Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Wo sind cartoons zum russischen Putin-gegen-Kinder-Gesetz? Sonntag, 30. Dezember 2012

Ich bitte um Verweise, bis jetzt konnte ich keine Karikaturen zum Thema finden.

Nur ein Paar schöne Arbeiten wie zum Beispiel:

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Der Text dieser Silvesterkarte lautet:

“Es soll alles Schlechte im Neuen Jahr weggehen!”

Oder:

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Zum Thema des widerlichen Gesetzes kann ich das erschütternde Buch von Ruben Gallego “Weiß auf Schwarz” als Lektüre empfehlen (in einer leider unprofessionellen Übersetzung ins Deutsche):

 

Ali Salem: Reise nach Israel Montag, 28. September 2009

Filed under: Deutschland,Israel,Literatur — peet @ 13:30 Uhr
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In einem inhaltsreichen Commentary-Artikel hat Michael J. Totten einen sympatischen egyptischen Schriftsteller Ali Salem erwähnt. Die Erwähnung führt zu einem Interview mit Ali Salem, die ursprünglich im April 2009 in Kuweit erschienen ist und jetzt vom MEMRI ins Englische übersetzt wurde (Link). Lesenswert!
Nach der Lektüre wollte ich Salems Buch von 1994 lesen, das offensichtlich in die Geschichte eingegangen ist. Ich musste soeben feststellen, es gibt keine deutsche Übersetzung des Buchs, nur eine englische liegt vor (“A Drive to Israel”).

Wie kann es sein, dass jeder Dreck sofort übersetzt und herausgegeben und ein wichtiges friedenförderndes Buch vollkommen ignoriert wird? Unfassbar!

 

Perspektiven der Literatur Samstag, 26. September 2009

Filed under: Blogging,Literatur,NZZ — peet @ 17:29 Uhr
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…zeichnet Dubravka Ugrešić im interessanten Interview bei der NZZ (Link). Sie wird als eine kroatische Schriftstellerin vorgestellt und ansonsten zeigt sie sich ziemlich allwissend und von sich überzeugt. Drei Themen behandelt sie aber ganz nach meinem Geschmack, treffsicher und gut formuliert, insofern kann es nur richtig sein. :-)
Essaystik – Erzählstil – Schnelligkeit:

Die Schwierigkeit der essayistischen Form besteht darin, dass viele Essay-Schreiber unbewusst in die Rolle des allwissenden Autors schlüpfen. Ich aber mag diese autoritäre Stimme nicht. Um sie zu vermeiden, gebe ich meinen Büchern oft einen unzuverlässigen oder einen ironischen Erzähler oder, wie in «Lesen verboten», einen «Brummler», der sich über alles beklagt und sich selbst bemitleidet. Es ist mir bewusst, dass eine solche Art des Erzählens naive Leser verwirrt. Besonders jene, die sich wünschen, dass der Autor die Wahrheit und nichts als die Wahrheit schreibt. Aber ich sehe lieber etwas konfuse Leser als solche, die mir zu Füssen liegen. Die Postmoderne endete mit der Massennutzung der Computertechnologie, insbesondere des Internets, aber niemand nahm Notiz von ihrem Sterben. Niemand bemerkte dieses Detail, denn unser Leben ist heute von Schnelligkeit geprägt, und diese ist viel ausgeprägter als unsere Fähigkeit zu verstehen. Unser Zeitgefühl ist durch die immense Geschwindigkeit des heutigen Alltags betäubt. Wir haben die Verbindung zu unserer Vergangenheit verloren, leben nur noch in der Gegenwart, fasziniert und hypnotisiert von den Spielzeugen, die uns die neuen Technologien schufen.

Die Prognose:

Im Zeitalter des Computers verschwindet die Gutenberg-Galaxie nach und nach, denn wir bewegen uns in Richtung einer digitalen Galaxie. Dennoch glaube ich nicht, dass Bücher als solche dem Untergang geweiht sind – Lesen ist für mich etwas Persönliches. Ich bin daher kein Fan der «Festivalisierung» der Literatur. Doch ist es schon so: Literaturtheorie wird zusehends von Literaturmarketing abgelöst, kompetente Buchkritiken werden durch Literaturtipps ersetzt. Die seriöse Buchauswahl ist am Verschwinden, stattdessen ist heute alles eine Geschmacksfrage. Der Markt beeinflusst unsere Wahl, bestimmt unsere Vorlieben und etabliert Werte.
[...] Das Internet hat unsere Art des Denkens und auch unsere Sprache verändert. Es ist das demokratischste Feld der Selbstdarstellung, auch was die Literatur angeht. Die Blogger haben heute wahrscheinlich grösseren Einfluss auf den Buchmarkt als Starkritiker. Wikipedia hat auch in Sachen Literatur demokratische Definitionsmacht erlangt. Die Literatur, wie wir sie kennen, wird nach und nach verschwinden. Auch die Bezeichnung «Autor» wird mit der Zeit aussterben. Die Literatur der Zukunft wird wilden, unstrukturierten und dynamischen Stimmen gehören.

