Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Süddeutsche Philosophie Dienstag, 7. August 2012

Richard David Precht ist kein Philosoph, sondern ein plaudernder Populist in der Art eines Roger Willemsen. Er beschuldigt die anderen

die weltfremden Träumer und Phantasten

zu sein. Er wünscht sich

ein Europa nicht der Staatsmänner und Staatsfrauen, der Diplomaten und Repräsentanten, der Banken und des Handels, sondern ein Europa der Bürger.

Linke Bazille oder was? Was sagt die Vierte Internationale dazu? Große Zustimmung von der Seite der Stammleserschaft der Süddeutschen ist ihm sicher. Und dieses Gerede von

unsere westeuropäischen Demokratien […]

Die FAZ wie die Süddeutsche, alles verseucht mit sozialistischem Mist der poststalinistischen Ära.

 

Alpha-Blogger im eigenen Medium Sonntag, 16. August 2009

Filed under: Blogging,In eigener Sache,Lesefutter — peet @ 18:49 Uhr
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Einige Tage lang habe ich die Listen bei rivva studiert. Verlinkte, vertwitterte Artikel angelesen, hier und da kommentiert und mich dabei ertappt, dies zu wichtig genommen zu haben. Wieder der Versuchung Widerstand geleistet, mich bei Twitter anzumelden.
Und dann wollte ich einer Idee nachlaufen, die nicht gleich klar war. Rivva, technorati, deutsche Blogcharts und andere wertende Suchmaschinen können nur Leser(=Klick)- und Linkzahl berechnen, nicht Inhalte. Was hilft es mir, wenn ich dem Pfad folge, den ich letzten Endes gar nicht gehen will?
Bei google, icerocket und anderen Tag-orientierten Suchmaschinen kann ich nur jeweils ein Thema verfolgen, und das bedeutet immer wieder Zeitaufwand und richtige Arbeit. Auch hier sind Perlen sehr-sehr selten. Auch wenn diese ihrerseits die Belohnung sind. Meist findet sich eine mir verwandte oder mich weiterbringende Meinung, Äußerung erst in einem weit versteckten Kommentar eines Users, der gar keinen Blog führt und nur einmalig da ist. Die vox populi ist zur Genüge präsent. Alpha-Blogger dienen in diesem Sinne als Katalysatoren, Medien, selten als Think-Thanks.
Das Gesagte ist bestimmt auch nicht neu. Ich probiere doch jetzt etwas weiter zu gehen. Selbst führe ich keinen Blogroll – für mich wäre es zu umständlich, einen solchen zu pflegen. Ein Blogaggregat, wie ich es mir wünsche, gibt es nicht. Man ist gezwungen, ständig durch die Blogrolls der anderen durchzuklicken, in der Hoffnung, Personen und Aussagen zu finden, die einen begleiten können. Was soll mit der Atomisierung des Netzes, wenn schon das reale Leben längst so weit ist?

Die Fragestellung ist also, was steht auf den Blogrolls der Alphas?
Von oben nach unten: Sascha Lobo, aktuell ganz oben, Platz drei. Auf der Seite selbst finde ich nichts für mich. Von den 28 personenbezogenen Blogs auf dem Blogroll kenne ich die wenigsten, die (fast) alle aufeinander verlinken. Nach dem Durchklicken stelle ich fest – alles stimmt. Nicht meine Nische. Keiner von denen wird auch meinen Blog lesen, klar. Die meisten von ihnen interessieren sich sowieso nur für sich, berichten von sich, sehen das Medium Blogging als öffentliches Tagebuch. Das führt mich, der ich sie persönlich nicht kenne, kaum weiter. Das meiste, was sie schreiben, interessiert mich ziemlich wenig, auch weil die persönliche Note darin viel zu stark ist. Oder zu gering. Viel Privates – Menschen, die dem Blogrollbetreiber nahe stehen. Sein Recht, klar. Darüber hinaus einige Entdeckungen – ein anspruchsvoller Blog von Bov Bjerg, ein Sammelsurium an Fundstücke von Peter Glaser. In einem der anderen Blogs – ein gutes Posting über Twitter. Noch weiter wurde ein Fragment aus dem Blog von Dave Winer übersetzt:

People come back to places that send them away. Places like Google, Yahoo, Craigslist, Youtube, even Twitter. These are the mainstays.

Peter Glaser gibt es so weiter (Link):

Die Menschen kommen immer wieder zu Sites zurück, die sie wegschicken. Sites wie Google, Yahoo, Craigslist, YouTube, auch Twitter. Das sind die Hauptumsatzbringer.

