Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Beschnittener Optimismus Mittwoch, 15. August 2012

Die Debatte über die Beschneidung will kein Ende haben, grausig. Die TV-Talkshow bei Maischberger und das mediale Echo darauf will ich hier kurz zusammenfassen.

Die Sendung wurde von einer erfahrenen und im positiven Sinne neutral wirkenden Moderatorin gut geführt, alle Teilnehmer zeigten sich wie sie sind, es war leicht, eine eigene Meinung über Personen und Inhalte zu bilden. Eine bessere Arbeit als Anne Will hat Sandra Maischberger auf jeden Fall geleistet. Das ist der Pluspunkt. Ansonsten, wie mediale Reaktionen es zeigen, bleibt es weiterhin eine Schande, dass die deutsche Debatte so intolerant gegenüber der immer noch fremden und immer noch unbekannten Kultur geführt wird. Darin hat Dieter Graumann Recht: Die Debatte ist “viel schädlicher als alle Beschneidungen”. Mein Wort!

Unzählige meist antisemitische Kommentare sind die Folge. So bei der WAZ, wo nur eine dapd-Meldung publiziert wird, so auch bei der “Frankfurter Rundschau”, wo das Thema gleich zweimal am selben Tage angeschnitten wird. Bei der korrekten Besprechung der Sendung durch Torsten Wahl:

Einen großen Toleranztest nannte Zentralratschef Graumann abschließend die Diskussion – viel Toleranz haben die Befürworter der Beschneidung in dieser Sendung nicht erfahren.

So auch bei dem starken, fast schon kampflustigen Text von Christian Bommarius, der die klare Parallele zwischen dem “Stürmer”-Antisemitismus und der aktuellen Debatte aufdeckte:

Es ist natürlich schön, dass die Deutschen ihre Haltung zu den Menschenrechten derart modifiziert haben, dass sie heute glauben, den Juden darin Unterricht erteilen zu können.

Noch schöner wäre es, ihnen würde bewusst, wie lächerlich und beschämend ausgerechnet in Deutschland – als einziger Demokratie der Welt – ein Beschneidungsverbot wäre. Es wäre ein Triumph hochnäsiger Geschichtsvergessenheit.

Christian Geyer hat in der FAZ die Sendung zum Anlass genommen, die Religion per se zu verteidigen. Deswegen für ihn ist das

Eine lohnende Beschneidungsdebatte.

Weil es zeigen lässt, in Deutschland sei

ein präpotenter Ton gegenüber Gläubigen eingeschlichen, der sich selbst bloßstellt und dringend zurückgenommen werden sollte.

Negativ beurteilt die Sendung Tim Slagmann in der “Welt”, er macht kein Geheimnis aus seiner eigenen Position gegen die Beschneidung überhaupt:

Verbissen diskutierten die Gäste bei Maischberger – ohne sich Argumenten zu öffnen. [...] Andererseits war es erstaunlich, wie sehr sich die Diskutanten in ihren je eigenen Aspekten verloren, um Kontrahenten dann umgekehrt vorzuwerfen, diese sähen das Wesentliche, Gesamte, Andere der Debatte nicht. Graumann etwa wiederholte, die Beschneidung sei das Fundament des jüdischen Glaubens. Seit Jahrtausenden, fertig, Punkt.

Die Mühe, diese Bedeutung zu erläutern, herzuleiten oder sie gar für eine historisch-kritische Lesart zu öffnen, machte Graumann sich nicht. Warum man die Heranwachsenden nicht selbst entscheiden lassen könnte, mit 16 oder 18 Jahren?

Necla Keleks Meinung fand Tim Slagmann dagegen “durchaus schlüssig”. Und er fand sich selbst mutig bei der Fragestellung, “ob da nicht wieder einmal gegen das Volk regiert werde.”

Noch mehr von der vox populi kann man bei einer Blogreaktion lernen, in der ein Jürgen Bakos es auf den Punkt willig bringt, worum es der gesunden Volksgemeinschaft geht, nämlich:

Warum sind Frau Maischberger und Frau Will nicht in der Lage, die entscheidende Frage zu stellen? Nämlich ob es die Beschneidungsfreunde einen Dreck interessiert, was das Volk des Landes, in dem sie leben, darüber denkt?