Der Schriftsteller und sein Publikum:

Nach dem Hinschied Gottes, wie Nietzsche ihn verkündete, hat das religiöse Denken alle Sphären unseres Lebens und insbesondere die zeitgenössische Massenkultur durchdrungen. Berühmtheiten unserer Zeit wurden in den Himmel gehoben und leben mit Gott, ob er nun tot ist oder nicht. Heute sind Prominente unsere Heiligen. Konfessionelle Produkte, Memoiren oder Autobiografien sind nicht zufällig die derzeit beliebteste Art von Literatur. Will ein Autor erfolgreich sein, muss er Demütigung, Armut und Sünde erlebt haben. Er hat unter einer Krankheit gelitten, war drogen- oder alkoholsüchtig oder kann über ein Nahtod-Erlebnis Auskunft geben. Die Prüfung ist bestanden, und die Harmonie hält Einzug in sein Leben. Paulo Coelho wurde dank seiner religiös aufgeladenen «Tuttifrutti-Prosa» zu einem weltweiten Guru. Die Schuld-Sühne-Formel zieht immer, und manche Schriftsteller unterwerfen sich diesem Muster – bewusst oder unbewusst. Dies ist die alte religiöse Geschichte von Suche, Schmerz und Reinigung. Die Bewunderung der Öffentlichkeit ist der letzte Schritt in diesem Freispruch. Jeder Mensch lechzt nach der Wahrheit und möchte diese anderen erzählen. Unsere Kultur ist ein seltsamer Mix aus religiösen, narzisstischen und exhibitionistischen Elementen. Das führt dazu, dass wir in einer Umgebung leben, wo alle sprechen, aber niemand zuhört, wo alle schreiben, aber niemand liest. Jeder möchte gesehen werden, weswegen immer weniger da sind, die schauen.

 

Link zu Mankells Intifada Freitag, 7. August 2009

Völkerspezialisten haben den Artikel gelöscht (siehe Kommentare zum Posting Henning Mankell im Lager der Israelhasser angekommen).
Der Mankell wurde aber schon viel früher verdeutscht. Das Original in Schwedisch wurde am 2.6.2009 publiziert. Dann bei tlaxcala, schon am 26.6.2009, in der Übersetzung von Einar Schlereth. Davor allerdings schon bei der Seite Hintergrund, und zwar am 11.6.2009. Erstaunliche Geschwindigkeit! Und erst am 30.7.2009 bei der Gesellschaft für bedrohte Völker, allerdings ohne Erwähnung der Quelle und des Namen des Übersetzers. Man muss also nicht bei google cache suchen :-)

 

Ein Vorzeigejude der FAZ und der Süddeutschen Mittwoch, 24. Dezember 2008

In der heutigen Süddeutschen Zeitung lässt sich Maxim Biller in einem Interview mit Ijoma Mangold über die Weihnachten und Chanukka aus. Seit langem vermeide ich etwas von dem Mann zu lesen. Jetzt hat’s mich doch erwischt. Was für ein A…! Und so etwas wird als jüdische Stimme von der FAZ, bei der er eine Kolumne hat, und diesmal auch von der Süddeutschen ausgegeben, damit sich Antisemiten aufgeilen können.

Das wäre in der Tat eine Frage, wen sollte es eher treffen, den Biller oder die Medien, die ihn wichtig machen anstatt zu ignorieren. Sorry, dass ich ihn diesmal nicht ignoriert habe. Na, wenigstens kann ich den Link auslassen. :-)

 

Joachim Kaiser als Schoßkind Freitag, 12. Dezember 2008

In der “Süddeutschen Zeitung” wird Joachim Kaiser sehr gut behandelt, nicht nur zum Jübiläum. So darf er auch interviewt werden, und dabei über alles mögliche plaudern. Einiges wirkt auf mich persönlich etwas unangenehm. Daraus zwei Stellen, die besonders unangenehm sind (Link):

Wir jungen deutschen Nachkriegs-Intellektuellen kannten wegen der Nazizeit die Bedeutung der jüdischen Intellektualität kaum. Wir hatten die Zwanzigerjahre nicht erlebt und jüdische Intellektuelle nie kennengelernt. Es wirkte dann ungeheuerlich, bei Adorno oder eben Aichinger diese jüdische Geistigkeit zu erleben.

Es war klar, dass es sich um jüdische Geistigkeit handelte. Die man sehr bewunderte.

Die identifizierbar war? Wissen Sie, meine Mutter hieß Abramowski. Der Name klingt nicht gerade germanisch. Ich bin sogar von sehr vielen Leuten für jüdisch gehalten worden, was ich übrigens immer gern als Kompliment genommen habe. Ich hoffe, dass ich ein bisschen was von einem jüdischen Intellektuellen habe. Ich rede auch mit den Händen. Und ich war ein ausgesprochenes Schoßkind von denen. Die haben ja intelligente junge Leute gern.  <…>

1945 sind keine Ideale mehr zusammengebrochen. Es kann keinen halbwegs intelligenten Menschen gegeben haben, der so ahnungslos war, dass er nicht spätestens nach Stalingrad 1943 anfing, ans Ende zu denken. Das ist auch der Zwist, den ich mit meinem Freund Günter Grass habe, der äußerte, er habe erst 1945 bei den Nürnberger Prozessen erkannt, dass Hitler kein feiner Mann war und die Nazis doch irgendwie Dreck am Stecken hatten. Stalingrad ist der eigentliche Einschnitt gewesen. Da wurde mir klar, dass der Krieg verloren ist. Die Existenz danach war wie ein dunkler Tunnel und die einzige Frage: Wie kommst du hier jemals raus?

Fein formuliert, aber unterm Strich ekelhaft.