Es geht um Wegbereitung, Wegerschließung. “Tragende Säule” wäre hier besser als “Hauptumsatzbringer”. Noch näher wäre etwas in der Art wie Hauptvermittlung oder Plätze, wo man sich am meisten aufhält. Den Gedanken wollen wir aber aufnehmen. Places sind übrigens auch nicht Sites. Na gut…

So funktioniert die Suche nach dem Brauchbaren. Ich folgte den Spuren der Alphas, bekam am Ende der Kette einen wundervollen Gedanken über die Rolle des Netzes, wobei Sascha Lobo nicht einmal davon weiß. Dazwischen, bei dieser Schnitzeljagd liegen 4 Glieder – und viel Recherchezeit. Wie bekannt, die populärsten Seiten weltweit sind die Sammlungen von skurillen Links wie z.B. Boing Boing. Aktuell eine Fotostory über eine “lebenslustigeEvelyn. Ich stoppe hier die weitere Recherche bei Rivva und deutschen Blogcharts. Es genügt vorerst.
Wir lernen daraus: einerseits gibt es weiterführende Verweise, die den Besucher auf einen Weg bringen. Sie sind auch ein Magnet, wieder zu uns zu kommen. Andererseits selbstreferenziell sind sie meist, ob der Eitelkeit geschuldet oder dem Medium selbst. Dritterseits enden sie irgendwann bei einem Content, welches ein Gefühl festhält und reproduziert. Um diesem Gefühl nachzukommen, brauchen wir Zeit und Bereitschaft darauf einzugehen. Geistiges Futter brauchen wir im Netz. Dann gehen wir allerdings auf die Jagd nach den nächsten Verweisen. Wenn wir das ständig tun, wer wird eigentliche Inhalte produzieren? Und wenn wir uns weiter im Kreise drehen und dafür Alphablogger beschuldigen, ist das denn richtig?

Soll ich vielleicht doch einen Blogroll herstellen?

 

Schwierigkeiten mit der Philosophie des Internets Samstag, 28. Juni 2008

Filed under: Allgemein — peet @ 21:11 Uhr
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Immer noch freut sich ein Blogger wie ein Kind, wenn er von Printmedien oder von einer prominenten Figur erwähnt oder gar zitiert wird. Das bildet eine Ausnahme, daher eine besondere Freude. Wenn in diesem Zuge auch noch der Kleine dem Großen mit Rechthaberei und Häme ans Bein pinkeln kann, wird diese umso größer.

Jürgen Habermas hat 2006 in einem Vortrag über das Neue an der Kommunikation im Internet laut gedacht – jetzt ist sein Aufsatz in einer bearbeiteten Form erschienen. Der Philosoph beschreibt darin reale Widersprüche, in gewohnt dialektischer Sezierung des Gegenstandes. Kritiker hacken darauf mit einer solchen Verbissenheit herum, dass ich zuerst die Luft anhalten musste. Es galt zu prüfen, ob die Kritiker vielleicht im Rechte sind und Habermas zu viel auf sich genommen hat. Doch nein, allem Anschein nach kritisiert der Philosoph die Realität, und dafür wird er als Überbringer der Nachricht beinahe an die Wand gestellt. Na, dann also nichts Neues? Doch! Einige Beispiele:

Tatsächlich hat ja das Internet nicht nur neugierige Surfer hervorgebracht, sondern auch die historisch versunkene Gestalt eines egalitären Publikums von schreibenden und lesenden Konversationsteilnehmern und Briefpartnern wiederbelebt. Andererseits kann die computergestützte Kommunikation unzweideutige demokratische Verdienste nur für einen speziellen Kontext beanspruchen: Sie unterminiert die Zensur autoritärer Regime, die versuchen, spontane öffentliche Meinungen zu kontrollieren und zu unterdrücken. Im Kontext liberaler Regime überwiegt jedoch eine andere Tendenz. Hier fördert die Entstehung von Millionen von weltweit zerstreuten chat rooms und weltweit vernetzten issue publics eher die Fragmentierung jenes grossen, in politischen Öffentlichkeiten jedoch gleichzeitig auf gleiche Fragestellungen zentrierten Massenpublikums. Dieses Publikum zerfällt im virtuellen Raum in eine riesige Anzahl von zersplitterten, durch Spezialinteressen zusammengehaltenen Zufallsgruppen. Auf diese Weise scheinen die bestehenden nationalen Öffentlichkeiten eher unterminiert zu werden. [zit. bei Peter Haber]

Mit anderen Worten, verschiedene Öffentlichkeiten gehen mit dem Medium anders um. Schwierigkeiten entstehen aus der Demokratie selbst – für “die Zensur autoritärer Regime”, aber auch für die “bestehenden nationalen Öffentlichkeiten”. Das ist die Realität, dagegen kann man sich aufbäumen oder was auch immer, man kann sie nicht negieren, indem man der Beschreibung die Wertung zuschreibt.