So schreibt er auch geradeheraus, was er bei Christian Bommarius vermisst, nämlich:

einen Willen der Gemeinschaft wenigstens in Betracht zu ziehen.

Eine bemerkenswerte Reaktion ist auch von einem türkischstämmigen Blogger Akın Ruhi Göztaş bei Turkishpress (Link) zu lesen. In einem dialektal gefärbten Deutsch wird hauptsächlich Necla Kelek fertig gemacht und Dieter Graumann gleichzeitig wohlwollend gelobt:

Der sogenannte Jude hat allen gezeigt, wie es geht. [...]  diese können sich seit jeher sehr gut präsentieren.

Offensichtlich ohne Ironie gemeint. Das sind Blüten der Beschneidungsdebatte. Deutschland kann man dazu gratulieren. Auch zu den unsäglichen Beiträgen von Necla Kelek und Christa Müller in dieser Sendung. Man wird mehr und mehr zur “Komikernation”. Wie wahr!

 

Eine Satire zum aktuellen Gaza-Zwischenfall Freitag, 4. Juni 2010

Sehr gelungen ist der Beitrag aus Israel, in dem ein berühmtes Song mit einem neuen Text und Einblendungen verfremdet wird. Aktuell!

UPDATE: Da in vielen Blogs diese Satire falsch eingeführt und attributiert wird, soll noch einmal an dieser Stelle ausdrücklich gesagt werden:

Die Satire entstammt einer Gruppe, die der Zeitung “Jerusalem Post” nahe steht und weder mit der Armee noch mit der Regierung etwas zu tun hat (die Namen der Beteiligten und der Autoren werden am Ende des Videos eingeblendet). Sie ist gegen die medialen Lügen der ersten Tage nach dem Zwischenfall gerichtet und ist nur in den Augen deren zynisch, die den Zynismus der gemeinen antisemitischen Lügen nicht merken wollen.

 

Vergessliche Mona Lisa Freitag, 28. August 2009

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Eine faszinierende Ausstellung in China – lebendig gewordene Gemälde und Skulpturen. Gut und mit gutem Geschmack gemacht:

In den aktuellen Nachrichten wird das Einmalige der Idee betont – noch nie da gewesenes usw.
Mit einem Klick bei youtube lässt sich eine andere Information finden: Dieselbe Ausstellung war schon Anfang 2008 in Seoul (SüdKorea) erfolgreich präsentiert und wurde vor Neuem nach China verkauft (“Wang Hui, who brought the exhibition to China from South Korea, says the show required an investment of more than $7 million”):

Irgendwann wird das Projekt auch nach Europa kommen – sollen wir auch dann von der Einmaligkeit informiert werden?

 

Horst Schlämmer als Spiegel der deutschen Politik Samstag, 22. August 2009

Der Film von Hape Kerkeling über seine langjährige Kunstfigur Horst Schlämmer ist ein Ereignis. Künstlerich amateurhaft konzipiert und geschnitten, mit meist schwachen (oder gar keinen) Schauspielern besetzt, reißt er kaum Masken von den großen politischen Tieren nieder. Es sind sehr wenige gelungene Verballhornungen, die im Gedächtnis bleiben wie beispielhaft blöde Manifeste von gewissen realen Parteivertretern (“bedingungsloses Grundeinkommen”), die unendliche sinnlose Begeisterungsfähigkeit von Bushido, die Pofalla-Parodie, die Merkel-Parodie, die Ulla-Schmidt-Parodie. Ansonsten ist es sehr schade, dass die effektvolle Pressekonferenz Horst Schlämmers nicht einmontiert wurde (obwohl das doch deren Sinn war!). Auch klar ist es, dass die lebendigen Improvisationen Kerkelings immer kunstreicher und wirkungsvoller als der gestellte Film sind, und Horst Schlämmers Fernsehauftritte der letzten Jahre im Film nicht übertroffen werden. Kerkeling erreicht die Höhe des großen Provokateurs Sasha Baron nicht, so schafft er nicht, Rüttgers vorzuführen. Bei Özdemir gibt es nichts vorzuführen, der macht einfach mit, weil er doch so nett ist.