 

Billige Zeitungskritik Samstag, 29. November 2008

In der NZZ von heute schreibt ein Michael Schmitt (Literaturredaktor bei 3sat-Kulturzeit) über Ray Bradbury (Link):

«Fahrenheit 451» ist vermutlich das problematischste, weil «zu gut gemeinte» dieser drei frühen Bücher.

Ein deutlicheres Bild für das ideal gedachte «Gespräch mit Büchern» kann es kaum geben – es ist zudem eine Liebeserklärung Bradburys an all die Bibliotheken, in denen er sich als Autodidakt die eigene Bildung angeeignet hat –, aber es ist auch, von heute aus gesehen, nicht weit weg von einer mittlerweile billig zu habenden Bildungsnostalgie.

Jetzt wissen wir, wie es dazu kommt, dass die “Kulturzeit” zu vernachlässigen ist.

 

Sozialismen, Kommunismen… Mittwoch, 26. November 2008

Wie immer, auf Umwegen findet man etwas bis dato Unbekanntes. Mit einem Interview stellt “Die Welt” den ach-wie-linken Schriftsteller Ditmar Dath vor (Link). Es wird geplaudert. Unter anderem:

Für mich, den linken Westler, war die DDR vor allem die Garantie dafür, dass meine Regierung sich ihren eigenen Linken gegenüber nicht allzu schlecht benimmt: Man schlägt die Gattin nicht vor den Augen der feministischen Nachbarin. Was jener Staat für Nachteile hatte, steht überall zu lesen; die Vorteile aber stehen nur bei den größten deutschen Schriftstellern mehrerer letzter Jahrzehnte, Peter Hacks und Ronald M. Schernikau.

Von Hacks habe ich früher einiges gelesen, von Schernikau habe ich erst jetzt also erfahren und mich im Internet informiert. Alle drei – Dath, Hacks, Schernikau – sind Literaten, die von der Zeitschrift “Konkret” promotet werden.
Unterm Strich und in Kürze: Schon wieder ein ästhetischer Blick auf die Geschichte, die Gegenwart und die Zukunft. Die Realität wird ausgeblendet oder neu gedichtet. Dazu der Pathos eines Weltverstehers und -verbesserers.

Dann muss man wohl wiederholen:

Es gab nie einen Sozialismus.
Es gibt keinen Sozialismus.
Es wird nie einen geben. Genauso mit einem Kommunismus.

Die Utopien – wie auch Antiutopien – sind dazu da, zum Nachdenken und vielleicht sogar zum Handeln zu animieren. In der Pubertät und Adoleszenz mehr als später. Nur dass es nicht weh tut. Ich meine, selbst nicht und den anderen erst recht nicht. Diese Mantras sollten sich einige vielleicht öfter wiederholen.

 

Celan-Bachmann-Briefwechsel Samstag, 16. August 2008

Filed under: Allgemein — peet @ 21:30 Uhr
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Zwei Zeitungen informieren über den herausgegebenen Briefwechsel zwischen zwei großen Dichtern. Romantische Gefühle im unromantischen Zeitalter, zum Scheitern vorverurteilt.

Die Unterschiede zwischen beiden Einführungen sind für sich bemerkenswert: Dirk Knipphals nennt alles beim Namen, lässt Poeten selbst sprechen und hat unbequeme Fragen an die Herausgeber (Link). Jürgen Serke bemüht eine schwülstige hochgestelzte Sprache und bringt deswegen etwas weniger Licht in das schwierige Verhältnis zwischen der Literatur und den Autoren (Link).

Zum Vergleich zwei Stellen über das Scheitern selbst.

Knipphals:

Eine von ihm als zutiefst antisemitisch empfundene Besprechung seines Gedichtbandes “Sprachgitter” von Günter Blöcker, die ihn ins Herz seiner Existenz trifft (ein wie die bald darauf von Claire Goll losgetretene sogenannte Plagiats-Affäre zentrales Thema in der Celan-Forschung), schickt er im Oktober 1959 mit einem einzigen Begleitsatz zu ihr: “Liebe Ingeborg, die beiliegende Besprechung kam heute früh – bitte lies sie und sag mir, was Du denkst. Paul.” Als ihre Reaktion nicht exakt so ausfällt, wie er es sich erwünscht hatte, kündigt er ihre Freundschaft mit großer Geste auf. Wie daraufhin alle Beteiligten, auch Max Frisch ist involviert, zu kitten versuchen, was noch zu kitten ist, liest sich hochdramatisch. Aber wirklich erholen wird sich die Freundschaft nicht mehr. Sie tippt noch zwei Jahre später einen eingehenden Analysebrief in die Schreibmaschine, aber an ihn abschicken wird sie ihn nicht.

Serke:

In dieser Phase sucht Celan Hilfe bei Frisch und der Bachmann in seinem Kampf gegen die Plagiatsvorwürfe der Witwe von Ivan Goll, gegen antisemitische Tendenzen von Kritikern in der Bundesrepublik, gegen die von ihm empfundene Geringschätzung Heinrich Bölls. Die Antworten der beiden sind jammervoll.

In aller Schärfe sind sie zusammengefasst in einem Brief, den Ingeborg Bachmann nicht abschickt: “Das ist Dein Unglück, das ich für stärker halte als das Unglück, das Dir widerfährt. Du willst das Opfer sein, aber es liegt an Dir, es nicht zu sein.” Der Briefwechsel endet.

