Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Wo sind cartoons zum russischen Putin-gegen-Kinder-Gesetz? Sonntag, 30. Dezember 2012

Ich bitte um Verweise, bis jetzt konnte ich keine Karikaturen zum Thema finden.

Nur ein Paar schöne Arbeiten wie zum Beispiel:

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Der Text dieser Silvesterkarte lautet:

“Es soll alles Schlechte im Neuen Jahr weggehen!”

Oder:

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Zum Thema des widerlichen Gesetzes kann ich das erschütternde Buch von Ruben Gallego “Weiß auf Schwarz” als Lektüre empfehlen (in einer leider unprofessionellen Übersetzung ins Deutsche):

 

Schrecklicher Verdacht: Juden beschneiden ihr Männliches! Dienstag, 17. Juli 2012

Es gehört doch zu der Mentalität der Deutschen, alles zu regeln, in Paragraphen und Vorschriften. Die Aufklärung hat das begünstigt, im Positiven wie im Negativen. Jetzt wollen furchtbare Juristen das Jüdische Leben bestimmen, diesmal mit einer menschenrechtlichen Argumentation, mit Urteilen und Gesetzen. Das wäre nicht weiter schlimm, wäre es ein Hirngespinst geblieben. Aber die öffentliche Debatte hat sofort aufgezeigt, was der Kern der Sache ist, nämlich eine uralte Judenfeindlichkeit. Juristen merken das nicht und sind weiterhin auf sich stolz.

Zwei Beispiele.

Im Blog des Beck-Verlags sind Experten vom Fach unterwegs. Henning Ernst Müller von der Uni Regensburg hat zwei Postings dazu gestellt, er freut sich (Link):

Die nächsten Wochen und Monate dürften immerhin spannend sein: Selten kann man gesetzliche Regeln im Entstehungsprozess so intensiv verfolgen, selten gibt es  ist eine so große gesellschaftliche Debatte.

Er listet mögliche Paragraphen auf, argumentiert mit der “(knappen) Merheit der Bevölkerung” und hat kein Problem mit antisemitischen Kommentaren zu seinen Beiträgen. Er denkt ja nur juristisch sauber, alles andere ist für ihn irrelevant.

Da darf auch Thomas Stadler, ein Anwalt für IT-Recht etc., nicht fehlen, mit einem ebenso sehr frequentierten Posting zum selben Thema und mit ähnlichen vernünftig-gesunden aufklärerischen Auslassungen über “Die Beschneidung des Rechtsstaats”. Was Juden dazu sagen, kann nur “unsachlich” sein (Link):

Bei näherer Betrachtung zeigt sich also, dass wir hier von einem rituellen, nicht ganz unerheblichen körperlichen Eingriff reden, für den es keinen sachlich-wissenschaftlichen Grund gibt.

Jetzt kann man ruhig wieder Adorno und Horckheimer lesen und über die Dialektik der Aufklärung nachdenken. Ob die Ironie der Bundeskanzlerin über die “Komiker-Nation” hilft? Putzke-Nation anstatt Piefke-Nation?

UPDATE: Noch ein Möchte-gern-Jurist, Andreas Moser, kann nicht schweigen, weil es ihn

als Juristen schmerzt, die unsachgemäße und unfundierte Diskussion über eine Gerichtsentscheidung mitverfolgen zu müssen.

Auch er will

 in die sachliche Diskussion einsteigen.

Das kling dann so: er will keinesfalls

das medizinisch nicht notwendige Abtrennen von Körperteilen für subsumtionsfähig

halten. Na so was!

Auch ein ganz großer Philosoph wie Julian Nida-Rümelin sieht die Sache vollkommen klar (Link):

… die jetzige Situation ist ungut, weil sie für die Mediziner ja ein juristisches Risiko beinhaltet.

Anders ausgedrückt:

Die Philosophie kann sehr deutlich machen, dass die These, dass, wenn es denn religiöse, magische Komplexe gibt, dass diese dann von jeder Kritik und juridischen, also rechtlichen Kontrolle freigestellt werden müssen, unverträglich ist mit den normativen Grundlagen, wie sie zum Beispiel im Grundgesetz stehen, der Demokratie.

Ein Bremer “Pirat”, Kreisvorsitzender Bremen-Hemelingen Robert Bauer, geht, wie es sich gehört, noch weiter (Link):

Ein brutales Ritual wird aber durch die Jahrhunderte nicht legitimer.

Der Staat setzt mit den Eltern Schutzbefohlene für das Kind ein. Diese agieren in aller Regel auch zum Wohle des Kindes. Natürlich meinen sie dies auch im Falle einer Beschneidung zu tun. Nur: Sie irren.

usw. Jeder Satz ist hier eine Perle. Großes Theater!

 

Die CSU will auch mitmachen Sonntag, 15. Juli 2012

Das sogenannte Beschneidungsurteil hat eine bemerkenswerte antisemitische Welle ausgelöst, es ist eigentlich eine Volksverhetzung durch ein Landgericht, für sich einmalig. Die Medien sind voll offenherziger judenfeindlichen Äußerungen. Es beginnt mit der Umfrage, die besagt, 56% der Deutschen seien gegen die Beschneidung, und es endet nicht mit einer TV-Therapeutin, die einen auf einmal entdeckten ermordeten jüdischen Opa als ihre Berechtigung einführt, um gegen das Judentum zu hetzen. Nebenbei erinnert sie einen Rabbiner, dass Sigmund Freud auch ein Jude war.

Jetzt sind auch noch die Linke Partei und die CSU mit dabei. Laut dpa gilt das für die Linke Partei:

Der religionspolitische Sprecher Raju Sharma sagte der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung», eine Beschneidung sei ein «schwerer Eingriff» in die körperliche Unversehrtheit eines Kindes.

Der CSU-Politiker Thomas Silberhorn ist laut dapd noch witziger:

Silberhorn warb stattdessen für eine Straffreistellung und verwies auf die geltende Regelung für die Abtreibung: “Sie bleibt rechtswidrig, wird aber unter bestimmten Voraussetzungen nicht bestraft.”

Mit anderen Worten, Judesein soll in Deutschland “rechtswidrig, aber straffrei” sein. In den Kommentaren dazu offenbaren Antisemiten, dass sie Petitionen schreiben wollen. Und die wunderbare Regierung schläft und träumt vom Wiederaufblühen des jüdischen Lebens in Deutschland. Einen Piep bekommt man, erst wenn das Ausland Augen verdreht. Die verheerende Wirkung ist aber schon da, nach Möllemann-, Walser-, Grass-Affären nun wird  das nächste Kapitel des deutschen Antisemitismus geschrieben. Grausig!

