumatischen Eingriff sicherzustellen, dass mein Sohn sich mehrmals täglich beim Pinkeln seine Wurzel und eine Erinnerung an seine Herkunft vor Augen und in Händen hält?

Doch dieses Argument degradiert Zugehörigkeit zu einem sofort löslichen Begriff, einem Instant-Kniff, der es uns ersparen soll, Liebe zur jüdischen Tradition durch geduldige Erziehung und das Vorangehen mit eigenem Beispiel zu wecken. Den meisten von uns ist es bequemer, beim Fest des Brith Shrimps zu servieren, als den Schabbat einzuhalten.

So einfach, eben entweder – oder. Da im Laufe des Artikels Yaron vom “jüdischen Arzt” und deutschen Journalisten zum Ratgeber mutiert, sieht er es als seine Aufgabe zu empfehlen:

 Juden sollten die kommenden 15 Jahre in Deutschland nutzen, um sich zu vergegenwärtigen, warum sie ihre Söhne beschneiden: ob sie das wirklich wollen oder nur aus Angst davor tun, anders zu sein.

Genau hier setzt sein Gegenpart bei den Intellektuellen der carta auch Akzente. Michal sagt das nur deutlicher:

So mag das unveränderliche Merkmal des Beschnittenseins die religiöse Identität eines tapferen Volkes gewahrt haben, doch dieses Ritual war auch immer eine zwanghafte xenophobe Abwehrmaßnahme gegen die „Vermischung“ mit allem Fremden.

Er weiß alles über jüdisches und muslimisches Leben in Deutschland und kann sowohl Volker Beck als auch Heribert Prantl belehren:

Beck begründet sein Eintreten für die Beschneidung – ebenso wie Prantl – damit, dass jüdisches und muslimisches Leben in Deutschland weiterhin möglich bleiben müsse. Beide tun gerade so, als sei jüdisches und muslimisches Leben in Deutschland ohne das Ritual der Kinder-Beschneidung unmöglich.

Warum nur muss ich an dieser Stelle Christian Bommarius zitieren:

Die erregte Debatte um das Recht oder Unrecht der Beschneidung hat Interessantes zutage gefördert: Rund die Hälfte der Deutschen ist davon überzeugt, dass Muslime und Juden ihre männliche Nachkommenschaft vorsätzlich genital verkrüppeln, im zarten (Muslime-) oder zartesten (Juden-) Alter in einem blutigen Akt der Barbarei die Körper der männlichen Jugend irreversibel verletzen und die sexuelle Identität beschädigen.

Das Entsetzen, das dieses archaische Gemetzel in den sanften Gemütern der aufgebrachten Deutschen hervorruft, ist derart gewaltig, Abscheu und Empörung über das im Namen einer Religion begangene Verbrechen sind derart überwältigend, dass die Selbstdisziplin nur zu bewundern ist, mit der die Hälfte der Deutschen jahrzehntelang Entsetzen, Abscheu und Empörung für sich behalten, still gelitten und duldsam geschwiegen hat, bis sie endlich in diesem Sommer ein Urteil der 1. Kleinen Strafkammer des Landgerichts Köln aus ihrer stummen Qual erlöste und – in diesem Falle sehr zu Recht – „im Namen des Volkes“ die Beschneidung als rechtswidrige Körperverletzung (vulgo: religiöse Barbarei) in den juristischen Orkus schickte. Seit Generationen hatten Millionen Deutschen offenbar aus ihren Herzen eine Mördergrube gemacht. Jetzt haben sie die Grube geöffnet. Was ein Urteil in Deutschland nicht alles vermag.

Und Dirk Pilz auch:

Die Beschneidungsdebatte zeigt dies wieder einmal: Sie ist ein Kampf unter fundamentalistischen Ahnungslosen, weil es lediglich darum geht,  die verschiedenen, zu bloßen Götzen gewordenen Götter gegeneinander auszuspielen. Vernunft gegen Gott, Recht gegen Ritus.  Bedrohlich für eine demokratische Gesellschaft ist dieser Glaubenskampf, weil sich weder mit Ahnungslosen noch mit Fundamentalisten streiten lässt: Sie haben keine Argumente, sondern nur Meinungen.

Die Dämmerung der Aufklärung ist das, und keine Dialektik…

 

 
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