 

Walsers Stück Samstag, 1. März 2008

Filed under: Allgemein — peet @ 12:11 Uhr
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In der “Frankfurter Rundschau” von heute wird Martin Walser für seinen neuen Roman hoch gelobt (Link):

Walsers Lebensthema, der Kampf um Anerkennung, verbindet sich hier mit den Motiven der Liebe und des Alters. Vieles bleibt in der Schwebe. Nur der letzte Satz scheint eindeutig. “Als er aufwachte, hatte er sein Teil in der Hand, und das war steif. Da wusste er, von wem er geträumt hatte.” Wer so, nicht nur im Alter, träumt, hält bereits ein Stück Unsterblichkeit in der Hand.

Findet sich eine Stimme, meinetwegen eine weibliche Stimme, die das peinlich und der Literatur unwürdig nennen würde? Die sich nicht an dem Lobchor beteiligt? Die von der deutschen Literatur etwas mehr abverlangt als die Selbstbedienung Walsers Eitelkeit?

 

Abrechnung mit Böll Sonntag, 23. Dezember 2007

Filed under: Deutschland,Geschichte,Literatur,Medien — peet @ 13:45 Uhr
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Zum 90. Geburtstag des großen Schriftstellers Heinrich Böll sind einige Publikationen erschienen, unter anderem mehrere Zeitungsartikel. In der “Welt” mehr als anderswo. Darunter auch einige, milde gesagt kritische. Der Ton und der Unterton lassen mich vermuten, es geht hier um denselben ideologischen Kampf, den der Springerverlag zu Lebzeiten des Literaten mit ihm geführt hat.

Besonders unangenehm ist der Text von Tilman Krause (Link). Künstlerisch wie politisch wird hier mit Böll abgerechnet:

Er wird kaum mehr gelesen, und es gehören keine prophetischen Gaben dazu, um zu sagen: Das bleibt auch so. [...] Vor allem das nunmehr groß Gewollte, das man bei Böll mit dem “Billard um halb zehn” von 1959 beginnen lassen kann, es hält ästhetisch einfach nicht stand. Die plumpe Symbolik vom Sakrament des Lammes (Christentum) und des Büffels (Geist der Gewalt) ist es gar nicht mal so sehr. Vor allem ist es das Unverhältnis zur Form, ist es die vollständige Abwesenheit von Humor, Ironie, Charme, sprachlichem Reiz, was die Lektüre böllscher Werke heute so unbefriedigend macht. Sicher, sie waren wichtig in ihrer Zeit als Gebrauchsliteratur für das schlechte Gewissen. Dazu hatten die Deutschen nach 1945 ja wahrlich allen Anlass. Aber sie gehen auf im Horizont der Fünfziger-, Sechzigerjahre, weisen in nichts darüber hinaus. Was danach kam, war der hanebüchene Unsinn der “Katharina Blum” mit seiner einfältigen Schwarz-Weiß-Malerei, ein trauriges Dokument der Wahrnehmungsschwäche, die Böll ja auch das kriminelle Potential der RAF-Terroristen nicht erkennen ließ. [...] Denn Böll steht für die alte Bundesrepublik. Und nichts ist aus dem öffentlichen Bewusstsein so sehr verschwunden wie die vier Jahrzehnte Bonner Provisorium. Es beschäftigt die Fantasie einfach nicht mehr. Nichts geht von ihm aus, kein Zauber, kein Glanz, keine irgendwie geartete Verheißung.

Tanja Dückers meint es besser mit Böll, vergisst allerdings auch nicht zu sagen (Link):

Auch die Verfolgung einer jungen Frau durch die Medien, deren ubiquitäre Präsenz die Protagonistin schließlich zu einer Verzweiflungstat schreiten lässt (“Die verlorene Ehre der Katharina Blum”), wirkt nicht gestrig. Oft müsste man nur Namen und Jahreszahlen austauschen. “Die ZEITUNG”, wie Böll sein fiktives, wenngleich an BILD erinnerndes Boulevardblatt nannte, wäre heute wohl ein digitales Medium.

Es ist rührend, wie die “Bild” von heute aus der Schusslinie getragen wird. Weiter vergleicht die Autorin Äpfel mit Birnen:

Der einzige substanzielle Vorwurf stammt von Hans Erich Nossack. Der um einiges ältere Schriftsteller (1901-1977) befand, dass Bölls Werk zu sehr auf Versöhnung und Harmonie ziele. Den Roman “Ansichten eines Clowns” (1963) hielt er für misslungen, weil “ungefährlich”. Das “metaphysische Phänomen” des Clowns habe Böll “stümperhaft verhunzt”, befand Nossack (zitiert nach Heinrich Vormweg). Hier, ahnt man, scheint ein existenzialistischer Anspruch auf, dem Böll nicht genügen konnte.

Es ist dasselbe, wie Tolstoj und Dostojewski einander gegenüberzustellen, um den einen gegen den anderen auszuspielen.

Alles in allem sind das Versuche, die Literatur weiterhin zu politisieren, anstatt sie vor der Politisierung zu retten.

Für mich persönlich bleibt “Billard um halbzehn” in einer Reihe mit dem “Glasperlenspiel” und dem “Doktor Faustus” stehen – eine notwendige Lektüre für heranwachsende Jugendliche.

Und außerdem steckt für mich hinter dieser Abrechnung die schleichende Patriotismuswelle – es wird nahegelegt, Deutschland hätte die böse Vergangenheit längst verarbeitet und Böll gehört dazu. Genau umgekehrt würde ich dies sehen – die böse Vergangenheit ist noch lange nicht verarbeitet und Böll gehört dazu. Also mit positivem Zeichen: Solange die Kritik meint, sich an Böll vergehen zu müssen, ist die Vergangenheit noch nicht Geschichte!