 

Zweimal Kachelmann Samstag, 2. Juli 2011

Filed under: Deutschland,Die Zeit,Medien — peet @ 15:18 Uhr
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Nach der Freisprechung hat Jörg Kachelmann zwei bemerkenswerte Interviews gegeben. Sein künftiges Mannheim-Buch verspricht ein Bestseller zu werden.
Die Zeit mit Sabine Rückert und Stefan Willeke
Die Weltwoche mit Roger Köppel

Bemerkenswert sind auch Kommentare dazu in Blogs, aber das lasse ich heute mal beiseite…

 

Sarrazin-Debatte entpersonalisieren! Samstag, 4. September 2010

Eine Woche oder schon mehr wird der Fall Sarrazin in der Politik und in den Medien aufs heftigste verarbeitet. Zuerst entstand der Eindruck, die totalitäre Methode, mit einem Schauprozess und Sündenbockbestrafung, setze sich durch. Und im gewissen Sinne ist es das auch, denn die Bundeskanzlerin und der Bundespräsident sind sich einig und erteilen Anweisungen an den unabhängigen Bundesbankvorstand, wie der unbequeme Sarrazin von seinem Posten befreit werden soll. Die Zahl der einzelnen Personen und Institutionen, die sofort mitmachen, ist groß und beschämend.
Und trotzdem zeigt sich, dass nicht nur Leserbriefautoren, sondern auch einzelne Journalisten zu mehr fahig sind, als beim Politboulevard mitzumachen.
Lesenswert sind insbesondere Texte, die uns mit der Art der Diskussion und mit Argumenten konfrontieren. Über die Meinungsfreiheit als wichtigste Errungenschaft der jungen Demokratie in Deutschland, die den politischen Versäumnissen geopfert werden darf, schreibt oder redet zum Beispiel Henryk M. Broder, zuerst in einem Interview (Link):

Die Reaktionen auf Sarrazin zeigen für mich vor allem, dass die Politiker vergessen haben, dass eine Demokratie nicht von richtigen, sondern von falschen Meinungen lebt. Über richtige Meinungen gibt es immer einen Konsens. Da ist sofort Ruhe. Falsche Meinungen dagegen provozieren immer eine Debatte. Es gibt natürlich auch falsche Meinungen, die nicht mal einen Widerspruch wert sind. Aber das, was Sarrazin schreibt, liegt innerhalb des demokratischen Spektrums. Die Folge ist, dass darüber debattiert wird. Der Versuch, Sarrazin zum Schweigen zu bringen oder ihn zu diskreditieren, wird nur neue Sarrazins hervorrufen.

Clemens Wergin folgte (Link):

Es kommt einem aber auch wie ein Exorzismus vor: Als würden die Probleme verschwinden, wenn Sarrazin als Sündenbock in die Wüste verjagt wird.

Erst dann kamen erste Versuche, sich mit Sarrazins Argumenten zu beschäftigen. Nachdenklich macht Armgard Seegers (Link):

Dass Ausländerfeindlichkeit oder die Spaltung allein durch Benennung geschürt werden, ist auch so ein Allgemeingut und trotzdem falsch. Ausländerfeindlichkeit entsteht dadurch, dass man einander nicht kennt, nicht kennenlernt, dass man nicht die gleiche Sprache spricht, dass es ungerechte Entlohnungen, scheußliche Wohnverhältnisse gibt und Menschen, die nicht wissen, dass Bildung der Schlüssel zu einem besseren Leben ist.
Ungerüffelt sagen darf man hingegen etwas über “die Amerikaner”, “die Israelis” und “die Banker”. [...] Wer unliebsame Wahrheiten benennt, wird behandelt, als hätte er gefordert, jeder, der kein guter Deutscher ist, wird bestraft, muss mehr Steuern zahlen, bekommt weniger ärztliche Versorgung oder soll wegziehen. An Minderheiten trägt die deutsche Gesellschaft ihre Identitätsdebatte aus.

Warum haben wir diese unsägliche Debatte, in der Klischees und Vorurteile ausgebreitet werden, überhaupt? Vielleicht, weil wir, anders als Franzosen oder Amerikaner gar nicht genau definieren können, wie einer zu sein hat, der zu uns gehören will. Was ist deutsch? Was muss man tun, um deutsch zu werden?

Noch ruhiger Robert Leicht (Link):

Was mich an Sarrazins Argumentation stört, liegt auf einer anderen Ebene – und nicht einmal auf der einer statistischen Relation zwischen Intelligenz und Genetik oder sozialer Schichtung. Mich stört vielmehr die Überschätzung der Intelligenz überhaupt. [...] Eine gute Gesellschaft muss um das Grundrecht der Menschenwürde gebaut werden, die jedem moralisch noch nachhaltiger angeboren ist als genetisch seine Intelligenz; und natürlich zugleich auf der Achtung der Menschenwürde sowie der freien Entfaltungsmöglichkeit aller andern.

Einen kurzen launigen Text hat Hamed Abdel-Samad abgegeben (Link):

Was in dieser Debatte untergeht, ist Sarrazins Recht auf Meinungsäußerung. Man hält Gericht über ihn oder bejubelt ihn unreflektiert. Ob als Held oder als Sündenbock, Sarrazin ist ein unfreiwilliger Freund der Untätigen und Ratlosen geworden. Alle Versäumnisse, Hoffnungen und Vorwürfe haben nun eine Adresse: Superman Sarrazin. Alle, die die Integrationsmisere zu verantworten haben, können sich nun auf die Schulter klopfen und sich gegen den Buhmann verbünden.

Aber Sarrazin ist lediglich ein Ausdruck davon, dass wir ein Problem haben. Er ist der Überbringer der Botschaft, dass bei uns eine verkrampfte Streitkultur herrscht. Es fehlt eine Atmosphäre, in der ehrliche Kritik zulässig ist und die frei ist von Stimmungsmache, Apologetik und Überempfindlichkeit.

Ähnlich lustig macht sich Jürg Dedial über den Lauf der Debatte in der NZZ (Link):

Das sittliche Deutschland kann jetzt mit den Vokabeln der Unerträglichkeit und der weit übertretenen Grenzen und roten Linien versuchen, Sarrazin mundtot zu machen. In diesem Milieu der Korrektheit, zu dem auch das politische Establishment zu zählen ist, gehört dies zum Alltag. Es ist Teil der wohlfeilen Selbstdarstellung einer Klasse, bei der nur noch scharfe Bisse und laute Verrisse zählen; die Inhalte einer Auseinandersetzung sind unwichtig. Man kann fast alle Exponenten des linken Lagers aufführen, die sich jetzt in ihrer Empörung gegenseitig übertrumpfen. Aber auch die Bürgerlichen, angeführt von der Kanzlerin und dem Aussenminister, schämen sich laut für das Land und fordern oder empfehlen die Entfernung des kritischen Geistes aus ihrem Gesichtsfeld.

Freilich hat sich unseres Wissens bis jetzt keine dieser führenden politischen Figuren ernsthaft mit den tiefer liegenden Fragen auseinandergesetzt, die Sarrazin schon seit längerer Zeit aufwirft. Dabei ist die Politik die eigentliche Adressatin von Sarrazins Streitschrift. Wenn der Autor die Probleme der islamischen Minderheit beleuchtet, so fragt er in Wirklichkeit die Politik, wie es kommen konnte, dass die Muslime in Deutschland im Vergleich zu anderen Einwanderergruppen so schlecht integriert sind und in den relevanten Sozialstatistiken so dürftig abschneiden. Er fragt, wie es hat kommen können, dass in zahlreichen Städten, aber auch auf dem Land, richtige Parallelgesellschaften entstanden sind, die sich um eine Anpassung an deutsche Normen und Traditionen überhaupt nicht zu kümmern brauchen. Und er fragt, wie angesichts der von ihm gebrandmarkten und kaum widerlegten Tendenzen, bei denen die Integration nur eines der Probleme darstellt, das wirtschaftliche, politische und soziale Gewebe der deutschen Nachkriegsdemokratie überleben kann. Dies sind Fragen, um deren Beantwortung Deutschland nicht herumkommt.

Die grosse Gefahr liegt darin, dass die Politik (einmal mehr) nicht erkennt, wie sie an einem breiten Unbehagen und Misstrauen in weiten Teilen der Bevölkerung vorbeiagiert. Man kann sich in Empörung und Entrüstung ergehen; aber man darf dabei nicht blind werden. Und wer Sarrazin vorwirft, deutsche Wertvorstellungen zu desavouieren, muss genau prüfen, von welchen Wertvorstellungen er spricht. So gesehen scheint es, dass gerade Sarrazins Partei, die SPD, ein fast chronisches Problem mit Querdenkern und kritischen Geistern hat, die nicht in den politisch korrekten Programm-Raster passen. Gar schnell versucht sie, ihre inhaltliche Erstarrung mit Parteiausschlüssen zu übertünchen. Hessische SPD-Dissidenten oder Figuren wie Wolfgang Clement wissen davon ein Lied zu singen. Thilo Sarrazin könnte das nächste Opfer sein. Dabei sollte die Partei froh um ihn sein.