Bei Peter Haber wird auch ein anderer wichtiger Satz zitiert:

Das Web liefert die Hardware für die Enträumlichung einer verdichteten und beschleunigten Kommunikation, aber von sich aus kann es der zentrifugalen Tendenz nichts entgegensetzen. Vorerst fehlen im virtuellen Raum die funktionalen Äquivalente für die Öffentlichkeitsstrukturen, die die dezentralisierten Botschaften wieder auffangen, selegieren und in redigierter Form synthetisieren.

Ob sie für immer fehlen, ob sie fehlen müssen, sagt Habermas nicht. Jedenfalls entspricht diese Beobachtung auch der Realität. Wir sind eben mit der zentrifugalen Tendenz konfrontiert und haben keine Alternativen dafür, die Segmentierung der virtuellen Räume geht vorerst weiter, unaufhörlich, im schnellen Tempo.

An einer anderen Stelle sagt Habermas dazu:

Aber die horizontale und entformalisierte Vernetzung der Kommunikationen schwächt zugleich die Errungenschaften traditioneller Öffentlichkeiten. Diese bündeln nämlich innerhalb politischer Gemeinschaften die Aufmerksamkeit eines anonymen und zerstreuten Publikums für ausgewählte Mitteilungen, sodass sich die Bürger zur gleichen Zeit mit denselben kritisch gefilterten Themen und Beiträgen befassen können. Der begrüßenswerte Zuwachs an Egalitarismus, den uns das Internet beschert, wird mit der Dezentrierung der Zugänge zu unredigierten Beiträgen bezahlt. In diesem Medium verlieren die Beiträge von Intellektuellen die Kraft, einen Fokus zu bilden. (zit. bei Daniel Lüdecke)

Unter Intellektuellen versteht Habermas offensichtlich sich selbst, die Elite der Gesellschaft. Aber (und hier kann man ihn gerne kritisieren!) auch diese Elite zerfällt, verliert an Bedeutung, in den Augen der breitesten Öffentlichkeit, was unter anderem auch die Polemik gegen Habermas deutlich bestätigt.

Robin Meyer-Lucht beim Perlentaucher sieht in Habermas den Vertreter “einer massenmedialen Öffentlichkeit” (Link):

Deutschland tut sich nach wie vor schwer damit, die Ressentiments gegenüber dem Internet als scheinbar chaotisches, zersplittertes und desorientierendes Medium aufzugeben. […] Habermas kapituliert hier vor der Aufgabe, seine deliberativen Öffentlichkeitsmodelle an das Internetzeitalter anzupassen. […] Die Verwobenheit und Redundanz der Diskurse und Filtermechanismen sorgen dafür, dass mediale Öffentlichkeit spezifischer und facettenreicher abgebildet werden und überhaupt erst entstehen kann. Die ganz große Bühne der Massenmedien ist für diese Prozesse extrem fruchtbar, aber sie kann die wünschenswerte Komplexität der Diskurse schon lange nicht mehr verwalten. Die Informationsökonomie des Internets schafft dabei zugleich mit ihrer niedrigen Kostenstruktur auch die Grundlage für ein stärkeres Gewicht von nichtökonomisch motivierten Akteuren. Ein Aspekt den Habermas stets gefordert hat.

Für mich sieht das eher nach einem Verlust der Logik aus: Habermas beschreibt den zersplitterten Zustand der Kommunikation, Meyer-Lucht bestätigt das und wirft dasselbe Habermas trotzdem vor. Habermas beschreibt den status quo, Meyer-Lucht erhofft sich eine neue Synthese, die nicht da ist. Wer ist hier ein Wunschdenker und wer ein Beobachter?

Klaus Jarchow beim Blog “Medienlese” ist Habermas gegenüber noch strenger (Link):

Ein massiver Erlösungsglaube an die Kommunikation spukt also im Hintergrund des Habermas’schen Hirnkastens ständig herum, sein rationaler Diskurs ist an die Stelle von Hegels Weltgeist getreten und wird letztlich wie der schon alles richten. […]

Noch einmal: Was an den hohen philosophischen Materien stört, ist hier offensichtlich der elitäre Ton, der nicht Eingeweihte auszuschließen droht. Es gibt aber auch eine egalitäre Tendenz: Immer mehr Menschen bekommen den Zugang zu immer mehr Information. Sie verarbeiten diese Information aber nicht komplex, sondern spezialisert, je nach dem eigenen Horizont. Das muss man so hinnehmen, auch wenn’s nicht gefällt – mir gefällt das auch nicht! – Vgl. meine Bemerkungen zur Unübersichtlichkeit des Meinungsspektrums bei der Bewertung einer typischen Diskussion im Internet (Link).