 

Umberto Eco über das Böse Sonntag, 18. November 2007

Filed under: Allgemein — peet @ 11:45 Uhr
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In der Zeitung “Le Figaro” vom 5.11.2007 lässt sich ein inhaltsreiches Interview mit Umberto Eco geniessen (Link). Der große Essayist hat nach der “Geschichte der Schönheit” jetzt eine “Geschichte der Hässlichkeit” geschrieben. Das Buch wird im Gespräch mit Jean-Marc Parisis über die Politik, Geschmäcker etc. vorgestellt. Es geht dabei u.a. um die Zeitwahrnehmung von heute:

Notre époque, avec ses grandes migrations, rappelle peut-être davantage la chute de l’Empire romain, vers l’an 500. L’effondrement des grands empires se poursuit, après la chute de l’empire soviétique, l’empire américain commence à décliner. On pourrait aussi faire un parallèle avec les temps barbares de saint Augustin, comparer l’incendie de Rome aux Twins Towers en feu.

En quoi alors notre époque ne ressemble-t-elle à aucune autre ?

La première réponse qui me vient, c’est la vitesse. Dans une heure, je peux être à Milan. Mais il y a une autre forme d’accélération. La crinoline a duré un siècle, la mode de la minijupe, dix ans. La plume d’oie a servi pendant des siècles, la machine à écrire pendant cent cinquante ans, et moi, je dois changer d’ordinateur très souvent à cause des nouveaux programmes… L’autre caractéristique, conflictuelle avec la première, c’est l’allongement de la durée de la vie. Sous Napoléon, un type qui mourait à 40 ans n’avait connu qu’un changement historique, la Révolution française. Aujourd’hui, on peut avoir assisté à la Seconde Guerre mondiale, à la chute de l’Union soviétique et à l’effondrement des Twins Towers. Nous vivons une vie plus longue, mais plus affolée, qui doit faire face à une succession presque insupportable de changements. Nous y résistons assez bien, mais cela demande une tenue nerveuse incroyable.

 

Mosebach gegen Büchner und Folgen Sonntag, 4. November 2007

Filed under: Allgemein — peet @ 21:39 Uhr
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Noch eine berüchtigte Rede eines Literaten, diesmal so verquast, dass es kaum die Öffentlichkeit erreicht. Umsomehr dass Martin Mosebach, von dem die Rede stammt, zu den weniger anerkannten Größen gehört und bei aller Glätte des Stils eher langweilt als begeistert.

Den Kern der Story sehe ich darin, dass hier ein Schriftsteller – wie gesagt, einer der vielen, mittlere Größe, eher unauffällig – einen Preis mit Büchners Namen bekommt. Er hasst Büchner, er ist trotzdem ohne Skrupel sofort bereit, den Preis anzunehmen. Er nutzt sogar die Gelegenheit, um seinen Hass auf alles, was Büchner in der Geschichte der deutschen Literatur verkörpert, loszuwerden. Das nenne ich schon mal eine geistige Größe, ironisch bemerkt.

Bei dieser Gelegenheit schafft Mosebach es auch nebenbei, sozusagen die gesamte Moderne anzugreifen, und stellt sich als erzkonservativer Denker vor, grundsätzlich antimodernistisch. Dabei erregt er die Gemüter durch den geschmacklosen Vergleich zwischen dem literarischen Text Büchners und einer realen Rede Himmlers, bekommt seinen Preis, den Applaus und eine zweifelhafte Bekanntheit in den Medien.

Hier beginnt das Spektakel der besonderen Art. Blogger ignorieren das Thema – zu intellektuell vielleicht? Die Zeitungen versuchen sich herauszureden:

Mosebach selbst schreckt aber vor Schroffheiten auch nicht zurück. Von der Rechtfertigung des Mords im Namen einer großen Idee, die Büchner dem Revolutionär Saint-Just in den Mund legt, schlägt er kühn den Bogen zu dem Heinrich Himmler, der bei seiner Rede im damals tiefdeutschen Posen erklärte, dass es zum bleibenden Verdienst der SS gehöre, beim Judenmord anständig geblieben zu sein. Die FAZ machte gestern daraus die visionäre Überschrift: “Saint-Just. Büchner. Himmler.”

Wir wollen uns hier jeder Beurteilung dieser Gedanken, sofern es sich dabei wirklich um Gedanken handelt, enthalten. Wir wollen nur daran erinnern, dass Mosebachs Identifikation mit manchem Deutschen Bischof nun über die gemeinsame Passion für die Tridentinische Messe und das Lateinische hinausgeht.

Bei den Bischöfen wird zur Zeit der Nazivergleich Mode. Der Kölner Kardinal Meisner gefällt sich darin, wegen eines bunten Fensters von “entarteter Kunst” zu sprechen. Das Forum deutscher Katholiken lädt Eva Herman ein, damit sie ihren missglückten Nazivergleiche zur deutschen Frau wiederholen kann. Und aus Mixas Augsburg ruft man, dass die Grüne Roth “faschistoid” sei (die ihrerseits Mixa vorher einen “durchgeknallten Oberfundi” genannt hatte).