Was der Film klar macht, das ist die allgemeine politische Misere Deutschlands. Schlämmer entspricht der Trostlosigkeit des realen politischen Lebens, er spiegelt sie. Damit ist schon alles gesagt. Am Rande will ich eins noch nicht vergessen: Dass die festangestellten Moderatoren der Fernsehnachrichten im Film mitmachen, ist aus meiner Sicht die Verletzung der ethischen Vorschriften, was aber auch nur auf dasselbe hinaus läuft. Bettina Schausten vergisst das, wenn sie den anderen Spiegel vorhält.
Ich verlinke hier noch lesenswerte Kritiken von Rüdiger Suchsland, Peter Zander, Oliver Jungen:

Horst Schlämmer heißt nicht nur fast genauso wie der jetzige Kölner Oberbürgermeister, Fritz Schramma, er sieht auch fast genauso aus und redet fast genauso. Aber blitzgescheit ist er, so gescheit wie sein Hochleistungsdarsteller Hape Kerkeling eben. Und nach dieser Intelligenz, mag sie hier auch weggegrunzt werden, dürstet es das ausgetrocknete Land. Denn es ist nicht der Egoismus der Politik und nicht der Zynismus des Showgeschäfts, der in Kerkelings grundsolidarischem Humor seinen Ausdruck findet, sondern das zutiefst Menschliche, das man ansonsten zu verstecken gelernt hat in der Schamgesellschaft. Denn was macht Horst Schlämmer, dieses schnaufende Lamm Gottes? Er sieht Marotten und nimmt sie an, damit man mit Schlämmer über Schlämmer lacht, nie über die anderen. Horst Schlämmer, zur Schande für alle anderen Mitglieder der Kaste sei es gesagt, wäre der Politiker, dem man sich anvertraut. Denn Horst Schlämmer, das sind wir.

Einen direkten Vergleich zwischen der Kunstfigur Schlämmer und den realen Politikern zieht der Politikberater Michael Spreng durch. Es gibt auch Zeitungen, die bei der Berichterstattung zu dem Thema Fehler machen. Zum Beispiel Jörg Schindler im Kölner Stadt-Anzeiger und genauso in der Frankfurter Rundschau, der Ursula Kwasny zur “immerhin CDU-Bürgermeisterin von Grevenbroich” leichter Hand kürt. In derselben Zeitung kann Ute Diefenbach den Regisseur des Films Angelo Colagrossi bei der Pressekonferenz nicht identifizieren (“ein Italiener, den niemand verstehen kann”).

Extra sei hier noch erwähnt, dass sich offensichtlich auch solche Leute finden, die mit der Spiegel-Bedeutung der Kunstfiguren Kerkelings nicht viel anfangen können. Es gibt darunter hochgebildete Snobs, die auch “Hurz” für gute Musik halten und sich wundern, dass diese von Kerkeling selbst runtergemacht wird (Link). Es gibt auch Politiker (Ramsauer), die schon im “Zirkus” das eigentliche Problem der Politik entdecken. Ich glaube, davon wird im Laufe der Tage noch mehr kommen. Das ist einerseits amüsant, andererseits bestätigt noch einmal mehr die triste Atmosphäre im Lande, in dem eine satirische Darstellung der Misstände für schlimmer gehalten wird als diese Misstände selbst. Exemplarisch dafür ist insbesondere der neidische Hajo Schumacher, der sich im Offenen Brief direkt an Horst Schlämmer wendet:

Sie sind nicht relevant. Sie saugen sich einfach nur fest an diesem Land, Sie sind eine Zecke am Allerwertesten der Demokratie. Sie nutzen deren Freiheiten, um sie lächerlich zu machen. Das ist nicht komisch, sondern schwach.