Jarchow schreibt Habermas “eine schmeichelhafte Aufwertung der massenmedialen Rolle der Journalisten” und “die harmonisierende Weltsicht einer Mäh-Mäh-Welt aus meinungshütenden guten Hirten und gehorsamen Schafen” zu. Man staune: Der alte Hegel stört also immer noch. Lassen sich Texte der Philosophie im Internet anders lesen als in einem Buch? Stören sie sozusagen auf dem Bildschirm mehr?
In diesem Sinne hübsch ist die Logik des pointierten Satzes bei Jarchow:

Der Unterschied zwischen einem Don Alphonso und einem Ulli Jörges ist viel kleiner, als es der Stern-Mann wohl glauben möchte.

Ich würde hier gerne ergänzen: Und viel größer, als es einem Alpha-Blogger im Traum erscheint.
Wenn der gesamte Angriff auf Habermas auf die Weise zu seinem Ziel kommt, dann kann man Autoren nur mehr Gelassenheit wünschen – ach, dass sie doch weniger “Stern” und mehr Originaltexte der Philosophen lesen mögen. :-)

 

Umberto Eco über das Böse Sonntag, 18. November 2007

Filed under: Allgemein — peet @ 11:45 Uhr
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In der Zeitung “Le Figaro” vom 5.11.2007 lässt sich ein inhaltsreiches Interview mit Umberto Eco geniessen (Link). Der große Essayist hat nach der “Geschichte der Schönheit” jetzt eine “Geschichte der Hässlichkeit” geschrieben. Das Buch wird im Gespräch mit Jean-Marc Parisis über die Politik, Geschmäcker etc. vorgestellt. Es geht dabei u.a. um die Zeitwahrnehmung von heute:

Notre époque, avec ses grandes migrations, rappelle peut-être davantage la chute de l’Empire romain, vers l’an 500. L’effondrement des grands empires se poursuit, après la chute de l’empire soviétique, l’empire américain commence à décliner. On pourrait aussi faire un parallèle avec les temps barbares de saint Augustin, comparer l’incendie de Rome aux Twins Towers en feu.

En quoi alors notre époque ne ressemble-t-elle à aucune autre ?

La première réponse qui me vient, c’est la vitesse. Dans une heure, je peux être à Milan. Mais il y a une autre forme d’accélération. La crinoline a duré un siècle, la mode de la minijupe, dix ans. La plume d’oie a servi pendant des siècles, la machine à écrire pendant cent cinquante ans, et moi, je dois changer d’ordinateur très souvent à cause des nouveaux programmes… L’autre caractéristique, conflictuelle avec la première, c’est l’allongement de la durée de la vie. Sous Napoléon, un type qui mourait à 40 ans n’avait connu qu’un changement historique, la Révolution française. Aujourd’hui, on peut avoir assisté à la Seconde Guerre mondiale, à la chute de l’Union soviétique et à l’effondrement des Twins Towers. Nous vivons une vie plus longue, mais plus affolée, qui doit faire face à une succession presque insupportable de changements. Nous y résistons assez bien, mais cela demande une tenue nerveuse incroyable.

 

Mosebach gegen Büchner und Folgen Sonntag, 4. November 2007

Filed under: Allgemein — peet @ 21:39 Uhr
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Noch eine berüchtigte Rede eines Literaten, diesmal so verquast, dass es kaum die Öffentlichkeit erreicht. Umsomehr dass Martin Mosebach, von dem die Rede stammt, zu den weniger anerkannten Größen gehört und bei aller Glätte des Stils eher langweilt als begeistert.

Den Kern der Story sehe ich darin, dass hier ein Schriftsteller – wie gesagt, einer der vielen, mittlere Größe, eher unauffällig – einen Preis mit Büchners Namen bekommt. Er hasst Büchner, er ist trotzdem ohne Skrupel sofort bereit, den Preis anzunehmen. Er nutzt sogar die Gelegenheit, um seinen Hass auf alles, was Büchner in der Geschichte der deutschen Literatur verkörpert, loszuwerden. Das nenne ich schon mal eine geistige Größe, ironisch bemerkt.