Auch hierüber wollen wir uns kein inhaltliches Urteil erlauben, sondern nur feststellen, dass man in konservativen Kirchenkreisen offenbar eine neue Strategie zur Erregung öffentlicher Aufmerksamkeit gefunden hat. Der Naziververgleich ist eben immer passend und immer krass. Das haben Mosebach und die FAZ fein beobachtet und angewandt.

Das hat Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau geschrieben (Link), im Grunde bissig und klar genug. Er greift drei Parteien an – Mosebach, Meisner-Mixa und die FAZ. Die FAZ ignoriert das und nimmt sich den “leichteren” Gegner vor – die TAZ. Der uns inzwischen gut bekannte Emblematiker Lorenz Jäger wird persönlich und denunziert den Autor des TAZ-Artikels. Christian Semler fragt darin (Link):

Der Vergleich Saint-Justs, des Rousseau-Bewunderers, mit Himmler, dem Exekutor des Rassenmassenmordes, ebnet alle wesentlichen Unterschiede ein. Wie kann man den revolutionären Terror angesichts des Bürgerkrieges, der konterrevolutionären Interventionen und des Drucks verelendeter Massen mit der Nazi-Mordmaschine gleichsetzen? Wie kann man die “Diktatur im Namen der Freiheit”, die 1793 die erste europäische demokratische Verfassung hervorgebracht hat, mit der nazistischen Vernichtungspolitik in einem Namen nennen? Wie kann man dem Königtum, dem Ancien Régime, ein solches Loblied singen, wie der Büchnerpreisträger Mosebach es tut? Man kann, wenn man genügend Rückenwind verspürt.

Und Lorenz Jäger gibt Rückenwind wie gerufen (Link):

Semler nämlich hat sein Leben der Bekämpfung des Revisionismus gewidmet [...] Wer des “Revisionismus” im heutigen Sinn geziehen wird, des “Geschichtsrevisionismus” gar, der soll einfach nur ausgeschaltet werden.

In diesem Stil geht es nur weiter und weiter, bis zum Höhepunkt am Ende:

Der Mann sollte einmal im Kader-Brockhaus das Wort “Vendée” nachschlagen: Bevölkerungsverluste bis zu fünfunddreißig Prozent in einer Provinz, die sich gegen das Pariser Revolutionsregiment erhob und in Strafaktionen von den “höllischen Kolonnen” verheert wurde – nach allen heutigen Kriterien ein Genozid. Aber wahrscheinlich hatten die guten Leute “Es lebe der König!” gerufen.

Die TAZ ist somit erledigt, nicht wahr? Dann hat aber noch einer gewagt, Mosebach zu kritisieren, nämlich der prominente Historiker Heinrich August Winkler (Link):

Ich denke, dass bei dem nationalsozialistischen Judenmord der Kampf gegen die Aufklärung eine entscheidende Rolle spielt. Die biologische Vernichtung von Menschen um der bloßen Tatsache willen, dass sie einer anderen Rasse angehören, das ist etwas anderes als wechselseitige Grausamkeiten in einem Bürgerkrieg. Und die Französische Revolution war nicht der erste Bürgerkrieg der Geschichte. Also hier werden Dinge miteinander verglichen, die man eigentlich nur vergleichen kann, um dann die Unterschiede deutlich herauszuarbeiten und nicht nur die Gemeinsamkeiten. [...]
Für ihn ist das Entscheidende, glaube ich, das Zitat “Es lebe der König” von Lucile Desmoulins, damals ausgesprochen als ein Ausdruck des äußersten Protestes. Und ich glaube, dahinter verbirgt sich die eigentliche Botschaft der Rede, die Aufklärung und die Französische Revolution markieren einen Irrweg. Die Zeit davor war die gute Zeit. Und dieser Standpunkt ist schlichtweg reaktionär. Ich würde von Geschichtsklitterung, denn das Ancien Régime, gegen das sich die Französische Revolution auflehnte, hat die Menschenrechte mit Füßen getreten. Und deswegen denke ich, ist dieses Geschichtsbild, wenn es denn der Rede zugrunde liegen sollte, etwas, mit dem man sich sehr kritisch auseinandersetzen muss.

Jäger kennt sich in der Geschichtsforschung wie bekannt besser aus als jeglicher Wissenschaftler, insbesondere wenn dieser ihm widerspricht. So bekommt Winkler dies zu spüren (Link):

Winkler, bekannt geworden durch sein Buch „Der lange Weg nach Westen“, hatte in seiner Abschiedsrede von der Universität beklagt, die Französische Revolution habe „ein antirevolutionäres Ressentiment in großen Teilen Europas“ hinterlassen. Die Wortwahl legt die Vermutung nahe, dass Winkler die Vernunftgründe einer antirevolutionären Haltung, für die Mosebach heute wie kein anderer steht, als gering veranschlagt. [...]
Wer die Jakobiner und Himmler vergleiche, müsse [nach Winkler] vor allem „die Unterschiede deutlich herausarbeiten und nicht nur die Gemeinsamkeiten“. Aber sind diese Unterschiede nicht erst dann feststellbar, wenn vorher überhaupt verglichen wurde? Die Fürsprecher des Vergleichsverbots haben dieses logische Problem bis heute nicht überzeugend zu lösen vermocht.