Auf eine verrückte Weise bestätigen solche Invektiven nur, dass der Schlag ins Gesicht die Richtigen trifft. Wie das auch immer mit der Satire ist. Die Folgen werden von Stefan Niggemeier (hier und hier, das Meiste wird wie oft bei ihm in den Kommentaren ausformuliert) besprochen, wobei Hajo Schumacher da erstaunlicherweise mitmacht und sich vorführen lässt. Kerkeling (als Schlämmer) erscheint da auch und macht den Klamauk komplett:

also liebe freunde
isch existieren wirklich – da muss ich dem hajo recht geben!
achim steht auch voll auf hasenpauer als dauerläufer, weiste.
und immer schön wähln gehn oder laufn …
euer horst

und bitte: Streit euch nich meinetwegen, weiste.
Lohnt doch nich, Schätzeleyen

Zum Schluss verlinke ich noch YouTube-Clips, die zu diesem Posting passen. Zuerst die Pressekonferenz zum Film:

Und weil die schönsten Auftritte Schlämmers dazu auch gehören, noch drei davon. Das sind die Preisverleihung 2006 (mit Anke Engelke als Ricky):

Die Begegnung mit Claudia Schiffer und Thomas Gottschalk:

und zuletzt den Klamauk mit Damen Herman und Tietjen:

 

stefan-niggemeier.de bessert sich Sonntag, 14. Juni 2009

Da ich eine Weile blogmäßig inaktiv war, muss ich jetzt viel nachlesen. Inzwischen habe ich meine Liste der Alphablogger fast durch. Eine positive Überraschung möchte ich hiermit vermelden: Bei Stefan Niggemeier hat sich eine inhaltliche Qualitätssteigerung getan. In vorigem Jahr waren da unter anderem einige provozierende Postings, die erwartungsgemäß auch pöbelnde Kommentare nach sich zogen. Ab Januar 2009 sieht das anders aus. Weil Stefan keine Auflistung der besonders gelungenen Beiträgen führt, will ich hier meine Favoriten in dem ersten Halbjahr 2009 hervorheben, in der zeitlichen Folge:

12.1. Beitrag über die Schlamperei bei der “Tagesschau” (Link), mit der wundervollen Reaktion des allpräsenten Kai Gniffke (Link):

Ich halte die Sache nach intensiver Recherche nicht für so dramatisch [...]

Unterm Strich sei angemerkt, dass die übliche propalästinensische/proisraelische Debatte in den Kommentaren auf akzeptablem Niveau verläuft, wenn man das mediale Umfeld mitbedenkt.

30.1. Information über die Gerichtserfolge, die Eva Herman Schmerzensgeld bescherten (Link). Darunter auch ein gelungener Seitenhieb:

die deutsche Nachrichtenagentur dpa meldet grundsätzlich nichts, was „Bild” nicht gefallen könnte[.]

Oder die Feststellung,

dass eine Meldung, die weder von dpa noch von der „Bild”-Zeitung verbreitet wird, für 98 Prozent der deutschen Medien gar nicht existiert.

Auch hier in den Kommentaren kann man sehen, dass die typische JF-Leserschaft eher gering ihre Widerlichkeiten platzieren kann.

Am 20.3. und am 3.4. – zwei Artikel über die unmenschliche Behandlung der Opfer bei RTL in der Berichterstattung über den Winnenden-Amoklauf (Link und Link). Hohe Empörungswellen, wertvolle Kulturkritik.

19.4. Hinweis (Link) auf die vernichtende Kritik über die unsägliche Politsendung “Hart aber fair”, die Carolin Emcke in der “Zeit” (Link) publizieren durfte. Die Polemik in Kommentaren ist übrigens lesenwert. Frank Plasberg soll hier dementsprechend erwähnt werden, auch wenn ich es lieber genauso vermeiden würde, wie ich seine prollig-demagogische Sendung vermeide.