Bei dieser Gelegenheit schafft Mosebach es auch nebenbei, sozusagen die gesamte Moderne anzugreifen, und stellt sich als erzkonservativer Denker vor, grundsätzlich antimodernistisch. Dabei erregt er die Gemüter durch den geschmacklosen Vergleich zwischen dem literarischen Text Büchners und einer realen Rede Himmlers, bekommt seinen Preis, den Applaus und eine zweifelhafte Bekanntheit in den Medien.

Hier beginnt das Spektakel der besonderen Art. Blogger ignorieren das Thema – zu intellektuell vielleicht? Die Zeitungen versuchen sich herauszureden:

Mosebach selbst schreckt aber vor Schroffheiten auch nicht zurück. Von der Rechtfertigung des Mords im Namen einer großen Idee, die Büchner dem Revolutionär Saint-Just in den Mund legt, schlägt er kühn den Bogen zu dem Heinrich Himmler, der bei seiner Rede im damals tiefdeutschen Posen erklärte, dass es zum bleibenden Verdienst der SS gehöre, beim Judenmord anständig geblieben zu sein. Die FAZ machte gestern daraus die visionäre Überschrift: “Saint-Just. Büchner. Himmler.”

Wir wollen uns hier jeder Beurteilung dieser Gedanken, sofern es sich dabei wirklich um Gedanken handelt, enthalten. Wir wollen nur daran erinnern, dass Mosebachs Identifikation mit manchem Deutschen Bischof nun über die gemeinsame Passion für die Tridentinische Messe und das Lateinische hinausgeht.

Bei den Bischöfen wird zur Zeit der Nazivergleich Mode. Der Kölner Kardinal Meisner gefällt sich darin, wegen eines bunten Fensters von “entarteter Kunst” zu sprechen. Das Forum deutscher Katholiken lädt Eva Herman ein, damit sie ihren missglückten Nazivergleiche zur deutschen Frau wiederholen kann. Und aus Mixas Augsburg ruft man, dass die Grüne Roth “faschistoid” sei (die ihrerseits Mixa vorher einen “durchgeknallten Oberfundi” genannt hatte).

Auch hierüber wollen wir uns kein inhaltliches Urteil erlauben, sondern nur feststellen, dass man in konservativen Kirchenkreisen offenbar eine neue Strategie zur Erregung öffentlicher Aufmerksamkeit gefunden hat. Der Naziververgleich ist eben immer passend und immer krass. Das haben Mosebach und die FAZ fein beobachtet und angewandt.

Das hat Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau geschrieben (Link), im Grunde bissig und klar genug. Er greift drei Parteien an – Mosebach, Meisner-Mixa und die FAZ. Die FAZ ignoriert das und nimmt sich den “leichteren” Gegner vor – die TAZ. Der uns inzwischen gut bekannte Emblematiker Lorenz Jäger wird persönlich und denunziert den Autor des TAZ-Artikels. Christian Semler fragt darin (Link):

Der Vergleich Saint-Justs, des Rousseau-Bewunderers, mit Himmler, dem Exekutor des Rassenmassenmordes, ebnet alle wesentlichen Unterschiede ein. Wie kann man den revolutionären Terror angesichts des Bürgerkrieges, der konterrevolutionären Interventionen und des Drucks verelendeter Massen mit der Nazi-Mordmaschine gleichsetzen? Wie kann man die “Diktatur im Namen der Freiheit”, die 1793 die erste europäische demokratische Verfassung hervorgebracht hat, mit der nazistischen Vernichtungspolitik in einem Namen nennen? Wie kann man dem Königtum, dem Ancien Régime, ein solches Loblied singen, wie der Büchnerpreisträger Mosebach es tut? Man kann, wenn man genügend Rückenwind verspürt.

Und Lorenz Jäger gibt Rückenwind wie gerufen (Link):

Semler nämlich hat sein Leben der Bekämpfung des Revisionismus gewidmet […] Wer des “Revisionismus” im heutigen Sinn geziehen wird, des “Geschichtsrevisionismus” gar, der soll einfach nur ausgeschaltet werden.

In diesem Stil geht es nur weiter und weiter, bis zum Höhepunkt am Ende:

Der Mann sollte einmal im Kader-Brockhaus das Wort “Vendée” nachschlagen: Bevölkerungsverluste bis zu fünfunddreißig Prozent in einer Provinz, die sich gegen das Pariser Revolutionsregiment erhob und in Strafaktionen von den “höllischen Kolonnen” verheert wurde – nach allen heutigen Kriterien ein Genozid. Aber wahrscheinlich hatten die guten Leute “Es lebe der König!” gerufen.