Jetzt ist Winkler aber auch erledigt, nicht wahr? Die gesamte perverse Rhetorik der Neuen Rechten wird hier exemplarisch angewendet. Das nennen wir den Qualitätsjournalismus! In Kürze: Zuerst denunziert er Winkler als altes Eisen, dann wird aus ihm eine Rote Socke gemacht. Gleichzeitig wird Mosebach zum geistigen Führer der “antirevolutionären Haltung” erkoren. Am Ende ist Winkler ein Fürsprecher des “Verbots”, unfähig logisch zu denken. Argumente Winklers werden dabei verschwiegen und ignoriert. So einfach geht das!
Mosebach wolle doch nur vergleichen, oder, wenn gerade keiner zuhört, wolle die Grundlagen der Welt gegen die Commis retten, also je nach dem, was gerade besser passt, mal feige zwischen den Zeilen, mal geradeaus formuliert. Der geneigte Leser wird es schon richtig deuten. Klar! Leserkommentare bei beiden Glossen Jägers kommen wie gerufen, aus der “richtigen” Ecke. Keiner widerspricht.

Noch geschickter ging die NZZ mit der Rede Mosebachs um. Joachim Güntner verschwieg den Himmler-Passus und lobte und lobte (Link):

Aber kommen wir zur Mosebach-Büchner-Kontroverse, der Dankesrede des Preisträgers. Sie war intellektuell fordernd, brillant, gerade weil sie dem gewöhnlichen Büchner-Enthusiasten schwer zu schlucken gab. [...] Mosebach entdeckte durchaus humane Züge am «Früh-Kommunisten» Büchner. Aber eben nur dort, wo dessen Werk nach Mosebachs Lesart zu der Einsicht drängt, dass der König das individuelle Subjekt garantiert, indem er es verkörpert – während doch die Revolution, diese Blutsäuferin, die Individuen vernichtet. Eine fulminante gedankliche Volte, für Republikaner freilich nur mit Bauchgrimmen geniessbar.

Vollständigkeitshalber erwähne ich noch die plauderige Glosse im “Freitag” (Link). Mario Scalla beginnt mit der Geschichte des Preises und endet mit Madonna und Tom Cruise. Zur Sache kommt er nur kurz:

Mosebach schreibt einen gepflegten bürgerlichen Realismus; wenn er öffentlich für Kuba eintreten würde, hätte ein Georg Lukacs eine helle Freude an ihm. Aber er ist nicht nur nicht für Kuba, sondern ein Gegner der Französischen Revolution – er ist sozusagen das Gegenteil von Büchner und hat doch den nach ihm benannten Preis bekommen. Mit gleichem Recht könnte man einen Ernst-Jünger Preis stiften und ihn Hermann Kant zueignen.

Martin Mosebach ist ein konservativer Anti-Modernist. [...] Die revisionistischen Neigungen der einheimischen Konservativen nehmen hysterische Züge an, Mitleid wird jetzt erste Bürgerpflicht.

Hinter der Ablehnung alles Revolutionären versteckt sich aber auch die Aversion gegen alles, was sich unter dem Begriff Moderne fassen lässt. Gegen die Moderne aber lässt sich nicht einfach mehr sein. Befinden wir uns noch in der Post- oder bereits in der Post-Postmoderne? Wie auch immer, eine Wiederkehr moderner Themen oder Techniken ist etwas Postmodernes, genauso die Ablehnung von Moderne und bürgerlicher Revolution. Ein postmoderner Anti-Modernismus ist durchaus zeittypisch. Madonna bekennt sich zur Esoterik der Kabbala, die Neigungen von Tom Cruise sind bekannt, Mosebach denkt über das Königtum nach und verbreitet Wirrnis. Eigentlich müssten sich die drei prächtig verstehen.

Also gar nicht so schlimm. Die Linke steht darüber und lächelt. Der eine nur kann sich nicht beruhigen und motzt in seinem Blog, das ist Alan Posener, der feststellt (Link):

dass die Kritik an den 68ern von einigen Konservativen benutzt wird, um die Moderne selbst anzugreifen. Endlich findet ein tapferer Konservativer den Mut, das auch zuzugeben.
In der “Welt” schreibt der erzkluge und immer erfrischend böse Tilman Krause – nicht wie üblich in seiner zeitgeistkritischen und zugleich zeitgeistanzeigenden “Klartext”-Kolumne, sondern, was einen bei einer liberalen Zeitung schon verwundern könnte, im Leitartikel, also quasi ex cathedra: “Die ‘Modernen’ gehen uns auf die Nerven”. [...] Man fragt sich, was Mosebach geritten hat, nun auch die Nazi-Erregungsmachine zu bedienen. Vielleicht war er neidisch auf Eva Herman. Oder auf Martin Walser. Man fragt sich, ob es ein deutscher Schriftsteller einmal schaffen kann, in der Paulskirche den Mund aufzumachen, ohne von Hitler zu faseln. Das einmal nicht zu tun, wäre eine wahrhaft konservative und zugleich revolutionäre Tat. Wie dem auch sei: die Auschwitzkeule in die Hand zu nehmen, um damit auf die Französische Revolution einzudreschen, scheint mir doch ein wenig billig. Die Revolution war auch so fürchterlich genug. Und fast alle Zeitgenossen haben sie so empfunden, Büchner eingeschlossen. Seitdem scheiden sich die Geister an der Frage, ob die Dialektik der Aufklärung automatisch in den Terror mündet, wie Konservative behaupten, oder ob es möglich sei, an den Idealen der Aufklärung und der Demokratie festzuhalten, ohne dem Fanatismus zu verfallen, wie Liberale und Linke meinen. Himmler führt bei der Beantwortung dieser Frage nicht weiter. [...] Es sei denn, jemand will – ganz unkonservativ – bloß einen kleinen deutschen Stunk machen.