17.5. Brandmarkung (Link), die der plumpe Entertainer Wladimir Kaminer redlich verdient hat. Einige halten ihn für einen Schriftsteller…

In der medialen Kulturkritik ist es sehr leicht, über alles zu meckern und sich auf das große Podest zu stellen. Stefan Niggemeiers Auftritt bekommt Züge einer dringlichen und zu unterstützenden moralischen Botschaft, wendet sich gegen die mächtigen Bosse der Presse und bekommt langsam exemplarischen Charakter – wird sein Kreuzzug von der Branche verdaut und einverleibt oder weggestoßen? Wenn er sich das ganze Jahr lang kein einziges Mal verbrodert, wäre ihm das Beste zu wünschen :-)

 

Helge Schneider-Interview Samstag, 14. März 2009

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Sehr zu empfehlen: Ein Interview mit Helge Schneider in der Berliner Zeitung (Link).

 

ZDF ist nicht bei der Stange Sonntag, 28. Dezember 2008

In dem heute-journal von ZDF stellte der empörte Claus Kleber fest, dass Israel weiter irgendwelche Ziele im Gazagebiet angreifen kann, weil die US-amerikanische Regierung noch “bei der Stange ist”. Dass zerstörte Gebäude mit der Hamas zu tun haben, sei nur eine bloße Behauptung Israels. Man wunderte sich auch ausgiebig über die Zurückhaltung des deutschen Außenministers. Der Ton und die behutsam präparierten Nachrichten passten zusammen. Mit dieser Sendung wurden wir am 28.12 um 21.45 zugemüllt.

Update:

1′:45” Zerstört wurden Gebäude, die Israel in irgendeinem Zusammenhang mit der Hamas sieht etc.
5′:10” Die USA sind noch bei der Stange

 

Billige Zeitungskritik Samstag, 29. November 2008

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In der NZZ von heute schreibt ein Michael Schmitt (Literaturredaktor bei 3sat-Kulturzeit) über Ray Bradbury (Link):

«Fahrenheit 451» ist vermutlich das problematischste, weil «zu gut gemeinte» dieser drei frühen Bücher.

Ein deutlicheres Bild für das ideal gedachte «Gespräch mit Büchern» kann es kaum geben – es ist zudem eine Liebeserklärung Bradburys an all die Bibliotheken, in denen er sich als Autodidakt die eigene Bildung angeeignet hat –, aber es ist auch, von heute aus gesehen, nicht weit weg von einer mittlerweile billig zu habenden Bildungsnostalgie.

Jetzt wissen wir, wie es dazu kommt, dass die “Kulturzeit” zu vernachlässigen ist.

 

Helge Schneider zur TV-Krise Dienstag, 4. November 2008

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Wer kann, der kann. Die Plaudertasche spricht die Wahrheit aus (Link):

Gottschalk hat in dem Fernseh-Talk mit Reich-Ranicki gesagt, man solle das Niveau ruhig senken, um mehr Quote zu machen. Das finde ich nicht richtig. Wenn man so was macht wie Showgeschäft, muss man doch das, was man macht, selbst gut finden. Man hat ja den Auftrag, dass man das anderen zuteil werden lässt, man hat einen erzieherischen Auftrag. Wenn man aber denkt, für die Zuschauer mache ich jetzt was Doofes, damit die einschalten, ist das am Thema vorbei, geht das in einer Endlos-Schleife immer weiter nach unten. Der Zuschauer ist sowieso schon entmündigt. Der Fernsehmacher geht auf Nummer sicher. Aber so ist das ja überall. Eigentlich fände ich es schön, wenn TV auch etwas mit Qualität zu tun hätte. Aber ich glaube, das fängt schon vor dem Einschalten des Fernsehers an.

Das tut gut.

 

Michael Lee White und das Schicksal seines Passes in Russland Dienstag, 2. September 2008

Eine der schönsten Lügen des russisch-georgischen Krieges wird von den deutschen Medien ignoriert. Die Chronologie sieht so aus:

Dezember 2005 – ein Amerikaner namens Michael Lee White fliegt von Moskau nach New York. Während des Fluges ihm wird sein amerikanischer Pass gestohlen (Link).