Die TAZ ist somit erledigt, nicht wahr? Dann hat aber noch einer gewagt, Mosebach zu kritisieren, nämlich der prominente Historiker Heinrich August Winkler (Link):

Ich denke, dass bei dem nationalsozialistischen Judenmord der Kampf gegen die Aufklärung eine entscheidende Rolle spielt. Die biologische Vernichtung von Menschen um der bloßen Tatsache willen, dass sie einer anderen Rasse angehören, das ist etwas anderes als wechselseitige Grausamkeiten in einem Bürgerkrieg. Und die Französische Revolution war nicht der erste Bürgerkrieg der Geschichte. Also hier werden Dinge miteinander verglichen, die man eigentlich nur vergleichen kann, um dann die Unterschiede deutlich herauszuarbeiten und nicht nur die Gemeinsamkeiten. […]
Für ihn ist das Entscheidende, glaube ich, das Zitat “Es lebe der König” von Lucile Desmoulins, damals ausgesprochen als ein Ausdruck des äußersten Protestes. Und ich glaube, dahinter verbirgt sich die eigentliche Botschaft der Rede, die Aufklärung und die Französische Revolution markieren einen Irrweg. Die Zeit davor war die gute Zeit. Und dieser Standpunkt ist schlichtweg reaktionär. Ich würde von Geschichtsklitterung, denn das Ancien Régime, gegen das sich die Französische Revolution auflehnte, hat die Menschenrechte mit Füßen getreten. Und deswegen denke ich, ist dieses Geschichtsbild, wenn es denn der Rede zugrunde liegen sollte, etwas, mit dem man sich sehr kritisch auseinandersetzen muss.

Jäger kennt sich in der Geschichtsforschung wie bekannt besser aus als jeglicher Wissenschaftler, insbesondere wenn dieser ihm widerspricht. So bekommt Winkler dies zu spüren (Link):

Winkler, bekannt geworden durch sein Buch „Der lange Weg nach Westen“, hatte in seiner Abschiedsrede von der Universität beklagt, die Französische Revolution habe „ein antirevolutionäres Ressentiment in großen Teilen Europas“ hinterlassen. Die Wortwahl legt die Vermutung nahe, dass Winkler die Vernunftgründe einer antirevolutionären Haltung, für die Mosebach heute wie kein anderer steht, als gering veranschlagt. […]
Wer die Jakobiner und Himmler vergleiche, müsse [nach Winkler] vor allem „die Unterschiede deutlich herausarbeiten und nicht nur die Gemeinsamkeiten“. Aber sind diese Unterschiede nicht erst dann feststellbar, wenn vorher überhaupt verglichen wurde? Die Fürsprecher des Vergleichsverbots haben dieses logische Problem bis heute nicht überzeugend zu lösen vermocht.

Jetzt ist Winkler aber auch erledigt, nicht wahr? Die gesamte perverse Rhetorik der Neuen Rechten wird hier exemplarisch angewendet. Das nennen wir den Qualitätsjournalismus! In Kürze: Zuerst denunziert er Winkler als altes Eisen, dann wird aus ihm eine Rote Socke gemacht. Gleichzeitig wird Mosebach zum geistigen Führer der “antirevolutionären Haltung” erkoren. Am Ende ist Winkler ein Fürsprecher des “Verbots”, unfähig logisch zu denken. Argumente Winklers werden dabei verschwiegen und ignoriert. So einfach geht das!
Mosebach wolle doch nur vergleichen, oder, wenn gerade keiner zuhört, wolle die Grundlagen der Welt gegen die Commis retten, also je nach dem, was gerade besser passt, mal feige zwischen den Zeilen, mal geradeaus formuliert. Der geneigte Leser wird es schon richtig deuten. Klar! Leserkommentare bei beiden Glossen Jägers kommen wie gerufen, aus der “richtigen” Ecke. Keiner widerspricht.

Noch geschickter ging die NZZ mit der Rede Mosebachs um. Joachim Güntner verschwieg den Himmler-Passus und lobte und lobte (Link):

Aber kommen wir zur Mosebach-Büchner-Kontroverse, der Dankesrede des Preisträgers. Sie war intellektuell fordernd, brillant, gerade weil sie dem gewöhnlichen Büchner-Enthusiasten schwer zu schlucken gab. […] Mosebach entdeckte durchaus humane Züge am «Früh-Kommunisten» Büchner. Aber eben nur dort, wo dessen Werk nach Mosebachs Lesart zu der Einsicht drängt, dass der König das individuelle Subjekt garantiert, indem er es verkörpert – während doch die Revolution, diese Blutsäuferin, die Individuen vernichtet. Eine fulminante gedankliche Volte, für Republikaner freilich nur mit Bauchgrimmen geniessbar.

