Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Realityshow in einem Frankfurter Theater Samstag, 18. Februar 2006

Filed under: Deutschland,FAZ,Theater — peet @ 13:34 Uhr
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Diese merkwürdige Story wird in die Theatergeschichte eingehen: Während laufender Premiere einer offensichtlich empörend schlechten Inszenierung nach einem Stück von Eugen Ionesco („Das große Massakerspiel. Oder Triumph des Todes“) hat ein Schauspieler (Thomas Lawinky) einen Zuschauer persönlich angegriffen und machte ihn zur Zielscheibe abfälliger Bemerkungen.

Zufälligerweise erwies sich der Zuschauer als ständiger Kritiker der FAZ und als Gerhard Stadelmaier schrieb er darüber in seiner Zeitung. Da diese Zeitung einigermaßen bekannt ist, hat die Oberbürgermeisterin der Stadt die Intendantin des Theaters um die Entlassung des Schaupielers freundlicherweise gebeten. Die Intendantin machte es sofort. Der Regisseur der Inszenierung Sebastian Hartmann hat den Kritiker dafür schuldig gemacht:

Stadelmaier habe in einer Form gestikuliert, die schon zu Beginn der Aufführung deutlich gemacht habe, was er von dem Stück hält – nämlich nichts. Hartmann räumte aber ein, dass die Reaktion des Schauspielers unangemessen gewesen sei: „Das ist nicht tolerierbar.“

Noch schöner klingt die Reaktion des Regisseurs auf die Entlassung des Schauspielers:

Für Regisseur Hartmann ist der Rausschmiss des Schauspielers eine „emotional höchst schwierige Angelegenheit“. Lawinky habe sich schon während des Stückes entschuldigt. Ohne den Schauspieler, so Hartmann, „ist die Inszenierung kaum fortzusetzen“.

Damit ist der Kreis der Themen vollendet. Der Regisseur bildet sich ein, über das Recht zu verfügen, mit seiner „Kunst“ das Publikum anzugreifen, Menschen zu mißbrauchen, die sich für einige Stunden vertrauensvoll in seine Gewalt begeben.

Schauspieler erbrechen minutenlang Mineralwasser, einer Schwangeren wird das Fruchtwasser abgezapft und dieses dann geschlürft, wobei eine andere Frau zwei Männer, die „Ein Bier!” verlangt hatten, ausgiebig masturbiert und das Publikum gebeten wird, doch mit den Schauspielern mal rumzuwandern und hinter Wände zu horchen.

Eine peinliche Szene öffentlicher Demütigung wird inszeniert, toleriert, gar gewollt. Wenn dies ausufert, wird der „Täter“ geopfert – der „Befehlsinhaber“ bedauert nur.

Soweit zur Moral. Für die Theatergeschichte wäre dies allerdings das erste Mal, dass eine Inszenierung zur Realityshow wurde – allerdings ohne das Einverständnis der Beteiligten.

Und zu guter Letzt: Ich frage mich, was wäre, wenn der Kritiker nicht zur FAZ, sondern zu irgendeinem Bezirksblatt gehörte?

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