August 2008 – der stellvertretende russische Generalstabschef Anatoli Nogowizyn zeigt diesen Pass während seiner Pressekonferenz als Beweis für die Beteiligung der amerikanischen Streitkräfte an der Seite Georgiens. Der Pass sei im Kampfgebiet gefunden worden (unzählige Meldungen mehrerer Agenturen).

August 2008 – der russische Ministerpräsident Putin erwähnt dies als bewiesen im CNN-Interview und im ARD-Interview mit Thomas Roth (Link),

“weil wir auf die Spuren der US-Bürger in der Zone der Kampfhandlungen gestoßen sind”.

Michael Lee White ist im August 2008 in China und versteht das nicht.

Es gibt keinen einzigen Beitrag zum Thema in deutscher Sprache.

 

Worüber schweigen deutsche Medien gerne? Freitag, 15. August 2008

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Nach den üblichen Zielscheiben für die mediale Kritik wie Israel und die USA ist zur Zeit Russland der Lieblingsprügelbär. Die Rolle Südossetiens im Zünden der kriegerischen Auseinandersetzung wird von den wenigsten Journalisten erwähnt – die “Expertin” Gabriele Krone-Schmalz findet dafür kein einziges Wort (Link). Ach, was soll’s…

Interessanter scheint mir in dem Zusammenhang festzustellen, dass die Kritik an der fremdenfeindlichen Politik der deutschen Regierung und an der fremdenfeindlichen Einstellung der deutschen Gesellschaft, die bei der Sitzung des UN-Komitees zur Beseitigung von Rassismus (CERD) am 6.8.2008 in Genf verlautbart wurde, in nur zwei Meldungen erwähnt wurde und zwar heute, d.h. fast 10 Tage danach (bei n-tv – Link und bei der Deutschen Welle – Link). Der Text der Medienberichts auf Englisch (Link) wurde von keiner deutschen Medienstelle übersetzt und für die deutsche Öffentlichkeit kommentiert.

Wir sind eben sehr mutig und kritisieren lieber Putin, Olmert und Bush, das ist unser Niveau und nichts darunter!

 

Doku zur Lage in Russland Dienstag, 26. Februar 2008

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Soeben wurde auf arte ein neuer Film gezeigt, gute Arbeit (Link). Sehr trauriges, aber leider wahres Bild. Zwei Wiederholungen werden angekündigt: am Sonntag 2. März um 12.45 Uhr und Donnerstag 13. März um 09.55 Uhr.

 

Tagesschau in der Kritik Freitag, 28. Dezember 2007

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Eine Nachrichtensendung ist auch eine Institution. Die Redaktion bekommt irgendwann das Gefühl der eigenen Wichtigkeit und verteidigt sich gegen Kritik, indem sie auf Argumente verzichtet. Das geschieht jetzt mit dem Buch von Walter van Rossum. Wie die FR meldet, kommt die bissige Kritik beim Sender nicht gut an (Link). Es wird im internen Blog zurückgeschossen, der von den meisten Teilnehmern wie ein Fanclub verstanden wird. Ein Beispiel der korporativen Identitätsbildung vom feinsten.

Van Rossum:

Wenn man sich das ganz akribisch anschaut, muss man einfach feststellen, dass da wahnsinnig viel Unsinn versendet wird.

Im tagesschau-blog.de wird mehr von Kommentatoren als von Autoren dazu geschrieben (Link). Die einen bestätigen die Treffsicherheit van Rossums, so z.B. ein “Textkoch” im Kommentar 36:

Im Politik-Studium haben wir uns schon vor über zehn Jahren der Tagesschau-Analyse gewidmet, mit nahezu den gleichen Ergebnissen: (zu) häufig (zu) wenig Hintergrund bei den einzelnen Themen (auch für eine Nachrichtensendung), die Zerstückelung von Zusammenhängen in Einzel-Meldungen, (zu) viel Raum für offizielle Parteivertreter und immer wieder die Projektion und letzlich Reduktion von Themen auf einen Parteienstreit und – das fehlte in diesem Feature – hohe Anteile an Unterhaltung: Zweiminütige Beiträge über Messeeröffnungen mit bunten Bildern, die Bundesliga oder Badebilder über den kurzen Sommer 20007 wie neulich in den Tagesthemen haben eher unterhaltenden als informativen Charakter und sie stehlen die Zeit, die Hintergundinfos brauchen.