Die eigentliche Auseinandersetzung mit den Argumenten Sarrazins mussten konservative Denker übernehmen, was einerseits bezeichnend ist, andererseits irgendwie – nach meinem Geschmack – schade. Wie auch immer, sehr empfehlenswert sind Berechnungen bei kassandra2030.wordpress, dort sind auch klare Widerlegungen der logischen Fehler der Bundeskanzlerin zu finden (Link):

Ein weiteres Beispiel: Bundeskanzlerin Angela Merkel, die der Ansicht ist, Sarrazin rede „dummes Zeug“18, schreibt in der „Bild“: „Junge Menschen türkischer Herkunft sagen mir immer wieder, dass Deutschland ihre Heimat ist“.19 Das mag sein, aber laut der Studie des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsens (s.o. Fn. 1) sind es nur etwa 21% der muslimischen Jugendlichen, die so denken. Die jungen Menschen türkischer Herkunft, die Frau Merkel kennengelernt hat, „widerlegen“ also nicht die Tatsache, dass die große Mehrheit sich nicht als Deutsche sieht. [...] Zum selben logischen Irrsinn gehört es, absolute Zahlen zu nennen, die ohne Bezugspunkt vollkommen nichtsaussagend sind. Wieder Bundeskanzlerin Angela Merkel in der „Bild“: „Die rund 64 000 türkischen Unternehmen in Deutschland mit ihren mehr als 320 000 Beschäftigten erwirtschafteten im Jahr 2005 fast 30 Milliarden Euro.“ Schön und gut – aber im Verhältnis zu den Deutschen ist dies eine unterdurchschnittliche Rate an selbstständigen Unternehmen, geschaffenen Arbeitsplätzen und erwirtschaftetem BIP im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung. Widerlegt hat Frau Merkel damit nur die Aussage „es gibt überhupt gar keine türkischen Unternehmer, die Arbeitsplätze schaffen“, die aber niemand getätigt hat, während Sarrazins Behauptung von dem mangelnden ökonomischen Nutzen muslimischer Einwanderer als Aggregat davon unberührt bleibt (siehe dazu oben Teil 1, Nr. 1). Nach dem gleichen Muster „widerlegt“ auch der Vorstandsvorsitzende der Türkisch-Deutschen Unternehmervereinigung, Hüsnü Özkanli, die Behauptungen Sarrazins, indem er klagt: „Wir tragen zum deutschen Wirtschaftssystem bei, indem wir Ausbildungs- und Arbeitsplätze schaffen, unsere Jugend studiert. Was sollen wir sonst noch machen … ?“ (von Christian Geyer in der FAZ von 26.08.2010 zustimmend zitiert).

Nach drei großen Talk-Runden waren mehrere Möglichkeiten da, den Stand der Debattenkultur zu bewerten. So meinte Cora Stephan (Link), ein Land erlebt zu haben,

in dem der Ökonom Thilo Sarrazin von der Politikerin Renate Künast als „menschlich schäbig“ und „gefühlskalt“ beschimpft wurde, weil er sich auf Zahlen und Statistiken bezieht. In dem eine deutschtürkische Landesministerin aus Niedersachsen, die der Presse „kultursensible Sprache“ gegenüber türkischen Migranten verordnen wollte, stolz verkündet, „sie brauche keine Statistiken und Analysen“, da sie die „Migranten ja kenne“.
Ob bei Beckmann, ob bei Plasberg: es triumphierten die Menschlichkeit und das Leben über das statistische Teufelszeug, das „Menschen auf Zahlen“ reduziere. Selbst die Bundeskanzlerin, von Haus aus Naturwissenschaftlerin, übernahm den neuen Gefühlssprech und ließ uns an ihren Empfindungen teilhaben. Alles andere hieße ja wohl auch, über eigene Versäumnisse zu reden.
Denn Thilo Sarrazin konstatiert, was schlechterdings nicht zu leugnen ist: eine Minderheit hierzulande will sich nicht integrieren, da sie diese Gesellschaft, ihre Kultur und ihre autochthone Bevölkerung verachtet – deren Vertreter wiederum trauen sich nicht, den nötigen Respekt auch einzufordern. Das ist und bleibt der Hauptpunkt der Debatte – die nun im Namen der Menschlichkeit und der Gefühle zusammen mit Thilo Sarrazin erlegt und erledigt werden soll.
Es ist an Schäbigkeit nicht zu überbieten, was uns hier als Debattenkultur, als Weltoffenheit, als Menschlichkeit und buntes Multikulti vorgeführt wird. Die Vertreter der deutsch-türkischen Community tun beleidigt und leugnen das Problem. Politiker setzen auf das dort vermutete Wählerpotential und leugnen ihrerseits, daß das hierzulande übliche „Fördern statt Fordern“ längst an seine Grenzen gestoßen ist. Und niemand vertritt die Interessen der eingeborenen Bevölkerung, die ja womöglich Gründe dafür hat, daß sie sich die Objekte ihrer kulturellen Sensibilität von niemandem vorschreiben lassen will.
Und Sarrazin? Ist der Sündenbock, dem blanke Menschenverachtung und blanker Hass entgegenschlagen und der dennoch und auf fast rührende Weise immer und immer wieder versucht, doch noch ein Argument loszuwerden.
Nun, Umfragewerte und Internetkommentare lassen erkennen, daß das Volk mit den politischen Eliten auch hier nicht übereinstimmt. Beide großen Parteien haben die Gefolgschaft ihrer Wählerschaft eingebüßt. Der SPD droht ein Aufstand der Basis, wenn sie Sarrazin ausschließt. Und der Kanzlerin wird man es übel vermerken, daß sie einen wichtigen Amtsträger, die Meinungsfreiheit und die ihr von Amtswegen angemessene Distanz geopfert hat, um der SPD das Leben noch ein wenig schwerer zu machen. Und alle gemeinsam haben sich mit ihrer menschelnd aufgemotzten Verlogenheit bis auf die Knochen blamiert. Eine große Mehrheit der Deutschen sieht Thilo Sarrazin nun erst recht als den aufrechten, integren, ehrlichen, standhaften Mann, dem es an jener Aalglätte fehlt, mit der die anderen sich unangreifbar gemacht haben.
Der Fall Sarrazin ist für dieses Land eine historische Wegmarke. Und das ist in der Tat kein gutes Zeichen.

Es lohnt sich, in dem Zusammenhang zwei Beobachtungen der Illner-Runde zu vergleichen. Regine Mönch bei der FAZ (Link) sah das Eine:

Bernd Ullrich von der „Zeit“, der Grüne Özdemir und die Politikwissenschaftlerin Naika Foroutan sprachen schließlich für eine imaginäre Gruppe, für ein Wir, dass von Thilo Sarrazin gekränkt worden ist. Denn am meisten, so Ullrich, habe ja nicht Sarrazin unter dieser Debatte zu leiden, sondern die liberalen und gebildeten Türken und Moslems, die entmutigt würden. Broders Einwand, die Kanzlerin habe den Ton gesetzt, obwohl sie doch nicht als Literaturkritikerin gewählt sei und damit versucht, die Debatte abzuwürgen, konterte Özdemir: Die Kanzlerin habe Schaden vom Land abwenden wollen [...] Frau Foroutan rief schließlich wie in den Hochzeiten ostdeutscher Gekränktheitsrituale „wir fühlen uns diffamiert“ (zuvor hatte sie noch „den Deutschen“ attestiert, die fühlten diese Misserfolge der Integration nur, die es so gar nicht mehr gäbe) und bedankte sich bei der Kanzlerin, weil die sich „vor uns Muslime“ gestellt hat. Und dann stellte sie gleich noch die gesamte Statistik-Analyse Sarrazins in Frage. Sie habe ganz andere Zahlen, rief Foroutan, schwenkte einen Zettel und trug mit atemraubender Geschwindigkeit vor, dass weder die Arbeitsmarktzahlen für Migranten noch die Bildungsmisere noch die Gewalttaten türkischer und arabischer Jungen oder die Familiengrößen muslimischer Einwanderer irgendeine Richtigkeit hätten. Kurzum, vergessen Sie Bildungsberichte und Mikrozensus, das rechnet Ihnen Frau Foroutan von der Humboldt Universität Berlin in Nullkommanix hinüber ins Schöne!