Vollständigkeitshalber erwähne ich noch die plauderige Glosse im “Freitag” (Link). Mario Scalla beginnt mit der Geschichte des Preises und endet mit Madonna und Tom Cruise. Zur Sache kommt er nur kurz:

Mosebach schreibt einen gepflegten bürgerlichen Realismus; wenn er öffentlich für Kuba eintreten würde, hätte ein Georg Lukacs eine helle Freude an ihm. Aber er ist nicht nur nicht für Kuba, sondern ein Gegner der Französischen Revolution – er ist sozusagen das Gegenteil von Büchner und hat doch den nach ihm benannten Preis bekommen. Mit gleichem Recht könnte man einen Ernst-Jünger Preis stiften und ihn Hermann Kant zueignen.

Martin Mosebach ist ein konservativer Anti-Modernist. […] Die revisionistischen Neigungen der einheimischen Konservativen nehmen hysterische Züge an, Mitleid wird jetzt erste Bürgerpflicht.

Hinter der Ablehnung alles Revolutionären versteckt sich aber auch die Aversion gegen alles, was sich unter dem Begriff Moderne fassen lässt. Gegen die Moderne aber lässt sich nicht einfach mehr sein. Befinden wir uns noch in der Post- oder bereits in der Post-Postmoderne? Wie auch immer, eine Wiederkehr moderner Themen oder Techniken ist etwas Postmodernes, genauso die Ablehnung von Moderne und bürgerlicher Revolution. Ein postmoderner Anti-Modernismus ist durchaus zeittypisch. Madonna bekennt sich zur Esoterik der Kabbala, die Neigungen von Tom Cruise sind bekannt, Mosebach denkt über das Königtum nach und verbreitet Wirrnis. Eigentlich müssten sich die drei prächtig verstehen.

Also gar nicht so schlimm. Die Linke steht darüber und lächelt. Der eine nur kann sich nicht beruhigen und motzt in seinem Blog, das ist Alan Posener, der feststellt (Link):

dass die Kritik an den 68ern von einigen Konservativen benutzt wird, um die Moderne selbst anzugreifen. Endlich findet ein tapferer Konservativer den Mut, das auch zuzugeben.
In der “Welt” schreibt der erzkluge und immer erfrischend böse Tilman Krause – nicht wie üblich in seiner zeitgeistkritischen und zugleich zeitgeistanzeigenden “Klartext”-Kolumne, sondern, was einen bei einer liberalen Zeitung schon verwundern könnte, im Leitartikel, also quasi ex cathedra: “Die ‘Modernen’ gehen uns auf die Nerven”. […] Man fragt sich, was Mosebach geritten hat, nun auch die Nazi-Erregungsmachine zu bedienen. Vielleicht war er neidisch auf Eva Herman. Oder auf Martin Walser. Man fragt sich, ob es ein deutscher Schriftsteller einmal schaffen kann, in der Paulskirche den Mund aufzumachen, ohne von Hitler zu faseln. Das einmal nicht zu tun, wäre eine wahrhaft konservative und zugleich revolutionäre Tat. Wie dem auch sei: die Auschwitzkeule in die Hand zu nehmen, um damit auf die Französische Revolution einzudreschen, scheint mir doch ein wenig billig. Die Revolution war auch so fürchterlich genug. Und fast alle Zeitgenossen haben sie so empfunden, Büchner eingeschlossen. Seitdem scheiden sich die Geister an der Frage, ob die Dialektik der Aufklärung automatisch in den Terror mündet, wie Konservative behaupten, oder ob es möglich sei, an den Idealen der Aufklärung und der Demokratie festzuhalten, ohne dem Fanatismus zu verfallen, wie Liberale und Linke meinen. Himmler führt bei der Beantwortung dieser Frage nicht weiter. […] Es sei denn, jemand will – ganz unkonservativ – bloß einen kleinen deutschen Stunk machen.

Und ich frage mich, ob die Art dieses Textes nicht die Folge des Posener-Falls ist. Einerseits empört sich der Autor, und zu Recht, und benennt die Sachen beim Namen. Andererseits vermeidet er etwas kräftigere Ausdrücke und rudert am Ende sogar zurück. Ist der innere Zensor hier bei der Arbeit zu beobachten? Kritisieren, aber fein? Nicht dass der Chef sich einmischen soll?