Auch nicht im Mittelpunkt dieses Features: Wie häufig eigentlich die Bild- und Textinformation auseinanderklaffen oder besser: Die Information steckt im Text, nicht im Bild, letzteres hinterlässt aber den nachhalterigen Eindruck beim Zuschauer. Zugegeben ein Grundproblem des Fernsehens: Bebildere mal die Gesundheitsreform.

So ist ein Teil der Kritik auch nicht Tagesschau-spezifisch, sondern weist auf ein weiteres grundsätzlichen Problem von Journalismus hin: Der insgesamt enge Blick auf die ruckartigen Veränderungen der Welt. Nur ein Beispiel: Tankerkatastrophe, 100.000 Tonnen Öl fließen ins Meer. Das ist fraglos ein relevantes Thema, das aber jährlich sowieso mehrere 100.000 Tonnen Öl in unzählichen Kleinstmengen abgelassen werden, ist hingegen keine Meldung, für die Meeresverschmutzung indes problematischer.

Journalisten und insbesondere Fernsehjournalisten interessiert vor allem die plötzliche und – wegen der Bilder – möglichst sichtbare (Ölpest !) Veränderung, weniger die stetige oder schleichende, was insofern ein Zerrbild der Wirklichkeit ergibt, als das die langsame Veränderung der Normalfall ist, ob nun in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft oder Natur. Die plötzlich Veränderung markiert die Ausnahme, definiert so gesehen auch Nachricht. Aber das ist eben genau kein Abbild der Welt oder des Tages. Ein stetiges (sic) Bemühen immer wieder auch langsame Veränderungen zu thematisieren, wäre daher bereits ein großer Fortschritt.

Die anderen denunzieren ihn mit biographischen Hinweisen (so “Goldstein” mit einem Link zum Artikel von Wolfgang Eßbach aus dem Jahr 1993).

Die dritten sind vollkommen damit zufrieden, dass der DF-Radiobeitrag van Rossums durch sie, Kommentatoren, besprochen wird. Und die vierten fragen munter weiter nach, wann kommt denn eine inhaltliche Antwort auf die Kritik? Das war der Stand Juli 2007.

Das Buch wird von der Redaktionsgarde weiter ignoriert.

 

Gabriele Krone-Schmalz hat “ferngesteuerte Querulanten” entdeckt Samstag, 24. November 2007

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Im Lichte der Russland-Beiträge in diesem Blog scheint mir ein Interview mit Gabriele Krone-Schmalz bei n-tv brisant – eine richtige Selbstenthüllung (Link). Mit einer naiven Ironie sagt der Sender eigentlich die Wahrheit, ohne es zu wissen:

Gabriele Krone-Schmalz blickt anders auf Russland als viele Journalisten sonst.

Die Frage wäre in der Tat: Wessen Sprache bedient sie sich? Zum Beispiel, über Jelzin:

Jelzin hat sicherlich auch seine Verdienste, das will ich nicht bestreiten, aber es war allerhöchste Zeit, ihn abzulösen.

Er wurde nicht abgelöst, das hätten einige Institutionen gerne gehabt, genau die, die jetzt an der Macht sind. Genauso in vielen weiteren suggestiven Aussagen, die mit keinen Fakten belegt werden können:

Putin war nach Jelzin sicher das Beste, was Russland passieren konnte. Er hat den Menschen Zuversicht und Selbstvertrauen gegeben.

Welchen Menschen? Ich glaube, einer ganz bestimmten Gruppe von Menschen, die sich gerne als vox populi ausgibt. Mit den Befragungsresultaten würde ich vorsichtig umgehen.

Meines Erachtens ist die wichtigste Perspektive für Russland das Installieren rechtsstaatlicher Strukturen. Denn zuerst braucht man die politischen Instrumente, dann kann man auf ihnen spielen. [...] Es reicht, wenn verlässliche, rechtstaatliche Regeln und Menschenrechte verankert sind.