Die Talkrunde war verblüfft und nicht einmal Maybritt Illner mochte da noch die anderslautende Fakten-Analyse ihrer Redaktion, nachzulesen im Internet, dagegenhalten. Höflich ironisch meinte lediglich Roger Köppel zu diesem statistischen Taschenspielertrick, dass sie, Frau Foroutan, sollte sie sich geirrt haben, wenigstens nicht fürchten müsse, dann ihren Job zu verlieren. Naika Foroutan leitet an der Universität das Projekt „Heymat“ und kreiert dort, unbelastet von den Integrationsproblemen dieses Landes, die „Neuen Deutschen“. Der Begriff, so steht es im Internet, wurde von ihr bewusst gewählt „in Abgrenzung zum Begriff der ‘alteingessenen Deutschen’, die für sich Etabliertenvorrechte reklamieren“.

Damit ist jetzt also Schluss, die Politikwissenschaftlerin scheint ihre Identitätsforschung gleich mit einer ganz eigenen, neuen deutschen Wohlfühlstatistik ergänzen zu wollen. Deren Premiere und ihr Alleinstellungsmerkmal, die Unüberprüfbarkeit, konnte der Zuschauer am Donnerstagabend bei Maybritt Illner erleben. Nun freue dich doch endlich, Deutschland.

Dagegen sah Carin Pawlak beim “Fokus” etwas Anderes (Link):

Wenn er eine tiefe Genugtuung spürt, spricht der Jude Broder vom „inneren Reichsparteitag“. Für denselben Begriff ist die nicht jüdische Sport-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein bei der Fußball-WM in Südafrika übrigens fast vom Mikro-Platz geflogen. „Ich glaube nur Statistiken, die ich selbst gefälscht habe“, legt Broder weiter nach. Churchill? Nein, ein Satz aus dem Reichspropagandaministerium.
Jetzt ist Berufsprovokateur Broder auf Betriebstemperatur. Die Äußerung von Kanzlerin Merkel, Sarrazins Buch sei „nicht hilfreich“, ist für ihn eine unwillkommene Einmischung. Sie sei als Politikerin gewählt und nicht als Literaturkritikerin. Broders Bombe: „Das steht in der Tradition der Reichsschriftumskammer.“ Der Gründung dieser RSK ist die Bücherverbrennung durch die Nazis vorangegangen. Ab 1934 musste, wer in Deutschland Bücher veröffentlichen wollte, Mitglied dieser Kammer sein, die unter der Leitung von Joseph Goebbels stand. Ist dieser Satz Broders hilfreich? Fällt er unter die derzeit viel disputierte Meinungsfreiheit oder ist er skandalös? Chuzpe XXL oder extreme Wahrheit? Er ist schlicht obszön.
Und ist die Erregung rituell? Nein, sie ist echt. „Jetzt muss ich die Kanzlerin verteidigen“, sagt Cem Özdemir aufgebracht. Vielleicht will er nach der Sendung Herrn Broder privat auch wieder siezen? Und Herrn Broder zum Rücktritt von irgendwas auch immer auffordern. Aber da hat Brandstifter Broder längst seine letzte Volte in dieser Biedermänner-Runde geschlagen. Was er sich wünscht von den Bürgern mit Migrationshintergrund? Also einer Deutschen wie Naika Foroutan. „Ich finde, wir brauchen mehr Deutsche, die so gut aussehen wie Sie.“ Sagt er. Und sie antwortet wirklich und mit heiligem Ernst: „Danke sehr.“ Es muss wirklich noch viel geredet werden in Deutschland.

UPDATE: Dass Broder auch in seinem Skepsis gegenüber der Zahlendaten von Frau Foroutan Recht hatte, zeigt die Überprüfung auf der “Achse des Guten” (siehe den Beitrag von Thomas Baader).
Was ich damit zeigen will: Es ist eine Debatte da, mit unterschiedlichen Meinungen, und zum Teil mit richtigen Argumenten. Und am Ende sei Thomas Eppinger zitiert, der sich absolut zu Recht empört (Link), und zwar darüber,

dass Frau Merkel die in Deutschland lebenden Türken in Schutz nimmt. Hm. Vor wem denn?
Werden Moscheen angezündet, die Scheiben von türkischen Kulturzentren zertrümmert, werden türkische Gräber geschändet, werden Steine auf türkische Volkstanzgruppen geworfen, reißen Polizisten türkische Fahnen vom Balkon, schreit der Pöbel auf den Straßen „Tod der Türkei“?
Ich kann mich nicht erinnern, ein Wort von der Kanzlerin vernommen zu haben, als all dies einer anderen Bevölkerungsgruppe widerfahren ist. Und jetzt müssen die Türken vor einem Buch beschützt werden?
In Deutschland ist jeglicher Maßstab verloren gegangen.

Zum Schluss möchte ich hier einen Beitrag der Süddeutschen Zeitung zur Sarrazin-Debatte auseinanderpflücken, und zwar von der selbsternannten Wissenschaftlerin Lamya Kaddor, die kein Problem damit hat, sich in der medialen Öffentlichkeit als wissenschafltiche Mitarbeiterin der Uni Münster titulieren zu lassen, auch Jahre nach der unfreundlichen Verabschiedung. Auch kein Problem hatte sie mit der Finanzierung ihrer Projekte durch den Großen Libyschen Diktator. Zuerst sieht sie Sarrazin mit seinen “kruden Weisheiten” und “Gehässigkeiten” in der Nähe der NPD, ohne nur einmal zu zitieren. Wie hätte sie das auch tun können? Ihren Text schrieb sie Tage vor der Bucherscheinung. Dann kommt sie zum Eigentlichen (Link):

Das eigentlich Erschütternde ist der breite Raum, der ihm geboten wird. [...] Seine Ausführungen heißen “Analysen”, dabei könnten Studierende im Grundstudium seine Argumente mühelos widerlegen. Warum also so viel Ehre für einen Mann, der behauptet, das Versagen von Teilen der türkischen Bevölkerung könne auch genetisch bedingt sein? Der mit der Einschränkung von Grundrechten spielt und Menschen kalt nach ihrem ökonomischen Wert in nützlich und nutzlos einteilt? Dieses Auftreten ist nicht nur selbstherrlich, es macht Angst. Sarrazin denkt nicht anders als ein Islamist; beide löschen sie den Geist des Grundgesetzes aus.

Kaddor braucht nichts zu zitieren und zu widerlegen. Sie behauptet, diffamiert und denunziert, um gleich auch zum Verbot aufzurufen. Besonders interessant ist die Logik: Sarrazins Halbwissen über die Genetik mache ihn vergleichbar mit Islamisten. Sie meint offensichtlich und spricht das etwas weiter auch aus, dass beide Rassisten seien, wenn sie Necla Kelek und Thilo Sarrazin zusammen sieht,

wenn er auf großer Bühne das Feindbild Islam unters Volk bringen darf

Über wie viel Wissen verfügt Kaddor im Bezug auf den Islam, wenn sie so über die Islamisten redet? Wenn sie vom Versagen einiger Teile der türkischen Bevölkerung auf das Feindbild Islam und weiter auf Islamisten so leicht springt?
Die Debatte muss weiter gehen. Auch wenn Frau Kaddor, Frau Foroutan und Frau Merkel das anders sehen.