Und ich frage mich, ob die Art dieses Textes nicht die Folge des Posener-Falls ist. Einerseits empört sich der Autor, und zu Recht, und benennt die Sachen beim Namen. Andererseits vermeidet er etwas kräftigere Ausdrücke und rudert am Ende sogar zurück. Ist der innere Zensor hier bei der Arbeit zu beobachten? Kritisieren, aber fein? Nicht dass der Chef sich einmischen soll?

Ich bin mit der Debatte unzufrieden und vermisse einen Ignatz Bubis. Gerade das wäre aber die einzige passende Gelegenheit dieses Jahres, etwas deutlicher zu werden, anstatt Pfitzner oder ein paar Bischöfe anzugreifen, liebe Vertreter des personifizierten deutschen Gewissens.

 

Gunther Nickel verteidigt Walser, Grass und Handke Freitag, 5. Oktober 2007

Der verantwortungsbewusste Vertreter einer ehrwürdigen Institution – Deutscher Literaturfonds, unterstützt von der Kulturstiftung des Bundes, – trat bei der Tagung “MedienGrass” in Bremen auf. Jetzt kann man seinen Vortrag im Internet bewundern (Link).

Kritiker und die FAZ sind an allem schuld, meint er. Eigentlich wenn die FAZ dem Boden gleichgemacht wird, sollte man sich freuen. Bei der Poesie eines Gunther Nickels geht das leider nicht. Alle Welt weiß inzwischen, dass Martin Walser mit antisemitischen Motiven seit je meisterhaft arbeitet, die FAZ weiß es auch. Gunther Nickel weiß das nicht und ist seines Unwissens sicher – so als gäbe es für ihn kein Buch von Matthias N. Lorenz und keine Diskussion dazu, die einem jeden Walser-Dilletanten bekannt hätte sein müssen. Aber ein Professor für die neuere deutsche Literaturgeschichte, selbst Autor der FAZ, weiß alles besser, wie immer.

Beim Thema Grass und seine Vergangenheit geht es ihm nur um die Frage, ob es schlimm gewesen war, zur Waffen-SS zu gehören, oder doch nicht. Dabei erhebt sich die Stimme des Redners, als er auf “den sogenannten Holocaust” zu sprechen kommt. Wozu ein “Geständnis”,

wenn die Waffen-SS doch in der Zeit, in der Grass ihr angehörte, gar keine Elitekampftruppe mehr war und er sich keiner Verbrechen schuldig gemacht hat?

Zum Schluss des Abschnitts stellt sich Gunther Nickel einer Gretchenfrage und weiß nicht weiter:

Warum Grass freilich selbst aus seiner Waffen-SS-Mitgliedschaft ein schwer auf ihm lastendendes Geheimnis seines Lebens gemacht hat, das nun endlich „raus müsse“, ist das eigentliche Rätsel dieses Skandals.

Diese Frage wird sofort vergessen, denn wo es keine Antwort gibt, sind alle leicht vergesslich. Gleich springt der Autor zu Handke, der ja schon gesagt hat, dass er unschuldig sei. Und keine Meinung zu Milosevic habe. Er sage und tue doch gar nichts. Was will man mehr?

Fazit: Alle drei sind “Opfer von Kampagnen”. Es gibt nur eine Beruhigung:

Eine Feuilletonrundschau wie sie perlentaucher.de im Internet täglich kostenlos anbietet, leistet zum Glück kompensatorisch, was eine Zeitung wie die FAZ in ihren Kampagnen verweigert.

So kann man dem Perlentaucher und noch mehr dem Titel-Magazin zur erfolgreichen Popularisierung eines nächsten Sturms im Grass Walser gratulieren.

UPDATE: Wie ich gerade feststelle, hat die FAZ schon am 2.10.2008 den armen Kämpfer in ihrer üblichen Manier von oben herab geputzt (Link).

 

Das Unglaublichste Samstag, 22. September 2007

Filed under: Allgemein — peet @ 20:25 Uhr
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So heißt ein Märchen (1870) von Hans Christian Andersen. Im Original auf Dänisch – “Det Utroligste”, in englischer Übersetzung – “The Most Incredible Thing”.

In einem politisierenden Artikel erzählt Norman Berdichevsky zwei überraschende Sachen (Link). Erstens stehen Andersens Märchen auf dem zweiten Platz nach der Bibel – was die Zahl der Übersetzungen angeht. Zweitens – die Ausgabe des Märchens im Jahre 1942 hatte Widerstandszüge:

In the 1942 Danish publication of “The Most Incredible Thing”, the final picture portrays the watchman who strikes down the lout as a Jewish rabbi with hat and beard standing above the fallen semi-naked Aryan-looking “muscle man” who is pinned to the floor by the twin tables of the Ten Commandments inscribed with Hebrew letters and surrounded by a crowd of ordinary Danes in 1940s dress.

Am Ende des Artikels erklärt Berdichevsky das Märchen zur Kampfansage gegen Islamisten. Etwas schulmäßig direkt und etwas naiv, würde ich sagen. Das Märchen ist aber wirklich hervorragend. Man kann es online in der deutschen Übersetzung lesen (Link). Mir persönlich gefällt besonders der Schluss:

Alle freuten sich, alle segneten ihn. Nicht ein Neider war da – ja, das war das Unglaublichste!

 

 
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