Mit dem Spielen auf einer Flöte kannten sich schon einige falsche Freunde eines Prinzens aus. Genauso hier – nichts als mit der Rechtsstaatlichkeit spielen wollen die Machthaber Russlands. Weder Verlässlichkeit noch Menschenrechte sind in Sicht. Sind wir hier im russischen Staatsfernsehen?

Allerdings findet man in den Zeitungen die gesamte Bandbreite von Meinungen, inklusive scharfer Kritik an der Regierungspolitik. Und ausgerechnet der kritischste Radiosender “Echo Moskwy” gehört Gasprom, dem entscheidenden Machtfaktor in Russland.

Ach, wie schön. Wie groß ist die Auflage dieser Ausgaben? Wieviele von ihnen wurden schikaniert und geschlossen? In wievielen Städten Russlands kann man den genannten Sender empfangen?

So geht es weiter und weiter. Das Interview gipfelt in der Offenbarung der Journalistin über “ferngesteuerte Querulanten” in der politischen Opposition. Noch genauer kann man den Standpunkt des Machtapparates gegenüber Kritikern nicht wiedergeben. Glückwunsch! Es gibt allerdings noch einen weiteren Knüller:

Wie groß ist der Einfluss der Oligarchen auf seine [Putins] Politik?
 
Nach meinem Geschmack immer noch zu groß.

Wie schade, dass Krone-Schmalz hier keinen einzigen Namen nennt. Kann sie das? Ich glaube, das kann sie nicht. Es gibt nämlich keinen Einfluss der Oligarchen mehr, sie sind entmachtet und eingeschüchtert. An ihrer Stelle stehen andere Freunde  des Staates, die den Text bei n-tv bestimmt gut finden. Somit kann man nicht nur die brave Journalistin beglückwünschen, sondern auch den Sender. Darf man fragen, wie es zu dem Interview kam? :-)

 

Willemsen und Hildebrandt kennen sich im Talmud aus Sonntag, 18. November 2007

Aus dem November-Heft der Zeitschrift “Konkret” habe ich erfahren, dass Roger Willemsen und Dieter Hildebrandt – zwei Autoren des Bestsellers “Die Weltgeschichte der Lüge” – unter anderem auch eine alte antisemitische Lüge verbreiten. Florian Sendtner hat es recherchiert und eindeutig festgestellt: Die beiden netten Herren geben eine der zahlreichen Talmud-Fälschungen unter dem Beifall der Zuhörer in ihren erfolgreichen Programmen als Wahrheit aus.

Ich ergänze: Auch über die armen leidenden Palästinenser wissen beide Fernseh-Philosophen die Welt zu belehren (Link). Unter den 19 besonders wichtigen Lügen der Weltgeschichte, wo die DDR-Lügen noch vor Hitlers Kriegserklärung stehen, wird als Numero 12 auch die folgende rührende Geschichte erzählt:

Die 9/11-Lüge:

Nach dem Terroranschlag gingen Bilder von jubelnden Palästinensern um die Welt. Die Szene war gekauft. TV-Journalisten hatten ihnen dafür Kuchen versprochen.

Das stimmt nicht. Weder im Plural noch in der Intention. Es wurde massenweise gejubelt, nur für die Kameras wurde es einmal extra wiederholt, damit die Kameraleute es besser aufnehmen können. Einzelheiten siehe z.B in der pdf-Datei von Heiko Lietz (Link) auf der Seite 46:

Die tatsächliche Sachlage, dass es „ohne Ende Jubel“ gegeben habe, sei bei der Diskussion glatt untergegangen. Steinhoff, der im Dezember in der West-Bank mit dortigen Kamerateams gesprochen hatte, konnte ganz vereinzelte Medienberichte bestätigen, dass Arafat alle Kassetten habe einsammeln lassen.

So kennen wir Willemsen inzwischen – auf der “richtigen” Seite, propagandistisch manipulierend auf dem Weg zum ersten Platz auf der Bestsellerliste (Link). Von Knochen zu Kuchen – eine Steigerung. Glückwunsch!

 

 
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