 

Eva Herman verwandelt sich zur Stimme Gottes Montag, 26. Juli 2010

Oder war sie schon immer so? Wie auch immer, das folgende Zitat stammt aus dem Artikel von Eva Herman vom 25.7.2010, ursprünglich für den Blog des Kopp-Verlags geschrieben, zur Katastrophe während der Loveparade in Duisburg, mit mehreren Opfern und Verletzten (Link):

Für die Zukunft wurden jedoch Weichen gestellt: Denn das amtliche Ende der »geilsten Party der Welt«, der Loveparade, dürfte mit dem gestrigen Tag besiegelt worden sein! Eventuell haben hier ja auch ganz andere Mächte mit eingegriffen, um dem schamlosen Treiben endlich ein Ende zu setzen. Was das angeht, kann man nur erleichtert aufatmen! Grauenhaft allerdings, dass es erst zu einem solchen Unglück kommen musste.

Interessant wäre statistisch zu erfassen, wie viel so denken wie sie.

 

Mark Steyn über Europa heute Sonntag, 6. Juni 2010

European Muslim populations are young, fast-growing, and profoundly hostile to Jews. European Jewish populations are old, fading, and irrelevant to domestic electoral calculations.

Und weiter:

NATO’s only Muslim member has decided it would rather be friends with Iran, Sudan, and Syria.

(Link).

 

Horst Schlämmer als Spiegel der deutschen Politik Samstag, 22. August 2009

Der Film von Hape Kerkeling über seine langjährige Kunstfigur Horst Schlämmer ist ein Ereignis. Künstlerich amateurhaft konzipiert und geschnitten, mit meist schwachen (oder gar keinen) Schauspielern besetzt, reißt er kaum Masken von den großen politischen Tieren nieder. Es sind sehr wenige gelungene Verballhornungen, die im Gedächtnis bleiben wie beispielhaft blöde Manifeste von gewissen realen Parteivertretern (“bedingungsloses Grundeinkommen”), die unendliche sinnlose Begeisterungsfähigkeit von Bushido, die Pofalla-Parodie, die Merkel-Parodie, die Ulla-Schmidt-Parodie. Ansonsten ist es sehr schade, dass die effektvolle Pressekonferenz Horst Schlämmers nicht einmontiert wurde (obwohl das doch deren Sinn war!). Auch klar ist es, dass die lebendigen Improvisationen Kerkelings immer kunstreicher und wirkungsvoller als der gestellte Film sind, und Horst Schlämmers Fernsehauftritte der letzten Jahre im Film nicht übertroffen werden. Kerkeling erreicht die Höhe des großen Provokateurs Sasha Baron nicht, so schafft er nicht, Rüttgers vorzuführen. Bei Özdemir gibt es nichts vorzuführen, der macht einfach mit, weil er doch so nett ist.

Was der Film klar macht, das ist die allgemeine politische Misere Deutschlands. Schlämmer entspricht der Trostlosigkeit des realen politischen Lebens, er spiegelt sie. Damit ist schon alles gesagt. Am Rande will ich eins noch nicht vergessen: Dass die festangestellten Moderatoren der Fernsehnachrichten im Film mitmachen, ist aus meiner Sicht die Verletzung der ethischen Vorschriften, was aber auch nur auf dasselbe hinaus läuft. Bettina Schausten vergisst das, wenn sie den anderen Spiegel vorhält.
Ich verlinke hier noch lesenswerte Kritiken von Rüdiger Suchsland, Peter Zander, Oliver Jungen:

Horst Schlämmer heißt nicht nur fast genauso wie der jetzige Kölner Oberbürgermeister, Fritz Schramma, er sieht auch fast genauso aus und redet fast genauso. Aber blitzgescheit ist er, so gescheit wie sein Hochleistungsdarsteller Hape Kerkeling eben. Und nach dieser Intelligenz, mag sie hier auch weggegrunzt werden, dürstet es das ausgetrocknete Land. Denn es ist nicht der Egoismus der Politik und nicht der Zynismus des Showgeschäfts, der in Kerkelings grundsolidarischem Humor seinen Ausdruck findet, sondern das zutiefst Menschliche, das man ansonsten zu verstecken gelernt hat in der Schamgesellschaft. Denn was macht Horst Schlämmer, dieses schnaufende Lamm Gottes? Er sieht Marotten und nimmt sie an, damit man mit Schlämmer über Schlämmer lacht, nie über die anderen. Horst Schlämmer, zur Schande für alle anderen Mitglieder der Kaste sei es gesagt, wäre der Politiker, dem man sich anvertraut. Denn Horst Schlämmer, das sind wir.

Einen direkten Vergleich zwischen der Kunstfigur Schlämmer und den realen Politikern zieht der Politikberater Michael Spreng durch. Es gibt auch Zeitungen, die bei der Berichterstattung zu dem Thema Fehler machen. Zum Beispiel Jörg Schindler im Kölner Stadt-Anzeiger und genauso in der Frankfurter Rundschau, der Ursula Kwasny zur “immerhin CDU-Bürgermeisterin von Grevenbroich” leichter Hand kürt. In derselben Zeitung kann Ute Diefenbach den Regisseur des Films Angelo Colagrossi bei der Pressekonferenz nicht identifizieren (“ein Italiener, den niemand verstehen kann”).

Extra sei hier noch erwähnt, dass sich offensichtlich auch solche Leute finden, die mit der Spiegel-Bedeutung der Kunstfiguren Kerkelings nicht viel anfangen können. Es gibt darunter hochgebildete Snobs, die auch “Hurz” für gute Musik halten und sich wundern, dass diese von Kerkeling selbst runtergemacht wird (Link). Es gibt auch Politiker (Ramsauer), die schon im “Zirkus” das eigentliche Problem der Politik entdecken. Ich glaube, davon wird im Laufe der Tage noch mehr kommen. Das ist einerseits amüsant, andererseits bestätigt noch einmal mehr die triste Atmosphäre im Lande, in dem eine satirische Darstellung der Misstände für schlimmer gehalten wird als diese Misstände selbst. Exemplarisch dafür ist insbesondere der neidische Hajo Schumacher, der sich im Offenen Brief direkt an Horst Schlämmer wendet:

Sie sind nicht relevant. Sie saugen sich einfach nur fest an diesem Land, Sie sind eine Zecke am Allerwertesten der Demokratie. Sie nutzen deren Freiheiten, um sie lächerlich zu machen. Das ist nicht komisch, sondern schwach.