Ich bin mit der Debatte unzufrieden und vermisse einen Ignatz Bubis. Gerade das wäre aber die einzige passende Gelegenheit dieses Jahres, etwas deutlicher zu werden, anstatt Pfitzner oder ein paar Bischöfe anzugreifen, liebe Vertreter des personifizierten deutschen Gewissens.

 

Politische Unkultur Donnerstag, 26. Oktober 2006

Filed under: Allgemein — peet @ 17:31 Uhr
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Die Zeitschrift “Cicero”, angeblich für die politische Kultur verantwortlich, will mit der “Bild” konkurrieren und greift zu unkorrekten Methoden, um die Leserschaft zu gewinnen. Die Bilanz: Boulevard der politischen Unkultur.

Ein Journalist namens Jürgen Busche saugt sich eine Denunzierung aus den Fingern und aus den Erinnerungen eines anderen Journalisten namens Joachim Fest – gegen Jürgen Habermas gerichtet. Auf dem Cover sieht man groß “Vergesst Habermas!”, der Artikel heißt “Hat Habermas die Wahrheit verschluckt?”, Busche fragt sich: “Gerücht oder Ungeheuerlichkeit?” Das wäre alles eher etwas für die “Titanic” – leider meint die “Cicero” das wohl im Ernst.

Der Text von Busche ist eine Schande für die Zeitschrift. Wer will, kann ihn lesen (Link). Mich hat die folgende Passage besonders beeindruckt:

Es war kein anderer als der junge Jürgen Habermas, der Anfang der fünfziger Jahre als einer der Ersten und mit Durchschlagskraft in der FAZ auf die Nähe von Heideggers Denken zu den Grundlagen der NS-Ideologie hinwies, nicht ganz zu Recht, aber mit Folgen, die heute noch spürbar sind.

“Nicht ganz zu Recht”! Ein Journalist, der einmal ein Buch über Helmut Kohl publizieren durfte, weiß über Heidegger besser Bescheid als Habermas. Ha-ha!

Der Brief von Habermas an die Redaktion ist dagegen sehr wohl zu empfehlen (Link). Ironisch, klar, würdevoll, schön bissig. Ich zitiere daraus den Anfang und den Abschluss:

Jürgen Busche betätigt sich als Denunziant, indem er auf der Grundlage von längst widerlegten Gerüchten Unwahrheiten insinuiert. Wenn man sich den Kreis derer vergegenwärtigt, von denen man weiß, dass sie das Gerücht kolportiert haben – Fest, Lübbe, Koselleck, und (nun erst?) Busche – erkennt man die erneute Denunziation als das, was sie ist: als Fortsetzung einer politischen Hetze, der ich vonseiten der FAZ insbesondere in den 70er und 80er Jahren ausgesetzt war. Fest hat mir offenbar die Kritik an jenen Vordenkern des NS-Regimes übelgenommen, die er in seinem Blatt rehabilitieren ließ. (…)

Wenn der Umstand, dass ich von Herrn Fest posthum – und von dessen ehemaligem Angestellten Busche genötigt werde, mich über diese Lappalien zu äußern, eines lehrt, dann etwas von der Ranküne, die das Klima der Bundesrepublik Jahrzehnte lang vergiftet hat.

Die “Cicero” dreht das um, legt nach und setzt die Verleumdung fort:

Habermas beschuldigt nicht Fest, sondern Busche. Eigentlich beschuldigt Habermas nicht, sondern verteidigt sich gegen die Verleumdung. Das “Politmagazin” geht dem nicht nach, sondern gibt einem jeden seine Meinung oder findet einen, der mutig genug ist, um die Verleumdung auszusprechen. Oder wie war es mit den Bild-Parolen? Machen das nächste Heft von “Cicero” Gäste von der “Bild”? Ist es schon soweit?

UPDATE: Wie ich gerade entdeckt habe, hat Markus Schwering schon am 24.10 im “Kölner Stadt-Anzeiger” die Story zu Ende recherchiert (Link). Joachim Fest sieht anschliessend nicht gut aus. Die “Süddeutsche”will dieselbe Recherche erst heute gemacht haben, ohne sich auf Schwering zu beziehen (Link). Lehrreich!

 

André Glucksmann empört sich Sonntag, 20. August 2006

Filed under: Allgemein — peet @ 13:05 Uhr
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Der “Tagesspiegel” hat den rhetorisch glänzenden Text des französischen Philosophen André Glucksmann nachgedruckt. Das Original erschien am 8.8.2006 (Link), der “Perlentaucher” übersetzte es am 9.8. (Link) und die Zeitung folgte am 18.8. (Link). Ein treffender Kommentar ist bei Jeff Weintraub nachzulesen (Link).

 

 
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