Auf eine verrückte Weise bestätigen solche Invektiven nur, dass der Schlag ins Gesicht die Richtigen trifft. Wie das auch immer mit der Satire ist. Die Folgen werden von Stefan Niggemeier (hier und hier, das Meiste wird wie oft bei ihm in den Kommentaren ausformuliert) besprochen, wobei Hajo Schumacher da erstaunlicherweise mitmacht und sich vorführen lässt. Kerkeling (als Schlämmer) erscheint da auch und macht den Klamauk komplett:

also liebe freunde
isch existieren wirklich – da muss ich dem hajo recht geben!
achim steht auch voll auf hasenpauer als dauerläufer, weiste.
und immer schön wähln gehn oder laufn …
euer horst

und bitte: Streit euch nich meinetwegen, weiste.
Lohnt doch nich, Schätzeleyen

Zum Schluss verlinke ich noch YouTube-Clips, die zu diesem Posting passen. Zuerst die Pressekonferenz zum Film:

Und weil die schönsten Auftritte Schlämmers dazu auch gehören, noch drei davon. Das sind die Preisverleihung 2006 (mit Anke Engelke als Ricky):

Die Begegnung mit Claudia Schiffer und Thomas Gottschalk:

und zuletzt den Klamauk mit Damen Herman und Tietjen:

 

Integration, wie sie bei Springer auszusehen hat Montag, 15. Juni 2009

Na da habe ich doch noch etwas entdeckt: Bei dem berüchtigten Springer-Akademie-Blog, mehr als jepblog bekannt. Der große Spezialist der großen Kaderschmiede ließ seine Zöglinge am 21.3.2009 bei der Boulevardzeitung B.Z. das Thema “Integration” groß kochen. Die Kinder waren sehr aufgeregt und anschließend voll des Selbstlobes (Link):

Eine gelungene Mischung von Integrationsgeschichten, in sämtlichen Ressorts, fast durchgehend positiv, aber trotzdem ohne moralischen Zeigefinger.

Ist das nicht niedlich?

Blättern wir das Heft durch (Link).
Zuerst große Politik: Schäuble erzählt Märchen über die gelungene Integration – keine Nachfrage, kein Nachhaken seitens der jungen Garde. Fast durchgehend positiv. Und ohne moralischen Zeigefinger, jep behüte. Dazu folgt noch ein Kommentar eines vielversprechenden jungen Journalisten:

Die ganz überwiegende Mehrheit ist hier politisch, wirtschaftlich und kulturell angekommen.

Ich sage nur: LOL
Es folgen die üblichen Sonntagsworte von Michel Friedman, Bilder-bla-bla über eine WG mit EU-Mitbewohnern, ein Schulzeitungsbericht über ein Box-Studio für Jugendliche, eine typische Bild-Reportage über eine psychisch kranke Finnin, weiteres Bla-bla über die französische Bulette, über eine “Halbperserin” als “amtierende Miss Berlin”, über eine “VIVA-Moderatorin mit indisch-portugiesisch-ungarischen Wurzeln im Tugend-Check”, über sechs “exotische” Restaurants. Die ARD-Serie “Türkisch für Anfänger” wird als Beispiel der gelungenen integrativen Arbeit vorgestellt, obwohl sie “keine überragenden Quoten erreichte”. Viel weiter kann man einen Geschichtsartikel mit dem schlichten Untertitel “Die Hauptstadt ist schon seit Jahrhunderten das Zuhause von Franzosen, Juden, Polen und Russen” bewundern. Darin glänzt die Aussage:

Die Vertreibungen und Deportationen der Nazizeit zerstören die Immigranten-Kultur Berlins.

Nicht weniger köstlich ist das Frage-und-Antwort-Spiel, das ein besonders raffinierter junger Student erfand:

Warum Klitschko Deutschland liebt? [...]
Hier kann er mehr Geld verdienen als in Kiew [...]

“Sehr gut” passt zum Thema auch die Erwähnung einer Einbürgerung, und zwar eines Fußballspielers, und zwar – einer rumänischen! Bar jeglicher Ironie ist auch die Geschichte eines erfolgreichen und im Sinne der Integration exemplarischen türkischen Fußballvereins:

Vergangenes Wochenende standen sieben Deutsche, zwei Japaner und ein Gambier in der Startaufstellung – und bloß ein Türke.

Es darf auch nicht die gelungenste Integration fehlen, nämlich eine volle Seite der Bordellanoncen, mit typischen Namen, wie es sich gehört. “Damen aus zwölf Nationen”, schwärmt die junge Redaktion auf der anderen Seite. Dazwischen findet sich ein merkwürdiges Portrait eines Bauunternehmers, über dessen Erfolge wir lesen:

„Cheffe hat’s geschafft“, lobten ihn seine Angestellten. Aus dem Tagesgeschäft seines Betriebs hat sich Yüksel jetzt zurückgezogen. „Ich bin nur noch zwei, drei Tage im Monat in Berlin.“ Dann wohnt er in Schöneberg. Und die übrige Zeit mit seiner türkischen Ehefrau auf der Insel Tenedos in der Ägäis, „fernab von Baustellen“. Aus erster Ehe hat er drei Kinder. Die leben in der Türkei – mit deutschem Pass.

Ein Wunder der Integration, nicht wahr?

Der Umgang mit anderen Kulturen wird folgendermaßen vorgestellt:

Gläserne Reichstagskuppel: Die wurde vom englischen Architekten Sir Norman Foster entworfen. [...]
Der Döner wurde 1971 in Kreuzberg von einem Türken erfunden. [...]
Der amerikanische Polizist William Potts hatte die Idee für die erste elektrische Verkehrsampel. [...]
Der Architekt des Gebäudes [das Neue Museum] ist David Chipperfield aus England.

Darüber der Titel: “Was wir ohne Ausländer nicht hätten”. Alles klar?

Bei der Aufzählung von allerlei ausländischen Merkmalen Berlins wird Carl von Ossietzky leichter Hand zum Franzosen gemacht:

FRANKREICH 13 133 Im Haus der Paris Bar in Charlottenburg lebte einst der Schriftsteller Carl von Ossietzky

Die griechische Verbindung ist noch rätselhafter:

GRIECHENLAND 9582 Mit 48 Stadtgemeinden hat Athen viermal so viele Bezirke wie Berlin

Spanien?

SPANIEN
7044 Der Stern von Schwimm-Star Franziska van Almsick ging 1992 bei den Olympischen Spielen in Barcelona auf

Thailand?

THAILAND 5772 Bei der Tsunami-Katastrophe 2005 starb in Thailand ein Berliner, der in Deutschland wegen versuchter Vergewaltigung gesucht wurde

Kongo?

DR KONGO 310 Unter Reichskanzler Bismarck fand 1884 eine Kongokonferenz in Berlin statt

Togo?

TOGO 207 Von 1884 bis 1914 war Togo deutsche Kolonie

Burundi?

BURUNDI 32 Für 33 Jahre gehörte das heutige Burundi als Urundi zur Kolonie Deutsch-Ostafrika

Ruanda?

RUANDA 27 Auf der Kongokonferenz in Berlin wurde 1884 beschlossen, Ruanda zu einer deutschen Kolonie zu machen

Papua?

PAPUA-NEUGUINEA 4 Zwischen 1899 und 1914 hießen Teile des Inselstaates Deutsch-Guinea

Keine besonderen Gedanken beim Leser dazu?

Was sagen “Experten” in der Zeitung selbst?
Klaus Schütz:

Ich glaube allerdings nicht, dass sie sich bei uns wirklich elend behandelt fühlen. Aber sie sehen sich benachteiligt. Sie sind nun mal im Durchschnitt mehr arbeitslos als andere. Und ihre Kinder haben wohl auch nicht genug Perspektiven für die Zukunft. Aber es ist nun mal so, dass die Struktur der Berliner Wirtschaft nicht genug industrielle Arbeitsplätze bietet.

Eberhard Diepgen:

Wichtig erscheint mir aber auch ein Mentalitätswandel in der deutschen Öffentlichkeit. Wer die Probleme richtig beim Namen nennt wird allzu leicht als ausländerfeindlich beschimpft. Wir müssen auch Forderungen an die Migranten stellen und durchsetzen. Wer dreißig Jahre in Berlin lebt und immer noch kein Deutsch versteht kann dafür nicht die “böse” deutsche Gesellschaft verantwortlich machen.

Die Frage dazu “Wie können Deutsche und Migranten besser zusammenleben?” im Titel wird von der Redaktion mit den Untertiteln beantwortet:

Migranten müssen Beitrag dazu leisten

und

Migranten müssen sich besser integrieren

Na wunderbar.

Dann folgt eine Hetzjagd auf zwei “libanesiche Zwillingsbrüder”, die ganz im Bild-Stil “KaDeWe-Zwillinge” genannt werden. Und die Moral der Geschichte lautet:

Empörung auch bei Eberhard Schönberg, Landeschef der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Er schimpft: „Im Fall der Zwillinge ist die Integration missglückt, in vielen anderen Fällen auch.“ Schönberg ist überzeugt, dass Integration zwar nicht in der ersten, aber oftmals in der zweiten Generation gescheitert ist.

Wieso müssen die beiden vermutlichen Verbrecher sich integrieren lassen, wenn sie weiterhin staatenlos bleiben sollen? Wenn sie allerdings tatsächliche Verbrecher sind, dann warum sollten sie nicht integriert sein? Gibt es keine deutschen Verbrecher? Andersherum – wenn sie Verbrecher sind und über gute Kenntnisse in der Ausnutzung der rechtlichen Lücken besitzen, sind sie nicht integriert? Über welche Integration redet der Mann? Und warum soll die Integration der ersten Generation, die keine ist, ein Vorbild für die zweite Generation sein? Ist das bei der Gewerkschaft immer noch nicht angekommen? Migranten sollten uns bedienen und unterhalten, das sagt die Statistik, das sagt die B.Z., das meint auch die Springer-Akademie.

Die einzige nützliche Information kommt auf der Seite 21 – über den mehrsprachigen Dienst “Call a doc”. Au weia, ich will den Doc auch :-)

 

Der Mob und die Gelehrten Donnerstag, 23. Oktober 2008

Filed under: Allgemein — peet @ 6:46 Uhr
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Ein durchaus interessanter Artikel von Michael J. Socolow in “Chronicle” – eine Recherche über den Medieneinfluss auf die Menschen am Beispiel berühmter Geschichte mit der Radioübertragung einer Invasion – “Der Krieg der Welten” von Herbert Wells – im Jahr 1938 (Link). Man kann diesen Beitrag als eine sinnvolle Ergänzung zu dem Wikipedia-Artikel über das Hörspiel von Orson Welles empfehlen.

Besonders die Schlussfolgerung gefällt mir:

Many people, including scholars, will continue to believe something they intuitively suspect: that the media manipulate the great mass of the nation, transforming rational individuals into emotional mobs. But notice how those who believe this never include themselves in the mob. We are, as the Columbia University sociologist W. Phillips Davison once pointed out, very susceptible to the notion that others are more persuadable than ourselves.

Would you have fallen for Welles’s broadcast? If not, why do you assume so many other people did?

 

Worüber schweigen deutsche Medien gerne? Freitag, 15. August 2008

Filed under: Deutschland,Medien,Politik,Russland,TV — peet @ 21:33 Uhr
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Nach den üblichen Zielscheiben für die mediale Kritik wie Israel und die USA ist zur Zeit Russland der Lieblingsprügelbär. Die Rolle Südossetiens im Zünden der kriegerischen Auseinandersetzung wird von den wenigsten Journalisten erwähnt – die “Expertin” Gabriele Krone-Schmalz findet dafür kein einziges Wort (Link). Ach, was soll’s…

Interessanter scheint mir in dem Zusammenhang festzustellen, dass die Kritik an der fremdenfeindlichen Politik der deutschen Regierung und an der fremdenfeindlichen Einstellung der deutschen Gesellschaft, die bei der Sitzung des UN-Komitees zur Beseitigung von Rassismus (CERD) am 6.8.2008 in Genf verlautbart wurde, in nur zwei Meldungen erwähnt wurde und zwar heute, d.h. fast 10 Tage danach (bei n-tv – Link und bei der Deutschen Welle – Link). Der Text der Medienberichts auf Englisch (Link) wurde von keiner deutschen Medienstelle übersetzt und für die deutsche Öffentlichkeit kommentiert.

Wir sind eben sehr mutig und kritisieren lieber Putin, Olmert und Bush, das ist unser Niveau und nichts darunter!

 

Russland-Experte Kaminer Samstag, 1. März 2008

In der heutigen “Frankfurter Rundschau” kann man Wladimir Kaminer bewundern, wie er sich in die Reihe der Russland-Versteher stellt (Link):

Sicher, es steht wenig zur Wahl. Das heißt aber nicht, dass es keine Demokratie ist. Es ist eine andere Form davon. [...] Ich habe in Moskau sehr viel kritisches Material gelesen, in verschiedenen Zeitungen. Das ist nicht zu vergleichen mit der Atmosphäre in der Sowjetunion. Damals hat das Dissidententum tatsächlich für große Aufregung gesorgt. Es gehörte sehr viel Haltung und eine gewisse Heldenhaftigkeit dazu, sich gegen das Regime zu stellen. Heute werden die Oppositionellen vom Volk oft verspottet. [...] Die Medien waren nie besser gestellt als heute. [...] Der tragische Mord an der Journalistin Anna Politkowskaja hat dem Ansehen Russlands viel mehr geschadet, als ihre Arbeit es je konnte. [...] Ich bin gar kein Fan von Putin. Er war halt die einzige Alternative zu dem, was vorher war.

Eine seltene Mischung aus Unwissenheit, unverdauten Resten offizieller Putin-Propaganda und direkten Lügen. Kaminer kann bekanntlich nicht zwischen Kafka und Konsalik unterscheiden. Zwischen Wahrheit und Lüge noch weniger.

 

Götz Aly rechnet weiter mit den 68er ab Montag, 28. Januar 2008

Filed under: Allgemein — peet @ 17:01 Uhr
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Auch wenn es eine gut angelegte Werbung für das neue Buch von Götz Aly ist, das zuerst gelesen werden soll, um sich zu entscheiden, ob man diese Kampagne mitmacht, ist das schon der zweite Artikel vom ihm zum Thema ’68er und heute’ (der erste war ein Interview). Diesmal – in der Berliner Zeitung und dem Inhalt nach – eine Sammelrezension. Unter anderem eine vernichtende Kritik des Buchs von Jutta Dithfurth über Ulrike Meinhof, viele Pointen und insgesamt lesenswert (Link). Am Ende:

Es hatte 30 Jahre gedauert, bis im Deutschen Bundestag das zentrale Problem der 15- bis 25-Jährigen von 1968 ausgesprochen werden konnte. Sie waren der Konfrontation um die NS-Verbrechen ihrer Eltern ausgewichen, suchten stattdessen die Völkermörder in Washington und skandierten in völliger Besinnungslosigkeit “USA-SA-SS”. Statt die familiäre Auseinandersetzung zu führen, stellten sie lieber das “System” in Frage. Statt sich mit dem allgegenwärtigen familiären Spuren des Nationalsozialismus zu beschäftigen, erklärten sie die liberal-demokratische Bundesrepublik für “faschistisch”. Das aber wird in den Büchern zu 1968 allenfalls zufällig gestreift. Stattdessen dominiert das analytisch schwache, blumige und gelegentlich sündenstolze Erzählen über eine wilde Jugend.

Von Götz Aly erscheint im März: “Unser Kampf. 1968 – ein irritierter Blick zurück”

UPDATE: In der “Frankfurter Rundschau” erschien noch ein großer Artikel von Götz Aly zum selben Thema (Link). Die “Bewegung” von 68er wird ausführlich mit der von 33 verglichen, zum Teil brisant. Am Ende wird das letzte Wort Kiesinger überlassen:

Bundeskanzler Kiesinger durchschaute das Spiel sofort. Ohne Abitur, als kleiner Leute Kind hatte er es dank der Begabtenförderung der Weimarer Republik zum Volljuristen gebracht und war 1933 der NSDAP beigetreten, weil er, wie er sagte, “national und nationalistisch nicht genügend klar unterschieden” hatte. Ihm erschien die moralisch verbrämte Überheblichkeit verdächtig, mit der sich die 68er-Studenten hauptsächlich für Konflikte engagierten, “die ihre Wurzel im Ausland haben”, gerade so als gäbe es in Deutschland nicht genug zu besprechen. Seiner Ansicht nach folgten sie der “merkwürdigen Illusion”, sie könnten so “aus der deutschen Geschichte fliehen”.

Dann konfrontierte er seine Berater mit der Frage: “Schwingt da nicht – gewissermaßen als Kehrseite – die Einstellung mit, ‚Am deutschen Wesen muss die Welt genesen’?” Da es still in der Runde blieb, antwortete er selbst: “Ich sehe darin eine schulmeisterliche, missionarische Umkehrung unseres früheren extremen Nationalismus.” Die Kraft, so auch öffentlich zu reden, fand Kurt Georg Kiesinger nie.

 

Abrechnung mit Böll Sonntag, 23. Dezember 2007

Filed under: Deutschland,Geschichte,Literatur,Medien — peet @ 13:45 Uhr
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Zum 90. Geburtstag des großen Schriftstellers Heinrich Böll sind einige Publikationen erschienen, unter anderem mehrere Zeitungsartikel. In der “Welt” mehr als anderswo. Darunter auch einige, milde gesagt kritische. Der Ton und der Unterton lassen mich vermuten, es geht hier um denselben ideologischen Kampf, den der Springerverlag zu Lebzeiten des Literaten mit ihm geführt hat.

Besonders unangenehm ist der Text von Tilman Krause (Link). Künstlerisch wie politisch wird hier mit Böll abgerechnet:

Er wird kaum mehr gelesen, und es gehören keine prophetischen Gaben dazu, um zu sagen: Das bleibt auch so. [...] Vor allem das nunmehr groß Gewollte, das man bei Böll mit dem “Billard um halb zehn” von 1959 beginnen lassen kann, es hält ästhetisch einfach nicht stand. Die plumpe Symbolik vom Sakrament des Lammes (Christentum) und des Büffels (Geist der Gewalt) ist es gar nicht mal so sehr. Vor allem ist es das Unverhältnis zur Form, ist es die vollständige Abwesenheit von Humor, Ironie, Charme, sprachlichem Reiz, was die Lektüre böllscher Werke heute so unbefriedigend macht. Sicher, sie waren wichtig in ihrer Zeit als Gebrauchsliteratur für das schlechte Gewissen. Dazu hatten die Deutschen nach 1945 ja wahrlich allen Anlass. Aber sie gehen auf im Horizont der Fünfziger-, Sechzigerjahre, weisen in nichts darüber hinaus. Was danach kam, war der hanebüchene Unsinn der “Katharina Blum” mit seiner einfältigen Schwarz-Weiß-Malerei, ein trauriges Dokument der Wahrnehmungsschwäche, die Böll ja auch das kriminelle Potential der RAF-Terroristen nicht erkennen ließ. [...] Denn Böll steht für die alte Bundesrepublik. Und nichts ist aus dem öffentlichen Bewusstsein so sehr verschwunden wie die vier Jahrzehnte Bonner Provisorium. Es beschäftigt die Fantasie einfach nicht mehr. Nichts geht von ihm aus, kein Zauber, kein Glanz, keine irgendwie geartete Verheißung.

Tanja Dückers meint es besser mit Böll, vergisst allerdings auch nicht zu sagen (Link):

Auch die Verfolgung einer jungen Frau durch die Medien, deren ubiquitäre Präsenz die Protagonistin schließlich zu einer Verzweiflungstat schreiten lässt (“Die verlorene Ehre der Katharina Blum”), wirkt nicht gestrig. Oft müsste man nur Namen und Jahreszahlen austauschen. “Die ZEITUNG”, wie Böll sein fiktives, wenngleich an BILD erinnerndes Boulevardblatt nannte, wäre heute wohl ein digitales Medium.

Es ist rührend, wie die “Bild” von heute aus der Schusslinie getragen wird. Weiter vergleicht die Autorin Äpfel mit Birnen:

Der einzige substanzielle Vorwurf stammt von Hans Erich Nossack. Der um einiges ältere Schriftsteller (1901-1977) befand, dass Bölls Werk zu sehr auf Versöhnung und Harmonie ziele. Den Roman “Ansichten eines Clowns” (1963) hielt er für misslungen, weil “ungefährlich”. Das “metaphysische Phänomen” des Clowns habe Böll “stümperhaft verhunzt”, befand Nossack (zitiert nach Heinrich Vormweg). Hier, ahnt man, scheint ein existenzialistischer Anspruch auf, dem Böll nicht genügen konnte.

Es ist dasselbe, wie Tolstoj und Dostojewski einander gegenüberzustellen, um den einen gegen den anderen auszuspielen.

Alles in allem sind das Versuche, die Literatur weiterhin zu politisieren, anstatt sie vor der Politisierung zu retten.

Für mich persönlich bleibt “Billard um halbzehn” in einer Reihe mit dem “Glasperlenspiel” und dem “Doktor Faustus” stehen – eine notwendige Lektüre für heranwachsende Jugendliche.

Und außerdem steckt für mich hinter dieser Abrechnung die schleichende Patriotismuswelle – es wird nahegelegt, Deutschland hätte die böse Vergangenheit längst verarbeitet und Böll gehört dazu. Genau umgekehrt würde ich dies sehen – die böse Vergangenheit ist noch lange nicht verarbeitet und Böll gehört dazu. Also mit positivem Zeichen: Solange die Kritik meint, sich an Böll vergehen zu müssen, ist die Vergangenheit noch nicht Geschichte!

 

Umberto Eco über das Böse Sonntag, 18. November 2007

Filed under: Allgemein — peet @ 11:45 Uhr
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In der Zeitung “Le Figaro” vom 5.11.2007 lässt sich ein inhaltsreiches Interview mit Umberto Eco geniessen (Link). Der große Essayist hat nach der “Geschichte der Schönheit” jetzt eine “Geschichte der Hässlichkeit” geschrieben. Das Buch wird im Gespräch mit Jean-Marc Parisis über die Politik, Geschmäcker etc. vorgestellt. Es geht dabei u.a. um die Zeitwahrnehmung von heute:

Notre époque, avec ses grandes migrations, rappelle peut-être davantage la chute de l’Empire romain, vers l’an 500. L’effondrement des grands empires se poursuit, après la chute de l’empire soviétique, l’empire américain commence à décliner. On pourrait aussi faire un parallèle avec les temps barbares de saint Augustin, comparer l’incendie de Rome aux Twins Towers en feu.

En quoi alors notre époque ne ressemble-t-elle à aucune autre ?

La première réponse qui me vient, c’est la vitesse. Dans une heure, je peux être à Milan. Mais il y a une autre forme d’accélération. La crinoline a duré un siècle, la mode de la minijupe, dix ans. La plume d’oie a servi pendant des siècles, la machine à écrire pendant cent cinquante ans, et moi, je dois changer d’ordinateur très souvent à cause des nouveaux programmes… L’autre caractéristique, conflictuelle avec la première, c’est l’allongement de la durée de la vie. Sous Napoléon, un type qui mourait à 40 ans n’avait connu qu’un changement historique, la Révolution française. Aujourd’hui, on peut avoir assisté à la Seconde Guerre mondiale, à la chute de l’Union soviétique et à l’effondrement des Twins Towers. Nous vivons une vie plus longue, mais plus affolée, qui doit faire face à une succession presque insupportable de changements. Nous y résistons assez bien, mais cela demande une tenue nerveuse incroyable.

 

 
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